Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 34
Die neue Herrlichkeit mußte der alten die Hand reichen, wollte sie mehr sein als dreistes Glück, wollte sie Schicksal und aus den Tiefen der deutschen Vergangenheit Erfüllung bedeuten.
Unserer Väter Werke! stand über dem Tor der Halle, darin begeisterte Männer aus München der staunenden Zeit ein stolzes Schaubild deutscher Vergangenheit gaben.
Die Zeit, da Dürer in Nürnberg Meister der Malerzunft war, da Hans Sachs auf der Diele des Hauses als freundlicher Greis saß, da Peter Vischer die festen Erzgüsse machte, da die Rathäuser wuchsen und in den Stuben der Bürger reiches Kunstgerät war, wurde in köstlichen Kammern vor der Gegenwart ausgebreitet.
Da sah sie, was einmal deutsche Bürgerschaft war, wie sie wohnte und ihr Gerät schmuckreich und edel gefügt aus einem Handwerk bekam, das noch ein Meisterstück kannte.
Es sollte nur eine kurze Schau sein, nur ein Blick in das herrlichste Buch der deutschen Geschichte, ein Vorbild und eine Predigt, desgleichen zu tun.
Aber die Schau konnte den Geist nicht wecken, der solche Dinge brauchte und schuf; sie zeigte der Gegenwart nur sein schönes Gewand; und die Gegenwart eilte sich sehr, es zu tragen.
Überall wurden dem alten Handwerk Museen gebaut, überall wollte die Gegenwart mit der Vergangenheit prahlen, überall mußte der neue Reichtum in alten Prunkkammern wohnen.
Weil aber die Kunst kein Leihgewand hat, weil sie das Kleid ihrer Zeit nicht anders sein kann, als Blätter und Blüten an einem Baum wachsen, seine Krone in eigene Anmut zu hüllen: wurde, was Leben sein wollte, nur ein Theater.
Als ob die Gegenwart keine Wirklichkeit wäre, Schönes zu wachsen, hing sich der Deutsche die Prunkmäntel vergangener Herrlichkeit um, seufzend, daß seine Zeit der eigenen Schönheit entbehre.
Bayreuth
Einer aber ging durch die Gegenwart hin, mit seinem Taktstock der Zeit einen neuen Pulsschlag zu bringen.
Als die Deutschen nach Frankreich marschierten, war er schon grau; in Triebschen am See von Luzern saß er landfremd und verlästert: aber die Lohe brannte um seinen Garten, und die sein Angesicht sahen, erkannten den Dämon darin.
Wie Klingsor der Zauberer war er gekommen, den Singsang braver Musikmeister mit höllischen Künsten zu stören; und als einen Dämon des Königs hatte die Hetze den herrischen Mann aus München vertrieben.
Denn anders als sonst ein Fürst war Ludwig der Zweite von Bayern; ihn hatte der Zauber berührt, der um den romantischen Kaiser der Sage im Kyffhäuserberg war: König sein hieß ihm der Schönheit gehören, die über der Täglichkeit kalter Geschäfte und lauer Genüsse mit goldenen Fäden am Himmelreich hing.
Schlafwandelnd ließ er die Dinge des Tages geschehen; wo aber ein Mensch aus der Ewigkeit kam, säumte er nicht, mit Fackeln zu leuchten, daß er zur Nacht den Weg in sein Königsschloß fände und seinen Thronsaal der Träume.
Richard Wagner den Zauberer hatte der eigene Dämon zum Flüchtling gemacht; hingerissene Liebe, Verzückung, Unverstand, Bosheit und Not waren um seinen Lebensweg, bis er im Thronsaal der Träume den Schlafwandler fand.
Der hieß den Kahn bringen, der aus Ebenholz war, und der Bug war von Silber, das Licht ein Rubin, durch blassen Opal wie rinnendes Blut bleich leuchtend auf purpurne Kissen.
So fuhr er hinaus in die Nacht, dem Zauberer und seinen Tönen zu lauschen, die aus der ewigen Melodie des Wassers im Wind, aus der ewigen Unrast der Menschenbrust, aus Werden, Sein und Vergehen der ewigen Wiedergeburt kamen.
