Die Elixiere des Teufels

Part 14

Chapter 143,454 wordsPublic domain

Mir war wohl und leicht, daß der Mönch, dessen Erscheinung mein eignes Ich in verzerrten, gräßlichen Zügen reflektierte, entfernt worden. Ich freute mich auf die Residenz, denn es war mir, als solle dort die Last des schweren, finstern Verhängnisses, die mich niedergedrückt, mir entnommen werden, ja, als würde ich mich dort, erkräftigt, der bösen Macht die mein Leben gefangen, entreißen können. Als das Frühstück verzehrt, fuhr der saubre, mit raschen Pferden bespannte Reisewagen des Försters vor. -- Kaum gelang es mir, der Frau für die Gastlichkeit mit der ich aufgenommen, etwas Geld, sowie den beiden bildhübschen Töchtern einige Galanteriewaren, die ich zufällig bei mir trug, aufzudringen. Die ganze Familie nahm so herzlichen Abschied, als sei ich längst im Hause bekannt gewesen, der Alte scherzte noch viel über mein Jägertalent. Heiter und froh fuhr ich von dannen.

4. Abschnitt.

Das Leben am fürstlichen Hofe.

Die Residenz des Fürsten bildete gerade den Gegensatz zu der Handelsstadt, die ich verlassen. Im Umfange bedeutend kleiner, war sie regelmäßiger und schöner gebaut, aber ziemlich menschenleer. Mehrere Straßen, worin Alleen gepflanzt, schienen mehr Anlagen eines Parks zu sein, als zur Stadt zu gehören; alles bewegte sich still und feierlich, selten von dem rasselnden Geräusch eines Wagens unterbrochen. Selbst in der Kleidung und in dem Anstande der Einwohner bis auf den gemeinen Mann herrschte eine gewisse Zierlichkeit, ein Streben, äußere Bildung zu zeigen.

Der fürstliche Palast war nichts weniger als groß, auch nicht im großen Stil erbaut, aber Rücksichts der Eleganz, der richtigen Verhältnisse, eines der schönsten Gebäude, die ich jemals gesehen; an ihn schloß sich ein anmutiger Park, den der liberale Fürst den Einwohnern zum Spaziergange geöffnet.

Man sagte mir in dem Gasthause, wo ich eingekehrt, daß die fürstliche Familie gewöhnlich abends einen Gang durch den Park zu machen pflege, und daß viele Einwohner diese Gelegenheit niemals versäumten, den gütigen Landesherrn zu sehen. Ich eilte um die bestimmte Stunde in den Park, der Fürst trat mit seiner Gemahlin und einer geringen Umgebung aus dem Schlosse. -- Ach! -- bald sah ich nichts mehr als die Fürstin, sie, die meiner Pflegemutter so ähnlich war! -- Dieselbe Hoheit, dieselbe Anmut in jeder ihrer Bewegungen, derselbe geistvolle Blick des Auges, dieselbe freie Stirne, das himmlische Lächeln. -- Nur schien sie mir im Wuchse voller und jünger als die Äbtissin. Sie redete liebreich mit mehreren Frauenzimmern, die sich eben in der Allee befanden, während der Fürst mit einem ernsten Mann im interessanten, eifrigen Gespräch begriffen schien. -- Die Kleidung, das Benehmen der fürstlichen Familie, ihre Umgebung, alles griff ein in den Ton des Ganzen. Man sah wohl, wie die anständige Haltung in einer gewissen Ruhe und anspruchslosen Zierlichkeit, in der sich die Residenz erhielt, von dem Hofe ausging. Zufällig stand ich bei einem aufgeweckten Mann, der mir auf alle mögliche Fragen Bescheid gab und manche muntere Anmerkung einzuflechten wußte. Als die fürstliche Familie vorüber war, schlug er mir vor einen Gang durch den Park zu machen, und mir, dem Fremden, die geschmackvollen Anlagen zu zeigen welche überall in demselben anzutreffen; das war mir nun ganz recht, und ich fand in der Tat, daß überall der Geist der Anmut und des geregelten Geschmacks verbreitet, wiewohl mir oft in den im Park zerstreuten Gebäuden das Streben nach der antiken Form, die nur die grandiosesten Verhältnisse duldet, den Bauherrn zu Kleinlichkeiten verleitet zu haben schien. Ich äußerte dieses meinem Begleiter, er stimmte mir vollkommen bei und suchte nur für jene Kleinlichkeiten darin eine Entschuldigung, daß die in einem Park nötige Abwechslung, und selbst das Bedürfnis, hie und da Gebäude als Zufluchtsort bei plötzlich einbrechendem Unwetter, oder auch nur zur Erholung, zum Ausruhen zu finden, beinahe von selbst jene Mißgriffe herbeiführe. -- Die einfachsten, anspruchslosesten Gartenhäuser, Strohdächer auf Baumstämme gestützt und in anmutige Gebüsche versteckt, die eben jenen angedeuteten Zweck erreichten, meinte ich dagegen, wären mir lieber, als alle jene Tempelchen und Kapellchen; und sollte denn nun einmal gezimmert und gemauert werden, so stehe dem geistreichen Baumeister, der Rücksichts des Umfanges und der Kosten beschränkt sei, wohl ein Stil zu Gebote, der, sich zum antiken oder zum gotischen hinneigend, ohne kleinliche Nachahmerei, ohne Anspruch, das grandiose alte Muster zu erreichen, nur das Anmutige, den dem Gemüte des Beschauers wohltuenden Eindruck bezweckt.

