Die Familie Pfäffling: Eine deutsche Wintergeschichte
Chapter 12
"Halt," rief er, "wartet doch, Kinder, ihr dürft wieder heim fahren." Wilhelm wollte nicht. "Nein, nein," sagte er, "wir springen schnell und kommen viel früher heim, als wenn wir auf eine Droschke warten." Aber die Hand des großen, stattlichen Portiers lag fest auf der Schulter des Knaben und hielt ihn zurück. "Herr Meier hat Auftrag gegeben, daß eine Droschke geholt werden soll, es ist für dies kleine Mädchen ein weiter Weg und draußen ist's kalt und dunkel; aber wenn du so Eile hast, so kannst du ja selbst flink zum Droschkenplatz springen und einen Wagen holen." Wie ein Pfeil war Wilhelm davon; seiner Schwester wurde im Portierzimmer ein Sessel zurecht gerückt. Da saß sie neben zwei riesigen Reisekoffern, und betrachtete die glänzenden Metallbeschläge.
"Das sind große Koffer, nicht?" sagte der Portier zu ihr, "die reisen bis nach Rußland."
"Dann gehören sie dem General," sagte Elschen, "der in der nächsten Woche nach Berlin reist."
"Weißt du davon? Du hast ganz recht, das heißt, er reist schon morgen."
"Nein, die Reise ist um ein paar Tage verschoben." Der Portier sah erstaunt auf die Kleine. "Das wäre das neueste, wer hat denn das gesagt?"
"Die zwei jungen Russen, wie sie heute vormittag bei Mama waren."
"Heute vormittag? Nun, dann ist's doch nicht wahr, denn der General selbst hat heute nach dem Diner zu mir gesagt, sie reisen morgen vormittag. Horch, nun kommt schon dein Bruder mit der Droschke."
Wilhelm hätte mehr Lust gehabt, seine eigenen flinken Beine in Bewegung zu setzen als die eines müden Droschkengauls, Elschen hingegen war sehr einverstanden mit der Fahrt und fand sich schnell darein, daß der Wagenschlag für sie aufgerissen wurde wie für ein kleines Dämchen und sie selbst sorgsam hinaufgehoben, damit sie auf dem schmalen Tritt nicht ausgleite. Nun fuhren sie durch die schön beleuchteten Straßen, dann durch die stillen Gassen der Vorstadt und endlich bogen sie in die Frühlingsstraße ein. "Wenn der Vater nicht daheim ist, müssen alle auslaufen und ihn suchen," sagte Wilhelm, "Karl und Otto, Marianne und Frieder, vielleicht hat auch Walburg Zeit, der Vater muß das Billet zu rechter Zeit bekommen!"
In der Frühlingsstraße war abends kein großer Wagenverkehr, und Frau Pfäffling, die bei den Kindern am Tisch saß, horchte auf und sagte: "Sie kommen!" Herr Pfäffling, der im Musikzimmer ein wenig unruhig hin und her wandelte, seine Musikzeitung lesen wollte und dabei immer durch den Gedanken gestört wurde, wie viel schöner es wäre, heute abend Musik, Musik erster Klasse, zu hören, als über Musik zu lesen, Herr Pfäffling hörte auch das Geräusch des Wagens: "Das können die Kinder sein, ob _sie_ wenigstens etwas gehört haben in der Künstlerfamilie, singen, Klavier oder Violine?" Das mußte er doch gleich fragen, also: die Treppe hinunter. Im untern Stock sagte Frau Hartwig zu ihrem Mann: "Es hält eine Droschke. Du wirst sehen, das ist mein Bruder, um die Zeit kommt ein Zug an." Sie ging hinaus in den Vorplatz. Herr Pfäffling stand inzwischen schon am Wagenschlag, machte ihn auf und wollte fragen, aber so flink er war, diesmal kam er nicht zu Wort vor den eifrigen Ausrufen seiner Kinder: "Wie gut, daß du zu Hause bist, Vater, wir haben dir ja ein Billet, ein Konzertbillet, da, sieh nur, geschenkt vom Künstler selbst!" Und wenn nun auch Herr Pfäffling nicht den Freudensprung machte, den der kleine Edmund von ihm erwartet hätte, enttäuscht wäre dieser doch nicht gewesen, denn dieser fröhliche Ausruf der Überraschung, dieses stürmische Stufenüberspringen, um möglichst schnell die Treppe hinauf zu kommen und dieser warme Ruf "Cäcilie!" der durch die ganze Wohnung klang, war auch ergötzlich und herzerfreuend.
