Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 35

Chapter 353,774 wordsPublic domain

Prahlender Wohlstand baute die Straßen und Brücken, Kirchen und Rathäuser der Neuzeit und sparte nicht mit dem Prunk; aber der Prunk war mit raschen Händen gerafft wie der Wohlstand.

Unserer Väter Werke stand an den Toren und Türmen geschrieben; aber die Väter hatten das ihre mit Würde und weiser Beschränkung getan, die Enkel zogen den Stil aller Vergangenheit an wie Theatergewänder.

Romanisch und gotisch, Renaissance und Barock, Rokoko und Empire: alles konnten sie bauen, als ob die Neuzeit der Maskenball jeder Vergangenheit wäre.

Die Vorstadt

Springbrunnen sprangen in sauber gezirkelten Beeten, und Denkmäler standen auf blankem Granit: aber die Schienen der Straßenbahn schnitten quer über die breite Allee und liefen hinaus in die steinerne Wüste der Vorstadt.

Einförmiger wurden die schmalen Fassaden und enger die Straßen, kleine Geschäfte ahmten den größeren nach mit trüben Schaufenstern und trugreichen Schildern, schmutziges Pflaster löste den blanken Asphalt ab, bis endlich der schwarze Kohlenweg kam zwischen verödeten Fenstern.

Noch ragten die Häuser mit vielen Stockwerken; öde Brandmauern, mit grellen Schriftzeichen bemalt, rissen die Lücken hinein, wo alte Kiesgruben waren und verwaschene Schutthalden.

Da wohnten die Frauen und Kinder all der Fabrikler, die dem prahlenden Reichtum der Stadt der drohende Untergrund waren.

Schmächtige Stiegen und schmale Zimmer, eng ineinander geschachtelt, ärmliche Höfe, kein Gartengrün, grauer Zement, von Ruß und Regen beronnen, als Spielplatz der Kinder das Pflaster der Straße: aber vor all der Dürftigkeit noch das blöde Gesims und Gesockel falscher Fassaden.

So war die Armut der Vorstadt zu Haus, und die Armut hing am prahlenden Wohlstand mit dem kärglichen Lohn ihrer Arbeit.

In grauer Frühe gingen die Haustüren auf, und der eilige Schritt auf dem Pflaster strebte der Stadt zu, ihren Kaufhäusern, Büros und Fabriken, wo die Hände der Vorstadt ihr Sechstagewerk taten.

Wo ein Rad rollte, wo ein Schornstein rauchte, wo ein Licht brannte, wo eine Maschine ihr blitzschnelles Werk tat in Spindeln und Pressen, wo gebaut, gehämmert, genietet, gewebt, wo gewogen, gemessen, verladen und eingepackt wurde: überall waren die Hände der Vorstadt geschäftig, den Reichtum zu raffen, der in den Straßen und Stuben der neuen Bürgerschaft prahlte.

Wie durch ein Sieb sickerte der dünne Wochen- und Tagelohn durch, indessen der Mehrgewinn das Gold in den Maschen anschwemmte, die Taschen der Klugen und Harten zu füllen.

Das Sozialistengesetz

Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf leichten Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland hieß: sie trugen die rote Zwietracht im Herzen, wie einmal die Hirten in kalter Nacht auf dem Feld die Botschaft der Engel vernahmen.

Sie hießen sich Sozialisten und glaubten mit glühenden Augen, daß einmal das Reich der Gerechtigkeit käme; ihrem Glauben war Hoffnung, doch keine Liebe gesellt: Haß hieß der Quell, daraus sie tranken.

Sie haßten den Reichtum und seine Nutznießer, sie haßten die Prunkstraßen der Stadt und alle, die darauf spazierten, sie haßten den Bürger, der seinen Tag lebte, und haßten den Staat, der seinen Wohlstand beschützte.

Sie haßten die Kirche, weil sie den Armen den Himmel versprach für die entgangenen Freuden der Erde; sie haßten den Kaiser dazu, weil Thron und Altar die Stützen der alten Klassengewalt waren.