Wenn Tristan den Liebestrank nahm von Isolde, wenn er den König verriet und den Verrat büßte mit seinem Leben, um dennoch der tödlichen Liebe selig zu sein: dann konnten nicht Lieder und Arien singen, dann mußte Musik der ewigen Waltung ertönen, ewige Unrast, ewige Sehnsucht, niemals Erfüllung, nur selig gefühltes Erfülltsein.
Ludwig der König horchte den Tönen, als ob es der Weltgruß wäre für seine schlafwandelnde Seele; aber die Münchener haßten den landfremden Zauberer, und wie sie die Tänzerin Lola austrieben, so taten sie ihm.
Sechs Jahre lang saß er in Triebschen, noch einmal ein Flüchtling, aber sein Zauber hielt den König im Bann aus der Ferne; als das deutsche Kaisertum aufstand, als wieder ein Reich und Raum war für große Dinge, rief der König Richard Wagner zurück, sie zu gestalten.
Einmal war Baukunst die Mutter der Künste gewesen, nun wollte Musik, ihre Schwester, den Zauberdom bauen; alle Künste sollten ihr dienen, daß der Menschengeist endlich von seiner Zerspaltung genese: in Bayreuth sollte die Gralsburg sein, der Welt zur Erlösung.
Als im Festspielhaus zu Bayreuth die ersten Töne erklangen, als der greise Kaiser neben dem romantischen König saß, den Zauber zu hören, als die Bühnen in Deutschland dem Bann von Bayreuth verfielen, als die Nibelungen allerorten ihr Getön und Gepränge begannen: da schien ein anderer Zauber gelungen, als den der Trompeter weckte.
Der Bürger mußte sich wieder der Größe beugen; der Bann von Bayreuth zwang die Herzen nicht weniger hin als der eiserne Bismarck die Hände.
Der Dämon des Königs von Preußen hatte das Reich durch Eisen und Blut wieder errichtet; der Dämon des Königs von Bayern machte das Tor zur alten Herrlichkeit auf: was starke Hände ergriffen, sollten die Herzen als Heiligtum halten.
Aber das Heiligtum war ein Theater geworden; wie einmal die Glocken des Münsters die Heiligen riefen, so taten nun seine Posaunen; daß sie die letzte Verwandlung vermochten, mußte die Heilsmusik der Erlösung im Parzival tönen.
So war der Zauber von Bayreuth vollendet; aus aller Welt kam die Gläubigkeit her, ihm zu lauschen: der Priestergott hatte die letzte Verwandlung begonnen, das Mirakel der Messe war auf die Bühne gestiegen, das Kreuz von Golgatha stand auf dem Dach des Theaters.
Bruckner
Indessen der Weihrauch in Bayreuth um solche Zauberei dampfte, indessen Tannhäuser und Wolfram, Elsa und Lohengrin, Siegfried, Walküren und Rheintöchter das deutsche Theater erfüllten, saß der Hofkapellorganist Anton Bruckner in Wien und spielte die Orgel, wie weiland Johann Sebastian Bach.
Wie jener als Protestant war er katholischen Glaubens ein demütiger Diener der Kirche, obwohl er Gewalt hatte über die Bässe und Flöten der Orgel, über die Geigen und Hörner im ganzen Reich der Musik.
Ihm war kein Dämon gegeben, die Großen der Welt zu betören, kein Königsschloß stand in der Nacht, ihm mit Fackeln zu leuchten; wohl aber kamen die Gaffer von Wien, den seltsamen Kauz zu bestaunen, der ihnen den Dank, wenn sie klatschten, mit dem roten Taschentuch winkte.
Sein Taschentuch machte sie lustig, er aber nahm ihren Pöbellärm dankbar als Ehrung für seine Kunst hin; und wenn die Kinder der Gasse den närrischen Mann neckten, stand er gerührt vor dem Ruhm in der Liebe der Kleinen.
