Part 15
Kaum breitete die Nacht ihren friedlichen Schleier aus, als Almagro sich die Waffen umgürtete, das Pferd anschirrte und schnell nach dem Gebirge ritt. Hier erwartete Coya ihren Geliebten bereits, ein wenig von ihren Kriegern getrennt, und der reinsten Wonne überlassen, sahen sie den Mond das Himmelszelt durchziehen. Die zärtlichste Liebe vereinigte sie, Almagro lebte für Coya, und Coya für Almagro. »Ah!« wiederholte ihm in einer heitern Nacht die Schöne, »wie gut sagte mir mein Herz voraus, daß unsere Liebe ein schwarzer Unstern sein würde! Grenzenlos ist unser Unglück, jeder nachfolgende Tag scheint unsere Bitterkeit zu verdoppeln. Mein Vaterland ist in Staub versunken, die Sonnentempel sind verschwunden, das Blut der Peruaner röthet die fruchtbaren Fluren, ich habe meinen Gott verkannt.« »Schöne....« »Vereinige deine Anstrengungen mit den meinen, da du doch als ein von Osten Gekommener den Dolch in mein unglückliches Vaterland stießest, heile als Angebeteter Coyas dessen Wunden zu.« »Mein Vaterland, Coya....« »Ich verließ meinen Gott....« »Als Götzendienerin hätte ich dich nicht geliebt....« Die Lage jener unglücklichen Seelen läßt sich nur empfinden; Almagro konnte nicht zum Verräther an seinem Vaterlande werden, Coya war zu getreu, um ihr Lager zu verlassen, worin sie das Ansehen bereits verlor, weil man anfing, an ihrem religiösen Glauben zu zweifeln; und zwei so zärtliche Geliebte konnten sich im Kampfe treffen und einander tödten.
Coya war im Gebirge vor den Augen Pizarros verächtlich, sie hatte weder Streitkräfte, noch befeindete sie die Fluren, und der Eroberer hielt es nicht der Mühe werth sie zu schlagen. Coya ihrerseits erkannte ebenfalls, daß sie keine Schlacht wagen durfte, und sie besorgte bloß, den Spaniern wie eine Verliebte zu erscheinen, welche die Annäherung ihres Geliebten suchte; inzwischen aber waren ihre Streitkräfte ein Vereinigungspunkt für die Peruaner, die den Ketten entrannen, und ohne jemals viele Leute heranzubilden, internirte sie dieselben nach den Anden.
Es war in einer ruhigen Nacht, als Almagro auf der Rückkehr vom Gebirge die Stadt betrat und der Kapitän Soto mit zwanzig Mann auf Pizarros Befehl seiner wartete, um ihn gefangen zu nehmen. So sehr Almagro überrascht war, setzte er dem Befehle seines Vorgesetzten nicht den geringsten Widerstand entgegen; als guter Soldat achtete er die Unterwürfigkeit und Mannszucht, und folgte Soto, der ihn nach dem Palaste des Statthalters führte, wo der versammelte Kriegsrath bereits seiner wartete. Ein geräumiger, düsterer Saal war der Ort, wo die Richter sich versammelten; Pizarro war Vorsitzender im Rathe und Luque wohnte als Priester für die religiösen Anklagen ebenfalls bei. Dahin wurde Almagro mit den Feierlichkeiten eines Verbrechers gebracht, aber sein Antlitz und sein Herz waren ruhig, obschon seine Seele überrascht war. Kaum erschien er in der Versammlung, las ihm der Staatsanwalt die Anklageschrift, als Verschwörer gegen sein Vaterland, wegen seiner fortgesetzten Mittheilungen mit dem feindlichen Lager und als Abtrünniger des Christenthums, wegen unerlaubten Umgangs mit einer Götzendienerin, vor. Voller Majestät brachte Almagro mit der Kraft und dem Nachdruck, die ihm seine Unschuld eingab, seine Vertheidigung vor, er erinnerte die Richter an die Thaten der Tapferkeit und die Aufopferungen, welche er seinem Vaterlande anrechnete, an die Anstrengungen, die er für die Eroberung jenes Reiches herzählte, und verneinte unter wüthendem Drohen den unerlaubten Umgang, dessen er bezichtigt wurde. »Coya ist ein Schatz von Tugend,« wiederholte er ihnen, »und Almagro achtet ihre Tugend, wie auch ihr sie achten dürftet.« Alles war umsonst, das Urtheil war, ehe sich der Rath versammelte, vorgeschrieben, und Almagro sollte zum Tode verurtheilt werden. Luque konnte lange Zeit hindurch den Haß, der in seinem Herzen brannte, nicht verbergen, und mit der Sprache, welche ihm sein grausamer Fanatismus einflößte, beschuldigte er ihn auf’s Härteste und Ungerechteste, und bat, daß er als gottlos verbrannt werde. Der Zweck der Rathsversammlung beschränkte sich jedoch darauf, daß Almagro zu leben aufhörte, und er wurde endlich verurtheilt, als Soldat, erschossen zu werden.
