Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig

Part 13

Chapter 133,591 wordsPublic domain

»Du glaubst ja gar nicht, wie glücklich mich Dein Brief gemacht hat und wie gern ich ihm und Dir folgen würde, aber es geht doch nicht. Es geht schon ganz einfach deshalb nicht, weil ich im Augenblick keinen triftigen Scheidungsgrund fände, denn wegen der einen Spielschuld würde mich nicht einmal ein deutscher Gerichtshof scheiden, wieviel weniger gälte sie in einem Land, das keine Ehescheidung kennt! Ich habe es hier schon ein paarmal mit angesehen, wie entsetzlich schwer es ist, eine Trennung durchzusetzen, selbst wenn die Schuld des Mannes nach unseren Begriffen klar am Tage liegt. Ich könnte natürlich, wie Du meinst, Kinder und Geld zusammenpacken und zu Dir fahren, aber Ettore würde Hindernis auf Hindernis türmen und sich keinen Augenblick besinnen, mir die Kinder mit Gewalt wegnehmen zu lassen. Er täte es erstens, weil er an ihnen hängt, und zweitens, weil er die angenehme Existenz, die ich ihm biete, nicht ohne weiteres aufgeben möchte. Stelle Dir vor, was das für Aufregungen wären und was für Eindrücke und Erinnerungen für die Kinder! Aber auch abgesehen davon käme ich mir kläglich vor, wenn ich schon jetzt alles verloren geben wollte, was mir doch einmal so viel bedeutet hat. Freilich habe ich längst jeden Glauben an eine Umwandlung Ettores verloren, aber dieser Mann war mir doch einmal so viel, daß ich mich noch immer nicht völlig von ihm losreißen kann. Du wirst das wohl Schwäche nennen, vielleicht auch recht haben, aber im Augenblick käme mir eine Flucht zu Dir doch wie Kleinlichkeit und Feigheit vor. Ich meine, man muß seinen Posten immer bis zuletzt ausfüllen, und wenn man ihn sich noch selbst herausgesucht hat, erst recht. Erst wenn mir das Gesetz und meine eigene Erkenntnis bestätigen würden, daß ich recht tue, wenn ich meinen Mann verlasse, werde ich heimkehren. Bis dahin aber halte ich aus, so schwer es auch mitunter sein mag, denn jetzt haben wenigstens die Kinder Ruhe, während sie, wie ich Dir schon sagte, den gewalttätigsten Szenen ausgesetzt wären, wenn ich fortginge, ohne dazu berechtigt zu sein.«

In all der Zeit, da Elisabeth in Venedig lebte, hatte sie unter den Damen ihres Kreises keine Freundin gefunden. Für alle war sie immer die Fremde geblieben, und sie selbst hatte zu keiner ein Herz gefaßt, hatte sich nie in die Interessen und Anschauungen der andern hineinleben können. Nun aber näherte sich ihr, just in den Tagen, da in den Salons die Legende aus den achtzigtausend Lire bereits zweimalhunderttausend gemacht hatte und jeder mit Neugier auf Elisabeths Gesicht sah, nun näherte sich ihr die Frau, von der sie es am allerwenigsten vermutet hätte, -- die Fürstin Tassini.