So war er im Leben ein wahrer Knecht Gottes; einfältig und ohne Groll nahm er sein Los hin, als Narr vor den Menschen zu gelten, die seine Hände zu küssen versäumten, weil sie die karge Knechtsgestalt sahen, aber den blühenden Geist Gottes in seiner Musik nicht erkannten.
Er war ein Österreicher Kind und ein gläubiger Sohn der katholischen Kirche; wie Johann Sebastian Bach brauchte er nicht mit Himmel und Hölle zu ringen, weil ihm der Himmel gewiß war, einmal und hier schon auf Erden: aber wo jener die Stimmen mit Stärke und Strenge bezwang, ließ er sie schwelgen im Wohllaut.
Auch war er ein Hagestolz, und keine elf Söhne füllten sein Haus mit fröhlichem Lärm wie bei dem Kantor in Leipzig; die Einsamkeit war seine stille Gefährtin, sie konnte ihm in den Überschwall fallen, daß jeder Stimme der Atem stockte.
Dann stand seine stumme Seele vor Gott wie eine Kerze am Hochaltar steht; aber ein Engel kam aus der Stille und führte ihn an der Hand heilig hinein in die neue Anbetung der Stimmen, bis wieder ihr brausender Chor und Wohlklang erschallte.
Die Menschen konnten die Stille nicht hören, sie spürten auch nicht den Engel darin, der ihn vor Gottes Thron führte; sie lachten des Organisten, der selber Musik machen wollte und mit dem roten Taschentuch winkte; sie blieben vor seiner Einsamkeit stumm, bis er im vierundsiebzigsten Jahr seines Lebens still aus der Welt ging.
Als Beethoven starb, an dessen Grab Bruckner oftmals gekniet hatte, bezeugten ihm Tausende schweigend die Ehrfurcht; als Bruckner sich leise hinweg stahl, wußten nicht hundert, wer dieser Knecht Gottes war.
Neun Sinfonien hatte auch er der Menschheit geschrieben, neun Bücher vom ewigen Leben: Dem lieben Gott! stand auf der letzten, darüber ihm seine Hände hinsanken.
Der seiner Einsamkeit Freund und Gefährte, der seiner treuen Knechtsdienste Herr war, sollte gnädig hinnehmen, was die Menschen nicht mochten.
Nietzsche
Es war ein Professor in Basel, Sohn eines Pfarrers aus Röcken bei Lützen, Friedrich Nietzsche geheißen; dem war die Einsamkeit nicht von närrischer Einfalt umgütet wie dem Knecht Gottes in Wien.
Sein gläserner Geist litt unter dem dreisten Gelichter, sein heller Mund höhnte, daß ihre Ohren so taub, ihre Herzen so leer, ihre Gefühle so unrein, ihre Gedanken so lendenlahm waren.
Als er es nicht mehr auszuhalten vermochte unter den Menschen, floh er hinauf ins Gebirge, in einer helleren Luft einsam zu sein.
Einmal war Bayreuth dem unerbittlichen Frager noch eine Hoffnung gewesen, aber sein herrischer Jasagegeist konnte nicht knien am Kreuz der Verneinung; als der Zauberer seinen Parzival schrieb, hieß er ihn einen Verleugner und Täuscher.
Ein deutscher Christ galt ihm ein zwiefach verzwickter Knecht der Vergangenheit; er aber wollte der Zukunft den hellen Geist zeugen, er wollte der Wahrheit die Wohnung der Stärke bauen, er wollte getrost der Antichrist heißen.
Denn das Christentum galt ihm die Feindschaft der Kranken und Verderbten; Knechtstugenden hieß er Mitleid und Demut und Bängnis um Strafe und Lohn.
Herrenmoral war anders gerüstet: sie kannte den Hochmut, den Haß und die Liebe des Blutes, den tapferen Tod vor dem Feind; sie brauchte kein Jenseits für ihre Gewißheit der Dinge, sie war mit Sinnen und Sinn Jasager zum irdischen Leben.
So waren die Griechen gläubige Kinder der Erde gewesen, so hatten die Römer das Reich der männlichen Stärke gebaut, bis ihm der tückische Kreuzgott im Aufruhr der Sklaven und Christen den Untergang brachte.
