Die evangelische Kirche im Jahrhundert der Reformation
Part 5
Friedrich der Weise verdiente die tiefe Trauer seines Volkes. Wohl am tiefsten trauerte Luther. Als man den edlen Kurfürsten in der Schloßkirche zu Wittenberg beisetzte, hielt Luther tiefbewegt die Leichenpredigt. »Unter seinem Schutz und Schirm,« rühmt er dankbar von diesem Fürsten, »ging das Evangelium glücklich von statten und nahm allenthalben überhand. Sein Leben lang hat er ein friedsam, still und ruhiges Regiment geführt und mit Recht Friedrich geheißen.«
7. Das Augsburgische Glaubensbekenntnis und die »Apologie«.
Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.
Matth. 10, 32.
Ein kluger Mann ist Kaiser Karl V. gewesen, ein mächtiger Mann war er auch, aber doch nicht so klug und so mächtig, daß er hätte das alte Wort zu Schanden machen können: »Ist der Rat oder das Werk aus den Menschen, so wird's untergehen; ist's aber aus Gott, so könnet ihr's nicht dämpfen« (Apostelgesch. 5, 38. 39). So lange der Kaiser mit seinen Feinden außerhalb des Reichs zu thun hatte, suchte er auch mit den Evangelischen im Reiche gute Freundschaft zu halten. Kaum aber hatte er seine Feinde überwunden, so meinte er, die Evangelischen nicht mehr zu brauchen und alles thun zu können, sie wieder unter des Papstes Joch zu zwingen. Das sollte, wie er hoffte, auf dem Reichstag geschehen, der im Frühjahr 1529 zu Speyer seinen Anfang nahm.
Man konnte es gleich am ersten Tag merken, daß der Reichstag dazu berufen war, die Bekenner des Evangeliums zu unterdrücken. Zunächst wurde der Beschluß vom Jahre 1526, wonach es jeder Fürst in Sachen der Religion in seinem Lande halten sollte, wie er es vor Gott und kaiserlicher Majestät zu verantworten gedenke, für null und nichtig erklärt. Dann bildete man einen Ausschuß, der beraten sollte, wie es hinfort in Religionssachen zu halten wäre. In diesem Ausschuß waren mehr Katholiken als Evangelische. Darum konnte sich niemand wundern, daß derselbe vorschlug, bis zu einer allgemeinen Kirchenversammlung dürfe an den kirchlichen Verhältnissen nichts mehr geändert werden, wohl aber sei auch jetzt dort, wo die Evangelischen die Oberhand hätten, katholischer Gottesdienst nicht zu hindern. Da nun auch im Reichstag selbst mehr Katholiken als Evangelische saßen, nahm derselbe in der Mehrzahl jenen Vorschlag an. Das bedeutete nicht nur den Stillstand der Reformation, sondern die Wiederaufrichtung des Papsttums und damit die Unterdrückung des Evangeliums.
Die evangelischen Stände erklärten, daß über Dinge, die das Gewissen angehe, kein Reichstag abstimmen und beschließen könne. Sie protestierten gegen den Beschluß mit den Worten: »Wir gedenken mit der Hand und Hilfe Gottes bei dem zu bleiben, daß allein Gottes Wort und das heilige Evangelium, Altes und Neues Testament, in den biblischen Büchern verfaßt, rein gepredigt werde, und nichts, das dawider ist; denn daran als an der einzigen Wahrheit und dem rechten Richtscheit aller christlichen Lehre und Lebens kann niemand irren noch fehlen, und wer darauf baut und bleibt, der besteht wider alle Pforten der Hölle!« So ward der Evangelischen Protest oder Verwahrung und Einspruch zugleich ein schönes Bekenntnis. Die Katholischen spotteten der Minderzahl der Evangelischen, die »protestierten«, dachten, das Protestieren sei nichts als Worte, und nannten die Evangelischen »Protestanten«. Sie sahen aber den Glauben nicht, der zum Proteste trieb und der die Welt überwindet. Uns ist der Name »Protestanten« ein Ehrenname. Noch heute protestieren wir gegen alles, was »wider Gott, sein heiliges Wort und unser Gewissen« ist.