Seitdem Elisabeth anfing, weniger glücklich und enttäuscht auszusehen, hatte die Fürstin sie mit wachsendem Interesse betrachtet. Wenn auch ihre Miene gleichgültig und ablehnend blieb, so verfolgte sie doch aufmerksam jede Spur, die sich in das Gesicht der anderen Frau eingrub, die wie sie aus fremdem Land hergekommen war, um hier vermutlich dasselbe Schicksal zu erleben wie die Engländerin. Sie sprach jetzt in Gesellschaften Elisabeth öfters an, hielt sie im Gespräch fest, ohne indes je durch einen wärmeren Tonfall oder ein vertraulicheres Wort Freundschaftlichkeit zu verraten. Als dann allmählich durchsickerte, daß die Ehe Priuli doch wohl nicht so gut ging als sie aussah, als die Damen der Gesellschaft merkten oder von ihren Männern und Brüdern erfuhren, daß Ettore wieder wie früher allerlei Abenteuern nachstieg, und als gar erst die Legende von den verspielten Hunderttausenden überall bekannt und besprochen wurde, fragte die Fürstin Elisabeth gelegentlich, ob sie nicht am nächsten Tag den Fünfuhrtee bei ihr nehmen wolle. Elisabeth sagte »ja« und war überrascht. In all den Jahren war sie der Fürstin nur bei großen Festen sowohl im Palazzo Tassini wie in ihrem eigenen Haus oder am dritten Ort begegnet, aber gar nie hatte die Fürstin sie zu einem intimen Beisammensein gebeten. Sie war neugierig, diese Frau unter vier Augen zu sprechen und zu sehen, wie die Fürstin eigentlich war, wenn das Gepränge der großen Gesellschaften und des offiziellen Tons von ihr abfiel. Sie fuhr pünktlich um fünf Uhr am Palazzo Tassini vor, wurde von dem italienischen Haushofmeister empfangen, den sie schon kannte und der sie durch eine Reihe von Gemächern führte, in denen sie schon manches Mal gespeist und getanzt hatte, die aber jetzt kalt und ein wenig düster dalagen. Er geleitete sie, bis sie vor einer hohen Mahagonitür mit getriebenen Goldbeschlägen standen, an der er sich mit einer feierlichen Verbeugung verabschiedete, als sei sein Reich hier zu Ende. Die Tür wurde dann von innen geöffnet, und ein Diener, dem man auf zehn Schritte den Engländer ansah, führte Elisabeth durch ein kleines Vorzimmer zu den intimen Wohnräumen der Fürstin.

Die Fürstin saß in einem Korbstuhl am Fenster, blätterte in »Lady's Pictorial«, stand langsam auf, als Elisabeth eintrat. Sie legte das Journal beiseite, reichte Elisabeth die Hand:

»~I'm glad to see you!~«

»~So I am too!~«

Elisabeth hatte mit der Fürstin stets Englisch gesprochen, hatte es aus Liebenswürdigkeit getan und weil sie es von allen um sich her so sah. Hier aber, in diesem Raum schien es unmöglich, überhaupt eine andere Sprache zu Wort kommen zu lassen, denn alles hier trug englische Prägung, war auf englische Anschauungen und Gewohnheiten abgestimmt, und der Haushofmeister draußen hatte wohl recht, wenn er sich so verneigte, als ob hier sein Reich zu Ende wäre. Die Einrichtung des Zimmers, in dem die beiden Damen saßen, war echt Chippendale, alles aus nachgedunkeltem Mahagoni, vermischt mit bequemen, modernen Korbmöbeln, die dem Raum ein ungemein behagliches Aussehen gaben. An den Fenstern hingen helle, sanft abgetönte Gardinen, an den Wänden süßliche Bilder im englischen Geschmack; es gab überall viele Blumen, und auf Borten und Tischen standen und lagen englische Bücher, Zeitschriften und Tageszeitungen umher. Am Fenster, zwischen zwei Korbsesseln, war der kleine Teetisch bereitet, der von kostbarem Silber funkelte, die Kammerjungfer, die bediente, sah nicht weniger englisch aus als der Diener im Vorzimmer und trug die Uniform der englischen Jungfern: das schwarze Kleid, den weißen Umlegekragen und die breiten Manschetten, das kokette, weiße Häubchen und die weiße Schürze. Die Fürstin selbst verriet heute noch deutlicher als sonst ihre Rasse. Sie schien eingeboren in das weichfallende Teekleid aus taubenblauer Seide und sah auf eine gewisse Entfernung mit ihrer schlanken Gestalt und dem rötlichen Haar wie ein junges Mädchen aus. Sie trug auch heute einmal nicht die berühmten Perlen, gerade als ob sie hier durch keine Erinnerung an das gestört sein wollte, was jenseits der Mahagonitür lag. Als die Kammerjungfer den Teekessel angezündet hatte, schickte sie das Mädchen weg, reichte selbst kleine Sandwichs und Kuchen und bemühte sich, das Gespräch mit jenen nichtssagenden Redensarten zu eröffnen, die Elisabeth schon an ihr kannte. Die Fürstin hätte nun allerdings auch bedeutende und originelle Sätze reden können und hätte doch im Augenblick an Elisabeth keine aufmerksame Partnerin gefunden, denn die junge Frau war so überrascht von der durchaus englischen Atmosphäre, die sie hier umgab, daß sie nur Eindrücke auf sich wirken ließ und der Fürstin ganz mechanisch antwortete. So stark war ihr Erstaunen, daß sie es nicht in sich verschließen konnte, vielmehr zu der Fürstin sagte:

