Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 6

Chapter 63,689 wordsPublic domain

Gottgleich oder gottähnlich, so stritten die Priester mit Zirkeln und Zangen um den Zimmermannssohn; und hitziger hatten die Juden nicht vor Pilatus gestanden, als nun die Christen vor Konstantin, der ihrem Konzil den Prunk des Kaisers umhängte.

Die gestern noch selber Verfolgten verdammten den Arius da, weil er das göttliche Wunder allein in der Lehre und nicht im Mirakel des gekreuzigten Gottes erkannte; sie hießen ihn einen Ketzer, und Christus siegte als Gottes einiger Sohn im Zankbeschluß seiner Priester.

Als die Bischöfe danach auseinander fuhren mit dem Heerbann ihrer Meinung und Lehre, den Hellespont hinüber ins Abendland, und auf mancherlei Schiffen und Wegen ins Morgenland, fuhr der Zank mit nach Haus, die Christenheit zu zerspalten.

Bis Theodosius, von der Kirche dankbar der Große genannt, für die arianischen Ketzer den Rost glühend machte: im Namen des Dulders der Liebe, der im Haß der jüdischen Priester den Kreuzestod fand.

Wulfila

Ein Psalm, der vor dem Tag verscholl, gesungen aus Traum und Wachen, bevor das wilde Kriegswerk der Völkerwanderung begann, ein Klagelied aus dem Brunnquell der deutschen Sprache: das war die Gotenbibel des Wulfila.

Sie sollte der Psalter des deutschen Evangeliums werden und ist der Sargdeckel geworden der germanischen Frühzeit, weil aus der fröhlichen Botschaft der Haß des geistlichen Lehrstreites Giftblumen blühte.

Der sie den Westgoten schrieb, zwölfhundert Jahre vor Luther den Deutschen die Schrift zu schenken: Wulfila war arianischer Bischof; und Arianer, das hieß der römischen Kirche ein Ketzer und schlimmer als Heide zu sein.

Sie saßen im Tiefland der Donau, vom schwarzen Schrecken der Hunnen verdrängt, als Grenzwacht des Kaisers geduldet, und hörten die Botschaft der himmlischen Ferne:

Gott war gekommen, der über den Göttern von Ewigkeit war, den Menschen das glückhafte Reich des Friedens zu bringen, da wieder Gerechtigkeit wurde, sonniges Land und selige Freiheit den grausam Enterbten.

Denn Wulfila hatte die Worte der Botschaft in ihre Sprache gebracht: da klangen die uralten Laute den uralten Sinn, da war die ewige Herkunft der Dinge, da war ihr himmlischer Vater und sandte Surtur, den herrlichsten Sohn seiner Stärke, die Seinen zu sammeln aus Not und Bedrängnis.

So lauschten die Goten dem Wulfila und konnten nicht ahnen, daß sie der Glaube betrog, daß sie die fröhliche Botschaft ins Fegfeuer des Ketzertums brachte.

Arianer und römische Kirche: so war der Kampf angesagt bis aufs Messer; die Goten und alle germanischen Völker der großen Wanderschaft hatte ihr gläubiges Herz gegen die römische Schneide gestellt.

Der Pontifex maximus

Pontifex maximus hießen die Römer den obersten Priester, und Konstantin selber behielt das heidnische Amt trotz dem Kreuz seiner Fahnen.

Nicht lange aber, so hob der römische Bischof das glänzende Stirnband aus dem Brandschutt der Götter, als Papst und Statthalter Christi wieder der Pontifex maximus, im römischen Weltreich der Hohepriester zu sein.

So wurde Rom noch einmal das Herz der mittelmeerländischen Welt; denn der Kaiser war fern in Byzanz und sein Glanz blickte düster ins Morgenland, indessen der Norden hell wurde im Junglicht germanischer Kraft.

Der erste Gregor, der Große genannt, Präfekt und Römer von Reichtum und Rasse, bevor er sein Haupt schor, gab dem römischen Titel die römische Geltung zurück, das zerfallene Reich Cäsars erneuernd als Macht seiner Priester.

