Die Erfolgreichen

Part 6

Chapter 63,717 wordsPublic domain

Er legte sein Rasiermesser hin, und noch mit dem Seifenschaum auf seinem Gesicht begann er den Entwurf eines neuen Messers zu skizzieren, das aus einer Klinge und einem Klingenhalter bestehen sollte.

Binnen einer Stunde war sein Entwurf vollendet. Dann beendete er die Rasur seines Gesichtes und eilte zu einem Eisenhändler, um Stahlband und eine Feile zu kaufen.

Er konstruierte sein erstes Rasiermesser persönlich und ließ es patentieren. Das war im Jahre 1895. Er war 40 Jahre alt geworden, bevor er auf die Fährte seines großen Erfolges kam.

Zunächst war sein Rasiermesser ein Mißerfolg. Neun Jahre lang war es ein Witz. Seine Freunde -- und er hatte ihrer stets eine Menge -- neckten ihn ohne Gnade mit seinem phantastischen Rasiermesser.

Gillette und sein dummes Rasiermesser wurden neun Jahre lang ausgelacht -- an diesen Punkt muß man sich erinnern. Jeder Kapitalist, den Gillette im Verlaufe dieser neun Jahre kennenlernte, hätte für einen Pappenstiel einige dieser Gillette-Aktien bekommen können.

Im Jahre 1901 fand Gillette einen Meistermechaniker -- W. E. Nickerson --, einen Mann von ungewöhnlicher Geschicklichkeit. Er vervollkommnete das Rasiermesser, und eine Gesellschaft wurde gebildet.

Aber bis zum Jahre 1902 konnte kein einziger Rasierapparat verkauft werden. Niemand wollte ihn haben. In Verzweiflung begann Gillette die Rasierapparate zu verschenken.

Einen davon gab er einem Geschäftsmann namens John Joyce. Joyce rasierte sich damit. Er gefiel ihm. Er kaufte für 12000 Pfund Aktien.

Die kleine Rasierapparate-Gesellschaft begann dann zwar einige Rasiermesser zu verkaufen, aber Gillette mußte sich und seine Familie durch den Verkauf von Stahlkorken in England und den Staaten erhalten.

Im Jahre 1904 betrat der richtige Reklamemann die Bühne. Ich weiß nicht, wie er hieß, aber er war das letzte Glied in der Kette des Erfolges.

Der Rasierapparat begann zu gehen.

Geld in Fülle ergoß sich über Gillette.

Sein langjähriger Chef im Stahlkorkengeschäft kaufte für 8000 Pfund Aktien und ist heute mächtig froh, daß er es getan hat.

Gillette war klug genug, eine große Anzahl Aktien für sich selbst zu behalten. So war sein Traum mit 49 Jahren Wahrheit geworden.

Heute ist sein Bild in jedem Ort der Welt zu sehen, ja fast in jeder Straße, da es auf der Verpackung einer jeden Rasierklinge angebracht ist.

In den letzten 17 Jahren hat er eine Gesellschaft mit einem Vermögen von 6000000 Pfund aufgebaut, deren Reingewinn 1500000 Pfund jährlich beträgt.

Er hat drei Fabriken -- in England, Kanada und den Vereinigten Staaten. Er hat einen vollständig neuen Typus des Rasiermessers geschaffen und hat ihn zu gutem Preise an Millionen Männer verkauft.

Er ist noch am Leben und voll neuer Ideen.

Seine letzte Vorliebe ist der Nera-Car -- eine neue Art Motorrad.

Er ist nahezu 70 Jahre alt und ein Weltbürger. Er hat in London, Paris, Florida und Neuyork gelebt. Zur Zeit lebt er in Kalifornien.

Er hat eine vergängliche Notwendigkeit erfunden. Er hat etwas erfunden, was die Käufer zwang, seine dauernden Kunden zu werden.

King C. Gillette stellte stets neue Ideen voran, und er hatte immer großzügige Ideen. Er schuf eine neue Idee. Er formte diese Idee zu einer Tatsache und dann verkaufte er diese Tatsache an die glattrasierten Männer der zivilisierten Welt.