Tief war's zu beklagen, daß nicht alle Evangelischen treu und fest zu einander standen. In Sachsen war man über die Lehre vom Abendmahl anderer Meinung als in Süddeutschland und in der Schweiz, und man hielt diesen Unterschied für so wichtig, daß man glaubte, sich darüber nicht die Bruderhand reichen zu können. Über solchen Zwiespalt war insbesondere der Landgraf Philipp von Hessen sehr betrübt. Vielleicht, meinte er, sei eine Vereinigung möglich, wenn die Führer der Evangelischen in Sachsen Luther und Melanchthon, in Süddeutschland und der Schweiz Ökolampadius und Zwingli, einmal zusammen kämen, sich in Liebe und Freundschaft zu besprechen. Das geschah denn auch im Herbste 1529 zu Marburg. Man einigte sich über die vornehmsten Stücke des evangelischen Glaubens, aber nicht über die Abendmahlslehre. »Wir haben sie in Frieden entlassen,« schrieb Luther; »Liebe und Frieden sind wir auch den Feinden schuldig; es ward ihnen bedeutet, daß wenn sie über das Abendmahl nicht besser denken lernen, sie zwar unserer Liebe gebrauchen können, daß es uns aber nicht möglich ist, sie als Brüder und Glieder Christi zu betrachten.« Ähnlich äußerte sich Melanchthon.
Zu gleicher Zeit beredeten sich der Kurfürst von Sachsen und der Markgraf Johann von Brandenburg, ob nicht ein Bund der Evangelischen anzustreben und zu erreichen wäre. Dazu brauchte man ein gemeinsames Bekenntnis. Luther sollte es ausarbeiten. Er legte ihm die Artikel, über die man sich in Marburg geeinigt hatte, zu Grunde und fügte einen Abschnitt über das heilige Abendmahl hinzu, der seine eigene Lehre enthielt. Es gelang aber weder zu Schwabach noch zu Schmalkalden, wo man dieserhalb zusammenkam, die Süddeutschen zur Unterschrift dieser Artikel und zum Anschluß an den Bund zu bewegen. Daß übrigens ein solcher Bund jemals gegen den Kaiser die Waffen erhöbe, widerrieten Luther und Melanchthon aufs entschiedenste.
Zu Anfang des Jahres 1530 sah es nicht gerade gut um die protestantische Sache aus. Noch waren die, die sich zur Reformation bekannten, zersplittert. Es fehlte ihnen die Fahne eines einmütigen Bekenntnisses. Drüben aber unter den Römischen war Einigkeit. Dazu hörte man allerlei Gerüchte von einem neuen Reichstag, zu dem der Kaiser selbst kommen würde und auf dem endlich die verhaßten Evangelischen, die aller Übel Ursache wären, für immer in die Schranken des Gehorsams gegen den Papst und die Kirche zurückgewiesen werden sollten. Um so überraschter war man, als das kaiserliche Schreiben, in dem ein Reichstag nach Augsburg eingerufen wurde, nichts als Güte und Milde atmete. Selbst Luther und Melanchthon glaubten jetzt, nur Gutes hoffen zu dürfen.
Anderer Meinung war der scharfsichtige Kanzler des sächsischen Kurfürsten +Dr.+ Gregor Brück. In des Kaisers und der Katholiken Freundlichkeit erblickte er nur Fallstricke und das schlaue Bestreben, die Evangelischen sicher zu machen, damit sie dann desto leichter überrumpelt werden könnten. Darum sei es unbedingt nötig, daß die Lehre der Protestanten in einer besonderen Schrift zusammengestellt und sorgfältig mit Gründen der Bibel bewährt würde. Würde dann den evangelischen Gottesgelehrten auf dem Reichstage das Wort verwehrt, so könne man diese Schrift als Verteidigung der evangelischen Lehre Kaiser und Reich vorlegen. Das leuchtete dem Kurfürsten wohl ein. Er beauftragte Luther, Melanchthon, Bugenhagen und Jonas, sich über eine solche Schrift zu beraten. Das war keine geringe Arbeit; kam es doch darauf an, eine Schrift zu bieten, welche die Zustimmung womöglich aller Evangelischen fände. Sie berieten lange, zuerst in Wittenberg, dann in Torgau, bis sie schließlich auf Melanchthons Vorschlag eingingen, nur das in die Schrift aufzunehmen, was im Einklang mit der Kirche der ersten Jahrhunderte stand. Denn dann mußte jeder sehen, daß nicht die Evangelischen, sondern die Katholischen »Neuerer« waren. In einzelnen Artikeln übergaben die Männer ihrem Kurfürsten das Ergebnis ihrer Beratungen. Dieser war wohl damit zufrieden; nur war es nötig, die »Artikel« noch in zweckentsprechende Form zu bringen. Damit beauftragte der Kurfürst Melanchthon.
