Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 9
Aber schon grüßten die Dächer von Mainz und Worms ins Wahlfeld herüber; um die Burgen der Großen und um den geschützten Gewinn ihrer Märkte wuchsen die Städte, wie Rom und Ravenna mit Mauern und Toren; Bürger wurden genannt, die darin wohnten.
Wo eine Stadt war, wurden die Wege rundum lebendig von Wagen, Schiffe kamen zu Tal, und fleißige Schaffner füllten die Keller und Speicher.
Was der Bauer mühsam dem Boden abrang, floß über im Wohlstand der Städte und wurde Macht in den Händen der Großen, die den Markt hielten.
Noch saß die Bischofsgewalt auf der Burg als Herr der Märkte und Münzen; ihr Zollbaum am Tor strich den gefüllten Wagen den Überfluß ab: aber schon bauten Gilden und Zünfte das Zeughaus der Bürgergemeinschaft.
Schon sahen die Vögte des Kaisers mit wachsamer Sorge den steigenden Glanz; sie sahen die Wagen und Schiffe und sahen die Einkünfte schwellen.
Konrad, der salische Franke, den sie bei Oppenheim wählten, weil er ein Urenkel Konrad des Roten, Eidam Otto des Großen war, ging nicht im ottonischen Purpur der Priester und Frauen; er kam als irdischer Kriegsmann und wollte dem Reich ein starker Haushalter werden.
Er sah im Reichtum der Großen die fleißige Arbeit der Kleinen und stellte das Königsschwert mitten hinein in den Tag der Pfalzen und Märkte, die fleißige Arbeit zu schützen.
Er gab den kleinen Vasallen das Erbrecht der Lehen, die Macht der Großen zu brechen; er gab den Bürgern der Städte den siebenten Heerschild, das Glück der geistlichen Höfe zu nützen.
Da war in den Glanz der Großen und Grafen ein schmaler Schatten gestellt: noch schien die Gunst der Sonne ihnen breit ins Gesicht; aber der Mittag kam, dem siebenten Heerschild den Schatten zu stärken.
Heinrich der Dritte
Mit Konrad dem Zweiten begann das salische Kaisergeschlecht seine stolze Entfaltung; vier Kaiser nur gab es dem Reich, und ging unter, vom Schicksal umwittert: aber es spannte den Bogen über das Abendland höher als alle Geschlechter; und keiner war stärker in Rom, obwohl er im Reich blieb, als Heinrich der Dritte, der mächtigste Kaiser.
Sie hießen ihn Heinrich den Schwarzen, weil er dunkel von Angesicht war, Konrads gewaltigen Sohn, der über die Päpste regierte und Ritter der Christenheit wurde wie keiner.
Als Knabe gekrönt, Herzog von Bayern und Schwaben, dazu burgundischer König, trat er als Jüngling die Erbschaft Konrad des harten Haushalters an und war keine schwächere Hand, den Großen und Grafen die Zügel zu halten.
Er war keine schwächere Hand: Böhmen und Ungarn spürten die Stärke, und Otto der Sachse hatte sein Schwert nicht strenger gezeigt als Heinrich der salische Franke, da er dem römischen Hochmut die deutschen Päpste einsetzte.
Aber ihn plagte das Kirchengewissen; der über Könige herrschte und hinter dem päpstlichen Stuhl stand als Lehnsherr und Richter, strafte sich selbst mit der Geißel.
Denn immer noch brannte die Buße von Cluny im Abendland, immer noch sahen die Augen der Zeit mit Furcht und brünstiger Hoffnung das Weltgericht kommen, wie es die Kirche am Ende der Tage verhieß.
Immer noch hielt der Kaiser dem König des Himmels das irdische Schwert; aber nun irrte kein Schwärmer und Schwelger durchs Abendland hin wie Otto, Theophanos Sohn; nun ritt der Mann in den Tag, mit Tod und Teufel zu streiten.
Heinrich den Schwarzen hießen sie ihn, der dunkel von Angesicht war, dunkel außen und innen; nur seine Tat sprang hell in den Tag, als er dem römischen Lindwurm das Lästerhaupt abschlug, als er den frommen Freund und Grafen von Egisheim auf den Stuhl von Sankt Peter setzte.