Nun galt es dem Menschengeist, die Schmach auszulöschen, wieder wie einst die Dinge als groß und gering, rar und gemein, biegsam und brüchig, gesund und krank zu werten, wieder der frohe Herr seiner selber statt der Knecht düsterer Mächte zu sein.
Hündisch hieß er, für einen Himmelsgott gut oder böse zu gelten, herrlich, um seiner selbst willen den Bogen der Stärke zu spannen.
Helläugig, schnellfüßig und hochgemut mußte der Geist im Abendland werden, sollte ihm wieder die Erde gehören; kein gekreuzigter Gott, keine olympischen Götter: der Mensch allein sollte das Ziel seiner Tat und Sinndeutung stellen.
Als so der Professor aus Basel den Übermenschen lehrte, war ihm das Land der neblichten Wälder und kalten Meerküsten unheimlich und fremd geworden, wie einem Zugvogel sein Nestland fremd wird: im sonnigen Süden, am kaltklaren See von Silvaplana ging er die steilen Wege seiner Gedanken.
Da fand er sein Spiegelbild und hieß es den Zarathustra; aber er nahm von dem persischen Weisen nur das Gewand und den Namen, den Menschen sein kühnes Schalksspiel zu bringen; denn nun war er der Einsamkeit satt, wie eine Biene vom Honig schwer ist.
Er sandte ihn aus mit Reden und Sprüchen, Liedern und allerlei Sinnbild und Schicksal, den Übermenschen zu lehren; was der Affe dem Menschen war, das sollte der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter und eine schmerzliche Scham.
Er selber wollte bei seinem Werk bleiben, der Moral eine neue Münze zu prägen, die jegliches Ding in der eigenen Geltung bezahlte; denn steiler als je ging der Weg seiner Gedanken, und über ihm schwebte sein heiliger Geist, den er die ewige Wiederkehr nannte.
Aber das Schicksal zerbrach ihm die Antwort, als er die Schärfe der letzten Fragen ansetzte: höher als je eine Kühnheit war seine gestiegen, da riß ihn die Tobsucht hinunter in ihre greulichen Tiefen.
In Weimar, wo Goethe die Grenzen des Daseins sorgfältig umging, wo jeder Weg seine Spur zeigte und jeder Wind sein Wort wehte, verdämmerte langsam der kühnste Geist, den das Abendland zeugte.
Die dritte Zwietracht
Als Friedrich Nietzsche erloschenen Auges ins Abendrot starrte, wie einmal der Spötter in Sanssouci saß, aber der Spott war von ihm genommen; als der gläserne Geist taub war und keinen Mittag mehr schimmerte: machte sein Spiegelbild Glück bei der Jugend.
Der Dichter hatte dem Denker steiler Gedanken das Spiegelbild listig verkleidet, daß die bunten Gewänder vielerlei Augen anlockten, daß um die Sprüche des Zarathustra heißes Gedränge, daß seine Schalksspielbude begehrt im Jahrmarkt der Gegenwart war.
Wohl fraß die Gegenwart sich an der Vergangenheit satt, und der Trompeter blies ihr sein blechernes Stück zur Verdauung; aber der Trotz mißratener Söhne sah das Reich seiner Väter auf Bürgertugend gebaut, die er haßte.
Durch Eisen und Blut waren die Dinge geschehen, nun saß der Bürger zu Tisch, sie zu genießen; emsige Sorge um kleines Behagen, redlicher Fleiß um Wohlergehn, gehorsame Erfüllung der Staatsbürgerpflichten hielten sein Hausväterdasein behütet, darüber der Gott seiner Kirche auch nur ein Hausvater war.
Tapfere Dinge waren getan, und Starkes war durch die eiserne Hand des Kanzlers vollendet: aber das rasche Wunder konnte nichts Großes entzücken, weil es dem Bürger nur fremde Erfüllung, nur der prahlende Schein einer großen Zeit, kein Ende und Anbeginn war.