»Wie seltsam! Wenn man hier bei Ihnen sitzt, ist man nicht mehr in Venedig, sondern in Ihrer Heimat!«

Die Fürstin nickte.

»Natürlich! Ich könnte nicht sein, wenn ich nicht ein Stück England um mich habe. Wenn es Sie interessiert, zeige ich Ihnen auch gelegentlich einmal meine kleine Church und mache Sie mit meinem Reverend bekannt, der jeden Sonntag für mich Gottesdienst hält!«

Das Gespräch wurde allmählich wärmer, intimer. Sie sprachen von der Heimat, Elisabeth von Deutschland, die Fürstin von England, Elisabeth mit Wärme, die Fürstin mit Stolz, mit einem Selbstbewußtsein, das wie eine Fanfare schmetterte. Und ganz von selbst kamen sie dann auf das Land, dem sie jetzt gehörten, auf die Stadt, in die sie jetzt das Leben zwang ... Die Fürstin fragte mit einem kleinen, mokanten Lächeln, während sie ihre grauen Augen fest auf Elisabeths Gesicht richtete:

»~Do you still like Venise so very much?~«

Elisabeth errötete ein wenig, antwortete nicht gleich, weil sie wohl verstand, welchen Sinn die Fürstin in die Frage legte. Dann aber hob sie den Kopf, erwiderte den Blick der grauen Augen klar und offen, als gäbe sie Vertrauen um Vertrauen.

»Nein, ich liebe es nicht mehr so sehr. Die Stadt ist so zauberhaft, wenn man sie nur auf der Durchreise sieht, aber wenn man hier leben muß -- --«

»~I'm glad you say so!~«

Sie blieben eine kleine Weile stumm. Sie hatten sich verstanden und verstanden sich auch fernerhin, wenn sie von Venedig sprachen und es anklagten. Elisabeth sprach mit einer Bitterkeit, über der es aber doch wie ein Trauerschleier lag, die Fürstin dagegen hatte für die Stadt ihrer Leiden nur noch Hohn und Haß.

»Venedig, -- eigentlich ist das nur ein lächerlicher Begriff. Liverpool oder Edinburg stellen heutzutage mehr vor als Venedig!«

Es klang ein so überstarkes Selbstbewußtsein in ihren Worten, daß es Elisabeth zum Widerspruch reizte.

»Nun ja, Liverpool oder Edinburg sind eben Handelsstädte, ungefähr so wie bei uns Krefeld oder Bremen, aber Venedig war doch einmal eine Großmacht!«

»War! Was hat man von dem, was war? Heute kommt es mir vor wie eine Gauklerin, die sich mit einer großen Vergangenheit drapiert und ausplündert --«

»Und wir sind das Publikum, das der Gauklerin auf ihre Mätzchen hereinfällt!« sagte Elisabeth und zwang sich zu lächeln, denn sie wollte das Gespräch nicht gar zu ernst und hart werden lassen. Die Fürstin aber fuhr unbeirrt fort:

»Eine Gauklerin ist es, ein Bettelweib, das nichts von uns will als Geld und immer wieder Geld! Haben Sie je schon etwas Geldgierigeres gesehen, als die Venezianer sind?«

Elisabeth hätte gern erwidert, daß doch auch die Engländer nicht gerade als Geldverächter galten, aber selbstverständlich sagte sie es nicht, sondern meinte nur nachdenklich:

»Ach, wenn sie nur geldgierig wären, das wäre noch nicht das Schlimmste! Aber es ist so schwer, sich in das fremde Volk hineinzudenken und hineinzufinden. Ich hab' es bis heute noch nicht gekonnt!«

»Ich hab' es nie gekonnt und will es auch nicht können.«

Sie sprachen noch lange hin und her. Keine erwähnte je ihren Gatten mit Namen, keine sagte ein Wort über ihr eigenes Leben. Aber der Name »Venedig« kehrte immer wieder, und es war zugleich rührend und komisch, wie sie an diesen Namen alles richteten, was eigentlich an den Mann gerichtet sein sollte, wie jeder Schmerz, jede Schande, jede Bitterkeit, die sie von ihm erfahren hatten, immer wieder »Venedig« hieß. So blieb es auch, als die Fürstin die Woche darauf den Tee bei Elisabeth nahm und bei allen künftigen Teestunden im Palazzo Tassini, denn der Fürstin gefiel es jetzt, mit Elisabeth zu plaudern und verschleierte Bekenntnisse auszutauschen. Niemals aber fiel in diesen Gesprächen ein Wort, das ganz persönlich lautete, niemals hieß es »ich« oder »er«, sondern immer nur »man« und »Venedig«. Sie verstanden sich auch so ganz gut, und jede von ihnen empfand es angenehm, daß die Diskretion der andern jede Vertraulichkeit verscheuchte, die vielleicht später einmal bereut werden konnte.

Elisabeth dachte nach dem ersten Besuch lange über die Fürstin nach. Sie hatte, seitdem sie diese Frau zum erstenmal beim Blumenkorso gesehen, niemals das Interesse für sie verloren, wenngleich die Fürstin es nicht zu erwidern schien. Sie dachte nach und sagte sich, daß etwas an dieser Frau interessant war, das nicht offen am Tage lag und mit ihrem Wesen als Frau oder als Dame der Gesellschaft keinen Zusammenhang hatte. Denn die Fürstin war weder geistreich noch besonders gebildet und ihr Ideenkreis sehr beschränkt. Trotzdem konnte man ihrer Erscheinung und dem, was sich in ihr versteckte, nachsinnen, weil man eben fühlte, daß etwas in ihr sehr stark war und nur auf den Augenblick wartete, wo es sich in seiner ganzen Stärke entladen konnte. Ihre geradlinige Engländerei, die sich überall behauptete, sich überall einen besonderen Umkreis schuf, war sicher nur ein Bruchteil davon, aber schon neben diesem Bruchteil kam sich Elisabeth klein und schwächlich vor, da sie ja fast immer versucht hatte sich anzupassen, nie aber sich aufzulehnen und sich durchzusetzen.

Als sie das zweite oder dritte Mal bei der Fürstin war, fragte sie:

»Und Ihre Söhne, Fürstin, wo sind sie? Es würde mich sehr interessieren, sie kennen zu lernen!«

Die Fürstin stand auf, holte von ihrem Arbeitstisch einen Lederrahmen, der eine Kabinettphotographie umschloß, reichte sie Elisabeth lächelnd hin:

Das Bild zeigte drei junge Leute im Alter von etwa fünfzehn bis zwanzig Jahren. Die beiden jüngeren trugen die Uniform der Eton-Zöglinge, während der älteste im Ruderanzug aufgenommen war. Man sah auch auf der Photographie, daß die Söhne auffallend der Mutter glichen, von ihr das rötliche Haar und die helle Haut geerbt hatten. Nur der älteste sah trotzdem ein klein wenig in die Familie Tassini hinein, aber auch er zeigte das lange, englische Kinn und den schmalen Mund, dem man's anmerkte, daß er ihn beim Reden kaum öffnete. Voll Stolz berichtete die Fürstin, daß dieser älteste, der natürlich Eton schon hinter sich hatte, jetzt auf den Schlössern junger Studienkameraden den Zauber englischen Countrylifes kennen lernte und den nächsten Winter vermutlich in London zu Hof gehen würde. Elisabeth fand es so absonderlich, sich diese drei angelsächsisch aussehenden Jünglinge als Träger und Vertreter des weichen Namens »Tassini« zu denken, daß sie lachend sagte:

»Weiß Gott, Fürstin, das Stück England, das Sie immer um sich haben wollen, ist Ihnen in Ihren Kindern noch besser gelungen als in Ihren Wohnräumen. Ihre Söhne haben doch nicht einen Zug vom Vater, nichts, gar nichts Italienisches an sich --«

»Nein, gar nichts!«

Es klang wie Triumph.

»Sie lassen die Söhne in England erziehen?«

»Ja. Eton-College ist die einzige Schule, wo ein junger Mann erzogen werden kann.«

»Aber werden sie dort nicht vollkommen Engländer?«

»Selbstverständlich! Was sollten sie sonst auch werden?«

Elisabeth lächelte.

»Nun, sie könnten doch zum Beispiel auch Italiener werden, Venezianer! Das läge vielleicht sogar für Ihre Söhne sehr nahe --«

»Für mich ist es selbstverständlich, daß sie Engländer werden! Oder sie brauchen es gar nicht mehr zu werden, sie sind es schon!«

Und die Fürstin erzählte bewundernd, daß ihre Söhne in allen Sports und bei allen Wettspielen die ersten seien, daß sie besser Englisch als Italienisch sprächen, und daß sie nichts so sehr bewunderten wie englische Tüchtigkeit und englische Macht.

»Und welchen Beruf werden sie wählen, wenn sie die Schule verlassen haben?«

Ehe die Fürstin antworten konnte, klopfte es leise an der Tür, und auf ihr »~come in~« trat die Kammerjungfer ein, näherte sich der Fürstin und flüsterte ihr in ehrerbietiger Haltung einige Worte zu. Die Fürstin lächelte ein wenig spöttisch, nickte bejahend, sagte leise drei oder vier Worte zu dem Mädchen, das alsbald wieder lautlos verschwand. Die Fürstin wandte sich zu Elisabeth:

»~Il principe Tassini~ (es waren die einzigen italienischen Worte, die sie gebrauchte) fragt, ob er eine Tasse Tee mit uns nehmen kann. Ich hoffe, es ist Ihnen nicht unangenehm?«

Alsbald erschien auch der Fürst, sehr elegant, sehr aufgeräumt, mit rollenden Augen, sorgfältig aufgewirbeltem Schnurrbart und jedes weiße Löckchen auf seinem Kopf neckisch gerollt. Sobald er eine junge Frau bei der Fürstin zu Besuch wußte, ließ es ihm keine Ruhe mehr, bis er zwischen den Frauenkleidern saß und das fremde Parfüm der Besucherin einatmete. Niemals sonst betrat er das englische Heim seiner Frau, aber sobald er vom Haushofmeister erfuhr, daß eine Jugend bei der Fürstin sei, ließ er durch die Jungfer anfragen, ob sein Erscheinen genehm sei, und die Fürstin sagte immer mit ihrem spöttischen Lächeln: »Ja«. Allerdings kam der Fürst auf solche Weise öfter als ihr lieb war, denn im Laufe der Jahre wurde er in seinen Ansprüchen immer bescheidener, und es genügte ihm jetzt schon, wenn die Besucherin nicht wirklich alt und ausgesprochen häßlich war.

