Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 5

Chapter 53,795 wordsPublic domain

Karlmann und Pipin hießen die Söhne; sie holten den Childerich her aus dem Dunkel unnützer Tage und hoben ihn auf den Thron; sie führten Kriege und mehrten das Reich und hielten den König im goldenen Käfig.

Aber Karlmann verdrossen die Dinge der Welt, er tauschte das Kleid mit der Kutte und ließ dem jüngeren Bruder den Teil seiner Macht: so wurde Pipin allein Hausmeier im Frankenreich und hielt den Hammer des Vaters.

Sie hießen ihn Pipin den Kleinen, doch groß war die Gewalt seiner kurzen Gestalt: Alemannen, Burgunder, Bayern, Friesen und Sachsen mußten dem Zornigen büßen, und klein blieb der Trotz seiner Großen.

Da hob er den Blick auf den Thron und sah den Childerich sitzen, gebeugt von der Last seiner Krone; er nahm ihm das Gold von der grämlichen Stirn, er ließ ihm das Haupthaar scheren und tat den Geschorenen still in ein Kloster.

Ihm aber mußten die Großen ein neues Königskleid reichen, und die Kirche brachte das Öl, ihn prunkvoll zu salben, der ihrer Geltung im Abendland ein Schwert und ein treuer Türhüter war.

Sie hießen ihn Pipin den Kleinen und freuten sich seiner Stärke, sie sahen das Schwert bei der Krone, aber sie hörten den Schwur auf das Kreuz; sie sangen das Lied auf den König der Franken und lauschten der römischen Orgelgewalt.

Karl der Große

Die fränkische Zeit war erfüllt, das Buch der Könige lag mit blutroten Siegeln beschlossen, das Reich trat ein in den Gang der Geschichte, und Karl, Pipins gewaltiger Sohn, war sein Kaiser.

Der Rhein war die Heimat der Franken gewesen, bevor sie groß wurden im gallischen Glück; am Rhein saß wieder der fränkische König, der die Krone über alle Völker Germaniens trug.

Sie hatten Weide und Wohlstand gesucht, sie waren mit Schiffen gefahren und auf Kamelen geritten, sie hatten die römischen Gärten besessen und Königreiche gegründet im Morgen- und Abendland.

Sie hatten das Bienenschicksal der Kimbrer verkehrt in den gotischen Hochmut, sie waren Schwertherren gewesen an der Theiß, am Tiber und Tajo: aber die lässige Fülle machte die Schwerthand faul; das Blut der Mittelmeervölker trank die Kraft ihrer Glieder.

Nun war die nordische Springflut verrauscht in den römischen Gärten, und der Rest ihrer Gewässer füllte den fränkischen See: Alemannen, Burgunder, die gallischen Goten, Langobarden und Bayern, Friesen und Sachsen zwang das gewaltige Schwert des fränkischen Königs in seinen Heerbann.

Gewaltig wie Etzel und Dietrich war Karl und hielt das Abendland hart in der Zucht seiner stolzen Gedanken; aber nun herrschte kein Hunne über germanische Schwerter, kein Gote war fremd in der römischen Feindschaft: deutsch waren die Völker karolischer Macht, und deutsch war der König.

Am Rhein hinauf und hinunter hielten die Pfalzen das Schwert und die Waage seines Gerichts; sein Stuhl stand zu Aachen im Rheinfrankenland: da saß er im Glanz seiner eigenen Macht, da war er Hausherr der Heimat und König im Kreis seiner Recken.

Wie vormals nach Rom und Byzanz, so ritten nun die Gesandten vom Morgenland her in den Nebel der nordischen Nächte; sie fanden den Herrscher des Abendlandes gehen in leinener Kleidung, sie sahen ihn reiten und jagen wie jeden seiner Getreuen, und wie er den kleinen Dingen des Tages sein Antlitz treulich zukehrte.

Sie sahen ihn schwimmen im lustigen Schwall seiner Freunde und Diener und hörten ihn lachen beim Mahl, fröhlich besorgt um das Wohl seiner Gäste.