Der Kaiser war längst ein Greis, und drei Jahrzehnte waren vergangen, seitdem er Kartätschenprinz hieß; drei Jahrzehnte hatten sein greises Haupt ehrwürdig gemacht; wenn seine gebeugte Gestalt im Wagen ausfuhr, freundlich nickend nach allen Seiten, strömten ihm Liebe und Dank, Ehrfurcht und Jubel des Volkes zu.

Aber der Jubel reizte den Haß, und dem Haß sind die Wege zur Hölle gepflastert: Hödel, der Klempnergeselle, fehlte mit seiner Kugel den König; Nobiling schoß ihn mit Rehposten nieder wie der Wilderer ein Wild.

Indessen der schmählich verwundete Greis von seinen Wunden genas, beschloß der Reichstag das Sozialistengesetz, das um den Abgrund der roten Zwietracht den bösen Stacheldraht zog.

Wie einmal den Burschenschaften geschah, geschah nun den Sozialisten: Verfolgung, Gefängnis und Landesverweisung waren das grausame Los aller, die sich bekannten.

Zum andernmal kam dem Geheimrat der Büttel zur Hand, aber der Wille der Mehrheit, nicht Willkür der Fürsten, gab ihm die Macht, im Namen des Rechtes Unrecht zu walten.

Haß löckte wider den Haß: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatte es einmal geheißen, da der Bürger sein Dasein gegen die Junker und Pfaffen erhob; nun klang der gleiche Ruf gegen ihn, den Feind des Genossen.

Der Deutsche Soldat

Wenn der deutsche Jüngling ein Mann werden wollte, mußte er auf die Ziehung: so hieß der Volksmund den Tag, da die Jungmänner gemustert wurden, ob sie zum Heeresdienst taugten.

Die es traf, weil sie gesunden Leibes und gut bei Sinnen waren, kamen mit bunten Bändern am Hut nach Haus; und hatten die Kehlen heiser an den alten Soldatenliedern gesungen.

Denn Soldat hieß nicht mehr ein Söldner sein, der um Sold in den Krieg ging; Soldat sein war eine stolze Pflicht, die dem Gesunden zufiel, und den Rock des Königs zu tragen, war eine Ehre.

Ob sie mit langen Schritten hinter dem Pflug gegangen waren oder mit flinken Händen im Laden bedient hatten; ob sie vom Handwerk kamen oder aus der Fabrik; ob sie sanft oder rauh, in der guten Stube verzärtelt oder schon von den Hunden der Not gehetzt worden waren: die Kaserne raffte sie in ihre Kameradschaft.

Da hießen sie alle Rekruten und lernten den gleichen Schritt aus dem Vielerlei ihrer Herkunft; da trugen sie alle das Krätzchen auf ihrem geschorenen Kopf und aßen das gleiche Kommißbrot.

Statt schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen lernten sie die Beine werfen im Gleichschritt und die harten Griffe mit dem Gewehr, lernten sie den Befehl mit dem unbedingten Gehorsam.

Wenn sie dann in den ersten Urlaub kamen, waren sie in die Uniform eingewachsen und warfen den Augen der Mädchen die stolzen Blicke zurück; sie hatten den Schritt des Mannes gelernt, der im Dienst geht.

Denn zu schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen war längst aus der ehrbaren Zunft in den Alltag des Lohnes geraten; das Handwerk hatte nicht nur seinen goldenen Boden, sondern auch seinen Stolz verloren: es gab dem einzelnen Dasein Unterschlupf; aber Soldat sein raffte den Einzelnen in die Gemeinschaft.

Ob sie in Königsberg oder Ingolstadt, in Mainz oder Flensburg zum Paukenschlag und Hörnerschall durch die klingenden Straßen marschierten oder gar ritten: überall war die gleiche Parole um sie, der gleiche Schritt und der gleiche oberste Kriegsherr.

Zu Hause hatten sie Schwaben und Bayern, Sachsen und Preußen, Rheinländer und Schleswig-Holsteiner geheißen; aber das Heer war deutsch, und sein Vaterland hieß das Reich.

