Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig
Part 12
Die Ehe Priuli sah nach außen noch ziemlich tadellos aus, war aber in Wirklichkeit nichts mehr als eine Fassade, hinter der die Gatten sich unbemerkt immer weiter voneinander entfernt hatten, so daß sie jetzt einander kaum mehr zu unterscheiden vermochten. Die Leere, die Elisabeth schon so bald nach der Hochzeit zwischen sich und ihrem Mann gespürt hatte, war nie auszufüllen gewesen, hatte sich im Gegenteil immer mehr erweitert, so daß sie jetzt oft tagelang kaum anderes zueinander sagten als »Guten Tag« und »Adieu«, nur weil sie sich gar nichts zu sagen hatten. Die Mahlzeiten mit der alten Gräfin waren jetzt meist die einzige Gelegenheit, wo ein Gespräch sich entwickelte, denn die Gräfin füllte wenigstens mit allerlei banalen Reden und Stadtneuigkeiten die Leere aus, die öde und beklemmend zwischen dem Ehepaar lag. Die Kinder aßen nicht mit am Tisch, für kurze Zeit hatte Elisabeth zwar versucht, den älteren Knaben neben sich zu setzen, aber Ettore fütterte ihn unvernünftig mit allen möglichen Speisen, die das Kind nicht essen sollte, gab ihm unter schallendem Gelächter Wein und Kaffee zu trinken, ließ ihm alle Unarten durchgehen, so daß Elisabeth, die ihre Kinder genau so streng und einfach erziehen wollte, wie sie selbst erzogen worden war, den Kleinen wieder ins Kinderzimmer zu dem jüngeren Bruder und der Bonne zurückschickte. Ettore und seine Mutter waren zwar empört, spöttelten über die Pedanterie Elisabeths und begriffen nicht, daß ihr ein Erziehungsprinzip mehr galt als das Vergnügen, den Kleinen bei Tisch zu haben. Elisabeth ließ sie reden und sagte nichts. Sie war's schon so gewöhnt, daß sie mit all ihren Ansichten in diesem Hause allein stand. Zu Anfang freilich hatte sie manches Mal verzweifeln wollen, daß es zwischen ihr und ihrem Mann so gar nichts Gemeinsames mehr gab, nun aber hatte sie gelernt es zu ertragen und hing dem Unabänderlichen nicht weiter nach.
Ettore war immer oder fast immer so heiter, wie nur ein Mensch sein kann, der mit sich und seinem Dasein sehr zufrieden ist. Er führte jetzt das Leben, das er stets erträumt hatte, das Leben des reichen Müßiggängers, und er fühlte sich durchaus nicht bedrückt, daß er es nur dem Geld seiner Frau zu danken hatte. Während Elisabeth sich unter Herzeleid und allen Qualen der Angst von ihm losgerungen hatte, war er lächelnd von ihr weggetänzelt wie von einem Abenteuer, das angenehm war, dessen Zeit aber nun um ist. Wenn er zunächst auch noch leidlich vorsichtig war, so wußte sie doch, daß er in Varietés und untergeordneten Lokalen den vulgären Zerstreuungen nachlief, die schon sein Junggesellenleben geschmückt hatten. Niemals hatte Elisabeth ein Wort oder auch nur eine Anspielung darüber verloren, denn es hätte ihrem Stolz widerstrebt, als eifersüchtige Frau vor ihrem Manne zu stehen. Die kleinen Mädchen waren ja auch noch gar nicht das Schlimmste; viel schlimmer war das andere, das sich ihr unversehens vor etlichen Monaten geoffenbart hatte.