Wilhelm folgte dem Vater in gleicher Hast, der kleinen Else blieb es diesmal überlassen zuzusehen, wie sie allein aus dem Wagenschlag herauskam. Frau Hartwig, die ordentlich ausgewichen war, um nicht überrannt zu werden, wollte eben die Haustüre zumachen, als sie die Kleine, mit dem Spielzeug beladen, nachkommen sah. "Da hat es wieder so pressiert," sagte sie vor sich hin, "daß sich keines die Zeit genommen hat, auf das Kind zu warten," und sie reichte ihm die Hand und schloß für sie die Haustüre, während oben schon die Tritte der Hinauseilenden verhallten. Elschen fand es ganz natürlich, daß man sich nicht um sie gekümmert hatte, auf ihrem Gesichtchen lag noch der Abglanz der Freude, der Vater hatte ja sein Billet. Freundlich grüßte sie die Hausfrau und sagte, auf der Treppe zurückblickend: "Jetzt weiß ich es, Hausfrau, wie du das machen mußt, damit kein Gepolter ist und die Treppe geschont wird, du mußt nur dicke, dicke Teppiche legen; so ist es im Zentralhotel und es sieht auch viel schöner aus als das Holz da!"
"Wirklich?" sagte Frau Hartwig, "dann bringe du mir nur bald die dicken Teppiche, damit ich sie legen kann."
Bei Pfäfflings war große Bewegung, die Freude über das Konzertbillet hatte sich allen mitgeteilt, die Fragen und Antworten über die Erlebnisse im Zentralhotel überstürzten sich, zugleich wurden die Vorbereitungen für das Abendessen beschleunigt, damit Herr Pfäffling und Wilhelm rechtzeitig zum Beginn des Konzertes kommen konnten. Frau Pfäffling hörte mit besonderer Teilnahme und auch mit Besorgnis von dem kleinen Violinspieler. "Wenn das Kind sich unwohl fühlt," sagte sie zu Wilhelm, "so wirst du es auch nicht stundenlang mit Spässen bei guter Laune erhalten können!" Aber Wilhelm war guter Zuversicht und war zu vergnügt über die Freikarte, als daß er von dem heutigen Abend irgend etwas anderes als Erfreuliches hätte erwarten können. Er strahlte mit dem ganzen Gesicht und sah nur immer zu seinem Vater hinüber, der ebenso strahlte, während sie beide das rasch erschienene Abendessen verzehrten und sich dann unter allgemeiner Teilnahme und Hilfsbereitschaft der Familie für das Konzert richteten. "Wenn der Kleine aufgeregt wird oder nicht mehr spielen will," sagte Frau Pfäffling zu Wilhelm, "so laß ihn sich zu dir setzen und erzähle ihm allerlei, etwa von Frieders Harmonika und Geige oder von unserem Weihnachtsfest; es wird besser sein, als wenn du ihn immer zum Lachen bringen willst. Weißt du, wenn man unwohl ist, mag man gar nicht lachen, aber über dem Erzählen vergessen die Kinder ihre kleinen Leiden." Da mischte sich Elschen ein: "Er ist ja gar nicht krank, er hat ja mit mir getanzt." "Freilich, und gelacht," sagte Wilhelm, "und unartig ist er auch, weiter ist gar nichts los mit ihm."
So gingen Vater und Sohn fröhlich und guter Dinge miteinander nach der Musikschule und trennten sich, Herr Pfäffling, um seinen Platz in dem schon dicht gefüllten Saal aufzusuchen, Wilhelm, um seines Vaters Billet nachträglich zu verdienen.
