Die große Gauklerin: Ein Roman aus Venedig

Part 11

Chapter 113,696 wordsPublic domain

»Du darfst das alles nicht so tragisch nehmen, liebe Mama! Eleonore hängt doch so sehr an Dir und wäre sicher sehr unglücklich, wenn sie sich von Dir trennen müßte. Aber nicht wahr, jetzt ist sie eben verlobt und, wie es scheint, auch verliebt, und da ist man wohl ein wenig rücksichtslos gegen alle andern Menschen ... Aber sie liebt Dich doch ebenso wie früher, und Du wirst sehen, daß es wunderschön ist, wenn Du bei ihr wohnst ...«

Die Gräfin schüttelte den Kopf, Tränen traten ihr in die Augen. Sie murmelte:

»Lisa, Du verstehst das nicht!« Sie machte eine Pause, öffnete wieder die Lippen, als wollte sie mehr sagen, etwas, was sie ängstigte und bedrängte, aber sie bezwang sich, schüttelte nochmals den Kopf und schwieg. Elisabeth streichelte ihr die runzligen Hände, nannte sie mit zärtlichen Worten, die sie über die vermeintliche Lieblosigkeit der Tochter forttrösten sollten. Nach einer Weile hub die Gräfin wieder an, sprach abgerissen, mehr zu sich, als zu der jungen Frau.

»Nein, Lisa, Du verstehst es wirklich nicht. Es ist alles ganz anders als Du meinst. Das ist nun einmal so mit den Kindern, wenn Du erst so alt bist wie ich, wirst Du's auch noch merken ... Man sorgt und denkt sein ganzes Leben lang nur für sie, und wenn sie dann groß sind, hat man nichts von ihnen als Kummer und Undank ...«

»Aber, Mama, Ettore macht Dir doch wirklich keinen Kummer und hängt so sehr an Dir, daß ich früher beinahe eifersüchtig auf Dich war! Und auch Eleonore --«

Aber die Gräfin beharrte.

»Kummer und Undank, -- das ist alles, was sie einem geben. O, man ist nicht umsonst eine Priuli! Die Priuli haben kein Glück mehr! Sie dürfen anfangen, was sie wollen, alles wendet sich zum Schlechten! Du wirst es später noch an Dir und Deinen Kindern sehen!«

Elisabeth schrie auf.

»Sag' solche Sachen nicht, ich kann sie nicht anhören! Wir sind doch alle glücklich, -- warum sollte sich auf einmal alles wenden und zum Unglück werden! Du bist zu pessimistisch, Du bist es wohl durch vieles Unglück geworden, aber sprich nicht davon, ich bitte Dich, sprich nicht mehr so, es ist zum Verzweifeln, wenn man Dir zuhört!«

Die Gräfin sah mit abwesenden Blicken auf die junge Frau.

»~Poverina~, nimm Dir meine Worte nicht weiter zu Herzen, vielleicht bist Du die erste Priuli, die wieder Glück hat; ich hab's nicht gehabt und niemand von uns!«

Sie schwieg wieder eine Weile, sagte dann unvermittelt, fast bettelnd:

»Lisa, wenn ich nur hierbleiben dürfte! Ich mag nicht zu den Lissignolos! Behaltet mich hier, Lisa, ich will Dich auch gewiß nicht mehr mit meinen dummen Reden ängstigen. Denk' nur immer, daß ich eine alte, geschlagene Frau bin, und laßt mich in Gottes Namen hier!«

Elisabeth war von der demütigen Bitte so überrascht und gerührt, daß sie nichts weiter fragte. Sie umschlang die alte Frau und entgegnete aus ehrlichem Herzen:

»Selbstverständlich bleibst Du bei uns, wenn es Dir lieber ist. Vielleicht ist es ganz gut, wenn man die Neuvermählten zu Anfang sich selber überläßt! Es ist wohl nicht gar so leicht, die zweite Frau eines älteren Mannes zu werden, und Eleonore dankt Dir's gewiß noch, wenn Du sie jetzt allein läßt! Bleibe bei uns, wir sind beide sehr zufrieden, wenn Du Dich bei uns behaglich fühlst!«