Sie suchten staunend Prunk und Gepränge und brachten das Bild seiner Menschlichkeit heim, die frank und frei in germanischer Sitte unter den Männern der Mann, unter den Helden des Krieges im Frieden der friedlichste war.

Hoch aber ragte hinaus über die Dächer der Hallen, frei unter dem fränkischen Himmel, das Reiterbild Dietrichs von Bern, der seines Herrschertums höchster Ahnherr und seiner Tafelrunde der rühmlichste Held war.

Sie hatten das eherne Bild zu Schiff von Ravenna gebracht, durch das blaue Herkulestor, von der sonnigen Mittelmeerküste hinein in das graue Gewässer der Nordsee, bis es dem fränkischen Königsstuhl als Wahrzeichen vorstand.

Sie hatten auch Säulen und kupferne Gitter genommen von Dietrichs ruhmreicher Halle und hatten die Kuppel gewölbt nach ihrem sinnreichen Vorbild.

Aber das Kreuz stand darauf, und was den Goten Thingstätte war, das wurde den Franken zur Kirche; denn Karl hieß König und Herr seiner Völker von Gottes Gnaden; er führte das Schwert seiner gewaltigen Macht, der Kirche und ihrer göttlichen Sendung in Demut zu dienen.

Wodan und Donar ritten die wilde Jagd nächtlicher Träume; aber der Tag stand im Kreuz, und die Wirklichkeit war in den Dienst Gottes und in die Lobpreisung seiner ewigen Allmacht gelegt.

Deutsch war der König, deutsch war das Wort und das Linnen der fränkischen Kleidung, deutsch war das Haus, aber der Stuhl von Sankt Peter stand geborgen darin und geehrt als Burg Zion.

Eine Kugel galt ihm die irdische Welt; die untere Wölbung war sein im Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand der Himmel der Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert Schutzherr und Schirmvogt war.

Die Nibelungen

Als Leo, der Papst, dem König der Franken in Rom den Purpur umhängte, als wieder ein römisches Reich war im Schoß der katholischen Kirche, sangen die päpstlichen Knaben in Rom den Göttern Walhals die Messe.

Wodan, die wehende Unrast lag in Sankt Peter begraben, aber der Spuk seines Daseins sank in die nordischen Seelen wie Heimweh.

Die Glocken bellten den Sieg des Gekreuzigten aus von den Kirchen und Klöstern, und manche wurden von römischen Mönchen mit in die deutsche Wildnis gebracht.

Aber der Wind Wodans nahm den ehernen Schall in die herrische Hand; er stieß ihn hoch an den Felsen, daß er heulend zerbrach; er warf die jammernden Stücke hinein in die trotzig schweigenden Wälder.

Wo die Füße der Ewigkeit gingen in der Waltung natürlicher Mächte, wo der Donner wohnte im Horst der Wolken und Wetter, wo die Sterne der Nacht heimlich ihr Strahlengebind wuschen im Abgrund der toten Gewässer: hielt Wodan zornig Gericht und sandte die Sturmgeister aus in die Ahnungen einsamer Nächte, die Ungetreuen zu schrecken.

Der König der Juden hing kalt am Kreuz seiner Leiden: aber die Räder rollten im Wetter, Donar stand hoch mit dem Hammer und warf die zackigen Blitze, Freya sank mit der Abendröte hinunter zur Nacht, Baldurs Scheite lohten im Sonnenwendfeuer, und in den heimlichen Gründen saß Frigga, die Brunnen des Lebens zu hüten.

Die aber der Götter Lieblinge waren, hielten das Mahl im Ruhm ihrer herrlichen Taten; die Sänger stiegen die goldenen Stufen hinunter zum Brunnen der heiligen Herkunft, sie holten das Mahnwort der Sage herauf und die Wundersucht ihrer Lieder.

