Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 32

Chapter 323,742 wordsPublic domain

Sie waren Meister der Schule, er lachte zu ihren Ränken und stellte die hohe Diplomatie getrost auf den Kopf; er nannte die Dinge tolldreist beim Namen und war seiner Sache gewiß, daß Klugheit und Mut ohne Verkleidung stärker und sicherer wären.

So machte er, der bei den Schwarzgelben heiter zu Tisch saß, der ihren Damen ein witziger Kavalier und ihren Neunmalgescheiten ein dummdreister Gernegroß schien, die schwarzweißen Farben wieder frisch, die seit Olmütz verstaubt waren.

Nur das Volk sah nichts als den preußischen Junker in seiner Hünengestalt; ihm galt der Preußengesandte in Frankfurt der Todfeind des Vaterlandes und der Klopffechter verschimmelter Fürstengewalt.

Der Regent

Der König von Preußen hatte die schwarzrotgoldene Schärpe getragen und war nach Olmütz gegangen; er hatte geschwärmt und geredet und Kirchen gebaut, er hatte die Hoffnung, den Groll und die Ohnmacht der Deutschen nacheinander betrogen: als er ins Alter kam, waren nur schwankende Schatten von seinem Umriß geblieben.

Lange bevor ihn ein Schlaganfall hinwarf, seinen Schwarmgeist völlig umnachtend, hatte der festere Schatten von seinem Bruder hinter dem König gestanden, wie ein Pfahl bei dem schwankenden Baum steht.

Er war weder geistreich noch redebegabt, nur ein Soldat; alles, was einen Fürsten bei seinem Volk beliebt machen kann, fehlte dem wortkargen Mann; doch jedermann wußte, Prinz Wilhelm war, was der König nicht war, ein Charakter.

Niemand sah ihn je schwanken und zagen; als die Märztage kamen, riet er dem König, unbeugsam zu bleiben, und als im badischen Aufstand die preußische Hand gebraucht wurde, gab sie der Kartätschenprinz her.

So stand seine karge Erscheinung recht in der Zeit als ein Stück Fürstengewalt; die Junker hielten ihm zu, weil er ein Stockpreuße wie sie und lieber ein Gutsherr in Brandenburg als ein Fürst nach dem deutschen Volkswillen war.

Nichts an ihm, außer der langen Gestalt, ging über den Zoll; kein Schatten der Größe witterte um seinen Namen, aber hochmütig und unbeugsam hielt er der Krone die Torwache.

Das preußische Volk sah ihn verdrossen neben dem Thron stehen, der seinem romantischen Bruder Kanzel und Kirchenstuhl und nun ein Krankenbett war; ihm aber sollte er wieder, das ließ er den Untertan merken, ein Königsstuhl sein.

Ein Königsstuhl ohne Schwall und Gepränge, ein Königsstuhl mit dem Schwert und der Waage als Zeichen der höchsten Gewalt.

Fremd seinem Volk und von allen gehaßt, die an die neue Zeit glaubten, hielt er dem kranken Bruder die Krone, und dennoch heimlich begrüßt, weil wieder nach schwankenden Schatten ein fester Umriß am Fenster der Königsgewalt stand.

Der Konflikt

Die deutsche Frage war seit Olmütz in die Enge der unabwendbaren Entscheidung geraten: Österreich und Preußen rangen im Deutschen Bund um die Macht, wie einmal die Welfen und Staufer taten.

Großes Schicksal hatte der Kaisergedanke über die Deutschen gebracht; aber der Deutsche Bund war nicht mehr das Reich und der Zollverein hatte den Spalt quer durch die deutschen Länder gerissen.

Der Prinzregent war Soldat; er sah die kommenden Dinge mehr mit dem Zündnadelgewehr als mit den Fußangeln der Diplomaten.

Er legte, König geworden, dem preußischen Landtag die neue Wehrordnung vor, von vierzigtausend Rekruten auf sechzigtausend zu kommen, statt die andern auslosen zu lassen.