Das ist der Grund, warum ich ihn den größten Verkäufer nennen kann, dem ich jemals begegnet bin.

Joseph Fels.

Joseph Fels war der kleinste Mann, den ich jemals gekannt habe. Er war nicht größer als ein zwölfjähriger Junge. Aber in Verstand und Herz war er einer der größten und edelsten Menschen seiner Generation.

Er war so liebenswürdig, daß es schwer ist, über ihn zu schreiben, ohne sich fortreißen zu lassen und zuviel zu sagen. Er war ein Freundschaftsmensch, er erwarb Freunde leicht und behielt sie.

Durch Joseph Fels habe ich erfahren, wie verwerflich es war, daß man tausend Leuten gestattete, den größten Teil des englischen Grund und Bodens zu monopolisieren. Joseph Fels war ein Anhänger des Einheitssteuersystems.

Seine Überzeugung war, daß man das brachliegende Land und nicht das tätige Kapital besteuern müsse. Er war der tätigste und weitblickendste Landreformator, den England gehabt hat. Er war der Schöpfer des »Verteilungssystems«.

Wenn jemals ein Mensch bis in sein tiefstes Inneres durch menschliches Elend erschüttert worden ist, so war es Joseph Fels. Er war mehr wie eine Mutter als wie ein Mann:

ein Millionär -- und trotzdem marschierte er mit den Arbeitslosen im Jahre 1905 nach dem Hyde-Park.

Er war der Freund sozialistischer Führer und des Kronprinzen von Schweden. Er saß in Oxford und in den Gewerkschaftshallen. Er war ein ernster, wohlerfahrener Mann, ohne Prahlerei, Doppelzüngigkeit oder angemaßte Würde. Er verdient ein Denkmal im Hyde-Park. Eines Tages wird er es haben -- er sowohl wie Henry George und Alfred Russel Wallace, die Führer der Landreform.

Joseph Fels war in einem kleinen Landhaus in Virginia zur Welt gekommen. Sein Vater arbeitete emsig, aber nicht sehr erfolgreich. Er machte Toilettenseife.

Joseph war ein schlechter Schüler, wie die besten Jungen es gewöhnlich sind. Er liebte das tägliche Einerlei und das Auswendiglernen nicht. Mit 15 Jahren lehnte er sich auf und verweigerte es, länger in die Schule zu gehen.

Er wurde Reisender in Seife. Er sparte sein Geld und mit 22 Jahren kaufte er eine kleine Seifensiederei um 800 Dollar und wurde Fabrikant.

Fünfzehn Jahre lang widmete er seine volle Energie seinem Geschäft. Er nahm seine Brüder als Teilhaber hinein.

Da die Konkurrenz im Seifengeschäft sehr lebhaft war, erkannte er die Notwendigkeit einer Spezialität. Er fand sie -- eine Naphtaseife, mit der man Flecken aus Kleidern entfernen konnte. Er kaufte das Rezept zur Erzeugung dieser Seife und begründete so sein Vermögen. Sie ist jetzt über die ganze Welt verbreitet.

Mit 20 Jahren verliebte er sich in ein Mädchen von großem Reiz und großer Tüchtigkeit. Auch sie war sehr klein. Sie paßten ausgezeichnet zueinander und waren in ihrem Familienleben sehr glücklich. Soviel ich weiß, war das einzige Leid, das jemals ihr Heim befiel, der Tod ihres Kindes. Fels hatte eine Leidenschaft für Kinder und erholte sich niemals vollständig von diesem Verlust.

Als er reich geworden war, widmete er den größten Teil seiner Zeit sozialen Problemen.

Er hörte auf, für sich selbst zu arbeiten und arbeitete für andere.

Es gab zwei Dinge, die Joseph Fels haßte, soweit seine Natur ihm überhaupt zu hassen gestattete, und diese beiden Dinge waren Verschwendung und Ungerechtigkeit. Wie Sie sehen, war er halb ein Geschäftsmann und halb ein Apostel. Er glaubte gleichmäßig an Erfolg und an Güte.

Er war nicht der Meinung, daß Geld irgend etwas Gutes bewirken könne, und ebensowenig glaubte er daran, daß man den Himmel auf Erden Leuten predigen sollte, die ungerecht behandelt wurden.