Die alte Zwietracht ging um als blasses Gespenst, und die neue war erst eine Fahne; zwischen den Zwietrachten stand die Zeit still, Feierabend war mit faltigen Schürzen und vollen Fässern; auch daß der Forscher die Bibel Gott aus der Hand nahm, konnte den Feierabend nicht stören, weil der Bibelgott selber ein blasses Gespenst war.
So konnte auch Zarathustra die Zeit nicht wecken; kein Zorn war um seine Schmähung, kein Glaube um sein Glück, keine Verzückung um seine fressende Flamme.
Nur der Trotz mißratener Söhne, das Racheglück kindlicher Hasser, das Traumgesicht eifriger Dichter nahm das Schalkspiel des Zarathustra hin als ein neues Vergnügen; nur wenigen brannte der Dornbusch seiner Verheißung.
Nur wenige sahen, daß hier eine tollkühne Hand die Tafel der Tugend zerschlug, daß über der falschen Eintracht der Zeit die dritte Zwietracht aufstand, die Schuld der genügsamen Väter zu rächen.
Noch war ihr Herz nicht bereit für das wilde Ereignis; aber sie ahnten den Blitz, dessen Wetterleuchten sie sahen, weil ihre Jugend darin war.
Als die Verneinung der Väter war die Vergangenheit über den Drang des jungen Blutes gelegt; wo ein Wunsch war, stand eine Sünde; und wo eine Erfahrung lehrte, wurde ein Wille gebrochen.
Das Leichentuch der Entsagung war über die Wünsche gebreitet; Leidenschaft, Lust, Liebe und Haß, Tapferkeit, Hochmut, Stolz und Verachtung: alles, was in den Herzen der Knaben als kommende Mannheit Macht werden wollte, war in den Wurzeln zerschnitten.
Noch war die dritte Zwietracht ein Schalkspiel im Jahrmarkt, davor die Jugend sich drängte, über das Alter zu lachen; einmal sollte die Lehre des Zarathustra das neue Evangelium sein, im Namen der Jugend die Mannheit ehrlich zu sprechen.
Gottfried Keller
Zur selben Zeit, da den Verkünder des Zarathustra die grausame Krankheit zerstörte, siechte in Zürich Gottfried Keller dahin, der kein Verkünder, kein Fragesteller des Übermenschen, nur ein Mensch, und gar ein Bürger, dennoch ein Jasager war.
Staatsschreiber in Zürich hieß er in Ehren, als Bismarck das neue Reich machte; aber er hatte die alte Zeit lieber gehabt als die neue, weil er ein Eidgenoß, kein Fürstenfreund war.
Die Paulskirche blieb ihm ein hohes Gedächtnis, und manche Männer von damals hießen ihm Freund; ihr Deutschland war seine Schule gewesen, dem Maler zuerst und danach dem Dichter, und dieser Schule dankte er gern.
Denn der ein deutscher Sprachmeister wurde, hatte ein anderes Handwerk zu lernen getrachtet, und mancherlei Lüfte waren dem Schweizer in München, Heidelberg und Berlin durch die Haare geweht, ehe ihn endlich die Heimat als ihren Sohn anerkannte.
Als er Staatsschreiber wurde, sollte das Amt den vielfach gescheiterten Mann retten, es sollte dem Wandervogel das Nest sein, seine Lieder zu singen und seine bunten Träume zu spinnen.
Denn längst hatte der unstete Mann seinen Freunden den Grünen Heinrich geschrieben, die Beichte der eigenen Jugend, in Goethescher Weise Wahrheit und Dichtung vermischend; aber ihm war die Jugend noch nah mit ihrer grünen unübersehbaren Wildnis.
Auch waren der grünen Wildnis des Malergesellen aus Zürich andere Bäume und Blumen gewachsen als dem Frankfurter Ratsherrenkind: der Maler hatte die Augen gegeben, die unübersehbare Fülle bildhaft zu fangen, der Poet hatte die Gläser mit vielerlei Farben gestellt, die grüne Wildnis nach Knabenart blau und rot und gelb zu betrachten.