Er fand das Künstlerzimmer ziemlich besetzt, verschiedene Herrn begrüßten hier die Künstlerfamilie, erwiesen der gefeierten Sängerin allerlei Aufmerksamkeiten und umschmeichelten den Kleinen. Dieser stand in schneeweißem Anzug da und lehnte das Lockenköpfchen an seine Mutter, die in ihrem duftigen Seidenkleid reizend anzusehen war. "Sieh, da kommt dein kleiner Freund," sagte Edmunds Vater, der Wilhelms bescheidenes Eintreten bemerkt hatte. "Aber er macht ja keine Purzelbäume," entgegnete Edmund, ohne seine Mutter zu verlassen.
"Das wäre hier wohl auch nicht gut möglich," sagte der Vater. Im Hintergrund des kleinen Zimmers stand ein Tischchen, neben demselben hielt sich das Fräulein auf, das Wilhelm schon im Hotel kennen gelernt hatte. Zu ihr ging er hin und sagte: "Ich habe einen kleinen Kreisel für Edmund mitgebracht, soll ich ihn auf dem Tischchen tanzen lassen?" "Später, wenn wir allein sind und Edmund schwierig wird," sagte das Fräulein, "jetzt hat er noch seine Mama." Ein paar Augenblicke später kam geschäftig und ohne anzuklopfen ein Herr herein. "Ist es Zeit, Herr Weismann?" frug ihn der Künstler. "Ja, wenn ich bitten darf." Die anwesenden Herrn verließen nun rasch das Künstlerzimmer, um sich an ihre Plätze im Saal zu begeben, das Fräulein strich noch die Falten am Kleide der Sängerin glatt, der Vater löste mit einer gewissen Strenge die Hand des Kindes aus der der Mutter und sagte: "Du gehst hierhin, zu Wilhelm," die Mutter drückte rasch noch einen Kuß auf die Stirn des Kleinen, der sie betrübt, aber doch ohne Widerspruch losließ. Dann öffnete Weismann eine Seitentüre, von der aus ein paar Stufen nach dem erhöhten Teil des Saals führten, auf dem nun das Künstlerpaar auftreten sollte. Wilhelm konnte von dem tieferliegenden Künstlerzimmer aus nicht hinaufsehen, aber er hörte das mächtige Beifallklatschen, mit dem das junge Paar empfangen wurde, dann schloß Weismann hinter ihnen die Türe und von den wunderbaren Tönen, die nun im Saal die Menschenmenge entzückten, drangen nur einzelne Klänge herunter in das Nebenzimmer.
Weismann trat zu dem Kleinen heran: "Die dritte Nummer des Programms hat unser kleiner Künstler," sagte er, und auf die bereit gelegte Violine deutend, fragte er: "Ist dein Instrument schön im Stande?" Edmund antwortete nicht.
"Ich denke wohl," sagte statt seiner das Fräulein, "sein Vater hat vorhin darnach gesehen."
"Hast du dir auch den Platz auf dem Podium gut gemerkt, an dem du stehen sollst, wenn du spielst?" fragte der Herr, "du weißt doch noch, nicht ganz dicht am Flügel?" Es erfolgte wieder keine Antwort.
"Aber Edmund, wie bist du heute so unartig," sagte das Fräulein, "wenn dich Papa so sähe!" Da ließ der Kleine den Kopf hängen und fing au zu weinen. Erschrocken zog ihn das Fräulein an sich. "Sei nur zufrieden, Kind," tröstete sie, "du darfst doch nicht weinen? Wer wird dir Beifall klatschen, wenn du mit verweinten Augen kommst!" Sie trocknete ihm die Tränen, Weismann hielt es für klüger, sich zurück zu ziehen, Wilhelm ließ den Kreisel tanzen; halb widerwillig sah Edmund zu, dann versuchte er selbst die Kunst, die seinen geschickten Fingerchen bald gelang. Er vertiefte sich in das Spiel. Plötzlich horchte er auf. Ein Beifallssturm dröhnte aus dem Saal.
"Nun ist Mama fertig," sagte er und sah nach der Türe. "Nein, sie muß noch einmal wiederholen," fügte er nach einer Weile gespannten Horchens hinzu und kehrte wieder an sein Spiel zurück. "Bei mir ist das auch manchmal so, ich mag nicht gern wiederholen, aber man muß."