Er sandte das Pallium aus, wie vormals der Kaiser die purpurgesäumte Toga, er ließ seine Legionäre schulen im Orden der Benedektiner.

Fegfeuer und Seelenmesse, Bilderdienst und der bunte Heiligenhimmel: das Rüstzeug der Kirche hob seine cäsarische Hand auf, der von Herkunft ein Römer, aus frommer Neigung ein Priester und der berufene Pontifex maximus war.

Der Kaiser war fern in Byzanz, das langobardische Schwert hing dicht über Rom; in Gallien aber beugten die ersten Germanen das Knie vor der Kirche: die Franken waren die Feinde der Goten, sie sollten gegen die Langobarden die römische Leibwache sein.

Vom römischen Scharfblick geführt, staatskundig und stetig im Schachspiel steigender Macht, weitblickend aus Nöten der Nähe, brachte die Kirche den Handel ans Ziel, Pipin den Kleinen als König der Franken zu salben.

Stephan der Papst kam selber ins gallische Land, reitend auf einem Maultier, wie Samuel der Priester vor Saul kam, drei Meilen weit ins Lager der streitbaren Franken von Pipin dem König am Zaum eingeführt.

Er gab ihm die heilige Salbung und brachte sie heim, die Pipinsche Schenkung, die ihn, den Hirten der Christengemeinde, zum Fürsten des römischen Kirchenstaats machte: eine Schrift nur, ein Pergament in den Falten des Priestergewandes.

Aber der Pontifex maximus hatte den Heerbann der Franken gesehen und harrte getrost ihres Schwertes.

Winfried

Sie haben Winfried, den englischen Mönch, Apostel der Deutschen genannt; als aber Winfried herüber kam zu den heidnischen Friesen -- vierhundert Jahre nach Wulfilas Predigt -- waren die Franken, Thüringer, Alemannen und Bayern schon Christen; nur die sächsischen Völker verehrten noch Saxnot, den Gott ihrer Väter.

Die arianischen Goten, Vandalen, Burgunder hatte die römische Mühle zermahlen, ihre Könige waren verschollen in den Schlupfwinkeln der Sage; noch boten die Langobarden ihr Trutz, aber schon blühte das Frankenreich, der Kirche gehorsamste Tochter.

Dreimal zog Winfried nach Rom, der ein frommer Held seines Glaubens, ein feuriger Herold der päpstlichen Macht war: Gehorsam gegen Rom zu verkünden, war der heimliche Sinn seiner Sendung.

Darum sanken ihm Ehren auf das silbrige Haar; Legat und Erzbischof war er und Primas der deutschen Bischöfe, treu und milder Verwalter des Hauses, dem er die Balken fügte mit Klugheit und Eifer.

Denn Pipin der Kleine war nicht nur der Kirche gehorsamer Sohn; der Hausmeier brauchte den römischen Segen, seinem König die Krone zu nehmen; wie der Papst seines Schwertes bedurfte, den Langobarden zu wehren.

Mittelsmann ihrer Machthändel war Winfried der Weise; er schlichtete klug und ohne kleinliche Ränke, war Kanzler der Kirche und der früheste Kurfürst am Rhein; er liebte das Land seiner Wahl, der englische Mönch, und suchte der Ordnung zu dienen, deren mildester Meister er war.

Weil ihm die anderen Bischöfe seine Ehren mißgönnten, zog er im Alter tapfer hinaus, noch einmal hinaus zu den heidnischen Friesen; der friedliche Meister des Lebens fand seinen Tod wie ein Held, als ihn die trotzigen Friesen bei Dokkum erschlugen.

Als sein Leichnam stromauf kam durch das rheinische Land, klagten viele um einen Vater, und manche Glocke, die seine Hand weihte, gab ihm bis Fulda das Sterbegeläut; nur wenige sahen, was seine milde Geschäftigkeit hinterließ.

Ein Netz hing geflochten für den Nachfolger Petri, den größten Fischzug zu tun: das Morgenland war an den Islam verloren, in Eifersucht wachte Byzanz; im nordischen Land der Germanen war der Kirche ein Acker gepflügt, andere Dome zu tragen, als die im römischen Land.