Aber der Landtag war widerspenstig; er sah nach Bürgerart mehr in die Gegenwart als in die kommenden Dinge und wollte für eine so kostspielige Heeresverstärkung nicht die Mittel beschließen.

Darum, als Österreich mit Frankreich in den italienischen Krieg kam und der Deutsche Bund rüsten mußte, ließ sich der König die Mittel der Mobilmachung gewähren und führte die neue Wehrordnung ein, wie er sie wollte.

So sah sich der Landtag umgangen: das Heer war verstärkt, die neue Wehrordnung war da, und er sollte seine Bewilligung nachträglich geben; aber er weigerte sich nach dem Buchstabenrecht der Verfassung.

Dreimal versuchte der König den Widerstand des Bürgers zu brechen; dreimal wurde der Landtag entlassen; dreimal kamen die Männer im Willen des Volkes gestärkt zurück, und immer trotziger wurde ihr Nein.

Denn nun war das schärfste geschehen: der König, bedrängt und gehaßt, von vielen Guten verlassen, hatte den Junker von Bismarck als seinen Minister gerufen; und nun stand der eiserne Wille gegen den Trotz, die Unabänderlichkeit kluger Gewalt gegen die Rechtsbehauptung lahmer Gesetze.

Nicht durch Reden und Kammerbeschlüsse, höhnte der Junker den Landtag: durch Eisen und Blut würden die Fragen der Zeit zur Entscheidung gebracht.

Er hatte den Bund mit dem Zaren geschlossen, das Heer stand bereit; und was seinem Dämon als Schicksal und Größe von Preußen im Sinn lag, das sollte für Deutschland geschehen.

Der dänische Krieg

Der dänische Seehund hatte die preußische Dogge gebissen, die meerumschlungene Nordmark war dänisch geblieben trotz allem Gesang der Kinder und Greise: nun nahm der Junker von Bismarck den Augenblick wahr, dem Seehund die Zähne zu zeigen.

Friedrich, der dänische König, war ohne Kinder gestorben; der Gottorper Christian erbte sein Land, der ein Prinz des schleswig-holsteinischen Hauses und durch den Willen der Stände Thronfolger in Dänemark war.

Sie wollten mit ihm Schleswig für immer an Dänemark binden; aber ein anderer Prinz des schleswig-holsteinischen Hauses bestritt seinem Vetter die Nordmark und hieß sich als Friedrich der Achte Herzog von Schleswig und Holstein.

Ihm wollte der deutsche Bund helfen, und als die Preußen und Österreicher in Holstein einrückten, riefen ihn Ritterschaft, Städte und Landschaften zu Kiel als Landesherrn aus.

Die Dänen hießen die Stände samt ihrem Herzog Rebellen, sie rückten mit Schiffen und Heeresmacht aus, der deutschen Bundesarmee noch einmal die Zähne des Seehunds zu zeigen.

Aber nun hatte die preußische Dogge packen und beißen gelernt und wollte die Schande von Olmütz auslöschen; Wrangel konnte noch einmal den zornigen Feldmarschall spielen, und diesmal gingen die Sieger nicht wieder nach Haus.

Bei Düppel hatte der Seehund sein festes Lager gegraben, aber die Dogge wühlte sich durch bis an die Wälle, drei Wochen lang lag sie in Regen und Lehm, dann sprang sie dem dänischen Feind an die Kehle.

Zum zweitenmal wollten die Dänen das Spiel der Mächte beginnen, aber nun hatte der Junker von Bismarck die Karten klüger gemischt: sein Bündnis mit Rußland schreckte die andern, besiegt und verlassen von allen Höfen mußte der dänische Hochmut die Demut auskosten.

Die schwarzweißen und schwarzgelben Fahnen blieben im schleswig-holsteinischen Land, und Wrangel der Feldmarschall brauchte nicht wieder fluchend nach Hause zu gehen; die Kinder und Greise konnten getrost das alte Lied singen: das Wunder, kaum noch geglaubt, blieb in der Wirklichkeit gültig.