Nirgend marschierte das Schicksal mit lauten Kanonen; aber ein leises Gefüge von Schuld und Verpflichtung, Täuschung und Mißgeschick verschob dem Knaben und Jüngling die grünen Kulissen, bis der Malergesell aus der unübersehbaren Wildnis keinen Ausweg mehr fand.
So war die Jugend des Malergesellen; aber der Dichter hatte dem Mann das Lebenstor breit aufgemacht, daß die Landschaft dalag in der Fülle gerundeter Bilder.
Die Leute von Seldwyla hieß er den Band seiner Geschichten, die alle mit Worten gemalt, mit Farben gedichtet, alle homerisch gebildet, aber von einem Schalk ins Wasser getaucht waren, sodaß ihre blinkende Nässe im Sonnenschein wehmütig fast und geneigt, sich zu schämen, und dennoch im Frohgefühl ihres Daseins leise durchlächert dastand.
Klopstock hatte von Ossian her nach deutschem Wesen getrachtet, Lessing hatte der welschen Manier das deutsche Wort abgerungen, Goethe und Schiller waren tief in den Jungbrunnen der Griechen getaucht, die Romantiker hatten sich in den Traum vergangener Größe geflüchtet, Kleist und Hebbel hatten die Kleider der Weltflucht vom Leibe gerissen: nun kam ein Poet aus der Schweiz und vermochte, was keinem gelang, aus deutscher Seele allein die Fülle lebendig zu machen.
Aber die Deutschen saßen zu sehr in der Not ihrer schimpflichen Jahre, so frohe und freie Entfaltung der eigenen Wesenheit zu erkennen; vermögende Freunde daheim bauten dem Dichter das Nest.
Fünfzehn Jahre lang mußte der Schalk von Seldwyla Staatsschreiber heißen, fünfzehn Jahre lang auf der Höhe seines Lebens der Bürgerschaft dienen, nicht wie Goethe regierend, nur eine Schreibfeder der Großen.
Aber wie jener tat er den Dienst treu und beharrlich; der Dichter goldener Träume konnte dem Alltag dienen, weil keine blasse Romantik ihn lebensfremd machte, weil die volle Hinwendung zum Dasein des Bürgers sein Werk wie sein Wesen erfüllte.
Als er in Ehren Abschied nahm, war er grau; aber das Leben hielt ihm die Treue, die er ihm gab in all seinen Stunden: noch sechzehn Jahre lang konnte der Alt-Staatsschreiber von Zürich das Seine beschließen.
Da kam die Fülle breit an den Tag: der Schalk von Seldwyla wurde der Meister der Zürcher Novellen; das Sinngedicht und die Sieben Legenden legten ihr Gold auf die Waage, bis endlich Martin Salander das stattliche Bürgerhaus mit seinem Reichtum erfüllte.
Der Malergesell in München, der dichtende Wandervogel im Reich, der Freund vieler Männer von Achtundvierzig war wieder der Heimat verwachsen, der deutsche Dichter war Eidgenoß, der Eidgenoß ein Zürcher geworden.
Das neue Reich hatte die Grenzen der Macht karg abgeschnitten; eine Stimme von draußen war der Meister Gottfried den Deutschen, der die Stimme des Blutes trotz Einem im Reiche war.
Wilhelm Raabe
Indessen Seldwyla der deutschen Seele ein fröhlicher Sommertag wurde, aber nur wenige sahen die Türme und Wimpel der seltsamen Stadt, grub die selbe Seele in Braunschweig den Dachsbau all ihrer verzwickten Verstecke.
Der da die Chronik der Sperlingsgasse, den Hungerpastor, den Schüdderump schrieb und die schier endlose Fracht großer und kleiner Geschichten: Wilhelm Raabe, der Dichter und Sterndeuter deutscher Vergangenheit, liebte die Schlupfwinkel mehr und die heimlichen Gänge als den fröhlichen Tag.
Auch ihm behagte das neue Reich nicht, obwohl es dem Mann mitten ins Leben hinein kam, nicht erst im Alter; der neue Glanz war seinen Augen zu grell, die das alte Lampenlicht liebten, lieber noch in die Dämmerung sahen oder hinauf in die Sterne.
