Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 8
Die da landeigen saßen auf einsamen Höfen, hatten keinen Herrn gekannt als sich selber; sie hatten der freien Gemeinde, dem Weistum und Recht der eigenen Herkunft die Treue gehalten, bis sie die Freiheit der Väter verloren.
Sie sahen die fränkischen Grafen im Land den fremden Königdienst tun, sie brachten der Kirche den Zehnten mit Murren und stellten dem König den Heerbann mit Seufzen.
Sie fühlten die Herkunft verraten von ihren eigenen Großen, die um Gold und fränkische Ehren ins feindliche Heerlager gingen; sie sahen sie schalten als Grafen des fränkischen Königs und warfen den Haß, wie Steine den Hunden.
Aus Grafen des Königs waren Grundherren geworden, aus Äbten der Klöster Pachthalter, denen die Freien von gestern als Hörige dienten; aber die Gaugemeinschaft der Freien hob trotzig das Recht aus böser Vergangenheit auf.
Als Ludwig der Deutsche das sächsische Schwert im fränkischen Bruderkampf brauchte, als die Edelinge ausritten mit Knechten und Knaben, dem fränkischen Zank ihr Blut in die Fremde zu bringen: fing in den einsamen Höfen der Haß an zu knistern, bis rundum im sächsischen Land die Kriegsfeuer brannten.
Durch Sand und Moor brachten die nächtlichen Boten das Bannwort der freien Gemeinde, von den Hartbergen hinunter zur roten Erde zuckte der Blinkfeuerschein die Stunde der Rache: die Stellinga kam, die sächsische Herkunft aus fränkischer Lehnsschaft zu retten.
Aber es war nur ein Brand in den Ställen: Ludwig, der Deutsche genannt, dämpfte ihn schwer; mit seinen Reitern und Knechten vereint ritten die sächsischen Grafen das Fußvolk der Stellinga nieder.
Da lernten die sächsischen Bauern, wie einst ihre Großen, den trotzigen Nacken zu beugen; das Herdfeuer erlosch in den einsamen Höfen; nur in den innersten Nächten, wenn Saxnot die Seinen als Flüchtling heimsuchte, glühte sein heimlicher Brand.
Die fränkische Ohnmacht
Der fränkische König trug die Krone der Deutschen, aber die Großen und Grafen hielten das Schwert in der Hand: Sachsen, Schwaben und Bayern hoben den eigenen Herzog gegen die rheinischen Franken; das deutsche Königtum wurde das Schwertspiel ihrer Machthändel.
Und wurde ein Mißbrauch der Kirchengewalt, als Ludwig das Kind König der Deutschen genannt war, indessen Hatto, der Bischof von Mainz, mit Härte und List gegen die Grafen und Großen das Schwert der Königsgewalt führte.
Ein Bogen war über den abendländischen Himmel gespannt vom Aachener Kaisersaal nach Sankt Peter; aber der Kaisersaal war verfallen, und auf dem Stuhl von Sankt Peter saß das römische Laster.
Laien- und Kirchengewalt rissen einander die Macht aus den Händen; wie einmal im Lande Pipins die Hausmeier herrschten, so wollten die fränkischen Bischöfe tun: der König sollte die Krone tragen, die Kirche wollte regieren.
Aber die stolzen Herzöge ließen den Krummstab nicht gelten; die trotzigen Grafen hoben das Schwert gegen ihn, weil kein Schirmherr der Kirche sie dämpfte.
Als Ludwig das Kind starb, riefen die Bischöfe Konrad, den fränkischen Grafen, als König der Deutschen; er sollte der Kirche sein starkes Schwert leihen; aber sein Königtum blieb eine Fahne ohne Gefolgschaft.
Normannen und Ungarn raubten und brannten im Land, und Konrad konnte den Räubern nicht wehren, wie er den Stolz der Herzöge, den Trotz der Grafen nicht zu beugen vermochte!
Von seinem Sterbebett hieß er die Krone dem Mächtigsten bringen: Heinrich, dem Herzog von Sachsen, der ihm und den Bischöfen der zäheste Feind und unter den Großen der unbotmäßigste Trotz war.