Er behauptete, daß die größte Verschwendung in England das brachliegende Land sei. Da liegt es, dreißigtausend Morgen groß, während fünfzigtausend Arbeitslose auf dem Trafalgar-Square nach Brot rufen!

Brachliegendes Land und brachliegende Menschen: Warum werden im Namen der Menschlichkeit und der Vernunft diese beiden nicht zusammengebracht, um so die Fruchtlosigkeit beider abzuschaffen? Das war die Frage, die Joseph Fels den Staatsmännern Englands vorlegte, und keiner von ihnen hat sie bis jetzt beantwortet.

Noch immer gibt es brachliegendes Land, und noch immer gibt es arbeitslose Männer -- frühere Soldaten und Seeleute --, Zehntausende davon.

Als das größte aller Verbrechen erschien Fels, für einen Mann einen Palast inmitten zehntausend Morgen brachliegenden Landes zu errichten, während zweihundert Familien in schmutzigen Hütten zusammengepfercht sind, ohne einen Fuß Landes ihr Eigen nennen zu können.

Fels mochte weder Armut noch Luxus leiden. Er betrachtete beides als dem Volke nachteilig. Niemand sollte ganz ohne Besitz sein, dachte er, und niemand sollte zuviel davon haben.

Er betrachtete die Menschen als wichtiger denn alles übrige, als Finanz und Geschäft, als Erblichkeit und Aristokratie, ja selbst als Regierung: er war wirklich ein eigenartiger Millionär.

In einer Ansprache an eine Handelskammer sagte er einmal: »Ich besitze in einer gewissen Stadt 11½ Morgen Land, für die ich vor einigen Jahren 6500 Pfund Sterling gezahlt habe. Durch das Anwachsen der Bevölkerung dieser Stadt ist mein Grundbesitz jetzt auf 25000 Pfund Sterling gestiegen.

Ich habe nichts dazu getan, diese Wertsteigerung zu bewirken. Meine Mitbürger haben sie geschaffen, und ich glaube, daß sie ihnen und nicht mir zugute kommen soll. Ich glaube daran, daß wir diese Gemeinschaftswerte für unsere gemeinsamen Zwecke in Anspruch nehmen sollten, anstatt Unternehmungen und Industrien zu besteuern.«

Fels gab Tausende aus, um seine Idee

»Das Land dem Volk«

zu verbreiten. Er sandte jedem Wähler in Großbritannien ein Paket Flugblätter, Jahr für Jahr nahm er an jedem Gewerkschaftskongreß teil.

Einmal hatte er versprochen, einem fünfjährigen kleinen Mädchen einen Esel zu kaufen. Kurz darauf kam er auch an, einen Esel am Halfter, dem jedoch noch ein kleiner neugeborener Esel folgte. Man fragte ihn: »Warum haben Sie zwei gekauft?« »Sie sehen,« antwortete er, »ich konnte doch Mutter und Kind nicht trennen, und so habe ich beide gekauft.«

Bei einer Tischgesellschaft saß er neben einer Dame, die versuchte, ihm ihre überlegene Bedeutung einzuprägen. Sie beschrieb einen gewissen Mann und sagte: »Natürlich ist er nicht unseresgleichen.« Fels antwortete ruhig: »Ist nicht jedermann unseresgleichen?«

Er baute sich ein Haus in Bickley in Kent und ließ folgende Inschrift über seinem Tor anbringen:

Was ich ausgegeben habe, das hatte ich.

Was ich gespart habe, habe ich verloren.

Was ich gegeben habe, das habe ich.

Als er einmal im Balliol-Kolleg in Oxford sprach, begann er seine Vorlesung mit den Worten: »Ich will zu Ihnen über das Land sprechen, über diese Erde, auf der Sie leben. Wer schuf sie? Wem gehört sie? Wer hat ein Recht auf sie?