"Aber bei dir wird doch nicht so rasend geklatscht?" fragte Wilhelm, "so etwas habe ich noch gar nicht gehört."
"O ja, einmal ist bei mir am allermeisten Beifall gewesen, du wirst es nachher schon hören," sagte Edmund, war aber schon wieder bei dem Kreisel, und als nun die Sängerin, bis zu den Stufen von ihrem Gemahl geleitet, und dann von Weismann empfangen, wieder in das Künstlerzimmer zurückkam, rief er ihr fröhlich entgegen: "Sieh Mama, was ich kann?" Die Mutter beugte sich zu ihm und sagte: "Gottlob, daß er vergnügt ist!" und ein dankbarer Blick fiel auf Wilhelm.
Im Saal erklang der Konzertflügel.
"Nach Papa kommst du an die Reihe," sagte die junge Mutter und sich an das Fräulein wendend, fügte sie leise hinzu: "Wie mir immer angst ist, wenn das Kind auftritt, kann ich gar nicht sagen! Früher war es mir bange, wenn ich vorsingen mußte, aber seitdem das Kind öffentlich spielt, hat diese große Angst jede andere vertrieben. Wir hätten es nie anfangen sollen." Tröstend sprach das junge Mädchen der Mutter zu: "So sagen Sie vor jedem Konzert und nachher, wenn alle Welt begeistert ist von dem Kleinen, sind Sie doch glücklich und stolz, mehr als über Ihre eigenen Erfolge. Er ist nun schon fünfmal aufgetreten und hat seine Sache immer gut gemacht."
"Aber heute wird es anders werden," flüsterte die Mutter, "hat er nicht auch trübe Augen? Edmund, gib mir deine Hände. Sie sind heiß, fühlen Sie, Fräulein!"
"Vom Kreiseln," sagte sie, "er sollte vielleicht die Hände jetzt ruhen lassen."
"Ja, ja, Wilhelm, bitte, fange ein anderes Spiel an! Die Hände dürfen nicht müde sein vor dem Violinspiel."
Es war doch nicht leicht, immer wieder eine Beschäftigung zu wissen. Eine gelernte Kindergärtnerin war unser Wilhelm denn doch nicht! Aber ihm war, als verlöre sein Vater das Recht auf den Konzertbesuch von dem Augenblick an, wo er aufhören würde, den Jungen zu unterhalten. Also _mußten_ ihm Gedanken kommen, Einfälle, um die Zeit zu vertreiben, und sie kamen auch, und als der Klaviervirtuose, mit einem Lorbeerkranz in der Hand, unter lebhaftem Beifall den Saal verlassen hatte, fand er Edmund bei guter Laune und bereit, ihm mit der Violine zu folgen.
"Nun wirst du hören, ob sie mir ebenso klatschen wie Papa und Mama," sagte er munter zu Wilhelm. Er schien gar nicht aufgeregt, um so mehr war es seine Mutter. Sie flüsterte Wilhelm zu: "Sieh ein wenig durch den Türspalt, wie er seine Sache macht!"
Wilhelm folgte leise die Stufen hinauf den beiden Künstlern, sah, wie der Kleine, der mit freundlichem Beifall begrüßt worden war, in kindlicher Weise den Gruß erwiderte und, von seinem Vater auf dem Klavier begleitet, das Spiel begann. Wilhelm wurde durch den kleinen Violinspieler an Frieder erinnert und deshalb kam ihm diese Leistung nicht so wunderbar vor wie den Zuhörern im Saal. Mit denselben träumerischen Augen wie Edmund, ganz in seine Musik versenkt, hatte Frieder immer seine Harmonika gespielt und strich er seine Geige. Freilich war Frieder erst ein Anfänger auf diesem Instrument und dieser Kleine war ein Meister. Das Publikum lauschte in atemloser Stille; die Violine war ja klein und der Spieler hatte nicht den kräftigen Strich eines Mannes. Aber reine, zarte, tief empfundene Töne wußte er zu wecken und eine staunenswerte Gewandtheit zeigten die kleinen Hände. Unter den Zuhörerinnen war manche zu Tränen gerührt, und als der letzte Ton sanft verklungen war, rauschte ein Beifallssturm durch den Saal, Blumen flogen, und eine junge Dame trat auf das Podium, um dem kleinen Künstler ein Füllhorn zu überreichen, das auf sein kindliches Alter berechnet war, denn während es nur mit Rosen gefüllt schien, waren unter den Blumen Bonbons verborgen. Weismann kam dem Kleinen zur Hilfe, die Schätze zu sammeln. Man hörte die helle Kinderstimme ein schlichtes, freundliches "Danke!" rufen.
