Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen

Part 7

Chapter 73,769 wordsPublic domain

Dann kam wieder ein Tag und wieder eine Nacht. Der Friedl hatte seines Feindes nicht mehr erwähnt, er war nicht heiter, aber auch nicht mehr finster. Elias war voll Beseligung darüber, daß sein Zureden beruhigt hatte. Er konnte nicht wissen, daß der Bruder in seiner Rocktasche ein Pappenschächtlein hatte, und noch weniger, was da drinnen war. Der Friedl ließ manchmal die Augen rollen und schwieg. Da ist es in einer Nacht gewesen, daß Elias plötzlich erwacht. Draußen in der Vorstube ein Geräusch, als ob jemand etwas vom Wandnagel herabgenommen hätte. Elias schaute auf das Bett seines Bruders hin, der Mond schien auf das weiße Linnen, es lag wulstig zurückgeworfen, der Friedl war nicht da. Der Junge sprang rasch auf und zog sich an, auch Stiefel und Hut, und ging hinaus. In der Vorstube ein Blick an die Wand, wo das Schrotgewehr zu hängen pflegte; das war nicht da.

In der nächsten Minute eilte Elias über die Brücke der rauschenden Ach und auf dem Wege dahin gegen Eustachen. Was kann er sonst wollen bei der Nacht? Da gibt’s ein Leben zu retten! Nicht an das Leben des Wegmacherbuben dachte er, als er eilte, mehr laufend als gehend. Das Leben seines Bruders, das zeitliche und das ewige! Das ist schon wert, daß sich einer die Lunge zu Tode lauft. So viel wird schon übrigbleiben, um ihn zu beschwören: Bei dem Andenken unserer Mutter, tu’s nicht! Der Friedl hatte sie ja noch gekannt, fünf Jahre lang war sie bei ihm gewesen, hatte ihn hundertmal geküßt und gesegnet. Er kann’s nicht tun. Mutter im Himmel, bitt für ihn bei Gott zu dieser Stunde! Der Vollmond, der sein weißes Licht so mild vom Himmel gießt, das ist ein Gnadenstrom! --

Schon war Elias am Wegkreuze, wo das Hochtal in den Murboden ausweitet, und hatte ihn noch nicht eingeholt. Hatte der Friedl den Fußsteig über die Böschung am Waldrande genommen? Dann muß er ihn am Rain treffen, hinter der Lechnerhütte. Der Kruspel wohnte bei seiner Base in der Lechnerhütte. Also quer über die Wiese hin.

Da hört er Schritte, er horcht, er weiß noch nicht, woher, sie tapfen nur so in der Luft; vom Waldrande herab kommt eine schmale, lange Gestalt, gespensterhaft lang, denn es war ein Mann und sein Schatten, die sich in gerader Linie fortsetzten. Elias ging ihm langsam entgegen.

»Wer ist’s?« fragte der Friedl erschrocken.

Der Student antwortete nicht, trat an den Bruder entschlossen heran und langte nach dessen Gewehr. Sie rangen. Schweigend rangen sie um die Waffe, nicht heftig oder zornig, nur zähe und überlegsam, scheinbar fast gemütlich. Aber die Arme, die sich gegenseitig zu biegen, zu fassen, abzuwehren suchten, waren stramm gespannt. Nach einer Weile standen sie still und schnauften. Elias hielt seinen Bruder am Rockflügel fest.

»Gib mir das Gewehr, Friedl!« sagte er halb drohend, halb bittend.

Der Friedl war ein wenig überrascht von der Kraft des schlanken Burschen, obschon er selbst ihm seine zwanzigjährige Gewalt noch nicht eigentlich hatte spüren lassen. Er hatte nur den Angreifer vor sich abzuhalten und das Gewehr hinter dem Rücken zu bergen. Da machte Elias plötzlich einen Sprung, erfaßte den Riemen, im nächsten Augenblicke wurde die Waffe festgehalten von vier Händen, da knallte es und die Schweinsborsten sausten in die Luft hinaus. Damit hatte der Kampf ein Ende. Der Friedl ließ die Waffe los, was sollte sie ihm auch, er hatte keine Ladung für einen zweiten Schuß; seinen Ärger wußte er nicht anders anzubringen, als daß er dem Studenten mit aller Macht ins Gesicht schrie: »Du dummes Schaf!« und langsam dahinsüffelte über die taunasse Wiese.