Und wie kann Gelehrsamkeit in einem Volke blühen, das Ungerechtigkeit gestattet?«

Bei einer anderen Gelegenheit überraschte er sein Londoner Auditorium in der Gildenhalle, indem er sagte: »Nicht weiter als eine Omnibusfahrt vor der Bank von England liegen 10000 Morgen Land in London brach. Wäre dieses Land ordnungsgemäß bebaut, so könnte es 8000 Familien erhalten.«

Joseph Fels war ein Mensch gewordenes Weberschiffchen. Er wob alle Art Leute zusammen. Reichtum und Ehren, mit denen er überschüttet wurde, konnten ihn nicht verderben.

Er war ein Landbesitzer, und doch verlangte er, daß sein Land schwerer besteuert werden sollte. Er war ein Kapitalist, und doch unterstützte er die Kandidaten der Arbeiterpartei.

Er war

ein Mann der Wahrheit.

Sein ganzes Leben lang focht er gegen Dummheit und Grausamkeit. Er machte die Welt edler und intelligenter. Er starb 1914, unmittelbar bevor der große Krieg begann.

Einer seiner nächsten Freunde in England war George Lansbury, der Herausgeber des »Daily Herald«, ein Führer der Arbeiterpartei. Lansbury schrieb einmal über Fels:

»Ich lernte Joseph Fels im Sommer 1903 kennen. Er kam in mein Haus wie ein frischer Luftzug. Die offenbare Ehrenhaftigkeit seiner Ziele und seine Menschenliebe überzeugten uns sofort.

Ich hatte sehr wenig von ihm gehört, und ich bekenne, daß ich einigermaßen gegen ihn voreingenommen war, weil er ein reicher Amerikaner war. Aber nachdem ich fünf Minuten mit ihm gesprochen hatte, waren meine Zweifel und Befürchtungen zerstreut und dann begann zwischen uns eine enge und intime Freundschaft, die niemals enden kann.

Er ließ mich mehr als je zuvor einsehen, daß es der Mühe wert ist, für eine große Sache zu ringen und zu kämpfen, und er erfüllte mich mit dem Glauben an meine Mitmenschen.«

So spricht ein Arbeiterführer von einem Kapitalisten. Zeigt das nicht, daß alle Unterschiede der Klasse und des Vermögens ernstlich betrachtet sehr unwesentliche Dinge sind, und daß alle Menschen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben, Mitarbeiter und Freunde werden können?

George Westinghouse.

Ich lade Sie ein, fünf Minuten darauf zu verwenden, aus folgenden drei Gründen die Geschichte des George Westinghouse zu lesen:

1. Er war ein Erfinder, der eine Gesellschaft mit zwölf Millionen Pfund Aktien aufbaute.

2. Er war ein Arbeitgeber von fünfzigtausend Arbeitern, die niemals streikten.

3. Er war ein Mann, der reich und berühmt wurde, dabei aber bis zum letzten Tag seines Lebens einfach, freundlich und nützlich blieb.

Westinghouse wurde natürlich, wie die meisten großen Männer, arm geboren. Sein Vater war ein Farmer, der gleichzeitig eine Tischlerei in einem kleinen Dorfe in den Vereinigten Staaten betrieb.

Er wurde 1846 geboren, und es ist erwähnenswert, daß ein Jahr vor seiner Geburt sein Vater sich mit der Erfindung einer Dreschmaschine befaßte. So mag es einen vorgeburtlichen Einfluß gegeben haben, der den Kleinen dazu bestimmte, ein großer Erfinder zu werden.

Als Schüler war der junge George Westinghouse hoffnungslos -- wenigstens sagte der Lehrer so. Er war ein großer plumper Junge, stets bereit zu raufen, und mit einem Willen und einem Temperament, die ihn unkontrollierbar machten.

Immer war er der Letzte in seiner Klasse, und Eltern und Lehrer waren begierig, was jemals aus ihm werden würde. Wie Darwin, Edison, Clive und viele andere war er ein »häßliches Entlein«, das aufwuchs, um ein Schwan zu werden.

So oft er konnte, lief er von der Schule fort und schnitzte mit seinem Taschenmesser Maschinen aus Holz. Meist erwischte ihn sein Vater und zerbrach die Maschinen. Väter sind gewöhnlich so.

Schließlich hatte einer der Arbeiter seines Vaters Mitleid mit dem Jungen und richtete ihm auf einem Heuboden eine kleine Werkstatt ein, fern von den väterlichen Eingriffen.