So fiel die Krone der Deutschen aus fränkischer Ohnmacht der sächsischen Übermacht zu; aber sie kam an die Kraft und an den ständigsten Stamm der Germanen.
Heinrich der Finkler
Die Sage hat Heinrich den Finkler genannt, weil er beim Vogelfang war, als ihm die fränkischen Reiter die Reichskleinodien brachten: ein Finkler blieb Heinrich von Sachsen Zeit seines Lebens, klug und bedächtig die Schlinge zu legen, rüstig im Wald seiner Heimat und wenig geneigt, nach fremden Händeln zu reiten.
Als der Bischof von Mainz ihn zu salben kam wie Konrad den Franken, wehrte er ab und verbarg den Spott in der Demut, solcher Ehre nicht würdig zu sein; denn Heinrich war Herzog von Sachsen aus eigener Herkunft und wollte nicht König der Deutschen als Diener der fränkischen Kirchenmacht werden.
Er ließ die Herzöge schalten, weil sie die Träger der Stammesgewalt waren; wie sie in Bayern, Schwaben und Franken über dem Trotz der Grafen die starke Schwertherrschaft hielten, so war er Herzog der Sachsen, und König der Deutschen allein durch die Stärke des sächsischen Stammes.
Sein Schwert war scharf wie sein Spott, aber er hielt es klug in der Scheide, so listig die Kirche ihn lockte; als er es zog, galt es das sächsische Land zu befreien von der Tributpflicht an Ungarn.
Wie nach dem Winter der Tauwind, so kam ihre Raublust in jedem Sommer gefahren, die Ernte in Deutschland zu holen: noch immer die hunnischen Scharen auf kleinen behenden Pferden, mit Bogen und Pfeil der Schwerter und Streitäxte spottend.
Neun Jahre lang gab er Tribut, lauernd des Tages, da er gerüstet sein würde, mit anderer Münze zu zahlen; neun Jahre lang ließ er burgfeste Plätze im Sachsenland bauen, mit kluger Berechnung verteilt, daß sie die Ernte der Landschaft zu bergen vermöchten.
Er hob den streitbaren Mann in den Sattel, die Listen und Künste der Ungarn zu lernen: wie sie mit einzelnen Scharen einschwenkten, das Fußvolk zu fassen, wie sie mit hurtiger Wendung dem Feind die Flanken einritten.
Als sie zum zehntenmal kamen, Tribut und Treugeld in Sachsen zu holen, war Heinrich gerüstet: einen toten Hund hieß er zum Hohn den Hunnen hinwerfen.
Und als die schwarzen Scharen den Rachezug ritten, ließ er sie listig ins Land hinein und hatte die Fallen gestellt, daß sie ihm blindlings einliefen.
So blutig traf er die Räuber aus Ungarland, daß die Gestäupten fortan und für immer das Sachsenland mieden.
Heinrich der Finkler heißt ihn die Sage, der ein anderer König der Deutschen war, als die Könige vor ihm: er suchte kein Glück auf der Straße, er hielt sein Land und sein Volk, wie ein Hausherr den Alltag und Sonntag der Seinen mit kluger Besonnenheit leitet.
König der Deutschen war er wie Ludwig der Franke, aber er blieb der gekrönte Herzog von Sachsen: seine Besonnenheit baute das sächsische Haus, darin das herrlichste Königsgeschlecht der deutschen Kaisermacht wohnte.
Mathilde
Heinrich der Finkler hatte der Kirche gespottet, weil er als Herzog von Sachsen, nicht als Lehnsmann der fränkischen Priester König der Deutschen sein wollte; aber Mathilde, die Königin, diente der Kirche mit Eifer.
Sie war eine Sächsin aus edlem Geschlecht, Widukund selber hieß ihrer Sippe der ruhmreiche Ahnherr; aber sie war eine Christin, wie der Sänger des Heliand Sachse und Christ war.
