Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 36

Chapter 363,734 wordsPublic domain

Denn Serbien lag als ein Stein vor der Tür in den Balkan; sollte Groß-Österreich werden, war Belgrad der Schlüssel, und sollte der Schlüssel Habsburg gehören, mußte das serbische Volk samt seinem russischen Schutzherrn gedemütigt sein.

Frechheit und Leichtsinn reichten einander die Hände, da Habsburg solch ein vermessenes Glücksspiel begann; und Habsburg wußte genau, daß es allein nichts vermochte: aber der mächtige Bruder im Norden sollte sein ehrliches Schwert über der blinden Vermessenheit halten.

Serajewo

Franz Ferdinand wollte den bosniakischen Völkern den kommenden Landesherrn zeigen; in Serajewo traf ihn die Kugel eines Studenten; die zweite Kugel sollte den Statthalter treffen und fand die Thronfolger-Fürstin.

Die Tat geschah am hellichten Tag, und der Mörder wurde ergriffen samt seinen Genossen; aber der Mord schrie nach größerer Rache.

In Belgrad war der Mord von Serajewo geplant und beschworen; ihn zu sühnen, wurde das serbische Volk vor eine kurze Frist und eine harte Entscheidung gestellt.

Sie wußten genau in der Hofburg, Serbien treffen, hieß Rußland entfachen; das sollte die Sorge des stärkeren Bruders im Dreibund sein.

Der stärkere Bruder im Dreibund hatte für einen Glücksspieler gebürgt; als er die Karten aufgedeckt sah, war es zu spät, die Bürgschaft zu lösen.

Er hatte in schimmernder Wehr mit seiner Treue geprahlt; nun brannte der Saal und der Nibelungenkampf begann auf Leben und Sterben.

Der Weltkrieg

Deutschland erklärte Rußland den Krieg, und die Welt verfluchte den Friedensstörer; Deutschland marschierte in Belgien ein, und die Welt schrie nach Rache; Deutschland stand auf, wie ein Volk um sein Dasein aufsteht, und die Welt war bereit, sein Dasein zu löschen.

So war es schon einmal, als Friedrich in Sachsen einbrach, als Österreich, Rußland und Frankreich, samt seinen Trabanten im Rheinbund, mit ihrer Unschuld dastanden und engelrein kamen, den Bösewicht zu bestrafen.

Frankreich hatte nicht Jahr für Jahr um seine Revanche gefiebert; Rußland hatte nicht Bahnen gebaut und zum Krieg gerüstet mit dem Geld der Franzosen; England hatte nur friedliche Freundschaft gesät in Frankreich und Rußland.

Nie sah die Welt so ehrlich entrüstete Mienen, als da der Tag kam, den sie alle gewollt hatten; nie ging ein Volk so blind in die Falle, als da die Deutschen Habsburg zuliebe in das geschliffene Schwert rannten; nie hatte ein Volk seinen Führern so töricht getraut und sie leichtfertig gehen lassen; nie war eine Schuld so schief und ein Schicksal so aus der Schulter gerissen.

Der Krieg stand vor der Tür, und Wilhelm der Zweite ging auf die Reise; sein Kanzler sah weisheitsvoll zu, wie das Reich eingespannt wurde vor den Habsburger Wagen; die Bundesfürsten und all ihre klugen Minister ließen die Dinge geschehen, als ob der kommende Tag ein Manöver und das heiligste Ding in der Welt eine mißbrauchte Bundespflicht wäre.

Aber tief in den Gründen des Volkes gerannen die Säfte der Zeit; die alte und neue Zwietracht fühlten die Stunde gekommen für ihre Ernte, die dritte stand todesbereit.

Aller Wohlstand der Städte und all die neue Reichsherrlichkeit war nur der Tanz um das goldene Kalb, all die prahlende Pracht nur die Jagd nach dem Glück und all die fiebernde Hast nur die tiefe Enttäuschung gewesen.