Mit 14 Jahren verließ er die Schule und wurde für zwei Schilling pro Tag Arbeiter bei seinem Vater. Aber auch dieser Betrag war nach Ansicht von Westinghouse Senior noch zu viel, weil der Junge seine Zeit damit zubrachte, eine Maschine zu erfinden, welche die Arbeit an seiner Statt verrichten sollte.

»Sein einziger Wunsch ist, die Arbeit zu vermeiden«,

sagte der Vater, der ihn nicht verstehen konnte.

Mit siebzehn Jahren wurde er Soldat im amerikanischen Bürgerkrieg. Er trat bei der Kavallerie ein, weil er dachte, daß Reiten leichter wäre als zu Fuß zu gehen; und er war sehr enttäuscht, als er merkte, daß er für sein eigenes Pferd zu sorgen habe.

Mit 19 Jahren bezog er die Universität, aber er fühlte sich dort so wenig am Platz wie ein Fisch in einem Sack Federn. »Es war zum Verzweifeln mit ihm«, sagte einer der Professoren. »Sein Gehirn sehnte sich nach schöpferischem Tun, nicht nach dem Auswendig lernen von toten Sprachen und Ideen.«

So ging der junge Westinghouse auf den Rat des Universitätspräsidenten wieder nach Hause und wurde Mechaniker. Er arbeitete für seinen Vater für acht Schilling den Tag.

Mit 20 Jahren hatte er das Glück, einen Eisenbahnunfall zu erleben. Zwei Waggons entgleisten und die Linie war zwei Stunden lang gesperrt.

Sofort dachte er an eine Erfindung, um die Wagen in einer halben Stunde wieder in das Geleise zu bringen. Er erhielt ein Patent und fand tatsächlich zwei Leute, die um je tausend Pfund Anteile an dem Patent erwarben.

Das war der Anfang seiner wirklichen Karriere. Von diesem Augenblick an wendete er sein ganzes Leben an die Erfindung von Verbesserungen für Eisenbahnen.

Um diese Zeit verliebte er sich auch. Er lernte ein schönes Mädchen namens Marguerite Walker in einem Eisenbahnwaggon kennen -- all sein Glück kam immer von Eisenbahnen. Er heiratete sie, und sie wurde seine unzertrennliche Genossin in allen seinen Erfolgen und Mißerfolgen.

In ihrer Art war sie gerade so klug und originell wie er.

Sie war ihm immer mehr als die ganze Welt.

Wie sie ihm im Leben folgte, folgte sie ihm auch rasch im Tode.

Bald nach seiner Heirat sah Westinghouse einen zweiten Eisenbahnunfall. Zwei Züge waren zusammengestoßen. Die Strecke war eben und gerade. Er fragte, warum der Zusammenstoß erfolgt sei.

»Die beiden Lokomotivführer sahen einander, aber sie konnten nicht anhalten,« sagte der Bahnhofsvorsteher. »Sie hatten zu wenig Zeit. Man kann einen Zug nicht in einem Augenblick bremsen!«

Westinghouse hörte nicht auf, zu fragen: Warum? Er studierte das altmodische Handbremssystem und fand, daß es unzulänglich sei.

Monatelang studierte er das System. Er versuchte es mit einer langen Kette, die der Führer anziehen sollte. Aber das war zu schwerfällig. Er versuchte Dampf, aber der wurde von Hitze und Kälte beeinflußt.

Dann kam ein glücklicher Zufall. Eines Morgens kam eine junge Dame in sein Bureau und versuchte, ihn als Abonnenten auf eine Monatsschrift, genannt »The Living Age« (Das lebende Zeitalter), zu gewinnen. Westinghouse lehnte ziemlich kurz angebunden ab, und traurig wendete sie sich weg. Da bemerkte er, daß sie sanft und schüchtern war, und bedauerte seine Grobheit. Er rief sie zurück und gab ihr acht Schilling.

»Sie können mir Ihre Monatsschrift einige Monate lang schicken,« sagte er.