So hing ein Glanz um den Schritt des Soldaten, den der Alltag vermißte; und wenn die Herbstmanöver den Schritt aus der Garnison hinaus führten in die Dörfer und verschlafenen Städte der Landschaft, hing sich dem Glanz die Romantik heißer Marschtage und fröhlicher Einquartierung an.

Ein anderer Jungmann als der aus den Händen der Mutter kehrte nach seinem Dienst in die Herkunft zurück; er hatte erfahren, daß die Heimat nicht nur das Dorf oder die Stadt seiner Eltern, sondern das Vaterland war.

Er war in der Schule des deutschen Volkes gewesen; und wie ihn danach der Alltag in seine Hände bekam, die Schulzeit konnte er nicht mehr vergessen: dem gedienten Mann blieb die schönste Lebenszeit jene, da er den Tornister trug; und noch dem Greis wurden die Augen hell, wenn er von seinem Hauptmann erzählte.

Kaiser und Kanzler

Siebzehn Jahre lang trug der greise König von Preußen die Kaiserkrone von Deutschland, wahrhaft geliebt von seinem Volk und geachtet unter den Völkern.

Als er im einundneunzigsten Jahr seines Lebens einging zu den Vätern, war sein Sohn ein todkranker Mann, und jedermann sah, wie der Zeiger der Zeit auf den Enkelsohn übersprang.

Noch aber hielt der Kanzler dem Reich die Gewichte; auch er war ein Greis, und die Jahre der Zwietracht hatten dem Gründer des Reichs manchen Kampf aufgezwungen, der nicht mehr durch Eisen und Blut zum ruhmreichen Sieg führte: aber sein Ankergriff war zu fest und das Gewicht seiner Taten zu schwer, als daß ihm der Streit den Gang seiner Uhr störte.

Auch der König hatte sich redlich gebeugt vor der Größe; er hieß sein Herr und war hochmütig genug, es zu bleiben; aber der Diener regierte und wußte den Hof aus seinen Geschäften zu halten.

Wenn der Kanzler im Reichstag zum deutschen Volk sprach und die Parteien ihn hörten, stand ihm der Feind vorn; kein Dolchstoß fand seinen Rücken, solange sein König ihn deckte.

Treue um Treue: so sah das Volk die Gestalten, und Hagen von Tronje hießen ihn manche, die seinen Junkerstolz kannten, als Lenker der deutschen Geschichte doch nur der oberste Diener des Königs von Preußen zu sein.

Als aber der König zur letzten Ruhestatt fuhr, waren viel Prinzen und Fürsten zwischen dem Sarg und seinem gewaltigen Leibwächter; und als der todkranke Sohn sein König und Herr war, trug eine Prinzessin von England die Krone, die, Preußen und Deutschland gleich fremd, dennoch dem Kanzler den Gang seiner Uhr störte.

Ein kurzes Wetterspiel zuckte: Kanzler und Kaiserin standen im Blitzlicht; aber am neunundneunzigsten Tag seiner Regierung lag Friedrich der Dritte als Leiche in Potsdam, und Wilhelm der Zweite, der Enkel, war Kaiser von Deutschland.

Zu jung für sein Volk, zu alt für den Kanzler, nahm er das Zepter der Macht; im goldblauen Himmel hatte der Abendstern Wilhelm des Siegreichen stark und tröstlich gestanden: als er gesunken war, gerannen die Lüfte in dichtem Dämmergewölk, indessen das kurze Gewitter hinter den Bergen vergrollte.

Der Alte im Sachsenwald

Der Zeiger der Uhr hatte den Sohn übersprungen; dem Enkel zu dienen, wurde dem eisernen Kanzler als Schicksal ins Alter gelegt.

Er hatte das Reich als Bund der Fürsten gegründet, denen der König von Preußen wohl Kaiser, aber nicht Lehnsherr war.

So führte der Kanzler im Namen des Kaisers die deutschen Geschäfte und stand dem Bundesrat vor, darin die Minister der Fürsten nach ihrer Stärke abstimmten; aber er blieb der Minister des Königs von Preußen.