In das Künstlerzimmer drangen einige Bekannte ein, den Eltern zu gratulieren, und es kam so, wie das junge Mädchen voraus gesagt hatte: die Mutter war über die Leistung ihres Kindes und seinen Erfolg glücklicher, als über den eigenen; auch war es ihr nun leichter um das Herz, Edmund hatte ja nur noch einmal vorzuspielen, freilich ein schwieriges und längeres Musikstück und ganz ohne Begleitung, aber sie war nun wieder guter Zuversicht und angeregt durch die begeisterten Schilderungen einiger Freunde, die in das Künstlerzimmer eindrangen und von dem bereits errungenen Erfolg berichteten. Fröhlich und siegesgewiß trat das Künstlerpaar auf's neue auf, Edmund blieb wieder allein zurück bei dem Fräulein und dem treuen Kameraden.
Aber so bald es still um ihn wurde, verfiel er wieder in seine weinerliche Stimmung und war nicht mehr heraus zu reißen, Wilhelm mochte sich buchstäblich auf den Kopf stellen, es war alles umsonst: Da dachte er an seiner Mutter Rat, setzte sich neben den Kleinen und fing an, ihm zu erzählen. Der lehnte sich an das Fräulein, und es dauerte gar nicht lange, so fielen ihm die Augen zu und er schlief ein. Sie ließen ihn ruhen, aber gegen den Schluß des Konzertabends, während sein Vater allein spielte und schon am Ende des Stückes war, auf das Edmunds Auftreten folgen sollte, mußte er doch geweckt werden. Die Mutter tat es mit schwerem Herzen und unter zärtlichen Liebkosungen. Es kam ihr grausam vor, und wieder versicherte sie, es sei das letzte Mal, daß sie das Kind vorspielen lasse. Sie bemühten sich zu dritt um das Kind, boten ihm Erfrischungen an und hatten ihn, bis sein Vater erschien, wohl aus dem Schlaf gebracht, aber mit allen guten Worten nicht zu bestimmen vermocht, daß er noch einmal vorspiele.
Draußen, im Saal war nichts als Wonne und Begeisterung und ungeduldige Erwartung des kleinen Künstlers, auf dessen Wiedererscheinen die große Menge sich mehr freute als über die großartigen Kompositionen, die der Vater ihr soeben vorgetragen hatte. Innen, im Künstlerzimmer, herrschte Niedergeschlagenheit, Sorge und Kampf.
"Laß nun einmal die zärtlichen Worte," sagte der Künstler zu seiner Frau, "sie helfen nichts mehr, wie du siehst; laß mich allein mit Edmund reden." Er führte das Kind beiseite, und sah ihm fest und streng in die Augen.
"Du bist heute abend krank, Edmund," sagte er, "und möchtest lieber zu Bette gehen als vorspielen. Ich war auch schon einmal krank und habe doch dabei ein ganzes, langes Konzert allein gegeben, und du mußt nur ein einziges Stück spielen. Fest habe ich mich hingestellt und gedacht: Die vielen Menschen haben die teuern Karten gekauft, und ich habe ihnen dafür Musik versprochen und muß mein Versprechen halten. Du mußt das deinige auch halten, dann erst darfst du dich zu Bette legen. Aber eines will ich für dich tun, wenn du mir versprichst, daß du dich tapfer hältst, ich will dir erlauben, daß du anstatt des schwierigen Mendelssohn die leichte kleine Romanze von Beethoven spielst, die du so gut kannst. Ich will es den Zuhörern sagen; wenn du das Stück recht schön vorträgst, sind sie damit auch zufrieden. Nun komm, in einer Viertelstunde ist es überstanden. Sieh die Menschen freundlich an, dann verzeihen sie es dir, daß du so ein kurzes Stück spielst." Und er nahm das Kind fest an der Hand, machte der Mutter, die sich von ihm verabschieden wollte, ein abwehrendes Zeichen, gab dem Kleinen die Violine, die er folgsam nahm und führte ihn die Stufen hinauf. "Vater," fragte leise der Kleine, "haben vorhin bei dir die Bretter, der Boden, auf dem man steht, auch so geschwankt? Ich habe gemeint, ich falle um."