Bald kam die erste Nummer, und Westinghouse, der niemals viel gelesen hatte, war erstaunt, einen Artikel zu finden, der ihm das Problem der Bremse löste.

Der Artikel hieß »Im Mont Cenis Tunnel«. Er stammte von einem englischen Ingenieur und erzählte, wie der Tunnel durch die Anwendung von Preßluft gegraben worden war.

Der englische Ingenieur (ich wollte, ich wüßte seinen Namen) erzählte, wie die Preßluft dreitausend Fuß weit durch eine Röhre herangebracht und dazu verwendet wurde, um einen Bohrer durch das Felsgestein des Mont Cenis zu treiben.

Westinghouse schrie auf vor Freude! Hier war der Wink, den er gebraucht hatte. Wenn Preßluft verwendet werden konnte, um einen Bohrer zu treiben, warum konnte sie nicht verwendet werden, um die Bremsen eines Zuges anzuziehen?

Er legte alles andere beiseite und stürzte sich in die Aufgabe, die erste Luftbremse zu konstruieren. In wenigen Wochen hatte er eine hergestellt. Sie funktionierte. Im Nu war er einer der größten Erfinder der Welt geworden.

Natürlich begegnete er den üblichen Schwierigkeiten, denen sich jeder Pionier gegenüber sieht. Die Eisenbahnleute hielten ihn für einen Narren. Sein eigener Vater lehnte es ab, ihm für solch ein »Kinderspielzeug« wie eine Luftbremse Geld zu leihen.

Westinghouse wanderte von einem Eisenbahnbureau zum andern und wurde von den meisten Eisenbahndirektoren wie ein harmloser Irrer behandelt.

»Einen Zug durch Wind aufzuhalten! Was denn sonst?«

Schließlich fand er einen Fachmann, der Mut und Vernunft hatte -- Mr. W. W. Card von der Panhandle-Eisenbahn.

Mr. Card war bereit, Westinghouse einen Versuch zu gestatten, aber nur unter der Bedingung, daß dieser die Ausgaben selbst trage.

Zu dieser Zeit hatte Westinghouse überhaupt keine Geldmittel -- aber er stimmte zu. Dann lief er zu allen seinen Freunden und borgte jeden Heller, den er bekommen konnte. Es war ein junger Mann namens Ralph Baggaly, der ihn besonders unterstützte.

Eine Versuchsfahrt wurde unternommen. Der Lokomotivführer war ein eifriger junger Mann namens Daniel Tate. Unmittelbar vor der Abfahrt gab ihm Westinghouse eine Zehnpfundnote als Trinkgeld: »Gib der Bremse eine gute Chance, Dan!« sagte er. Es war alles Geld, was Westinghouse hatte, und auch dieses war geliehen.

Dann ereignete sich ein glücklicher Zufall. Der Versuchszug lief dreißig Meilen die Stunde, als ein Fuhrwerk das Geleise kurz vor ihm zu kreuzen versuchte. Der Kutscher hieb auf die Pferde ein, aber diese scheuten rückwärts und schleuderten ihn zwischen die Schienen.

Tate zog die Luftbremse an. Der Zug blieb stehen -- vier Fuß vor dem am Boden liegenden Kutscher. Das war das sensationelle Debut der Luftbremse. Danach regnete es viele Aufträge und viele Zehnpfundnoten.

Drei Jahre später kam Westinghouse nach England und schlug seine zweite Schlacht mit den Eisenbahndirektoren. Sein bester Freund war die Zeitung »Engineering«, die von Anfang an seine Sache verfocht. Und sein erster Auftrag kam von der Metropolitan District Railway in London.

Im Jahre 1881 war die Luftbremse bereits in allgemeiner Verwendung. Westinghouse hatte eine große Fabrik in Pittsburg. Mit 35 Jahren war er reich und berühmt geworden.

Er lebte dann noch 33 Jahre, und jedes davon war von neuen Ideen und Erfindungen erfüllt. Er stürzte sich auf Elektrizitätswerke und Gasmaschinen. Er ließ neue Fabriken aufsprießen wie ein Farmer den Weizen.

»Niemand kann erraten, wo der Alte das nächste Mal ausbrechen wird«, pflegten seine Leute zu sagen.

