Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 33
Auf einer Insel der Mosel, durch waldige Hügel gedeckt, von einem Stachelring starker Vorwerke umschlossen, lag Metz, die mächtigste Festung der Welt, dem Einmarsch nach Frankreich zu wehren.
Hier sollte der Feldzug des Kaisers nach Mainz und Preußen beginnen, aber die Sieger von Spichern und Wörth nahmen ihn gleich in die Zange; auch die stolze Rheinarmee fand den geträumten Siegesweg nicht, und der Marschall Bazaine nahm dem erschrockenen Kaiser den Oberbefehl ab.
Der Marschall wollte zurück, Mac Mahon zu finden, aber er säumte zu lange; bevor sein Abmarsch begann, standen die Preußen vor Metz, und das blutige Sechstagewerk fing an, sein Heer zu zermalmen.
Sechs Tage lang riefen die großen Kanonen der Festung zum Tanz, sechs Tage lang brüllte die Schlacht ihre Antwort, sechs Tage lang bebte die Erde, sechs Tage lang waren die Hügel um Metz eine Hölle.
Nie hatte die Welt solches Schlachtfeld gesehen, Jena und Austerlitz, Leipzig und Waterloo, Königgrätz: alles versank vor der Wirklichkeit solcher Vernichtung.
Stirn an Stirn standen die Heere am ersten Tag und maßen die Stärke; am zweiten Tag setzten die Preußen im Süden die Zange; am dritten Tag wollte Bazaine den Abmarsch erzwingen, aber der Feind hielt ihn fest in der Flanke; am vierten Tag grub er sich ein, das Antlitz nach Westen; am fünften Tag hielt ihn der eiserne Griff von Süden und Norden umklammert, bis in die Nacht ging der Kampf; am sechsten Tag saß sein mächtiges Heer in der Festung, und die Festung saß in der Zange.
Mehr Tote als sonst ein Kriegsjahr hatten die Tage gekostet, die Wälder und Wiesen, Brücken und Bäche um Metz lagen voll Leichen, die Dörfer brannten, die Sonne konnte nicht mehr durch den Pulverdampf scheinen.
Da kämpften nicht Feldherrn und Heere um ihren Sieg, da rangen zwei Völker um ihre Stärke: Frankreich und Deutschland trugen den Streit, den Zorn und die Vergeltung aus von einem halben Jahrtausend.
Sedan
Auf den katalaunischen Feldern hatten die Deutschen gedacht, Mac Mahon zu finden; aber er war von Chalons nach Norden gezogen, Bazaine in Metz zu entsetzen; weil aber die deutschen Soldaten zum andernmal schneller marschierten als die Franzosen, gelang es, den Flankenstoß an der Maas abzufangen.
Bei Beaumont geschlagen, mußte Mac Mahon nach Sedan zurück, wo ihn das Schicksal Bazaines schneller und schlimmer erreichte.
Da machte Moltke das letzte Meisterstück seiner Zange; von Osten nach Westen gepackt, wurde das zweite Feldheer des Kaisers nach blutiger Schlacht durch die Tore von Sedan getrieben.
Aber nun war es nicht Metz, die mächtige Festung, mit dem Stachelring ihrer starken Vorwerke, nun war es Sedan mit seinen ärmlichen Wällen, daraus die Feuerschlünde von allen Höhen rundum einen Höllenkessel machten.
Am selben Nachmittag noch mußte die Zitadelle die weiße Fahne aufziehn; und als der Parlamentär aus der Festung zurück kam, war mit dem Heer von Mac Mahon der Kaiser Napoleon selber gefangen.
Der in den Tuilerien als Schiedsrichter über dem Abendland saß, der den Ruhm seines gewaltigen Namens und den Glanz des zweiten Kaiserreichs trug, sandte dem König von Preußen seinen Degen.
Noch in der selben Nacht streckte das Heer Mac Mahons die Waffen; durch den nebligen Morgen des zweiten September ritt Bismarck als Kürassier neben dem Wagen des Kaisers, seinem König, dem Sieger, den kläglich Besiegten zu bringen.