Das war eine Nacht, in der Ettore erst nach Hause kam, als die Morgendämmerung schon mit ruckweisem Flimmern das Dunkel zu verdrängen begann. Es geschah jetzt nicht selten, daß er übermäßig lange im Klub oder sonst bei einem Amüsement blieb, und Elisabeth wunderte sich auch gar nicht mehr, stellte sich schlafend und blinzelte nur unter geschlossenen Lidern nach ihm hin, weniger aus Neugier, als um zu sehen, ob er nicht bald das Licht verlöschte, das ihrer Müdigkeit wehe tat. Sie erschrak, als sie sein Gesicht erblickte. Sie war's wohl gewöhnt, daß er übernächtig heimkam, aber so wie heute war er noch nie gewesen. Sein Gesicht sah fahl und verzerrt aus, das dichte Haar hing ihm in Büscheln zusammengeklebt in die Stirn, die Krawatte war verschoben, der Hut hing auf dem Hinterkopf, und seine Hände zitterten wie von einer großen, inneren Erregung. Er begann sich zu entkleiden, warf achtlos den Hut hierhin, den Rock dahin, knöpfte den Kragen ab, schleuderte ihn in eine Ecke, ließ sich schwerfällig in einen Stuhl fallen und starrte vor sich hin. Bei jedem andern Mann hätte Elisabeth gedacht, daß er betrunken sei, aber sie wußte, wie nüchtern Ettore war und daß er, wo immer er sein mochte, nie um einen Tropfen mehr trank, als er gemächlich vertrug. Es mußte also etwas anderes sein, das ihn so zerwühlt hatte, und weil sie sich nicht denken konnte, was es sei, vergaß sie alles, was zwischen ihnen lag, und rief ihn an. Er fuhr aus seinem Hinbrüten auf, starrte sie einen Augenblick an, fuhr sich mit einer wilden Geste durch die zerzausten Haare, ließ die Arme wieder sinken und verbarg das Gesicht in den Händen wie einer, der zu Ende ist mit seiner Kraft und seinem Denken. Elisabeth fühlte, wie ihr das Herz bis zum Halse schlug vor Angst.
»Ettore! Um Gottes willen, Ettore, sag' doch, was geschehen ist!«
Er ließ die Hände sinken, starrte seine Frau wieder mit gläsernem Blick an, sprang dann auf, schritt heftig gestikulierend, fluchend, nach Unbekannten mit Schimpfwörtern werfend im Zimmer hin und her. Da erfuhr sie's denn: er hatte in dieser Nacht im Klub an 80000 Lire verloren.
»Verloren, haha, das sagt man wohl so! Verloren, was heißt verloren? Abgenommen haben sie mir's, abgeschwindelt, abgegaunert wie professionelle Falschspieler, diese Lumpen, diese Betrüger, diese ...!«
Elisabeth hatte sich im Bett aufgesetzt, sah auf den rastlos hin und her schreitenden Mann und verstand wohl, daß er jetzt Dinge sagte, die er schwerlich verantworten konnte, und an die er bei ruhigem Blut selbst nicht glaubte. Eins nur blieb Wahrheit: er hatte wie ein Wahnsinniger gespielt und verloren. Sie ballte die Fäuste, streckte sie zornig nach ihrem Manne aus, als wolle sie ihn treffen, preßte sie dann vor die Augen und stöhnte zwischen Abscheu und Tränen:
»Ettore, o Ettore, was hast Du getan!«
Wütend blieb er stehen.
»Ettore, o Ettore, was hast Du getan!« äffte er sie mit verzerrtem Gesicht nach. »Glaubst Du vielleicht, daß das Geld davon wieder herkommt? ~Ah, ah, le brutte bestie~, dieser Gaulo, dieser Nicco Fabbriani! Hat man je so etwas gesehen? Ausgeplündert, ausgeraubt haben sie mich wie Banditen. Aber ich werd's ihnen schon zeigen, diesen Halunken, diesen Griechen! Bei der Polizei müßte man sie anzeigen und ihnen das Handwerk legen. Wie sie's gemacht haben, weiß der Kuckuck, aber mit rechten Dingen ist es nicht zugegangen, das schwör' ich bei allen Nothelfern und bei meiner ewigen Seligkeit!«
Er wetterte und fluchte noch eine Weile fort, kam dann langsam zu Elisabeth hin, setzte sich auf den Rand ihres Bettes, umfaßte sie mit beiden Armen und fing an zu schluchzen.
»~Carina~, ich bin so unglücklich, Du weißt gar nicht, wie mir zumute ist! Sei nicht böse, bitte, bitte, Liebste, sei nicht böse, wenn ich abscheulich und roh gegen Dich war. Aber wenn Du wüßtest, wie diese Bestien zugesetzt haben ...«
»Scht, scht!«
Elisabeth bezwang den Ekel, der ihr im Halse saß, glitt leise tröstend über Ettores wirres Haar, versuchte ihm zuzureden, seine Anklagen zu ersticken, aber sie brachte kein Wort heraus. Sie hielt ihn nur an ihrer Brust und weinte lautlos, stoßweise über seinen Kopf hin, weinte viel weniger über das Bekenntnis, das er abgelegt, als über alles, was zwischen ihnen in Scherben lag ...