Sie sangen dem männlichen Mut das Lob seiner Macht, und der Stärke den Stolz ihrer Stunde; sie gaben dem Leben das Schwert in die Hand und lachten der knieenden Demut; sie hießen die Stärke gesund, die Schwäche verächtlich; sie taten der trotzigen Tat das Königskleid an und dem Zweifel das Narrengewand.

Sie sangen von Siegfried, dem kühnen Bezwinger der Drachen und Alben; die holdeste Frau war sein Preis, aber die treulose List seiner Sippe warf den Herrlichen hin; aus Liebeslust wurde die blutige Not im Haß der Geschlechter.

Sie sangen von Etzel, dem König der Hunnen, und wie er die blonde Hildico freite, Siegfrieds verratene Frau; aber der schwarze Zwingherr der Welt starb in der blutigen Brautnacht.

Sie sangen von Schwanhild und Randwer, wie sie den Wein verbotener Liebe genossen, dem greisen König zur Schande; die Rosse Ermanerichs schleiften die schöne Schwanhild, und Randwer, der Sohn, büßte die Gunst seiner Mutter am Galgen.

Sie sangen von Dietrich, dem starkweisen König der Goten, wie er die Rabenschlacht schlug und wie ihn der Schimmel Wodans heimholte, als wilder Jäger zu reiten in höllischen Nächten.

Sie sangen von Brunhild, der heldischen Frau und ihrer furchtbaren Feindin, wie sie den Männern zum Trutz ihre Burg hielt und wie sie den Stolz büßte.

Sie sangen das schmähliche Leid der schönen Ingunthis, wie die schneeweißen Hände Magdarbeit taten in bitterer Kälte; klagend stand sie am Meer und sah nach den Schiffen.

Sie sangen von Gundikars Burg und dem Übermut seiner Recken, von seiner schmählichen Schuld und dem unendlichen Blutstrom der Sühne; sie sangen von Hagen, dem finsteren Helden blinder Gefolgschaft; sie gaben dem Spielmann Volker den Preis der fröhlichen Kunst, lachend zu leben und lachend zu sterben.

Die Lieder liefen ins Land wie schäumende Bäche, sie suchten und fanden ihr Bett im Strom, der die Taten und Leiden, den lachenden Trotz und die standhafte Stärke germanischer Frühe hinein ins Urgebraus trug, in das rauschende Naß Ymirs des Riesen, in die donnernde Brandung der kalten Meerküste.

Da fuhr das Totenschiff Baldurs hinein in den Norden asischer Herkunft, da hellte die Lohe den nächtlichen Himmel, da wurde Siegfried der Erbe des göttlichen Jünglings, da kam dem Cherusker der Glanz in die Locken, da hob er die Kraft und das gleißende Gold aus den Höhlen der Albengeschlechter.

Da band die Sage den Heldenbericht ein in den Kampf der Asen und Vanen; da fanden der Trotz und die Kraft, der Mut und die Treue der nordischen Männer ihr strahlendes Gleichnis.

Das Schuldbuch der Götter tat seine Blätter zum andernmal auf im Schicksal der Menschen.

Das Buch der Kirche

Jesus von Nazareth

Als der Kaiser Augustus zu Nola in Campanien den Tod sterben mußte, der das Vorrecht der Gewaltigen auslöscht wie das Unrecht der Geringen, ging Jesus von Nazareth erst in die Jünglingsjahre: aber noch war Tiberius nicht in den Polstern seines grausamen Alters erstickt, da hatte das Kreuz von Golgatha schon den Zimmermannssohn zum Messias erhöht.

Das prahlende Glück Cäsars und der Glanz des Augustus hatten dem wölfischen Weltreich die blutige Tollheit des julischen Tyrannen gebracht: die Lehre des Nazareners ging auf wie Blumen, heimlich in die Gärten der Greuel gesät.

Das erste Lot aber seiner Lehre war dies: dem Kaiser gehört euer Leib und alles, was seine Notdurft verlangt, er kann ihn behängen mit goldenen Ketten und kann ihn braten auf glühendem Rost; Gott aber gehört eure Seele und alles, was ihre Sehnsucht vermag, er kann die goldenen Ketten zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager machen!

