Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen
Part 6
Der Friedl hatte das seine vom Wirtshaus nicht aufs Spiel gesetzt, sondern es mit dem Sacktuch umwickelt, in der Tasche geborgen, und mit den übrigen gewann er so viel, daß er die Kameraden einladen konnte zu einem Eierschmaus, wobei die versehrten Stücke völlig entschält und die hartgesottenen, glänzend weißen Eierleiber, Eiweiß und Dotter mit Salz verzehrt wurden. Die Gerhaltbuben hatten in einem früheren Jahre einmal die Erfahrung gemacht, wie weit das gehen dürfe mit dem Verzehren harter Eier, so ließen sie es mit vier oder fünf Stücken gut sein, die übrigen schenkten sie kleinen Buben, die beim Eierlocken noch nicht so glücklich gewesen waren als die großen.
Als der Friedl heimwärts ging, traf er auf der Straße den Kruspel, der wollte ihm Eier abbetteln. Da sagte der Försterbub spottweise: »Willst ihrer haben, so geh selber locken. Kannst auch bei der Michelwirtstochter anfragen. Vielleicht kriegst wieder was.«
Da fuhr der Straßenschotterer wütend auf ihn los.
Der Bauernfeiertag
Am Osterdienstag ging’s wieder ausgelassen her beim schwarzen Michel in Eustachen. Der Osterdienstag ist einer jener Bauernfeiertage, an denen die Leute nicht arbeiten und auch nicht fromm sein wollen.
»Die Kleinfeiertagssünden hab ich allerweil am liebsten!« rief ein derber Bauernknecht in der Wirtsstube und setzte sich zwischen zwei dralle Mägde, an deren Wangen weniger die Jugend als der Wein blühte. Beim anderen Tisch spielten ihrer etliche Bauern Karten. Mit dem »Zwicken« hatten sie angefangen, mit dem »Einundzwanzigerln« wollten sie weiter tun. Der Michel nahm ihnen das Kartenbüschel auf. Sie meinten, er wolle es mischen, aber er steckte es in die Tasche.
»Das Einundzwanzigerln, meine lieben Leut, das ist verboten. Wer’s nit glaubt, der soll die Polizeiordnung fragen, sie hängt an der Tür.«
»Laß sie hängen. Die Polizeiordnung brauchen wir nit und deine Karten auch nit!« Scharf rief es einer und zog aus seinem Rocksack ein anderes Kartenbüschel.
»Brav bist,« lachten dem die andern zu, »ein guter Christ tragt sein Gebetbüchel immer im Sack bei sich. Also, na, vorwärts! Ausgeben!«
Bei einem dritten Tisch hatten sie gewürfelt und waren dabei strittig geworden. Der Wirt trachtete, sie zu beruhigen. Einem besoffenen Schneider verweigerte er weiteren Trank. Da wollte ihm der äußerst Gekränkte das leere Bierglas an den Kopf werfen.
»An den harten Steirerschädel? Schad ums Glas,« lachte ein anderer und nahm es dem Betrunkenen weg. Da fuhr der Schneider so heldenhaft auf, als wollte er einen Mord begehen, stolperte aber an dem Tischpfosten und fiel um.
Das beste Mittel, die wilden Tiere zu zähmen, war fast allemal, wenn der Michel zur Zither griff; doch heute waren ihnen seine Lieder nicht »geschmalzen« genug. Almlieder, Jägerlieder -- fades Zeug. Da wußten sie selber was »Feineres«.