Aber das Lied, einmal so stark in den Herzen, wollte nicht klingen; ein Dämon, das fühlten sie alle, hatte das Wunder gemacht: die deutsche Seele, blaß und erschrocken, ahnte, daß dies nur ein Anbeginn war, sie wartete stumm auf den Fortgang, weil ihr vor dem Bruderkampf graute.

Gastein

Schleswig-Holstein, meerumschlungen, war dem Seehund entrissen, aber die Dogge duldete nicht, daß Friedrich der Achte als Herzog ins Land kam; vor der preußischen Haustür sollte kein neuer Bundesstaat sein.

Seit Friedrich der Große Schlesien nahm, hatte kein Landgewinn so den preußischen Dämon gelockt; wie damals war wieder ein Mut da, kalt und verwegen, um solchen Gewinn den höchsten Einsatz zu wagen.

Die Bundesgesandten in Frankfurt hörten die knarrenden Stiefel des Junkers von Bismarck; sie waren gekränkt, daß er den hitzigen Eifer der schwarzgelben Fahnen nach Schleswig-Holstein gelockt, aber die Bundesarmee kalt abgewehrt hatte.

Und wie die Bundesgesandten, so haßten die Völker den preußischen Junker, daß er so dreist das alte Mächtespiel trieb; sie wollten ein deutsches Vaterland sein und wollten die friesische Nordmark friedlich und frei im deutschen Staatenverband haben.

Indessen der Herzog der schleswig-holsteinischen Stände sein Glück schwinden sah, gingen die Boten von Wien nach Berlin: der neue Zankapfel hatte den alten locker gemacht, Schlesien wurde für Schleswig gewogen, ein Handel sollte den Machtstreit begraben.

Dem schmählichen Handel zu wehren, hoben die Bundesgesandten in Frankfurt den Schild der Gerechtigkeit auf: das neue Bundesland müsse sein Schicksal selber bestimmen; ein Landtag, in Schleswig-Holstein gewählt, könne das einzige Schiedsgericht sein!

Solche Gerechtigkeit konnte der Junker von Bismarck nicht brauchen; Eisen und Blut sollten entscheiden, noch aber war ihm das Spiel zu gewagt: dem Gegner die letzte Falle zu stellen, lockte er ihn nach Gastein.

Kein Bundestag konnte ihn da mit dem Schild der Gerechtigkeit stören; die Habsüchte von Preußen und Österreich waren allein, und als sie einander die feindliche Bruderhand gaben, hatte die Hofburg dem deutschen Bund die preußische Kränkung mit eigener Kränkung vergolten.

Was ewig ungeteilt bleiben wollte, wurde als Beute der Mächte zerrissen: Preußen nahm Schleswig und Österreich Holstein; Lauenburg wurde um dänische Taler an Preußen verhandelt.

Da sahen die Völker im Vaterland, daß über dem Schild der Gerechtigkeit die Schwerter der Macht gekreuzt waren; die Großen allein wollten den Handel begleichen, die Großen in Wien und Berlin, die den deutschen Bund kaltblütig übergingen.

Die Zange

Seit Gastein begannen die Klugen das tolldreiste Glücksspiel zu ahnen; der König von Preußen hatte den Junker von Bismarck zum Grafen gemacht, und keine Bedenklichkeit konnte den kühnen Spieler erreichen.

Er trotzte dem preußischen Landtag, er höhnte die Bundesgesandten, und mehr als ein Bruch der Verfassung geschah dem deutschen Gewissen, als er dem schwarzgelben Bruder den welschen Feind auf den Hals hetzte.

Frankreich und Österreich hatten den letzten Gang um die römische Erbschaft der Kaiser gewagt, und Victor Emanuel war, der sardinische König, der Spieler Frankreichs gewesen.

Er hatte in blutigen Kämpfen den Einsatz gewonnen; aus einem Flickwerk von Staaten war endlich ein einiges Volk auferstanden: Italien hieß es sein Land und Victor Emanuel seinen ruhmreichen König.

Noch einmal hatte das uralte Schlachtfeld der Völker den Lärm und die Leiden des Krieges erfahren, und schwer waren die Schläge Radetzkys gefallen, ehe die Lombardei von den schwarzgelben Fahnen befreit war.