„Ich bin ganz Ihrer Meinung,“ erwiderte mein Begleiter, „indessen rühren alle diese Gebäude, ja die Anlage des ganzen Parks von dem Fürsten selbst her, und dieser Umstand beschwichtigt, wenigstens bei uns Einheimischen, jeden Tadel. -- Der Fürst ist der beste Mensch, den es auf der Welt geben kann, von jeher hat er den wahrhaft landesväterlichen Grundsatz, daß die Untertanen nicht seinetwegen da wären, er vielmehr der Untertanen wegen da sei, recht an den Tag gelegt. Die Freiheit, alles zu äußern was man denkt; die Geringfügigkeit der Abgaben und der daraus entspringende niedrige Preis aller Lebensbedürfnisse; das gänzliche Zurücktreten der Polizei, die nur dem boshaften Übermute ohne Geräusch Schranken setzt und weit entfernt ist, den einheimischen Bürger sowie den Fremden mit gehässigem Amtseifer zu quälen; die Entfernung alles soldatischen Unwesens, die gemütliche Ruhe, womit Geschäfte, Gewerbe getrieben werden, alles das wird Ihnen den Aufenthalt in unserm Ländchen erfreulich machen. Ich wette, daß man Sie bis jetzt noch nicht nach Namen und Stand gefragt hat, und der Gastwirt keineswegs, wie in andern Städten, in der ersten Viertelstunde mit dem großen Buche unterm Arm feierlich angerückt ist, worin man genötigt wird, seinen eignen Steckbrief mit stumpfer Feder und blasser Tinte hineinzukritzeln. Kurz, die ganze Einrichtung unseres kleinen Staats, in dem die wahre Lebensweisheit herrscht, geht von unserm herrlichen Fürsten aus, da vorher die Menschen, wie man mir gesagt hat, durch albernen Pedantismus eines Hofes, der die Ausgabe des benachbarten großen Hofes in Taschenformat war, gequält wurden. Der Fürst liebt Künste und Wissenschaften, daher ist ihm jeder geschickte Künstler, jeder geistreiche Gelehrte willkommen, und der Grad seines Wissens nur ist die Ahnenprobe, die die Fähigkeit bestimmt, in der nächsten Umgebung des Fürsten erscheinen zu dürfen. Aber eben in die Kunst und Wissenschaft des vielseitig gebildeten Fürsten hat sich etwas von dem Pedantismus geschlichen, der ihn bei seiner Erziehung einzwängte, und der sich jetzt in dem sklavischen Anhängen an irgend eine Form ausspricht. Er schrieb und zeichnete den Baumeistern mit ängstlicher Genauigkeit jedes Detail der Gebäude vor und jede geringe Abweichung von dem aufgestellten Muster, das er mühsam aus allen nur möglichen antiquarischen Werken herausgesucht, konnte ihn ebenso ängstigen, als wenn dieses oder jenes dem verjüngten Maßstab, den ihm die beengten Verhältnisse aufdrangen, sich durchaus nicht fügen wollte. Durch eben das Anhängen an diese oder jene Form, die er liebgewonnen, leidet auch unser Theater, das von der einmal bestimmten Manier, der sich die heterogensten Elemente fügen müssen, nicht abweicht. Der Fürst wechselt mit gewissen Lieblingsneigungen, die aber gewiß niemals irgend jemandem zu nahe treten. Als der Park angelegt wurde, war er leidenschaftlicher Baumeister und Gärtner, dann begeisterte ihn der Schwung, den seit einiger Zeit die Musik genommen, und dieser Begeisterung verdanken wir die Einrichtung einer ganz vorzüglichen Kapelle. -- Dann beschäftigte ihn die Malerei, in der er selbst das Ungewöhnliche leistet. Selbst bei den täglichen Belustigungen des Hofes findet dieser Wechsel statt. -- Sonst wurde viel getanzt, jetzt wird an Gesellschaftstagen eine Farobank gehalten, und der Fürst, ohne im mindesten eigentlicher Spieler zu sein, ergötzt er sich an den sonderbaren Verknüpfungen des Zufalls, doch bedarf es nur irgend eines Impulses, um wieder etwas anderes an die Tagesordnung zu bringen. Dieser schnelle Wechsel der Neigungen hat dem guten Fürsten den Vorwurf zugezogen, daß ihm diejenige Tiefe des Geistes fehle, in der sich wie in einem klaren, sonnenhellen See das farbenreiche Bild des Lebens unverändert spiegelt; meiner Meinung nach tut man ihm aber unrecht, da eine besondere Regsamkeit des Geistes nur ihn dazu treibt, diesem oder jenem nach erhaltenem Impuls mit besonderer Leidenschaft nachzuhängen, ohne daß darüber das ebenso Edle vergessen oder auch nur vernachlässigt werden sollte. Daher kommt es, daß Sie diesen Park so wohl erhalten sehen, daß unsere Kapelle, unser Theater fortdauernd auf alle mögliche Weise unterstützt und gehoben, daß die Gemäldesammlung nach Kräften bereichert wird. Was aber den Wechsel der Unterhaltungen bei Hofe betrifft, so ist das wohl ein heitres Spiel im Leben, das jeder dem regsamen Fürsten zur Erholung vom ernsten, oft mühevollen Geschäft recht herzlich gönnen mag.“

Wir gingen eben bei ganz herrlichen, mit tiefem malerischem Sinn gruppierten Gebüschen und Bäumen vorüber, ich äußerte meine Bewunderung und mein Begleiter sagte: „Alle diese Anlagen, diese Pflanzungen, diese Blumengruppen sind das Werk der vortrefflichen Fürstin. Sie ist selbst vollendete Landschaftsmalerin, und außerdem ist die Naturkunde ihre Lieblingswissenschaft. Sie finden daher ausländische Bäume, seltene Blumen und Pflanzen, aber nicht wie zur Schau ausgestellt, sondern mit tiefem Sinn so geordnet und in zwanglose Partien verteilt, als wären sie ohne alles Zutun der Kunst aus heimatlichem Boden entsprossen. -- Die Fürstin äußerte einen Abscheu gegen all die aus Sandstein unbeholfen gemeißelten Götter und Göttinnen, Najaden und Driaden, wovon sonst der Park wimmelte. Diese Standbilder sind deshalb verbannt worden, und Sie finden nun nur einige gute Kopien nach der Antike, die der Fürst gewisser, ihm teurer Erinnerungen wegen gern im Park behalten wollte, die aber die Fürstin so geschickt -- mit zartem Sinn des Fürsten innerste Willensmeinung ergreifend -- aufstellen zu lassen wußte, daß sie auf jeden, dem auch die geheimeren Beziehungen fremd sind, ganz wunderbar wirken.“

Es war später Abend geworden, wir verließen den Park, mein Begleiter nahm die Einladung an, mit mir im Gasthofe zu speisen, und gab sich endlich als den Inspektor der fürstlichen Bildergalerie zu erkennen.

Ich äußerte ihm, als wir bei der Mahlzeit vertrauter geworden, meinen herzlichen Wunsch, der fürstlichen Familie näher zu treten, und er versicherte, daß nichts leichter sei als dieses, da jeder gebildete, geistreiche Fremde im Zirkel des Hofes willkommen wäre. Ich dürfe nur dem Hofmarschall den Besuch machen und ihn bitten, mich dem Fürsten vorzustellen. Diese diplomatische Art zum Fürsten zu gelangen gefiel mir um so weniger, als ich kaum hoffen konnte, gewissen lästigen Fragen des Hofmarschalls über das „Woher?“, über Stand und Charakter zu entgehen; ich beschloß daher, dem Zufall zu vertrauen, der mir vielleicht den kürzeren Weg zeigen würde, und das traf auch in der Tat bald ein. Als ich nämlich eines Morgens in dem, zur Stunde gerade ganz menschenleeren, Park lustwandelte, begegnete mir der Fürst in einem schlichten Oberrock. Ich begrüßte ihn, als sei er mir gänzlich unbekannt, er blieb stehen und eröffnete das Gespräch mit der Frage: „Ob ich fremd hier sei?“ -- Ich bejahte es mit dem Zusatz, wie ich vor ein paar Tagen angekommen und bloß durchreisen wollen; die Reize des Orts, und vorzüglich die Gemütlichkeit und Ruhe, die hier überall herrsche, hätten mich aber vermocht zu verweilen. Ganz unabhängig, bloß der Wissenschaft und der Kunst lebend, wäre ich gesonnen, recht lange hier zu bleiben, da mich die ganze Umgebung auf höchste Weise anspreche und anziehe. Dem Fürsten schien das zu gefallen, und er erbot sich mir als Cicerone alle Anlagen des Parks zu zeigen. Ich hütete mich zu verraten, daß ich das alles schon gesehen, sondern ließ mich durch alle Grotten, Tempel, gotische Kapellen, Pavillons führen, und hörte geduldig die weitschweifigen Kommentare an, die der Fürst von jeder Anlage gab. Überall nannte er die Muster, nach welchen gearbeitet worden, machte mich auf die genaue Ausführung der gestellten Aufgaben aufmerksam, und verbreitete sich überhaupt über die eigentliche Tendenz, die bei der ganzen Einrichtung +dieses+ Parks zum Grunde gelegen, und die bei jedem Park vorwalten sollte. Er frug nach meiner Meinung; ich rühmte die Anmut die Orts, die üppige, herrliche Vegetation, unterließ aber auch nicht Rücksichts der Gebäude mich ebenso wie gegen den Gallerieinspektor zu äußern. Er hörte mich aufmerksam an, er schien manches meiner Urteile nicht gerade zu verwerfen, indessen schnitt er jede weitere Diskussion über diesen Gegenstand durch die Äußerung ab, daß ich zwar in ideeller Hinsicht recht haben könne, indessen mir die Kenntnis des Praktischen und der wahren Art der Ausführung fürs Leben, abzugehen scheine. Das Gespräch wandte sich zur Kunst, ich bewies mich als guter Kenner der Malerei und als praktischer Tonkünstler, ich wagte manchen Widerspruch gegen seine Urteile, die geistreich und präcis seine innere Überzeugung aussprachen, aber auch wahrnehmen ließen, daß seine Kunstbildung zwar bei weitem +die+ übertraf, wie sie die Großen gemeinhin zu erhalten pflegen, indessen doch viel zu oberflächlich war, um nur die Tiefe zu ahnen, aus der dem wahren Künstler die herrliche Kunst aufgeht, und in ihm den göttlichen Funken des Strebens nach dem Wahrhaftigen entzündet. Meine Widersprüche, meine Ansichten galten ihm nur als Beweis meines Dilettantismus, der gewöhnlich nicht von der wahren praktischen Einsicht erleuchtet werde. Er belehrte mich über die wahren Tendenzen der Malerei und der Musik, über die Bedingnisse des Gemäldes, der Oper. -- Ich erfuhr viel von Kolorit, Draperie, Pyramidalgruppen, von ernster und komischer Musik, von Szenen für die Primadonna, von Chören, vom Effekt, vom Helldunkel, der Beleuchtung usw. Ich hörte alles an ohne den Fürsten, der sich in dieser Unterhaltung recht zu gefallen schien, zu unterbrechen. Endlich schnitt er selbst seine Rede ab mit der schnellen Frage: „Spielen Sie Faro?“ -- Ich verneinte es. „Das ist ein herrliches Spiel,“ fuhr er fort, „in seiner hohen Einfachheit das wahre Spiel für geistreiche Männer. Man tritt gleichsam aus sich selbst heraus, oder besser, man stellt sich auf einen Standpunkt, von dem man die sonderbaren Verschlingungen und Verknüpfungen, die die geheime Macht, welche wir Zufall nennen, mit unsichtbarem Faden spinnt, zu erblicken imstande ist. Gewinn und Verlust sind die beiden Angeln, auf denen sich die geheimnisvolle Maschine bewegt, die wir angestoßen, und die nun der ihr einwohnende Geist nach Willkür forttreibt. -- Das Spiel müssen Sie lernen, ich will selbst Ihr Lehrmeister sein“ -- Ich versicherte, bis jetzt nicht viel Lust zu einem Spiel in mir zu spüren, das, wie mir oft versichert worden, höchst gefährlich und verderblich sein solle. -- Der Fürst lächelte, und fuhr, mich mit seinen lebhaften, klaren Augen scharf anblickend, fort: „Ei, das sind kindische Seelen, die das behaupten, aber am Ende halten Sie mich wohl für einen Spieler, der Sie ins Garn locken will. -- Ich bin der Fürst; gefällt es Ihnen hier in der Residenz, so bleiben Sie hier, und besuchen Sie meinen Zirkel, in dem wir manchmal Faro spielen, ohne daß ich zugebe, daß sich irgend jemand durch dies Spiel derangiere, unerachtet das Spiel bedeutend sein muß um zu interessieren, denn der Zufall ist träge, sobald ihm nur Unbedeutendes dargeboten wird.“

Schon im Begriff mich zu verlassen, kehrte der Fürst sich noch zu mir und frug: „Mit wem habe ich aber gesprochen?“ -- Ich erwiderte, daß ich Leonard heiße und als Gelehrter privatisiere, ich sei übrigens keineswegs von Adel und dürfe vielleicht daher von der mir angebotenen Gnade, im Hofzirkel zu erscheinen, keinen Gebrauch machen. „Was Adel, was Adel,“ rief der Fürst heftig, „Sie sind, wie ich mich überzeugt habe, ein sehr unterrichteter, geistreicher Mann. -- Die Wissenschaft adelt Sie und macht Sie fähig, in meiner Umgebung zu erscheinen. Adieu, Herr Leonard, auf Wiedersehen!“ -- So war denn mein Wunsch früher und leichter, als ich es mir gedacht hatte, erfüllt. Zum erstenmal in meinem Leben sollte ich an einem Hofe erscheinen, ja, in gewisser Art selbst am Hofe leben, und mir gingen all die abenteuerlichen Geschichten von den Kabalen, Ränken, Intriguen der Höfe, wie sie sinnreiche Roman- und Komödienschreiber aushecken, durch den Kopf. Nach Aussage dieser Leute, mußte der Fürst von Bösewichtern aller Art umgeben und verblendet, insonderheit aber der Hofmarschall ein ahnenstolzer, abgeschmackter Pinsel, der erste Minister ein ränkevoller, habsüchtiger Bösewicht, die Kammerjunker müssen aber lockere Menschen und Mädchenverführer sein. -- Jedes Gesicht ist kunstmäßig in freundliche Falten gelegt, aber im Herzen Lug und Trug; sie schmelzen vor Freundschaft und Zärtlichkeit, sie bücken und krümmen sich, aber jeder ist des andern unversöhnlicher Feind und sucht ihm hinterlistig ein Bein zu stellen, daß er rettungslos umschlägt und der Hintermann in seine Stelle tritt, bis ihm ein Gleiches widerfährt. Die Hofdamen sind häßlich, stolz, ränkevoll, dabei verliebt, und stellen Netze und Sprenkeln, vor denen man sich zu hüten hat, wie vor dem Feuer! -- So stand das Bild eines Hofes vor meiner Seele, als ich im Seminar so viel davon gelesen; es war mir immer, als treibe da der Teufel recht ungestört sein Spiel, und unerachtet mir Leonardus manches von Höfen, an denen er sonst gewesen, erzählte, was zu meinen Begriffen davon durchaus nicht passen wollte, so blieb mir doch eine gewisse Scheu vor allem Höfischen zurück, die noch jetzt, da ich im Begriff stand, einen Hof zu sehen, ihre Wirkung äußerte. Mein Verlangen der Fürstin näher zu treten, ja eine innere Stimme, die mir unaufhörlich, wie in dunklen Worten zurief, daß +hier+ mein Geschick sich bestimmen werde, trieben mich unwiderstehlich fort, und um die bestimmte Stunde befand ich mich, nicht ohne innere Beklemmung, im fürstlichen Vorsaal. --

Mein ziemlich langer Aufenthalt in jener Reichs- und Handelsstadt hatte mir dazu gedient, all das Ungelenke, Steife, Eckigte meines Betragens, das mir sonst noch vom Klosterleben anklebte, ganz abzuschleifen. Mein von Natur geschmeidiger, vorzüglich wohlgebauter Körper, gewöhnte sich leicht an die ungezwungene freie Bewegung, die dem Weltmann eigen. Die Blässe, die den jungen Mönch auch bei schönem Gesicht entstellt, war aus meinem Gesicht verschwunden, ich befand mich in den Jahren der höchsten Kraft, die meine Wangen rötete und aus meinen Augen blitzte; meine dunkelbraunen Locken verbargen jedes Überbleibsel der Tonsur. Zu dem allem kam, daß ich eine feine, zierliche schwarze Kleidung im neuesten Geschmack trug, die ich aus der Handelsstadt mitgebracht, und so konnte es nicht fehlen, daß meine Erscheinung angenehm auf die schon Versammelten wirken mußte, wie sie es durch ihr zuvorkommendes Betragen, das, sich in den Schranken der höchsten Feinheit haltend, nicht zudringlich wurde, bewiesen. So wie nach meiner, aus Romanen und Komödien gezogenen Theorie, der Fürst, als er mit mir im Park sprach, bei den Worten: ich bin der Fürst, eigentlich den Oberrock rasch aufknöpfen, und mir einen großen Stern entgegenblitzen lassen mußte, so sollten auch all die Herren, die den Fürsten umgaben, in gestickten Röcken, steifen Frisuren usw. einhergehen, und ich war nicht wenig verwundert, nur einfache, geschmackvolle Anzüge zu bemerken. Ich nahm war, daß mein Begriff vom Leben am Hofe wohl überhaupt ein kindisches Vorurteil sein könne, meine Befangenheit verlor sich, und ganz ermutigte mich der Fürst, der mit den Worten auf mich zutrat: „Sieh da, Herr Leonard!“ und dann über meinen strengen kunstrichterlichen Blick scherzte, mit dem ich seinen Park gemustert. -- Die Flügeltüren öffneten sich und die Fürstin trat in den Konversationssaal, nur von zwei Hofdamen begleitet. Wie erbebte ich bei ihrem Anblick im Innersten, wie war sie nun, beim Schein der Lichter, meiner Pflegemutter noch ähnlicher als sonst. -- Die Damen umringten sie, man stellte sich vor, sie sah mich an mit einem Blick, der Erstaunen, eine innere Bewegung verriet; sie lispelte einige Worte, die ich nicht verstand und kehrte sich dann zu einer alten Dame, der sie etwas leise sagte, worüber diese unruhig wurde und mich scharf anblickte. -- Alles dieses geschah in einem Moment. -- Jetzt teilte sich die Gesellschaft in kleinere und größere Gruppen, lebhafte Gespräche begannen, es herrschte ein freier, ungezwungener Ton und doch fühlte man es, daß man sich im Zirkel des Hofes, in der Nähe des Fürsten befand, ohne daß dies Gefühl nur im mindesten gedrückt hätte. Kaum eine einzige Figur fand ich, die in das Bild des Hofes, wie ich ihn mir sonst dachte, gepaßt haben sollte. Der Hofmarschall war ein alter, lebenslustiger, aufgeweckter Mann, die Kammerjunker muntre Jünglinge, die nicht im mindesten danach aussahen, als führten sie Böses im Schilde. Die beiden Hofdamen schienen Schwestern, sie waren sehr jung und ebenso unbedeutend, zum Glück aber sehr anspruchslos geputzt. Vorzüglich war es ein kleiner Mann mit gestützter Nase und lebhaft funkelnden Augen, schwarz gekleidet, den langen Stahldegen an der Seite, der, indem er sich mit unglaublicher Schnelle durch die Gesellschaft wand und schlängelte, und bald hier, bald dort war, nirgends weilend, keinem Rede stehend, hundert witzige sarkastische Einfälle wie Feuerfunken umhersprühte, überall reges Leben entzündete. Es war des Fürsten Leibarzt. -- Die alte Dame, mit der die Fürstin gesprochen, hatte unbemerkt mich so geschickt zu umkreisen gewußt, daß ich, ehe ich mir’s versah, mit ihr allein im Fenster stand. Sie ließ sich alsbald in ein Gespräch mit mir ein, das, so schlau sie es anfing, bald den einzigen Zweck verriet, mich über meine Lebensverhältnisse auszufragen. -- Ich war auf dergleichen vorbereitet, und überzeugt, daß die einfachste anspruchsloseste Erzählung in solchen Fällen die unschädlichste und gefahrloseste ist, schränkte ich mich darauf ein, ihr zu sagen, daß ich ehemals Theologie studiert, jetzt aber, nachdem ich den reichen Vater beerbt, aus Lust und Liebe reise. Meinen Geburtsort verlegte ich nach dem polnischen Preußen und gab ihm einen solchen barbarischen Zähne und Zunge zerbrechenden Namen, der der alten Dame das Ohr verletzte und ihr jede Lust benahm, noch einmal zu fragen. „Ei, ei,“ sagte die alte Dame, „Sie haben ein Gesicht, mein Herr, das hier gewisse traurige Erinnerungen wecken könnte, und sind vielleicht mehr als Sie scheinen wollen, da Ihr Anstand keinesweges auf einen Studenten der Theologie deutet.“