»Bin gestern gong gasseln Zas Nochbarn sei Dirn. Hons Fensterl nit troffn, Hon za da Goas einigschrian.«
Und der Nächste folgendes:
»Annamirl, tua lei lisn losn, Wia da Vigl-Vogl sche singg in Wold! Annamirl, mochs Fensterl auf, Mir is scha kolt. Mir is scha kolt ban Steh, Dirndl moch auf!«
Das wiederholte ein anderer so:
»Annamirl, tua lei lisn losn, Wia da Vigl-Vogl sche peckt ba da Nocht ...«
»Gebt’s aufs Feuer acht, es sind Schindeln aufm Dach!« so unterbrach der Wirt, denn es gab auch Leute in der Stube, die für solche Sachen noch schreckige Ohren hatten. Deswegen hub der Wirt was anderes an:
»Han ih denn nit a schens Hüaterl auf! Han ih denn nit a schens Federl drauf!«
Alsbald fielen andere singend ein:
»Mei Federl, mei Hüaterl, juchhe! Bi mein Votern sei lustga Bua!«
Der Michel sang weiter:
»Han ih denn nit a schens Röckerl an! Han ih denn nit a schens Knöpferl dran!«
Und die anderen:
»Mei Knöpferl, mei Röckerl, Mei Federl, mei Hüaterl, juchhe! Bi mein Votern sei lustga Bua!«
Der Michel:
»Han ih denn nit a schens Schuacherl an! Han ih denn nit a schens Schnallerl dran!«
Die anderen:
»Mei Schnallerl, mei Schuacherl, Mei Knöpferl, mei Röckerl, Mei Federl, mei Hüaterl, juchhe! Bi mein Votern sei lustga Bua!«
Am Tischlein neben dem Uhrkasten saß ein ältliches Ehepaar, das wollte seinen häuslichen Zank abwechslungsweise einmal im Wirtshaus abwickeln. So oft er aus seinem Glase einen Trunk tat, fiel sie ihm in die Hand: »Sein laß! Hast eh schon zu viel!« Und keifte ihm ins Gesicht hinein, dieweilen er mit der Faust vor ihrer Nase fuchtelte.
Immer noch mehr Leute kamen. Die Stube war schon voller Dunst und Tabakqualm, Gelächter und Geschrei und Gefluche darunter. Die Kellnerin eilte hin und her, aus und ein: »Was schaffens? Bier, Wein, weißen, schwarzen? Kuttelfleck, Rostbraten, Kälbernes?« Doch die Stimmung war schon weniger für »Kuttelfleck« als fürs Fluchen, Zündeln und Raufen.
»Ich weiß nit,« sagte das buckelige Weberlein aus Ruppersbach, das an der Ofenbank saß, zutraulich zum Michel, »wegen warum die Leut gar a so tun schimpfen. Ist eh so viel gemütlich im Wirtshaus. Wär eh so viel gemütlich, wenn die Leut nit alleweil taten schimpfen. Warm ist’s schön. ’s Weinl ist gut, schön plauschen kann man miteinand und ein Fried hätt ma, wenn d’ Leut nit alleweil taten schimpfen.«
»Recht hast, Weber,« gab der Michel bei, »ja, wenn halt all so wären wie du, selm wohl, selm!«
Wurde der Kleine noch zutraulicher und lispelte: »Gelt, Michel, wenn _sie_ kommt, wenn _sie_ gach kommt, du tust mich verstecken?«
»Wer soll denn kommen?«
»Meine Alte, mein, du! Bin nit ein Augenblick sicher; gelt, du bist so gut und sagst, ich bin nit da. Dir glaubt sie’s schon. Mir tat sie’s nit glauben. Mir tut sie gar nix glauben. Mich tut sie ausgreinen,« gestand er weinerlich. »Mein lieber Michel, du glaubst es nit! Alleweil, den ganzen Tag tut sie greinen.«
Bei diesem Eingeständnis verfiel der Weber in ein solches Selbsterbarmen, daß der Michel schelmisch seinen Kopf zwischen die Schultern niederzog, die Lippen über die Zähne einkniff und mit dünner Greisenstimme dem Unglücklichen zum Sänger wurde:
»Der Wirt is mei bester Freund, ’s Weib is mei größter Feind, Daß doh de Weiber So zwider mögn sei!«
Allsogleich sangen es an den Tischen mehrere nach, unter der Melodie eines Wallfahrerliedes, und kreischend wurde es wiederholt:
»Und daß doh de Weiber, de Weiber, de Weiber So zwider mögn sei!«
Durch den Küchenschuber kam fortwährend dampfende, duftende Gottesgab herein: Braten, Triet, Kuttelfleck, Lüngerln, Kaffee. Und fiel es dem Michel ein: Während wir da das närrische Spottlied lärmen, ist die Frau ununterbrochen mit Fleiß und Sorge tätig, daß die Gäste befriedigt werden. Und wann denn eigentlich ihm, dem Michel, die Frau Apollonia Anlaß gegeben habe, solche Liedeln laut zu machen? Auch seine brave, gute Hausfrau mit zu beschimpfen, um die besoffene Bande zu unterhalten? Ein Grausen befiel ihn. Den Hausknecht rief er: »Poldl, geh, bind die weiß Schürzen um und hilf der Kellnerin einschenken. Ich hab ein Weg zu machen.«
Holte in seiner Stube Rock und Hut und ging davon.