Nicht einem Himmel der Priester mit blasser Weltflucht zu dienen, war ihre Frommheit: Frau und Mutter blieb sie und sparsame Beschließerin ihres Hauses, bis Heinrich der Finkler, gesättigt seines reisigen Lebens, in Memleben starb.
Dann freilich ging sie ins Kloster, doch nicht um zu büßen und bang ihr Seelenheil zu besorgen: trauernd um ihren Gatten blieb sie die sorgende Mutter des sächsischen Landes.
Sie sah die harte Herrengewalt und wie das niedere Volk seufzte, sie sah die Roheit der Sitten und wie die ruchlosen Händel der Grafen die Höfe der Bauern verbrannten, sie sah die Bischöfe selber das wilde Waffenwerk tun: sie aber wollte dem Evangelium demütig dienen.
Sie baute Klöster rund um die sächsische Burg, sie legte den Teppich der Heiligen aus und trug das Kreuz in die Hütten: sie gab der kirchlichen Sendung in Sachsen die Einfalt und Stärke der ersten Christengemeinde.
Heinrich der Finkler baute das Haus, darin die sächsische Kaisermacht wohnte; sie gab ihm die Sitten.
Otto, Sohn der Mathilde
Ihm war eine reiche Wiege bereitet: Kraft und Ehre standen dem Sohn Heinrich des Finklers zu Häupten, Liebe und Zucht lagen dem Knaben Mathildens zu Füßen, der edlen Fürstin in Sachsen.
Als sie ihn krönten zu Aachen im Kaisersaal, war Otto ein Jüngling; aber die Sterne der Macht standen ihm zu, und er ließ die Sterne freudig gewähren.
Die Herzöge kamen, das Erzamt der Krönung zu üben; die Kirche brachte das Öl, ihn zu salben; die Schwerter der Grafen hielten die Ehrenwacht; das drängende Volk sah den Glücklichen sitzen im Prunkmantel karolischer Herrschaft.
Aber das böse Jahrhundert karolingischer Händel hatte der großen Gewalt die kleinen Gewalten geboren: die ihm die Erzämter dienten, mußten erst seinen Willen erfahren, nicht nur im prunkvollen Fest seiner Krönung König der Deutschen zu heißen.
Denn noch waren die Deutschen kein Volk; aus dem Streit der Stämme waren die Händel der Großen geworden, aus dem Neid der Sippen der Stegreif machtlüsterner Grafen: die Ohnmacht des Reiches stak in der Vielheit lahmer Gewalt.
Der Herzog von Sachsen mußte sich erst Gehorsam erzwingen, als König und Herr der deutschen Stämme im Recht seiner Krone zu schalten.
Das eigene Blut warf ihm den bösesten Trotz vor die Füße: Heinrich, der jüngere Bruder, bestritt ihm die Erbschaft, weil er ein rechter Königssohn war, und Otto war noch der Sohn des Herzogs von Sachsen.
Drei Jahre lang trotzten die Schwerter am Rhein und in Schwaben, in Sachsen und Bayern; alle Gewalt der Großen und Kleinen, die dem sächsischen Königtum feind war, verband sich dem Aufruhr des Bruders; Friedrich, der Bischof von Mainz, trug die Fackel.
Denn die fränkische Priesterschaft blieb der Todfeind der neuen Sachsengewalt; die Kirche ließ keine Königsmacht gelten, der sie nicht selber der mächtige Hausmeier war.
Wie ein Seefahrer seine Schiffe kühn an der fremden Küste verbrennt, ließ Otto dem tapferen Billung sein Herzogtum Sachsen, wider den Hochmut der Herzöge, wider den Trotz der Grafen und wider die Feindschaft der Kirche das deutsche Königtum zu erringen.
Drei Jahre lang klangen die Schwerter im Bruderstreit, wie sie um Siegfried und Hagen, um Dietrich und Odoaker klangen; aber der Siegespreis sollte das trotzige Bruderherz sein.
Denn nicht mehr schürten Brunhild und Kriemhild den Brand mit dem Haß ihrer unholden Seelen: Mathilde, die sächsische Mutter, wollte das trotzige Blut ihres Leibes in Liebe erlösen.