Nur noch Venetien blieb in der Habsburger Hand; die reiche Provinz heimzuholen, winkte ein Bündnis mit Preußen: über die Alpen reichte der Sieger von Gastein den Welschen die schwarzweiße Hand, den schwarzgelben Feind in der Zange zu haben.

Das Zündnadelgewehr

Als Preußen den Bruderkrieg anfing, war Österreich immer noch mächtig im Bund, auch brach ein Schrei aus der Tiefe des deutschen Volkes gegen den preußischen Frevel: aber der eiserne Graf glaubte an den Soldaten, und der Soldat glaubte ans Zündnadelgewehr.

Der Teufel -- hieß es -- habe den Preußen die Waffe erfunden, schneller zu schießen als sonst ein redlicher Schütze; indessen er kniete und mit dem Ladestock lud, hatte der Preuße schon zweimal geschossen.

Und wie das Gewehr war sein Gefecht vom Teufel gesegnet; alles ging nach der Uhr: hierhin und dorthin marschierten die Heere, aber zur Stunde der Schlacht waren sie da mit der Zange.

Drei preußische Heere zogen nach Böhmen, wo Benedek langsam gegen die Lausitz vorrückte; drei Muren brachen aus dem Gebirge ins böhmische Land, das österreichische Heer zu erdrücken.

Die erste bot ihm die Front, aber die andern waren die Zange; als die schwarzgelben Fahnen bei Königgrätz standen, den Stoß aufzufangen, war die Schlacht schon verloren.

Gleich einer Burg waren die Hügel von Chlum vorgebaut gegen die Sümpfe der Bistritz, und Benedek stand jedem Sturm, seit früh ging die Schlacht und mittags kam sie zu stehen, schon winkte der Sieg den schwarzgelben Fahnen, als rechts im Rücken Kanonendonner begann.

Die zweite Mure war da, und schon kam die dritte von links, die Zange zu schließen; da half den schwarzgelben Fahnen die Burg und die Tapferkeit nichts, und alles Blut des grausamen Tages war ihnen vergeblich geflossen: sie mußten die Hügel von Chlum, sie mußten die Burg, das Feld und den Sieg dem flinkeren Feind lassen.

Die Schlacht war verloren und mit ihr der Krieg; bald standen die Sieger im Marchfeld: da hatte einmal das Glück von Habsburg begonnen, da ging es zu Ende.

Einen dreißigjährigen Krieg hatten die Neunmalklugen verheißen, nun war er in einem Monat vorüber; die hitzigen Sieger wollten nach Wien reiten, aber der eiserne Graf fiel ihrem Roß in die Zügel.

Ihm galt es nicht Preußen und Österreich, ihm galt es Deutschland; und ob ihn sein König selber zuerst nicht verstand: zu Nikolsburg machte ein rascher Friede dem raschen Feldzug ein Ende.

Indessen die großen Dinge in Böhmen geschahen, liefen die kleinen emsig in Franken: bei Langensalza hatten die Preußen das Heer von Hannover mit ihrem blinden König gefangen, aber die Kurhessen und Bayern, Schwaben und Badenser schlugen sich mit den Preußen auf vielerlei Straßen und Brücken herum.

Die Preußen schossen auch hier mit dem Zündnadelgewehr; die großen Kanonen standen in Böhmen, ehe sie kamen, wehten die weißen Fahnen auch schon in Franken.

Nie hatte ein Frieden den Ölzweig so eilig gebracht, wie der von Nikolsburg tat; kaum wußte der Bauer vom Krieg, kamen die Krieger schon heim, die Ernte zu halten.

Es war nur ein Sommergewitter, sagten die Völker, weil es zu schwül im Vaterland war! und die das Wort hörten, spürten es wohl: das Wetter war aus, und die Luft war gereinigt.