Die Luft war feucht und kühl, es hatte geregnet. Eine friedsame Stille, und dieses leichte, reine Atmen! Wie töricht, in einem dumpfen, stinkenden Kasten zu sitzen, zu schreien, zu fluchen, zu schweinigeln, sich krank zu fressen, sich zur Bestie niederzusaufen! Und das nennen sie Feiertag, das ist ein Bauernfeiertag! --
Am Dorfende, wo die Landstraße hinausführt über die braunen Felder, die stellenweise anhuben zu grünen, arbeitete der Kruspel. Mit einer eisernen Krücke kraute er den Straßenkot ab, um ihn dann auf der Schiebtruhe wegzuschaffen.
Da dachte der Michel: Das ist zwar eine Dreckarbeit, aber ist Arbeit. Und noch dazu eine ehrliche. Ich bin der Wirt zum schwarzen Michel, vor dem alle den Hut rucken, und meine Arbeit weist nicht so viel Rechtschaffenes auf wie die da von dem Straßenputzer. Der schafft den Dreck weg, ich sammle ihn an, eine ganze Stuben voll. Und muß den Kasperl spielen, damit dieser Unflat auch genügend Kurzweil hat. Wegen der paar Groschen da! Ekelhaft. Vor Zeiten, da die Straßen noch voller Leute und Fuhrwerk sind gewesen, ja, da haben solche Wirtshäuser auch was Ordentliches vorgestellt. Und die Wirte schon auch. Ihre Schilder über dem Tor sind ferme Adelswappen gewesen. Mein Vater, Michel Schwarzaug wie ich! Ha, lachen muß ich! Der hat sich auf den schwarzen Michel einen Kren eingebildet. Beim Wirtshaus ist das Schild die Hauptsach’, hat er gern gesagt. Seit einhundertdreißig Jahren sind die Schwarzaugen auf diesem Einkehrhaus und seit so lange heißt’s zum schwarzen Michel; hat jeder Bub, der das Haus übernommen, Michel heißen und schwarz Aug’ und Haar haben müssen. Und wenn ich blond wär’ gewesen, hätt’ er mich verjagt, wie ein strohgelber Bruder meines Großvaters verjagt worden ist. Das Schild, ja, das ist rein geblieben derweil. Aber das Einkehrhaus will zu einer Lumpenschenke werden. Dazu paß ich nimmer und mein Weib auch nit und die Helenerl schon gar nit. Wenn’s ein Touristenwirtshaus wäre, ein Alpenhospiz. Wo die harten Stein- und Eisberge, die wilden Wetter Wacht halten, eine heilige Wacht in der Hochwildnis, daß keine Sündhaftigkeit und kein Frevel mag aufkommen. So ein Bergwirt in der Einsam, zu dem nur die fröhlich-frommen Naturanbeter hinaufsteigen, was kann er schaffen, wie vielen Leuten kann er Gutes tun und wie dankbar sind sie für die Heimstatt, für die wirtliche Sorgfalt in des Wetters Unbill und in den Gefahren der Hochtouren.