Anfang April verließ Johann der Beständige mit seinem Gefolge -- darunter auch Luther, Melanchthon, Spalatin und anderen -- Torgau. Daselbst verweilte man längere Zeit, so daß Melanchthon noch ausgiebig Gelegenheit hatte, sich mit Luther über die ihm übertragene Verteidigungsschrift zu besprechen, die nötigenfalls »als Bekenntnis und Rechtfertigung der Evangelischen« in Augsburg vorgetragen werden könnte. Denn Luther selbst sollte in Coburg zurückbleiben. Ein Mann wie er, in Acht und Bann, konnte unmöglich vor Kaiser und Reich erscheinen.
Am 2. Mai langte als der Erste der Fürsten Kurfürst Johann in Augsburg an. Erst allmählich füllte sich die Stadt mit den übrigen Fürsten, geistlichen und weltlichen, Reichsständen und Gesandten. Kaiser Karl hatte seinen Einzug bis auf den 15. Juni verschoben. Den Tag darauf feierte man in öffentlicher Prozession und größtem Gepränge das Fronleichnamsfest. Bestimmt lehnten die evangelischen Fürsten jede Beteiligung daran ab. Charakterfest wahrten sie ihren evangelischen Standpunkt. Am 20. Juni wurde der Reichstag mit einem feierlichen, selbstverständlich katholischen Gottesdienst in der Stiftskirche eröffnet. Die Reden, die man darnach hielt, ließen deutlich erkennen, daß man bereit war, selbst mit dem Schwerte in der Hand den Protestantismus zu unterdrücken. Die Evangelischen aber setzten ihre Hoffnung auf Gott. Auch hatten sie die Zuversicht, daß der Kaiser sein Wort halten und ihr Bekenntnis anhören werde.
Fleißig hatte Melanchthon seit seiner Ankunft in Augsburg daran gearbeitet. Immer mehr ward aus der geplanten Verteidigungsschrift eine Bekenntnisschrift. Dem Kurfürsten lag viel daran, daß auch Luther Melanchthons Arbeit begutachtete. Am 15. Mai schickte er ihm die Schrift auf die Feste Coburg, indem er ihm dazu schrieb: »Nachdem ihr und andere unsere Gelehrten zu Wittenberg auf unser gnädiges Ansinnen und Begehren die Artikel, so der Religion halber streitig sind, in ein Verzeichnis gebracht, so wollen wir euch nicht bergen, daß jetzt allhier Magister Philippus dieselbigen weiter übersehen und in eine Form gezogen hat, welche wir euch hierbei übersenden. Und ist unser gnädiges Begehren, ihr wolltet dieselben weiter zu übersehen und zu bewegen unbeschweret sein. Und wo es euch dermaßen gefällig oder etwas davon oder dazu zu setzen bedächtet, das wollet also daneben verzeichnen, damit man alsdann auf Kaiserlicher Majestät Ankunft, der wir uns in Kürze versehen, gefaßt und geschickt sein möge, und uns dieselbige alsdann bei diesem Boten wohl verwahrt und verpetschaftet unverzüglich wiederum anher schicken.« Luther erfüllte des Kurfürsten Wunsch und gab über Melanchthons Schrift, die er als eine Verteidigungsschrift (Apologie) bezeichnet, folgendes Urteil ab: »Ich hab Magister Philippsen Apologie überlesen, die gefället mir fast (d. i. sehr) wohl, und weiß nichts dran zu bessern noch ändern, würde sich auch nicht schicken, denn ich so sanft und leise nicht treten kann.« Trotz dieses Urteils hörte Melanchthon nicht auf, an seiner Schrift zu feilen, zu ändern und zu bessern; auch Kanzler Brück und andere Räte und Gelehrte waren ihm dabei behilflich.