Trotz aller Tapferkeit und aller Ruhe Almagros konnte ein so unerwarteter Schlag nicht umhin, ihn zu überraschen, und seine entwaffnete Rechte erzitterte. Er verwahrte sich thatkräftig gegen die Gewaltthätigkeit, aber entwaffnet und von Degen umgeben, fand er im Ungehorsam nur Schande und Tod. Andrerseits hatten seine Gegner alle nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen, um ihn bis zum Richtplatz zu schleppen, ohne daß ihn ein einziges Schwert vertheidigt hätte. Benalcazar und einige andere seiner Ergebenen waren außerhalb der Stadt und auf dem Lande oder in den Provinzen zerstreut, und ein tiefes Stillschweigen besiegelte die Gefangennahme und die Verurtheilung des Kriegers. In jener selben Nacht sollte er den geistlichen Zuspruch empfangen, um beim Anbruch des Tages seinen letzten Seufzer auszuhauchen. Kein Mensch durchdrang das Geheimniß; die Richter bewahrten ein tiefes Schweigen, und das Grab that sich für den großmüthigen Almagro auf.... »Coya ... Coya....« wiederholte er einzig bei seinen Seufzern, »barbarische Henkersknechte entreißen mich deinen Armen, du wirst meinen Tod nicht überleben, schnell werden wir uns in den Wohnungen der Gerechten wiedersehen.«
Ocollo beherrschte das Herz Pizarros, und bald, weil es bei der, die man anbetet, keine Geheimnisse giebt, oder bald, damit sie, nachdem er ihren Vertheidiger ermordet hatte, ihn nicht beschuldigte, sagte er zu ihr, wie wenn er das Schicksal Almagros bedauerte, daß er zum Tode verurtheilt sei und daß er bei Tagesanbruch erschossen werden sollte. Ocollo, welche das Dasein des Großmüthigen so nahe bedroht sah; Ocollo, welche eine tiefe Dankbarkeit empfand, warf sich zu Füßen Pizarros nieder, benetzte sie mit tausend heißen Thränen und brachte den Statthalter in den größten Widerstreit; aber er versicherte ihr, daß er nicht den geringsten Antheil an seinem Urtheilspruche gehabt habe, daß die Richter unerbittlich und die Vergehen Almagros ungeheuer seien; er betheuerte ihr endlich, daß er ihn nicht retten konnte, und zeigte sich unbeugsam. Die Unglückliche erlangte weder Erlaubniß, nach dem Gefängniß zu gehen, den Verurtheilten zu trösten, noch fand sie in ihrer Einsamkeit Hülfsquellen, um ihm ihre Dankbarkeit zu zeigen und ihn zu retten: Sie seufzte trostlos, sie war ein Opfer des tiefsten Schmerzes, inzwischen aber verflog stillschweigend die Nacht, und Almagro sollte um die Morgenröthe das Blutgerüst besteigen.