So sann der Michel. Mit Wehmut fast erinnerte er sich ans alte Hospiz auf dem Hohen Tauern, wo er einmal eine Weile Kellnerjunge gewesen. Das ganze Haus stand im Dienste der Nächstenliebe. Immer die geheizte Stube, die warme Suppe, wartend auf den erschöpften, halberstarrten Ankömmling. Immer stieg jemand auf den Moränen umher, sah und horchte hinab in die Kare, in die Wände, in das Eis, ob nicht etwa jemand in Not sei. Aus vielen Ländern kamen hochgemute Menschen zusammen, fanden sich gegenseitig brüderlich bereit zum Beistand. Alles war lautere Kraftfreude, Naturfreude. Am Abend mahnte der Wirt beizeiten die Gäste zu Bette, auf daß sie am nächsten Frühmorgen mit frischer Begeisterung des Hochgebirges Herrlichkeit genießen und feiern konnten. Ja, da weiß der Wirt, wozu er auf der Welt ist.
»Na, Michelwirt!« sagte er laut zu sich selbst. »Für so was bist du zu alt. Angehender Fünfziger, da zahlt sich keine große Veränderung mehr aus. Aber so kann’s auch nimmer lang bleiben.«
Damit war sein Sinnen nicht zu Ende. Das spann sich weiter: Zuletzt ist eins wie’s andere. Wie sich’s der Mensch einbildet, nit anders. Wie er sich’s einbildet. Ja, wenn’s so wär, daß der Mensch sein Leben, wenn es aus ist, allemal beim Anfang wieder anheben könnt! Oder müßt! Und wiederholen, eins wie’s anderemal, ganz gleich. Nachher möcht sich’s schon auszahlen, daß man betrübt wär um das verpfuschte Leben, das immer gleich verpfuscht wiederkehrt. Nachher schon. Aber so nit. So zahlt sich’s nit aus, daß sich einer abgrimmt wegen der paar Jahrln da. Vorher nix und nachher auch nix. Bissel Einbildung, paar besoffene Bauern da, haben’s eh hart auf der Welt, nix Gutes. Bisweilen eine Sauerei, wenn sie sich dabei unterhalten. Warum nit! Ist ihnen zu gunnen. So muß man sich denken; aber Schandbares nix, nur nix Schandbares einbilden. Bissel ehrbar sollt’s wohl hergehen im Kopf und im Haus, wenn man schon meint, daß eins ist. Aus den schwarzen Micheln ist ein blondes, blauäugiges Dirndl worden, mit den Schwarzaugen ist’s aus. Aber auch ums Blauäuglein herum -- wenn man sich schon einbildet, daß eins ist -- muß es ehrbar hergehen. Immer kommt mir für, es steht eine Veränderung vor. So kann’s nimmer lang bleiben.
Es war dort, wo die Straße auf einer langen Holzbrücke über die Mur führt, hinauf gegen Sandau und Sandwiesen. An der Brücke kehrte er um; aber nicht mehr auf der Straße ging er zurück, sondern am Fußsteig, den Fluß entlang. Er schaute ins Wasser, wie es in hohen braunen Wellen daherwogt mit stiller Gewalt, ohne Rauschen und Brausen. Aber der Boden dröhnte leise. Ist es der Regentage wegen oder ist im Hochgebirge schon die Schneeschmelze eingetreten?
Auf einem Uferstein sitzt ein fremder Mensch im schwarzen Gewand und hält die Angelstange über das Wasser hinaus, zieht sie aber nie in die Höhe. Der Michel steht hinter einer Weide und schaut dem Fischer zu, will just einmal wissen, wie lange bei Fischern die Geduld vorhält. Ja -- sie hält bei Fischern länger vor als bei Wirten; der Mensch sitzt unbeweglich da und hält die Stange unbeweglich hinaus. Da tritt der Michel ihm nahe und spricht mit Fröhlichkeit: »Ja, will denn gar nix anbeißen?«
Der Fischer schaut nicht erst um, wer es sei, der da fragt, gleichgültig gibt er zur Antwort: »Anbeißen schon, aber ’s ist allemal nur ein Fisch.«
»Ja, mein Lieber, was wollt Ihr denn sonst fischen?«
»Menschen --«
Der Michel schüttelte seinen schwarzlockigen Kopf und ging seines Weges. Den Mann hatte er nicht gekannt. Menschen will er fischen, wie Petrus, vielleicht auf Gassen und Straßen, oder in Wirtshäusern? Gut. Aber aus dem Wasser Menschen! ...
Der Einbildung hing er noch lange nach.