Die goldene Spinne hatte in allen Herzen gesessen, sie hatte den Armen geplagt und den Reichen gehetzt und hatte den Menschen die Seele gefressen: Glück war Genuß, Genuß war Gier, Freiheit war Willkür, Schönheit war Schein und Würde war falsche Währung geworden.

So stieg der Groll aus den Tiefen und sah ein anderes Glück auf die Spitze des Degens gestellt, als das in all den Geschäften, Büros und Fabriken, Straßen und Bierhallen der prahlenden Städte zuhaus war.

Aber der Groll war nur Schaum in den Wogen; die Wogen gingen um Macht, wie sie in England, Frankreich und Rußland um Macht gingen; und Macht hieß vom Reichtum der Erde mehr als die andern besitzen.

Die Schuld

Willst du den Frieden, so rüste für den Krieg! stand über den Türen der Staaten, aber das doppelzüngige Wort hatte das Abendland in die Hölle geführt; denn wer den Krieg rüstet, der züchtet ihn groß, und wer ihn züchtet, den will er fressen.

Eisen und Blut hatte Bismarck verkündigt, aber Eisen und Blut heißt die Gewalt; Gewalt heißt mißbrauchte Macht; Widergewalt oder Knechtschaft, anderes kann sie nicht züchten: Widergewalt gaben einander die Staaten im Abendland, Knechtschaft war über den wehrlosen Völkern der Erde.

Sie hießen sich christliche Völker und lebten im Haß; sie sangen Frieden auf Erden und starrten auf Krieg; sie rühmten sich ihrer Kultur und maßen sich mit Kanonen.

Raubtieren gleich saßen sie hinter den Gittern, Raubtieren gleich streiften sie über die fernsten Felder der Erde, ihren Raub unter den wehrlosen Völkern zu finden.

Und all ihr Begehren, ihr Streit und die tödliche Feindschaft ging um den Fraß: Kolonien hießen sie ihren Futterplatz, Kriegsflotten ihre Krallen, und abendländische Kultur die Verderbnis und Sklaverei, die sie in alle Erdteile brachten.

Willst du Gewalt, so rüste den Krieg! willst du den Mißbrauch der Macht, so mache dich mächtig, Gewalt zu gebrauchen! und willst du Frieden, so bist du ein Schaf unter Wölfen!

Rußland mußte das Meer haben, aber das Meer stand ihm offen für alle seine Schiffe, solange nicht Krieg war; England mußte den Seeweg nach Indien schützen, aber im Frieden konnte ein Hochzeitspaar mit der Schaluppe nach Indien fahren; Deutschland mußte die englische Seeherrschaft brechen, aber die Häfen der Welt waren der schwarzweißroten Flagge geöffnet, bis sie der Krieg zumachte.

Das Abendland wollte den Krieg, weil sein Dasein Gewalt war; als es ihn vierzig Jahre lang gezüchtet hatte, konnten die Gitterstäbe des Friedens das Raubgetier nicht mehr halten.

Die Marneschlacht

Als die Deutschen wieder nach Frankreich marschierten, sollte noch einmal die Zange den raschen Feldzug gewinnen; indessen von Metz bis Mühlhausen nur eine Scheinmacht anrannte, sollte der weitaus gewaltigere Flügel von Norden einschwenkend das feindliche Heer in seinen eigenen Festungswall pressen.

Wohl konnte das übergewaltige Kriegsvolk der Deutschen das belgische Heer überrennen, aber von Lüttich bis Charleroi floß viel Blut in die Spur; und jedes Dorf, das an der Maas brannte, war der Welt eine lodernde Fackel, das deutsche Unrecht grell zu beleuchten.

Auch hielten die harten Kämpfe den Einmarsch tagelang hin; als die Deutschen nach Charleroi kamen, fanden sie schon die Franzosen.

Von Verdun bis Lille stand ihre Front kampfbereit und mußte in schweren Stürmen berannt sein, indessen aus Flandern das englische Heer die deutsche Flanke bedrohte.

Aber dem Ungetüm schien der gewaltige Schlag doch zu gelingen: in breiter Flucht wankte die Mauer der stolzen Franzosen, über die katalaunischen Felder rollten die Trümmer hin.