Noch standen die preußischen Heere im Feld, als der Gesandte von Frankreich, Benedetti geheißen, hochmütig in Preußen anklopfte: Mainz oder Krieg! -- Dann Krieg! höhnte der Graf, und Deutschland fühlte den Sieg, der in dem stolzen Wort lag.

Der norddeutsche Bund

Zum drittenmal hatte der preußische Dämon die Falle gestellt, aber nun fing er die Fürsten von Hessen, Hannover und Nassau und auch die freie Stadt Frankfurt.

Sie hatten Preußen gehaßt und Habsburg getraut, der Frieden von Nikolsburg machte sie vogelfrei; von Habsburg verlassen, mußten sie Thron und Land an Preußen verlieren.

Noch war der König von Preußen nicht Kaiser, aber sein Kanzler, der eiserne Graf, übte die Kaisergewalt Barbarossas; wie der Staufer sein stolzes Maifeld, berief er den norddeutschen Bund.

Nicht auf den goldenen Feldern bei Mainz, nicht an den fröhlichen Ufern des Rheinstroms, in der kargen Königsstadt an der Spree, glanzlos und nüchtern mußte der neue Reichstag den Bau des Bundes beginnen.

Auch rief kein Herold die sieben Heerschilde auf, von dem stolzen Turmbau der Stände war nur noch die Stimme geblieben, die einmal in Urväterzeiten der Freiemann war und die nun im freien und gleichen Wahlrecht der Männer wieder zu Wort kam.

So hatte es Bismarck den Deutschen versprochen, bevor sie nach Königgrätz gingen, so hielt er nun Wort; die dem Junker mißtraut hatten, mußten erkennen, wie klug und stark der preußische Wille auf die Kaisergewalt zielte.

Denn noch schied der Main Süddeutschland vom Bund; mit Ingrimm und Sorge sahen die Fürsten und Völker nach Norden, was nun der Preuße begänne.

Die Fürsten schonte er nicht, das sahen sie alle; die Völker indessen konnte das Zündnadelgewehr nicht gewinnen: wohl aber, wie nun im norddeutschen Bund das Flickwerk der Fürsten ein Vaterland wurde mit einer freien Verfassung.

Der neue Napoleon

Ein Abendrot brannte am Himmel von Frankreich sein Feuerwerk ab, der gallische Hahn stand in greller Beleuchtung und spreizte sein buntes Gefieder, daß wieder ein Kaiser Napoleon war.

Der den gewaltigen Namen und sein Gedächtnis, den Ruhm des Kaisers und den Rausch des französischen Volkes als seinen Glorienschein trug, hatte nur einen Ehrgeiz, nicht die Natur des korsischen Oheims überkommen.

Mit Abenteuern und Listen mancherlei Art war ihm der Aufstieg geglückt, aber der Atem wurde ihm eng, als er auf dem Kaiserthron saß; Großes zu tun vermochte er nicht, so gab er dem Kleinen den Anschein der Größe.

Zwar schien ihm das Kriegsglück gewogen, auf den lombardischen Feldern gewann er die Schlachten gegen den Habsburger Erbfeind: Magenta und Solferino klangen dem fränkischen Ehrgeiz nicht weniger stolz als einmal Arcole und Lodi.

Nie hatte ein Kaiser der alten Zeit die Straßen von Mailand so blumenbestreut gesehen, als da er der stolzen Stadt ihren König Victor Emanuel zeigte; und seit den Tagen des Korsen hatte kein Jubel Paris so erfüllt, als da er Savoyen und Nizza als Siegesbeute heimbrachte.

Da standen die Tore der Tuilerien geöffnet wie einst, Könige kamen, den neuen Herrn der Welt zu begrüßen; die Völker des Abendlands sahen den Kaiser von Frankreich wieder als Schiedsrichter walten.

In seinen Glanz fiel der Schatten, als Preußen der Tag von Königgrätz glückte; wohl rief die Hofburg den Kaiser als Schiedsrichter an, und das alte Rheinbundspiel schien zu glücken: als aber Napoleon Mainz und die Pfalz als Siegesbeute heimbringen wollte, wies Bismarck, der eiserne Graf in Berlin, seinem Gesandten die Tür.