Elias ging mit seiner Trophäe wieder ins Hochtal hinein, dem Forsthause zu. Das »dumme Schaf« machte ihm gar nichts. Er nahm es für eine Umschreibung des einfältigen und unschuldigen Schäfleins in der Bibel. Er kam sich bedeutend vor! Wie ein tapferer Kämpfer, wie ein eifriger Seelsorger.

Über den dunklen Bergen lichtete sich der Himmel. Es war der Morgen da. Über die Ach geschritten, versteckte der Junge das Gewehr unter dem Brückenkopf, und wie er aus dem Hause geschlichen war, so wollte er wieder hineinschleichen. Es war ja natürlich, daß von dieser Geschichte niemand etwas erfahren dürfe. Aber es kam anders, als er sich das gedacht hatte.

Ein Weilchen nach Mitternacht hatte die alte Sali an die Schlafzimmertür des Försters geklopft. Ob er nichts höre? rief sie durch das Holz, im Hause sei ein Unfrieden, vom Vorboden her habe sie etwas vernommen und das Haustor habe sie gehen gehört.

»Hast es abends gut zugesperrt?«

»Zweimal den Schlüssel um.«

»So kann niemand hereingegangen sein.«

»Aber, Herr Rufmann, was hilft denn das! Wenn ich was gehört hab!«

»Wenn was wär, so müßt sich der Waldl gemeldet haben,« meinte der Förster. »Geh einmal hinaus und schau nach.«

»Wer, ich?« entgegnete sie durch die halbgeöffnete Tür, zitternd vor Erregung und Angst. »Nit ums Halsabschneiden!«

»Das wär was Neues, Sali!«

»Ich bin aufgenommen für meine Dienste, Herr Oberförster, aber nit für solche Sachen bei der Nacht!« »Oberförster« sagte die Alte, da mußte sie schon arg gereizt sein.

Also stand Rufmann auf und ging hinaus. Das Tor war nicht versperrt, nur angelehnt. Da fiel es ihm ein: Der Friedl! Am Ende geht dieser Racker aus! Er polterte die Treppe hinauf und in die Schlafstube seiner Söhne. Richtig! Friedls Bett ist leer. Der wagt was! Sollt’s schon der Vater nicht wahrnehmen, so nimmt’s der Student wahr. Und vor diesem schämt er sich nicht? -- Er hielt den Leuchter über das andere Bett. Und -- auch der junge Theolog ist nicht da ...

Jetzt war noch die Sali erschienen. Als sie den Förster vor den leeren Betten stehen sah, starr vor Verblüffung, da eilte sie die Treppe herab, klammerte die Finger aneinander, indem sie dachte: Jetzt hab ich was angestellt! Mein Gott, jetzt hab ich was angestellt!

»Eierlocken werden sie sein gangen,« rief sie nachher.

»Ja freilich, Eierlocken! Jetzt bei der Nacht! Weiberleutschmecker sein s’. All zwei. Der junge Lecker auch schon, das krank Buberl! Ja, wohin soll man die Kinder denn geben zur Erziehung, wenn sie sogar im Priesterseminar nixnutzig werden! -- Plutzersakermentsbuben! Wenn ihr heimkommt, freut euch!«

Er zog sich vollends an, ging in die Nacht hinaus und horchte. Das Rauschen der Ach. Er schaute in die Gegend hinaus zu den in Berg und Tal verstreuten Hütten. Bei welcher mögen sie Unterschlupf gesucht haben? Diese und jene fiel ihm ein, die so leichtfertig sein möchte. Er ging ums Haus herum. Im Hofe sprang ihn der Waldl an; geschmeichelt von dem Besuch zu solch ungewohnter Stunde wollte er des Hausherrn Gesicht belecken. Dieser schob ihn barsch von sich und schritt weiter.