Dann wollte er durch die Au und das Lärchenwäldchen ins Dorf zurückkehren. Allein hier war das Wasser ausgetreten und aus dem trüben Spiegel standen die Bäume auf. Er mußte wieder zur Straße hinüber.
Dort setzte sein Sinnen neuerdings bei den schwarzen Micheln ein und wieder mündete es beim blonden Mädel aus. Was wird die einmal für einen fischen? Na, die fischt nicht, im Gegenteil, daß sie nur nicht einmal wo anbeißt! Angeln tun ihrer etliche. Recht oft beobachtet er heimlich. Sie ist das stille, heitere Dirndel wie immer. Ahnt es gar nicht, wie sie von den Augen junger Männer aufgegabelt wird. Es wäre freilich ein leichtes Anheiraten, so ein Mädel, so ein Wirtshaus; das berufenste in der ganzen Gegend von Löwenburg bis in die Sandau hinauf. Sie wird keine schlechte Auswahl haben, ja, sie müßte eigentlich schon drauf gekommen sein -- auf den rechten --. Wollt mich wundernehmen, wenn sie alleweil noch nix tät merken! Oder ist’s ein stilles Wasser? Ein tiefes?
Und war es, daß der Michel schon in der nächsten Viertelstunde zweien Verehrern seines Töchterleins begegnen sollte.
Mitten auf der Straße waren zwei Burschen aufeinander geraten, ineinander verschlungen zu einem heftigen Ringen. Der eine suchte den anderen von sich zu schleudern, der andere klammerte sich an den einen fest und wollte ihm ein Bein stellen. So fuhren sie wie ein wildes Tier mit vier Beinen quer auf der Straße hin und wieder, strampfend, schnaufend -- wortlos. Es waren der Straßenarbeiter Kruspel und Försters Friedl. Der Michel, der von den Ringenden nicht bemerkt wurde, schaute wohlgefällig zu. Buben müssen raufen, das macht sie stark und mutig. Und der Stärkere wird wohl der Försterische sein! Er war es nicht, wenigstens nicht der Abgefeimtere. Plötzlich lag er, durch eine tückische Wendung hingeschleudert, daß der Straßenkot hoch aufspritzte. Der Kruspel ließ aber nicht ab, er stürzte sich auf den Unterliegenden, stemmte ihm die Knie in den Magen, krampfte seine Finger in die Gurgel und würgte ihn. Als er den Michelwirt gewahrte, wie dieser fluchend herbeisprang, stieß er dem Försterischen noch rasch zweimal die Faust ins Gesicht, ließ los und flüchtete sich mit großen Sätzen in den Lärchenschachen.
Der Friedl sprang auf und wollte jenem nachlaufen. Gerade vor dem Michelwirt, denn er schämte sich, unterlegen zu sein.
»Oho!« rief der Wirt und fing ihn ab. »Im jetzigen Festanzug kannst nit heim. Komm, wir gehen durch den hinteren Hof ins Haus und in meiner Stuben ziehst du einen anderen Menschen an.«
Der Friedl, der sich erst den Lehm aus dem Mund sprühen, aus den Augen reiben mußte, sah es wohl ein, daß er in seiner schmutztriefenden Gestalt für alles unmöglich war; er flüchtete sich in das ihm vorgeschlagene Versteck, um sich in den Jägeranzug des Wirtes zu hüllen.
Der Wirt selbst hatte stark im Gastzimmer zu tun. Dort waren sie während seiner Abwesenheit glücklich raufend geworden und hieben mit Fäusten und einstweilen noch zugeklappten Messern aufeinander. Die Weibsleute hatten sich in die Küche eingesperrt. Der Hausknecht versuchte, den Frieden mit einem Heugabelstiel herzustellen. Den Stiel fing ihm ein Bauernbengel ab und wollte dann den Hausknecht behandeln wie ein Fuder Heu, da trachtete dieser seiner eigenen Sicherheit zu. Mitten ins Gepolter hinein trat nun der Michel. Da duckten sie ein wenig ab. Vor dem kleinen schwarzen Mann hatten sie Respekt. Wußten nicht warum, aber hatten ihn.
»Ja, Leuteln, was machts denn da!?« sagte er.