Ein Hurrah lief durch die Reihen und füllte das waldige Tal von Sedan; ein Siegesfest nahm seinen Anfang wie keines der neuen Geschichte.
Vier Wochen lang standen die Heere im Feld, und schon war die Kriegsmacht des Kaisers vernichtet, Napoleon selber gefangen: da mußte der Krieg aus sein und jeder Soldat, fröhlich geschmückt, konnte der Heimat den Frieden mitbringen.
Der Ringkampf der Völker
Die deutschen Sieger hatten das letzte Feldheer des Kaisers geschlagen, aber der Kaiser war nicht das Volk der Franzosen; der Ringkampf der Völker fing seinen Schrecken erst an, und weit lag der Friede.
Wohl standen die deutschen Heere bald vor Paris, aber das Herz von Frankreich hörte nicht auf zu schlagen; hinter dem Gürtel starker Vorwerke war es gerüstet, auf seine Kinder zu warten.
Der sie rief, war ein anderer Mann als der kränkelnde Kaiser; in einem Luftballon verließ Gambetta die Hauptstadt, und wo sein Feuerwort hinfiel, standen die Söhne des Vaterlandes auf, Frankreich zu retten.
Von Norden, Süden und Westen liefen die Sturmwellen an, den dünnen Wall um Paris zu durchbrechen: in Lumpen und Leiden noch einmal Soldaten der großen Armee.
Das Sagenbild der neunköpfigen Schlange wurde den deutschen Soldaten zur bösen Erscheinung; wo ein Mann war, war auch ein Feind, und viele Männer waren in Frankreich.
Der siegreiche Sommer sank längst in den Herbst, und der Winter fing an zu schneien: immer noch warf das tapfere Land neue Heere ins Feld, immer noch sorgten die siegreichen Führer, ob sie des Feindes wohl Herr blieben.
Bis endlich der Hunger die mächtigen Tore von Metz aufmachte, bis endlich die Deutschen im Feld die Übermacht hatten, der Hydra den letzten Kopf abzuhauen.
Bei Orleans an der Loire, bei Amiens und Le Mans, bei Dijon, an der Lisaine, bei St. Quentin: überall hatte das Blut verzweifelter Kämpfe den Schnee gerötet, ehe der Donner der großen Kanonen das Herz und die Hauptstadt von Frankreich bezwang.
Einhundertachtzehn Tage lang war der eiserne Ring um ihre Tore gewesen; Hunger und Schrecken hatten das Herz von Frankreich müde gemacht, bis sein Mut aufhörte zu schlagen.
Tief im Süden, im waldigen Jura fiel noch ein letzter Streich gegen den kühnen Bourbaki; bei Pontarlier wälzte sich der blutige Rumpf der Hydra hinüber zur Schweiz.
Dann endlich war dieser schwere Krieg aus, der ein Ringkampf war zwischen den Völkern, und dem die Welt staunend zusah; denn noch war es Preußen mit seinen süddeutschen Brüdern, das solches gegen das mächtige Frankreich vermochte.
Versailles
Der erste Napoleon hatte das Reich auseinander getreten, weil er der Kaiser im Abendland war; als der dritte Napoleon seine Wiederkunft sah, die er selber erweckte, saß er in Wilhelmshöhe gefangen.
Er hatte um seines Namens willen den Großen gespielt, aber der Große saß in Berlin und war ein preußischer Junker; als der Kaiser seinen Gegner erkannte, war das Spiel schon verloren; als ihm der Krieg an die Gurgel sprang, war Preußen schon Deutschland.
Was die Burschenschaft sang auf der Wartburg, was in der Paulskirche als Wort und Wille des deutschen Volkes aufstand, war in Wirklichkeit da, als Deutschland nach Frankreich marschierte, seinen Zorn an dem Erbfeind zu rächen.
Aus Preußen und Bayern, aus Schwaben und Sachsen, aus Hessen und Baden waren die deutschen Söhne gekommen, weil ihre Fürsten ein Schutz- und Trutzbündnis hatten; aber sie standen im Feld füreinander, weil sie aus einem Vaterland waren.
