Die Eiks von Eichen: Roman aus einer Kleinstadt
Part 4
»Das ist Hans!« bestätigte strahlend Liselotte Windemuth, und der Herr Fahnenjunker brauchte gar nichts zu sagen, dem sah man das stolze Bekenntnis schon auf drei Schritte weit an: »_Ich bin Hans von Windemuth!_«
Die dreiundzwanzig Puppen wurden in die tiefsten Tiefen des Schrankes versenkt und Puppe Emmy ohne Kopf ganz besonders fest und weitab verstaut, denn der Fahnenjunker fand sie »scheusälig«. Bertold wunderte sich über all diese Dinge, wunderte sich auch, daß Liselotte so fröhlich und gleichmütig blieb und nur leise ihm zuflüsterte: »Weißt du, Bertold, die Puppen verreisen jetzt ins Bad, und Puppe Emmy kommt zu einem Kopfspezialisten. Wenn dann Hans abgereist ist, holen wir die Puppen wieder von der Bahn ab, und dann spielen wir weiter.«
»Puppe Emmy hat dann aber immer noch keinen Kopf,« gab Bertold zu bedenken.
»O, ich hab’ mir das alles überlegt,« meinte Liselotte. »Dann ist eben die Operation nicht geglückt, -- es kommt oft vor bei großen Leuten, nur daß ich eben meine süße Emmy nicht sterben lasse.«
Liselotte sah ernsthaft und wichtig aus; dann zog sie Bertold mit sich nach Hause in das große, tiefe Zimmer, in welchem der prächtige Bechsteinflügel stand, und sagte: »Nun wirst du gleich nicht mehr an die Puppen denken, denn Hans will uns vorspielen.«
Der Fahnenjunker betrachtete etwas spöttisch seine gespannt dasitzende Zuhörerschaft, -- die kleine, strahlende Base, den ernsthaften Jungen und die Base Juliane, welche Tränen vergoß, wenn er den »guten Mond«, den »schönen Schweizerbub« oder »das Gebet der Jungfrau« vom Stapel ließ, während sie bei Chopin und Grieg in der Stube herumwirtschaftete, mit Scheren und Fingerhüten, Messern und Gabeln, Gläsern und Tellern viel Spektakel vollführte und schließlich türschlagend das Zimmer verließ.
Hans von Windemuth war ein künstlerischer Dilettant.
Die schwersten Sachen perlten unter seinen weißen, wohlgepflegten Händen, Grieg und Schumann, Chopin, Liszt, er spielte sie alle herunter, und Bertold und Liselotte starrten ihn an, als sei er etwas ganz Unglaubliches.
Das gefiel dem jungen Krieger über die Maßen.
»So, nun spielt ihr,« meinte er gnädig und überließ seinen Platz am Flügel der kleinen Base.
Aber sie kam nicht zum Spielen, denn die Tür war mit leisem Klapp hinter Bertold zugefallen, -- er ging ohne Abschiedswort.
»So ist er nun,« klagte Liselotte. »Du hast _zu_ schön gespielt, dann kann er immer kein Wort sagen.«
»Er hat keine Manieren,« meinte Hans von Windemuth streng.
Bertold aber war nach Hause gelaufen, hatte seine Geige aus dem Kasten gerissen, und in den tiefsten Tiefen des Riesenkleiderschrankes ließ er das, was seine Seele bewegte, ausklingen. Dann stieg er langsam aus dem Schranke heraus, sah sich vorsichtig um und huschte in das Zimmer von Hieronymus Teichmann.
»Gott steh’ mir bei und soll mich bewahren, Büblein, was ist in dich gefahren?« fragte dieser erschrocken, als er den blassen Jungen sah.
»O Teichmann, -- Teichmann --« murmelte Bertold.
»Du siehst ja aus, als wolltst du versaufen, -- welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?«
Ein stoßweises Schluchzen brach aus der Brust des Knaben.
»Teichmann, er verhunzt mir den Grieg -- --«
»Büblein, -- wo soll Krieg sein?«
»Ach, Teichmann, ich meine ja den Komponisten, -- -- der Hans von Windemuth spielt ihn und verhunzt ihn, ich kenne ihn nicht wieder, -- -- hör’ nur mal, Teichmann -- (Bertold nahm hastig die Geige und fuhr mit ein paar Strichen darüber hin) -- hör’ nur, das Grollen und Stöhnen der Nordsee, das Kreischen der Möwen, die Klagen des Mädchens -- -- o und _so_ spielt er das, -- -- Teichmann, ich _kann_ das nicht mit anhören, und die Liselotte ist doch ganz begeistert.«
»Büblein, ich kann dich nicht recht verstehn, -- Grieg? sagst du, oder wer und wen?«
»Teichmann, du wirst doch den großen Grieg kennen? Kantor Brennstoff hat dir doch so viel von ihm vorgespielt.«
Der Alte strich sich besinnend über die Stirn.
»Den _großen_ Grieg, sagst du? Ich kenne nur _einen_ Großen, das ist der alte Beethoven. Schweig’ still, Büblein, sag’s dem Brennstoff nicht, er zieht dann gleich so’n närrisch Gesicht, -- er steckt so ganz im Wagner drin und, weiß es Gott, ich lieb’ auch _ihn_, aber sie sind nicht zu vergleichen. Ob der eine den andern mag erreichen, -- ich weiß es nicht, mich kümmert’s nicht. Nur eins tu’ ich mir ausbedingen, zu jedem Tag, zu jeder Stund’, man soll mir immer den Wagner singen, so lange ich lebe und bin gesund. Aber in Krankheitstagen, in bangen, will ich nach meinem ›Großen‹ langen, -- und die Fünfte Symphonie führ’ mich zur ew’gen Harmonie.
Büblein, was schaust du mich so an?«
Bertold sah in der Tat ganz selbstvergessen in das Gesicht das alten Faktotums.
»Rektor Dillen fragte heute, ob wir schon mal ’n Dichter gesehen hätten -- -- --« antwortete er stockend, »und da riefen wir alle ›nö‹, aber nun, -- aber nun, -- bist _du_ ein Dichter, Teichmann?«
Der alte Diener sah sehr ärgerlich aus, weit ärgerlicher und grimmiger, als er eigentlich war, denn er war in der Hauptsache verlegen.
»Ein Dichter! Wie kann ein kluger Junge so dummerhaft fragen! Schiller, Goethe, Lessing und Uhland sind Dichter, und dann die Loreley und die Wacht am Rhein und Heil dir im Siegerkranz, verstanden?«
»O, Teichmann, jetzt hast du nicht ein einziges Mal gereimt, wie kommt das?«
»Junge, du bist genau wie deine Mutter war, -- die fragte mich auch immer das Blaue vom Himmel runter. Ich kann dir aber nichts Gescheites antworten. Das kommt eben vom Himmel geflogen, daß es dann so mit den Wörtern paßt.«
»Aber nun, Teichmann, aber nun? Es paßt ja gar nicht -- -- --«
»Weil ich in Wehmut und Aufregung bin, Bertold. Dann verliert sich das. Sobald milde Denkart eintritt, kommt das andere so sachtchen mit, ich merk’ es freilich selber nicht, Freund Brennstoff steckt mir auf das Licht, und Thereschen freundlich auf mich blickt und sagt: Mein Teichmann, du bist verrückt.«
Bertold lachte.
»Wie einem gleich froh ums Herz wird, wenn man bei dir ist, Teichmann. Ich war ganz unglücklich und zerschlagen vorhin. Vielleicht ist auch Grieg zu schwer und wunderlich. Er dürfte nur von musikalischen Menschen gespielt werden. Gelt, Teichmann, du verstehst mich doch, daß ich das so einfach sage? Klingt es sehr eingebildet? Denn ich spiele ja Grieg -- o so gern!«
»Musik ist eine Gottesgabe. _Ich_ kann nichts dafür, daß ich sie habe, und dir geht es ebenso, sei darüber ganz ruhig und froh!«
»Sieh, Teichmann, weil der Grieg so leicht _aussieht_, da meinen alle, sie könnten ihn spielen, und mein Vater sagte -- -- --: ›Das kleinste lyrische Stück von ihm sollte man erst einmal ein Jahr lang durch_leben_, ehe man wagte, es mit einem Instrument anzufassen‹.« --
Teichmann antwortete nicht. Vielleicht verstand sein einfacher Sinn nicht diese Tiefe der Auffassung, -- aber sein feines Gefühl spürte aus den Worten des Knaben und aus der Art, wie dieser den Vater erwähnte, die grenzenlose Verehrung, welche dem verachteten Toten bewahrt wurde. Und mit einem Male fühlte er auch, daß das Leben dieses jungen Menschenkindes ein Dornenweg sein würde, voll Stacheln, voll Lieblosigkeit und Häßlichkeiten, wie der seiner Mutter. Und das Ende des Dornenweges?
Teichmann schüttelte seinen grauen Kopf. »Was kümm’re und vergrübel’ ich mich? Da oben ist einer klüger als ich.«
»Was murmelst du da, Teichmann? -- Wenn sie nun morgen wieder mit mir spielen wollen, und ich kann es doch nicht mit anhören?«
»Ich will dir etwas sagen, Bertold.« Der alte Mann geriet in Begeisterung. »Du nimmst _Beethoven_ mit. Ganz einfach Beethoven! Und den spielt ihr! Himmelherrgott, -- _den_ können sie einfach nicht verhunzen, -- sie _können’s_ nicht. Der bleibt immer Beethoven, -- verstehst du, Sohn? Und wenn sie ihn dreschen und hacken oder schludern und verludern, -- Junge, er bleibt Beethoven. Das ist einer, das ist einer!«
»Teichmann, du hast wieder nicht gereimt!«
Der Alte sah den Knaben starr an.
»_Das_ hörst du? Auf solchen Kram achtest du, wenn ich von dem Großen rede? Schäm’ dich, Bertold! Und könntest _du_ irgendeinen Reim auf Beethoven finden? Ich nicht! Schäm’ dich, Bertold!«
* * * * *
Drei ganze Tage ließ Bertold dahingehen, ehe er sich den Spielkameraden wieder zugesellte.
Aber diese drei Tage dünkten ihm Jahre. Frau Franziska sah bekümmert auf ihren Jungen, der mit großen Augen sehnsüchtig aus dem Fenster schaute in der Richtung, in welcher man den Giebel des roten Windemuthhauses erblickte.
Die leise Eifersucht regte sich wieder in ihrer Brust. Drei Tage war ihr Junge verändert und scheu, bis sie selbst ihm zurief: »Du warst so lange nicht bei Liselotte, habt ihr euch gezankt?«
Da leuchtete sein Blick. »Mutter, -- ich gehe! Darf ich lange bleiben? Ich nehme die Geige mit! Mutter, und Beethoven nehme ich mit. Den können sie mir nicht verhunzen! Den nicht! Teichmann hat’s gesagt.«
Frau Franziska strich sanft über sein dunkles Haar.
»Du Wilder! Geh nur -- geh! Sei brav! Und kehr’ mir gesund wieder!«
Ihre eigenen Worte hallten in ihr nach, als sie ihrem Jungen nachblickte, wie er mit dem Geigenkasten dahinschritt durch die Eichenstraße und immer wieder zurückwinkte nach der Mutter.
Er war doch _ihr_ Junge.
Du Wilder! Sei brav! Diese Worte sprach ihr Herz und ihr Mund täglich unzählige Male und hatte sie gesprochen beinahe von dem Tage an, da man ihr den Knaben zuerst in die Arme gelegt hatte.
Denn vom ersten Atemzug an war er ein ungebärdiges Büblein gewesen. Als der Verstand kam, wurde er merkwürdig still, nachdenklich und ernst. Aber daneben wucherte ein Kräutlein auf, das giftige, verderbliche, zerstörende Erbteil der Eik von Eichens, -- der Jähzorn.
Wie Franziska Malcroix diesen Jähzorn haßte! Die Chronik des Hauses war erfüllt von Beispielen seiner unheimlichen Macht über die Eiks.
Er überschlug aber immer eine Generation.
So war sie selbst verschont geblieben von diesem unseligen Temperament, das ihren Vater bis zur Sinnlosigkeit beherrschte und einen gehaßten, gefürchteten, gemiedenen Mann aus ihm gemacht hatte.
Aber ihr Junge, ihr lieber Trost, ihr ein und alles, den sie herausgerettet aus einer tief unglücklichen Ehe, welche der Tod zur rechten Zeit noch getrennt hatte! Sie hatte schon geglaubt, daß das böse Erbteil vor ihm haltmache, hatte dankbar die Hände gefaltet, daß ihr Sohn weder den haltlosen Leichtsinn seines Vaters, noch den lodernden Jähzorn des Großvaters geerbt, hatte sich in der Sicherheit gewiegt, daß ihm ein gütiges Geschick nur die heilige Wahrheitsliebe und den eisernen Fleiß der Eik von Eichens in die Wiege gelegt habe -- bis vor drei Jahren.
Ja, so lange war es her.
Da hatte sie an einem heißen Nachmittage arbeitend am Fenster gesessen, ihr Mann war wieder einmal auf »Kunstreisen«, von welchen er immer haltloser denn je und oft in zweifelhafter Gesellschaft heimkehrte, -- -- ihre Gedanken weilten bei dem Fernen, dem sie von Tag zu Tag fremder wurde, -- da hatte sie gellendes Kindergeschrei gehört und war auf die Straße gestürzt, ohne Hut, ohne Tuch, wie sie gerade war.
Zur rechten Zeit kam sie, um Bertolds kleine, feste Fäuste aus dem dunkeln Schopf eines Spielkameraden loszulösen, aber ganze Büschel Haare blieben trotzdem in der Hand des Raufenden.
Frau Franziska hatte entsetzt in die entstellten Züge ihres Knaben gesehen.
Dunkelrot das kleine Gesicht, schneeweiß die Lippen und die Nasenspitze, und die Augen sprühend vor Zorn.
»Er liegt, Mama, er liegt!« Mehr konnte der Junge nicht hervorkeuchen.
Ja, das war der Eiksche Jähzorn.
Eine Menschenmenge hatte sich damals angesammelt, o sie wußte es so genau noch. Der Vater des gemißhandelten Jungen war dazu gekommen und hatte von »Zwangserziehung« gesprochen. Böse Reden waren gegen sie und Bertold geflogen -- -- welche Schmach für die feinfühlige Frau!
Und ihr kleiner, guter, stolzer Junge!
Als die lodernde Aufregung nachließ, weinte er bitterlich und war ganz krank. Es hatte sich um eine Kinderei gehandelt, um eine Unwahrheit, wie sie unter Kindern im täglichen Spiel oft vorkommt, aber dem streng wahrheitsliebenden Jungen war sie unerhört erschienen.
An all dies dachte Frau Franziska und dachte auch an die große Ähnlichkeit zwischen Großvater und Enkel.
Zug für Zug glich der junge Bertold dem alten Bertold.
Nichts hatte er von seinem Vater bekommen, als etwa die dunkeln Augen, die bei Lotar Malcroix aber übermütig gestrahlt hatten, während Bertold gewöhnlich ernst dreinschaute.
Auch die große Figur und die kerzengerade, aufrechte Haltung würde er gleich dem Großvater haben, ebenso die dichten, schöngeschwungenen Augenbrauen, den energischen Mund und -- -- den Jähzorn.
An all dies dachte Frau Franziska, als sie ihrem fröhlichen Knaben nachschaute, wie er federnden Ganges mit seiner geliebten Geige dahinschritt, und an all dies dachte sie, als er nach kaum einer halben Stunde totenblaß zu ihr ins Zimmer zurückkam und sich vor ihr auf die Knie warf, den wirren Lockenkopf in ihren Schoß drückte und nur immer wieder stammelte: »Mutter, ach Mutter!«
»Was war geschehen?« So fragte sie sich selbst, als sie nur einen Augenblick in das verstörte, gramvolle Gesicht ihres Buben geschaut hatte, das so traurig, so krank aussah, daß sie die Frage gar nicht laut stellen mochte.
»Mutter, ach Mutter!« Wieder ein wehes Aufschluchzen.
»Werde ruhig, mein Herzensjunge!«
»Ich kann nicht ruhig werden, nie wieder, Mutter! Mutter -- sag’ -- ist es wahr? War der Papa, -- _mein_ Papa, -- -- sie sagen, er wäre ein Schuft gewesen.«
Das Gespenst! Da stand es wieder vor Franziska Malcroix und grinste sie an. Es würde nie verschwinden, das wußte sie. Und ob sie fliehen würde weit über die lieben Thüringer Berge, das Gespenst ihres befleckten Namens würde neben ihr schreiten oder hinter ihr drein laufen und sie immer wieder einholen.
Frau Franziska weinte bitterlich. »Mein Junge, mein armer Junge!«
Bertold strich sich die feuchten Locken aus dem verweinten Gesicht und sah die Mutter an. »Du sagst nichts, Mutter? Ist es wahr?«
Ihre Augen sahen über ihn hinweg ins Weite.
»Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!« sprach sie laut und hart, und dann schlossen sich ihre Lippen fest. Ein unendlicher Jammer lag in ihren Augen, und Bertold fühlte, daß er nicht fragen, daß er nur trösten müsse.
Seine Arme umschlangen sie fest, und so saßen Mutter und Sohn schweigend mit ihren übervollen Herzen.
Die Abendsonne stahl sich herein und wob überall lichte Kränzlein: das eine legte sie um Bertolds dunkeln Lockenkopf, der an der Brust seiner Mutter ruhte, ein anderes flimmerte an dem Rahmen, der ein Pastellbild des alten Eik von Eichen aus seiner Knabenzeit darstellte, ein drittes tanzte auf Bertolds poliertem Geigenkasten.
Und als die Sonne unterging, ließ sie das Licht dieser drei Kränzlein in den Herzen von Mutter und Sohn zurück. --
Franziska küßte die Stirn des Knaben.
»Erzähle mir alles,« bat sie.
Bertold bettete seinen Kopf wieder fest an ihre Schulter.
»Mutter, sie spielten wieder Grieg, als ich hinkam, die Ballade, die -- -- die Väterchen noch vor seinem Tode mit uns aus der Partitur las, -- oh -- weißt du noch?« Die Erinnerung überwältigte das Kind förmlich.
»Ich weiß,« flüsterte Frau Franziska.
»Ich hatte die Hände an den Ohren, denn ich konnt’s nicht ertragen, wie der Hans von Windemuth alles herunterspielte, -- du weißt ja, wie Vater so eine Technik haßte, die nur Technik war. Irgend was spielte Hans, nur eben Grieg war es nicht. -- Dann sollte ich sagen, es sei herrlich gewesen, die Liselotte verlangte es. -- Ich rief nur immer, der Hans spiele sehr schön und fertig, und das war ihnen denn auch genug. Dann legte ich still den Beethoven auf das Pult, -- es war nur der Auszug aus Vaters Lieblingssymphonie, -- wir spielten es zu deinem letzten Geburtstag zusammen, und du sangst uns damals die Worte dazu: ›Still sank der Abendsonne Gold hinunter an das Himmelszelt, in Abendfrieden süß und hold ruht um uns her die ganze Welt‹ -- -- --«
»Mein Junge!« stöhnte Franziska, denn alles Leid und alle kargen Freudenstunden der Vergangenheit wurden in diesem Liede lebendig.
Bertold hatte den Kopf aufgerichtet und sah jetzt mit leuchtenden Augen in den dämmernden Abend.
Sein Kindergesicht sah reif und ernst aus, als habe die Hand des Schicksals heute darüber gestreift und die harmlose Freude daraus mitgenommen.
»›O wohnte doch im Herzen mein so tiefer Friede für und für; mein Gott, laß mich dein Eigen sein, den Frieden find’ ich nur bei dir!‹ Mutter, -- als du das sangst, da hielt uns Vater beide umschlungen und war so gut, so gut -- --«
Bertold drückte sich wieder fest in den Arm der Mutter, als könne dieser allein ihm Schutz gewähren vor dem Furchtbaren, das heute auf ihn geschleudert worden war. --
Und die Mutter hielt ihn fest, so fest -- aber sie schwieg.
Dies Kindergemüt war ihr zu heilig, zu zart noch, um es auch nur schattenhaft ahnen zu lassen, wie furchtbar sie unter dem genialen Künstler Malcroix gelitten, wie selbst die härtesten Beschuldigungen, die fremde Menschen aussprachen, noch nicht die Wirklichkeit erreichten -- -- --
Der Knabe schrie plötzlich weh auf, und seine Fäuste ballten sich.
»_Ein schlechter Kerl!_ Mutter, -- Mutter -- einen schlechten Kerl nannte ihn der Hans, und die Liselotte nickte dazu, -- ja Mutter, das tat sie. Und ich hatte ihnen doch nichts zuleide getan, -- -- war nur ein paarmal aufgesprungen und hatte gerufen: ›~Es~, ~es~, um Gottes willen ~es~‹, -- kannst du dir vorstellen, Mutter, daß der Hans ~e~ spielte in ~As-dur~? Da lachten sie über mich, und das machte mich so wütend; und immer mehr lachten sie, und dann verhunzten sie den Beethoven weiter -- -- -- und Teichmann hatte doch gesagt -- -- -- es ginge gar nicht -- -- -- da riß ich Hans die Geige aus der Hand und schlug -- -- --«
»Bertold!!!«
Der Knabe war aufgesprungen, -- starrte seiner Mutter ins Gesicht, und es war, als käme er durch ihren Ruf erst langsam zur Besinnung. Langsam strich er sich über die Stirn. »Mutter,« stammelte er, »ich glaube, ich habe ihn sehr geschlagen, _sehr_, Mutter, -- er gab ja dem Beethoven Schimpfnamen, und dann -- dir -- und dann -- -- dem Vater -- -- ich solle nicht mit ihm prahlen, -- er sei ein großer Künstler gewesen, aber ein schlechter Kerl, -- ein ganz, ganz schlechter Kerl -- -- --«
»Schweig!« rief Franziska außer sich. »Du sollst das Wort nicht sagen, ich kann es nicht hören.« Sie schüttelte ihren Knaben in Zorn und Weh und hielt ihn dann doch wieder umschlungen, ihren Einzigen, -- ihren Augen- und Herzenstrost.
So brach die Nacht herein über den beiden, -- die große Trösterin.
* * * * *
Nur mit einem aufgescheuchten Wespennest konnte man anderntags Schwarzhausen vergleichen.
Es war ganz unerhört, was geschehen war.
Der Wagen des Herrn Kreisphysikus ~Dr.~ Hempel hielt vor Professor Windemuths Hause, und ~Dr.~ Hempel selbst hatte beim üblichen Abendschoppen im »Weißen Roß« sehr freimütig erzählt, daß der kleine schwarze Satan, Bertold Eik von Eichen, ~alias~ Malcroix, dem hübschen Fahnenjunker Hans von Windemuth die Geige buchstäblich auf dem Kopfe zerschlagen habe. »Kaput, -- ganz kaput!«
»Um Gottes willen, der Kopf?«
»Nein, die Geige.«
Und wieder sprach man von Zwangserziehung und »Rauhem Haus«, wieder erörterte jeder Vetter und jede Base, vom Bürgermeister an bis herunter zum Nachtwächter, daß der Knabe erblich belastet sei, und daß es wohl nur _ein_ Mittel gebe: eine feste Hand und gebietende Persönlichkeit über ihn zu setzen, und für die Schwarzhausener konnte diese Persönlichkeit nur Herr Baldamus Eik von Eichen sein, dessen Zuneigung für Frau Franziska stadtbekannt war. Aber würde seine Liebe groß genug sein, um sich aufzuopfern für eine Frau mit beflecktem Namen und mit einem mißratenen Buben, wie dieser Bertold war?
Der eine ganze Stadt durch sein bisheriges Wohlverhalten und Ehrbarkeit getäuscht hatte?
Der schon an seinem letzten Aufenthalt reif für eine Besserungsanstalt gewesen war und dessen schlechter Charakter noch gerade zeitig genug zum Vorschein kam?
* * * * *
Das Haus Windemuth konnte die Zahl der teilnehmenden Frager kaum fassen, -- freilich sah der Professor immer aus, als nähme er am liebsten die Mitbürger beim Kragen und würfe sie zur Tür hinaus; aber man hielt sich an Base Juliane, die bereitwillig und ausführlich die Schreckensszene immer wieder schilderte und stundenlang schwatzend vor der Haustür stehen konnte. »Zerrissen und zerschunden sei das hübsche Gesicht des Fahnenjunkers,« berichtete sie, »und die Kopfhaut an zwei Stellen genäht, und die wertvolle Geige -- -- --«
»Sei sofort vom alten Herrn Eik von Eichen ersetzt worden, und zwar durch eine weit wertvollere,« war hier Hieronymus Teichmann eingefallen, der gerade vorbeiging und sich ausnahmsweise und nur zum Steuer der Wahrheit in die Verhandlung mischte.
»Nun ja freilich -- ersetzt,« murrte Base Juliane, »als ob damit alles abgetan sei! Der Hieronymus Teichmann war eben Partei. In seinen Augen, das wußten alle, waren die Eik von Eichens geborene Engel, und sie hätten auch einen Raubmord begehen können, Teichmann würde doch noch Entschuldigungsgründe für seine langjährige Dienstherrschaft gefunden haben.«
Aber man wollte in Schwarzhausen nicht so lange warten, bis etwas ganz Schreckliches durch diesen Bertold Malcroix geschah; man wollte den Brunnen zudecken, ehe das Kind hereinfiel, und da man nicht den Mut hatte, zum alten Eik zu gehen, der nun doch einmal die meisten Steuern zahlte, und ihm zu sagen: »Nimm dein Enkelkind aus der Schule heraus, es stört da unsere sorgfältig erzogenen Sprößlinge«, so bearbeitete man eben jene sorgfältig Erzogenen, und diese isolierten den Bertold.
Er fand sich immer allein, beim Spiel und beim Lernen, beim Plaudern, beim Stillsitzen und beim Frühstücken.
Während der ersten Tage nach jenen bösen Jähzornsstunden fehlte Liselotte ganz in der Schule. Der Anblick ihres leeren Platzes gab dem Jungen immer einen Stich ins Herz, mehr noch die kummervollen Augen des Rektors Tüllen, zu welchem die aufgebrachten Schwarzhausener gesagt hatten: »Entweder der jähzornige Bengel geht, oder wir nehmen unsere Kinder fort.« Es war verlorene Liebesmühe des braven Rektors gewesen, daß er alle guten Seiten des Knaben hervorgehoben hatte; man machte die Frage einfach zu einer Existenzfrage für den Rektor und seine brave Schwester.
Als Liselotte zum ersten Male wieder in der Schule erschien, hatte sie etwas Merkwürdiges mitgebracht, ein längliches, sauber zusammengeschnürtes Paket, das sie hastig unter die Bank steckte.
Erst als die lange Pause kam, holte sie das Päckchen vor und begab sich mit ihm nach dem Grasgarten. Bertold folgte ihr dorthin, wie er es ja immer getan hatte, ehe er sich durch sein strafwürdiges Verhalten die Pforten zum Paradiese verschloß.
Und ein Stück Paradies war ihm das Windemuthhaus gewesen. -- Die ganze Klasse wollte den beiden nachstürmen, aber Rektor Tüllen stand sozusagen mit feurigem Schwerte vor der kleinen, grün angestrichenen Tür, die zum Grasgarten führte, und sein Lineal, mit dem er wild umherfuchtelte, glänzte leuchtend in der Sonne. »Weg da,« rief er und scheuchte die Neugierigen fort, »in das Grasgärtchen dürfen nur die besten Schüler.«
Das war die Wahrheit, und das half auch. --
Liselotte setzte sich, Bertold stand vor ihr mit bekümmerter, ernster Miene. Liselotte hatte das Paket auseinandergeschnürt, und nun lag »Puppe Emmy ohne Kopf« auf ihrem Schoß.
»Liselotte, bist du böse mit mir?« begann Bertold das Gespräch.
Das kleine Mädel schaute nicht auf, ihre Augen guckten nur die Puppe an, und dann erwiderte sie:
»Sieh mal, liebe Puppe Emmy, ich darf doch nicht mit dem bösen Bertold sprechen, weil er ein schrecklicher Bengel ist. Nun habe ich dich mitgenommen, und du kannst ihm alles sagen.«