Früh seßhaft geworden und seiner norddeutschen Heimat so innig verbunden, daß er selber ein Stück Norddeutschland war, Kleinstädter von Neigung und Wesen, gern auf dem Wall die gewohnten Gänge spazierend und mit der Pfeife beim Glas unter den Stammgästen sitzend: blieb er der alten Zeit treu, die der neuen nicht nachrennen konnte.
Der alten Zwietracht als Protestant still zugehörig, der neuen fremd wie ihren Fabriken, aber der dritten feind, wie eine verschlossene Haustür den Dieben feind ist, sah er dem Wandel der Welt zu mit schweigender Wehmut und listigem Lächeln.
Er wußte genau, sie liefen am Leben vorbei mit ihren Geschäften, mit ihren Fahnen und Trommeln, mit ihrem Lärm um das Heute, mit ihrem Streit und Geschrei.
Denn leben hieß ihm, daß eine Seele sich selber zusah, wie ihr die Dinge der Erde das Licht und die Luft verstellten, wie irgend ein Zufall sie mitten ins Schicksal hinein wehte, und wie ihr doch nie ein Neues geschah.
Denn Licht und Luft und Schicksal waren der Ewigkeit eingestellt wie eine Herde der Hürde; sie konnten blenden und blasen und blindes Ungestüm tun: einmal war doch wieder Nacht und Stille und das Glück der Sterne.
Auch war die Erde rund und zu klein, ihr zuliebe zu rennen: einer ging fort nach Osten und kam aus Westen zurück, weil Osten und Westen sich drüben die Hand reichten.
Groß und weit allein war die Tiefe der Zeit, war die Tiefe des Raumes; da konnte die Seele den Geist als Sendboten schicken, da konnte er seine Kühnheit auskosten bis an die Grenzen des Nichts, das immer von neuem nur Nichtigkeit war: Nichtigkeit vor den Menschen, aber die Allgegenwart Gottes lebte darin wie der Ton im Gehäuse der Geige!
Alles das dachte und sagte der einsame Mann in seinem Dachsbau zu Braunschweig, und alles das wurde die Fracht seiner großen und kleinen Geschichten; aber die neue Zeit rannte vorbei an der alten, sie sah den Sommertag nicht in Seldwyla, sie beachtete nicht sein Gerümpel.
Die Neuzeit
Der guten alten Zeit wuchsen die Türme der neuen Zeit über die Dächer: alles, was dunkel und dumpf und beschränkt war, wollte sie hell und gelüftet und grenzenlos machen; denn der Menschengeist hatte die Elemente gebändigt.
Dampfzüge brachten auf eisernen Schienen die Güter herbei; die hohen Hallen der Bahnhöfe standen im Lärm und Rauch der Maschinen; rund um die Städte wuchsen Fabriken hinaus in die Felder; Kohle und Eisen, die Schätze der Erde, wurden in Waren und Wohlstand verwandelt.
Der Stadtbürger brauchte nicht mehr die Groschen zu zählen, der Taler rollte, und prahlend wollte die Neuzeit den neuen Reichtum zur Schau stellen.
Nicht mehr das krumme Gewinkel der Gassen und nicht mehr die engen Geschosse altmodischer Häuser sollten die Stadt sein; schnurgerade an breiten Straßen gerichtet wollten die Bauten der Neuzeit dastehen mit Erkern und Türmen an schmuckreichen Fassaden.
Statt dunkler Gewölbe breiteten Schaufenster die bunte Fülle der Waren aus vor der drängenden Menge, statt rauchiger Trinkstuben prahlten die Spiegelwände der Bierhallen.
Überall wurde der Ring der alten Wälle und Schanzen gesprengt; wie es in Wien und Paris war, wollte der Stadtbürgerstolz allerorts seine Ringstraßen haben: breite Alleen mit Rasenbeeten und Blumen, mit Brunnen und Denkmälern reichlich bestanden, sollten dem neuen Bürgerstand Wohnquartier geben, sollten den fremden Besucher erstaunen.