Niemals konnte der Mann aus dem Heer in eine andere Heimat heimkehren als die seiner deutschen Blutsbrüderschaft vor dem Feind; er hatte den Erbfeind geschlagen, der lange genug der Nutznießer seiner Zwieträchtigkeit war: sollten noch länger Fürsten in Deutschland regieren, durften sie nicht mehr Vögte der Zwietracht, mußten sie Hüter der Eintracht sein.
Durch Eisen und Blut hatte der Kanzler die Eintracht beschworen, aber nun wußte er klug abzuwarten, daß ihr kein Zwang angetan wurde: sollte das Reich kommen, so mußte es sein, wie die Sonne sich selber den Tag weckt.
Erst wurde der Bund der Völker geschlossen, und mancherlei mußte gegeben, gepflegt und geschont sein, ehe die Boten befriedigt heimgingen, ehe Vertrag um Vertrag zum Vaterland wuchs.
Als so das Reich auf der Einigkeit stand, kamen die Fürsten, den Kaiser zu küren; kein anderer konnte es sein als der Greis, der Preußen und Deutschland in diesen siegreichen Krieg führte.
Der König von Bayern mußte ihn nennen; er tat es mit stolzer Gebärde, weil seiner romantischen Seele nichts so verhaßt wie die kleine Erbärmlichkeit war, und weil er kein Neidling sein mochte.
So konnte endlich das Wunder geschehen: im Spiegelsaal zu Versailles standen die Fürsten und Stände der Staaten, Minister, Generäle, Soldaten, dem greisen König von Preußen die deutsche Kaiserkrone zu bringen.
Das Schuldbuch der Menschen
Der Reichstag
Tapfere Dinge waren getan, und Großes war ruhmreich gegründet: wie seit den Staufern nicht mehr war das Vaterland mächtig, Deutschland war wieder ein Reich, und ein Kaiser stand über der Vielheit der Fürsten.
Aber es war nicht mehr der alte Fürstenbau; weder in Aachen gekrönt noch in Frankfurt gefeiert, blieb der Kaiser von Deutschland König in Preußen; der eiserne Kanzler gebot an der Spree; die Krone im Rhein lag versunken.
Scharf schnitten die Grenzen das neue Reich ab von den feindlichen Völkern; Dänen, Franzosen und Polen sahen mit Haß die Fahnen schwarzweißrot wehen, indessen die Deutschen von Österreich und Tirol, von Salzburg und Steiermark im bunten Staatenverband der Habsburger Erbherrschaft blieben.
So hielt die harte Preußenhand eine kargere Kaisermacht fest als die der Staufen, Franken und Sachsen: aber sie war durch den Willen der Völker, nicht durch die Willkür der Fürsten gehalten.
Zweiundzwanzig Residenzen, Höfe und Fürsten hatten sich aus der Vielheit gerettet, und Thüringen trug noch das alte Narrengewand; ihr Bundesrat saß in Berlin, er konnte dem Reichstag der Deutschen Hemmschuh und Hindernis, aber nicht mehr die alte Herrengewalt sein.
Da saßen die Boten der Deutschen von Schleswig bis Lindau, von Schlesien bis Xanten, von Straßburg bis Memel, dem Vaterland die Hände frei zu halten durch den Willen des Volkes.
Da gab es nicht mehr die Stände der alten Reichsherrlichkeit, nur Stimmen: Arbeiter-, Bürger- und Bauernschaft galten nach ihrer Zahl; Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit sollten die Hüter und Walter der deutschen Volksrechte sein.
Die alte Zwietracht
Durch Eisen und Blut war Deutschland einig geworden, die Eintracht des Krieges hatte dem Frieden die stolze Frucht eingetragen: nicht länger mehr sollte die Zwietracht das deutsche Verhängnis bedeuten.
So waren die Sieger bekränzt aus Frankreich wiedergekommen, so hatte der Jubel in Deutschland Greise und Kinder, Männer und Frauen erfüllt, so stand der Frühlingstag hell, da in Berlin die Truppen einritten mit ihrem König und Kaiser.