Den Tag von Sadowa hießen die Franzosen die böhmische Schlacht, die ihrem Kaiser das Glücksspiel verdarb; den Tag von Sadowa zu rächen, blieb danach ihr Feldgeschrei, bis es dem Kaiser zum Schicksal und seinem ruhmgierigen Volk zur Demütigung wurde.

Die Emser Depesche

Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen: Bruderblut war um den norddeutschen Bund in Böhmen und Franken geflossen; um das Reich mußte Krieg sein mit dem Erbfeind im Westen.

Denn immer noch lag der Schatten des Rheinbundes quer vor den kommenden Dingen: bei dem Schiedsrichter der Tuilerien hatten die süddeutschen Fürsten Schutz gesucht gegen Preußen; Österreich war, Sadowa zu rächen, im Bündnis mit Frankreich.

Sollte ein einiges Vaterland werden, so mußte die welsche Hand aus dem deutschen Spiel sein; Bismarck der eiserne Kanzler war tollkühn genug, den Schlag gegen den Kaiser von Frankreich zu wagen.

Als sich der Kaiser danach um Luxemburg mühte, sagten die Spötter in Frankreich: Napoleon habe das Wild von Sadowa gefehlt und wolle nun rasch einen Hasen vom Händler heimbringen; aber der Sieger von Gastein brachte ihn auch um den Hasen.

Alles verdarb der Dämon in Preußen dem grämlichen Kaiser, bis ihm der spanische Handel das rote Tuch war, seinen Zorn unklug zu machen.

Isabella, die spanische Königin, war nach Frankreich geflüchtet; die Großen des Landes boten die Krone dem Eidam des Königs von Portugal an, der selber dem Kaiser verwandt, aber ein Hohenzoller war.

Seitdem der Burggraf von Nürnberg nach Brandenburg kam und die fränkische Sippe der Zollern in Preußen ihr Glück machte, hatte der schwäbische Stamm bescheiden im Dunkel gesessen, bis Napoleon selber den Prinzen Carol auf den rumänischen Thron brachte.

Nun sollte sein Bruder König von Spanien werden; das aber rief den Franzosen die Furcht der spanischen Weltherrschaft wach: was einmal Habsburg vermochte, sollte den Zollern nicht wieder gelingen.

Der Zorn von Sadowa schrie Rache; Kaiser und Kammer in Frankreich, noch eben im Streit, sahen den Tag der Vergeltung und sprangen dem Kanzler hinein in die klug gestellte Verblendung.

Einen Krieg über Deutschland zu bringen, vermochte der Prinz Leopold nicht; als der Sturm in Paris schon Donner und Blitz zuckte, meldete er seinen Verzicht.

Wir haben gewonnen! rief der Minister von Frankreich; aber so billig wollte der gallische Zorn nicht verrauchen: diesmal sollte der König von Preußen das fränkische Siegerrecht fühlen.

Der König von Preußen war schon ein Greis; er machte in Ems seine Kur, als der Gesandte von Frankreich, Benedetti, ihm morgens über den Weg kam: er solle dem Kaiser versprechen, daß niemals mit seinem Willen ein Hohenzoller in Spanien König würde.

Das konnte kein König versprechen; und als der Gesandte den höflichen Greis am selben Tag weiter bedrängte, ließ er ihn wissen: der König von Preußen habe ihm nichts mehr zu sagen!

Durch Eisen und Blut sollten die Dinge geschehen! nun war die Stunde gekommen, da Deutschland dem Kanzler einstehen mußte für sein geharnischtes Wort.

Was keiner zu denken kühn genug war, das vermochte die Emser Depesche; sie war nur ein rascher Bericht nach Berlin; der Kanzler kürzte und klärte den Ton und gab ihn der Zeitung: da las der Deutsche mit Zorn und mit Stolz, wessen sich ein Gesandter von Frankreich vermaß, und wie ein deutscher König die Würde bewahrte.