Die alte Gräfin entgegnete nichts. Sie hatte das Gesicht dem Fenster zugewendet, damit Elisabeth nicht sehen sollte, wie es von Sorgen zerwühlt und von Tränen überströmt war. Die junge Frau sah aber doch an den zuckenden Schultern, daß die Gräfin weinte. Da stand sie leise auf und ging, weil sie dachte, daß es unzart wäre, eine Mutter zu stören, die über ihre Tochter weint.

Die Hochzeit war für Oktober festgelegt. Jeder hatte den Wunsch, die Feierlichkeit auf einen ganz kleinen Kreis zu beschränken. Lissignolo, der schon verheiratete Kinder hatte, war zufrieden, daß seine Braut nicht auf einem Hochzeitsfest bestand, zu dem ganz Venedig vor und in der Kirche zusammenlief, die Priulis wiederum wollten kein großes Aufsehen und keine anstrengenden Festlichkeiten, weil Elisabeth ein zweites Kind erwartete und mehr unter ihrem Zustand litt als das erste Mal. Man lud also von beiden Seiten nur die nächsten Verwandten ein, die Kinder Lissignolos und Carlo Priuli, weil er den Namen trug und fast Haus an Haus mit der Familie der Braut wohnte. Ettore hatte zwar gemeint, daß man von ihm absehen könne, denn er sei doch gar nicht sehr nahe verwandt und habe sich auch nie sehr verwandtschaftlich gezeigt oder benommen, aber Elisabeth meinte, daß er doch einmal zur Familie gehöre, und weil auch die alte Gräfin und Eleonore diese Meinung teilten, gab Ettore nach und lud Carlo ein. Wenn Ettore behauptete, daß sein Vetter sich nicht sonderlich verwandtschaftlich benahm, so hatte er insofern recht, als Carlo mit seinen Verwandten nur einen oberflächlichen Verkehr unterhielt. Denn Carlo hatte Ettore nie besonders gemocht und für verliebte Gänse (wie er Elisabeth im stillen nannte) gar kein Interesse. Er kam wohl ab und zu, sah das junge Paar da und dort in Gesellschaft, und da Elisabeth ihm immer ein heiteres Gesicht zeigte, meinte er, daß sie wirklich genau so töricht sei, wie sie ihm erschienen war, da er sie zuerst kennen lernte. Gegen Ende des Winters wollte es ihm freilich etliche Male scheinen, als ob ihr Gesicht, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, müde und unzufrieden aussah, und er hatte dann wohl gedacht:

»Aha, sie merkt endlich, an wen sie sich gebunden hat!«

Kaum aber hatte er's gedacht, so kam er sich schon sentimental vor und spottete sich selbst aus, daß er für den Ausdruck verborgener Empfindungen nahm, was vermutlich nur Festmüdigkeit war. Als er dann noch hörte, daß bei Priulis abermals ein freudiges Ereignis bevorstand, nannte er sich selbst einen Esel und nahm sich fest vor, sich nie mehr auf die Psychologie junger Frauen einzulassen, weil ein Junggeselle sich damit doch nur blamieren konnte.