Und staunend standen die Völker, als auf der Kanzel zu Konstanz der Kaiser sich selber als sündig bekannte, als er mit ehrlichem Wort seinen Feinden den Königsbann löste, als er die Großen und Grafen im Namen Christi verwarnte, von ihren blutigen Händeln zu lassen.
Zum erstenmal trat auf die Streitmauer der Macht die Stimme des strengen Gewissens; Kaiser und Kirche sprachen aus einem Mund; das Kriegsschwert lag auf dem Priesteraltar in christlicher Demut.
Es war kein Rausch der Stunde, daß solches geschah; Heinrich der Dritte hielt seinen Schwur im Blutrauch flammender Kriege: er wollte das Reich und wollte es mit Gewalt und war den Großen und Grafen ein gewaltiger Richter; aber er nahm seinen Willen hart ins Gewissen, weil er das Gottesreich glaubte.
Und als ihm der Tod kam, zu früh für das Reich solcher Prägung, war ihm das Sterbebett noch einmal die Kanzel, das eigene Dasein zu bekennen und unerbittlich zu richten: die letzte Hand seines starken Lebens gab er vor Gott seinen Feinden.
Er starb in Bodfeld, der sächsischen Pfalz, die sich der salische Franke erbaute, und wurde begraben in Speyer; Victor, der Papst und Freund, stand ihm bei und gab der Leiche den Segen.
Da war der Bogen einmal zur Höhe gespannt; da stand die Ehe in Frieden; Wort und Tat hielten einander die Hände; das Weltreich der Kirche war Wahrheit geworden im Hause des Kaisers.
Aber die Rechnung war falsch; Victor der Papst war gesonnen, die Herrschaft zu erben, und Hildebrand war sein Berater: der Streit um die Stärke stand vor der Tür.
Kaiserswerth
Als Heinrich, der Kaiser und Richter der Christenheit starb, war Heinrich der Knabe schon König der Deutschen; Agnes die Mutter führte die Herrschaft für ihn, und Victor der Papst gab ihr selber das erste Geleite.
Zum andernmal hielten Frauen und Priester das Reich in den Händen; nun war es nicht mehr Mathilde, heilig und mild, nicht mehr Meinwerk der frohe und Bernward der feine: die Welt war düster geworden im Schatten von Cluny.
Die Kaiserin war eine fromme Frau, doch fremd im feindseligen Land der Sachsen, sie ließ sich unbedacht leiten von Launen und Leuten, der Knabe war klug und wild, und die der Mutter im Ohr lagen, schmeichelten seinen Gelüsten.
Anno, der zänkische Bischof von Köln, sah den Bischof von Augsburg allein am Königshof gelten; er sah die Ehren und Güter verschwinden und wollte den Knaben selber besitzen.
Sie saßen zu Kaiserswerth und hielten am Rheine ein heiteres Mahl, Mutter und Sohn mit den Fürsten; sein Schiff zu beschauen, ließ Anno den Knaben verlocken: der Knabe kam fröhlich; aber als sie ihn hatten, fuhren die Knechte davon. So fing sich Anno den kostbaren Vogel und holte ihn heim in den finsteren Käfig der kölnischen Burg.
Nun stand es ihm zu, Güter und Ehren im Namen des Königs zu nehmen und spenden; aber der Knabe war klug und wild und trotzte dem scheltenden Zänker.
Auch weil ihm die anderen Großen den Knaben bestritten, wurde Anno des Raubes nicht froh; er mußte das Unrecht mit ihnen teilen; jeder wollte ein Jahr lang den goldenen Käfig halten.
Adalbert aber, der Bischof von Bremen, der ihn von dem Kölner bekam, wußte das Pfand klüger als Anno zu nützen. Er gab dem Königsknaben den Königssinn seiner Herkunft und Zukunft zu schmecken; er ließ ihn den Stolz hochgreifender Pläne erfahren und malte in seine hochmütige Seele die lockenden Bilder zukünftiger Größe.