Als aber der Reichstag die Stimmen gezählt hatte, als die Sendlinge ankamen aus allen Gauen, als sie eintraten in den Saal, dahin sie einträchtig zu raten gesandt waren, saßen sie vielfältig nach Parteien.
Zur Rechten die Junker und alle die Alten, die sorgenvoll in die neue Zeit sahen; zur Linken die Neuen und Demokraten: beide Hände wollten dem Reich das Gleichgewicht halten, die Dränger den Siegelbewahrern des Alten.
Doch in der Mitte schob eine schwarze Schar ihren Keil zwischen die streitbaren Hände; sie wollten das Reich nicht von rechts und links der neuen Preußengewalt, sie wollten die alte Herrlichkeit haben, da sich der Bogen der römischen Kirchen- und Reichsgewalt über die Christenheit spannte.
Der Papst und der Kaiser hatten der Kirche den Bogen über die Völker gehalten; der aber nun Kaiser hieß, war ein Ketzer, und der als Kanzler die starke Regierungsgewalt übte, war ein Preuße und Protestant.
Sie aber blieben der römischen Kirche gehorsam und wollten nicht dulden, daß ihrer Geltung im Reich der Preußen und Ketzer Geringes geschähe; darum saßen sie da in der Mitte und ließen sich schelten, daß sie die schwarzen Raben vom Kyffhäuser wären.
So wurde der uralte Streit noch einmal entfacht, was dem Papst und dem Kaiser gehöre; der römische Papst war die Sonne der christlichen Welt, unfehlbar hieß er sich nun: wollte der preußische Mond aus eigenem Licht leuchten, so war es vom Teufel.
Noch einmal wurden die Worte von Worms und Augsburg gesprochen, noch einmal wollte der deutsche Mann dem römischen Übermut wehren: der Schwedenkönig ritt um im Gedächtnis von Lützen, und die feste Burg Luthers wurde gesungen.
Kein Wallenstein kam, und Magdeburg brauchte die Brandfackel Tillys nicht mehr zu fürchten: die Schwerter hatten gerungen, bis Deutschland ein Leichenfeld war; nun rangen die Stimmen.
Aber die jubelnden Herzen mußten noch einmal den wilden Untergrund spüren, darauf die neue Herrlichkeit stand; indessen die Tore und Türme der Einigkeit noch bekränzt waren, kamen die Raben der Zwietracht geflogen.
Wir gehen nicht nach Canossa! trotzte der Kanzler; aber der eiserne Mann, der Habsburg besiegte und den dritten Napoleon fing, der dem Abendland stärker als sonst ein Mann seiner Zeit das Gesicht gab, der Graf von Gastein und Fürst von Versailles mußte das unbedachte Wort büßen.
Die neue Zwietracht
Ein Jahrtausend deutscher Geschichte hob sein Gesicht zur Gegenwart auf, als die schwarzen Männer im Zentrum noch einmal den Streit der Kirche begannen; das Gesicht war von Gram und finsteren Leiden zerrissen.
Aber der Bogen, einmal der Christenheit mächtig, war nicht mehr gespannt; die Augen, glühend vor Haß, waren erloschen.
Wohl wußte der Mund noch die Worte, aber sie zückten nicht mehr: aus Schicksal war Zank, aus Schuld war Schmähung, aus Haß war hitziger Eifer geworden.
Indessen die alte Zwietracht so an der Gegenwart starb, war die neue Zwietracht gewachsen; aber ihr glühten die Augen, ihr zückten die Worte, sie kannte Schicksal und Schuld, sie kannte den brennenden Haß.
Aus Menschen hatte der Zwang der Maschine Fabrikler gemacht; in rußigen Hallen und Höfen mußten sie um den Tageslohn dienen, die von der Scholle enterbt waren und die im Handwerk verfilzter Zünfte kein Heil fanden, weil die Maschine der menschlichen Hand die Arbeit wegnahm.
Wohl hatte List, der Reutlinger Schwabe, dem Wohlstand die neuen Wege gewiesen: der deutsche Bürger begann, Bahnen, Fabriken und Lagerhäuser zu bauen, die Schornsteine rauchten, aber dem Arbeiter brachten sie keinen Segen.
Der Lohn hielt sein Dasein in ehernen Klammern; je mehr ihrer kamen, ihn zu verdienen, je billiger wurden die Groschen in seiner entwerteten Hand.
So ging die Saat auf, die Wilhelm Weitling aus Magdeburg säte; der Profit des privaten Erwerbes sollte dem Recht der Gemeinschaft verfallen: der Sozialismus wurde die Zwietracht der kommenden Tage.
Ein Evangelium kam zu den Armen, anders als jenes, das Jesus von Nazareth brachte, und eine andere Lohnlehre, als die der Priester; nicht erst vor Gott, vor den Menschen sollte Gleichheit gelten; statt himmlischer Freuden der Frommen sollte auf Erden Gerechtigkeit wohnen.
Lassalle hatte sein lautester Verkünder geheißen, der wie ein Irrwisch dem frommen Geheimrat ins Tintenfaß fuhr und ein fressender Feuerbrand war in den Herzen der Armen; vom Zorn der Behörden verfolgt, von Prozeß zu Prozeß hingerissen, jagte sein Leben dahin, bis ihn -- um eine Frau -- die Kugel hinstreckte.
Aber sein landfremder Name, scharf und schnell wie der hämmernde Hall seiner Worte, blieb in den Herzen der Armen lebendig, bis hinter der heißen Gebärde ein drohender Schatten aufkam, sein flackerndes Bild zu verscheuchen.
Die goldene Spinne
Zwei Rheinländer saßen flüchtig in London und waren Freunde, wie Kopf und Herz Freunde sind: Karl Marx, der Jude aus Trier, Friedrich Engels, der Protestant und Kaufmann aus Barmen.
Sie stickten der neuen Zwietracht die Fahne; auf blutrotem Grund strahlte mit goldener Schrift der Name des Feindes, den sie in aller Verkleidung des Wohlstandes verfolgten.
Wo ein Zins, eine Grundrente war, wo eine Eisenbahn lief, wo eine Fabrik rauchte, wo die Feuergarbe der Hochöfen lohte und wo der Förderkorb Kohlen zu Tage brachte: überall saß die goldene Spinne und nützte das Netz.
Das Kapital war sie geheißen, und alles Lebendige fing sie mit ihren gleißenden Fäden, um es zu fressen: weil sie der Nutznießer der Zinsen und Renten, in aller fleißigen Arbeit der Fluch der Lohnherrschaft war.
Einmal als goldenes Kalb von Israel gläubig umsungen, von Moses mit jähen Worten zerschmettert, war sie die Herrin der Welt, all ihres Wohlstandes und all ihrer Armut geworden.
Fürsten und Könige mußten ihr dienen, Kriege wurden geführt ihr zuliebe und Frieden nach ihrem Vorteil geschlossen: wo irgend ein Menschenwerk war, hielt sie dem Hunger die Geißel in ihrer Linken, aber den Mehrwert der Arbeit in ihrer lockenden Rechten.
Gegen die Allmacht des Goldes rief Marx, der Jude aus Trier, die Zwietracht der Gegenwart auf; und dies war seine Lehre vom Mehrwert: aller Gewinn in der Welt bestahl die fleißige Arbeit; denn der Lohn zahlte nicht den Gewinn, er hielt nur die Peitsche, daß Arbeit geschähe.
Um ihren Mehrwert betrogen, gab die Arbeit dem Armen die Notdurft und hielt ihn als Knecht in der Fessel des Lohnes; Sorge und Fleiß und Mühseligkeit der besitzlosen Klasse dienten der goldenen Spinne, daß ihr das Leben fauler Genuß würde.
Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! höhnte ihr Sprichwort; aber den Goldspinnen war zu fressen die einzige Arbeit; so wild war ihre Gier, daß sie einander auffraßen, die großen die kleinen, bis einmal das Gold aller Welt in einem einzigen Bauch war.