Er küßte zuerst Elisabeth, dann seiner Frau die Hand, verschlang Elisabeth mit den Blicken, zwängte seine Riesengestalt in ein kleines Stühlchen, das zwischen den Frauen stand, so daß Elisabeths Kleid sein Knie streifte. Er erkundigte sich mit vielen Worten nach ihrem, Ettores und der Bambini Befinden, sagte ihr in etwas altfränkischer Art Schmeicheleien über ihr Aussehen, überstürzte sich mit ungeschickter Galanterie sie zu bedienen, rückte unversehens immer näher zu ihr hin, um sie deutlicher zu fühlen, um bei einer zufälligen Bewegung ihre Hand zu streifen oder ihren blonden Kopf dicht an dem seinen zu haben. Die Fürstin sah's und schien es doch nicht zu merken, nur ihre Mundwinkel zuckten mit müder Geringschätzung. Sie war sehr höflich mit dem Fürsten, behandelte ihn vollkommen als Besuch und führte die Konversation genau so weiter, wie vorhin, da er eben eintrat. Aber seltsam! War es das Zucken um ihre Mundwinkel, war es ihre kalte Höflichkeit oder die Atmosphäre dieses Raumes, -- nach kurzer Zeit schon schwand die Aufgeräumtheit und die galante Beflissenheit des Fürsten dahin. Wohl drängte er sich immer noch an Elisabeth an, aber es geschah fast mechanisch aus der Gewohnheit des alten Lebemanns heraus. Seine Augen bekamen einen stieren, leichtumflorten Blick, und langsam nahm sein ganzes Wesen wieder die lakaienhafte Gedrücktheit an, die ihm in Gegenwart seiner Frau eigen war. Auch mit der Unterhaltung ging es nach den ersten Phrasen etwas stockend, denn die Fürstin setzte stillschweigend voraus, daß man in ihren Räumen Englisch sprach, und der Fürst, der es nur radebrechte, noch dazu mit italienischem Akzent, war häufig so unverständlich, daß Elisabeth immer wieder fragen und sich Sätze von ihm wiederholen lassen mußte, was natürlich die Konversation nicht belebte und die Stimmung nicht hob. Um ihm schließlich etwas Angenehmes zu sagen, griff sie nach der Photographie, welche die Fürstin vorhin, als er eingetreten war, neben sich gelegt hatte:

»Die Fürstin hat mir soeben das Bild Ihrer Söhne gezeigt! Drei patente Menschen, auf die Sie sehr stolz sein können!«

Der Fürst nahm ihr das Bild aus der Hand, diesmal ohne sie zu streifen, sah es lange zärtlich an.

»Sie gleichen ganz meiner Frau, nicht wahr?« fragte er, Elisabeth mit etwas vorgeneigtem Kopf anstarrend. Er sah in diesem Augenblick wirklich nicht verführerisch, nur ein wenig komisch aus, aber in seiner Stimme zitterte es wie eine leise Angst, wie eine Traurigkeit, daß diese drei Söhne nichts, gar nichts von ihm genommen hatten. Er tat Elisabeth leid, und sie beeilte sich darum, ihm zu versichern:

»Nur die beiden Jüngern! Der Aeltere, scheint mir, hat doch sehr viel von Ihnen! Stirn und Augen sind doch ganz wie die Ihren, und sicher hat er auch dunkle Augen, nicht wahr?«