Schon schwärmten die deutschen Ulanen gegen die Seine, der Donner naher Kanonen schreckte Paris, der Präsident samt den Ministern floh nach Bordeaux, als sich die Absicht der Zange enthüllte.

Einem gewaltigen Torflügel gleich drehte die deutsche Front sich nach Osten, die Riegel streiften Paris und gingen bei Meaux über die Marne hinüber, die katalaunischen Felder von Westen umfassend.

Zu riesenhaft waren die Massen der Männer, Rosse, Kanonen und Wagen, die tagelang vorgestürmt waren; als sich die Heerhaufen zu kreuzen begannen, als der Befehl sich verwirrte, mußten die Deutschen zurück: die Schwenkung war über die eigenen Füße gestolpert; die Führung hatte den Griff der Zange verloren.

Wohl konnten die Heere sich sammeln und über dem weißen Staub der Champagne eine festere Mauer aufstellen, als vordem die der Franzosen: aber die Marneschlacht war verspielt, der große Schlag war mißglückt, ein anderer Feldzug mußte beginnen.

Nur noch am äußersten Flügel im Westen fraß sich der Feuerbrand hin; die Heere wollten einander umfassen und rissen die Schlacht nach Norden, bis sie nach blutigen Wochen in Flandern erstickte, bis die Mauer der Deutschen von Basel bis Ypern kampfbereit stand.

Die rasende Fahrt der Kanonen über die Straßen und Felder, das rasche Reitergefecht, der nächtliche Marsch zur Umfassung, der Sturmangriff der Bajonette: was sonst den fröhlichen Feldzug machte, kam nun zur Ruhe, der Schützengraben wühlte den Krieg in die Erde.

Hindenburg

Indessen der Krieg mit seinen Schrecken und Leiden über Belgien hinfuhr, indessen die Schlacht an der Marne den deutschen Siegeszug hemmte, daß der fressende Feuerbrand aus Frankreich nach Flandern hinüber flammte; kam er von Osten gegen Deutschland gezogen.

Österreich wollte der Russenmacht wehren, aber sein Holzschwert zerbrach ihm; unwiderstehlich drängten die russischen Heere nach Westen: das Abendland hatte gerufen und Asien kam, den Ruf zu erfüllen.

Wie ein Land unter Wasser gerät -- ein Damm ist gebrochen, und überall quellen die Ströme -- so kam die Russengefahr über Preußen: Tilsit, Gumbinnen und Insterburg waren von ihren Scharen erfüllt, Königsberg wurde bedroht von den raschen Kosaken, der Schrecken schäumte die Flüchtlinge gegen Berlin.

Aber die Tage von Tannenberg setzten der Furcht und der Flucht ein fröhliches Ende: Hindenburg kam, den sie danach den Russenschreck nannten, und wurde der Retter des preußischen Landes.

Er war schon ein Greis und niemand hatte den Mann gekannt, der über allen Männern des Krieges fortab gerühmt war: ein Vater Blücher zum andernmal und wie der Held an der Katzbach geliebt von seinen Soldaten.

Er lockte das russische Heer in die masurischen Sümpfe und stellte die Falle so listig, daß nach der verlorenen Schlacht nur noch der Nachhut der Russen die eilige Flucht glückte.

Seit Sedan sah kein Schlachtfeld solch einen Sieg, wie der bei Tannenberg wurde; die Welt horchte auf, daß wieder ein Feldherr am Werk war; den Deutschen wurde der Name Hindenburg teuer, als ob der Name allein ein Siegespfand wäre.

Die Blockade

So hatte der Krieg mit gewaltigen Schlägen begonnen, froh wehten die Fahnen in Deutschland: sie wehten Sieg, aber sie wehten kein Ende; denn der Feind war nicht Frankreich und Rußland, der Feind war England, und England saß hinter dem Wasser.

Wohl lagen die großen Schlachtschiffe gerüstet zum Kampf im Troß ihrer Kreuzer; sie konnten die Küsten beschützen, den Kampf in Feindesland tragen konnten sie nicht: sie mußten lauern und warten, was England, dem Seeherrn, beliebte.

England, der Seeherr, brauchte sich nicht zu beeilen; ihm saß der Feind in der Falle, ihm konnte er siegen gegen die Russen und festhalten in Frankreich, und war doch verloren.

Denn England sperrte die Nordsee; und Deutschland mit all seinen Soldaten und ihrer Todesbereitschaft, mit seinen Fabriken und volkreichen Städten im kargen Land, Deutschland mit all seinen flatternden Fahnen und allen Wimpeln der Flotte war nur eine belagerte Festung; und eine belagerte Festung besiegte der Hunger.

Englische List und Gewalt mußten der Festung den letzten Weg in die Welt verriegeln; daß aber List und Gewalt gerecht und geehrt unter den Völkern daständen, mußte der Deutsche das Recht und die Achtung des ehrlichen Mannes verlieren.

So wurden auf allen Straßen der Welt die deutschen Greuel verkündigt; so wurde ein ehrliches Volk unehrlich gesprochen; so wurden Groll und Geschäftsneid der Völker zum Haß aufgestachelt.

Alle die Völker der Erde, die weißen, schwarzen und gelben: alle wurden gerufen, als Kläger, Richter und Büttel der englischen Feindschaft Gericht über Deutschland zu halten.

Alle hatten angeblich den Nächsten geliebt und seine Rechte geachtet, keiner hatte je einem Gewalt angetan, wie der Burenbezwinger, der Schutzherr Ägyptens und gütige Pfleger der indischen Völker mit ehrlicher Miene bezeugte: nur Deutschland allein hatte zuerst das Geschäft und danach den Frieden gestört.

List und Gewalt der Blockade sperrten der Festung die letzte Hintertür zu; mochten die deutschen Soldaten in Frankreich und Flandern, in Polen und Rußland ihr hartes Männerwerk tun, an ihren Frauen und Kindern mußten sie dennoch verlieren; England stand vor der Welt im Glorienschein seiner Gerechtigkeit da.

Der Schützengraben

Die Feldheere hatten in Frankreich vergeblich gerungen; als die Russengefahr Hindenburg rief, lag im Westen der Krieg an der Kette, die Ring um Ring ineinander geschmiedet von Flandern zum Elsaß die feindlichen Heere verband.

Ein stummes Gewühl war gewesen durch Tage und Nächte, Spaten und Hacken hatten die Löcher gegraben, darin die Männer nun saßen, vor Kugeln gesichert, darin sie Rast und Unterstand hatten nach wilden Märschen und blutigen Schlachten.

Aber der Unterstand wurde die Wohnung für Wochen, und Wochen liefen in Monaten hin; da waren die Gräben und Löcher nichts nütze, da wurde die Front vom Elsaß nach Flandern als Festung gebaut.

Schützengräben, künstlich gewinkelt, waren die Brustwehr, wenn irgend ein Angriff die Männer aus ihren Höhlen heraus rief; sonst saßen sie sicher geschützt in den Kammern, dahin die Treppen tief in die Erde hinunter gingen.

Nur die Horchposten standen im Stahlhelm; wie einmal die Torwächter spähten sie aus nach dem Feind, der drüben gleichso verbaut saß.

Hüben und drüben der Graben mit seiner Brustwehr, kaum sichtbar erhöht, manchmal am Himmel das dralle Gewölk der Schrapnelle oder der bräunliche Rauch großer Kanonen, selten ein Schuß in der Nähe, nur unaufhörlich das ferne Gegroll: so war der Krieg in die Stille gesunken.

Aber die Stille war Tücke: tief in der Erde wurden die heimlichen Gänge gebohrt, eine Mine sprang gegen den Unterstand auf, alles mit Feuer und Eisen und Hölle vernichtend; oder ein Schuß schnitt seinen Blitz zu spät in die Nacht, Siegergeheul und Todesröcheln erfüllten die Gräben.

Aber die Raubtiere, einander belauernd vom Elsaß bis Flandern, konnten auch friedlicher sein: ein sonniger Wintertag rief sie heraus aus den Löchern; da saßen sie da in den Gräben, rauchten und lachten und riefen einander mit fremdem Mund spöttische Worte hinüber.

Auch konnte die Neugier sie packen, einander mit Augen zu messen; dann trauten sie ihren Zeichen, kamen herauf auf die Brustwehr und sahen die fremde Lehmgestalt an mit seltsamen Augen, daß solches geschähe: Mensch gegen Mensch entfesselt durch Wochen und Monde, gestern noch blutrünstige Tiere und heute harmlose und fröhliche Knaben.

Alle hatten daheim eine Mutter, eine Braut oder gar eine Frau mit ihren Kindern, den Stall und das Feld, den Schraubstock oder den Schreibtisch treu zu besorgen, indessen sie hier in der Fremde dem Tod und der Trübsal verkauft waren.

Es konnte schon morgen geschehen, daß die grollende Ferne über sie fiel mit Granaten, daß die Kanonen hüben und drüben den Feuerkampf um den Graben begannen.

Dann kam das Unheil heulend geflogen, Zentner von Eisen bohrten sich ein in den Grund und zersprangen im Feuer; brüllender Donner, Blitz und Schlag unaufhörlich; ein feuriger Krater, tief aus der Erde gerissen, verschüttete Männer, Graben und Unterstand.

Trommelfeuer hießen sie das, wenn sie in ihren Höhlen dasaßen, stumm und geduckt, und die Hölle raste über sie hin, Stunden um Stunden, manchesmal Tage erbarmungslos füllend.

Da wurde die letzte Fröhlichkeit still, da bebte die tapferste Seele, da war der Mensch nur noch Kreatur, aus Raum und Zeit zurück in den Abgrund der Schöpfung gerissen.

Und wenn die Hölle ausgerast hatte, wenn das Donnergebrüll schwieg und die gepeinigte Erde zu zittern aufhörte, fing die Vernichtung ihr letztes Mörderwerk an: Hyänen kamen gesprungen, die Opfermahlzeit zu halten; Handgranaten und Messer mußten dem letzten Verzweiflungskampf dienen.

Und einmal war alles vorüber, die Verwundeten waren verbunden, die Verschütteten ausgescharrt, die Toten begraben, Brustwehr und Graben von Blut und Gedärm, vom Unrat des Todes gereinigt: Stille stand über dem Graben, nur das dumpfe Gegroll in der Ferne, am Himmel das dralle Gewölk der Schrapnelle.

Bis wieder nach Stunden, nach Tagen, nach Wochen die Hölle anfing, wie es der Heerbefehl wollte, dem alle diese Männer hüben und drüben in ihren Höhlen, als ihrem Schicksal blind untertan waren.

Die belagerte Festung

Eine belagerte Festung war Deutschland im Weltkrieg, und alle Tapferkeit konnte dem Hunger kein Tor öffnen.

Hindenburg hatte im Osten den russischen Sturm abgeschlagen und Polen zum Bollwerk der Festung gemacht; im Westen hielt eine Mauer aus Stahl und Treue der Heimat den Feind fern: aber das Außenwerk hier wie dort konnte den Frauen und Kindern kein Brot bringen.

Als Mackensen dann mit Conrad von Hötzendorf in Galizien siegte und die russische Front weit in die Sümpfe zurückwarf, waren unendliche Weiten und Wüsten erobert, die russische Kornkammer war es nicht.

So mußte die Tapferkeit weiteren Weg suchen; über den Balkan brauste sie hin zu den Türken; Serbiens kurzes Siegerglück sank vor der deutschen Übermacht nieder: aber der Weg nach Bagdad führte nur in die Wüste.

Auch der heilige Krieg des Propheten half der Festung nicht aus dem Hunger; der Halbmond war in den türkischen Angeln verrostet, der kranke Mann in Byzanz konnte kein Wunder im Morgenland wirken.

Die deutsche Tapferkeit hatte -- das mußte sie bitter erfahren -- nichts als ihr Schwert; nie hatte sein Schlag so harte Taten getan, als da es vor seinem Untergang stand.

Wie einmal die Goten ihr kurzes Schwertherrenglück hatten, wie Alarich über Rom siegte und doch nur ein Straßenkönig war, wie der Ruhm des tapferen Todes um Totilas blühte: so wurde das deutsche Schicksal noch einmal erfüllt.

Völkerwanderung war wieder wie damals; die Straßen des Abendlandes hallten von ihren Schritten; von Ypern über die Dardanellen, vom Idsteiner Klotz bis Riga donnerten ihre Kanonen, und wie zu Kreuzritterzeiten flatterten deutsche Fahnen im heiligen Land.

Seit dem Kriegsherrn aus Korsika sah der Dämon des Krieges nicht solche Taten; und wo seine große Armee im russischen Winter verdarb, standen die Deutschen getrost und rasteten nicht, bis sie die Zarenherrschaft zerschlugen.

So grausamen Hohn hatte das Schicksal dem deutschen Schwert aufgespart, daß es der englischen Weltherrschaft diente, indem sein tödlicher Schlag das Russenreich traf.

Unter den Feinden Englands war Deutschland der nächste, Rußland der stärkste; als der nächste den stärksten bezwang, hatte das deutsche Schwert den Krieg für den englischen Seeherrn gewonnen.

Denn nun stand Deutschland als Todfeind Englands allein; die belagerte Festung hatte sich selber das letzte Bollwerk zerstört: England konnte getrost auf den Tag warten, da der Hunger der deutschen Tapferkeit das Schwert aus der Hand nahm.

Das Unterseeboot

Wohl streckten die norddeutschen Länder sich an der kalten Meerküste hin, aber die Ostsee war nur ein Schlauch, und die Nordsee hießen die Seeleute spöttisch den nassen Sack.

Die englischen Schlachtschiffe brauchten sich nicht aus den sicheren Häfen zu rühren; die schnellen Kreuzer allein hielten Wacht, sie zu rufen, wenn ein Feind in den nassen Sack kam.

So lag die Flotte des Kaisers wie ein Hund an der Kette; die noch draußen im Weltmeer schwammen, als der Krieg kam, die großen und kleinen Kreuzer konnten die Heimfahrt nicht finden und mußten tollkühn den eigenen Straßenkrieg wagen.

Goeben und Breslau, die Kreuzer im Mittelmeer, schlugen sich durch zu den Türken; das kleine Geschwader des Grafen Spee mehrte vor Chile den deutschen Sieg und fand am Kap Horn seinen grausamen Untergang.

Die Königsberg kreuzte bei Sansibar und die Emden bei Singapure; sie führten den Kaperkrieg, und wie ein Wolf unter den Schafen störte die Emden die englische Schiffahrt, bis eine ganze Flotte auslief, den frechen Kreuzer zu fangen.

Tapfer und tollkühn waren die Taten, und die Welt hörte erstaunt, was der tollkühne Seemann vermochte; und als die versprengte Mannschaft der Emden auf einem Kutter die Argonautenfahrt machte und aus der Südsee über Arabien glücklich heimfand, sang der Ruhm um die Männer.

Aber der tollkühne Mut und der Ruhm, das Seefahrerglück und der tapfere Untergang halfen der deutschen Schlachtflotte nicht aus dem nassen Sack und der darbenden Heimat nicht aus der Blockade.

Das Unterseeboot allein konnte ihr trotzen, konnte den hungernden Frauen und Kindern ein Rächer, den Brüdern in Frankreich ein Nothelfer sein.

Einem Seehund gleich schwamm es hinaus, kaum sichtbar über den Wellen; wenn Gefahr kam, konnte es tauchen, und wenn es den Feind suchte, ragte sein Sehrohr allein aus dem Wasser.

Ehe die feindlichen Augen sein tückisches Dasein erspäht hatten, riß sein Torpedo den Schaumstreifen auf; zu spät erblickten sie ihn, schon kam der krachende Stoß und warf das Schiff auseinander.

Im eisernen Bauch des Seehunds saßen die Männer, eng aneinander gedrängt neben dem stampfenden Raum der Maschinen, die tagelang so durch die Meerwüste schwammen, immer des Todes gewärtig und immer bereit, ihn zu senden.

Noch waren der tückischen Boote zu wenig, dem Seeherrn Sorge zu machen; als aber ein einziges Boot im Kanal in einer Stunde drei große Kreuzer trotz ihren Kanonen und ihrem gepanzerten Bauch auf den Meeresgrund schickte, ging das Gespenst der Furcht um die Küsten von England und wurde nicht nur von den Kindern gesehen.

Auf den Werften der kalten Meeresküste lagen die eisernen Bäuche der Unterseeboote dicht bei einander, Tag und Nacht wurde daran mit hundert Händen gehämmert, und wo ein grauer Bauch in das schäumende Wasser abrollte, lag ein neues Gerüst schon bereit.

So war der nasse Sack nicht mehr zu; die schnellen Kreuzer konnten nicht mehr die großen Schlachtschiffe rufen, sie konnten nur warnen vor dem gefährlichen Feind und mußten in jeder Minute bereit sein, am eigenen Leib den Stachel zu fühlen.

Die englische Insel kam in Gefahr, selber belagerte Festung zu werden, selber an Frauen und Kindern die Grausamkeit ihrer Blockade zu spüren; und Deutschland fieberte auf, doch noch den Sieg heim zu bringen.

Immer größere Boote wurden gebaut und immer grausamer rasten die Dieselmotore, die eisernen Bäuche durchs Wasser zu peitschen, immer mehr stolze Schiffsleiber sanken durch ihre Torpedos, immer mehr Augen in England sahen das graue Gespenst an den Küsten.

Aber das Weltmeer war groß, zu stark waren die englischen Häfen, der Schiffe zuviel und mehr noch der Werften, neue zu bauen; auch war der Kanal durch Netze und Minen gesperrt und der Weg um die schottische Felsküste ging weit und gefährlich.

Als die Ziffer der Riesenverluste langsam zu sinken begann, hatte der Seeherr den Krieg doch wieder gewonnen; ihm den sicheren Sieg zu entreißen, mußte die Mauer aus Stahl und Treue im Westen noch einmal die Marneschlacht wagen.

Ludendorff

Als die deutschen Soldaten nach Frankreich marschierten, trug der Mann sein Gewehr, wie einmal der Landsknecht die Lanze; marschieren und stürmen, die Kugel senden und empfangen, sollte sein Kriegshandwerk sein.

So aber wurde der Krieg in den Jahren, da ihn der Schützengraben verschluckte, da die feldgrauen Männer Monde und Jahre in ihren Erdlöchern hausten, da die Mauer aus Stahl und Treue dem Trommelfeuer standhalten mußte: Das Gewehr hing am Nagel, aber die Handgranate am Gürtel; denn das Handgemenge im Graben war nun das Gefecht, Mann gegen Mann, Messer gegen Messer.

Und auch das Grabengefecht war nur noch das Blutgerinnsel des Krieges; denn der Krieg war die Menschenvernichtung der elementarischen Mächte.

Feuer, Wasser und Luft: alles hatte der Menschengeist auf seiner Erde gebändigt; wie ein Zauberer die Geister in seinen Zirkel zwingt, mußten die Mächte ihm dienen zur Arbeit; als er sie aufrief zum Streit, war der Zirkel gesprengt, und über ihn selber kamen die Mächte mit ihrer Vernichtung.

Denn ein Krieg der Fabriken, nicht mehr der tapferen Männer war dies, daß eiserne Särge voll Feuer und Gift und Vernichtung meilenweit durch die Luft kamen, daß ihr Niederschlag die Krater der Erde aufriß.

Daß giftige Gasschwaden über die Erde hinkrochen, in alle Spalten, Gräben und Erdlöcher dringend und alles Dasein bis in die Gründe vernichtend.