Das Mittelalter begann, das der neuen Welt Wunder sein sollte; die Sterbeglocken zu Fulda läuteten seinen Beginn.

Widukind

Während die gotischen Völker das Glück und den Fluch der römischen Erbschaft fanden, während die Franken im gallischen Land dem römischen Papst die Steigbügel der neuen Weltherrschaft hielten, hatten die Länder der Weser die Volksschaft der Väter bewahrt.

Frei wie zu Tacitus Zeiten hielten die sächsischen Gaue den Thing und das Weistum, und sprachen Recht im Schwertzeichen Saxnots, bis Karl der fränkische König das Kreuz über sie brachte.

Gleich Drusus, dem Römer drang er von Süden ein durch das hessische Waldland, raubend und brennend; und wo das Schwert des trotzigen Blutes satt war, schwangen die Mönche den Weihrauch und sangen die römische Messe.

Die Eresburg fiel, die Irminsul wurde zerstört, den heiligen Hain fraß das Feuer, so wurde im Namen des Kreuzes fränkische Mark, was ein Jahrtausend lang sächsisches Freiland war.

Die Mönche sangen zur Messe, die Grafen hielten Gericht im Namen des fränkischen Königs und beugten das uralte Recht der Sachsengemeinde.

So war dem Franken der Sprung in den sächsischen Sattel geglückt: aber dann bäumte das Roß, und der Ritt begann, rauchend von Brand und Blut dreier Jahrzehnte.

Wie vormals Armin, Segimers Sohn und Fürst der Cherusker, war Widukind Herzog von Sachsen; dreizehn Jahre lang bot er der fränkischen Zwingherrschaft Trotz, freudig und flüchtig im Wechsel des Waffenglücks, ein Meister der List und ein Nacken unbeugsam, das Unglück zu tragen.

Denn ob er Fritzlar verbrannte und Fulda bedrohte, daß die Mönche flohen mit Winfrieds Leiche, ob er vorstieß bis an den Rhein: die fränkische Feldkunst warf das Ungestüm seiner Kriegshaufen nieder, und immer grausamer dämpfte Karl den sächsischen Trotz.

Bis der Tag an der Aller kam, wo ihrer viertausendfünfhundert geschlachtet wurden -- Edlinge des sächsischen Volkes, die sich freiwillig stellten -- daß der Bach sich färbte im Blut und das Feld faul wurde im Gestank der edelsten Leiber.

Noch einmal rief da der Grimm die Waffen Saxnots zuhauf; bei Detmold kam es zur Schlacht, die dem gewaltigen Karl das Schwert stumpf machte, aber den Sachsen das ihre zerbrach.

Widukind beugte den Nacken vor dem fränkischen Christ! Drei Tage lang sangen die Priester Danklieder in Rom, weil der Herzog der Sachsen zur Taufe nach Gallien ging.

Den Franken gelang, was dem römischen Adler mißglückte, sie blieben Zwingherrn im Weserland, besiegelt im Kapitular der sächsischen Knechtschaft, mit Blut geschrieben zu Paderborn und aller Gesetze furchtbarstes:

Des Todes soll sterben, wer die Fasten nicht hält, wer sein Kind der Taufe verbirgt; des Todes soll sterben, wer sich selber der Kirche verweigert; des Todes soll sterben, wer einen Leichnam verbrennt nach germanischem Brauch!

Aber der Hund fraß wieder, was er ausspie: noch manchmal stand Saxnot auf in den Herzen der Seinen, bis er für immer zur Hölle fuhr, der uralte Lichtgott der Deutschen, verdammt von den römischen Mönchen.

Zu Tode gehetzt von der slawischen Meute der Wenden, denen der fränkische Räuber das sächsische Elbland hinwarf als Beute, zu Tausenden aus ihrer Heimat geschleppt, für immer getrennt von Weib und Kindern, verraten von treulosen Grafen: so wurden die Sachsen zu Christen gemacht, im Namen der lächelnden Liebe.