Und weil ihre Liebe nicht abließ, gelang ihr zuletzt die Versöhnung: Heinrich, der hochfahrende Sohn der sächsischen Königsmacht, beugte sich seinem stärkeren Bruder, der ihm großmütig verzieh.
Aber der König hatte das Schwert, nicht das Herz seines Bruders bezwungen; und mehr als die Schärfe weckte der Großmut den Haß: Meuchelmord sollte den Streit der sächsischen Brüder beenden.
Als dem König der Anschlag entdeckt war, wallte sein Zorn: in strenge Haft kam Heinrich, der Bruder; alle Verschworenen büßten den Mörderplan vor dem Henker.
Da endlich siegte Mathilde, die sächsische Mutter: als Otto der König im Kreis seines starken Gefolges zu Frankfurt am Main die Christmesse hörte, war Heinrich entflohen aus seiner Haft, aber nun fand er den Weg nicht mehr zu den Feinden.
Weinend warf sich der trotzige Jüngling dem König zu Füßen; Otto vergaß die harmvollen Jahre und küßte den Bruder; er brach seinen Groll mit zärtlicher Liebe und gewann sich den treuesten Freund.
Otto der König
Im vierzigsten Jahr seines reisigen Lebens ritt Otto hinaus aus dem Tor seiner Väter; der im Ruhm seiner Stärke der mächtigste Fürst im Abendland war, zog über die Alpen, Adelheid die lombardische Erbin zu freien und selber die Mitgift zu holen.
Er brachte Adelheid heim und grüßte den Papst aus der Ferne; er ließ die Mitgift zurück und war schon zum Winter wieder in Sachsen, weil ihm der Nordwind bedenkliche Botschaft zuwehte.
Wohl stellte der Ruhm seiner Stärke eine Mauer um seine Macht, aber der Groll gedemütigter Großen lag in Trümmern davor; während Otto der König das Glück seiner Tage genoß, scharrten eifrige Hände sein Unheil.
Noch einmal hob der Aufruhr der lahmen Gewalt die treulosen Schwerter; Slawen und Ungarn, die Erbfeinde kamen, gerufen von seinen Feinden; die Grenzmarken brannten.
Aber den König hob keine Furcht in den Sattel; sicher und rascher als ihre bösen Bedenken ritt er den Aufruhr der Fürsten zuschanden: das böseste Jahr seiner Gefahr gab ihm den günstigsten Sieg.
Denn nun kam endlich der Tag, da ihm die Reichsfahne wehte, da auf dem Lechfeld Sachsen und Franken, Schwaben und Bayern vereint den Erbfeind bestanden.
Da half den hunnischen Räubern nicht mehr die Masse der reitenden Scharen, nicht mehr die hurtige List und nicht mehr die Kunst ihrer Waffen: die Deutschen besiegten den Schrecken und wollten die Plage des Reichs einmal beenden.
Sie trieben das schwarze Rattengezücht in die Enge, sie schlugen es tot und brannten die Nester aus, wo sich die Reste versteckten; und waren so schnell und scharf, sie zu verfolgen, daß ihnen kaum einer entrann.
Als die Sieger vom Lechfeld heimritten, die Großen und Grafen im Jubel der Völker, trug ein langbärtiger König die Krone: in Aachen belehnt mit der Ehre, im Ruhm seiner Taten bewimpelt, im Glanz seines Glückes bewährt, war Otto König der Deutschen und Herrscher in all ihren Ländern.
Otto der Kaiser
Was in Aachen nur Festglanz gewesen war und prunkender Schein, war auf dem Lechfeld Wahrheit geworden: Otto war König der Deutschen und hielt seinen Hof auf den Pfalzen des Landes, er saß zu Gericht über die Großen und Grafen, und alle Schwerter des Reiches mußten ihm Heerfolge leisten.