* * * * *

Es war am Abend vor der Hochzeit. Im Hause Priuli war schon alles still und dunkel, denn man hatte von einer festlichen Veranstaltung für diesen Abend abgesehen. Ettore war wie jeden Abend so auch heute im Klub, die Gräfin und Eleonore hatten sich längst schlafen gelegt, und auch von der Dienerschaft war kaum mehr einer wach, denn Ettore liebte es nicht, daß man seine Heimkehr erwartete. Elisabeth hatte sich sehr früh zu Bett gelegt, um für die Strapazen des kommenden Tages auszuruhen. Sie lag wachend da, versuchte allerlei harmlose Mittel, um einzuschlafen, zählte, stellte sich ein unablässig wogendes Kornfeld vor, sagte sich allerlei Gedichte her, über denen sie sonst einschlief, aber gerade heute, wo sie die Ruhe so sehr ersehnte, wollte nichts helfen. Sie warf sich von einer Seite auf die andere, fand, daß es im Zimmer unerträglich heiß sei, spürte, wie ihr Herz hastiger und lauter klopfte, und sprang schließlich aus dem Bett, um die Fenster zu öffnen. Da drang eine weiche, von sanftem Duft erfüllte Luft herein, daß die junge Frau sie entzückt einschluckte, als wär's ein Trunk frischen Bergwassers, und am offenen Fenster stehen blieb, um die Kühle zu genießen und hinunterzusehen auf den kleinen, schwarzen Kanal, der so dunkel dalag, daß er nicht einmal das Sternenlicht wiedergab, das vom Himmel auf ihn niederfiel.

Elisabeth stand und sah hinaus, obgleich es um diese Stunde hier nichts zu sehen gab. Weit und breit keine Gondel und kein Ruderschlag, verträumt spannte die schmale Eisenbrücke, die ihn überdachte, ihren Bogen über den kleinen Kanal hin, schweigend lagen die Häuser, die ihn besäumten, und auf den Stufen, die zum Wasser hinunterführten, oder auf dem schmalen Pflasterrand, der hier und da zu einem Gäßchen umbog, erging sich niemand als da und dort der Schatten einer Katze. Ganz still und ganz menschenleer war's ringsum, nur jetzt huschte eine weibliche Gestalt um die Ecke der kleinen Gasse, an der die Bank von San Marco lag. Sie trug das große, schwarze Fransentuch der Frauen aus dem Volk, ging aber nicht barhäuptig mit zierlich frisiertem Haar, wie diese es tun, sondern hatte den Kopf und auch fast das ganze Gesicht mit einem dichten Schleier umwunden, so daß nur die Augen hervorsahen, um den richtigen Weg zu erspähen. Die Beleuchtung hier war sehr schlecht, ein Erkennen der Gesichtszüge nur in nächster Nähe möglich, aber dennoch blickte die Gestalt immer wieder nach allen Seiten scheu um, suchte auch mit prüfender Angst den Palazzo Priuli ab, als fürchtete sie, daß jemand ihr nachgegangen sei oder sie erwarte. Elisabeth, die sie zuerst nur für einen Nachtvogel gehalten hatte, wurde durch das seltsame Gebaren aufmerksam, und wie die Gestalt jetzt leichtfüßig und schnell, aus dem Dunkel der Häuser heraustretend, die kleine Brücke hinanlief, beugte sich Elisabeth weiter aus dem Fenster, um ihr ins Gesicht zu sehen. In diesem Augenblick hob die Frau auf der Brücke den Kopf voll empor, ahnte mehr als sie unterscheiden konnte, daß da jemand am Fenster stand und sie ausspähte. Sie zögerte eine Sekunde, überlegte wohl blitzschnell, ob sie den Weg, den sie eben gekommen war, wieder zurücklaufen sollte, machte dann, wie um sich Mut einzuflößen, eine trotzige Bewegung mit den Schultern und lief auf der andern Seite der Brücke hinab, dem schmalen Steinrand zu, der um den Palast herum zu einer Hintertüre für Dienstboten und Lieferanten führte.

Elisabeth stand und traute noch immer ihren Augen nicht. Schon gleich zu Anfang hatte sie gemeint, die Gestalt zu erkennen, hatte sich aber lächerlich und phantastisch gescholten und eben darum mit um so größerer Aufmerksamkeit verfolgt, als was sich die Frau da unten schließlich ausweisen würde. Nun aber, seit sie, beglänzt vom Sternenlicht, zögernd auf der Brücke gestanden war, um schließlich den Weg zu der Hinterpforte so sicher zu nehmen, wie nur jemand, der den Palazzo genau kannte, nun war kein Zweifel mehr möglich. Elisabeth begriff später niemals, daß sie in jenem Augenblick sich gar nicht mit Empfindungen oder Reflexionen abgab, sondern nur dachte:

»Was aber, wenn die Hinterpforte abgeschlossen ist? Dann muß sie jemand herausläuten, und wir haben morgen, am Hochzeitstag, den Skandal!«

Sie ging vom Fenster weg über den Korridor auf die Treppe zu, beugte sich über das Geländer, um zu hören, ob drunten ein Schlüssel vorsichtig eingesteckt würde und sich drehte.

