Die Familie Pfäffling: Eine deutsche Wintergeschichte

Chapter 16

Chapter 163,717 wordsPublic domain

"Ihr braucht länger zu den Aufgaben, als wenn ihr allein arbeitet," sagte Frau Pfäffling ärgerlich, "woher kommt denn das?"

"Weil Fräulein Bergmann immer zuerst das alte wiederholt und das neue voraus erklärt. Sie sagt, so könnten wir bald alle Mitschülerinnen überflügeln, und in der Schule würde jedermann staunen über unsere Fortschritte."

"Das kann sein," entgegnete Frau Pfäffling, "aber dann hätte ich gar keine Hilfe von euch und das geht nicht an, auch ist die Schule zum lernen da und nicht zum prahlen. Nun eilt euch nur, daß ihr nicht in die Dunkelheit kommt mit den Ausgängen." Sie kamen aber doch erst heim, als es finster war. "Finden Sie das passend?" fragte Fräulein Bergmann die Mutter, "sollten Sie nicht das Dienstmädchen schicken?"

"Walburg kann nicht alles besorgen."

"Nun ja, mit dieser Walburg kann es nicht mehr lange gut tun, wenn sie vollends ganz taub ist, muß sie doch fort."

Diese Worte hörte auch Frieder, und sie gingen ihm zu Herzen. Er suchte Walburg in der Küche auf und wollte sie sich daraufhin ansehen, ob sie wohl bald ganz taub würde? Sie bemerkte seinen forschenden, teilnehmenden Blick. "Willst du mir was?" fragte sie und beugte sich zu ihm. Er zog ihren Kopf ganz zu sich und sagte ihr ins Ohr: "Ich mag Fräulein Bergmann nicht, magst du sie?" Walburg antwortete ausweichend: "Man muß froh sein, daß man sie hat."

Ja, man war froh, daß man sie hatte, und nahm geduldig manche Einmischung hin. Da und dort zeigte sich bald eine kleine Veränderung im Pfäffling'schen Haushalt. So am Mittagstisch. Dieser war bisher immer mit einem hellen Wachstuch bedeckt worden.

"Ich habe noch überall, wo ich war, weiße Tischtücher getroffen," bemerkte Fräulein Bergmann.

"Vielleicht waren Sie noch nie in einem so einfachen und kinderreichen Haus," entgegnete Frau Pfäffling, "wir müssen jede unnötige Arbeit vermeiden und die großen Tischtücher machen viel Arbeit in der Wäsche."

"Aber das Essen mundet besser auf solchen."

"Dann will ich ein Tischtuch ausbreiten, es soll Ihnen gut schmecken an unserem Tisch."

Kurz darauf beanstandete Fräulein Bergmann, daß die Türe zum Nebenzimmer regelmäßig offen stand. "Wir können dadurch beide Zimmer mit _einem_ Ofen heizen," erklärte Frau Pfäffling.

"Aber dann sollten Sie die Türe aushängen und eine Portiere anbringen, das würde sich sehr fein machen."

"Ja gewiß, aber ich habe keine Portiere und auf solche Einkäufe kann ich mich nicht einlassen. Sie müssen bedenken, daß Sie nun nicht mehr bei reichen Leuten leben, sondern bei solchen, die recht dankbar sind, wenn es nur immer zum täglichen Brot reicht."

"Sie haben recht, ich merke jetzt selbst erst, wie ich verwöhnt bin, und ich habe mich schon oft gewundert, daß Sie so heitern Sinnes auf vieles verzichten, woran Sie gewiß zu Hause gewöhnt waren. Ich weiß, daß Sie aus fein gebildeter Familie stammen."

"Vielleicht kann ich mich gerade deshalb leicht in andere Verhältnisse schicken. Die äußere Einfachheit macht mir wirklich nichts aus, mein Glück ruht auf ganz anderem Grund, Portieren und dergleichen haben damit gar nichts zu tun."