Denn der, den sie Messias, das heißt den Gesalbten, nannten, kam nicht gegürtet mit einem Schwert, sein Reich zu raffen: er ging als Pilger über die Straßen und Märkte des jüdischen Landes, lächelnd von Liebe und Weisheit, und säte den Samen der Freiheit in furchtsame Herzen.

Und weckte Gott aus den Seelen der Menschen, daß er stark würde in jedem, des irdischen Daseins zu lächeln.

Denn das zweite Lot seiner Lehre war dies: Gott ist kein böser Tyrann, über euch thronend in den Wolken, durch Opfer und gute Werke versöhnbar, Gott ist der ewige Geist aller Dinge, und jedem, der ihn in Wahrheit erkennt, wird er ein liebender Vater.

Darum brauchte Jesus von Nazareth nicht das Bußgeschrei der Propheten noch die Gottesfurcht ihrer Priester: sein himmlischer Vater ließ seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten, er ließ regnen über Gerechte und Ungerechte, weil allen sein Himmel der Liebe geöffnet war.

Allen, die gläubig der Gotteskindschaft zur ewigen Allmacht eingingen, die solches Wunder dem sterblichen Menschen erwies und ihn aus der Notdurft und sündigen Furcht seines Leibes zur Freiheit der unsterblichen Seele erlöste.

Denn das war das dritte Lot seiner Lehre: das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen; es ist der Himmel des Herzens in euch, Reinheit und Demut sind seine Pforten, gläubige Liebe zum Vater hält seine Burg, und tätige Liebe den Brüdern gibt ihm die ewigen Waffen.

Als aber Jesus, der Zimmermannssohn, der dieses lehrend über die Straßen und Märkte des jüdischen Landes ging, sich selber als Liebespfand der Allmacht geopfert hatte, als mit dem Hosiannageschrei und dem Kreuzestod der Umkreis seines irdischen Daseins umrissen war: da blieb der Kreuzestod in den Herzen seiner geflohenen Jünger und hatte das Lächeln der Liebe und Weisheit in den Schmerz des Opfers verkehrt; und grausam ging durch die frohe Botschaft der Riß von Golgatha.

Paulus

Die seine Lehre hörten und ihm als Jünger folgten, waren Fischer und Findlinge der Einfalt; sie glaubten treulich, daß ihr Meister der Messias aus dem Geschlechte Davids wäre und warteten in Demut der verheißenen Wiederkunft.

Sie hielten sich abseits vom Tempel in der Gemeinde und lebten gemeinsam aus einem Eigentum; sie waren Juden und gedachten, das Gesetz und die Propheten zu erfüllen.

Es kam ihnen aber ein Teppichweber zu mit Namen Saul aus Tarsus in Kleinasien und römischer Bürger, der in Jerusalem die Schrift studierte, Rabbi zu werden.

Glühender im Geist als sie und im Gewissen wühlend, hob er das Sinnbild der Versöhnung aus dem uralten Passahbrauch der Juden: er hieß Jesus das Opferlamm Gottes und den Glauben an den gekreuzigten Gott die Erlösung aus Sündenschuld.

Was eine Lehre der Liebe und der Weisheit in Galiläa war, das wurde Glut des Glaubens, die das Gebälk des jüdischen Gesetzes und das Tempeldach feurig durchbrach.

Denn Saulus kannte die Wehen der Griechenweisheit und wie die aufgerührte Welt nach einem Wahrspruch brannte: ihm waren die Mauern Jerusalems zu finster und die Grenzen Judäas zu eng für seine Sendung.

Er nannte sich Paulus und trug die Fackel seiner Botschaft von Antiochien nach Zypern, von Troas nach Mazedonien hinüber und fragte nicht, ob Juden oder Heiden daran entbrannten.

Es war nicht sein stolzester Tag auf dem Markt von Athen, da die Griechen den Juden von Tarsus einen Lotterbuben nannten; aber da sprach er sein Wort von Gott, in dem wir leben, weben und sind.