Sie wagte nicht, Licht zu machen, um nicht durch den hellen Schein irgend jemand zu wecken, fürchtete auch, daß sie die Gestalt, die draußen stand, am Ende verscheuchen und zu unberechenbarem Beginnen treiben könnte. Sie horchte, atmete auf, als jetzt ein ganz leiser Schritt die Treppe im Dunkel heraufhuschte, und hatte doch die Kehle zugeschnürt vor Angst und Erregung. Als die Gestalt die schwere Pforte leise wieder ins Schloß gelegt hatte, knipste Elisabeth das Licht auf. Ein halb unterdrückter Schrei, eine Bewegung zur Flucht. -- Und Elisabeth, obwohl sie doch genau wußte, wer da stand, fragte, als könne sie's noch immer nicht glauben:

»Du, Eleonore? Wo kommst Du her?«

Eleonore blieb, durch die Treppe von der Schwägerin getrennt, stehen. Jetzt, im elektrischen Licht, sah Elisabeth, daß das Mädchen totenbleich und erregt war, daß unter dem Schleier ihr Haar zerwühlt und nur flüchtig aufgesteckt hing, während in ihren dunklen Augen ein seltsamer, verträumter Glanz lag. Sie zog das schwarze Fransentuch fester um sich, wie sonst ihren Schlafrock, warf den Kopf zurück, preßte die Lippen aufeinander und sah über die Treppe hinauf herausfordernd die Schwägerin an.

Elisabeth winkte sie heran.

»Komm herauf, Eleonore, komm in mein Zimmer. Wir wollen nicht hier stehen bleiben, wo uns jeden Augenblick ein Dienstbote überraschen kann!«

Eleonore entgegnete nichts. Sie folgte Elisabeth, die ihr voranschritt, und wußte selbst nicht, warum sie ging, wohin die andere wollte. In Elisabeths Zimmer stand Eleonore in derselben Haltung an der geschlossenen Tür, wie sie vorhin unten an der Treppe gestanden war. Elisabeth, die sich nicht mehr auf den Füßen halten konnte, ließ sich in einen Stuhl fallen, drückte die Handflächen gegeneinander und fragte noch einmal leise, angstvoll, als scheue sie die Antwort

»Wo kommst Du her?«

Eleonore reckte sich in die Höhe.

»Ich bin Dir keine Rechenschaft schuldig!«

»Rechenschaft nicht, aber -- aber -- --«

Die junge Frau wirkte so hilflos und eigentlich so bedauernswert, daß Eleonore sich selbst und alles, was in diesen letzten Stunden geschehen war, mit ungestümer Lebensfreude empfand. Und nicht als ob sie von Unrecht, sondern von Triumph berichtete, brach es aus ihr hervor, wie ein ungestümes Bekenntnis der Lust und der Leidenschaft:

»Gut, ich will Dir sagen, wo ich gewesen bin. Bei meinem Schatz bin ich gewesen, bei meinem Herzliebsten, den ich nicht lassen werde, heut' nicht und morgen nicht und niemals auf der Welt!«

Elisabeth schlug entsetzt die Hände zusammen.

»Um Gott, Eleonore, und Du willst Lissignolo heiraten! Du schämst Dich nicht, den einen Mann zu heiraten und die Geliebte eines andern zu sein?«

Eleonore schüttelte den Kopf und lachte. Es war ein Lachen, das bitter klang und weh tat.