Der Knabe war klug und wild und trank den Honigseim gern: aus zänkischer Enge in die Verführung lockender Weite gestellt, sah er den Himmel kommender Macht zu seinen Häupten gespannt.
So wurde Heinrich der Vierte König der Deutschen; mit fünfzehn Jahren nahm er den Reichsapfel anders zur Hand, als ihn sein Vater sterbend hinlegte.
Neun Jahre lang hatten die Großen und Grafen mit dem Reichsapfel Fangball gespielt; nun kam ein Knabe, hochmütig und frech, ihn auf den Gipfel des Ruhmes zu tragen.
Der Aufruhr der Sachsen
Heinrich der Jüngling hielt seinen Hof zu Goslar in Sachsen; da stand die steinerne Burg seines Vaters, der salischen Herrschaft die Tore zu hüten, da waren die Säle und Kammern ottonischer Pracht, und aus den Gruben im Rammelsberg kam der silberne Reichtum geflossen.
Aber wo Heinrich der Dritte die Bußgeißel schwang, hob Heinrich der Vierte das Trinkhorn der Freude: Jungmännerlärm schrie durch die Säle; in den Kammern hatte die Lust ihr Lager.
Bald ging ein Raunen und Murren im Reich, die Warnung kam an mit sorgender Miene und drohenden Worten; aber der Jüngling maß die Mienen und wußte die Worte, und wies die Warner höhnisch nach Haus.
Auch war er als König geboren und spann seine Pläne früher und weiter, als seine Plager es merkten.
Noch lachten die sächsischen Herren der Torheit des Knaben, da hatte er schon den Ringwall der Harzburg gebaut; wie die Treibjagd das Wild umstellt, wuchs rund um die Hart der Kranz fester Burgen.
Er wollte ein anderes Reich als das der geistlichen Großen, Herzöge und Grafen: der König allein sollte Herr sein, wie Karl im Frankenreich König und Lehnsherr war; die sächsische Burg der Ottonen sollte der Sitz seiner Königsmacht werden.
Aber den Sachsen war es die Zwingburg der salischen Herrschaft; sie mußten den Bauvögten Frondienste tun und seine fremde Dienstmannenschaft nähren; sie sahen die Fesseln der sächsischen Freiheit geflochten und haßten den herrischen Jüngling, der sie zu flechten befahl.
Bauern und Ritter schwuren die Blutspur; als Heinrich den polnischen Feldzug ausrief, kam die Empörung der Sachsen gegen die Harzburg gezogen: da war der Übermut aus und der Jungmännerlärm; wie ein Dieb in der Nacht mußte der König sich retten.
Wohl rief er die Großen und Grafen zum Rachekrieg auf: sie hielten ihr Heervolk im Feld, aber sie halfen ihm nicht; die heimlichen Boten kamen und gingen, bis ihn die letzten verließen.
Krank und gemieden und seiner Königsmacht ledig kam Heinrich der Jüngling ins Land seiner salischen Väter zurück; da aber geschah ihm das Wunder.
Die Bürger von Worms hatten dem Bischof von Worms die eigenen Tore verschlossen: sie boten dem Flüchtling den Schutz ihrer Mauern und gaben dem Jüngling wieder ein Schwert in die Hand.
Der siebente Heerschild trat in den Tag, der Bürger hob seinen Trotz im Namen des Königs gegen den eigenen Bischof.
So wurde Heinrich der Vierte aus Not und Bedrängnis ein Volksfürst: König und Bürger fingen im Reich der Großen und Grafen ein anderes Brettspiel an.
Noch hielt der Winter die Wälder im Rauhreif, die Mühlen der Werra standen im Eis: da hatte Heinrich ein Heer, und die Fürsten mußten ihm folgen gegen die Sachsen.
Schneestürme machten die Rosse blind, das Schwert fror fest in der Scheide, der König mußte den Krieg und die Rache mit Handschlag beenden; aber nun war er kein Flüchtling mehr.
Noch hatte der Tauwind den Frost nicht gebrochen, als Heinrich schon wieder in Goslar den Königshof hielt.
Als danach der Grimm der Sachsen die Harzburg zerstörte, als sie die Kirche nicht schonten und die Gebeine der salischen Gräber verstreuten: mußte das Reichsheer der Fürsten ihm folgen, und Gregor der Papst durfte die Frevler nicht schützen.
An der Unstrut traf den sächsischen Aufstand das Schwertgericht blutig; die Ritter konnten sich retten in ihre östlichen Burgen, das Fußvolk der Bauern mußte es büßen.
So wurde der salische Heinrich Herr über die Sachsen und König der Deutschen: die Großen mußten ihm dienen, weil ihm der siebente Heerschild gehörte; die Grafen versteckten den Trotz, weil ihnen das Königsschwert gedingter Dienstmannenschaft drohte.
Der Streit um die Stärke
Ein Königtum war aus dem Reich der Großen und Grafen geworden; freier als jemals ein König der Deutschen schien Heinrich der Vierte über den Völkern zu stehen, als er den Streit um die Stärke begann.
Hildebrand hatte als Gregor der Siebente den Stuhl von Sankt Peter bestiegen; der seinem büßenden Vater ein finsterer Freund war, wurde dem Sohn ein furchtbarer Feind.
Er sagte dem König die Lehensgewalt auf über die geistlichen Großen und gab ihm drohende Botschaft nach Goslar, der Kirche zu geben, was ihr vor dem Kaiser gehöre.
Stolz seines Sieges und seiner Sache gewiß, gab Heinrich der Jüngling dem finsteren Mann in Sankt Peter selbstherrliche Antwort: Heinrich, König nicht durch Anmaßung, sondern durch göttliche Bestimmung, an Hildebrand, nicht Papst, sondern falschen Mönch!
Auch mußten die deutschen Bischöfe in Worms ein stolzes Gericht über Hildebrand halten; aber Hildebrands Zorn blies ihnen Feuer ins Haus: die Kirche verfluchte den Schirmherrn, der Papst sprach über den Kaiser den Kirchenbann aus. Da war der Schirmherr der Kirche ein Schwert ohne Hände, da saß er nackt auf dem Thron in der Furcht seiner Völker, da fiel der Eid von ihm ab, der die Treue gelobte, da war der siebente Heerschild listig durchlöchert.
Zu Tribur taten die Großen und Grafen den Spruch; nur wenn er den Bannfluch zu lösen vermöchte, könne Heinrich König der Deutschen und Herr seiner Dienstmannen bleiben.
Aus dem Traum seiner Herrlichkeit kläglich erwacht, war Heinrich zum andernmal Flüchtling; aber nun hielt ihm der Bischof von Worms die Tore verriegelt, und die Bürger wehrten ihm nicht.
Unmögliches mußte der König tun, die Krone zu retten; er tat es mit harter Berechnung.
Nur Berta die Frau, sein Kind und ein Knecht kamen zur Romfahrt mit ihm; wo seine Väter den stolzen Siegeszug ritten, ging Heinrich der Vierte im Winter den bitteren Bußgang.
Schon war der Reichstag in Augsburg bestellt, wo der Richter des neuen Bundes Saul zu verwerfen gedachte, um David zu salben; schon harrte Gregor in Mantua des versprochenen Fürstengeleits, als ihn die Kunde von Susa erreichte: Heinrich sei über die Alpen gekommen, von den lombardischen Städten trotz seinem Bann als König empfangen.
Da mußte Gregor zurück in die Burg von Canossa; die Sonne entwich in die Wolken der Gräfin Mathilde und ihrer schützenden Kriegsmacht.
Aber Heinrich kam barhäuptig im Büßergewand vor das Tor der steinernen Zuflucht; und ob ihn Gregor zweimal im Grimm der durchkreuzten Pläne verschmähte: Heinrich kam wieder am dritten Tag, barfüßig im Schnee, der gestern noch König war, den Bannstrahl zu löschen.
Da lag dem toskanischen Mönch der salische Trotz zu Füßen, der Schirmherr der Kirche im Staub vor dem Statthalter Christi: aber es war nicht der Mond, des Lichtes der Sonne bedürftig, es war nur ein Jüngling im Büßerhemd, der seiner Sünden ledig zu sein von dem heiligen Vater begehrte.
So brannte das päpstliche Richtergewand im eigenen Bannstrahl zur Asche: die Fessel fiel ab, und dann war Heinrich zum andernmal König; die Macht der lombardischen Städte stand als eine Mauer um ihn.
Der auf den Reichstag als Richter der Welt zu kommen gedachte, wich hinter die römischen Mauern zurück in den Schutz der Hadriansburg.
Aber die Großen und Grafen in Tribur hatten den eigenen Spruch treulos vergessen und Rudolf von Schwaben zum König der Deutschen gewählt.
Ihm zu begegnen, kam Heinrich im Frühjahr anders nach Deutschland zurück, als er im Winter gegangen war: er hatte sein Königsschwert wieder; hinter ihm stand die lombardische Macht und vor ihm die Treue der rheinischen Städte.
Drei Jahre lang lag er im Feld und war ein Meister im Unglück; in blutigen Schlachten besiegt, wieder im Bann und bei den Frommen verflucht, hielt er den Trotz in der Faust und das Herz in der Hoffnung:
Bis Rudolf von Schwaben, bei Merseburg siegend, die Hand und das Leben verlor -- die Hand, die Heinrich Treue gelobte und treulos das Schwert hob -- bis der König den tapferen Friedrich von Staufen als Eidam gewann.
Immer noch standen viel Schwerter im Feld gegen ihn, als Heinrich das römische Haupt seiner Widersacher zu treffen gedachte; unholder als vorher im Winter zog er nach Rom und hatte ein Panzerhemd an, den Streit mit Gregor zu schlichten.
Und ob ihn das Unglück zum andernmal hinhielt, drei Jahre mit Kämpfen und Nöten gefüllt, sein Herz war Stahl und sein Mut ein wehendes Feuer, bis er das Tor von Sankt Peter gewann.
Sieben Jahre waren vergangen, seitdem er im Büßerhemd stand; sein Leben war Lärm und die Welt ein Wirrsal gewesen: nun riefen die Römer ihm Heil, weil wieder ein Kaiser der Christenheit war.
Normannen holten Gregor aus Rom in den Schutz ihrer Schwerter; der sizilianische Erbfeind der Kirche bot ihrem geschlagenen Haupt das letzte Exil.
Nie hatte ein härterer Feind gerungen, als Hildebrand war; Heinrich, der unstete Jüngling, war mannhaft geworden, als Gregor, der Greis in Salerno, verbittert den Tod empfing.
Der Gottesfrieden
Als Gregor der Siebente starb, war der Haß nicht gestorben; er ritt auf den Straßen von Sachsen nach Rom, er lauerte auf den Burgen der Großen und Grafen und brannte der Kirche im Dachstuhl.
Es ging um das Reich, und es ging um die Stärke: hie Kaiser, hie Kirche! hie Priester, hie Laiengewalt! aber das Schwert trug der Ritter hüben und drüben!
Er schlug die Schlacht, er hetzte den Hirsch, er hielt die Meute im Jagdgrund; und wenn die Jagd der Großen und Grafen aus war, ritt er selber auf Beute.
Was auf den Feldern gesät war, was in den Ställen gedieh, was auf den Wegen und Wässern mit Wagen und Schiffen hereinkam, was auf den Speichern und Märkten als Wohlstand des Landes begehrt war, fiel unter sein Schwert.
Und als es im neunten Jahr war, daß Bauern und Bürger im blutigen Krieg den Segen des Tagwerks entbehrten, daß Armut und Kummer den Wohlstand des Landes verschlangen, daß um ein Trugbild der Macht Dörfer und Städte verdarben: geschah es, daß sich die Kirche auf ihren Ursprung besann.
Aber nicht Rom und der Papst, ein Bischof sandte die Taube, den Ölzweig zu bringen, ein Bischof im lothringischen Land; den Gottesfrieden hießen sie ihn, und so war seine Botschaft:
Von Freitag zu Montag in jeglicher Woche, von Fastenbeginn bis über den Sonntag nach Pfingsten, vom ersten Advent bis über Dreikönigen dürften nicht Fehde sein; und wer den Gottesfrieden nicht hielt, war verflucht an Leben und Eigen.
Sie kam von Frankreich geflogen, die Taube der Sintflut, wo sie im Streit der Großen den Boden zu ruhen nicht fand; in Lüttich wurde die Stätte bereitet, und bald war der Kaiser ihr Schutzherr.
Heinrich, der König der Bürger und Bauern, nahm ihren Ölzweig zur Hand; da mußten die Großen und Grafen ihm folgen: so war in der Sintflut der Zeit dem Frieden die erste Freistatt bereitet.
Noch war der Haß nicht gestorben und Heinrich der Vierte ging seinen Leidensweg weiter bis an sein gramvolles Alter: aber der Taube von Lüttich hielt er die Treue, und gab in Zorn und Bedrängnis den Ölzweig nicht aus der Hand.
Der Kaiser des Volkes
Klug und wild war der Knabe, hochfahrend der Jüngling, unbeugsam und rastlos der Mann, den das Volk als Vater verehrte, da er ein Greis war; aber das Schicksal fuhr seinen Wagen mit lockeren Rädern, und als er im Gleichmut des Alters zu fahren gedachte, scheuten die Rosse.
Er hatte den mächtigen Papst nach Salerno gebracht und hatte die trotzigen Sachsen gedämpft, aber die Burg seines Königtums ging ihm verloren; so zäh seine Hand das Königsschwert hielt, den Traum von Goslar träumte sein Alter nicht mehr: sein Hoflager ging um in den Ländern der Großen und Grafen, wie es die Herkunft gebot.
Aber ihm fiel eine Burg zu, die nicht aus Steinen gebaut war; Dienstmannentreue hielt ihr das Tor, und die Liebe des dankbaren Volkes war ihre gewaltige Mauer.
Die Ritter hatten vom Schwert gelebt, wie der Bauer vom Pflug, sie waren im Scharlach mit goldenen Sporen geritten und hatten den Wohlstand geerntet: nun siechte der nützliche Krieg hin, und der Mangel kroch in die Burgen.
Die Großen und Grafen sahen den Aufruhr beginnen und die Vasallen den Glanz ihrer Tage verblassen, indessen die Bürger und Bauern sich in der Kaisergunst sonnten.
So fuhr das Alter des Kaisers durch Liebe und Haß den schmalen Königsweg hin, als ihm die Feindschaft der Ritter die Rosse wild machte, als ihm der römische Haß die Räder zerbrach.
Zum viertenmal kam der Bannfluch von Rom, als Paschalis Papst war, Gregors gelehriger Schüler; der Donner hatte den Blitz verloren und rollte nur hin, aber den Feinden des Kaisers kam er zur richtigen Stunde.
Sie kannten die Herrschsucht des Sohnes, und wie er die Geltung des Vaters mühsam ertrug; sie wußten den Bannfluch klüglich zu leiten, daß er im Treubruch des Sohnes den bösen Spalt fand.
Weihnachten stand vor der Tür, als Heinrich der Sohn das Hoflager heimlich verließ, von Fritzlar nach Bayern zu fliehen, wo ihn die Feinde des Königs fröhlich empfingen; und die Vasallen strömten der neuen Herrengewalt zu.
Am Regenfluß standen sich Vater und Sohn gegenüber im Schutz ihrer Scharen, aber hüben und drüben stiegen die Ritter vom Roß; wieder gingen und kamen die heimlichen Boten, bis Heinrich der Vater den Verrat der Vasallen erkannte und heimlich entwich.
Ein Hoftag der Großen und Grafen in Mainz sollte den Kaiser des Volkes absetzen; aber die Bürger standen auf für sein Recht, und ein stadtkölnisches Heer zog heran, den Mantel des Kaisers zu schützen: da mußten Falschheit und Frevel dem herrischen Sohn helfen.
