Die evangelische Kirche im Jahrhundert der Reformation

Part 4

Chapter 43,629 wordsPublic domain

Unter den vielen Arbeiten der nächsten Zeit war eine der wichtigsten die Neugestaltung des Gottesdienstes. »Drei große Mißbräuche,« klagt Luther damals, »sind in den Gottesdienst gefallen. Der erste: daß man Gottes Wort geschwiegen hat und allein gelesen und gesungen in den Kirchen; das ist der ärgste Mißbrauch. Der andere: da Gottes Wort geschwiegen gewesen ist, sind nebeneingekommen so viel unchristlicher Fabeln und Lügen, beides, in Legenden, Gesängen und Predigten, daß es greulich zu sehen ist. Der dritte: daß man solchen Gottesdienst als ein Werk gethan hat, damit Gottes Gnade und Seligkeit zu erwerben. Da ist der Glaube untergegangen und hat jedermann zur Kirche geben, stiften, Pfaff, Mönch und Nonne werden wollen.«

Die katholische Kirche meint, daß sie mit ihren Gottesdiensten, in denen der Priester mit prächtigem Meßgewande am Altar in lateinischer Sprache redet oder singt und die Gemeinde stumm zuhört, Gott einen Dienst thue. Luther hat's dafür gehalten, daß im rechten Gottesdienst Gott ~uns~ dienen will mit seinem Wort und Sakrament. Darin steigt Gott zu uns hernieder. Die Sakramente, Taufe und Abendmahl, sind gemäß der Heiligen Schrift und der Einsetzung durch Christus zu verwalten. Gottes Wort ist reichlich sowie lauter und rein zu predigen. Es kann keinen rechten Gottesdienst ohne Gottes Wort geben. Darum schenkte Luther dem deutschen Volke die deutsche Bibel. Darum gab er dem Prediger, der nicht selbst aus Gottes Wort eine Predigt gestalten konnte, seine Kirchenpostille, d. i. eine Sammlung von Predigten für jeden Sonn- und Festtag über die Episteln, wie über die Evangelien in die Hand.

Wie aber Gott herabsteigt in Wort und Sakrament, so erheben wir uns zu ihm mit unsern Gebeten und unsern Gesängen. »Des Christen Handwerk ist das Beten,« sagte Luther. Er hat das Handwerk meisterhaft verstanden und hat Großen und Kleinen die Hände zum Gebet gefaltet. »Ach wie gar ein groß Ding,« so lauten seine Worte, »ists um ein rechtschaffen Gebet frommer Christen! Wie gar kräftig ist es bei Gott, daß ein armer Mensch mit der hohen Majestät im Himmel so reden soll und vor ihm nicht erschrecken, sondern wissen, daß ihn Gott freundlich anlache um Jesu Christi willen, seines lieben Sohnes, unseres Herrn und Heilands!«

Luther ist's aber auch gewesen, der uns das deutsche evangelische Gesangbuch gab. Die Deutschen haben von jeher gern gesungen und singen auch noch heute gern. Aber in ~deutschem~ Liede will der Deutsche hinaussingen, was sein Herz bewegt. Und wenn's die römischen Priester, die das deutsche Gemüt und deutsche Glaubensinnigkeit nie verstanden, auch nicht gern hörten, in deutscher Zunge klang doch schon in grauer Vorzeit durchs deutsche Gotteshaus das Osterlied:

Christ ist erstanden Von der Marter alle; Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein! Hallelujah.

Und zu Pfingsten sang man:

Nun bitten wir den heiligen Geist Um den rechten Glauben allermeist, Daß er uns behüte an unserm Ende, Wenn wir heimfahren aus diesem Elende. Kyrieleis.

Viele Lieder waren's freilich nicht, die die deutsche Christenheit im Gotteshaus singen konnte. »Es fehlt uns an deutschen Poeten und Musikern, die christliche und geistliche Gesänge, wie sie Paulus nennt, machen können, die es wert wären, daß man sie täglich in der Kirche Gottes brauchen möge.«

Als Luther so klagte, ahnte er wohl selbst nicht, daß er dazu berufen war der Schöpfer und Vater des deutschen Kirchenliedes zu werden. Unser Luther war ja eine durchaus dichterische Natur. Ist nicht sein köstlicher Brief vom Paradiesesgarten an sein Söhnlein Hänschen wie ein Gedicht? Und welch' herrliche Lieder voll von Glaubenskraft und Christenmut hat er uns gesungen!

Wunderbar, daß gerade »der Feinde Blutgier den Quell öffnen helfen mußte, aus dem der reiche evangelische Liederstrom entsprungen ist!«

Am 1. Juli 1523 hatten die Römlinge zwei junge Anhänger der Lehre Luthers, Heinrich Voes und Johann Esch auf dem Marktplatz zu Brüssel verbrannt. Das sollte die Bekenner des Evangeliums einschüchtern. Aber was geschah? Der Glaube der ersten Märtyrer stärkte den Glauben der Anderen. Je wütender die Welt Luthers Lehre verfolgte, um so deutlicher erwies es sich: Diese Lehre ist die Wahrheit! Damals hat Luther den Mund zu seinem ersten Liede geöffnet:

»Ein neues Lied wir heben an, Das walt Gott unser Herre! Zu singen, was Gott hat gethan Zu seinem Lob und Ehre!«

Dann erzählt der Dichter die Leidens- und Siegesgeschichte jener evangelischen Glaubenszeugen. Siegesbewußt schaut er in die Zukunft:

Die Asche will nicht lassen ab, Sie stäubt in allen Landen. Hier hilft kein Bach, Loch, Grub noch Grab, Sie macht den Feind zu Schanden. Der Sommer ist hart vor der Thür, Der Winter ist vergangen, Die zarten Blumen gehn herfür: Der das hat angefangen, Der wird es wohl vollenden!

Der Liederstrom aus Luthers gläubigem, in Gott zufriedenen Herzen quoll weiter. »Die Wittenbergisch Nachtigall, die man jetzt höret überall,« wie der Nürnberger Schuhmacher und Meistersinger Hans Sachs unsern Luther nennt, sang uns noch manches Lied. Im Jahre 1524 erschien das erste evangelische Gesangbüchlein. Nur acht Lieder standen drin, unter ihnen vier von Luther. In demselben Jahre hat dann Luther zum ersten Male selbst ein »Geistliches Gesangbüchlein« herausgegeben.

Gegen 40 geistliche Lieder besitzen wir von Luther. Aus den Psalmen des Alten Testaments schuf er Gesänge für die evangelische Christenheit (»Aus tiefer Not schrei ich zu dir« nach Psalm 130; »Es wolle Gott uns gnädig sein« nach Psalm 67). An alte deutsche Lieder fügte er neue Verse (»Gelobet seist du, Jesu Christ, daß du Mensch geboren bist«; »Nun bitten wir den heiligen Geist«). Alte lateinische Gesänge wurden ins Deutsche umgedichtet (»Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen«). Den ganzen Katechismus, von dem wir im nächsten Abschnitt hören werden, brachte er ins Gesangbuch (»Dies sind die heil'gen zehn Gebot«; »Wir glauben all an Einen Gott«: »Vater unser im Himmelreich«; »Christ, unser Herr, zum Jordan kam« (über die Taufe); »Gott sei gelobet und gebenedeiet« (über das heilige Abendmahl). In aller Kinder Herzen sang sich Luther hinein mit seinem »Kinderlied auf die Weihnachten zu singen vom Kindlein Jesu«: »Vom Himmel hoch da komm ich her«. Wo aber deutsche evangelische Männer und Frauen sich versammeln, um miteinander in ihrem teuren Glauben Kraft und Trost zu suchen, da stimmen sie das Schutz- und Trutzlied der Reformation an, wie es Luther uns vorgesungen: »Ein' feste Burg ist unser Gott«.

Zum Lied aber gab Luther auch oft die Melodie, mochte er sie einer alten Volksweise abgelauscht oder aus der eigenen singenden Seele geschöpft haben. Vergessen sei aber nicht seines getreuen Gehilfen, des kurfürstlichen Hofkantors Johann Walther, der ihm treffliche Dienste geleistet hat!

Der Sang der »Wittenbergischen Nachtigall« weckte manche Stimme. Der freundliche Leser wolle in seinem Gesangbuch nur einmal aufschlagen die Namen Albrecht, Markgraf von Brandenburg, Nikolaus Decius, Paul Eber, Johann Gramann, Nikolaus Hermann, Johann Mathesius, Hans Sachs, Paul Speratus! Da wird er die Lieder finden, an denen die evangelische Gemeinde der Reformationszeit sich erquickt hat. Sie bleiben eine reiche Segensquelle für die evangelische Kirche aller Zeiten. Sie sind zu einem großen Teile in fremde Sprachen übersetzt. Und wie manche unter unseren katholischen Brüdern und Schwestern haben schon in ihnen Erholung der Seele gefunden!

+c+) Der deutsche Katechismus.

Wenn +D.+ Luther in seinem Lauf sonst nichts Gutes gestiftet und angerichtet hätte, denn daß er beide Katechismen in Häuser, Schulen und auf den Predigtstuhl gebracht, so könnte ihm die ganze Welt das nimmermehr genugsam danken und bezahlen.

Johann Mathesius.

Wenn man hört und liest, wie +D.+ Luther so fleißig arbeitete, wie es nun eine deutsche Bibel, eine Postille, ein Gesangbuch gab, und wenn man bedenkt, daß ihm tüchtige Männer in treuer Mitarbeit zur Seite standen, wie Philipp Melanchthon, der Stadtpfarrer Johann Bugenhagen, Friedrichs des Weisen Hofkaplan, Georg Spalatin -- so möchte man wohl meinen: Es muß im lieben Sachsenlande ganz herrlich um Kirche und Schule gestanden haben! Dem war aber leider noch nicht so. Es dauerte lange, bis die Schäden, die Folgen römischer Verwahrlosung im Mittelalter, geheilt wurden. Vor allem fehlten die Männer, Gottes Wort auf den Kanzeln zu verkünden und es in der Schule den Kindern ins Herz zu pflanzen. Dazu mußte einer mehr verstehen als Messelesen.

Es war unbedingt nötig, daß man erforschte, wie es in den einzelnen Gemeinden stand, ob die Geistlichen auch zu predigen und die Schulmeister zu lehren fähig waren, und ob ihre Predigt und Lehre mit dem Evangelium übereinstimmte. Damit keine Gemeinde übersehen und dieses Prüfungswerk möglichst bald beendet würde, teilte man ganz Sachsen in Bezirke und wählte für jeden derselben mehrere Gottesgelehrte und rechtsverständige Räte des Kurfürsten, die ihn visitieren sollten. Melanchthon setzte die Fragen auf, die den Geistlichen vorzulegen waren. Aber er war auch der Erste, der sich selbst aufmachte, in seinem Bezirke Kirchen und Schulen zu besuchen. Ihm nebst zwei Pfarrern und drei adligen Räten war Thüringen zugewiesen worden. So schön dieses Land ist, so traurig stand es dort um manche Gemeinde in Kirche und Schule. Kaum glauben möchte man's, daß die Römischen es gewagt hatten, einen Mann als Geistlichen anzustellen, der nicht viel mehr wußte, als die zehn Gebote, die drei Artikel und das Vaterunser. Man kann auch heute noch in den Klöstern Leute finden, die nicht viel mehr als Lesen und Schreiben gelernt haben. Melanchthon fand aber einen früheren Mönch als Pfarrer, der antwortete, als er nach den zehn Geboten gefragt wurde: »Ich habe das Buch noch nicht!«

Das war traurig, sehr traurig. »Mein Herz blutet,« schrieb Melanchthon angesichts solchen Elends, das der Papst und die Bischöfe auf dem Gewissen hatten, »wenn ich diesen Jammer sehe. Ich gehe oft beiseite und weine meinen Schmerz aus, wenn wir mit der Untersuchung eines Ortes fertig sind. Und wer wollte nicht jammern, wenn man sieht, daß die Anlagen des Menschen so ganz vernachlässigt werden und die Seele desselben, die so viel lernen und fassen kann, nicht einmal von ihrem Schöpfer und Herrn etwas weiß.«

Auch Luther sollte bei der Visitation geistliches Elend genug sehen. So traurig aber die Erkenntnis der vorhandenen Übelstände war, so hocherfreulich war die Frucht, die aus der Trauer um das Elend des Volkes erwuchs. Diese Frucht waren die beiden Katechismen +D.+ Martin Luthers. Ein »Katechismus«, das ist »eine Kinderlehre, so ein jeglicher Christ zur Not wissen soll«, war das Nötigste, was man jetzt in Kirche und Schule brauchte. Schon mancher hatte versucht, solch ein Büchlein zu schreiben. Aber der rechte Katechismus konnte nicht vom Schreibtisch aus verfaßt werden, sondern mußte herauswachsen aus der fleißigsten, hingebendsten Belehrung der Gemeinde. Den konnte auch nur einer schreiben, der mit inniger Liebe den Kindern zugethan war und selbst ein kindliches Gemüt besaß. Dieser eine war unser Luther.

Wie hat Luther die Kinder so lieb gehabt! Wie oft betrat er die Kanzel, um den »Einfältigen« zu predigen! Wie hat er es den Eltern und der Obrigkeit ans Herz gelegt: Sorgt für die Kinder! Erzieht sie zu Gottes Kindern! Gründet gute Schulen! An alle »Bürgermeister und Ratsherren der Städte in deutschen Landen« wendet er sich mit der herzlichen Bitte, »daß sie christliche Schulen aufrichten und erhalten sollen.« Wie redet er dem armen Vater, der nicht weiß, wovon er seinen Sohn studieren lassen soll, freundlich zu in seiner köstlichen »Predigt, daß man Kinder zur Schule halten soll«: »Laß deinen Sohn getrost studieren! Und sollte er auch dieweil nach Brot gehen, so giebst du unserm Herr-Gott ein feines Hölzlein, daraus er dir einen Herrn schnitzen kann.« Wie preist er das hohe Amt eines christlichen Lehrers: »Das sage ich kürzlich: einen fleißigen, frommen Schulmeister oder Magister oder, wer es ist, der Knaben treulich erzieht und lehrt, den kann man nimmermehr genug lohnen und mit keinem Gelde bezahlen!« -- -- »Und ich, wenn ich vom Predigtamt und anderen Sachen ablassen könnte oder müßte, so wollte ich kein ander Amt lieber haben, denn Schulmeister oder Knabenlehrer sein. Denn ich weiß, daß dies Werk nächst dem Predigtamt das allernützlichste, größte und beste ist, und weiß dazu noch nicht, welches unter beiden das beste ist.«

Weil Luthers Katechismus jedes evangelische Kind durch die Schulzeit begleitet und weil kein Erwachsener dieses Büchlein je auslernen kann, soll hier auch kurz erzählt werden, wie dasselbe entstanden ist.

Der Katechismus, d. h. die zehn Gebote, der Glaube, das Vaterunser und was jeder Christ von den beiden Sakramenten wissen soll, muß dem Volke gepredigt, muß den Kindern ins Herz hinein geschrieben werden, wenn's besser werden soll! meinte Luther, als er von der entsetzlichen geistlichen Verwahrlosung in Stadt und Land hörte. Darum trat er im Jahre 1528 auf die Kanzel der Wittenberger Stadtkirche und predigte über die genannten Katechismusstücke. Sein Freund Bugenhagen, der Stadtpfarrer, war nämlich verreist, und man war's längst gewöhnt, daß Luther trotz seiner vielen anderen Arbeiten die Stellvertretung des Abwesenden übernahm. Da hat denn Luther in drei Predigtreihen (im Mai, September und Dezember) je den ganzen Katechismus vor einer zahlreichen Gemeinde ausgelegt.

Was aber die Leute gehört hatten, das sollten sie auch in ganz kurzer Form schwarz auf weiß mit nach Hause nehmen können, und den Predigern mußte es höchst willkommen sein, an Luthers Katechismuspredigten ein Muster für die eigenen zu haben. Also in doppelter Gestalt sollten Luthers Predigten hinaus in die Welt ziehen. Ganz kurz ließ er die Summa derselben auf Tafeln drucken, damit man sie in Haus, Kirche und Schule an die Wand hängen könnte. Schon Mitte Januar 1529 war die erste Tafel fertig. Sie enthielt die drei ersten Hauptstücke mit ihren Auslegungen. Zur Osterzeit erschien die zweite Tafel, das vierte und fünfte Hauptstück. Diese beiden Tafeln sind dann in Buchform gedruckt worden. Das ist der »kleine« Katechismus.

Inzwischen aber hatte Luther auch fleißig daran gearbeitet, die Katechismuspredigten vom Jahre 1528 unter Abstreifung des Predigtgewandes zu einem »Katechismus« umzugestalten. Die Arbeit zog sich in die Länge, so daß er nicht nur jene Katechismuspredigten, sondern auch noch die Predigten vom Palmsonntag und Gründonnerstag verwerten konnte. Gegen Mitte April wurden die ersten Exemplare des »großen« Katechismus verschickt.

Übrigens verrät Luther diese Entstehung seiner Katechismen selbst, wenn er in der Vorrede zum kleinen Katechismus von »~Tafeln~« spricht und wenn er die Vorrede zum »großen« mit den Worten beginnt: »Diese ~Predigt~ ist dazu geordnet und angefangen, daß es sei ein Unterricht für die Kinder und Einfältigen.«

Wer mag den Segen ermessen, der aus Luthers Katechismen erwachsen ist! Es sollte ihn niemand beiseite legen, wenn seine Schulzeit und seine Konfirmation vorüber ist! Wenn Luther von sich bekannte: »Ich muß ein Kind und Schüler des Katechismus bleiben und bleib's auch gerne!« so werden wir alle Zeit unseres Lebens an ihm zu lernen haben.

Wer kann es aufzählen, wie man im Laufe der Jahrhunderte Luthers Kinderlehre gepriesen! Eines Mannes Urteil sei nur genannt! Der große deutsche Geschichtsschreiber Leopold von Ranke sagt von Luthers kleinem Katechismus: »Er ist ebenso kindlich wie tiefsinnig, so faßlich wie unergründlich, einfach und erhaben. Glückselig, wer seine Seele damit nährte, wer daran festhält! Er besitzt einen unvergänglichen Trost in jedem Momente, hinter einer leichten Hülle den Kern der Wahrheit, der dem Weisesten der Weisen genugthut.«

6. Luther gegen den Aufruhr.

Es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin Christus; und werden viele verführen.

Matth. 24, 5.

Jeder Krieg hat etwas Furchtbares. Am erbittertsten aber sind immer die Kriege geführt worden, in denen man angeblich um Gottes und des Glaubens willen kämpfte. Die Bauern, die sich zu Luthers Zeit im »Bauernkrieg« erhoben, schrieben das »Evangelium« auf ihre Fahne und begründeten ihre Forderungen mit dem »Evangelium«. Die Feinde der Reformation waren sofort mit der Behauptung da: Nun seht ihr's, das Evangelium führt zur Revolution. Der Luther und seine Anhänger sind Empörer!

Noch heute kann man's im Lager unserer Feinde hören: Die Reformation ist die Mutter der Revolution. Das stimmt aber schon deshalb nicht, weil thatsächlich die katholischen Länder die Herde der Revolutionen sind. Und wenn jemandem revolutionäres Wesen fern gelegen hat, dann ist's sicher Luther gewesen. Sein Grundsatz war: Das Alte soll bleiben, soweit es nicht gegen Gottes Wort ist. Das Neue aber soll auf dem Grunde des Wortes Gottes aufgebaut werden.

Die Predigt des Evangeliums hatte die Gewissen vom Joche des Papsttums befreit. Aber nicht zu einer fleischlichen Freiheit, nicht zur Zügellosigkeit und Zuchtlosigkeit führte es die Leute. »Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemand unterthan (durch den Glauben); ein Christenmensch ist ein Knecht aller Dinge und jedermann unterthan (durch die Liebe).« Luther gerade ist es gewesen, der der weltlichen Obrigkeit ihre göttliche Ehre wiedergab auf Grund von Röm. 13, 1-2: »Jedermann sei unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer sich nun wider die Obrigkeit setzet, der widerstrebet Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.« Und im kleinen wie im großen Katechismus rechnet Luther die Obrigkeit zum »Vaterstand«: »Denn Gott giebt und erhält uns durch sie, als durch unsere Eltern, Nahrung, Haus und Hof, Schutz und Sicherheit. Darum, weil sie solchen Namen und Titel, als ihren höchsten Preis, mit allen Ehren führen, sind wir auch schuldig, daß wir sie ehren und groß achten für den teuersten Schatz und köstlichstes Kleinod auf Erden.« So spricht wahrlich kein Revolutionär.

Gewiß hat es der Bauer nicht leicht gehabt im Mittelalter. Wenn das Landvolk unter keiner anderen Last zu seufzen gehabt hätte, als unter der, die die Bibel mit dem Worte meint: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen!« so hätten sie sich noch glücklich preisen können. Aber die Bauern wurden manchmal kaum als Menschen angesehen, und wie es ihnen erging, war ihren harten Herren zumeist ganz gleichgiltig, wenn sie nur arbeiteten, ihre Abgaben richtig bezahlten, sich alle Willkür gefallen ließen und dazu schwiegen. Nirgends erhielt der arme, leibeigene Bauer sein Recht. »Das edel Recht,« sagte das Sprichwort, »ist worden krank, dem Armen kurz, den Reichen lang.« Und wenn die Großen mit gepanzerter Faust ihr Recht suchten und sich befehdeten, war's wieder der Bauer, der das Meiste litt, dem man das Feld verwüstete, das Haus ansteckte und das Vieh wegtrieb. Da läßt sich wohl denken, daß er mit Freuden die Predigt von der »evangelischen Freiheit« vernahm und auf Erlösung aus dem verhaßten Joche hoffte.

Schon mehr als einmal hatten sich die Bauern erhoben. Aber das Schwert der Mächtigen hatte sie niedergeschlagen. Jetzt, wo alle Welt von Freiheit redete, wollten sie auch frei werden, allerdings nicht frei im Sinne des Evangeliums, frei von Sünde, Schuld und Tod auf Grund der Erlösung durch Jesum Christum, frei vom Papst und seinen Menschensatzungen, sondern frei von dem Drucke der Gewaltigen. Im Herbst 1524 thaten sich in Schwaben die Bauern zusammen und stellten in »zwölf Artikeln«, von denen sie jeden aus der Heiligen Schrift begründen wollten, ihre Forderungen auf. Eine Reihe Gottesgelehrter sollte ihre Sache prüfen. Was von ihren Forderungen gegen die Bibel wäre, wollten sie gern zurücknehmen.

Obenan unter den Gottesgelehrten waren Luther und Melanchthon genannt. In einer ernsten »Ermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben« zeigte Luther, daß das Evangelium mit solchen Dingen gar nichts zu thun habe. Daß die Bauern in vielen Stücken recht hatten, sah er wohl ein, gab's auch zu. Aber »mit Trotz und Streit werdet ihr nichts schaffen«, schrieb er und riet zu einem gütlichen Vergleich. Dazu war es zu spät. Die Leidenschaften waren schon zu sehr erregt, und was Luther, »Deutschlands Prophet«, vorausgesagt, war geschehen: man hatte zum Schwert gegriffen. Am schlimmsten geberdete sich Thomas Münzer. »Dran, dran, weil das Feuer heiß ist! Lasset euer Schwert nicht kalt werden vom Blut!« rief er Bauern und Bergleuten zu. Alles stand jetzt auf dem Spiele. Das war eine Revolution, wie sie schlimmer nicht gedacht werden konnte. In seiner Schrift »wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern« forderte jetzt Luther das entschiedene Einschreiten der Fürsten, ermahnte aber zugleich die ganze Christenheit zum Gebete, daß Gott die verblendeten und irregeführten Bauern erleuchten und bekehren möchte.

Auch Melanchthon war, wie wir hörten, unter jenen Gottesgelehrten mit genannt, die die Forderungen der Bauern prüfen sollten. Er hätte wohl am liebsten geschwiegen. Luther, der von sich bekennen konnte: »Ich bin eines Bauern Sohn, mein Vater und Ahn sind rechte Bauern gewesen,« wußte aus eigener Erfahrung, wo den Bauern der Schuh drückte. Melanchthon hatte in einem behäbigen städtischen Elternhause und dann von seiner Studierstube aus von den Nöten des Bauernstandes nichts gesehen. Trotzdem konnte auch er nicht leugnen, daß in den Forderungen der Bauern vieles berechtigt war. Aber, sagte er, zu den Tugenden der Christen gehört vor allem mit der Gehorsam gegen die Obrigkeit. Also keine eigenmächtige Hilfe! Vielmehr lasse man die Obrigkeit dafür sorgen, daß allerorten gute evangelische Prediger wirken, damit Glaube und Liebe im Volke gepflanzt, und gepflegt werden! Das sei der rechte Weg zu Einigkeit und Frieden.

Der Rat kam zu spät, und, wäre er früher gegeben worden, so hätte er wohl auch wenig genützt. Wie fast in ganz Deutschland, so hat der Bauernkrieg auch in Sachsen gewütet. Manches schöne Schloß, manches reiche Kloster wurde zur Ruine. Viel Blut wurde vergossen, viel Wohlstand begraben.

Ein furchtbares Gericht ist über die Aufständischen gehalten worden. Am 15. Mai 1525 wurde Thomas Münzer bei Frankenhausen besiegt und bald darauf gefangen genommen. Als einen falschen Propheten hatte er sich erwiesen, da er den Bauern Mut einsprach: »Gott ist mit uns! Wer von euch im vordern Treffen fällt, der steht hinten wieder auf. Fürchtet euch nicht! Die feindlichen Kugeln fange ich alle mit den weiten Ärmeln meines Priesterrockes auf!« Man hat ihn mehrmals gefoltert und dann in Mühlhausen hingerichtet. Viele mußten sein Schicksal teilen. Am furchtbarsten aber wurden die Aufrührer im Frankenland bestraft. Der Markgraf von Brandenburg ließ in der Stadt Kitzingen 47 Aufständischen die Augen ausstechen. Vielfach war's nur dem inständigen Bitten der Pfarrer zu danken, daß Gnade für Recht erging.

In jenen Tagen starb Friedrich der Weise. »Ach, was soll ich doch länger hier auf Erden thun«, sagte er wenige Tage vor seinem Tode, »denn es ist doch hier auf Erden keine Liebe, Wahrheit und Treue mehr!« Auf seinem Sterbebette ließ er sich das heilige Abendmahl unter beiderlei Gestalt reichen, »der erste deutsche Fürst, der so im Tode zur evangelischen Lehre sich bekannt und ihr gemäß in Gottes Wort seinen letzten Trost gefunden hat.«