Als Ettore eine Weile wie ein Kind an der Brust seiner Frau gestöhnt und geschluchzt hatte, war er auch müde wie ein verweintes Kind, legte sich zu Bett und schlief bis in den Mittag hinein einen bleischweren Schlaf. Als er aufwachte, fühlte er sich wohl und erquickt, und als er gar erst die Sonne am Himmel stehen sah, kam ihm diese ganze Nacht nur wie ein unwahrscheinlicher Spuk vor. Er machte sorgfältig Toilette, frühstückte behaglich und spürte nur eine leise Verlegenheit, als er des Geldes wegen in das Zimmer seiner Frau gehen mußte. Elisabeth hatte auf den ausdrücklichen Wunsch ihres Vaters hin die Verwaltung ihres Vermögens in Händen behalten, und wenn auch Ettore stets jede Summe hatte erheben können, die er wollte, so bedurfte er doch jedesmal die Unterschrift seiner Frau. Um die ganze Geschichte ihrer Wichtigkeit zu entkleiden und sie nur wie ein kleines peinliches Abenteuer darzustellen, gab er sich Mühe, recht sorglos auszusehen, legte sein scharmantes Lächeln auf und spazierte heiter, Hut und Stöckchen in der Hand, zu seiner Frau hinein.
Wie er sie erblickte, wurde ihm unbehaglich zumute. Er merkte, daß sie wieder das Gesicht trug, das er schon auf der Hochzeitsreise an ihr gesehen hatte und später noch einmal, nach der Heimkehr von den Gütern, -- das Gesicht der fremden Frau, die er nicht kannte. Er küßte ihr die Hand, erkundigte sich teilnehmend, wie sie geschlafen habe. Dann mit leiser, schmelzender Stimme:
»~Carina~, möchtest Du mir nicht den Scheck ausfüllen? Ich will diese leidige Angelegenheit doch so bald wie möglich in Ordnung bringen!«
Sie stand an ihrem Schreibtisch, reichte ihm den Scheck, der schon seit heute morgen ausgestellt dalag. Sie kämpfte noch mit sich, denn es war ihr peinlich, dem Manne Vorwürfe zu machen oder Verhaltungsmaßregeln zu geben, aber sie bezwang sich und sagte, während sie ihm den Scheck reichte:
»Ettore, so peinlich es mir auch ist, so muß ich doch noch zwei Worte über diese Sache sprechen. Ich habe Dir stets meine Bereitwilligkeit gezeigt, all Deinen Wünschen und Neigungen entgegenzukommen, und ich gebe Dir auch heute diesen Scheck, weil ich weiß, daß Spielschulden innerhalb vierundzwanzig Stunden zu bezahlen sind. Aber ein zweites Mal tu ich's nicht, merk' Dir das! Ich habe nicht Lust, das Vermögen der Kinder von Dir verspielen zu lassen. Es heißt ja wohl, einmal ist keinmal, darum wollen wir über das, was gestern nacht war, nicht weiter reden, aber ich bitte Dich um Deinet- und um meinetwillen, tu' es kein zweites Mal, denn es gäbe nur peinliche Szenen und für Dich jedenfalls die unangenehmsten Folgen. Es gibt Dinge, von denen mich kein Mensch auf der Welt, auch Du nicht, abbringen kann. Zu diesen Dingen gehört meine Verachtung für alles, was Spiel und Spieler heißt, und ich würde mich unter keiner, hörst Du, unter keiner Bedingung dazu hergeben, einem Spieler irgendwie zu helfen --«
Ettores Gesicht, das zu Anfang dieser Rede noch lächelnd, ja, ein wenig unterwürfig ausgesehen hatte, wurde jetzt finster, und seine Augen flimmerten zornig. Er sagte grob:
»Beruhige Dich, ich werde Dich nie mehr in Anspruch nehmen. Man ist ja, Gott sei Dank, auf +Dein+ Geld nicht angewiesen!«
»Um so besser für Dich!«
»Ja wahrhaftig! Blut bleibt eben Blut, und Eleonore ist eine Priuli, nicht eine deutsche Kleinkrämerin wie Du!«
Da Ettore so verständlich andeutete, daß er ein andermal den reichen Mann der Schwester in Anspruch nehmen würde, erschrak Elisabeth, wollte aufschreien, daß um nichts auf der Welt Ettore jemals bettelnd zu Lissignolo gehen dürfe, aber sie besann sich und wandte sich nur schweigend von ihm ab.
