Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 7

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Dreimal kam er nach Deutschland hinüber, das nun das reichste Kirchengut war, dreimal in seinen sechs Jahren, nach den Knechten der Kirche zu sehen.

Sie wurden nicht alt in der römischen Sonne, die deutschen Päpste des Kaisers, zwölf Jahre nur hielten die fünf den heiligen Stuhl: aber sie hoben den Fischerring aus dem römischen Unrat und gaben ihn blank an den Starken, der seinen rothaarigen Kopf über alle Päpste erhob und die Kirche zurück führte in die Absichten cäsarischer Weltmacht.

Canossa

Hildebrand hieß er wie der grimmige Waffenmeister Dietrichs von Bern, rothaarig war er und eines Zimmermanns Sohn im toskanischen Land: Gregor der Siebente, der streitbar gewaltige Papst, der das Gottesreich wahrmachen wollte als irdische Herrschaft der Priester über dem Kaiser und allen Fürsten der christlichen Welt.

Wie der Mond sein Licht von der Sonne, so nähme der Kaiser vom Papst die Gewalt; allein der Papst als Statthalter wäre von Gott.

So trüge die Kirche zwei Schwerter; das geistliche führe sie selber, das weltliche liehe sie aus an den Kaiser und seine Fürsten: Verflucht aber sei, wer das Schwert aufhalte, daß es nicht Blut vergösse!

Das war die Lehre der Liebe nicht mehr und nicht mehr die weise Scheidung, Gott und dem Kaiser zu geben, was Gott und dem Kaiser gehörte: der Pontifex maximus selber wollte Augustus der Christenheit werden, das Mönchtum von Cluny sollte sein Schildhalter sein.

Er nahm dem Priester die Ehe und der Fürstengewalt die Belehnung der geistlichen Ämter: er baute die Kirchenmonarchie, darin der Messias ewiger Herrscher und der Papst als Statthalter Christi der Völker- und Fürstenregent war.

Der Kaiser war noch ein Knabe, der Papst eine geprägte Gestalt, als Gregor der Siebente Heinrichs des Vierten Zuchtmeister wurde, als der Pontifex maximus dem Kaiser das Herkommen kündigte, als der Kampf der römischen Kirche mit dem deutschen Schirmherrn begann.

Ein Knabe als Kaiser, das Reich ein Streitfeld rebellischer Fürsten, an den Wurzeln versehrt im Aufruhr der Sachsen; ein Knabe als König, hochfahrend, leichtfertig, übel beraten: da wagte der Papst den Riß durch den Vorhang der Welt.

Sein Bannstrahl verbrannte dem Kaiser das Kleid, weil er die Fürsten -- unlustig und treulos -- des Eides entband; im Büßerhemd, barfüßig im Schnee, kam Heinrich der König vor ihn zu Canossa, den Bannstrahl zu löschen.

Da lag dem toskanischen Mönch der salische Trotz zu Füßen, der Schirmherr der Kirche im Staub vor dem Statthalter Christi, der Mond weltlicher Macht des Lichtes der Sonne bedürftig.

Es war im vierten Jahr seines Amtes, als dem streitbar gewaltigen Papst so Stolzes gelang; aber im elften Jahr kam Heinrich als Sieger nach Rom: er hatte die treulosen Fürsten gezüchtigt und ließ sich krönen von Clemens dem Papst, den er sich selber als Schirmherr der Kirche ernannte.

Ob ihn normannische Hilfe befreite aus schmählicher Haft: Hildebrand starb im Exil; das zuckende Herz des römischen Weltrichtertraums liegt in Salerno begraben.

Die Sonne sank unter in brandiger Glut, und der Mond stieg grell in den Raum; die Lehre der Liebe und Weisheit ging auf den Straßen bei Tag und bei Nacht, sie sah den Mond und die Sonne im Wechselspiel steigen, sie wußte beide in Gottes Hand und traute den ewigen Sternen.