Mit gellendem und mit heiserem Geschrei wollten sie ihm die Ursachen des Streites beibringen; jeder war der Unschuldige und alle anderen waren die Lumpen und Hunde und Ochsen. Jeder rief den Wirt zum Schiedsrichter an und verlangte, daß er die anderen durchhauen helfe, wenigstens durchhauen lasse. Blut gab es auch schon, einstweilen nur aus den Nasen.
»Aber Nachbarn und Kameraden,« rief der Wirt, »wenn ich vermitteln soll, so muß der Handel erst ruhig besprochen werden. Das wollen wir auf dem Anger draußen machen. Unter den Linden. In der Stuben ist mir die Luft zu schlecht.«
Schreiend und lallend torkelten sie über die Schwellen hinaus, und als alle draußen waren, schrie ihnen der Michel nach: »Geht heim und schlaft euch aus!« Und warf hinter ihnen die Tür ins Schloß.
So ist der Bauernfeiertag würdig beschlossen worden.
Zwei Knaben gehen aus bei der Nacht
Es war tiefnächtig.
Elias lag im Bette und seine frommen Betrachtungen über den Schlaf gingen in diesen über und wurden Träume. Da kam der Friedl nach Hause. Manchmal schon war er zur Nachtzeit heimgekommen, aber so vorsichtig hatte er die Tür noch nie auf- und zugemacht, so leise war er wohl noch nie durch die Stube geschlichen. Ohne Licht zu machen, zog er sich aus, pferchte das Gewand auf dem Boden seines Kastens zusammen und suchte seine Werktagskleider hervor für den morgigen Tag. Niemand sollte es wissen, was ihm passiert war. Dann aber schrie er aus dem Schlafe auf, so laut, daß Elias wach wurde. Der glaubte, den Namen Kruspel gehört zu haben. Am nächsten Morgen fiel es ihm auf, daß der Friedl nicht lustig war, daß er schiefe Wangen hatte und am Kinn eine Hautabschürfung.
»Fehlt dir was, Friedl?« fragte er.
»Halt’s zsamm!« schnauzte ihn der Bruder ab. Weiter nichts, aß seine Rahmsuppe, nahm das Beil über die Achsel und ging davon.
Darüber war Elias den ganzen Tag gedrückt. Er hatte sich in Schulgegenständen Wiederholungen auferlegt; aber im Latein stand der Friedl mit vergrämtem Gesicht, in der Mathematik stand der Friedl schweigsam und finster, das eiserne Beil auf der Schulter. Elias hatte Angst und wußte doch wieder nicht warum. Sind ja so viele Leute ungut aufgelegt, wenn nach einer Reihe von Feiertagen wieder der Werktag kommt. Warum soll denn just der Friedl immer lustig sein! Und hat er ihn nicht schon selbst zu größerer Ernsthaftigkeit ermahnt, wenn er zu lustig war? Und warum soll er nicht das Beil auf die Achsel nehmen, wenn er in den Holzschlag geht? Da nahm sich der Junge vor, recht angelegen lieb zu sein mit seinem Bruder, wenn er am Abend zurückkommt von der Arbeit.
Um die gewöhnliche Stunde kam er zurück, aber nicht mit einem Scherzgruß, wie er sonst die Seinen zu begrüßen pflegte. So wortkarg war er beim Abendessen, daß ihn der Vater fragte: »Ist dir was, Friedl?«
»Nein!«
Bald ging er zu Bette, lag so ruhig, als ob er schlafe. Aber plötzlich, als längst alles still geworden war im Hause, sagte der Friedl halblaut und kalt: »Den Kruspel muß ich umbringen.«
Elias hatte es gehört. Hatte es schrecklich verstanden und doch nicht verstanden. Er stand auf, zog sich an und setzte sich ans Bett zu Häupten des Bruders. Dort blieb er unbeweglich sitzen, wohl eine Stunde lang. Zu den Fenstern schien der Mond herein. Elias wußte nicht, was das war. Er betete. Dann legte er seine kühle Hand ganz leicht auf das Haupt Friedls.