"Die Bretter sind jetzt alle festgenagelt," sagte ruhig und bestimmt der Vater.
Sie hatten schon den Saal erreicht und traten miteinander vor. Als das Klatschen sich gelegt hatte und Edmund eben zum Spiel ansetzte, wandte sich der Vater an das Publikum: "Ich bitte es dem zarten Alter des Künstlers zugute zu halten, daß er sein Programm nicht einhält. Er möchte Ihnen lieber eine Romanze von Beethoven als das Konzert von Mendelssohn vorspielen." Ein freundliches Klatschen bezeugte die Zustimmung, die wenigsten der Anwesenden wußten, daß ihnen damit die Freude verkürzt wurde. "Nun mach es um so besser," flüsterte der Vater noch seinem Kind zu und stellte sich so, daß sie einander im Auge behielten. Ihm war es, als müßte er unablässig durch seinen Blick die Selbstbeherrschung des Kleinen aufrechterhalten.
"Wie er das Kind anschaut," dachten manche der Zuhörer, aber die meisten hatten keinen Blick für den Vater, sie waren wieder hingerissen von dem Knaben und seinem einschmeichelnden Spiel.
Es ging vorüber. Dem Vater war die Viertelstunde wie eine Ewigkeit erschienen, und diesmal kamen Beide wie träumend zurück zu der Mutter, die den Kleinen in zärtlichen Armen empfing.
"Fahren Sie gleich mit dem Jungen heim und bringen Sie ihn zu Bett," sagte der Vater zu dem Fräulein, "Wilhelm begleitet Sie hinüber zum Droschkenplatz, nicht wahr?"
Am Schluß des Konzerts sammelten sich viele der begeisterten Zuhörer vor dem Künstlerzimmer, sie hofften, auch das Künstlerkind noch einmal zu sehen. Umsonst. Es lag schon in dem Bett, das Herr Meier vom Zentralhotel sorgsam hatte erwärmen lassen.
Am nächsten Tag kam in den Zeitungen eine begeisterte Schilderung des Konzerts, und am übernächsten folgte eine Notiz: der kleine Geigenspieler sei an den Masern erkrankt.
Acht Tage später lag auch seine kleine Tänzerin Elschen masernkrank darnieder, und wenn Frau Pfäffling an ihrem Bettchen saß, dachte sie manchmal mit Teilnahme an das kleine Menschenkind, das schon öffentlich auftreten mußte, ehe es noch die Kinderkrankheiten durchgemacht hatte.
Über diesen Erlebnissen war der kalte Januar zu Ende gegangen.
11. Kapitel Geld- und Geigennot.
Seit dem Konzert waren mehrere Tage verstrichen. Herr Pfäffling hatte täglich und mit wachsender Ungeduld auf den verheißenen Abschiedsgruß des russischen Generals gewartet, dem das Honorar für die Stunden beigelegt sein sollte, aber es kam nichts. So mußte die russische Familie doch wohl ihre Abreise verschoben haben, ja, vielleicht dachte sie daran, den Winter noch hier zu bleiben und die Musikstunden wieder aufzunehmen. Immerhin konnte auch ein Brief verloren worden sein. Herr Pfäffling wollte sich endlich Gewißheit verschaffen und suchte Herrn Meier im Zentralhotel auf. Er erfuhr von diesem, daß der General mit Familie gleich am Morgen nach dem Konzert abgereist sei, zunächst nach Berlin, wo er eine Woche verweilen wolle.