Die kühle Luft brachte sein erzürntes Gehirn so weit herab, daß er den Friedl beinahe verstand. Denn er erinnerte sich zufällig, daß auch er einmal zwanzig Jahre alt gewesen war. Jetzt ist ihm freilich schon die Zeit der Tugend gekommen, da der Mensch vergißt, daß sich alles wiederholt.

So ein Kindl, wenn’s auf die Welt kommt, wie man da gleich meint -- was Apartes. Nachher in der kindlichen Unschuld, mit dem weichen, guten Herzlein, mit den hellen Äuglein -- so was Himmelartiges! Daß man denkt, aus dem wächst sich was Besseres, das macht sich, als ob es die Sach einmal um ein paar Staffeln höher bringen könnte. Und bis so ein Ding sich auswachst, ist es der alte Adam. Ein Geschlecht wie das andere, wir kommen nicht weiter. Bei dem Älteren möchte ich’s noch begreifen, begriffe ich’s eher. Aber bei dem Kleinen! Geistlich will er werden, der Ludersbub! --

In solcher Stimmung war der Förster, als Elias ans Haustor kam. Er vertrat dem Jungen den Eingang.

»Wo bist gewesen?«

Elias erschrak und schwieg.

»Wo du gewesen bist!« rief der Förster, und rief es ein drittes Mal.

Antwortete der Junge: »Ich kann’s nicht sagen.«

»Weil es ihm in der Geistlichenschule zu streng ist,« fuhr der Förster zürnend fort, »so läßt er sich krank melden, damit er aufs Land kann und allerhand Lumpereien treiben. Beim Tag hockt er über den Büchern, dieweilen er wohl an den heimlichen Spitzbübereien sinnt. Beizeiten fängst du an mit dem Heucheln und Huren, hörst du! Die Heuchelei hab ich schon gar gern, alles wollt ich dir lieber verzeihen als diese gottvermaledeite Heuchelei. Beim Tag ja, da gibt er dem andern gute Lehren, und bei der Nacht -- Racker seid ihr!«

Elias schwieg. Starr schaute er dem zornigen Vater ins Gesicht und schwieg.

»Oder hat dich der Friedl verführt?«

»Nein,« sagte der Junge schnell und kurz.

»Wo ist der Friedl?«

Der Friedl war vorher vom Waldweg herabgekommen. An der Hausecke hatte er gehorcht, und als er nun merkte, was es gab, trat er vor. Der Förster fuhr ihn derb an, wo sie die Nacht zugebracht hätten?

»Mit der Büchse sind wir ausgewesen,« antwortete der Bursche.

Der Förster hob betroffen sein bärtiges Haupt. »Mit der Büchse?«

»Marder schießen.«

Der Förster schwieg ein Weilchen. Dann schüttelte er den Kopf. »Försterbuben. Und wissen nicht, wann man Marder schießt.«

»Ist der auch mitgewesen?« fragte er, den Studenten am Rockkragen fassend und ihn dem Friedl vorschiebend.

»Wo hast denn das Gewehr?« fragte der Friedl den Bruder.

»Unter der Brücke ist’s.«

»Unter der Brücke? Will doch einmal sehen, ob’s wahr ist,« sagte der Förster.

Da fand sich unter dem Brückenkopf das Schrotgewehr und nun sollte er es wohl glauben. Und wie gerne! Gerade gescheit ist das nicht, in der Nacht Marder schießen gehen! Aber schöner ist’s doch immer als das andere, was er geargwohnt. Und jetzt tat’s ihm leid, daß er den Jungen so wild beschimpft hatte. Er nahm den Studenten beiseite und stellte ihn scharf zur Rede, weshalb er sich bei den Anschuldigungen nicht verteidigt habe.