Das Beste aber war, daß sein Erfolg ihn nicht verdarb.

Er hatte einen starken Willen und war beherrschend, wie es jeder Führer sein muß. Aber er verlor niemals die Fühlung mit seinen Leuten.

Seine Arbeiter standen stets loyal zu ihm. Wenn seine Bankiers nur halb so loyal zu ihm gestanden wären, hätte er niemals die finanzielle Kontrolle über sein Geschäft verloren.

Einmal boten ihm seine Arbeiter an, gegen halben Lohn zu arbeiten, weil sie wußten, daß er Geld brauchte.

Ein andermal brachten seine Leute 120000 Pfund auf, um ihm durchzuhelfen zu einer Zeit, in der ihn die Banken hart bedrängten.

Ernst, zäh, ehrenhaft, anständig, angriffslustig, optimistisch, energisch, mutig -- so war George Westinghouse. Er war stolz auf seine Arbeiter. Er erzog sie und arbeitete an ihrer Seite. Er liebte sein Werk und seine Werkleute. Und als er im Jahre 1914 starb, trugen die Bahre acht alte Mechaniker, die mehr als vierzig Jahre lang seine Mitarbeiter gewesen waren.

Charles Seabrook.

Charlie Seabrook: Nein, Sie haben nie von ihm gehört. Er ist noch nicht berühmt. Er hat gerade angefangen.

Er ist erst 43 Jahre alt, aber er ist der leistungsfähigste Farmer der Welt.

In einem Jahre hat er auf einer Farm von 1200 Morgen um eine Million Pfund Gemüse gezogen.

Er betreibt seine Farm wie eine Fabrik. Er ist kein Farmer im gewöhnlichen Sinne. Er begnügt sich nicht damit, Samen in den Boden zu streuen und dann die Natur und die Vögel das weitere tun zu lassen.

Er ist ein Gemüsefabrikant. Und er erzielt ein größeres Erträgnis per acres als jemals jemand vor ihm erzielt hat.

Die Geschichte von Charlie Seabrook beginnt mit seiner Geburt auf einer kleinen Farm in Bridgetown, New-Jersey, U. S. A., im Jahre 1883. Sein Vater war ein Anglo-Amerikaner, der als Farmer nicht besonders erfolgreich war.

Mit fünf Jahren begann Charlie zu arbeiten. Mit 14 Jahren verrichtete er die Arbeit eines erwachsenen Mannes.

Seine Arbeit war Schwerarbeit, aber Schweiß, Schmutz und Plackerei waren ihm zuwider. Er arbeitete mit den Händen, weil es notwendig schien -- doch während er arbeitete, überlegte er: Gibt es keine bessere, schnellere und leichtere Art, eine Farm zu betreiben?

So lernte er Bücher und Zeitschriften schätzen. Er kaufte jedes gute Buch über landwirtschaftlichen Betrieb, das er sich leisten konnte.

Er war ein Leser und Denker. Das war der Anfang seines Erfolges.

Mit 25 Jahren hatte er drei bestimmte Ideen:

1. Die Farm braucht mehr Regen.

2. Die Farm braucht mehr Düngemittel.

3. Eine Ernte im Jahre ist nicht genug.

Zunächst richtete er ein oberirdisches Berieselungssystem ein. Er führte eine 1¼zöllige eiserne Röhre über sechs Fuß hohe Pfosten. Die Röhre war durchlocht, um einen feinen Sprühregen zu ermöglichen. Die Röhren wurden 50 Fuß voneinander aufgestellt. Er erprobte dieses System auf einer Fläche von drei Morgen und die Ergebnisse waren vorzüglich.

So verbesserte er die Natur. Er schuf künstlichen Regen. Wo früher nur ein Stengel wuchs, ließ er nun deren zehn wachsen.

Bis zu seinem 25. Jahre arbeitete Charlie Seabrook für seinen Vater. Von da an arbeitete der Vater für Charlie -- er war einer der klügsten Väter, von denen ich je gehört habe.

Im Jahre 1911 verdienten die beiden Seabrooks 5000 Pfund Sterling. »Jetzt wollen wir das auf die Bank legen«, sagte der Vater.