»O nein, Du Siebengescheite! Bis heute bin ich nicht seine Geliebte gewesen, denn ein Mädchen soll geizig mit sich sein und sich nicht verschenken! Aber weil ich morgen Lissignolo gehöre, bin ich heute zu meinem Schatz gelaufen und habe ihm heute noch geschenkt, was ich ihm übermorgen nicht mehr hätte schenken können. Glückselig sind wir gewesen ein paar Stunden lang, und was auch jetzt noch kommen mag, die paar armseligen Stunden voll Glück kann mir kein Mensch mehr nehmen!«

Wie in einer Flamme von Leidenschaft und Hingebung stand das Mädchen da. Bewegt sah Elisabeth sie an, hätte ihr kein hartes Wort mehr sagen können. Sie fragte nur leise:

»Und er? Er hat Dich wieder gehen lassen? Er hat Dich nicht gehalten und alles auf sich genommen, nachdem Du so, so zu ihm gekommen bist?«

Vor dem weichen Ton, in dem Elisabeth sprach, brach sich des Mädchens Auflehnung. Ihre Stimme zitterte, als sie entgegnete:

»O nein, so ist er nicht! Aber glücklich waren wir deswegen doch ... Und wenn Du Lissignolo etwas sagst, dann --«

Elisabeth schüttelte müde den Kopf.

»Ich sage nichts, Du brauchst keine Angst zu haben. Du tust mir nur schrecklich leid, so leid, wie ich es Dir gar nicht sagen kann. Und ich möchte Dich auf den Knien bitten: Laß diese unselige Sache mit heute abgetan sein! Versuch's, in Deiner Ehe glücklich zu werden, und hänge weiter keine Gedanken an einen Menschen, der's nicht wert ist, daß er Dir die Schuhbänder löst!«

Eleonore, die sich jetzt wieder gefaßt hatte, sah, daß ihr Spiel gewonnen war, und hielt es darum für klug, ein wenig einzulenken.

»Selbstverständlich ist mit heute alles zu Ende! Ich hätt's nur nicht ertragen, wenn ich ihm nie ganz gehört hätte, nun ist's vorbei, nun will ich Dir folgen und versuchen, so gut es geht, aus meinem Leben noch etwas herauszuholen. Aber Du schweigst, nicht wahr?« setzte sie mit nochmals aufsteigender Angst hinzu. Elisabeth nickte. Eleonore umarmte und küßte sie.

»Gute Nacht, Lisa, ich bin furchtbar müde und will mich ausschlafen.«

Fort war sie. Elisabeth legte sich wieder zu Bett, konnte aber kein Auge zutun. Unablässig hörte sie wieder das leidenschaftliche Geständnis des Mädchens und die Worte: »Ich lass' ihn nicht heute, nicht morgen und niemals auf der Welt!« Freilich, das war vielleicht im Ueberschwang gesprochen, und Eleonore hatte ja auch gelobt, daß mit der heutigen Nacht alles zu Ende sein sollte. Hatte es gelobt, hatte vielleicht auch den Willen dazu, aber Elisabeth fragte sich doch voll Bangen, wie die Ehe, die morgen eingesegnet wurde, wohl gehen würde. Ihr Verstand gab eine Antwort, die ihr Herz nicht glauben wollte.

10.