Schließlich berieten die evangelischen Stände die Schrift, die trotzdem sie durch viele Hände gegangen war, dennoch überall das Gepräge Melanchthon'schen Geistes trägt. Unterschrieben wurde sie zunächst vom Kurfürsten Johann von Sachsen samt seinem Sohne Johann Friedrich, von den Herzögen Ernst und Franz von Lüneburg, vom Markgrafen Georg von Brandenburg, dem Landgrafen von Hessen, dem Fürsten Wolfgang von Anhalt und den Städten Nürnberg und Reutlingen. Später, aber noch während des Reichstages, gaben auch die Städte Kempten, Windsheim, Heilbronn und Weißenburg ihre Unterschrift.
Am 25. Juni 1530, nachmittags 3 Uhr, begann in der Kapitelstube des bischöflichen Hofes der sächsische Kanzler Beyer vor Kaiser und Reich das Bekenntnis der evangelischen Stände in deutscher Sprache zu verlesen. Der Kaiser nahm dasselbe deutsch und lateinisch entgegen und versprach, die Sache in reifliche Erwägung zu ziehen. Er wünschte nicht, daß man die Schrift drucken ließe. Sie hätte ja leicht den Evangelischen neue Genossen gewinnen können. Trotzdem wurde in demselben Jahre allein der deutsche Text sechsmal gedruckt.
»An diesem Tage ist der allergrößten Werke eines geschehen, die je auf Erden geschehen sind,« sagte Spalatin am 25. Juni 1530. Aber nicht nur auf die Protestanten hatte die Verlesung ihres Glaubensbekenntnisses den tiefsten Eindruck gemacht. »So hör' ich nun wohl, die Lutherischen sitzen in der Schrift und wir Päpstlichen daneben,« bekannte Herzog Wilhelm von Bayern, und der Augsburger Bischof, Christoph von Stadion, mußte zugeben: »Was vorgelesen worden, ist reine Wahrheit, wir können es nicht leugnen.« Von der Tiefe aber evangelischen Bekenntnisses schien des Kaisers Beichtvater eine Ahnung erhalten zu haben; denn er sagte: »Ihr habt eine Theologie, die man nur begreift, wenn man viel betet.« Luther hatte recht, wenn er einmal sagte: »Der Reichstag zu Augsburg ist mit keinem Gelde zu bezahlen um des Bekenntnisses des Glaubens und des Wortes Gottes willen, so von den Unsern da gethan ist. Denn da haben die Widersacher bekennen müssen, daß unsere Konfession recht und wahr sei.«
Das Augsburgische Glaubensbekenntnis oder die »Augsburger Konfession«, wie man gewöhnlich sagt, enthält 28 Artikel. Die ersten 21 stellen die Glaubenslehre der Protestanten dar, die letzten sieben geben an, welche Änderungen in kirchlichen Gebräuchen sich als notwendig erwiesen. Die ersten 21 sind also die Hauptsache. Sie sind im Anhang unseres Gesangbuchs abgedruckt. In unserer Zeit, wo die römische Kirche überall den Kampf gegen uns Evangelische eröffnet hat, wo die »römisch-katholischen Widersacher unsern Glauben so heftig wie in den Zeiten des Augsburger Reichstags befeinden und lästern«, muß ein evangelischer Christ, der konfirmiert und reifer geworden ist, auch diese erste Bekenntnisschrift seiner Kirche kennen und verstehen lernen. »Für unsere Kirche, die hier den Gegnern gegenüber vor Kaiser und Reich zum ersten Mal ihrem Glauben einen förmlichen und gemeinsamen öffentlichen Ausdruck gegeben hatte, ist sie mit ihrem gedrängten, reichen Inhalt und festen, schlichten, feierlichen Ton ein bleibendes, teures Kleinod geworden. Es mahnt uns fort und fort, für was und gegen wen wir auch heute noch zu kämpfen haben. Es ruft jedem von uns zu: Halte, was du hast! (Offenb. Joh. 3, 11).«
Daß die Römischen auf solch' herrliches Bekenntnis nicht schweigen konnten, verstand sich von selbst. Nicht weniger als zwanzig Theologen beauftragte der Kaiser dasselbe -- nicht zu prüfen -- sondern zu widerlegen. Sie arbeiteten lange daran und hatten doch den Schmerz, ihre Schrift, weil sie viel zu schwerfällig, unklar und heftig war, vom Kaiser zurück zu erhalten. Als sie endlich am 3. August in deutscher Sprache dem Reichstage vorgelesen wurde, fühlten nicht nur die Evangelischen, auf wie schwachen Füßen die Lehre der Römischen stand. Sie hätten gern eine Abschrift jenes Machwerks in Händen gehabt. Der Kaiser wollte sie ihnen aber nur unter der Bedingung zustellen, daß sie keine Gegenschrift erscheinen ließen. Das war unannehmbar. Glücklicherweise hatte aber ein guter Freund Luthers und Melanchthons bei der Vorlesung der »Widerlegung« das meiste zu Papier bringen können. Auf Grund dieser Nachschrift hat dann Melanchthon seine »Apologie« (d. i. Verteidigungsschrift, nämlich des Augsburgischen Glaubensbekenntnisses) ausgearbeitet, die im April 1531 erschien.