Herr Pfäffling zögerte einen Augenblick, von dem ausgebliebenen Honorar zu sprechen, aber der Geschäftsmann erriet sofort, worum es sich handelte und sagte: "Der General hat vor seiner Abreise alle geschäftlichen Angelegenheiten aufs pünktlichste geregelt und großmütig jede Dienstleistung bezahlt. Er ist durch und durch ein Ehrenmann, so werden auch sie ihn kennen gelernt haben."
"Ja, aber wie erklären Sie sich das: er hat mir beim Abschied gesagt, seine Söhne würden mich noch besuchen und hat dabei angedeutet, daß sie das Honorar überbringen würden. Sie sind auch gekommen, aber ohne Honorar, und sagten, die Abreise sei verschoben worden, die Eltern würden deshalb noch schriftlich ihren Dank machen. Glauben Sie, daß es von Berlin aus geschehen werde?"
"Nein, nein, nein," erwiderte lebhaft Herr Meier. "Man reist nicht ab, ohne vorher seinen Verbindlichkeiten nachzukommen, da liegt etwas anderes vor. Von einer Verschiebung der Reise war auch gar nie die Rede, das haben die Söhne ganz aus der Luft gegriffen. Ich fürchte, das Geld ist in den Händen der jungen Herrn hängen geblieben, das geht aus allem hervor, was Sie mir erzählen. Sie sind etwas leichtsinnig, die Söhne, und werden vom Vater fast gar zu knapp und streng gehalten. Es scheint mir ganz klar, was sie dachten: Sie wollten sich noch etwas reichlich mit Taschengeld versehen, bevor sie der Berliner Anstalt übergeben wurden, und rechneten darauf, daß Sie, in der Meinung, die Abreise sei verschoben, sich erst um Ihr Geld melden würden, wenn die Eltern schon über der russischen Grenze wären. Es ist gut, daß Sie nicht noch ein paar Tage gezögert haben, diese Woche ist die Familie noch beisammen in Berlin. Ich habe die Adresse des Hotels und ich will sie Ihnen auch mitteilen, Herr Pfäffling. Wenn ich Ihnen raten darf, schreiben Sie unverzüglich. Sie brauchen ja durchaus keinen Verdacht gegen die jungen Herrn auszusprechen, es genügt, wenn Sie den Hergang erzählen, der General ergänzt sich das übrige und so wie ich ihn kenne, wird er Ihnen sofort das Geld schicken. Es war dann ein Versehen und alles ist gut."
In voller Entrüstung erzählte unser Musiklehrer daheim von dem offenbaren Betrug seiner jungen Schüler. "Es ist ein Glück," sagte er dann, "daß mein Brief die Eltern noch in Berlin erreichen kann. Ich schreibe gleich. Wir brauchen unser Geld, brauchen es zu Besserem und Nötigerem als diese leichtsinnigen Burschen."
Aber nach geraumer Weile kehrte Herr Pfäffling in ganz veränderter Stimmung, langsam und nachdenklich zu seiner Frau zurück. "Cäcilie," sagte er, "was meinst du zu der Sache? Meine Feder sträubt sich ordentlich gegen das, was sie schreiben soll. Was hilft es, wenn ich auch nicht den geringsten Verdacht ausspreche, meine Mitteilung bringt doch dem General die Nachricht von der verbrecherischen Handlung seiner Söhne. Daß er ihnen so etwas nie zugetraut hätte, sieht man ja, er hätte ihnen sonst das Geld nicht übergeben. Nun soll er das erfahren müssen, unmittelbar vor dem Abschied. Er wird seinen Kindern die ehrlose Handlung nicht verzeihen, er wird sie nie vergessen können. Sich so von seinen Kindern trennen müssen, das ist ein namenloser Schmerz für Eltern. Soll ich ihnen das Leid antun, um uns die hundert Mark zu retten, was sagst du, Cäcilie?"
"Wenn ich auch 'ja' sagte, so glaube ich doch nicht, daß du es über dich bringst," entgegnete Frau Pfäffling.