Venedig im Regen, -- nichts Trüberes ist zu denken. Grau und schleimig, wie eine Riesenqualle liegt die Lagune an die Stadt gepreßt, der sie alle Schönheit und alle Lust aufzusaugen scheint. Das leuchtende Weiß und Orangegelb der Paläste ist von einem trüben Grau überströmt, Balkone, Loggien, Friese, die gestern noch wie ein letzter Gruß der Renaissance und des Barock waren, sehen heute gespenstisch, unmotiviert aus, wie Kleinodien fernster Zeit in einem Museum der Toten. Mißmutig, fast bestürzt über eine Unbill, die sie in lachender Sonne völlig vergessen haben, drängen sich die Menschen in den winkligen Gäßchen der Merceria und der Frezzeria, armselig lungern die Gondolieri auf nassen Randsteinen umher. Wer nicht muß, besteigt heute sicher keine Gondel, und wenn eine daherfährt, so ist's, als käme sie vom Begräbnis der letzten, menschlichen Freude. Selbst der Markusplatz mit dem Löwen und dem Kampanile sieht aus wie eine Theaterdekoration, die lieblos ins Tageslicht gestellt und im Regen vergessen worden ist, nur die Vaporetti eilen fauchend und prustend wie immer den Canal Grande auf und ab, als wollten sie mit ihrem Lärm verkünden, daß das Leben, das Leben von heute, niemals stille steht. Aber das Leinendach, das heute über ihr Verdeck gespannt ist, klatscht vor Nässe und flattert wie ein müder Vogel, der sich die Nässe des Gewitters aus den Federn schütteln will, und das Fauchen und Prusten klingt wohl nur so, wie wenn einer recht laut spricht, um sich Mut zu machen, weil er fühlt, daß um ihn her unsichtbare Gespenster stehen. Vom Fischmarkt am Rialto her und aus allen kleinen Kanälen steigt ein seltsamer, beklemmender Geruch von toten Fischen, von zersetzten Muscheln, von fauligem Gemüse. Und die Calle stehen schwarz, undurchdringlich, als lägen auf ihrem schlammigen Grunde immer noch mit verglasten Augen und vermoderten, altfränkischen Kleidern Leichen, an deren Hälsen noch die blauen Fingermale oder die Dolchstiche der Republik zu sehen sind. Regen in Venedig, -- wie ein Bußtag hängt er über der Stadt, auf daß sie in Reue alter Frevel gedenke und der Toten, von denen keiner mehr weiß, und deren Verwesungsgeruch heute doch überall schwebt ...

Elisabeth saß in ihrem Zimmer und schrieb Briefe an ihre Brüder. Sie hatte vor alle Fenster die Vorhänge gezogen und das elektrische Licht über dem Schreibtisch ausgedreht, obwohl draußen der Kanonenschuß eben den Mittag verkündete. In der Calle war es aber trüber noch als auf dem großen Kanal, und Elisabeth fand seit langem Venedig bei Regen so unerträglich, daß sie es gar nicht sehen wollte und bei schlechtem Wetter nie ausging. Sie konnte sich nicht an den Verwesungsgeruch gewöhnen und mußte dann immer voll schmerzlicher Sehnsucht denken, wie schön ein Regentag daheim in Deutschland war, selbst wenn man ihn im Augenblick als lästig empfand und auf ihn schalt. Wie über die spiegelnde Nässe breiter Straßen unablässig Autos, Straßenbahnwagen, Equipagen jagten, wie Menschen, die gewöhnt waren, mit einem rauhen Klima zu rechnen, sich von ihm weder die Laune noch das fröhliche Gesicht rauben ließen, durch Regen und Wind der Stimme nachliefen, die sie an diesen Tagen wie an allen andern hinausrief zur Arbeit, zum Kampf um das Leben, um das tägliche Brot. Wie aus all dem Lärm und Gewirr und Gehaste die Rasenpläne, die rot und weißen Blütenkerzen der Kastanien, die süßduftenden Flieder- und Jasminbüsche, die flammenden Kolben der Rhododendren auf Anlagen und Plätzen auftauchten, wie all das Grünen und Blühen und Duften sich dem Naß entgegenreckte, das vom Himmel herabfiel, und wie die Regentropfen lustig klatschend von Ästen und Blättern heruntersprangen, als wären sie ausgelassene Schulbuben beim wilden Spiel. Daheim, in Deutschland, genoß man das alles, ohne darüber nachzudenken, meinte wohl, es könne nur so und nicht anders sein, hier aber, an die Riesenqualle gepreßt, merkte man gerade an Regentagen mit leisem Schauder, wie fern diese Stadt der Natur und allem Lebendigen stand. Nicht auf Erde, sondern auf marmornen Fundamenten erbaut, ohne Grün, ohne Vogelsang, ohne den Hufschlag der Rosse, ohne den erregenden Lärm rollender Räder schien sie wider die Gesetze der Natur und der Menschlichkeit gezeugt, und wenn etwas an ihr nicht steinern, sondern natürlich und menschlich war, dann war es mit Schlamm überzogen und roch nach Verwesung. So wenigstens schien es Elisabeth. Die Zeit, da sie Venedig mit den verliebten Augen ihrer Jugend betrachtet hatte, lag weit hinter ihr, und wenn die Fürstin Tassini sie heute gefragt hätte: »~Do you like Venise?~« so hätte Elisabeth wahrscheinlich gesagt oder wenigstens gedacht, daß sie diese Stadt verabscheute, in deren schlammigen Kanälen die Gallionen ihrer Träume und Hoffnungen schmählich untergegangen waren. Zum erstenmal hatte sie dies Grauen vor der Stadt an jenem Abend empfunden, da sie mit Ettore von der Lügenreise nach seinen Gütern heimkehrte; seitdem war es zuerst sprungweise, dann schleichend immer wieder gekommen, wollte sie nicht mehr verlassen, so sehr sie sich auch gemüht hatte, es zu versuchen und Venedig wieder zu lieben, wie sie es früher geliebt hatte. Sie fand aber das alte Gefühl nie mehr. Vielmehr dachte sie jetzt manches Mal an die Abneigung, die ihr Bruder, der Leutnant Otto, damals, auf ihrer ersten Italienreise, gegen dies Land empfunden hatte, und wenn sie ihn damals belächelt hatte, so gab sie ihm heute recht. An den Marmorquadern dieser unnatürlichen Stadt und an den Geschöpfen, die sie hervorbrachte, an den Gesetzen, von denen sie sich beherrschen ließ, stieß sich jeder die Stirne ein, der mit einem Herzen voll Sehnsucht und Idealen zu ihr kam.