Ein paar Tage später brachte Fräulein Bergmann als Geschenk den Stoff zu einer Portiere, auch den Tapezierer hatte sie bestellt. Die Türöffnung wurde nun elegant verkleidet und sah in der Tat hübsch aus, die Kinder standen voll Bewunderung. Aber der schöne Stoff paßte nicht so recht zum Ganzen, Fräulein Bergmann selbst war die erste, die das bemerkte. "Es sehen nun allerdings die Möbelbezüge verblichen aus," sagte sie, "aber über kurz oder lang müßten diese doch erneuert werden."

Herr Pfäffling war sehr überrascht, als er zum erstenmal durch die Portiere schritt. Sie streifte dem großen Mann das Haar. Er sah sie mißliebig an.

"Es ist ein Geschenk von Fräulein Bergmann," sagte Frau Pfäffling, "du solltest ihr auch ein Wort des Dankes sagen, wenn sie zu Tisch kommt."

"Auch noch danken?" entgegnete Herr Pfäffling, "ich habe ja gar keinen Sinn für so etwas, es fängt nur den Staub auf und stimmt auch nicht zu unserer übrigen Einfachheit. Fräulein Bergmann mag sich Portieren in ihr Zimmer hängen so viel sie will, aber unsere Zimmer müssen ihr schön genug sein, so wie sie sind."

Bei Tisch saß er gerade der Portiere gegenüber; sie kam ihm wie etwas Zudringliches, Fremdes vor. Er wollte aber die Höflichkeit wahren und sich nichts anmerken lassen. Da kam noch ein kleiner Ärger zum ersten hinzu. Walburg hatte eben die Suppe abgetragen und drei Teller gewechselt. Die Kinder bekamen immer nur _einen_ Teller.

"Finden Sie nicht, daß es gegen den Schönheitssinn verstößt, wenn die Kinder alles auf einem und demselben Teller essen?" wandte sich Fräulein Bergmann fragend an Frau Pfäffling.

"Es geschieht eben, um Arbeit zu sparen," antwortete sie, "sieben Teller mehr aufzudecken, abzuwaschen und aufzuräumen ist schon ein Geschäft."

"So viel könnte diese Walburg wohl noch leisten," entgegnen das Fräulein, "das ist doch solch eine Kleinigkeit."

Da fiel ihr Herr Pfäffling ungeduldig in die Rede: "Aber ich bitte Sie, geehrtes Fräulein, meine Frau als Hausfrau muß doch am besten wissen, was in unsere Haushaltung paßt oder nicht, und wenn Sie bei uns sind, müssen Sie mit unserer Art vorlieb nehmen."

"Gewiß, das tue ich ja auch, es ist mir nur wegen der Kinder leid, zu sehen, wie der Schönheitssinn so ganz vernachlässigt wird. Aber ich werde gewiß nicht mehr darein reden, kein Wort mehr."

"Ja, darum möchte ich Sie recht freundlich bitten," sagte Herr Pfäffling, "und übrigens ist an meiner Frau und ihrem Tun alles ordentlich, schön und rein und ich möchte durchaus nicht, daß sie sich noch mehr Arbeit macht, und wenn meine Kinder ihr nachschlagen, wird man sie überall gern sehen."

"Aber bitte, wer bestreitet denn das?" sagte das Fräulein und fügte gekränkt hinzu: "Ich schweige ja schon!" Der Schluß der Mahlzeit verlief in unbehaglicher Stille, und sobald das Essen vorüber war, zog sich Fräulein Bergmann zurück.

"Sie ist beleidigt," flüsterte bekümmert eines der Mädchen dem andern zu.

"Das ist nur ihre eigene Schuld," behaupteten die Brüder, "warum mischt sie sich ein!"

"Aber es ist doch wahr, daß Teller schnell abgewaschen sind!"

"Nein, es ist nicht wahr. Ihr glaubt alles, was Fräulein Bergmann sagt und haltet gar nicht zur Mutter!"

Dieser Vorwurf kränkte die Schwestern tief, sie weinten beide. Herr Pfäffling bemerkte es: "Sie macht uns auch noch die Kinder uneins," sagte er zu seiner Frau. Die beruhigte ihn: "Fräulein Bergmann wird sich jetzt schon besser in acht nehmen, wenigstens in deiner Gegenwart, und mir ist ihr Dareinreden nicht so unangenehm, man macht doch seine Sache nicht vollkommen und da ist es gar nicht übel, einmal zu erfahren, wie andere darüber urteilen. Sie hat auch viel mehr von der Welt gesehen als ich."

Mit Frau Pfäffling verstand sich Fräulein Bergmann am besten. Die beiden Frauen standen eines Morgens vor dem Bücherschrank, Fräulein Bergmann machte von der Erlaubnis Gebrauch, sich ein Buch auszuwählen.

"Es ist merkwürdig," sagte sie, "wie langsam der Tag vergeht, wenn man keinen eigentlichen Beruf hat! Seit Jahren habe ich mich gefreut auf diese Zeit der Freiheit, habe mich in meinen Stellen gesehnt, so recht nach Herzenslust lesen, zeichnen, studieren zu können, und nun, seitdem ich Muße dazu habe, so viel ich nur will, hat es seinen Reiz verloren."

Frau Pfäffling sagte nach einigem Besinnen:

"Ob es Sie wohl befriedigen würde, wenn Sie sich an gemeinnütziger Arbeit beteiligten? Es gibt hier manche wirklich nützliche Vereine."

"Nein, nein," wehrte Fräulein Bergmann lebhaft ab, "dazu passe ich gar nicht. Ich werde mich schon allmählich zurecht finden in meiner veränderten Lebenslage. Haben Sie ein wenig Geduld mit mir, ich fühle selbst, daß ich unausstehlich bin."

Frau Pfäffling übte Geduld, aber manchmal hatte sie den Eindruck, daß Fräulein Bergmann im Vertrauen auf diese Nachsicht sich immer mehr Kritik und Einmischung gestattete.

Es war kein schöner Monat, dieser März! Draußen in der Natur wollte sich kein Frühlingslüftchen regen, ein kalter Ostwind hielt alles zurück und brachte Erkältungen mancherlei Art in die Familie. Nach Fräulein Bergmanns Ansicht waren all diese kleinen Übelbefinden selbst verschuldet, sie behauptete, solches bei ihren Zöglingen durch sorgfältige Aufsicht immer verhütet zu haben.

"Heute steht Frühlingsanfang im Kalender," sagte Karl am 21. März, "weißt du noch, Vater, heute vor einem Jahr bist du mit uns allen sieben ausgezogen, Veilchen zu suchen und Palmkätzchen heim zu bringen. Aber dieses Jahr ist es so kalt."

"Ja, voriges Jahr war es viel schöner," darin stimmten alle überein, schöner war es draußen gewesen, schöner auch im friedlich geschlossenen Familienkreis.

Sie saßen wieder einmal an dem weiß gedeckten Mittagstisch, nachdem Herr Pfäffling sich die Fransen der Portiere hatte durch die Haare streichen lassen, und seine Frau ein Tischgebet gesprochen hatte.

"Wie wunderlich," begann Fräulein Bergmann, "daß Sie nicht ein feststehendes Tischgebet haben! Das ist mir noch in keinem Haus vorgekommen. Das heutige hat kein gutes Versmaß. Wie vielerlei haben Sie eigentlich?"

"Eine ganze Sammlung," sagte Frau Pfäffling. "Ich denke, daß man leichter mit dem Herzen und den Gedanken bei dem Tischgebet ist, wenn es nicht jeden Tag das gleiche ist, und mir tut es immer leid, wenn ein Gebet gedankenlos gesprochen wird."

"Ach, das können Sie doch nicht ändern. Ich bin nicht für solche Neuerungen. Das Tischgebet ist eben eine Form, weiter nichts." Nun war es mit Herrn Pfäfflings Geduld schon wieder zu Ende. "Aber meiner Frau liegt daran, in diese Form einen Inhalt zu gießen," sagte er lebhaft, "und wenn Sie lieber die leere Form haben, so brauchen Sie ja auf den Inhalt nicht zu horchen."

"Aber, lieber Mann," sagte Frau Pfäffling und legte beschwichtigend ihre Hand auf seine trommelnde, "Fräulein Bergmann hat das gar nicht schlimm gemeint!"