Dann war das Unrecht gesühnt und das Schicksal vollendet; denn dann kam der Staat mit dem Schwert und schlug dem Ungetüm das Freßwerkzeug ab, dann war der Bauch mit dem Gold der Gemeinschaft verfallen, dann hatte der Mehrwert der Arbeit den Kreislauf vollendet.
Denn dann war der Staat nicht wieder das Fangnetz der goldenen Spinne, dann hatten die Arbeiter selber die Macht, dann konnte der Mehrwert den goldenen Segen ausströmen, weil endlich die Menschheit vom Kapital, dem faulen Blutsauger des ehrlichen Fleißes, erlöst war.
Die Botschaft klang anders, als die aus Bethlehem kam: sie wollte den Himmel auf Erden bringen, statt eine Verheißung über den Wolken zu sein.
Zwar hatte Jesus milde gelächelt, daß Einer sorgte um Speise und Trank, um Kleidung und andere Notdurft des Leibes, weil er die ewige Seligkeit lehrte, die jeder Seele als ihre Heimat gewiß war, wenn sie ihm glaubte.
Aber der Jude aus Trier sah nur Schliche in der christlichen Botschaft; alle Lehre der Priester und alle Gläubigkeit galten ihm List der Spinne, ihre höllische Herrschaft zu halten: sie wollte des irdischen Goldes gewiß sein, drum gab sie die himmlischen Träume.
Irdisches Leben hieß auf der Erde beheimatet sein, hieß ihre Früchte als Segen des Fleißes fröhlich genießen: das sollte der Preis seiner Lehre, das sollte der greifbare Segen seines neuen Evangeliums werden.
Die da in Not und Kümmernis lebten, indessen der Reichtum auf leichten Rädern dahin fuhr, denen ein Tag Sorgenfreiheit ein Märchenland hieß: sie hörten die Worte wie einmal die Hirten, da sie in kalter Nacht auf den Feldern die Botschaft der Engel vernahmen.
Sie sahen die Fahne der Zwietracht flattern vor einer schönen Zukunft; tausend mal tausend glaubten mit glühenden Augen, daß der mühselig beladenen Menschheit zum Wohlgefallen endlich Gerechtigkeit käme.
Darwin
In England wurde dem Sozialismus die Fahne gestickt, aus England kam auch die neue Schöpfungsgeschichte, die Bildung des Bürgers vom Bibelbuch abzulösen.
Auf seinem behaglichen Landgut bei London saß Darwin, der Forscher und Freund der Pflanzen und Tiere, und kannte kein schöneres Glück, als ihnen das Lebensgeheimnis besonnen und still abzulauschen.
Er hatte auf mancherlei Reisen den rauschenden Reichtum der tropischen Pflanzen- und Tierwelt gesehen; aber wie bei den Menschen Blutsverwandtschaft war unter Brüdern und hinaus lief in Sippen und Völker, so sah er die Unzahl der Arten verbunden.
Tastenden Schrittes suchte er Strecken des Lebens zu finden; und immer gewisser wurde dem still besonnenen Mann, daß all der rauschende Reichtum des Lebens aus wenigen Urformen stammte.
Tausendmal älter als alle Berichte wirkte das tiefe Geheimnis der Artenentwicklung; was sich das einzelne Leben im Kampf ums Dasein mühsam erwarb, wurde vererbtes Vorrecht der Art; Jahrtausende waren darin wie eine Stunde.
So war die Schöpfungsgeschichte der Bibel ein Märchen der Juden, einfältig und sinnvoll gebildet; das Sechstagewerk Gottes war nur die Tür frommer Betrachtung, dahinter die Wege der Pflanzen- und Tier- und Menschennatur in uralte Vergangenheit wiesen.
Darwin, der Forscher und Freund der Pflanzen und Tiere, hatte nur klarer erkannt und feiner verfolgt, was andere Geister vor ihm ahnten und fanden; als aber der übersehbare Weg seiner Lehre in die Unendlichkeit führte, erschraken die Frommen.
Denn nun wurde offenbar, daß die jüdische Bibel auch nur ein Menschenwerk war und also ein Stückwerk: auf ihren Buchstaben war der evangelische Glaube verpflichtet; wenn aber der Buchstabe des alten Testaments falsch war, wurde dem Glauben die starke Gewißheit des neuen genommen.