Das Gesicht des Fürsten leuchtete auf. Wirklich, Luigi glich ihm, Luigi hatte, wie Elisabeth vermutete, schwarze Augen, wenn auch nicht so hervortretend und so rollend wie der Vater! Luigi war überhaupt ein Prachtmensch, eine Hoffnung für die Zukunft, ein Sohn, wie man ihn sich nur wünschen konnte. Er geriet in Feuer, da er diesen Sohn rühmte, vergaß, daß er hier nur Englisch reden sollte, fiel ins Italienische, sprach laut und lebhaft, mit großen Gesten und pathetischen Worten, alles etwas massig und stark aufgetragen, wie es zu seiner Erscheinung paßte, aber alles ohne falschen Klang, ohne Aufdringlichkeit, durchströmt von einem Gefühl, das niemand diesem alten Frauenjäger zugetraut hätte. Die Fürstin saß still und gerade, hatte die Hände in den Schoß gelegt und sah unter gesenkten Lidern darauf nieder. Mit unbeweglichem Gesicht hörte sie dem Fürsten zu. Einmal nur hob sie die Augen, sah ihn schweigend an. Vor diesem Blick erstarrte seine Lebhaftigkeit, seine Worte wurden kleinlauter, sein Gefühl kroch wie beschämt in sein Herz zurück. Er seufzte leise, legte das Bild der Söhne behutsam wieder neben seine Frau hin. Elisabeth hatte den kleinen Vorgang beobachtet, und wenn sie ihn auch nicht recht verstehen konnte, so ärgerte sie sich doch über die Härte, mit der die Fürstin den Mann von allem wegscheuchte, woran er hing. Um dem Fürsten Gelegenheit zu geben, noch mehr von seinen Söhnen zu sprechen, sagte sie:

»Als Sie vorhin kamen, Fürst, hatte ich gerade gefragt, welchen Beruf Ihre Söhne einmal wählen werden. Wissen Sie schon etwas darüber?«

Die Fürstin antwortete an seiner Statt, antwortete mit Absicht etwas unbestimmt. Der Älteste wollte Luftschiffer werden, das stand fest, aber über die beiden Jüngern sprach sie sich nicht deutlich aus. Vielleicht daß der eine in diplomatische Dienste ging, der andere Technik studieren wollte; aber das alles waren vorläufig nur Pläne, wie Halbwüchsige sie eben machen, was sie wirklich wollten und werden würden, ließ sich erst später sagen.

Der Fürst nickte zu allem; ein rechtes Gespräch über die Söhne kam aber nicht mehr in Gang. Erst als sie sich wieder allgemeinen Dingen, besonders jüngst verflossenen, pikanten Gesellschaftshistörchen zuwandten, wurde der Fürst wieder lebhaft und heiter, flüsterte kleine Zweideutigkeiten, die er selbst dröhnend belachte, und als er Abschied nehmend Elisabeths Hand küßte, sah er wieder so lebensfreudig aus, daß die Aehnlichkeit mit dem ~Re galantuomo~ deutlicher als sonst hervortrat. Die Fürstin sah ihm nach, lächelte fast heiter und meinte, indem sie sich langsam die Hände rieb:

»~Il principe Tassini~ befindet sich in einer großen Täuschung. Er meint, seine Söhne zu kennen; niemand ist ihnen fremder als er. Er bildet sich ein, Luigi gleiche ihm, aber Luigi gleicht mir genau ebenso wie die Jüngeren. Sie sind alle wie ich, und wenn sie's auch noch nicht sagen, so weiß ich doch, daß sie alles hassen und verachten, was ich hasse und verachte.«

»Fürstin!«

Elisabeth rief es leise, bestürzt, als wolle sie die Fürstin mahnen, auch jetzt nicht zu bekennen, was sie bis zum heutigen Tage jedem verschwiegen hatte. Die Mahnung war überflüssig, denn die Fürstin erschloß sich nicht, warf nur in scheinbar gleichgültigem Ton abgerissene Sätze hin, in denen aber doch ihr ganzer Haß und die Rache ihres verfehlten Lebens lag. Während sie sprach, preßte sie den Kopf ein wenig hintüber an die Lehne ihres Stuhles, blickte in die sinkende Dämmerung hinein, die ihr einen leisen Schleier übers Gesicht legte, als schäme sich der scheidende Tag, ihr in die Augen zu sehen, während sie sprach ...