"Dann meine ich es auch nicht schlimm," sagte Herr Pfäffling begütigend. Im Weiteren verlief die Mahlzeit friedlich, wenn auch einsilbig. Aber nach Tisch rief Herr Pfäffling seine Frau zu sich in das Musikzimmer. "Das ist ein unleidlicher Zustand," begann er, "dieses Frauenzimmer ist die verkörperte Dissonanz und stört jegliche Harmonie im Hause. So etwas kann ich nicht vertragen. Tu mir's zuliebe und mache der Sache ein Ende. Wir finden wohl auch wieder eine andere Mieterin."

"Aber nach so kurzer Zeit ihr schon die Türe weisen, das tut mir doch leid für sie, wie soll ich denn das machen?"

"Ganz wie du willst, du bringst das schon zustande, ohne sie zu kränken. Aber je eher, je lieber, nicht wahr? Kannst du nicht gleich hinüber und mit ihr reden? Vielleicht ginge sie dann schon morgen!"

"Nein, so plötzlich läßt sich das doch nicht machen, bis zum 1. April mußt du dich schon noch gedulden!" sagte Frau Pfäffling, und während sie ihrer Arbeit nachging, überlegte sie, wie sie die Kündigung schonend begründen könnte. Fräulein Bergmann tat ihr leid, aber die Rücksicht auf ihren Mann, auf Harmonie und Frieden im Hause mußte doch vorgehen.

Noch am selben Nachmittag kam ihr ein Umstand zu Hilfe. Fräulein Bergmann suchte sie auf und bat sie, in ihr Zimmer zu kommen. Auf dem Tisch lagen Papiere ausgebreitet. "Ich möchte Ihnen etwas zeigen," sagte das Fräulein, "hier habe ich die Zeugnisse von meinen letzten Stellen hervorgesucht, möchten Sie diese nicht lesen? Ich muß Ihnen sagen, daß ich mich ordentlich schäme über die Zurechtweisung, die ich heute mittag erfahren habe; so etwas ist mir nicht vorgekommen in den vielen Jahren, die ich in Stellung war. Aber ich fühle ja selbst, daß ich unleidlich bin; was ist es denn nur? Ich war doch sonst nicht so, bitte, lesen Sie!"

Fräulein Bergmann hatte als stellvertretende Hausfrau und Mutter viele Jahre in ein und demselben Haus zugebracht und neben ihrer Tüchtigkeit war in den Zeugnissen ausdrücklich ihre Liebenswürdigkeit, ihr Takt hervorgehoben.

Indem Frau Pfäffling dieses las und überdachte, kam ihr plötzlich die Erklärung dieses Widerspruches und der Gedanke, wie Fräulein Bergmann wieder in das richtige Geleise zu bringen wäre.

"Ich glaube, Sie haben sich viel zu frühe in den Ruhestand begeben, und das ist wohl der Grund für Ihre 'Unausstehlichkeit', wie Sie es nennen. Sie stehen im gleichen Alter wie mein Mann; wie käme es Ihnen vor, wenn er schon aufhören wollte, in seinem Beruf zu wirken? Er will erst noch sein Bestes leisten, und so stehen auch Sie noch in der vollen Kraft, und haben eine reiche Lebenserfahrung dazu. Sie könnten ein ganzes Hauswesen leiten, eine Schar Kinder erziehen, und wollen hier in einem Stübchen hinter den Büchern sitzen! Das ertragen Sie einfach nicht und das wird wohl der Grund sein, warum Sie nun in unser Hauswesen unberufen eingreifen. Ihre besten Kräfte liegen brach! Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, so ist es der: Suchen Sie wieder eine Stelle, und zwar eine solche, die Sie vollauf in Anspruch nimmt!"

Fräulein Bergmann hatte nachdenklich zugehört. "Ja," sagte sie jetzt, "so wird es wohl sein. Ich kann die Untätigkeit nicht ertragen. Daß Sie mir noch solch eine Leistungsfähigkeit zutrauen, das freut mich. Nur schäme ich mich vor all meinen Bekannten, denen ich mit Stolz meinen Entschluß mitgeteilt habe, zu privatisieren. Es war mir damals eine verlockende Stelle als Hausdame angetragen, ich habe sie abgelehnt."

"Ist sie wohl schon besetzt?"

"Vielleicht nicht. Es hieß, der Eintritt könne auch erst später erfolgen."

"Wollen Sie sich nicht darnach erkundigen?"

"Nachdem ich die Stelle so stolz abgewiesen habe? Allerdings hätte ich keine passendere finden können. Meinen Sie, ich soll schreiben?"

"überlegen Sie es sich noch, lassen Sie eine Nacht darüber hingehen."

Eine halbe Stunde später hörte man Fräulein Bergmann mit eiligen, elastischen Schritten die Treppe hinuntergehen, nach der Post.

"Ich bin Fräulein Bergmann begegnet," sagte Wilhelm, der eben heimkam, "sie ist gesprungen wie ein Wiesel und hat mir ganz fidel zugenickt; warum sie wohl gerade heute so vergnügt ist?"

Mit der Stelle kam es nach einigem Hin- und Herschreiben in Richtigkeit. Schon zum 1. April sollte Fräulein Bergmann sie antreten. Das letzte gemeinsame Mittagsmahl war vorüber, die Kinder freuten sich unten, im Freien, der langersehnten warmen Frühlingsluft, Frau Pfäffling war mit der Sorge um das Gepäck der Reisenden beschäftigt, diese saß allein noch mit Herrn Pfäffling am Eßtisch.

"Wenn ich einmal alt und pflegebedürftig bin," begann Fräulein Bergmann, "dann frage ich wieder an, ob Sie mich aufnehmen möchten in Ihr Haus. Ich kenne niemand, dem ich mich in hilfloser Lage so gern anvertrauen möchte, als Ihrer lieben Frau und den seelenguten Zwillingsschwestern. Dann dürften Sie ja keine Angst mehr haben vor meiner kritischen Art." Herr Pfäffling, der nach seiner Gewohnheit um den Tisch gewandelt war, machte jetzt Halt und sagte: "Die Kritik ist ja sehr viel wert, wenn sie nicht bloß aus schlechter Laune entspringt. Solange Sie _alles_ tadelten, wehrte ich mich dagegen, aber jetzt, wo wir in friedlicher Stimmung auseinandergehen, jetzt würde ich auf Ihr Urteil viel geben. Sie sagten neulich, es sei alles unschön und unfein bei uns—"

"Nein," fiel sie ihm ins Wort, "so sagte ich doch nicht und überdies wissen Sie wohl, daß alles nur aus einer gewissen Streitlust gesprochen war."

"Aber etwas Wahres lag doch wohl Ihren Äußerungen zugrunde. Möchten Sie mir nicht sagen, was Ihnen unschön erscheint in unserem Hauswesen, unseren Gewohnheiten?"

Fräulein Bergmann überlegte. "Ich kann meine Behauptung wirklich nicht aufrecht erhalten," und mit einem gutmütigen, aber doch ein wenig spöttischen Lächeln fügte sie hinzu: "Unschön ist eigentlich nur _eines_."

"Und zwar?"

"Darf ich es sagen? Nun denn: unschön kommt mir vor, wenn Sie so wie jetzt eben im Laufschritt den Tisch umkreisen, an dem man sitzt."

Herr Pfäffling hielt betroffen mitten in seinem Lauf inne.

"Ihr Wilhelm fängt das nämlich auch schon an," fuhr sie fort, "haben Sie es noch nicht bemerkt? Neulich lief er ganz in Ihrem Schritt hinter Ihnen, immer die gleiche Entfernung einhaltend, wahrscheinlich um einen Zusammenstoß zu vermeiden, da Sie oft mit einem plötzlichen Ruck stehenbleiben. Es war sehr drollig anzusehen, nur wurde mir schwindelig dabei."

"Das begreife ich!" sagte Herr Pfäffling, "und wenn mir schließlich alle Kinder folgen würden wie ein Kometenschweif, so ginge das zu weit. Ich werde es mir abgewöhnen, sofort und mit aller Energie. Wie man nur zu solchen übeln Gewohnheiten kommt?" Er versank in Gedanken darüber—und nahm seinen Lauf um den Tisch wieder auf.

Fräulein Bergmann verließ lächelnd das Zimmer.