Seinen gnädigen Herrn mußte der mächtigste Mann im Reich den Enkelsohn heißen; aber nun war keine Weisheit und Würde mehr da, nach seinem Rat zu befehlen: Wilhelm der Zweite wollte sein eigener Ratgeber heißen.

Friedrich den Großen hieß er sein Vorbild; aber er war dem Spötter von Sanssouci fremd, wie der prahlende Schein der schlichten Größe fremd ist.

Alles, was jemals groß war, wollte er scheinen: fromm und von Gottes Gnaden geführt, tapfer und treu, weise und wahr, unermüdlich, gerecht und allen Dingen durch eigenes Urteil gerüstet! Alles wollte er scheinen, weil er ein Spiegel und Widerschein war.

Zwei Jahre lang ließ sich das ungleiche Kräftespiel halten, zwei Jahre lang diente der eiserne Kanzler dem Irrlicht als seinem gnädigen Herrn, dann brach die Gnade in Stücke: der Minister hatte dem König von Preußen getrotzt, der Minister wurde entlassen.

Weltwende war, als solches geschah, und das deutsche Reich bebte; aber das Volk war gewöhnt, blind zu gehorchen; auch war den Parteien der schwarzen und roten Zwietracht der Kanzler verhaßt, ihr Siegerglück sah den Eckpfeiler der Preußenwacht wanken.

Drei Rosen legte der Kanzler dem alten Kaiser aufs Grab, dann fuhr er hinaus in den Sachsenwald, den ihm vordem sein König aus Dankbarkeit schenkte, und der seinem Alter der niemals begehrte Ruhesitz wurde.

Er hatte das Seine getan, wie nur ein Großer das Seine vollendet; er hatte das Reich nach seinem Willen und Wesen gebaut, aber sein Werk war kein Tempel und Sinnbild, auf heiliger Höhe zu stehen; sein Werk war ein Haus und das deutsche Volk sollte drin wohnen.

Er durfte nicht Haushalter bleiben; sorgend sah er zurück, ob alles nach seinem Willen geschähe, und zornig, daß allzuviel anders geschah.

Zwietracht und Haß hatten den Abschied des Starken begleitet; seit er im Sachsenwald war, sank die Vergessenheit über die Tage, da er im Streit der Parteien selber den streitbarsten Mann stellte.

Gleich den Helden der Sage wuchs seine Gestalt grimmig zur Größe, bis er im Helldunkel seines Waldes selber ein Sagenbild wurde.

Der Alte im Sachsenwald war nicht mehr der Graf von Gastein und nicht mehr der Fürst von Versailles, nicht mehr der Kanzler und Kürassier am Bundesratstisch: er war ein Wanderer im Wald mit schwarzem Mantel und Hut.

Zwei Doggen umsprangen den großen Schritt, und wen seine buschigen Augen erblickten, den sprangen sie an; denn niemand durfte in seinen Wald kommen, den er nicht rief.

Der Spötter von Sanssouci starrte ins Abendrot, der Alte im Sachsenwald ging unter uralten Bäumen und hörte dem Wind zu: Heimdall, der Wächter am Welteschenbaum, machte die Runde, indessen Wodan unruhig wehenden Atems im Sachsenwald schlief.

Der deutsche Welthandel

Der Reutlinger Schwabe hatte die deutsche Zukunft verkündigt: Kohle und Eisen waren die Herren der Wohlfahrt geworden, die Eisenbahn war ihr gehorsamer Diener.

Wo einmal die Straßen der alten Zeit mühselig ihre Räderspur suchten, legten die blanken Schienen ihr Netz über Berge und Täler; gleich Spinnen saßen die Städte darin, sich satt an den Gütern zu fressen; wo eine Kreuzung der Eisenbahn war, wuchsen Fabriken.

Karg war das Land der neblichten Wälder, und seine Felder konnten das deutsche Volk nicht ernähren; harte Arbeit und billige Löhne schufen die Waren, wohlfeil zu tauschen, wo in der Welt ein Überfluß war: die reichen Kornkammern im Osten und über dem Wasser machte der deutsche Welthandel auf.