Die Kreuzzüge

Der Wüstensand hatte die Lehre Christi verweht, und die Palmen Mohammeds wuchsen im Morgenland: Kalif und Kaiser hatten die Nähte der Welt mit scharfem Schwert aufgetrennt.

Als der Gottesstaat in der Christenheit Macht werden wollte, war er landfremd und seinem Heiligtum fern: Jerusalem war in die Hände der Türken gefallen, am Tor der Zionsburg hielten Ungläubige Wacht.

Aber dann kam der Cid, und der Ruhm seiner Taten sang von dem Ritter, der die kastilischen Christen aus maurischer Herrschaft befreite: das römische Traumglück schwoll auf, die verlorene Hälfte der Welt neu zu gewinnen, im Abend- und Morgenland wieder die alte Roma zu heißen.

Ein Jahrtausend war die Christenheit alt, da sie aufstand im Zeichen des Kreuzes, da die Kirche des Friedens als Schwertmacht zu gelten verlangte; der Einsiedler Peter von Amiens ritt vor ihr her auf dem Esel, einen verdorrten Ölzweig des heiligen Landes in der fanatischen Hand.

Noch einmal schienen die Völker Europas zu wandern: raubfahrende Haufen zuerst, durch die Länder hinbrausend wie Heuschreckenschwärme, die Juden erschlagend; danach die Heere der Ritter mit unendlichem Troß und der bunten Vielheit der Trachten.

Ein Tropfen Tollheit fiel in den Trank und schäumte auf in den Lüsten der drangvollen Zeit; den Rittern winkte der Ruhm himmlischer Minne, den Fürsten Ländergewinn, Abenteuer den Knechten und Raub dem Gelüst zuchtloser Scharen: allen der Ablaß jeglicher Schuld.

Zweihundert Jahre lang schäumte der brünstige Wahn, der Friedrich, den schwäbischen Rotbart, im Saleph ertränkte, den Deutschen das Reichsschwert entwand und Rom von dem lästigen Schirmherrn der Kirche befreite.

Denn nun war der Statthalter Christi selber Herr der Heerscharen geworden, er hielt dem Gottesstaat die Schärfe des Schwertes, er schüttelte den Baum, daran die Könige des Abendlandes hingen als reife Früchte.

Als Innocenz Machtfürst der Christenheit und Reichsverweser Gottes war, ging Gregors Traum in Erfüllung: da hießen Bischöfe Landvögte seiner Botschaft und Könige Büttel der römischen Befehle.

Da zuckten die Blitze seines Bannstrahls und trafen in die Kronen, da rauschte das päpstliche Gewitter Hagel und Sonnenschein ins Abendland.

Da stand die Sonne im Mittag, und der Mond war verblichen; die neue Roma reckte sich im Glanz der dreifachen Krone.

Die Hunde des Herrn

Der Gottesstaat der Priester tat seinen Willen kund, daß Sakrament und Seligkeit Machtmittel seiner Herrschaft wären, Glaube und Glaubensgehorsam das einzige Bürgerrecht.

Aber nicht im Gesetz machthabender Priester, nicht im Mirakel der Messe, nicht im Schaumgold kirchlicher Feste war die Verheißung der Lehre; sie suchte noch immer auf Märkten und Wegen, und weil sie im gleißenden Mittag der Kirche die ewigen Sterne nicht fand, ging sie den nächtlichen Gang der Beschwörung.

Wie die ersten Christen in Rom das Geheimnis der Grabkammern hatten, verzückt und der Wahrheit gewiß, so fing in den Nächten der neuen Priestergewalt das unterirdische Geleucht heimlicher Schatzgräber an.

Einfältig im Tun des heiligen Franz, des selig Verzückten, der im Leid die Nachfolge Christi, im Spott den Honig der Duldung und in der Armut den Reichtum Gottes genoß.

Zwiespältig im Trachten grübelnder Geister, mit den zuckenden Flämmchen des Zoroaster das Dasein zu deuten: feindlich beide der Kirche, die den Prachtmantel der Weltmacht umhing.