Im Vorplatz übergab Frau Pfäffling den vollgepackten Handkoffer an Walburg. "Ist er nicht zu schwer?" fragte sie.

"O nein," entgegnete Walburg in ungewöhnlich lebhaftem Ton, "ich trage ihn _gern_ fort."

Hatte sie auch nie die unfreundlichen Äußerungen gehört, die Fräulein Bergmann über sie tat, so hatte sie doch in ihr eine Feindin gewittert und war froh, daß diese so unerwartet schnell abzog. Warum, wußte sie nicht, fragte auch nicht darnach, es genügte ihr, daß offenbar niemand unglücklich darüber war, Marianne vielleicht ausgenommen, aber die würde sich bald trösten, und eine neue Mieterin konnte sich nach Ostern finden.

Frau Pfäffling begleitete die Reifende und Elschen durfte diesmal mit zur Bahn. Die kleine Reisegesellschaft war kaum zur Haustüre hinaus, als Herr Pfäffling seine drei Großen herbeirief: "Nun helft mir die Portiere abnehmen, daß man wieder Luft und Licht hat und frei durch die Türe kann. Aber vorsichtig, die Mutter sagt, sie könne den schönen Stoff gut verwenden!"

So standen sie bald zu viert auf Tisch und Stühlen und hantierten lustig darauf los, als heftig geklingelt wurde und gleichzeitig durch das offene Fenster von der Straße herauf Elschens Stimme ertönte, die nach den Brüdern rief. Otto sah durchs Fenster und fuhr blitzschnell wieder herein: "Fräulein Bergmann hat ihren Schirm vergessen, sie kommt selbst herauf!"

"Geht hinaus, laßt sie nicht herein," rief Herr Pfäffling, "den schmerzlichen Anblick soll sie nicht erleben!" Draußen hörte man auch schon ihre Stimme: "Ich muß den Schirm im Eßzimmer abgestellt haben." Richtig, da stand er in der Ecke! Wilhelm erfaßte ihn, blitzschnell rannte er durch die Türe und konnte diese gerade noch hinter sich schließen und Fräulein Bergmann den Schirm hinreichen. Sie hatte nichts gesehen und eilte davon.

"Wenn sie nun zu spät zum Zug kommt und wieder umkehrt!" sagte Herr Pfäffling überlegend und sah nach der Portiere, die, halb oben, halb unten, einen traurigen Anblick bot. "Wir hätten eigentlich warten können bis morgen."

Nun blieb aber keine Wahl mehr, das Werk mußte vollendet werden; bald sah alles im Haus Pfäffling wieder aus wie vorher; Fräulein Bergmann kam nicht wieder, das fremde Element war ausgeschieden, Frau Pfäffling kehrte mit Elschen allein zurück. "Sie läßt euch alle noch grüßen," berichtete sie, "ihr letztes Wort war: 'Vielleicht kann ich Ihnen auch einmal ein schönes Tischgebet schicken!'"

Herr Pfäffling war in fröhlicher Stimmung. "Kommt, Kinder," rief er, "wir singen einmal wieder zusammen, wie lange sind wir nimmer dazu gekommen." Er stimmte ein Frühlingslied an, und daß es so besonders frisch und fröhlich klang, das war Fräulein Bergmann zu danken!

14. Kapitel Wir nehmen Abschied.

Frau Pfäfflings Bruder wurde noch vor Beginn der Osterferien erwartet, und das leere Zimmer war für ihn als Gastzimmer gerichtet. Keines der Kinder ahnte etwas davon, daß der Onkel bei seinem Besuch sie kennen lernen und darnach beschließen wolle, welches von ihnen er heimwärts mit sich nehmen würde. Sie wußten nur, daß die Mutter ihren einzigen, innig geliebten Bruder erwartete, und freuten sich alle auf den seltenen Gast. Die drei Großen hatten auch noch aus ihrer frühesten Kindheit eine schöne Erinnerung daran, wie Onkel und Tante gekommen waren und durch schöne Geschenke ihre Herzen gewonnen hatten.