Von diesem Tage an haßte Ettore seine Frau. -- --
Unaufhörlich erwog nun Elisabeth in ihrem Kopf die Frage, ob Ettore wirklich einmal den verächtlichen Mut haben würde, mit fordernder Hand vor seinen Schwager hinzutreten. Sie konnte es nicht glauben, hielt es nur für eine brutale Renommisterei, mit der er sie hatte ärgern wollen, denn sie hatte immerfort das Gefühl, als ob sie alle Lissignolo gegenüber schuldig wären, schuldiger als die alte Gräfin und Ettore freilich sie. In jener Nacht, da sie Eleonore bei der Heimkehr ertappt hatte, war es ihr wohl selbstverständlich erschienen, daß sie das Mädchen nicht verraten, nicht einen ungeheuren Skandal über die ganze Familie heraufbeschwören durfte. Freilich hatte sie damals geglaubt, daß Eleonorens wildes Blut sich in der Ehe sänftigen und daß sie zum mindesten den Versuch machen würde, Herrn Lissignolo eine gute Gattin zu sein. Sie hatte ja nichts, gar nichts von der verwegenen Psychologie dieses Mädchens erfaßt, das zugleich leidenschaftlich und berechnend, alles dem +einen+ Gefühl unterordnete, von dem es beherrscht war, das Gut und Böse kaum mehr unterschied und nichts wollte als den Mann, dem es verfallen war. So lachte denn seit langem schon ganz Venedig über den ältlichen Bankier, der nicht merkte, wie seine Frau ihn betrog, wie sie mit dem Geld, das sie ihm abschmeichelte, zu dem Liebhaber lief, der immer verwöhnter, immer luxuriöser wurde und die Reitpeitsche hob, wenn Eleonore nicht genug brachte. Es schien Elisabeth unbegreiflich, wie dieselbe Frau den einen Mann so schamlos betrügen und dem andern so sklavisch ergeben sein konnte, und zu Anfang glaubte sie auch noch, daß Eleonore sich durch Vorstellungen von ihrem Irrtum abbringen ließe oder daß die Roheiten des Liebhabers sie ernüchtern und zur Besinnung bringen würden. Doch zum zweitenmal täuschte sie sich über diesen Frauencharakter und den Weg, der ihm vorgezeichnet war. Eleonore versprach zwar immer wieder alles, was man wollte, schwur bei allen Heiligen und beim Glauben an ihre ewige Seligkeit, daß sie sich aus den schmählichen Banden lösen würde, konnte nicht genug Schlechtes von dem Liebhaber erzählen, der sie mißhandelte und obendrein noch mit wahnsinniger Eifersucht quälte, lief aber doch wie eine Hypnotisierte zu ihm hin, sobald er schrieb: »Ich erwarte Dich!«
Da Elisabeth sah, daß alles vergebens war, zog sie sich unauffällig von Eleonore zurück, die aber trotzdem fast täglich in den Palazzo Priuli zu ihrer Mutter kam. Niemals betrat Elisabeth die Zimmer der alten Gräfin, wenn Eleonore da war, aber sie hörte bis in ihre Wohnung, daß es zwischen den beiden Damen Priuli häufig nichts weniger als friedlich herging. Sie zankten und schrien miteinander, und Elisabeth wußte, daß der Streit dann immer um Eleonorens Liebhaber ging. Die alte Gräfin hatte freilich nicht genau gewußt, aber doch geahnt und gefürchtet, daß alles so kommen würde, wie es gekommen war, und darum auch hatte sie nicht ins Haus zu der Tochter ziehen wollen. Vor der Zeit alt geworden, begriff sie nichts mehr von der seltsamen Hörigkeit, zu der eine unselige Leidenschaft verdammt, verstand nicht, daß es Eleonore nicht genügte, behaglich im Reichtum zu sitzen, und jammerte immer wieder, daß die Priuli eben kein Glück hätten. Elisabeth sagte ihr dann wohl einmal unter vier Augen:
»Du irrst Dich, die Priuli +haben+ wohl Glück, aber sie +geben+ keines!«
»O, sage das nicht! Sie verlieben sich nur immer in Menschen, die sie dann mißhandeln oder die nicht zu ihnen passen!«