Dem Kriegshelden wurde von einem Geistlichen beigestanden, der ihn unter traurigen Bräuchen auf den Tod vorbereitete, und ruhig erfüllte Almagro die christlichen Pflichten. Das Bild Coyas kam ihm keinen Augenblick aus dem Sinne, und in den letzten Augenblicken schrieb er ihr, um sie zu trösten: »Entsetzliche Bösewichte schleppen mich zum Schaffot, und ich sterbe, deine Liebe athmend, Coya verehrend: Mein Gewissen ist ruhig; obschon einer der Eindringlinge deines Vaterlandes, sterbe ich mit dem Troste, daß sich kein Peruaner meines Namens mit Schrecken erinnern wird. Lebe wohl, angebetete Coya, liebe den Gott der Christen, und in den Wohnungen der Gerechten werden wir uns wieder unsere Arme ausstrecken. Lebe wohl, ich bete dich an, ich bin deiner Liebe zum Opfer gebracht; aber ich liebe dich bis an das Grab«. Nachdem Almagro seine Schulden gebeichtet hatte, empfing er das Abendmahl, und bereitete sich mit der ganzen Ruhe einer großen Seele vor, zum Blutgerüst zu gehen.
Noch brach der neue Tag nicht an, als schon einige spanische Reiterschaaren ohne kriegerische Instrumente hinauszogen, um das Viereck zu bilden, wo der edle Krieger aushauchen sollte. Soto und andere vom Statthalter in’s Vertrauen gezogene Offiziere befehligten das Geleite; Benalcazar und die hauptsächlichsten Ergebenen Almagros waren außerhalb der Stadt, und das Volk wußte nichts von dem grausamen Urtheil. So groß war die Dunkelheit und die Schnelligkeit, mit der es verhängt wurde! Todtenstille lag über Cuzco und der Flur; und unter Nacht und Grausen brach die Morgenröthe hervor, und die Ruhe schien verbürgt. Schon erschien das Opfer unter starker Bedeckung, und von dem grausamen Schauspiel fliehend, verbarg sich die Sonne hinter schweren Wolkenstreifen, die Erde in dichte Finsterniß versunken zurücklassend. Der Statthalter hielt es für gerathen, der Hinrichtung nicht persönlich beizuwohnen, und er anempfahl sie Soto; und von Priestern umgeben, ohne daß man ihm gestattete, seine Stimme an seine Gefährten zu richten, stimmte Almagro bereits mit Inbrunst die ersten Worte des Credo an, und der Tod streckte seine Krallen nach ihm aus, als wie ein vom Himmel herabgestürzter Strom Coya mit tausend Kriegern über die barbarischen Henkersknechte herfiel.
Die Spanier schliefen im Vertrauen, die Ueberraschung war schrecklich; Coya, um ihren Abgott zu retten, war ein rasender Sturmwind; Pizarro fehlte an der Spitze seiner Gefährten; die Spanier geriethen in Unordnung und Coya entriß ihren geliebten Almagro aus deren Krallen. Von den Priestern, welche ihn am nächsten umstanden, waren viele ein Opfer der Tapferkeit der Peruaner, und obschon ihnen der wilde Soto eine große Niederlage beibrachte, waren ebenfalls viele Spanier Opfer auf dem Felde der Ueberraschung. Die Bewegung theilte sich der Stadt mit; mit Blitzesschnelle flog der Statthalter an den Ort der Gefahr, es war aber bereits spät, Almagro und Coya entkamen auf schnellen Pferden, und die Peruaner begruben sich von Neuem zwischen den Unwegsamkeiten des Gebirges.
Kapitel 23.
Die Anden.
Coyas Ueberraschung und die Rettung Almagros erfüllte, weil kein Mensch sich so ein außergewöhnliches Ereigniß genügend erklären konnte, Luque, Pizarro und alle Eindringlinge, und insbesondere die militärischen Oberhäupter, welche den Kriegsrath gebildet hatten, mit Schrecken und Bewunderung. Eine zahlreiche unter dem Befehl Benalcazars stehende Sondertruppe beobachtete, wie wir bereits angegeben haben, die Abtheilung Coyas und lähmte und verunmöglichte alle ihre Bewegungen; und die Gefangennahme, Verurtheilung und Hinrichtung Almagros war mit so großer Schnelligkeit und so undurchdringlichem Geheimniß gehandhabt worden, daß es kein Mensch in der Stadt erfahren hatte und noch weniger auf dem Lande hätte erfahren können.
Die schöne Ocollo, welche Almagro so viel verdankte, und in deren Busen die reinste Dankbarkeit glühte, benachrichtigte, da sie ihre Bitten und ihre Thränen zu Füßen Pizarros nutzlos sah, durch einen ihrer allervertrautesten Fußgänger, einen schnellen Indianer, sogar in jenen ängstlichen Augenblicken Coya; sinnberaubt und taumelnd, stürzte sich Coya in die Gefahr, weil ihre größte Qual gewesen wäre, ihren Angebeteten zu überleben. Benalcazar, der erste Freund und Parteigenosse Almagros, schon früher im Einverständnisse mit Coya, schwur, um seinem Freunde zu gefallen, weit entfernt, die Bewegungen der Peruanerin zu lähmen, mit ihr den Helden zu retten, und nachdem alle von Benalcazar befehligten Streitkräfte beisammen waren, fielen sie über das Viereck her, worauf der großmüthige Geliebte jeden Augenblick so unmenschlicherweise hingeopfert werden sollte.
Die Rathsmitglieder, die einzigen Personen, welche mit in das Geheimniß gezogen waren, schienen die einzigen Verantwortlichen zu sein, es gebrochen zu haben, und sehnlichst suchte man den Meineidigen, damit er eine exemplarische Strafe erlitte, aber kein Mensch wagte den Statthalter zu beschuldigen. Pizarro jedoch in seinem Gewissen, zweifelte an Ocollo, da aber sein Herz von der Peruanerin beherrscht und unterjocht war, beruhigte er es, sich ihrer Reize bedienend, gar bald.
Ihre Streitkräfte wieder ordentlich zusammenfaltend, zogen sich Almagro, Coya und Benalcazar in die uneinnehmbaren Gebirge zurück, und bereits fern von der Gefahr, fingen sie an den süßesten Trost zu fühlen, der sich wie beim Abschütteln eines düstern Traumes über den Sterblichen ergießt. Erstaunt sahen sie gerührt einander an und zweifelten noch, ob der Schrecken, der sie so nahe bedroht hatte, eine fantastische Einbildung wäre; aber endlich wieder ruhiger geworden, schwor Almagro seinen grausamen Peinigern ewigen Haß, und Coya ermahnte ihn zur Rache, und Benalcazar bot ihm großmüthig seinen tapfern Degen an. Coya berichtete ihm die Art und Weise, womit ihr Ocollo die Mittheilung machte, daß er ohne Ocollo nicht am Leben wäre, daß Ocollo Pizarro nicht liebte; daß seine Wohlthäterin und ihr Vaterland gerettet werden mußte, daß gekämpft und immer wieder gekämpft und die Freiheit Perus ausgerufen werden mußte, wenn sie sich der Liebe, welche die Götter in ihrem Herzen entzündet hatten, ruhig erfreuen sollten.
Trotz so vieler Unziemlichkeiten, die er von seinen Gefährten empfing, trotz den Greuelthaten, die in der neuen Welt begangen wurden und die seinem Herzen so zuwider waren, liebte Almagro sein Vaterland und die Spanier, und bereitwillig gäbe er sein Dasein für sie her; als er aber das treulose Urtheil sah, als er sah, daß sein Blut ebenfalls den verzehrenden Durst sättigen sollte, der in den Eindringlingen der neuen Welt brannte, war seine Seele nur noch für das Rachegeschrei empfindlich, sein Verlangen, seinen Degen in der Brust Pizarros zu begraben, und sein ganzes Glück, die Spanier aus dem Vaterlande seiner Coya zu werfen, um ruhig seine Liebe zu genießen. Kaum sahen sich die süßen Geliebten in dem Gebirge, dachten sie nur noch daran, die Krieger, welche Coya folgten, geordnet dem Befehle Benalcazars zu überlassen, und auf verborgenen und schwierigen Wegen marschirten sie nach den Anden, um sich Huascar vorzustellen, und an den Feldzugsplan zu denken. In kurzen Tagen gelangten sie dahin, sich mit dem Nachfolger der Inkas zu vereinigen, und es wäre unmöglich, die Ueberraschung des Monarchen zu schildern, als er Almagro in seinem Lager sah, und ihm den süßen Namen eines Freundes gab. Von jenem Augenblicke an hielt er den Sieg für sich, und die Ankunft Almagros wurde mit größerem Gepränge gefeiert als die Krönung eines Inkas. Der tapfere, edle und großmüthige Huascar kannte die Kriegskunst immer noch nicht, um sich in’s Feld zu wagen; Almagro war unter den Peruanern wegen seiner Tapferkeit und seiner militärischen Erfahrenheit wohl bekannt, und Almagro mußte die Zielscheibe aller Hoffnungen sein.
Obschon die Peruaner sich lange Zeit mit den Spaniern geschlagen hatten, hatten sie ihre Waffen und noch weniger ihre Strategie nicht begriffen, und obgleich sie die Pferde und die Artillerie nicht mehr mit so großem Schrecken ansahen, waren sie dessenungeachtet in dem Augenblicke besiegt, da sie sich auf dem Schlachtfelde zeigten. Almagro wurde feierlich und ausführlich von Huascar ermächtigt, mit allen möglichen Mitteln die nöthigen Vorbereitungen zu einer entscheidenden Schlacht zu treffen, in welcher entweder Peru auf immer die Ketten schleppte, oder das Lied der Freiheit anstimmen konnte; und Almagro fing mit der ganzen Schnelligkeit, die ihm seine Rachgier eingab, zu handeln an.
In Mitten der Gewaltherrschaft, mit der Pizarro und Luque Peru heimsuchten, war es unerläßlich, daß die Peruaner tausend Mal vorzögen, in den Tod zu gehen, als das grausame und schimpfliche Joch ihrer Knechtschaft zu ertragen; und sogar aus den entferntesten Provinzen des Reiches wanderten trotz der spanischen Truppen, welche das Gebirge umgaben oder die Mittheilungen verunmöglichten, Unglückliche nach den Anden aus, um sich unter die Fahnen einreihen zu lassen. Arme waren genügend vorhanden, es bedurfte nur der Betriebsamkeit und Leitung. Von dem Augenblicke an dachte Almagro an die Befestigung des beinahe unüberwindlichen Bollwerks, das ihm die Natur in den Anden darbot; an die Herstellung von Hieb- und Feuerwaffen und an die Unterweisung der Krieger. In wenigen Monaten wurden Gewehre und Feldstücke verfertigt, die Peruaner mit der Handhabung der europäischen Waffen vertraut gemacht und die strenge Mannszucht verdoppelt, welche zum Siege führt.
Almagro arbeitete unermüdlich Tag und Nacht; er hielt die Peruaner in steter Thätigkeit; aus Allem zog er Hülfsquellen, und zu Allem wurde er durch die Blicke seiner Coya aufgemuntert. Die Anden liehen ihm in ihrem Schooße so viele Hülfsmittel, als er zu den Verarbeitungen bedurfte; die reichsten und überflüssigsten kleinen Pfützen warfen für sich allein das Eisen, den Schwefel und aller Art von Metallen aus, und die Gipfel der Berge schienen die Stätte Vulkans zu sein. Huascar seinerseits, der sich der Liebe der Peruaner erfreute, hielt die sicherste Kundschaft; thätige Werber, welche der Wachsamkeit der Staatsbeamten entwischend, die schmeichelhaftesten Hoffnungen unter die unglücklichen Sklaven verbreiteten, durchzogen alle Provinzen, und belebten die Auswanderung nach dem Gebirge, und im ganzen Reiche gährte ein heftiges und verborgenes Feuer, das dem Scharfblick des Statthalters und aller Eindringlinge entging, das aber eines Tages wie ein rasender Vulkan losbrechen sollte.
Almagro war die Triebfeder aller Unternehmungen und das Bollwerk der Freiheit Perus; aber Almagro war ein Christ und Fanatiker des sechszehnten Jahrhunderts, und lebte unter Götzendienern, und dies war ein unüberwindliches Hinderniß. Freilich hatten ihn seine Tugenden im ganzen Reiche verehrt gemacht, und ein tugendhaftes Wesen empfiehlt die Religion, die es verehrt, für sich allein; aber die Christen hatten das Land mit Blut überschwemmt, und mit Schrecken sahen dessen unschuldigen Bewohner die Religion, welche zerstörerische Menschen zu Anhängern zählte. Sich seiner Stellung und seines Ansehens bedienend, dachte Almagro daran, Proselyten im Gebirge zu machen: Seine erste Sorge war eine Klause zu erbauen, worin er so viel als möglich dem wahrhaftigen Gott Anbetung erwies, und er machte, daß Coya ihn bei allen frommen Handlungen begleitete, und machte endlich bekannt, daß Coya das Christenthum umarmt hatte. Weder Huascar noch die Peruaner konnten sich diesem Betragen widersetzen, noch Coya anklagen; Almagro war mit ihren Interessen verschmolzen; Almagro war ihre Zukunft und ihre Hoffnung; sie vermochten seinen Wünschen selbst im Allergeringsten nicht zu widersprechen; Almagro setzte sie mit seinen Tugenden in Erstaunen, und auf dem Gipfel der Anden gab es eine Klause Christi’s und einen Sonnentempel. Las-Casas, ein ehrwürdiger, christlicher Priester, durch sein Wissen wie durch seine Tugenden gleich ausgezeichnet, litt grausame Verfolgungen von seinen Gefährten, weil er sich ihren Plänen der Zerstörung widersetzte, und von derselben Gemüthsart wie Almagro, vereinigte sie die innigste Freundschaft. Der Krieger konnte ihm heimlicherweise eine Nachricht hinterbringen, indem er ihm versicherte, daß es für das Christenthum von der größten Wichtigkeit sei, daß er an seiner Seite stände im Gebirge, und Las-Casas zweifelte keinen Augenblick; er flüchtete sich in die Anden, und die Klause Almagros hatte den ehrwürdigsten Priester. Von jenem Augenblick an dachte man mit Inbrunst an die Verkündigung des Christenthums; Almagro und Las-Casas waren die Vorbilder der reinsten Tugenden; weit entfernt von Dolch und Scheiterhaufen, waren das Beispiel und die Ueberzeugung ihre Waffen. Täglich predigte der ehrwürdige Las-Casas in seiner Klause über die Unsterblichkeit der Seele, die Reinheit der Religion Jesus, die ewige Belohnung der Tugenden, und über die ewige Bestrafung der Vergehen jener Handlungen, welche dem Bereiche der bürgerlichen Gesetze entgingen. Er schilderte einen gerechten die Gewissen beherrschenden Gott der Wahrheit, aber nur in seinen Privatansprachen trat er auf die Auslegung der Wunder und Mysterien ein, er wollte nicht von begrenzten Verstandeskräften riesenhafte Anstrengungen fordern, und unmerklich bereiteten sich die Gemüther zur Annahme des Christenthums vor.
Der erste Neubekehrte, um den sich die Christen bemühten, war, als Inka und Herrscher des Reiches, Huascar; aber trotz der Verehrung, welche er für Almagro und den Priester hatte, hielt er sich für einen Sohn der Sonne, und war wenig geneigt, den Glauben seiner Väter zu verlassen: Andrerseits sah er, daß ein übereilter Schritt die Liebe seiner Unterthanen in Abscheu vertauschen könnte, und Huascar betete trotz der Bekehrung Coyas und den Ermahnungen der Christen die Sonne an; sie erlangten aber endlich, daß er seinen Unterthanen vollständige Freiheit gewährte, den Cultus zu bekennen, den ihnen ihre Vernunft vorschrieb, und viele empfingen, nicht aus Furcht, sondern aus Ueberzeugung getrieben, das Wasser der Taufe.
In Vericochas, wie in allen Sonnenpriestern, brannte unauslöschlich das Feuer des Fanatismus, das gemeiniglich die Herzen der Diener aller Religionen verzehrt. Der Sonnencultus ergoß freilich die Erhabenheit und die Lieblichkeit seiner Glaubenslehren in die Seelen, aber dessen Priester trieben ihre Tugend nicht bis zur Duldung, andere Glaubenslehren noch andere Culte möglich zu finden; mit Entrüstung sahen sie die in den Anden erbaute christliche Klause, und verbreiteten unter die Peruaner die Besorgnisse, welche ihre Einbildung aufregte, wenn sie den Gott des Tages erzürnt glaubten. Als Vericochas die Bekehrung Coyas erfuhr, als er sich davon überzeugte, daß es unmöglich war zu verhüten, daß Almagro das Christenthum ausbreitete, und Las-Casas das Evangelium predigte, als er die Neubekehrten gewahrte, die sie machten, und endlich selbst Huascar schwanken sah, bemächtigte sich seines Herzens eine düstere Traurigkeit, und unablässig, in Thränen versunken, vor dem Sinnbilde der Sonne knieend, bat er seinen Gott, dem Reiche sein wohlthätiges Feuer und sein belebendes Licht nicht zu versagen. Seine Thränen und seine tiefe Schwermuth zehrten sein Leben sichtlich auf, und in Kürze bezahlte er der Natur seinen Tribut. Sein Tod wurde, wie man den Tod des Gerechten beweinen soll, durch das ganze Reich beweint; bei seinem Begräbniß entfaltete man die ganze Herrlichkeit des Cultus, und seine Büste wurde im Tempel zwischen den Bildnissen der Schutzgötter Perus beigesetzt.
Inzwischen betrieb man die Vorbereitungen zum Kriege mit erstaunlicher Schnelligkeit; die in das Gebirge Geflüchteten beliefen sich auf zwanzig Tausend Mann, von denen die einen die Nahrungsmittel besorgten, die andern sich in der Handhabung der Waffen ausbildeten, andere unermüdlich in den Gießereien arbeiteten, und Alle sich, immer unter der Leitung des thätigen und arbeitsamen Almagros, bei den verschiedenen Arbeiten ablösten. Ah! die Gipfel der Anden gewährten bereits das Bild der Wiedergeburt der neuen Welt.
Pizarro und Luque fuhren in ihrem Schreckenssystem, das sie über alle Provinzen ausbreiteten, in Cuzco fort; die rohe Militärgewaltherrschaft führte Tausende von Opfern zum Blutgerüst, und die ewig brennenden Scheiterhaufen der Inquisition gaben der Luft in dichten Rauchsäulen die Glieder der Unglücklichen, welche der Götzendienerei angeklagt waren. Die ominöseste Knechtschaft führte Tausende von Unglücklichen in die harte Sklaverei, und ihre tiefen, mit dem Freudengeschrei der Eindringlinge vermischten Seufzer hörte man einzig im Reiche an. Der Metropole war das politische und religiöse Betragen des Statthalters und der Priester wohl bewußt, aber trotz der Gründung legaler Körperschaften athmeten die Gesetze den gleichen Schrecken und menschliche Entwürdigung, und deren Vollziehung man Pizarro und Luque anvertraute. Das ganze staatliche und religiöse System der Metropole beruhte auf der Entziehung von Schätzen der neuen Welt, und darin, dem Christenthum Neubekehrte zuzuführen; über die Folgen einer so ungeheuerlichen Politik sah man hinweg, und Pizarro und Luque empfingen vom Hofe von Madrid beständig Beifallsbezeigungen, und Machtentfaltung, um als Herrscher und Despoten zu handeln.