Aber der König dachte zurück an die Zeit der Verschwörung, da ihn die Großen und Grafen verrieten, auch die seines Bluts waren; er sah, daß die Hausmacht der Fürsten dem Königtum feind war, und daß ihre Selbstherrlichkeit wider die Landesgewalt lockte.
Der ihm am treuesten half, und der ihm am sichersten beistand in den vergangenen Nöten, war Bruno, der dritte und jüngste der Brüder, Erzbischof in Köln; so wuchs seinen Sorgen und Plänen ein anderes Königtum zu als seinem Vater, gebaut mit den Balken der Kirche:
Der Bischof verdankte sein Amt der Kirche, aber sein Lehen der Königsgewalt; er war nicht in die Herrschaft geboren und brauchte den Schirmherrn gegen die Großen und Grafen.
Kirche und Krone vereint konnten die Fürstengewalt brechen; Kirche und Krone konnten einander den ewigen Bund schwören; Kirche und Krone konnten die Wurzeln geeinigter Macht in die Herzen der Völker versenken.
So dachte Otto der König, der selber durch seine Mutter Mathilde den Lehren von Cluny zugetan war; so grub das sächsische Schwert einen neuen Brunnen des Rechts für die deutsche Königsgewalt.
Denn Otto der Sachse war nicht mehr wie Karl der Franke Zwingherr der Deutschen, er hatte kein Herzogtum mehr und hielt keinen eigenen Hof wie jener in Aachen; er war gewählt durch die Fürsten und Völker der Deutschen und konnte als Wahlkönig nicht mit dem eigenen Schwert allein regieren.
Aber die Kirchengewalt, die er brauchte, stand in Sankt Peter verankert, so wurde von neuem der Gottesstaat wach und der alte Kaisergedanke.
So zog der König der Deutschen zum andernmal über die Alpen; er ließ seiner Mutter Mathilde den Sohn -- als Knabe in Aachen gekrönt -- er nahm in Pavia die lombardische Krone als eigenes Lehen; er ließ sich in Rom als Kaiser der Christenheit salben.
Er trat in das freche Gezücht der Markgräfinnenbrunst und hing die Brut an den Galgen; er setzte den Lasterpapst ab und zwang dem römischen Hochmut sein Kaiserrecht auf, der Kirche den Papst zu ernennen.
Da ging der Gottesstaat in eine neue Wirklichkeit ein; denn der Kaiser war Herr, nicht der Papst.
Er legte kein römisches Prunkgewand an in Sankt Peter; wie er im deutschen Kleid unter den römischen Priestern dastand, war er der Schirmherr der Kirche aus eigener Geltung: der Papst, durch seine Macht eingesetzt, brachte demütig das Öl, ihn zu salben.
Die Ottonen
Wie eine gewaltige Burg standen die Berge der Hart im sächsischen Land; Heinrich der Finkler hatte Mauern und Tore gebaut, nun wuchsen Dächer und Zinnen über den Sälen ottonischer Macht.
Frauen kamen, die Säle zu schmücken: Mathilde, die sächsische Mutter Otto des Großen, Adelheid, die lombardische Gattin, Theophano, die griechische Sohnesfrau.
Heilig und mild war Mathilde; sie hielt in das lärmende Leben der Söhne die Mahnung der sächsischen Herkunft; Mutter war sie den Armen und Schwester den Schwachen, bis sie, vom Schicksal gesegnet, schlohweiß und beweint von den Sachsen, die letzte Lagerstatt fand.
Höher hob Adelheid ihre stolze Stirn in die Welt; sie liebte den Glanz und den glühenden Tag, sie trug die Krone ihr Leben lang und hielt die Zügel der Herrschaft gern in den Händen.
Sie schmückte die sächsische Burg und hing die Fahnen der Kaisermacht aus; sie baute den Gärten die Lauben und ließ die Springbrunnen der höfischen Feste quellen; sie ritt auf dem Zelter dem König zur Seite und hielt den Sachsen das lockende Bild fürstlicher Herrlichkeit vor.
Theophano aber, die Griechin, trat in den sächsischen Tag, wie der Morgenstern still und beständig die Nacht überdauert; Klugheit und Schönheit standen ihr bei als zarte Vasallen der Bildung.