Sie fühlten in Frankreich den Hieb, und rot brach die Flamme aus ihrem rauchenden Zorn: der Kanzler wollte den Krieg haben, sie wichen ihm nicht zurück und wollten die Antwort bald nach Berlin bringen.

Aber die Völker im Reich verstanden die Stunde: jetzt oder nie mußte das Vaterland sein! und was an den Höfen der Fürsten noch hemmte und zagte, war durch den brausenden Willen gezwungen.

Die Männer

Der König von Preußen kehrte von Ems zurück nach Berlin; das Volk jauchzte ihm zu als dem kommenden Kaiser; denn nun trennte kein Main mehr das Vaterland in Norden und Süden.

Wo im Norden und Süden ein deutsches Herz war, es spürte die Wende: lange genug hatten die Fürsten das feige Spiel mit Frankreich getrieben, wo eine deutsche Uneinigkeit war, hatte der Franzmann die Finger gerührt; nun aber sollte ein einiges Vaterland sein, und alle Augen sahen nach Preußen.

Da standen die Männer der Stunde und wollten das Tor der deutschen Zukunft aufmachen: da war der König, den sie einmal Kartätschenprinz hießen; aber der Sieger von Königgrätz, besonnen im Ausmaß des Friedens, hatte dem fränkischen Hochmut deutsche Würde gewiesen.

Da war der Kanzler des kommenden Reichs, unbeugsamen Willens und seiner Sache gewiß; wie er die Dinge bei Namen nannte, so nahm er sie auch zur Hand, und was seine Hand nahm, ließ sie nicht fallen.

Da war der Feldherr des Königs, ein Greis wie er und ein Schweiger, kein Feldmarschall zu Roß, aber der heimliche Meister der Zange; wo Moltke den Feldzug führte, war der Soldat nicht verlassen: wo er ihn brauchte, da stand er, und wo er stand, war er getrost, den Feind anzupacken.

Da war der Zeugmeister des preußischen Heeres, Graf Roon, dem alles an seiner Schnur ging, der als getreuer Feldwebel sorgte, daß dem Soldaten das Seine zukam.

Da war der Kronprinz, dessen Kanonen den Sieg nach Königgrätz brachten, blondbärtig und jedermanns Freund und immer bereit, mit jedem zu lachen.

Als er den Oberbefehl nahm über die süddeutschen Heere, vergaßen sie alle den Preußen, weil er ein fröhlicher Mann und für die Bayern, Schwaben wie Hessen bald «Unser Fritz» war.

Nach Frankreich hinein

Wieder wie einmal nach Böhmen ließ Moltke drei Heere nach Frankreich marschieren, und wieder wie damals kam ihre schnelle Bewegung dem Feind in die Flanken.

Über den Rhein nach Baden, Schwaben und Bayern wollte Napoleon ziehen, die süddeutschen Mächte gegen den norddeutschen Bund zu gebrauchen; aber sein Heer kam nicht los von Straßburg und Metz.

Ehe Mac Mahon in Marsch kam mit seiner saumseligen Macht, hatte der Kronprinz den Lauterbach überschritten, den Feind im Elsaß zu packen.

Der Geisberg bei Weißenburg wurde von Preußen und Bayern erstürmt und danach bei Wörth der stolze Mac Mahon geschlagen; ehe sein Heer beisammen war, riß schon der Strudel der schmählich verlorenen Schlacht die fliehenden Massen über den Wasgenwald hin.

Die Steige von Zabern war frei, als Sieger marschierten die Söhne der süddeutschen Länder hinein in das uralte Schlachtfeld der katalaunischen Felder.

Am selben Tag, da Mac Mahon bei Wörth den Ruhm von Magenta verlor, berannten die Preußen der ersten Armee die Spicherer Höhen hinter Saarbrücken; blutige Stürme liefen vom Mittag bis in die Nacht gegen die steilen Waldberge an, Tausende mußten ihr Leben um einen Schritt lassen.

Aber der Schritt machte den Weg nach Lothringen frei, und Lothringen war mit seiner gewaltigen Festung der Schlüssel, den Krieg nach Frankreich zu tragen.

Metz