Das Zimmer, in dem Elisabeth saß, war das rosenfarbene Damastboudoir, das Ettore eingerichtet hatte, als sie heirateten. Es hatte immer noch seine kostbaren, überzierlichen Möbel, aber es sah doch ganz anders aus als früher, da es eigentlich nur für die Phantasien einer großen Weltdame bestimmt schien. Allerlei praktische, vom modernen Kunstgewerbe gefertigte Gegenstände hatten die Damaststimmung mehr und mehr verdrängt, zeigten, daß in diesem Raum ein Mensch wohnte, der es gewöhnt war, sich auf sich selbst zu besinnen, und der seine Anregungen nicht von außen her bezog. An den Wänden hingen jetzt neben den Rokokobildern, die sich so stilvoll dem rosenfarbenen Damast angepaßt hatten, allerlei Familienporträte der Schöttlings und ganz moderne Kunstblätter, auf dem Schreibtisch stand in einem bescheidenen Rahmen eine Photographie, welche die beiden Knaben Elisabeths zeigte, ihr gegenüber die ihres Vaters. Auf einem großen Büchertisch lagen sowohl moderne Schriften wie deutsche und französische Klassiker, und die Böcklin-Mappe hielt gute Nachbarschaft mit einem großen, italienischen Werk, das Reproduktionen aus den Uffizien, dem Pitti und der Academia in Venedig barg. Schön und behaglich war das Zimmer, weil man eben überall die Spur eines Menschen, einer Frau fühlte. Doch wie dieser Raum seit wenig Jahren seinen Charakter völlig verändert hatte, so war auch Elisabeth eine andere geworden, als sie damals gewesen, da sie mit ihrem Vater zum erstenmal Venedig grüßte.

Aeußerlich war sie wohl ziemlich die gleiche geblieben. Wer sie zum erstenmal und nur flüchtig sah, mochte denken, daß sie immer noch eine hübsche Blondine war, wer aber schärfer hinsah, merkte, daß auf diese weiße Stirn das Leben schon das grausame Wort geschrieben hatte, in dem schließlich jedes Frauenschicksal ausklingt: »Entsage!«