Diese Schrift ist ein wahres Meisterwerk. Einige Sätze aus der Vorrede mögen hier mitgeteilt sein: »Ich habe die höchsten Gründe der Gegner zusammengefaßt, daß bei hohen und niedern Ständen, bei den Jetzigen und unsern Nachkommen, bei allen eingeborenen Deutschen, auch sonst aller Welt, allen fremden Völkern ein klar Zeugnis vor Augen sei und ewig stehen bleibe, daß wir rein, göttlich, recht von dem Evangelio Christi gelehrt haben; wir haben wahrlich nicht Lust oder Freude an Uneinigkeit, auch sind wir nicht so gar stock- oder steinhart, daß wir unsere Gefahr nicht bedenken. Denn wir sehen und merken, wie die Widersacher in dieser Sache uns mit so großer Bitterkeit suchen und bis hierher gesucht haben an Leib, Leben und Allem, was wir haben. Aber wir wissen die öffentliche göttliche Wahrheit, ohne welche die Kirche Christi nicht kann sein oder bleiben, und das ewig heilige Wort des Evangelii nicht zu verleugnen oder zu verwerfen.« -- »Darum wollen wir, so die erkannte helle Wahrheit mit Füßen getreten wird, diese Sache hier Christo und Gott im Himmel befehlen, der der Waisen und Witwen Vater und aller Verlassenen Richter ist; der wird, das wissen wir ja fürwahr, die Sache urteilen und recht richten. Und du, Herr Jesu Christ, dein heiliges Evangelium, deine Sache ist es; wollest ansehen so manch betrübt Herz und Gewissen und deine Kirche und Häuflein, die vom Teufel Angst und Not leiden, erhalten und stärken deine Wahrheit; mache zu Schanden alle Heuchelei und Lügen, gieb also Friede und Einigkeit, daß deine Ehre fürgehe und dein Reich wider alle Pforten der Hölle kräftig ohne Unterlaß wachse und zunehme.«
8. Einig und stark.
Wir sind bereit, Friede zu halten und Liebe zu üben gegen alle, wofern sie uns die Lehre des Glaubens rein und unverletzt lassen.
Luther.
Uneinigkeit ist ein alter Erbfehler des deutschen Volkes. Es hat ihn oft schwer genug büßen müssen. Vielfach hat erst der vor den Thoren stehende Feind die deutschen Stämme veranlaßt, sich die Bruderhand zu reichen.
Angesichts der Feindschaft des Kaisers und der Römischen schlossen am 29. März 1531 die evangelischen Stände zu Schmalkalden einen Bund auf sechs Jahre. Der Kurfürst von Sachsen und der Landgraf Philipp von Hessen sollten die Oberhauptleute sein. Hätten sich damals nicht die Türken wieder gerührt, so wär's wohl zum Kriege gekommen. Statt dessen ward nun zwischen dem Kaiser und den Evangelischen im Sommer 1532 zu Nürnberg ein Religionsfriede geschlossen. Es sollte zunächst alles bleiben, wie es war. Auch durfte weder der Kaiser die Protestanten noch die Protestanten den Kaiser angreifen.
Bald nach diesem Friedensschluß erlitt der schmalkaldische Bund einen schmerzlichen Verlust. Am 15. August hatte Kurfürst Johann den Beständigen von Sachsen auf dem Schlosse Schweinitz ein Schlagfluß getroffen. Am nächsten Morgen früh 10 Uhr standen Luther und Melanchthon am Sterbebette des edlen Fürsten, der zu Speyer, Augsburg und Schmalkalden fest, entschieden und beständig für die evangelische Sache eingetreten war. Am Sonntag darauf bestattete man ihn neben seinem Bruder, Friedrich dem Weisen, in der Schloßkirche zu Wittenberg. Luther hielt die Leichenpredigt. Johann Friedrich, des Heimgegangenen Sohn, übernahm das Regiment.