Herr Pfäffling billigte den Plan, der am achtzigsten Geburtstag gefaßt worden war. Er kannte die Verwandten seiner Frau und schätzte sie hoch, auch war es ihm klar, daß in dem Haushalt seines Schwagers dem einzelnen Kind mehr Aufmerksamkeit zuteil werden konnte als in der eigenen Familie. Doch wollte er den Aufenthalt nur für ein oder höchstens zwei Jahre festsetzen, damit keines der Kinder dem Geist des Elternhauses entfremdet würde.

Einstweilen war das Wintersemester zu Ende gegangen, und was während desselben geleistet worden, sollte sich heute in den Osterzeugnissen zeigen.

In einem der großen Gänge des Gymnasiums wartete Karl auf seinen Bruder Wilhelm, dessen Zeugnis war ihm diesmal so wichtig wie sein eigenes. Doch nur für die Mathematiknote interessierte er sich. Wenn diese nicht besser ausfiel als das letzte Mal, dann stund es schlimm um Wilhelm, schlimm auch um die Ferienfreude. Nachhilfestunden zu geben war nicht Karls Liebhaberei, der junge Lehrer und der Schüler hätten sie gleich gerne los gehabt. Darum strebten die Brüder gleich aufeinander zu, als die Klassentüre sich auftat und die Schüler herausdrängten. Über der andern Köpfe weg reichte Wilhelm schon von der Ferne Karl sein Zeugnis hin und dieser las: Mathematik III. Über diese Note, die wohl schon manchem Schuler Kummer bereitet hat, waren unsere beiden hochbefriedigt und beschlossen, rasch nach der Musikschule zu rennen, um den Vater noch zu erreichen und mit ihm heimzugehen. Das gelang ihnen auch. Als er die Jungen mit den bekannten blauen Heftchen auf sich zuspringen sah, wußte er schon, daß es Gutes bedeute. "Diesmal ist wohl keine Durchschnittsnote nötig?" fragte er und überblickte das Zeugnis, und war zufrieden. Aber eben nur zufrieden. Die Brüder waren enttäuscht, nach ihrer Meinung hätte der Vater viel vergnügter sein müssen. "Hast du noch etwas Besseres erwartet, Vater?" fragten sie.

"Nein, aber ich traue noch nicht recht. Nach drei kommt vier, da sind wir noch in gefährlicher Nachbarschaft. Ich weiß wohl, warum ihr so vergnügt seid, ihr meint, die Nachhilfstunden seien nun überflüssig, aber ganz kann ich euch noch nicht davon entbinden, Wilhelm könnte sonst gleich wieder rückfällig werden. Sagen wir _einmal_ statt zweimal in der Woche." Sie machten lange Gesichter. "Und in den Osterferien gar keine, zum Lohn für den Erfolg," fügte der Vater hinzu. Da heiterten sich die Gesichter auf. Wenn man nur wenigstens in den Ferien frei war, im Schuljahr wurde doch immer gelernt, da ging das mehr in einem hin. Und übermorgen war ja der erste Ferientag! Sie waren schon wieder vergnügt und kamen in glücklicher Ferienstimmung nach Hause, wo die Schwestern begierig auf die Zeugnisse warteten und diesmal mit Lust sämtliche Heftchen auf des Vaters Tisch ausbreiteten.

"Was wohl unsere Kleine einmal heim bringt?" sagte Karl, als ersah, wie Elschen ernsthaft die Zeugnisse betrachtete und sich bemühte, die geheimnisvollen Ziffern zu deuten.

"Ich bringe lauter Einser," antwortete sie zuversichtlich. Aber diesen Übermut hatte sie zu bereuen. "So?" rief Otto, "so sage einmal, was a plus b ist? Das weißt du nicht einmal? Da bekommst du unbedingt einen Vierer." Von allen Seiten kamen nun solch verfängliche Fragen und es wurden ihr lauter Vierer prophezeit, bis ihr angst und bang wurde, sie sich zu Frieder flüchtete und sagte: "Du gibst mir dann jeden Tag Mathematikstunden!"

Die Noten der Schwestern waren gut ausgefallen. Drei Wochen lang hatten sie eine richtige Hauslehrerin gehabt, dadurch waren sie in guten Zug gekommen. Sie schrieben an Fräulein Bergmann eine schöne Karte.