»Geh schlafen,« sagte dieser, »umbringen nit, aber ein Denkzettel soll der kriegen!«
Wagte es der Student und fragte beklommen: »Friedl, was hat’s denn gegeben?«
Der Friedl richtete sich im Bette auf. -- »Vorgestern, ich will heimgehen vom Eierlocken. Beim lichten Tag ist’s noch. Auf der Straßen bei dem Lärchenschachen der Wegmacherbub. Wir warteln. Er springt her, packt mich an. Ich wehr mich, er schlägt mir das Bein aus, würgt mich, stoßt mir die Faust ins Gesicht -- zweimal, das für die Michelische, sagte er, und das für dich! Der Michelwirt ist just dahergegangen, da lauft er davon.«
Der Friedl krümmte sich zusammen und dann stieß er zwischen den Zähnen hervor: »Und ich bring ihn doch um.«
»Also gerauft habt ihr,« sagte Elias völlig erleichtert.
»Raufen nennst du das, wo er das Mädel mißhandelt. Gerade so gut wie sie persönlich. Wenn er einmal sagt: das ist für die Michelische! Weil sie ihm damals eine hat gegeben, so hat er ihr jetzt die dreckige Faust ins Gesicht gestoßen, dieser Schandbub, dieser Straßenräuber! Dieser Erzgalgenstrick!«
Elias war beinahe froh, als der Bruder endlich fluchte. Das in Wut halberstickte Erzählen ohne allen Schimpf war unheimlicher gewesen.
»Mußt denken, Friedl, sie hat nix davon gespürt.«
»Gespürt? Dummian! An dem ist’s ja nit!«
»Weiß sie was davon?«
»Der Narr bin ich nit, daß ich ihr’s hätt gesagt.«
»Nun schau, wenn sie nichts davon weiß! Und bist du nicht froh, daß du was für sie hast leiden können?«
»Ich denke, mein Lieber, der Wegmacherbub wird was für sie leiden müssen, _dann_ werde ich froh sein.« Er biß die Zähne aufeinander, daß sie knirschten.
»Aber Friedl,« sagte Elias, »wer wird sich denn wegen solcher Sachen so giften! Hast ja selber den Schaden vom Giften. Der Kruspel lacht, wenn er’s erfährt, daß er dich so wurmen kann. Der Wegmacherbub ist Luft und sonst gar nichts, so mußt du denken. Und dir nichts machen aus ihm. Hernach gift’t er sich.«
»Großartig, wie du gescheit bist, Student!«
»Mein Gott, ich gescheit!« antwortete Elias einfältig. »Wie soll denn ich gescheit sein können! Hab noch nichts erlebt. Kann mir wohl denken, daß es schwer sein wird, zu verzeihen, wenn einer so was am eigenen Leib erfahren hat. Aber schau, der Christ muß sich was gefallen lassen können. Bist ja im Vorteil. Denke, wenn _du_ so gemein wärest wie der Kruspel, _das_ wär ein Jammer! Er ist ein starkes Tier und hat dich auf den Erdboden geworfen. Du bist ein starker Mensch und stehst wieder auf. Und gehst deines Weges und bist still und vergißt. Hättest du denn keine Freude an dir, wenn du so sein könntest? Gib dich zur Ruh und denke, daß auch der Herr Jesus hat unschuldig müssen leiden. Was dem Menschen kommt, das soll er mannbar ertragen und still sein. ’s ist ja bald vorbei. Denke, Fridolin, auf dieser Welt währt’s nicht lang und nachher, wie wird der Kruspel in der Ewigkeit ein armseliger Wurm sein und du ein schöner Engel!«
»Weißt du,« sagte jetzt der Friedl, »meinetwegen mag der Wegmacherbub nachher sein, was der will, nur Prügel muß er jetzt kriegen. Geh in dein Bett, du frommes Knäblein du, auf deine Christenlehr kommt mir der Schlaf. Gute Nacht!«
Das ist in derselben Nacht gesprochen worden, dann schliefen sie ein, und der Mond legte seine blassen Fenstertafeln auf die Dielen hin und der nächtliche Frieden lag über den beiden jungen Herzen, in welchen die Sanftmut und die Rache wohnten.