Zwischen den Standbildern ihrer gestorbenen Götter, wo das Stichwort der Stoiker galt von der menschlichen Seele als Absenker Gottes, blies er dem blutleeren Balg ihrer Lehre den Atem seines glühenden Glaubens ein und hob ihn auf den leeren Altar, der dem unbekannten Gott wartend dastand.

Als er dann wiederkam zu den zürnenden Jüngern, die seinen heidnischen Gläubigen den Eingang in ihre Gemeinschaft verwehrten, schnitt er die Nabelschnur ab von der mosaischen Mutter: der Kreuzestod Christi sei die Erlösung auch vom Gesetz der jüdischen Thora.

Es war die Geburt der christlichen Kirche, als Paulus sich so vor den Jüngern Jesu bekannte; nicht mehr die Lehre der lächelnden Liebe und Weisheit gab seinem glühenden Glauben den Grund: der gekreuzigte Gott, auferstanden vom leiblichen Tod und herrlich gen Himmel gefahren, war das Wunder seiner Verkündung und die Gotteskindschaft der Seele sein Gnadenbeweis.

Aber nun galt der Apostel, der dreizehnte neben den Zwölfen, nicht mehr als Jude; als er dennoch einging zum Tempel, machten die Jünger einen Aufruhr um ihn und wollten ihn steinigen, bis ihn der römische Hauptmann der Wache den zornigen Händen entriß.

Seitdem berief sich der Jude aus Tarsus als römischer Bürger, der Christenapostel ging ein in die Stadt, die das alternde Haupt der alten Welt war und durch seinen Glauben die neue Herrschaft gewann.

Das Reich der Seele wollte mächtig werden in der Wirklichkeit der Leiber, das Buch der Richter des neuen Bundes begann das stolze Kapitel der römischen Kirche.

Das Kreuz über den Gräbern

Als Paulus einging in Rom, war Nero, die Natter des Lasters, Kaiser der wankenden Welt, das Blut seiner Verbrechen stank in den Straßen der steinernen Stadt.

Ihm war der Jude aus Tarsus nicht wert, seiner brünstigen Lehre zu achten; als aber Rom brannte sieben Tage und Nächte, indessen der lustvolle Kaiser dem Schauspiel Verse zusprach, mußten die Nazaräer dem römischen Volk als Brandopfer dienen, und Paulus sank mit in die glühende Asche.

Die dem fressenden Feuer entgingen in den Schlupfwinkeln der schwälenden Stadt, hielten heimlich zu seiner Lehre: der Kaiser konnte den irdischen Leib mit goldenen Ketten behängen und konnte ihn braten auf glühendem Rost; Gott aber gehörte die himmlische Seele, er konnte die goldenen Ketten zur Last und den glühenden Rost zum Lustlager machen.

Sie hatten nicht Schulen noch Tempel, ihr Heiligtum wurde in Höhlen gehütet: wo die Gräber der Gemarterten waren in engen Grüften, stimmten sie frühmorgens die Lobgesänge an und gingen hinaus in den Tag und den Tod, verzückte Pilger der ewigen Seligkeit.

Sie gaben den Armen ihr Geld und den Reichen das frohe Geheimnis der Botschaft, sie säten die Hoffnung in Herzen, die alles verloren und nichts zu gewinnen hatten, sie machten die Tore des irdischen Todes weit auf in die himmlischen Gärten und waren standhaft im Leid, die ewige Lust zu gewinnen.

Ob der Kaiser Trajan, von den Römern der Weise genannt, sie als Rebellen verfolgte, weil ihre Lehre den Kaiser und Knecht, den Bürger und Sklaven gleichmachte vor Gott: die irdischen Blutstrafen wirkten der Nachfolge Christi das himmlische Ehrenkleid.

Viele Kreuze wuchsen dem einen auf Golgatha nach, die Gräberwelt ihrer Höhlen zu füllen, indessen ihr Himmel sich mit den Bildern der heiligen Blutzeugen schmückte.