Die guten Leute von Albi hieß sie das Volk, die der Kirche standhaft den Dienst aufsagten, obwohl sie dem Herrn von Toulouse, ihrem Grafen, willig untertan blieben: sie traf der Bannstrahl zuerst und die Kreuzpredigt des spanischen Mönches, der sich Dominikus nannte.

Was gegen die Türken mißlang, das mußten die Albigenser erfahren: die Kreuzfahrer rissen das Kreuz von der Schulter und nähten es vorn auf die Brust, brennend und plündernd, die Ketzer totschlagend gleich Wölfen, fielen sie ein in das blühende Land der alten Westgoten und hielten im Namen der Kirche das Ketzergericht ab.

Die Scheiterhaufen brannten im Priesterstaat; Menschenwahnwitz dachte, auf Gottes Stuhl zu sitzen, und wußte nicht, daß wer um seinen Glauben leidet, der ist ein Heiliger vor Gott, und wer ihn schlägt, schlägt Gott.

Und wo die Städte brannten, begannen die weißen Mönche das peinliche Gericht: sie hatten einen Hund im Wappen, der in den Zähnen das Licht der Lehre als eine Fackel trug.

Die Völker sahen die Fackel und sahen die Scheiterhaufen brennen und hießen die Dominikaner im Weckruf der Wahrheit: die Hunde des Herrn.

Die Stedinger

Die Stedinger wohnten im Gestade der Weser als freie Bauernschaft und waren freie Friesen seit mehr als tausend Jahren; sie hielten am uralten Weistum der Gaugemeinden fest und wehrten sich der Lehnsmannschaft der Junker und der Priester.

Und als der Bischof von Bremen sie mit dem Kirchenbann belegte, da lachten sie, weil sie der fremden Mönche nicht bedurften, um fromm zu sein: sie stellten eigene Prediger an und ließen die Glocken läuten trotz seinem Bann.

Der Bischof brauste an mit seinem Harst und Troß der junkerlichen Herren; die wehrhaften Bauern aber hielten Stich, sie warfen seinen Hochmut in die Hecken und schlugen ihm samt vielen Rittern den eigenen Bruder tot.

Da dem geschlagenen Bischof sein Helm nicht half, nahm er den grünen Hut und sprach die Bauern des ketzerischen Aufruhrs schuldig.

Konrad, der Ketzermeister, ließ seine Hunde los, der Papst hieß einen Kreuzzug predigen, und wie zuvor in Frankreich zog ein Kreuzheer ins Friesenland, dem Gottesstaat zu dienen mit Brand und Mord.

Tammo von Hunthorpe, Bolke von Bardenfleet und Detmar von Damme taten den Schwur der Dreimänner; sie riefen den Gaubann der Stedinger auf, erschlugen den Grafen von Oldenburg samt zweihundert Rittern und jagten das Kreuzheer mit Spott durch die Sümpfe.

Da wurden die Stedinger vogelfrei; der sich König der Deutschen nannte, der Sizilianer Friedrich der Zweite, gab die Acht zu dem Bann: mit Bullen und mit Kreuzpredigten rafften die weltgeistlichen Herren ein unmäßiges Heer, die Stedinger Freiheit zu fangen.

Auf allen Straßen der norddeutschen Länder ritten die Reisigen an auf gepanzerten Rossen, vierzigtausend gezählt mit den Knechten, im Namen Christi zur Ketzerjagd.

Viertausend Ritter lagen erschlagen bei Altenesch; aber wo einer fiel, standen neun wieder da, und ihre gepanzerten Rosse zerstampften das Fußvolk der Bauern.

So gingen die Stedinger ein in den Gottesstaat kreuzfahrender Henker, als Ketzer verbrannt, gleich tollen Hunden erschlagen; sie büßten den Bann der kirchlichen Mächte und schmeckten die irdische Acht; sie webten mit blutigen Fäden ihr Bild in den Teppich der Freiheit.

Der Kinderkreuzzug

Immer noch raste das Fieber des heiligen Grabes und schäumte die Flut seiner Heere und Horden hinüber ins Morgenland.