»Mir scheint, mit Absicht hast du mich ins Unrecht setzen wollen -- wie? So darfst du es nicht wieder machen. Ein Mann, wenn ihm unrecht geschieht, muß sich rechtfertigen. Gut, ich fordere Respekt von meinen Kindern, aber daß sie sich von mir unbegründet schmähen lassen sollen, das mag ich nicht, das schon einmal gar nicht. Irren kann sich ja der Mensch. Und da ist’s mir schon lieber, sie widersprechen mir, und wenn’s auch grob wäre. Lieber wie die Muckerei, wo man sich nicht auskennt. So -- Elias, jetzt geh zu deiner Suppe. Und merk dir’s!«

Mit diesem Sermon hatte der Alte sein ungeberdig gewordenes Herz beruhigt. Anstatt sich selbst macht man die Vorwürfe denen, so man unrecht getan hat.

Der Elias aber dann zum Bruder: »Marder schießen! Warum hast du den Vater angelogen?«

»Warum hast du mich denn nit Lügen gestraft? Bist eh daneben gestanden.«

Dachte sich der Student: ’s ist wahr, ich bin selber nichts besser.

Sie sprechen von einem glückseligen Tag

Hatte Rufmann sich diesmal gleichwohl geirrt -- angestochen war die Frage doch.

Er beobachtete den Friedl immer wieder ein bißchen. Fiel ihm weiter nichts auf, als daß er in letzter Zeit statt vorwitziger Gsangeln zarte Liebeslieder sang, ganz kurze, und gar nicht laut sang. Im Text lag’s nicht so gerade, der war feststehend, wie alle jungen Mannsleut im ganzen Tauerngebirge. an der Melodie lag’s, in ihr spürte der Vater, und er war Kenner, das heimliche Liebesatmen des Sohnes. Er hatte bald eine Ahnung, von welcher Seite der Maienhauch kam.

Und eines Tages steckte ihm’s die alte Sali vergnüglich -- die Leut täten tuscheln! Ja, ja, die täten allerhand tuscheln -- vom Försterbuben und von der Michelwirtischen!

»Ah na, das glaube ich nicht,« sagte Rufmann. Aber er glaubte es sehr schnell und er glaubte es sehr gern. Es geschieht ohnehin wunderselten, daß ein geheimes Herzensträumen wahr wird. So sehr der Alte sich entsetzte in selbiger Nacht, tatsächlich hatte er für seinen Buben Liebespläne gesponnen, lange bevor diesem von einer Frau etwas eingefallen war. Das war’s ja eigentlich, weshalb er so erschrak, als der Bub in der Nacht in Verlust geraten. Wenn er bei einer Unrechten klopfte! Und jetzt soll er warten, bis es die Jungen anzetteln, die lieben, dummen, ungeschickten Jungen. Und sollt sich blind und taub stellen, da doch schon halb Eustachen sehend und hörend ist. Hatte er nicht einen Freund, mit dem er sonst alles zu besprechen pflegte? Das halbe Anspielen und das halbe Verdecken tut’s nicht. Die halbe Wahrheit ist eine halbe Lüge. Wie Falschheit kam’s ihm vor, daß er nicht schon einmal offen über die Sache mit dem Michel geredet hatte.

Eines Tages saßen sie beisammen im Wirtsgarten. Es war ein klarer Tag nach einer klaren, kalten Nacht. Erst war das schlanke Mädel zwischen Busch und Baum dahingegangen gegen den Gemüsegarten, an dessen Rande sie auch ihre Blumen hatte, noch kaum erblüht, nur schwellend in zarten Knospen.

Die beiden Männer hatten anfangs beim Frühschoppen ein Gespräch geführt, dann huben sie an wie immer zu singen. Was gerade so anflog.

»Es waren einmal zwei Knaben, Die zogen am Morgen aus; Weiß’ Federn auf dem Hute, Das Herz voll frischem Mute -- Und kamen nimmer nach Haus. Der erste der ist begegnet Wohl --«

»So, jetzt weiß ich nicht weiter,« unterbrach Rufmann sein Singen. Da sprang der Michel ein:

»Der erste der ist begegnet Des Königs Herrlichkeit. Der tat mit Laub ihn zieren Und auf das Schlachtfeld führen Wohl zu dem Todesstreit.«

Nun wußte der Förster schon weiter:

»Der andre der ist begegnet Wohl einer schönen Frau. Der tat aus Lieb erblinden Und konnt den Weg nit finden Zurück ins Vaterhaus --«

»Du bist um einen halben Ton zu tief gewesen,« sagte der Michel.