Das Reich Gottes baute die Räume im Jenseits mit ihren seligen Freuden und gab dem irdischen Jammertal seine brünstigen Träume: vom Lohn der Leiden im jüngsten Gericht, vom Paradies als dem ewigen Vaterhaus der gläubigen Seele.

Das Schaumgold der Kirche

Die aber im Heer des Kaisers dienten als seine Knechte, Mietlinge des blutigen Handwerks aus allen Ländern der römischen Welt, hörten die Botschaft der Christen einfältig wie vormals die Fischer und hörten sie gern als Nachbarn des Todes und als Enterbte der Götter.

Lange bevor Konstantins List das Kreuz zum Feldzeichen machte, ging bei den Legionen der Christengott um: darum gewann Helenas Sohn die Schlacht vor den römischen Toren und zog ein in die Stadt des Augustus als Schutzherr der Christen.

Das Kreuz besiegte den römischen Adler; wo die Tempel der Götter verfielen, wurden den Heiligen Kirchen gebaut, Kirchen über den Gräbern: die Lehre des Galiläers stieg hoch in der Gunst der Gewalt, das Gottesreich aber wechselte seine Gestalt.

Der Kaiser, der klüglich das Kreuz an seine Staatsherrlichkeit klebte, blieb Oberpriester der römischen Götter aus furchtsamer Vorsicht, und taufen ließ er sich erst, als er starb, sündenrein vor den Christengott, als christlicher Kaiser bevorzugt in seinen Himmel zu kommen.

Auch war er ein Sohn des Morgenlandes -- durch Helena, seine jüdische Mutter -- und dem römischen Bürgertum fremd; er legte das asiatische Stirnband seines Despotentums an und machte Byzanz zur Hauptstadt der römischen Welt.

Wie die Sonne der Griechen mit Alexander rauschgolden im Morgenland unterging, so schwand der Vollmond römischer Weltbürgerschaft mit Konstantin hin in die hängenden Gärten.

Darum war es Byzanz, wo der Kaiser im Weihrauch prunkender Messen die Lust seiner Allmacht genoß, wo die höfische Geltung der Kirche die christlichen Hirten zu Weltherren machte.

Höfischer Pomp und der Weihrauch zeremonieller Gebräuche, die Rauschgläubigkeit wundersüchtiger Scharen, das Mirakel und der tönende Schwall himmlischer Freudenverheißung: mit Ornat und Krummstab fiel es über die christliche Lehre, die Liebe und Weisheit des lächelnden Mundes erstickend im Schaumgold kirchlicher Feste.

Simeon aus Sesam

Rund um die Küsten der greisen Griechenwelt lagen die Länder der paulinischen Lehre; Zweifler an den Marmorgöttern hörten die Botschaft seines gekreuzigten Gottes und die Grübler der uralten Logoslehre.

Das Morgenland fing wieder an zu glühen, das vor dem Götterhimmel der Griechenwelt ins Dunkel der Mysterien versunken war; und wo das Wort der neuen Lehre hinfiel auf den verdorrten Boden, da knisterte der nie gelöschte Brand.

Sie ließen die geheimnisvollen Flämmchen des Zoroaster spielen, die neue Wahrheit und die alten Widersacher aus Licht und Finsternis zu deuten, sie schürten mit den Zangen der Spitzfindigkeit und fingen das Gezänk der Deutung an.

Und waren eifrig, von der Gemeinde die Wissenden zu scheiden, und legten um die Einfalt der Botschaft den Priestermantel der Erwählung: im Namen dessen, der die Fischer lehrte und den die Priester kreuzigten, den Klerus vom Laienvolk zu lösen.

Auch sonderten sich manche ab nach alter Weise des Morgenlands, sie gingen abseits in die Wüste und suchten das Geheimnis der Erwählung in den Schlupfwinkeln ihres unreinen Geistes.

Sie leerten ihre Lüste aus und füllten das Gefäß mit Fasten und Verzückung und wähnten, dem Reich Gottes näher zu sein, als die mit Treue den Tag bestanden.

Den sie bei Antiochien bestaunten, ein Hirt mit Namen Simeon aus Sesam, stand dreißig Jahre lang auf einer Säule, den Wallfahrern ein Wunder, und lehrte: Jesus habe teil an seiner Torheit, daß er dastände gleich einem Kranich, der seiner Flügel überdrüssig geworden wäre.

Eudoxia die Kaiserin, so heißt es, hieß einen Turm daneben bauen mit offenem Dach, das hallende Gespräch des Heiligen zu hören: so wähnten in der Wüste ein Hirt und eine Kaiserin der Stimme aus Nazareth zu dienen, die traurig mit den Traurigen und fröhlich mit den Fröhlichen im Volk gegangen war.

Augustinus

Ein reicher Jüngling aus Tagaste lebte seinen Sinnen in Karthago, bis ihn der Geist schalt, daß er gleich einem Tier der Täglichkeit den Trog leer fräße.

Der mit bunten Kleidern auf der Gasse ging, fing an zu suchen in den Schriften, daß ihm der Geist ein besseres Futter fände: so wurde Augustinus ein Schüler der Griechenweisheit und suchte sein Glück so gierig in den Schriften, wie seine Sinne die Brunst genossen hatten.

Als er ein Mann geworden war und selber für einen Meister der Weisheit galt, kam er ins Abendland, in Rom und Mailand zu lehren: der Zweifel aber, gieriger als seine Sinne, wollte ihm alle Wahrheit fressen.

Bis er die Schriften des Paulus fand und daraus die Einfalt zu glauben lernte; der als ein Meister der Weisheit im Abendland Ruhm zu ernten gedachte, kam als ein Schüler der Demut zurück nach Karthago, sein Herz in der Stille der Wüste zu kühlen.

Da trat der sündige Mensch vor Gott und rang wie Jakob mit ihm um Erlösung, da stand vor dem glühenden Dornbusch des Glaubens der Zweifel, sein letztes Reis zu verbrennen, da riß eine Seele den Brunnen der Wüste auf, ihr Menschengesicht im Spiegel der Tiefe zu schauen.

Sie holten ihn auf den Stuhl des Bischofs von Hippo, Hirt und Herold der Kirche zu werden wie keiner; so wurde der Kirche der Mund der Inbrunst geschenkt und der paulinischen Lehre der hitzigste Streiter.

Als ewige Erbschaft war an die Schwelle der Menschheit die Sünde Adams gestellt, die Gnade Gottes allein vermochte den erbsündigen Menschen aus der Verdammnis zu lösen.

Die Gnade Gottes war der Kirche gegeben; sie war das Reich Gottes auf Erden über der Macht der weltlichen Staaten; bis das Weltgericht kam und das bunte Scheingewand der Welt in Flammen verzehrte, hielt sie der erbsündigen Seele die Gnadentür offen.

So sprach Augustinus, der Bischof von Hippo, der Kirche den Gnadenschatz zu, so sank der Stachel der Erbsünde ein in die Christengemeinde, mit ewiger Verdammnis die furchtsamen Herzen zu schrecken und mit der Verheißung des Himmels zu locken.

Nicäa

Was zu den Hirten von Bethlehem kam als himmlisches Licht, Gott in der Höhe zu Ehren, der Erde zum Frieden und den Menschen ein Wohlgefallen, war eine schwelende Brandfackel geworden der christlichen Rechtgläubigkeit.

An die dreihundert Bischöfe samt ihrem geistlichen Heerbann hielten Konzil zu Nicäa, den Punkt zu erzirkeln, wo zwischen der göttlichen Natur des Erlösers und dem menschlichen Dasein des Zimmermannssohnes sein Wesen als kirchlicher Lehrbegriff stände.

Noch war das düstere Wunder paulinischen Glaubens nicht unter Dach, noch stand das Opferlamm Gottes nicht auf dem Altar der beschworenen Glaubensartikel, noch war die Dreifaltigkeit nicht im Lehrgebäude der Kirche gesichert.