Bis endlich drei Bistümer blühten im Weserland, zu Bremen, zu Münster und Paderborn: drei Hochkreuze des allerchristlichsten Königs, drei Leichensteine auf dem Kirchhof des sächsischen Volkes, drei Krummstäbe über dem Nacken germanischer Freiheit.

Carolus Augustus

Als Karl, der Frankenkönig, sein Sommerlager hielt zu Paderborn im Land der Sachsen, kam Leo, der Papst, als ein Flüchtling zu ihm.

Den hatten die Römer am hellen Tag aus einer Prozession gerissen, halbtot geschlagen und gefangen aus Rom fortgeführt: mit List entwichen und die Mühsal der Alpenfahrt nicht scheuend, rief der Pontifex maximus den Frankenkönig als seinen Schirmherrn an.

Es fand sich danach, daß der Statthalter Christi der Unzucht und des Meineids beschuldigt war; so hielt der Frankenkönig feierlich Gericht in Rom und strafte die Ankläger hart, als sich der Papst mit seinem Eid zu reinigen vermochte.

Das aber geschah vor Weihnachten, als es achthundert Jahre her war, daß Maria im Stall von Bethlehem ihr Knäblein gebar: nun stand das Kreuz auf tausend Kirchen, und statt der Hirten kamen die Großen der Welt an seine Krippe.

Als in der Christmesse das Heergefolge des Frankenkönigs sich durch die Römer drängte und Karl, der Schwertgewaltige, in Andacht kniete vor dem Altar der Peterskirche, da krönte ihn der Papst, und die Lateiner stimmten ein in den bestellten Ruf:

Carolus Augustus, dem von Gott gekrönten friedenbringenden Cäsar der Römer, Leben und Sieg!

Es war ein Franke, den sie zum Kaiser riefen, ein Franke, der morgen Rom schon wieder den Rücken kehrte; aber so verkehrte sich das Angesicht der Welt:

Roma die vielerfahrene ließ ab vom Morgenland und huldigte dem Starken, der von Norden in ihre Netze kam, ließ Syrien und Ägypten, Kleinasien und Byzanz, weil sie die Herrin bleiben wollte in der neuen Zeit, wie in der alten.

Der Frankenkönig aber, der sonst in einem Wams von Otterfell ging und als Patricius der Römer den Seinen fremd dastand in römischen Gewändern: er fühlte die Krone auf seinem Haupt von Gottes Gnaden und staunte, das Reich Gottes sei doch von dieser Welt, weil er sein Herrscher und der treue Diener der Priesterlehre war.

Der gläserne Grund

Als Karl der Große begraben lag in seinem Münster zu Aachen und Ludwig der Fromme, sein Sohn, Herrscher des Frankenreichs war, von Karl zum Kaiser gekrönt mit eigener Hand, stand vor dem Königsgebäude noch immer das eherne Reiterbild Dietrichs von Bern aus Ravenna.

Denn der die Stämme der Sachsen, Alemannen, Bayern und Langobarden in harten Kriegen bezwang, war Uferfranke und deutschen Geblüts: seine Sprache war deutsch, auch trug er sich fränkisch und legte nur zweimal in Rom das Prachtgewand römischer Kaisermacht an.

Wie sein Münster in Aachen gebaut war nach gotischem Vorbild, und wie er die deutsche Predigt verlangte, so ließ der Kaiser die Lieder aufschreiben von Siegfried, Dietrich und Hildebrand und die uralten Göttergesänge.

Aber sein Sohn von der schwäbischen Hildegard zeigte niemals lachend die Zähne und wäre lieber ein Mönch, denn ein Kaiser gewesen; er warf die Lieder der Deutschen, vom Vater mit Eifer und Ehrfurcht gesammelt, ins Feuer, schaudernd vor dem Abgrund der heidnischen Herkunft.

Da brannte sie hin, die heilige Sprache, uralt und glanzvoll gefügt.

Die Riesenleiber der Götter und Helden flackerten auf in den Schattenbildern der Sage, spottend der kindischen Torheit: aber das Wort sank hin in die Asche, das ihrer Taten volkstümliches Kleid war und Seelenhort der germanischen Frühe.

Wohl sprachen die Männer des Volkes deutsch wie zuvor, aber nun hatte ihr Wort keine Schrift mehr; die Bildung in Klöstern und Schulen schrieb fremdes Latein: einer gemähten Wiese gleich lag die Volksseele da mit abgeschnittenen Halmen und wucherndem Unkraut.

Unermüdlich aber aus den Schleusen der Klöster und Kirchen lief das lateinische Gewässer hinein und gefror zum gläsernen Grund, darunter der Spuk der germanischen Seele, auf die Märzstürme wartend, den Winterschlaf hielt.

Die schwarzen Mönche

Schwärmer und Schelme der Müßigkeit kamen vom Morgenland, Schaffner Gottes zu werden nach abendländischer Losung.

Denn Benedikt, der auf dem Monte Cassino das Mutterhaus der abendländischen Klöster baute, gab dem Gebet die Arbeit, der Verzückung den Fleiß an die Hand.

Die Weltflucht entsagte dem Nutzen, doch nicht der nützlichen Leistung; der Überdruß vornehmer Römer sprang in die Flut der lautlosen Tat, die aus dem Nichtstun in Ehren erlöste.

Als danach die schwarzen Mönche ins Nebelland der deutschen Urwälder kamen, wurden Sankt Gallen, die Reichenau, Hersfeld, Fulda und Wessobrunn die Standlager entsagungsvoller Mühsal, bevor in den Klostergärten der Wohlstand spazieren ging.

Dann freilich wuchs ihr Reichtum sich aus zu grünen Inseln, die aus der Tannenwildnis die Sonne saugten und die Wärme stahlen: der Frühling blühte über sie mit anderem Licht, der Sommer reifte Garben wie nie zuvor, und wenn der Herbst kam, hingen die Spaliere von Trauben und Birnen schwer.

Der Sonnensegen flog durchs Land, im Klosterhof zu rasten, ein Wundervogel, der nach der Glocke flog und ahnungsvoll inmitten schwarzer Wälder die grünen Inseln fand.

So wurden Pfründen, wo der Atem der harten Rodung keuchte; Laienbrüder buken das weiße Brot und dienten dem Behagen, das in dem Täfelwerk wohnlicher Kammern auf breiten Stühlen saß.

Die Metten nahmen dem Gebet die Arbeit sacht aus der Hand, und Gott war zärtlich geschützt, wenn er im Kreuzgang trockenen Fußes spazieren ging.

Und fing auch wieder an, die Kunst zu lieben, den Klang der Orgel und den bunten Psalter; lustreiche Farben malten ihm das Haus, und Gläser glühten Feuerglanz im Tageslicht der Fenster.

Auch las er gern in alten Schriften und dachte sich neue Taten aus; er ließ das Wunder blühn mit Rosenranken, daran die Heiligen sich ritzten, ihr Blut zu tropfen: doch war kein Schmerz in ihnen und keine Not um sie, weil die Legende die Himmelsleiter hielt.

Die Legende

Aus Blutbächen rann das Geheimnis der christlichen Lehre ins römische Reich; glühende Roste, gemarterte Leiber, heiße Bekenner und heimliche Gräber webten den Teppich der kirchlichen Herkunft mit brünstigen Farben.

Der Heiligen Leben und Leiden malte im Glauben verachteter Christengemeinden die Bilder der Ahnenverehrung; der Heiligen himmlischer Fürspruch half den zagenden Herzen in einen tapferen Tod.

Um ihre Särge wuchsen die Kirchen der Wallfahrt, und um ihr Gedächtnis wand die dankbare Liebe den Kranz der Legende: ihre Leiden blühten darin mit blutroten Rosen, dornige Ranken ins messianische Wunder zu flechten.

Als aber die Blumen der Lehre, heimlich gesät in die Gärten der Greuel, friedlich aufgingen im Abendland, als die Kirche selber den Garten bestellte, war die Legende nicht still: und ging aus dem blutigen Düster morgenländischer Herkunft ein in die Landschaft der Wälder und Wiesen.

Nicht mehr zur Schlachtbank führte der Heiligen Leiden, aber das rankende Wunder blieb um ihr Leben, nur wurde es grün und statt der blutroten Rosen blühten die Himmelsschlüssel einfältiger Tugend.

Den heiligen Martin drängte sein Herz, der frierenden Blöße des Bettlers den Mantel zu teilen, den Hasen zu schützen vor den scharfen Zähnen der Hunde.

Da war noch einmal das Paradies der Heiligen hold geöffnet: das Wild des Waldes diente ihm treulich, die Vögel der Luft und die Fische des Wassers brachten ihm Nahrung gleich dem Elias, Gewitter und Hagel gingen demütig zur Seite, wenn der Heilige kam.

Und als den verschwundenen Bischof, den heiligen Wolfgang, die Schar seiner Freunde fand in der Wildnis, ihn heimzuführen nach Regensburg: da hob sein Kirchlein sich hinter ihm her, dem täglichen Freund der Einöde zu folgen treu wie ein Hund; bis ihm der heilige Wolfgang weinenden Herzens den Abschied gebot.

Die brünstigen Farben verblaßten, Marter und Buße vergingen im goldgrünen Geheimnis der Wälder, der Wüstensand wurde gütiger Schnee, und Moos wuchs auf den steinigen Wegen, die Seele begann ihr trauliches Spiel um die fremden Gestalten: als die Legende vom Morgenland mit staubigen Schuhen in den tauigen Grund der Wiesen und in den Schatten der deutschen Wälder gelangte.

Der Heliand

Zu Schanden geschlagen war das sächsische Volk durch die Faust des fränkischen Königs, seine Götter waren gewichen ins nordische Land, wo die Wahrzeichen Wodans und Donars noch standen und Saxnot die Seinen beschützte.

Der Gott der lateinischen Mönche war nicht der Gott der sächsischen Seele, und der gekreuzigte Sohn der Maria blieb ihrem Blut fremd, bis ein Sänger der Sachsen daraus den Heliand machte, aller Könige kräftigster und der schönsten Frau herrlichstes Kind.

Da wurde er Wort der Waltenden, ging ein in die Höfe der Freien und hielt den Thing aus dem Recht seiner edlen Geburt.

Der Waltende selber kam aus dem Weistum, der Königssohn aus dem Himmel trat in den Mittelraum ein, im Kranz seiner Degen ewige Weisheit zu künden.

Denn der den Heliand sang im Stabreim uralter Gesänge, war anderen Blutes als Paulus, der römische Jude: Nachfahre der Jünger in gläubiger Einfalt, kein grübelnder Geist weltfeindlicher Lehre.

Ihm tönte die Stimme der Liebe und Weisheit wieder, die Menschen zu lösen vom Leid, doch sprach sie deutsch und klang zu den Mannen und Degen.

In den Schlag der Schwerter sprach der Walter der Welt, der Söhne stärkster aus Bethlehemsburg stand auf als Schutzherr der Menschen gegen die grimmige Hel:

Und als der Fürst in die Hände des römischen Herzogs kam durch den Haß der jüdischen Großen, da zitterte Satan vor seinem Tod, daß er die Menschen erlöse.

Er mochte die Herzogin listig verleiten, daß sie ihn losbäte von ihrem Gemahl, die Waltung der ewigen Weisheit zu stören; der Landeswart aber wollte sterben am Kreuz und leiden als der Geringste, daß seine Wiederkunft offenbar würde den Zweiflern und Zagen als Zeugnis seiner göttlichen Sendung!

So brachte ein Sänger der Sachsen den Heliand deutsch in die Welt, aus Walhal geboren als göttlicher Held gegen Hel, die des Satans Mutter und Urfeindin der göttlichen Herrlichkeit war.

Kein Opferlamm mehr, im Tempel zur Schlachtbank geführt, als Versöhnungsopfer die Sünde zu sühnen nach jüdischem Priestergesetz: ein König der Weisheit und Stärke, urkräftig aus ewigem Recht, kündete seine Wiederkunft an.

Die Heliandsburgen

In Worms, in Speyer, in Mainz und in Köln stand ihre Steingewalt auf aus dem mannhaften Glauben der Zeit, den Lindwürmern gleich der salischen Sagen mit schuppigem Rücken und kräftig umgürtet im steinernen Knochengerüst.

Keine Tempel der Griechen mit marmornen Säulen und keine römischen Hallen, Bethlehemsburgen des Heliand und Waltungsstätten der Wiederkunft, Trutzburgen tapferer Hoffnung aus kläglicher Knechtschaft und Sicherheit starker Vergeltung.

Urtief glühten die Augen der kreisrunden Fenster, und wehrhaft hielten die Pfeiler der kommenden Macht das Gewölbe, steinern umgürtet und mit Knäufen von Weltschwertern geschmückt.

Wohl hüteten steinerne Schranken den Chor und das Schauspiel der Messe: aber einmal kamen gewaltige Schritte, in den Himmel wuchsen die Hallen mit den fünfhundertvierzig Türen Walhals; vorbei war die Knechtschaft der Kühnen, vorbei das Genäsel lateinischer Priester.

Wie draußen der Rhein floß durch Tage und Nächte, als ob es Pulsschläge der Ewigkeit wären, wie die Wolken wanderten über die höchste Erhebung, wie die Stürme brausten in den schwärzesten Nächten, wie die Träume der alten Zeit gingen von Wodan und Thor, den hallenden Nachfahren Zius, wie Segifried, Dietrich von Bern, Hildebrand und der grimmige Hagen: so hielt die wehrhafte Haltung romanischer Dome Wacht über das Land für Heliands Wiederkunft.

Cluny

Das Reich Gottes war nicht von der Welt dieser Kirche, darin die Priester nach Pfründen jagten und die Klöster Schatzkammern klüglich gepflegter Wundersucht waren.

Zum andernmal ging seine Lehre auf wie Blumen, heimlich gesät in die Gärten der Greuel; aber nun geisterte sie nicht mehr in Grüften und tönte nicht mehr von den Säulen selbstseliger Mönche.

Der Norden trat in die Erbschaft der römischen Christenheit ein und brachte den Mut germanischer Sittlichkeit mit; der Heliand kam, der Walter aus Bethlehemsburg in den Mittelraum, den Tag in ewige Tiefen zu tauchen.

Das Wort sank wieder in Gott und gebar die demütige Tat und die Inbrunst des ewigen Lebens, die aller irdischen Freuden glückhafter Untergrund war.

Das Kyrieleis der lateinischen Messe stahl sich fort in den deutschen Gesang der ländlichen Weisen; die Seele fing an, der himmlischen Tröstung zu trauen, das Lächeln der Weisheit und Liebe kam in den Segen der Pflicht.

Ein burgundischer Grafensohn, Berno, der Abt von Cluny, zwang die üppigen Klöster zurück in die strengen Gelübde, daß sie wieder des frommen Fleißes bewahrte Werkstätten, Zuchthäuser der Kirchenzucht wurden; und Heinrich der Dritte, der salische Franke, brachte die Kirchenreform der schwarzen Mönche von Cluny in den unholden Streit der römischen Stola.

Er gab der geschändeten Kirche den Bischof von Bamberg als heiligen Vater und noch vier andere Päpste danach von germanischer Herkunft.

Leo der Neunte, den die Kirche den Heiligen nennt, ein Grafensohn aus dem Elsaß, dem Kaiser verwandt und seiner Strenge in Milde verbunden, wurde zu Worms auf dem Reichstag der Deutschen gewählt und zog im Pilgerkleid ein in das spöttisch wartende Rom.

Türhüter nur und Verwalter war er im Weinberg des Herrn, kein prahlender Fürst in Sankt Peter, kein Pontifex maximus mehr, gleich Winfried die Mühsal schwieriger Fahrten nicht scheuend.