Insbesondere Melanchthon und die süddeutschen Gottesgelehrten, allen voran Martin Butzer in Straßburg, hatten den dringenden Wunsch, alle Evangelischen Deutschlands und der Schweiz möchten sich aufs engste verbinden. Von solchen Einigungsplänen war Luther kein Freund. Er fürchtete, daß dabei die reine Lehre, insbesondere vom heiligen Abendmahl, leiden werde. Auf keinen Fall wollte er seine feste Gewißheit, daß im heiligen Abendmahle Christus selbst gegenwärtig sei und sich allen Abendmahlsgästen mitteile, preisgeben. Als Geistesverwandte aber der Süddeutschen und der Schweizer, insbesondere Zwinglis, erschienen ihm die Wiedertäufer, die gerade damals viel von sich reden machten. Die entsetzlichste Verzerrung evangelischer Freiheit und die abscheulichste Verkehrung derselben in fleischliche Zügellosigkeit hat im Jahre 1534 zu Münster stattgefunden. Man müsse an der Wand greifen, sagte Luther, daß der Teufel dort leibhaftig haushalte. Am 25. Juni 1535 ward die Stadt in blutigem Kampfe den »Heiligen« abgenommen. Erst als die Süddeutschen sich in ihrer Abendmahlslehre derjenigen Luthers eng näherten, ließ sich dieser zu weiteren Verhandlungen herbei. Im Mai 1536 war eine große Zahl Gottesgelehrter aus Straßburg, Augsburg, Ulm, Memmingen, Frankfurt, Konstanz und anderen Städten in Wittenberg versammelt. Da wurde die Einigkeit hergestellt. Es war ein großer Augenblick, und man begreift's, daß den Anwesenden die Thränen ins Auge traten, als Luther mit freudig bewegter Stimme erklärte: »Weil es denn so steht, so sind wir eins, erkennen und nehmen euch an als unsere lieben Brüder im Herrn.«
Im Nürnberger Religionsfrieden war Waffenstillstand beschlossen worden, bis einmal auf einer Kirchenversammlung die Streitigkeiten zwischen den Evangelischen und Römischen entschieden worden wären. Das wäre natürlich für einen Papst ein großer Triumph gewesen, wenn's ihm gelungen wäre, die abtrünnigen Protestanten in den Schoß der sogenannten »allein selig machenden« Kirche zurückzuführen. Papst Paul III., der seit dem Jahre 1534 auf dem römischen Stuhle saß, hoffte sich diesen Ruhm zu erwerben. Schlau sind die Päpste meistens gewesen, Paul III. aber war es besonders. Er plante eine Kirchenversammlung, bedauerte aber, dieselbe nicht, wie es die Evangelischen wollten, in Deutschland, sondern nur in Italien abhalten zu können. Mantua wurde dazu bestimmt. Die schmalkaldischen Bundesgenossen ließen jedoch dem päpstlichen Gesandten erklären: erstens würde hoffentlich der Kaiser nicht zugeben, daß das Konzil auf anderem als deutschem Gebiet gehalten würde, und zweitens könne nur die Heilige Schrift, aber nicht ein Konzil in Glaubenssachen entscheiden.
Der Papst kümmerte sich jetzt nicht weiter um die Protestanten, sondern schrieb einfach für das Jahr 1537 eine Kirchenversammlung nach Mantua aus. Man beriet auf protestantischer Seite viel hin und her, was zu thun sei. Schließlich einigten sich die Glieder des evangelischen Bundes dahin, im Februar 1537 in Schmalkalden zusammenzukommen. Dort sollte beschlossen werden, was auf dem Konzil »aufs äußerste zu verteidigen« sei. Von vornherein erstrebte man volle Einmütigkeit. Luther hatte den Auftrag aufzusetzen, was der Versammlung vorgelegt werden sollte. Er sollte aufzeichnen, »worauf er in allen Artikeln, die er bisher gelehrt, gepredigt und geschrieben, auf einem Konzil, auch in seinem letzten Abschied von dieser Welt vor Gottes allmächtigem Gericht gedächte zu beruhen und zu bleiben und darinnen ohne Verletzung göttlicher Majestät, es betreffe gleich Leib oder Gut, Frieden oder Unfrieden, nicht zu weichen.«