Elisabeth hatte es längst aufgegeben, auf solche Reden zu antworten. Gerne überließ sie den Streit den beiden Damen, die nicht müde wurden, ihn zu erneuern. Mehr als einmal schon war Eleonore erhitzt, mit funkelnden Augen und schiefgerücktem Hut aus dem Zimmer ihrer Mutter gestürzt, hatte laut geschrien, daß es durchs Haus hallte: »~Mai più ... no, no, mai più ...~«, aber trotzdem war sie auch am nächsten Tag wieder gekommen, wie an allen vorhergehenden, und unter Tränen und Küssen feierten die beiden Frauen Versöhnung, die freilich kaum bis zum übernächsten Tag anhielt. Als Friedensstifter zwischen ihnen trat nicht selten Ettore auf, der an der Schwester hing wie in früheren Tagen, und mit der man ihn so häufig sah, als wären sie beide unvermählt. Mitunter schrie er die beiden Damen heftig an, daß sie nun endlich Ruhe geben sollten, mitunter brachte er sie durch sein scharmantes Wesen und ein paar Witze zu Heiterkeit, und weil er fühlte, daß er in dem Zimmer seiner Mutter etwas galt und etwas wie eine Macht vorstellte, saß er stundenlang mit der ~mamma~ und der Schwester beisammen und redete mit ihnen, was sie alle drei lebhaft interessierte, Nichtigkeiten und Klatsch. Zuweilen legten sie auch gemeinsam Patiencen, die, je nachdem sie ausgingen oder nicht ausgingen, eine Frage bejahten oder verneinten, am öftesten aber rückten sie ihre Stühle näher zusammen, sprachen leiser und sahen verstohlen nach der Tür, als ob draußen die stände, von der sie redeten und flüsterten, -- Elisabeth.
Elisabeth dachte aber nicht daran, die Lauscherin zu spielen. Sie wußte, auch ohne daß ihr Ohr es hörte, was in der Wohnung ihrer Schwiegermutter vorging. Verstand, daß dort die fremde Brut saß, die zusammen gehörte und zusammenhielt, und sie hatte mitunter das Gefühl, als müsse sie ersticken vor Zorn und Ekel.
In der letzten Zeit, seit jener Nacht, da Ettore seinen Spielverlust gebeichtet, wendete sie freilich kaum mehr einen Gedanken an die Familienzusammenkünfte bei der alten Gräfin. Sie war jetzt erfüllt von einer beständigen inneren Unruhe, von einer Angst, als ob sie immerfort auf Glatteis dahinginge und jeden Augenblick tödlich stürzen könnte. Was blieb ihr zu tun, wenn Ettore nicht bloß zufällig einmal gespielt hatte, wenn das Spiel für ihn zu einer Leidenschaft wurde, der er besinnungslos alles opferte? Es war nur natürlich, daß sie, die in Offizierskreisen aufgewachsen war, sich über Spiel und Spieler keine Illusionen machte, daß sie ziemlich genau wußte, wie selten es vorkommt, daß einer nur einmal spielt und dann nie wieder. Jede Nacht legte sie sich jetzt mit der Furcht zu Bett, daß die schreckliche Szene von neulich sich wiederholen könne, und immerfort forschte sie heimlich in Ettores Gesicht, ob es heiter war oder verstimmt, horchte sie mit Herzklopfen auf, ob er in den Klub ging oder ob er ungewöhnlich spät nach Hause kam. Doch Woche auf Woche verstrich, Monat reihte sich an Monat, und nichts von dem, was sie ängstigte, war eingetroffen. Ettore war müßig, sorglos und heiter wie immer, nur wenn er zu seiner Frau sprach, hatte sein Mund einen gezerrten Ausdruck, und seine Augen flimmerten wie in verstecktem Haß. Elisabeths gespannte Nerven zitterten nun vor seiner heitern Miene mehr noch als vor seiner verstörten. Wie, wenn alles nur Schein, nur Komödie wäre, wenn er wieder und wieder gespielt hätte und durch die Schwester den Schwager in Anspruch nahm?! Sie fühlte, wie ihr heiß wurde bei der Vorstellung, daß sie vielleicht, ohne es zu wissen, Lissignolo noch mehr verschuldet sei als zuvor, daß vielleicht schon jetzt ganz Venedig bedauernd über sie die Achseln zuckte, geradeso wie über Lissignolo, der ja auch nicht wußte, was ihm geschah ...