So fingen die Röhren des Wohlstandes an, dünne Strahlen zu fließen; aber sie flossen an vielerlei Orten, und als das Jahrhundert zu Ende ging, das so reich im Geist wie arm im Beutel begann, hatte sich Reichtum in manchem Beutel gesammelt.

Der Beutel blieb in der Stadt, die Bauernschaft sah nur den goldenen Schein; sie mußte dem Bürger den Reichtum mit Mühsal und Sorge bezahlen; denn billiges Brot hielt billigen Lohn, und ihr Brot war zu teuer.

Einmal hatten die Kätner das Heim ihrer Armut verkauft, über dem Wasser ein besseres Dasein zu suchen; nun lockte die Stadt, Fabrikler zu werden; einer unheimlichen Krankheit verfallen, schwollen die Vorstädte an, indessen die Dörfer dünn wurden an Menschen und Händen.

Aus einem Bauernland machten Not und Gewinnsucht ein Fabrikland; aber mit jedem rauchenden Schornstein, mit jedem sausenden Schwungrad wurde das Dasein der Deutschen der Fremde verpflichtet.

Wo irgend ein Markt in der Welt war, mußten die Händler deutsche Ware feilhalten; wo irgend ein Angebot lockte, mußten sie lauern und listen, und wo die Haustür geschlossen war, mußten sie Schlupflöcher suchen.

Nicht lange, so kamen die Schiffe gefahren -- schwarzweißrot wehte die Flagge -- Waren zu bringen und Güter zu holen; und wo sie den Weg zum erstenmal fanden, blieben sie nicht mehr aus.

So mußte der deutsche Kaufmann der Störenfried werden; denn die Welt war verteilt, wohin er auch kam, und überall sah das alte Geschäft scheel auf das neue.

Die deutsche Flotte

Einmal hatte die Hansa die Meere befahren, und die Kaufleute des Kaisers waren die Herren des Handels gewesen; so weit die kalte Meerküste reichte, galt keine Macht über der ihren: Fürsten und Könige mußten sich beugen vor ihrer gewaltigen Flotte.

Aber die großen Seewege befuhr die Hansa nicht mehr; Spanien, Holland und England wurden die neuen Seemächte, indessen über das Reich der große Krieg kam.

Der letzte Hansetag war in den Tagen Turennes: Hamburg, Bremen und Lübeck, Danzig, Braunschweig und Köln saßen noch einmal zusammen im Schatten vergangener Macht, aber ihr Mut war für immer verdrossen.

Was die Städte nicht mehr vermochten, gedachte der große Kurfürst zu tun; er hatte als Prinz in Holland den Nutzen der Schiffahrt gesehen und ließ seine Flotte das Weltmeer befahren: an der Goldküste Afrikas wehte der rote Adler im weißen Grund über der Festung, die sich der Kriegsherr aus Brandenburg baute.

Aber es war nur der kühne Griff eines Fürsten; sein Volk war zu ärmlich, sein Land zu zerstückelt an der kalten Meerküste, so langen Arm zu behalten.

Der rote Adler im weißen Grund verschwand vom Weltmeer, während das Königreich Preußen im Sand von Brandenburg wuchs; der Sieger von Roßbach und Leuthen machte daraus ein wehrhaftes Land, aber er brauchte das Maß seiner Sorgen nicht aus dem Weltmeer zu füllen.

Mit sandigen Häfen und Küsten blieb Preußen das Land an der Ostsee, dem der dänische Seehund das Weltmeer versperrte.

Romantischer Eifer der Männer in Frankfurt ließ die Wimpel der deutschen Kriegsflotte wehen, bevor noch ein Reich war; aber der englische Seeherr verbot ihr das Weltmeer, und kläglich wurden die Schiffe der deutschen Flotte versteigert.

Erst als der Kyffhäuserberg endlich die Tore auftat, als wieder ein Kaiser im Zankreich der Fürsten und ihrer geplagten Völker regierte, war das Reich mächtig, auch das Hansaglück wieder zu wecken.