Eine Wehklage kam aus den gläubigen Herzen, Wutgeschrei der Zeloten rief Zeter und Zorn über den Forscher; der seiner eigenen Frommheit nur eine neue Gewißheit gewann, staunend der göttlichen Tiefe im Wunder des Lebens, wurde als gottlos verdammt von den Priestern.
So mußte der still besonnene Mann seiner Zeit wider Willen das Feldgeschrei leihen: der Menschengeist wollte sich selber genug sein als Herrscher der Erde; hier fand er die Lehre, den Kirchengott abzusetzen.
Alles Jenseits war solcher Lehre verdächtig; menschliche Not und kirchlicher Wahn hatten die Götter und danach den Gott der Priester geschaffen, der für den Überschwall der neuen Erkenntnis und Forschung ein Hirngespinst war.
Mit Himmel und Hölle habe der Priester -- so hieß es -- die Menschheit in Furcht und Hoffnung gehalten, nun sei das alte Täuscherspiel aus; der Erde allein sollten die Taten gehören; der Tod sollte ein tapferes Ende des einzelnen Lebens, kein Tor für eine vermessene Ewigkeit sein.
Unendliche Zeugung habe ihr Ziel im Menschen gefunden; kein Sechstagewerk eines fragwürdigen Gottes, sondern die Artenvermehrung durch Zuchtwahl habe aus Urzellen endlich den Menschen gemacht, der so in Wahrheit die Krone der Schöpfung vorstellte, wie er sich rühmte.
Der Trompeter von Säckingen
Indessen, durch solches Wissen mündig gemacht, der Menschengeist in der Natur die Mutter des Lebens erkannte, ging in verschlissenen Kleidern noch immer Romantik spazieren.
Als die Geschichte Gottes im Menschen war ihm die Vergangenheit tot, Schicksal und Schuld waren im Schoß der Natur für immer begraben; den Bilderbogen der Menschheit in seinem Geist zu bemalen, waren Poeten- und Malerhände geschäftig.
Einen Messias zu singen, hatte die deutsche Dichtung begonnen, der eiserne Götz und die Räuber, Nathan der Weise und Minna von Barnhelm, Don Carlos und Tasso, Iphigenie und Penthesilea, Wallenstein und der Prinz von Homburg waren mit herrlichen Schritten über die Bühne gegangen, Faust hatte mit Himmel und Hölle gerungen: nun kam der Trompeter von Säckingen her, sein blechernes Stück in die Herzen zu blasen.
Hölty und Hölderlin waren vergessen, Stifter und Mörike kaum gekannt, Hebbel und Kleist gingen der Bildung als Schreckgespenst um: dem Trompeterdichter flog ihr Herz zu wie die Braut dem Geliebten.
Allzulang war die Dichtung auf Stelzen gegangen, große Gedanken und hohe Gefühle hatten dem Bürger den Eingang verwehrt: nun lehrte ein Kater die Lieder der Bildung zu singen, und ein Trompeter, die Leiden der schmachtenden Liebe zu seufzen.
Auch Maiengrün gab es für süße Gefühle, für den Durst einen köstlichen Tropfen, für den Trompeter eine holde Maid zu erringen; und wenn das Lied aus war, das die deutsche Bildung entzückte, hatten sich Maid und Maiengrün, Trompeter und Tropfen glücklich gefunden, und jedermann konnte sich träumen, daß ihm ein gleiches Glück blühte.
Zwar in der Wirklichkeit standen die Dinge nicht mehr so rosig vergoldet, und Nüchternheit nahm der Bildung das dürre Maiengrün aus den Händen; desto emsiger mußten die neuen Poeten von der Vergangenheit ihre bunten Bilderbogen abziehen.
Unserer Väter Werke
Als der siegreiche König von Preußen aus Frankreich die Kaiserkrone heimbrachte, als wieder ein Kanzler im Reich und das Reich eine Macht war, weckten die Rufer den schlafenden Kaiser im Kyffhäuserberg.