Aber längst hielt Saladins mächtige Hand Jerusalems Tore geschlossen, nur an den steinigen Küsten des heiligen Landes ging der Kampf um die ärmlichen Burgen.

Die eiternde Wunde der Kirche zu heilen, ließen die Päpste das Blut der Ritterschaft strömen und schlugen den brünstigen Wahn mit Ruten, bis er im kläglichen Kreuzzug der Kinder sein irres Spottbild aufsteckte.

Knaben und Mädchen von Mönchen geführt, irrten in weinenden Scharen nach Süden, das heilige Grab zu befreien; Torheit und Tollheit hielten einander die Hände, Wundersucht blies ihrem traurigen Bund die gellende Pfeife.

Ein Hirtenknabe brachte sie mit von den Bergen, wild lockte ihr gellender Ruf in den Tälern, und Tausende liefen ihm zu, im Wahn der verwilderten Welt zu verderben.

Als Akka fiel, die letzte Kreuzfahrerfeste im heiligen Land, war das Fieber der Christenheit aus: der Türkensäbel zerschnitt, was das Schwert der Christenheit flickte, das Mittelmeer schied wieder die Hälften der Welt, Halbmond und Kreuz, den Morgen vom Abendland.

Immer noch standen und wuchsen die Dome in Speyer und Worms, in Mainz und in Köln; aber es waren die Heliandsburgen nicht mehr: der Starke fuhr aus dem irdischen Glauben der Zeit zum andernmal auf in den Himmel.

Die seiner Wiederkunft harrten, waren betrogen: die tiefe Enttäuschung der Seelen fing an, ihn schmerzvoll zu suchen; die weltflüchtige Inbrunst der Gotik begann.

Die Scholastik

Das Märchen des irdischen Daseins saß im Schoß der kirchlichen Gnade geborgen, mit Wundern verankert, im Glauben ewiger Verheißung gesichert.

Gott war im Himmel und sah die Menschen auf Erden, die Sterne standen im ewigen Licht, und die Sonne wanderte stolz ihre Bahn: alles war weislich geordnet, dem Menschen Morgen und Abend zu bringen und das Geschick seiner irdischen Prüfung.

Den Jüngern die göttliche Herkunft zu zeigen, fuhr Jesus auf in den Himmel; die Toten ruhten im Grabe, aufzustehen wie er, wenn die Posaunen zum Weltgericht riefen.

Die Erde war groß und der Himmel darüber gewölbt im unendlichen Raum, die Seele war klein und saß im Gefängnis der Sinne; sie harrte in Demut des leiblichen Todes, da sie eingehen würde zum ewigen Licht: aber der Zweifel suchte die sichtbare Welt nach Gewißheiten ab und fragte den Geist nach Beweisen.

Denn die Welt war alt, als Jesus von Nazareth kam: Götter waren gestürzt und irrten ihr unholdes Dasein zwischen Himmel und Erde; uralte Lehren des Morgenlandes hatten den Samen des Satans gestreut und dem Glauben die Netze gespannt, darin sich der Zweifel verfing.

Eines war not und eines die Wahrheit, Tausendes aber war falsch und führte hinaus aus dem Lichtkreis der kirchlichen Lehre.

Darum hielt die Scholastik der Kirche den Schatz der Gnade gerüstet mit Schwertern und Schilden; was die Kirchenväter dachten und schrieben, war in ihre wehrhafte Obhut getan.

Da standen sie alle die tausend Fragen, in das Licht der einen Antwort gestellt, da waren die listigen Schlingen des Satans spitzfindig gelöst, da hing die Grübelsucht unseliger Geister im eigenen Fürwitz verstrickt.

Alles war klüglich geordnet im kirchlichen Wohnhaus der Wahrheit, Glauben und Wissen hielten dem Geist und der Seele die Schaukel in sicherer Schwebe:

Gott war im Licht, der Satan im ewigen Abgrund; zwischen Himmel und Hölle glaubten und dachten Scholasten sich eins, gesichert im Gleichgewicht ewiger Hoffnung.