Sie las in den Schriften der Weisen und liebte das Frauengemach; sie sang dem König zur Laute und saß auf dem Söller, die Sterne zu deuten; sie hob den Schleier vergangener Dinge und wies den staunenden Sachsen die Schatten versunkener Schönheit.
So wurden die Säle der sächsischen Burg von Frauenhänden geschmückt, aber im inneren Hof stand die Kapelle und hielt dem Altar das schirmende Dach: im Herzen der Burg war dem Priester warme Wohnung bereitet.
Frauen und Priester warfen einander den Faden; aber nun webten nicht mehr lateinische Mönche den Teppich der Kirche.
Wie Bruno draußen in Köln, Otto des Großen hilfreicher Bruder, wie Williges, eines Wagners Sohn und gewaltiger Bischof von Mainz, so blieben Meinwerk von Paderborn und Bernward von Hildesheim mit ganzem Gemüt im sächsischen Herkommen.
Das Schwert stand ihnen nicht schlechter zur Hand als der Psalter: aber sie liebten den Frieden und wußten ihn zu gebrauchen; sie hörten den Spott der rheinischen Franken über die sächsische Roheit und rührten Hände und Herzen, dem Spott zu begegnen.
Sie hießen die Mönche, Schule zu halten; sie pflegten die Künste und waren Schatzhalter der Bildung; sie mehrten den Reichtum der Kirche, aber sie stellten ihn auf in schönen Gebilden; sie kannten die Schönheit der alten Welt und waren tüchtig und treu in ihrer sächsischen Einfalt, sie neu zu gestalten.
Ob der Sohn und der Enkel Otto des Großen als Jünglinge starben, verzärtelte Schwarmgeister der neuen Zeit: Frauen und Priester hielten das Reich behutsam in Händen; sie zehrten von seiner gewaltigen Macht, aber sie zehrten mit Anmut und Würde und bauten der sächsischen Burg einen Garten.
So webte die Zeit der Ottonen am neuen Wunder der Welt, so fing im sächsischen Land, von Frauen und Priestern geholt und gehütet, die nordische Bildung ein neues Zeitalter an.
Der Weltuntergangskaiser
Als Otto der Große starb, war Otto der Zweite, sein Sohn, noch ein Jüngling; aber als sie den Sohn in den römischen Marmorsarg legten, war Otto der Dritte, der Sohnessohn, noch ein unmündiges Kind.
Sie krönten das Kind, die Herzöge dienten ihm bei der Tafel und wehrten Heinrich dem Zänker, sich selber die Krone zu raffen; Frauen und Priester hielten das Knäblein in zärtlicher Hut, bis es in eigenen Schuhen zu gehen vermochte.
Aber die Schuhe waren von feinerem Leder, als es die sächsischen Gerber zu walken verstanden, sie waren mit goldenen Fäden gestickt und paßten nicht auf die Straße.
Als Otto der Dritte das Reichsschwert aufhob, sah er die bunten Steine am Griff mehr denn die Schärfe; er war dem Sachsentum fremd und sehnte sich nach der südlichen Sonne der Mutter.
Das Wunderkind hatten ihn früh die Frauen geheißen; und glühender war keine Seele ins Wunder gestellt, als da sich Theophanos Sohn als Kaiser der Christenheit krönen und huldigen ließ: die göttliche Vollmacht kam in die zärtlichsten Hände; die Würde des Abendlands war in die fiebrigen Wünsche des Knaben gelegt.
Alexander dem Herrlichen gleich sollte die Bahn seines Lebens anschwellen zum Ruhm, und höher als irdischer Ruhm sollte der Sinn seiner Sendung Himmel und Erde erfüllen.
Denn Otto, der Knabe, war Kaiser geworden, als das Jahrtausend der Wiederkunft Christi erfüllt war; mit heiserer Stimme und weinenden Augen rief sich das Abendland den kommenden Untergang zu.