In Koblenz lag er dem Vater zu Füßen, Abbitte leistend und Treue gelobend; der Kaiser zog arglos mit ihm und ließ sich von Bingen nach Bökelheim locken; aber es war eine Falle, und statt auf dem Hoftag in Mainz mit den Großen und Grafen zu rechten, saß er in einer Waldburg gefangen.
Sie wollten in Mainz ein stolzes Gericht über ihn halten, aber sie wagten es nicht vor den Bürgern; so war es draußen in Ingelheim, wo sie den Greis, höher an Wuchs und Würde als einer der Fürsten, in die Schmach ihrer Anklagen brachten.
Da konnte die Kirche sich rächen an ihrem stolzen Verächter; da fand der Grimm der Vasallen die Grafen und Großen bereit, den Kaiser der Bürger und Bauern zu dämpfen; da ließ der Sohn es geschehen, daß rechtlose Richter Heinrich dem Vierten das Königskleid nahmen.
Sie wiesen dem todwunden Geier die karolische Pfalz in Ingelheim an; aber noch einmal hob er die mächtigen Flügel: Heinrich der Vierte entfloh seiner Haft, und als der frevelnde Sohn mit seiner Vasallenmacht kam, ihn zu fangen, wiesen die Bürger von Köln und Lüttich ihm blutig die Tore.
Schon mußte der Sohn sich bequemen, andere Botschaft zu senden, da brachte ihm ein Gesandter den Ring und das Schwert seines Vaters und sein letztes Vermächtnis: wie er geboren war, starb Heinrich der Vierte als König, kein Haß trübte dem Greis die letzte Verpflichtung.
Otbert der Bischof von Lüttich ließ seinen Leib in der Kirche begraben; das Volk jammerte laut um seinen Vater und Freund; aber der Haß seiner Feinde strafte den Bischof und gönnte der Leiche nicht ihren Frieden.
Als sie den Sarg des Gebannten hinaus auf die Maasinsel brachten, kamen die Bauern herbei aus den Feldern, warfen das Korn über den Sarg und streuten die Erde des Grabes auf ihre Acker, daß Korn und Acker geweiht wären.
Daß ihm der Vater nicht draußen läge gleich einem Hund, hieß Heinrich der Sohn die Leiche im steinernen Sarg hinauf nach Speyer geleiten, und er gab ihr den Platz im Dom nach der Reihe der salischen Kaiser.
Aber noch durfte Heinrich der Vierte nicht versammelt sein bei seinen Vätern; zum andernmal trugen die zornigen Hände der Kirche den Sarg des Gebannten hinaus, daß er die Gruft nicht entweihe.
Der mit dem Frevel in Kaiserswerth zänkisch begann, der in Canossa lichterloh brannte, mit üblen Gerüchen in Ingelheim schwelte: der Haß seiner Feinde ließ seine Asche nicht ruhen und schmähte sein stolzes Gedächtnis.
Das Volk behielt Heinrich, den Vater und Freund und sein grausames Schicksal treu und traurig im Herzen.
Der Sieg der Fürsten
Der Kampf, den Heinrich der Vierte sein Leben lang kämpfte, war traurig verloren; sein Sarg in Speyer blieb draußen am Dom als gramvolles Bildnis gestorbenen Volkskönigtums stehen.
Die Fürsten hatten den finsteren Sohn ihres Feindes vorzeitig zum König gemacht, und der Papst war ihrem Frevel Nothelfer gewesen; seiner Fesseln nicht froh tat Heinrich der Fünfte die Romfahrt anders als seine Ahnen.
Die Großen und Grafen traten ihm bei, und die Vasallen strömten ihm zu in unübersehbaren Scharen: der Gottesfrieden hatte sie müßig gemacht, nun gab es fröhliche Fahrt.
Nie hatte das lombardische Land mehr Ritter und Lanzen gesehen als in dem hochmütigen Herbst, da Heinrich der Fünfte die lombardische Städtemacht dämpfte; und als er im Winter nach Rom kam, stand Paschalis wartend, die mächtige Hand zu ergreifen.