Die gotischen Dome

Waren es Priester oder war es die Sendung der christlichen Lehre, daß sie dem menschlichen Dasein das Antlitz verkehrte? daß sie die Erde zum Jammertal machte und den Himmel schmückte mit seligen Farben?

Daß sie der Tugend den Lohn und dem Laster die Strafe jenseits verhieß, daß sie dem ewigen Leben ein Schaubild irdischer Wünsche vormalte, Gott mit dem Prunk der sinnlichen Scheinwelt behängte?

Daß sie den Himmel mit Heiligen füllte als Fürsprecher selbstischer Bitten, daß sie die Jungfrau Maria zur Königin krönte und Petrus zum Torwart bestellte, daß sie vergriffene Münzen heidnischer Götter mit neuen Legenden beschrieb?

War es die Wundersucht morgenländischer Mönche oder war es die deutsche Seele, die den Sinn der christlichen Sendung allein im Sinnbild begriff, das göttliche Wunder mit der Mär des greifbaren Daseins verhüllend?

Im Morgenland starb der Erlöser am Spruch des Propheten, im Abendland wurde er König der christkatholischen Welt; diesseits der Alpen allein wuchsen die Heliandsburgen und die gotischen Wundergebilde.

Nicht Kaiser und Könige bauten die Dome der gotischen Zeit und nicht mehr der mannhafte Glaube: Prunkhäuser im Gottesstaat, Schatzkammern der kirchlichen Vögte, Torhallen der himmlischen Sehnsucht und Opferstätten schmerzvoller Inbrunst.

Darum standen die Pfeiler nicht mehr gegürtet als wehrhafte Recken, die Steingewölbe zu tragen: gleich Bäumen der himmlischen Gärten wuchs ihre Schlankheit hinauf in das schwebende Dach ihrer Zweige.

Auch glühten die Augen nicht mehr aus dunklen Höhlen der massigen Mauern: gleich himmlischen Tüchern aus Regenbogen gewebt standen die gläsernen Wände im Licht; die Heiligen schritten herein auf den farbigen Strahlen, vom Goldglanz des Himmels umsäumt.

Wenn der Orgel Hosiannagewalt einbrach in die flehenden Stimmen der Knaben und der Klang schwoll im Raum, wenn sich Farben und Töne umfingen, im Wohllaut unirdischer Inbrunst die schlanken Pfeiler umschwebend; dann war nicht mehr Stein und war nicht mehr Dach, dann hob das Wunder den Raum, daß er singend hinein fuhr in das Meer der Verzückung.

Und schmerzvoll fand sich die Seele zurück in den Tag und sein knöchernes Licht, wenn die drängende Menge ausströmte über die steinernen Treppen, wenn die Gasse sie aufsog in die Wirklichkeit irdischer Häuser.

Da stand der Dom mit dem Maßwerk staubig verglaster Fenster, mit den geschwungenen Rücken der Streben und dem unübersehbaren Steinwerk der Pfeiler und Krabben bis in die dämonischen Fratzen der Wasserspeier hinauf, und die Kreuzblume blühte hinein in den Himmel der Wolken und Sterne: die Gralsburg inmitten der sündigen Stadt und ihrer sorgenden Plage.

Wohl blieben die Tore für die entzauberte Seele geöffnet; aber nur einmal fand sie den Eingang, wenn die schwarzen Männer den Sarg eintrugen zum letzten Gebet: dann war die Wirklichkeit tot mit dem unnützen Schwall ihrer Tage.

Alles war unnütz und eitel und das irdische Dasein nur das Gefängnis erbsündig geborener Leiber: die Seele schrie auf nach Gott als der ewigen Lust und schmachtete hin im Durst der Verzückung.

Der schwarze Tod

Alles war unnütz und eitel; dann kam der schwarze Tod und brannte die Länder leer mit dem Saft seiner Seuche: das große Sterben begann seine Mahd in den Äckern der Mönche und Messen, es schnitt die Trauben der Erde und warf ihre Tracht in die Kelter des göttlichen Zorns.