Buße und brünstige Hoffnung brach aus den Brunnen der Tiefe; Wirklichkeit war nur noch ein wächserner Schein vor dem Licht der nahen Erlösung; das Leben warf seine Schatten der Ewigkeit hin; hinter den Tagen dröhnte das Weltgericht die Posaune.
Das Weltgericht stand vor der Tür, und Otto, der Knabe, hielt dem König des Himmels das Schwert seiner irdischen Herrschaft bereit.
Das Irrlicht der Tage riß den hitzigen Knaben hin zu hohen Gebärden und warf ihn zurück in den Taumel lüsterner Taten: im Münster zu Aachen stieg er mit Fackeln hinein in die Karlsgruft und stand mit flackernden Händen vor der Leiche des Kaisers.
Aber die Uhr schlug ihre Stunde wie sonst; die Sterne standen in spöttischer Ewigkeit über der Stadt und über den zitternden Herzen: das tausendste Jahr fing seinen Stundenweg an gleich seinen Brüdern; das Wunder blieb aus; der Mantel der Größe hing leer um den fröstelnden Knaben.
Heinrich der Heilige
Otto der Dritte, der sich als Herrscher der Christenheit fühlte wie keiner, starb auf der Flucht vor dem Aufruhr der Römer; mühsam wurde sein Leichnam geborgen, daß er im Münster zu Aachen die prunkvolle Lagerstatt fände.
Heinrich der Heilige kam auf den Thron, durch Williges wacker geleitet; der letzte sächsische Kaiser brachte sein Schwert bescheiden zurück in die irdische Geltung.
Denn Theophanos brünstiger Sohn war nur noch Kaiser von Rom und nicht mehr König der Deutschen gewesen; er hatte den Bogen gebeugt, der über dem Abendland stand: Rom allein sollte im Gottesstaat herrschen, als Knecht der Apostel wollte der Kaiser Schildhalter der Kirchenmacht sein.
Heinrich aber, der Urenkel Mathildens und Enkel von Heinrich, dem trotzigen Bruder Otto des Großen, blieb der sächsischen Herkunft als Landeswart treu.
König der Deutschen wie Otto, gab er sein bayrisches Herzogtum Heinrich von Luxemburg hin, das Haus seiner Macht mit den Balken der deutschen Kirche zu bauen.
Aber das Haus stand im Reich, nicht in Rom; Bamberg, sein Bistum, machte er blühend und reich wie eines in Deutschland; da wuchs auch der reisige Dom, der den Ruhm seiner Taten mit steinernem Gewölbe kühn überspannte.
Die Kirche hat ihn den Heiligen geheißen, aber der Heilige war kein büßender Mönch; gleich seinen sächsischen Ahnen wußte er wohl sein irdisches Schwert von der himmlischen Sehnsucht zu scheiden, und keiner der Sachsen saß soviel im Sattel wie er.
Wie Heinrich der Finkler dem Sachsengeschlecht das deutsche Kaiserhaus baute, war Heinrich der Heilige sein treuer Beschließer.
Hundert Jahre lang hatten die Sachsen regiert; sie hatten das Reich aus der Willkür der Fürsten gerettet; sie hatten ihm Stärke, Ordnung und Schönheit gebracht; sie hatten die Kaiserstandarte über die Fahnen der Völker erhoben.
Der siebente Heerschild
Als Heinrich der Heilige begraben war in seinem Bistum zu Bamberg, kamen die Deutschen zur Königswahl: bei Oppenheim lagen sie hüben und drüben am Rhein, und die Heerschilde teilten die Plätze nach ihrer Geltung:
Der Heerschild des Königs mit seinem Banner, der Heerschild der geistlichen Großen, der Heerschild der Herzöge, der Heerschild der Grafen, der Heerschild der Bannerherren, der Heerschild der Ritter.
Sechs Heerschilde hielten dem kommenden König die Macht und gaben dem Reich ihren Willen; das Fußvolk stand kläglich daneben.
Denn das Ritterschwert war die unterste Geltung im Stand der Vasallen; nur wer dem König Heerfolge tat, galt noch im Reich der Großen und Grafen.