Der schwarzrote Adler im schwarzweißen Kreuz erschien auf den Meeren; der englische Seeherr mußte die deutsche Kriegsflagge grüßen.

Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser! prahlte der Kaiser, und wie der Großvater das Heer zu rüsten anfing, so der eifrige Enkel die Flotte.

Der Dreibund

Rußland den mächtigen Freund und Nachbarn im Rücken, hatte der Kanzler den Krieg mit Frankreich gewagt und gewonnen; aber die Freundschaft fing an, sich zur Feindschaft zu wandeln, als Rußland den Weg nach Byzanz zugesperrt fand.

Solange ein Zar in Rußland regierte, hatte das goldene Horn gelockt, wie einmal die römische Krone das deutsche Kaisertum lockte.

Da stand die Agia Sophia unter dem Halbmond, die einmal das griechische Kreuz der Gläubigen trug, da war die Herkunft der russischen Kirche in türkischen Händen, da war den Russen das Tor der Dardanellen verriegelt.

Wohl hingen die unermeßlichen Weiten der russischen Länder am Kreuz ihrer nordischen Küsten, aber das Eismeer hielt ihre Häfen im Winter geschlossen; das schwarze Meer mit Odessa, der lieblichen Krim und dem Kriegshafen Sebastopol sperrten die Türken mit eisernen Ketten.

Längst war die Türkengefahr für die Christenheit aus; den kranken Mann hießen die Spötter den Sultan, der nur noch ein Schattenbild war: dem kranken Mann wollten die Russen endlich zum Tode verhelfen.

Bis unter die Tore von Konstantinopel führte ein rascher Feldzug den Zaren, aber England und Österreich hemmten sein siegreiches Schwert: als ehrlichen Makler riefen die streitenden Mächte den Kanzler.

So kam der stolze Tag für Berlin, da Bismarck obenan saß unter den Mächtigen, dem Streit die Waage zu halten, wie einmal der Kaiser von Frankreich Schiedsrichter im Abendland war.

Aber die Würde, so klug er sie übte, brachte dem Schiedsrichter keinen Dank und Gewinn; der stolze Tag von Berlin wurde dem Reich die Glückswende des Schicksals.

Die Mächte mit ihrem Gewicht hatten die Russen gehindert, Byzanz zu erreichen; aber der russische Groll fiel auf die Hand, die den Mächten die Waage zu halten gedingt war.

Rußland, der mächtige Nachbar im Rücken des Reichs, ging zu dem Todfeind im Westen: ihr böses Bündnis begann, das Reich zu umfassen.

Der Drohung zu wehren, rief Bismarck Nothelfer an: Österreich, Italien und Deutschland im Dreibund vereinigt, sollten dem Zweibund von Rußland und Frankreich das Gleichgewicht halten.

Als ob noch einmal das römische Reich seinen Bogen über das Abendland spannte, so zog der Dreibund die Grenzen der alten Kaisergewalt: aber die Krone war für zwei Kaiser gespalten und statt dem Papst sollte ein König in Rom Widerpart sein.

Und so war das Schicksal: der Graf von Gastein hatte das preußische Reich gegen Habsburg gegründet; aber es war nicht das Land von der Maas bis zum Memel, von der Etsch bis zum Belt, wie es die deutsche Hoffnung ersehnte.

Nun kamen die Deutschen von Österreich, Salzburg, Tirol und der Steiermark zwar in den Dreibund, aber sie brachten das Habsburger Schneckenhaus mitsamt den slawischen Völkern und dem bösen Streit um den Balkan.

Feinde ringsum

Der Oheim Wilhelm des Zweiten war König von England geworden; er haßte den Neffen in Potsdam und hing seinem Prunkmantel hämisch ein Schellenband an.

Er war schon ins Alter gekommen, als seine Mutter Victoria starb; aber die Welt kannte den Prinzen von Wales, der in Paris und in London gleichviel als Lebemann galt, weil er das Reich der Mode regierte.