Da schwollen die Grundwässer an und gerannen im Schaum der brünstigen Gier; der gelästerte Leib trat ein in das Lustreich der Liebesverwandlung und trank der ewigen Freude den irdischen Lustbecher leer.

Der Sternenhimmel brach nieder, und Gott war erloschen; die Lust schrie zum Laster, die Lehre des Zimmermannssohns ritt aus der Stadt auf dem Esel der Schande: die Fastnacht der Gotik taumelte hin über Leichen zum Aschermittwoch des jüngsten Gerichts.

Priester mit Kreuzen und Fahnen vorauf, Männer, Weiber, Kinder bis auf den Gürtel entblößt, Gesänge der Seligkeit singend mit sündigen Mündern, trunken und toll im brünstigen Wahn der Entsühnung: so zogen sie ein in den Leichengestank und die Lustgier entvölkerter Städte.

Sie schwangen die Geißeln mit Stacheln und bleiernen Kugeln und schlugen den mageren Leib im Takt der Bußgesänge; sie warfen sich hin in den blutigen Staub und schrieen das dreifache Weh der sündigen Menschheit.

Bis eine gellende Stimme der schluchzenden Stille den heiligen Brief vorlas, durch einen Engel zur Erde gebracht, vom Weltrichter Christus zur rechten Hand Gottes den Geißelbrüdern geschrieben.

Wahnwitz und wütende Gier, die Wollust verirrter Geschlechter und die Geilheit entwurzelter Leiber blühten das Tollkraut der Wundersucht auf im Gifthauch der Pest: Walpurgisnächte der Hexen und höllischen Geister kündeten den kommenden Mai der evangelischen Lehre.

Das Buch der Kaiser

Kaiser und Kirche

Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach ihrer Stärke; aber die Kirche kannte nicht Grenzen der Sprache noch Grenzen des Schwertes, sie ging auf den Wegen der eigenen Macht und hatte sich selber den Schirmherrn gesetzt.

Sie war die römische Weltmacht in neuer Gestalt, aber sie war es von Gott: Statthalter Christi hießen die Priester den Papst, der das Reich Gottes auf Erden regierte.

Durch ihre Gunst war der Kaiser über die Völker und ihre Könige eingesetzt; er war die Hand, ihr das irdische Schwert als Schirmherr zu halten, sie war das Haupt der göttlichen Weisung.

Sie war das Haupt, und er war die Hand -- aber die Rechnung war falsch: als die Kirche den König der Franken als Kaiser ausrief, rief sie sich selber den Herrn.

Sie war das Weib, und er war der Mann; sie konnten einander in Freiheit gehören und in der christlichen Liebe einander untertan sein: aber die erste Stunde des Streites schrie nach der Stärke.

Der Streit der Stärke begann, als Karl seinen Sohn im Dom zu Aachen sich selber die Krone nehmen und aufsetzen hieß; der Streit der Stärke hob sich gewaltig in Hildebrands Zorn; er schien für die Kirche gewonnen, als Innocenz die Kronen Europas verschenkte.

Aber der Streit ging um die Stärke, nicht um den Bettel der Tage; er ging im Namen des Reiches, das nicht von dieser Welt war.

Der Streit hob das Banner der Kirche über den römischen Zank und über die Eifersucht von Byzanz; er hielt der Statthalterschaft Christi das Siegel der ewigen Gleichung bewahrt unter den sterblichen Händen seiner Verweser.

Der Streit gab dem Starken von Norden das Panzerhemd einer höheren Sendung, als Mehrer der Hausmacht zu werden; er hielt dem Reichsschwert die uralte Herkunft lebendig, unter den irdischen Waffen das Kriegsschwert Zius zu sein. Ein Bogen war über den abendländischen Himmel gespannt vom Kaisersaal nach Sankt Peter, ein Bogen des Schicksals, glühend in anderen Farben, als die Erde sie blühte.