»Es tut’s nicht mehr recht. Ohne meine Laute ist’s nichts.«

»Lassen wir’s gehen,« sagte der Michelwirt. Dann schwiegen sie. Der Förster räusperte sich. Da sprach der Michel: »Was hab ich nur sagen wollen? Ich hab dir was sagen wollen.«

»Ich habe dir auch was sagen wollen,« drauf der Förster.

»Ja richtig, Paul. Einen guten Tag müssen wir uns einmal antun. Weiß nit, was das ist, im heurigen Frühjahr kommt mir das Sonnenlicht nit so hell vor wie sonst. Wir müssen uns öfter einen lustigen Tag machen.«

»Ja, wenn man das immer so könnte!«

»Du, man kann’s! Rufmann, man kann’s! Nur Übung! Mir fehlt sie ja selbst noch arg, die Übung. Im Denken sind wir alle noch Stümper. Können uns das Angenehme nit stärker vorstellen wie das Unangenehme. Das muß gelernt werden. Nachher ist’s gewonnen. Was man sich denkt und einbildet, das ist.«

»Ach, mit deiner Einbildung!«

»Geh, Freund, laß mir diese Einbildung,« sagte der Michelwirt, »wenn ich sonst nimmer aus weiß, flüchte ich zu ihr. Sie ist mein Extrastübel.«

»So sollst es haben, dein Extrastübel.«

»Und lachest mich doch heimlich aus. Aber es ist einmal so. Ich sag dir, es ist so. Jeder kann sich die Welt machen, wie er sie haben will. Er denkt sie so.«

»Nicht einmal eine Kegelkugel lauft, wie man sie schiebt, und erst die Weltkugel wird laufen, wie man’s denkt!« sagte der Förster. »Was hilft’s, wenn ich mir zehnmal denke, die Waldbäume sind frisch und gesund, wenn sie doch ihre Wunden haben und dieser verdammte Pechschaber wieder da ist. -- Was hilft’s, wenn ich mir denke, meine Buben sind unschuldige Kinder, dieweil sie doch schon brandluntenheiß verliebt sind.«

»All zwei?«

»Wenigstens der eine für zwei, der Friedl.«

Der Michelwirt spielte ein erschrockenes Gesicht und antwortete: »Verliebt! Um des Himmels willen, wird doch das nit sein! Ein zwanzigjähriger Bursch verliebt! Das ist unerhört.« Dann sprang er über: »Sag mir, Rufmann, hast du nie ein Liebeslied gesungen? Wie singen sie sich denn am schönsten, allein oder zu zweien?«

»Du hast recht, du hast recht,« sagte der Förster, denn nun hatte er den Wirt dort, wo er ihn brauchte.

»Michel, tut dein Töchterl, die Helene, auch gern singen?«

»Das kannst dir denken. Aber nur, wenn’s niemand hört. Mir scheint, das Mädel schämt sich, daß es singen kann.«

»Was wolltest du denn sagen, Freund, wenn mein Bub deinem Mädel das Schämen -- wegen des Singens meine ich -- abgewöhnen möchte?«

»Wenn sie gut zusammenstimmen, warum denn nit?«

Das war Wortes genug. Der Förster brauchte nicht mehr. Er blieb gleichmütig. Jetzt hatte er Grund unter den Füßen. Und sagte: »Erst muß er mir noch auf eine Forstschule. Aber ich halte es gut für einen jungen Menschen, wenn er frühzeitig weiß, wem er zugehört.«

»Desweg sag ich ja, Rufmann, wir werden noch einmal einen glückseligen Tag miteinander haben.«

Solches ist gesprochen worden im Wirtsgarten zu Eustachen.