Neun Jahre nur blieben ihm noch für den Thron, aber neun Jahre reichten dem König Eduard aus, in den Machthändeln der Welt nicht weniger gut als in der Mode zu führen.

Vielerlei Feinde zählte der britische Stolz auf der Erde; der stärkste war Rußland, aber der nächste war ihm der deutsche Vetter geworden: den stärksten Feind auf den nächsten zu hetzen, sollte das Meisterstück Eduards sein.

Er trug keine schimmernde Wehr wie sein Neffe, er war ein König im Straßenkleid, der besser die Kunst, sanft und höhnisch zu lächeln, als die der schwellenden Rede verstand; er wußte als Weltmann auf Reisen höflich zu sein, nur in Berlin war er es nicht.

Als seine Lebenszeit um war, hatte sich nichts im Abendland sichtbar verändert: der deutsche Welthandel wuchs aus Wohlstand zu Reichtum, Wilhelm der Zweite sprach von der gepanzerten Faust und hieß der Zukunft auf dem Wasser die Schlachtflotte bauen.

Frankreich war trächtig an seinem Traum der Revanche, Rußland sah nach Byzanz, Italien unterschrieb dem Dreibund die Wechsel auf kurze Sicht, Österreich wühlte sich ein in den Balkan.

Alles war wie zuvor, die Waffen starrten im Gleichgewicht und der Frieden hing an der Waage: nur die heimlichen Tiefen der Mächte hatten sich trübe gefüllt.

Ein Vierteljahrhundert war seit den stolzen Tagen vergangen, da Bismarck als ehrlicher Makler am Tisch saß, obenan bei den Mächten; ein Vierteljahrhundert hatte den Haß gegen Deutschland gerüstet, und der ihm der treueste Freund schien, war in der Rechnung der Mächte sein gefährlichster Feind.

Habsburg

Das Habsburger Kaisertum war die Erbschaft vergangener Fürstengewalt über widerstreitende Völker: Ungarn und Tschechen, Polen, Slowaken, Ruthenen, Kroaten und Serben, Rumänen und Italiener waren der deutschen Vorherrschaft feind.

Und keiner Regierung gelang es, den Ausgleich zu finden; was den einen zuliebe geschah, geschah den andern zuleide: ein babylonischer Turm blieb der Reichsrat in Wien mit seiner Völker- und Sprachenverwirrung.

Bunt wie das Völkergemisch war auch das Wechselspiel seiner Minister, der klugen und dummen, der gerechten und schlechten: die Völker im Reichsrat ließen sie kommen und hießen sie gehen; und keiner war mehr als ein flüchtiger Schatten.

Nur der Kaiser Franz Joseph in Wien gab seinen schläfrigen Stundenschlag durch die Verwirrung; seit Metternich ging, war er da, längst mehr als ein halbes Jahrhundert; die Kaiserin wurde erstochen, der Kronprinz, sein einziger Sohn, lag auf der blutigen Bahre: den Kaiser Franz Joseph hatte das Schicksal vergessen.

Ein kahler Baum im Schlinggewächs streitender Völker war die Habsburger Macht; ein geiler Trieb wollte ihm neues Holz geben: der Thronfolger-Erzherzog wollte noch einmal ein Habsburger Ferdinand sein.

Denn die Kirche allein war die Einheit der streitenden Völker in Österreich, nur ihr gehorsamer Diener konnte noch einmal die Vielheit beherrschen: und Franz Ferdinand war ein gehorsamer Diener der Kirche.

Groß-Österreich wollte er bauen und tief in den Balkan hinein sollte das Fundament seines babylonischen Turms reichen; indessen der Staat Metternichs starb, weil seine Vielheit feindlicher Völker kein Volk war, hörte die Habsburger Habsucht nicht auf, von Ländergewinn und Eroberungskriegen zu träumen.

Als sie das Recht ihrer Krone über Bosnien streckte, war der Krieg angesagt, der Krieg mit den slawischen Völkern im Balkan und ihrem mächtigen Schutzherrn im Osten.