Der Bogen stand grell im geballten Gewölk, von Blitzen zuckten die Berge, Brandsäulen stiegen steilauf, die Ernte lag vom Hagel zerschlagen: der Bogen stand als ein himmlisches Tor, der bangen Erde den ewigen Eingang zu leuchten.

Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach ihrer Stärke: der König der Deutschen war Kaiser, der Turm des Reiches stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der Völker wehte die Kaiserstandarte.

Das Lügenfeld

König der Franken war Karl, Kaiser der Kirche, Schwertherr im Abendland; der Mantel seiner gewaltigen Macht sank auf den Sohn; aber die Schultern Ludwigs des Frommen waren zu schwach, ihn zu tragen.

Eine Kugel galt Karl dem Großen die Welt, die untere Wölbung war sein im Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand der Himmel der römischen Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert Schutzherr und Schirmvogt war.

Aber der Himmel sank auf die Erde, als Ludwig der Fromme das Schwert aus der Hand gab; von Priesterhänden geführt, im Zank seiner Söhne verflucht und verleitet, trug er die goldenen Säume der Kirche mühsam ins Alter.

Im dritten Jahr der Regierung schreckte ihn Unheil, das Reich zu vererben; unmündigen Knaben gab er das Zepter: Lothar die Macht und die Krone, Ludwig die bayrischen Länder, Pipin die spanische Mark.

Aber sein Leben löschte nicht aus, wie er meinte, und Judith, die Frau seines Alters, hielt ihrem Knaben den Docht seiner Liebe lebendig: Alemannien schenkte er ihm, das Herz seiner Länder; aber er nahm es den andern.

Die Söhne kamen zuhauf, und Bruderstreit stand um den Thron im Aufruhr der Grafen; die Kirche mischte die Machtgier der geistlichen Großen hinein, statt zu schlichten.

Da hing dem karolischen Reich der Mantel in Fetzen, die goldenen Säume der Kirche schleiften im Blut, ein gehetzter Hirsch war der Kaiser.

Das Lügenfeld hießen die Leute im Elsaß den Plan, wo sie ihn alle verließen, die Schwerter der Grafen samt den Schwüren der geistlichen Großen, wo die Söhne dem Vater das Königskleid nahmen, wo die Kirche dem Kaiser das Büßerhemd brachte.

Da wurde der Schirmherr der Kirche ein Schächer der Schuld; Ludwig der Fromme kniete als weinender Greis im Staub seiner Sünden:

So tief verstrickte den Sohn karolischer Macht die menschliche Schwäche, so gierig brach aus dem Streit der Enkel die lahme Gewalt, so ungetreu waren die Großen und Grafen, so kläglich mißlang der erste Streit um die Stärke.

Aber die Söhne Ludwigs des Frommen wurden des Lügenfriedens nicht froh, über der Schmach und über dem Sarg ihres Vaters brannte der Bruderhaß weiter.

Bis der Tag von Fontenoy den Mantel karolischer Reichsmacht für immer zerriß: der Tag der blutigen Rechnung für Lothar, den Kaiser; der Tag der Trennung für deutsche und gallische Franken.

In Verdun beschworen die Söhne den Frieden der lahmen Gewalt: Lothar der Kaiser behielt die Länder der Mitte, Lotharingen geheißen, indessen drüben Frankreich und hüben Deutschland entstand.

Die goldenen Säume der Kirche hingen verloren am dürftig geschnittenen Band; der Schirmherr der Christenheit wurde der eigenen Nöte nicht Herr; Lothar, der fränkische Kaiser, vermochte der Kirche das Schwert nicht zu halten.

Ludwig, der Deutsche genannt, sein stärkerer Bruder, wurde mächtig als Herr über Sachsen.

Stellinga

Wo das ebene Land den Bergen die neblichten Wälder abnahm, wo das braune Gewässer in Sand und Meer den mühsamen Altersweg suchte, wo der Wind der kalten Meerküste unendliche Weiten mit grauer Wolkenlast füllte: wohnte die uralte Bauernschaft sächsischer Völker.