»Der andre tat begegnen Wohl einer schönen Maid, Der tat vor Lieb vergehen, Und ist ihm wohlgeschehen In alle Ewigkeit.«

Sie sangen es selbander und merkten nicht, daß sich das Lied gleichsam von selbst umgedichtet hatte.

Der Tag war heiß geworden. Und als die Sonne herniederbrannte und die Sänger nach besserem Schatten sich umsahen, merkten sie, daß an den Fichten die jungen Triebe welk niederhingen.

»Bissel Nachtfrost haben wir gehabt,« sagte der Förster. »Ich hab’s gleich am Morgen bemerkt, die ganze Wiese vor dem Hause grau. Das macht nicht viel, bei uns oben. Im Gebirge tut das noch nichts um solche Zeit. Ihr da in Eustachen seid wohl rund um zehn Tage voraus. Euch meint es der Ringstein gut, der den Tauernwind bricht. Aber trutz sag ich, ihr müßt warten mit dem Kohlpflanzensetzen noch ein paar Wochen.«

Auf dem schmalen Kiesweglein heran kam wieder das schlanke Mädel langsam und nicht gar lustig. Es glaubte sich allein und zupfte an einem Ruckerl Blütenblättchen ab. Dann warf sie das Blümlein zornig zu Boden und murmelte: »Wenn er nur einmal was sagen tät!«

»Nun, Helenerl, was treibst du, was träumst du, was denkst du?« so grüßte der Förster.

Sie erschrak ein wenig, tat aber nichts desgleichen.

»Meine Freud ist umsonst gewest,« sagte sie heiter, als wäre das spaßig. »Alle Blumen sind hin.«

»Mach dir nichts draus, mein Kind, sie kommen wieder.«

»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht!« summte der Michel.

Elias bleibt lieber daheim

Auf seine Anfrage ans Seminar, wann für Elias der Urlaub zu Ende sei, war der Bescheid gekommen, der Junge könne selbstverständlich jeden Tag einrücken. Sollte es aber zu seiner völligen Kräftigung notwendig sein, so wolle man raten, ihm das Jahr dreingehen zu lassen, daß er sich im Herbste zum neuen Schuljahre gestärkt einfände.

Rufmann besprach sich darüber mit dem Michelwirt. Der fragte zuerst, was dem Studenten eigentlich fehle? Man merke ihm nichts an. Der Förster gab zu, daß er selber nicht klug werde.

»Die Sonne will ihn nicht bräunen. Und leicht ermüdet, wie Jungen in diesem Alter schon sind, wenn sie stark wachsen. An Appetit fehlt’s gerade nicht; Kostverächter, sagt die Sali, wäre er keiner. Auf den Rahmkaffee, sagt sie, gehe er wie ein Wolf aufs Schafblut. Aber« -- so schilderte Rufmann weiter -- »zu wenig lustig ist er mir, zu totig, lost so herum. Bissel schneidiger, wenn er wäre.«

»Die Stadtkrankheit hat er,« sagte der Michel. »Nervös ist er. Beim Studieren hat er sich überanstrengt. Das gefällt mir von seinem Rektor, daß er ihm Urlaub gibt zu einer gründlichen Kräftigung. Daß das Werkzeug fest sein muß, wenn der Geist was leisten soll, das wollen die gelehrten Herren sonst nit immer einsehen. Laß ihn halt heraußen ein halbes Jahr.«

»Ein Jahr länger in der Sorge. Ist halt bitter,« meinte der Förster.

»Es bezahlt sich, Rufmann. Es geht nachher um so flotter vorwärts. Endlich und schließlich, mein Freund, sollst du nit vergessen, daß auch unsereiner ein Recht hat auf das Patenkind. Kannst du dich noch erinnern, bei der Taufe, wie ich ihm den Namen Elias hab ausgesucht? Der Himmelfahrer. Und daß er, hab ich spaßeshalber gesagt, nobel fahren kann, wie sein Namenspatron. Hast du drauf gesagt: dann sollt ich ihm schon auch den feurigen Wagen dazu kaufen --«

»Aus Fürwitz, Michel, aus Fürwitz.«

»Wenigstens für ein Radel dazu werd ich doch gut sein. Feurig machen muß er den Wagen freilich selber, wenn er für den hochwürdigen Beruf die rechte Begeisterung hat.«

Dachte der Förster: Ein Radel? Wie ist jetzt das wieder gemeint? Und der Michel redete weiter: »Ob unser Elias einmal mit einer bischöflichen Kalesch wird fahren, das ist stark ungewiß. Wie mir scheint, tut er sich mehr auf einen frommen Landpfarrer zusammen als auf einen Kirchenfürsten.«

»Wäre mir alles eins, nur daß er sein Amt ordentlich erfüllt, das liegt mir an. Ist aber nicht zu glauben, Michel, wie diese zwei Brüder unterschiedlich sind! Nur ein Viertel, wenn der Student von des andern leichtem Sinn hätte! Und der andere so viel von des einen Ernsthaftigkeit und Frommheit. Wenn man die könnte so ein bissel durcheinanderschütteln, wie, möchte ich sagen, der Pfarrer beim Altar Wasser und Wein.«

»Laß nur Zeit,« sagte der Michel, »unser Herrgott wird den Kelch schon schütteln. Bis der Friedl nur erst den Lebensernst kennen lernt -- es pressiert nit! Laß es nit pressieren, Rufmann! -- Dann wird er schon ernsthaft werden. Und wird auch er nit verschont bleiben von harter Zeit. -- Die macht den Menschen fest oder matt. Matt macht sie deinen Buben nit, dafür steh ich fest. Und beim andern, beim Elias, wird’s so sein: Der kommt erst zum leichten Sinn, bis er an anderen und sich selbst einmal erfahren hat, wie hart es hergeht auf der Welt. Jetzt besteht sein Welt- und sein Himmelglauben noch aus Buchstaben. Später wird er aus Arbeit, Leiden und Mitleiden bestehen. Und um solche Zeit wird der Mensch, der einen Kern in sich hat, erst geweckt und heiter. Elias ist zu früh ins Institut gekommen; ist schon derowegen nit schlecht, wenn er jetzt ein wenig herumsteigen kann und sehen, wie’s ausschaut in der Welt.«

»Ich werde ihn einmal fragen, ob er jetzt lieber ins Seminarium will oder daheim bleiben im Forsthaus.«

»Frag ihn. Wollen’s einmal sehen. Dir ist’s lieber, wenn er sagt: Seminarium. Mir ist’s lieber, wenn er sagt: Forsthaus.«

Eine Freude war es dem Rufmann, wie der Michel diesmal wieder gesprochen hatte, so recht aus der Wirklichkeit heraus. Der Wirt aber hatte sich dabei gedacht: Ich muß ihm so sprechen, daß er sich die Sache von besserer Seite kann einbilden. Er bildet sich den Buben ja doch weitaus am liebsten so ein, daß er daheim ist. --

Und am nächsten Sonntag, als der Förster und Elias miteinander von der Kirche gingen aus Ruppersbach, sprachen sie davon. Auf die Frage, was ihm lieber sei, antwortete zuerst der Student, er gehe gern ins Seminar, und er bleibe auch gern daheim.

»Das ist wieder einmal keine ordentliche Antwort, Bub! Deine Herren Professoren wünschen vor allem, daß du gesund werdest.«

»Aber Vater, was ihr nur habt. Ich bin ja gar nicht krank.«

»Also willst du wieder hinein?«

Jetzt schwieg der Junge und ging still hinter dem Vater einher. Als dieser einmal umschaut, hat der Student nasse Augen.

»Mir scheint, Elias, du bleibst jetzt doch noch lieber daheim!«

Barg der Junge sich leidenschaftlich schluchzend an des Vaters Brust: »Ich bleibe gern daheim. Ich bleibe viel lieber daheim. Mein Vater -- ich mag nicht fort, ich bitt dich, laß mich daheim bleiben!«

Das war Antwort genug.

Wer hat dich aufgebaut, du hoher Wald!

Um das Forsthaus, wie sehr es auch im kühlen Schatten der Berge steht -- begann sachte die Herrlichkeit.