Neben diese peinlichen Vorstellungen trat eine nicht minder peinliche Wirklichkeit. Bis zu jener verhängnisvollen Nacht hatte Elisabeth die Verwaltung ihres Vermögens ganz und gar ihrem Mann überlassen, nun aber war ihr Vertrauen zu ihm geschwunden, und sie erkannte es als ihre Pflicht, selbst zur Bank zu gehen und sich den Stand ihres Besitzes klar darlegen zu lassen. Sie hatte Mühe, ihren Schreck zu verbergen, als der Beamte ihr die Ziffern des Kontos nannte, denn sie hatte nicht geglaubt, ja nicht einmal geahnt, daß die große Mitgift, die sie ins Haus gebracht hatte, binnen ein paar Jahren so rasch zusammenschmelzen konnte. Man konnte nicht daran denken, je wieder einzuholen, was Ettore in Gedankenlosigkeit oder Freude an Luxus vertan hatte, aber man mußte wenigstens trachten, den Besitz nicht weiter zu mindern und durch kleine, heimliche Einsparungen den allzu großen Haushalt allmählich einfacher zu gestalten. Elisabeth war ja nur ganz kurze Zeit ein reiches Mädchen gewesen, hatte die längste Zeit ihres Lebens die Existenz der armen Offizierstochter geführt, aber es tat ihr jetzt doch bitter weh, daß die schöne Sorglosigkeit dieser letzten Jahre schon wieder vorüber war, daß sie wieder wie einst hinter einer glänzenden Außenseite Geldsorgen und Kümmernisse verstecken sollte.
Seit der Taufe des ersten Kindes war Elisabeths Vater nur mehr vorübergehend in Venedig gewesen. Er ging dem Schwiegersohn aus dem Wege, denn wenn Elisabeth auch nie direkt über Ettore klagte, so las der Oberst doch aus ihrem müden Gesicht und zwischen den Zeilen ihrer Briefe, daß sie nicht glücklich war. Als sie ihm dann in der Erregung über Ettores Spielverlust zum erstenmal einen verzweifelten Brief sandte, antwortete er ihr: »Ich begreife Deinen Schrecken sehr wohl, wenngleich ja ein einmaliges Vorkommnis noch nicht zu der Annahme berechtigt, daß Ettore wirklich ein Spieler ist, zudem wir ja früher nie etwas von einer Leidenschaft für Jeu an ihm bemerkt haben. Aber in Deinem Brief steht noch viel mehr als bloß die Geschichte mit den 80000 Lire, es stand auch schon in frühern mancherlei, was mich sehr stutzig gemacht hat, über das ich aber schwieg, weil ich es mehr herausgelesen habe, als Du es hineingeschrieben hast, und weil es keinen Sinn hat, über Dinge zu korrespondieren, die sich nicht fassen lassen. Jetzt aber meine ich, daß der Augenblick gekommen ist, wo man oder vielmehr wo ich den Stier bei den Hörnern packen muß. Also: ich bin überzeugt, daß Du gar nicht glücklich bist, und darum sag' ich Dir: ›Nimm Deine Kinder und den Rest des Geldes, den der Conte Priuli noch übriggelassen hat, und komm heim!‹ Venedig mit allem Drum und Dran war offenbar ein großer Irrtum von uns, -- gestehen wir uns das ruhig ein, verlassen wir ihn und versuchen wir, Dir in der Heimat ein anderes Glück aufzubauen oder wenigstens Dich wieder zufrieden und ein bißchen heiter zu machen!«
Als Elisabeth diesen Brief gelesen hatte, war's ihr, als ob an einem venezianischen Regentage ein breites Tor im Palazzo Priuli aufspränge, ein Tor, durch das sie die Heimat sah mit Waldesrauschen und Vogelsang, mit Menschen, die sprachen und fühlten wie sie. Wenn sie wollte, konnte sie noch heute durch dies Tor hinausschreiten, der Verheißung entgegen, die da mit allen Stimmen der Sehnsucht rief und lockte und sang. Ueberwältigt von dem Glück, das der Vater vor ihr erschloß, schlug sie die Hände vors Gesicht und war so wirr von jagenden Gedanken, als ob ein beginnendes Fieber seinen unruhigen Traum um sie breiten wollte. Willig überließ sie sich der holden Konfusion ihres Gehirns, das gar keine Pläne schmiedete, keine Entschlüsse faßte, sondern nur, wie von schwerem Druck entlastet, in der Vorstellung schwelgte, daß nun alles Elend hier zu Ende sei und draußen, jenseits des Tors, im Waldesrauschen der Frieden warte. Nach ein paar Stunden aber war dieser Rausch der Empfindung vorüber, und da wußte sie, daß sie dem Ruf des Vaters nicht folgen konnte. So schrieb sie denn am übernächsten Tage an ihren Vater: