Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 31

Chapter 313,704 wordsPublic domain

Denn die Spree war kein Neckar, und der gerodete Boden zwischen Kiefern und Seen barg keine Fruchtbarkeit: wie den Wenden das Land, so waren die kargen Weiden und Felder dem Sand abgerungen.

Auch hatten die Erbhändel um die askanische Mark ein Jahrhundert gedauert: Städte und Ämter waren verpfändet; die Rittergeschlechter, der Landesherrschaft entwöhnt, saßen auf ihren Burgen, dem hergewehten Schwaben zu trotzen.

Sollte auf solchem Grund je Wohlstand wachsen, mußten sich harter Fleiß und härtere Sparsamkeit paaren; nur in der mühsamen Kunst karger Verwaltung konnten die Hohenzollern in Brandenburg zu Ansehen kommen.

Als ihnen endlich nach zweihundert hausgehaltenen Jahren das Glück in den Schoß fiel, als sie das Ordensland der schwarzweißen Ritter durch Erbschaft gewannen, weil der letzte Hochmeister Albrecht von Brandenburg ein weltliches Herzogtum daraus gemacht hatte: da war es im selben Jahr, daß die fressenden Feuer des dreißigjährigen Krieges über das Reich zu flackern begannen.

Die schwachen Hände des Kurfürsten Georg Wilhelm zogen wie alle Schwachheit das Unglück an, und Brandenburg wurde das Blachfeld der Schweden bis zu dem Tag, da sie nur noch auf Raub am Reich sannen, weil der Kaisertraum Gustav Adolfs kläglich zerronnen war.

Als Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst, mit zwanzig Jahren das Land übernahm, hatte der Krieg Brandenburg wieder zur Öde gemacht: Dörfer und Fluren lagen vernichtet, und wo noch Stadttore standen, waren die Häuser verbrannt.

Elend und Entsetzen wohnte in Hütten und in den Burgen die alte Unbotmäßigkeit: es war eine magere Erbschaft, die dem Schöpfer des preußischen Staates zufiel, und alle Hoffnung war ihr bestritten.

Der preußische Staat

Aus brandenburgischer Kargheit und schwarzweißer Ordenszucht wurde der preußische Staat; als er in Deutschland zur Geltung kam, war er ein starkes Heer und eine gerechte Verwaltung: nicht ein Volk hatte sich einen Staat, sondern ein Staat sich das Volk nach seinem Bilde geschaffen.

Ob es deutsche Bauernschaft war, die zur Siedlung kam, ob sie aus Rheinland oder Westfalen, aus Salzburg und Holland stammte: sie hatte das Urvätertum der Heimat verlassen und war in einen Staat eingegangen, der eine freundliche Fremde, doch Fremde vorstellte.

Soviel Hunderttausende zuletzt im Oder- und Weichselgebiet saßen, sie wären in der kahlen Gemeinschaft eines Heeres und einer Verwaltung nicht warm geworden, wenn sie nicht ihre Bibel und das Gesangbuch und Sonntags die Predigt gehabt hätten, darin ihr Leben ein Pilgrimstand hieß.

Denn Protestanten waren sie alle, ob sie aus Rheinland oder Westfalen, aus Salzburg und Holland oder gar aus Frankreich stammten; und der Staat, der die um ihres Glaubens willen Vertriebenen aufnahm, war es so sehr, daß Preußen- und Protestantentum zueinander gehörten wie Kirche und Sonntag.

Als dann die Tage des unbesiegbaren Königs kamen, der sich im siebenjährigen Krieg den Ruhm seiner Schlachten holte, sodaß die Preußen zuletzt vom alten Fritz sprachen, wie man vom Rübezahl spricht: da wurde es offenbar, daß der preußische Staat seine Kolonisten zu einem Volk zusammen geschweißt hatte.

Seit Roßbach und Leuthen gab es ein preußisches Volk, dem die Kolonie im slavischen Osten eine neue Heimat geworden war; und die schwarzweißen Fahnen bedeuteten mehr als die kahle Gemeinschaft eines starken Heeres und einer gerechten Verwaltung.

Darum, als der Reichsfreiherr vom Stein ein deutsches Vaterland wollte statt dem Flickwerk der Fürsten, ging er zum König von Preußen, nicht zum Kaiser nach Wien; und daß sich Deutschland gegen die Fremdherrschaft des Korsen erhob, war eine Tat des preußischen Volkes.

Denn in der Not war die Umkehr geschehen, daß der preußische König den Ruf «An mein Volk» wagte, und nicht nur Preußen hörte den Ruf, sondern Deutschland gab ihm jubelnde Antwort, weil das Heer durch Scharnhorst ein Volksheer und die Verwaltung durch Stein die Selbstverwaltung der Stände und Städte geworden war.

Aus der Ordenszucht der schwarzweißen Ritter und aus der Kargheit Brandenburgs war in der Kolonie ein Staat und Volk aufgewachsen, daraus für Deutschland der Wille und Mut wiederkam, sich gegen das Flickwerk der Fürsten mit Blut und Eisen zu wagen.

Der Keil

Als Friedrich der Große in Sanssouci starb, hatte der preußische Staat das Kolonialland im Osten zusammengerafft; seine Gestalt war auf der deutschen Karte ein breiter Keil, dessen Schärfe mit der Festung Magdeburg nach Westen gegen den Rhein wies.

Der Keil des preußischen Staates war angesetzt, das morsche Holz des Reiches zu sprengen, und hatte den Spalt über Minden schon vorgetrieben bis Wesel, wo seit dem Großen Kurfürsten die Schildwache Brandenburgs stand.

Als die Schere Napoleons dann die Karte Europas zurecht schnitt und vom Reich nur den Rheinbund, Preußen und Österreich übrig ließ, hatte der Keil seine Schärfe und Breite verloren: ihm selber war der polnische Keil bis ins Mark vorgetrieben.

Aber zum achten Neujahr nach Jena schon ging das preußische Heer bei Caub über den Rhein, die Schärfe nach Frankreich zu tragen; und wo die Truppen gegangen waren, saß der Reichsfreiherr vom Stein, das befreite Land zu verwalten.

Und ob der Wiener Kongreß mehr Fürsten auf ihre Throne zurück setzte, als dem Reichsfreiherrn recht war: Preußen hatte die Wacht am Rhein errungen; von Wesel bis Saarlouis standen die schwarzweißen Schildwachen.

Die Rheinprovinz war der Siegespreis, der dem preußischen Schwert zufiel, weil das Reich der geistlichen Kurfürsten tot war; die Kolonie kehrte ins Herzland des Reiches zurück, daraus seine Bauernschaft einmal um des Glaubens willen auszog.

Im deutschen Volk blieb seit der Romantik ein Raunen: wer den Rhein hat, der hat das Reich! Seitdem der preußische Keil im rheinischen Querholz stak, wußte es jedermann: im preußischen Staat mußte das Reich wiederkommen.

Unter den Linden

Dorothea, die zweite Gemahlin des Großen Kurfürsten, pflanzte die erste Linde der breiten Straße, die von der Schloßinsel schnurgerade in den Tiergarten führte; aber das Schloß war noch die düstere Burg an der Spree.

Erst Friedrich, der ruhmsüchtige Sohn des Großen Kurfürsten, begann den gewaltigen Schloßbau, zu dem er den Bildhauer und Baumeister Andreas Schlüter in seinen Dienst holte.

Mit zwei sehr großen Höfen warf Schlüter den Grundriß über die Breite der Schloßinsel hin, und der Größe des Planes entsprach die Kraft einer barocken Gestaltung.

Gebändigte Wildheit war alles, was dieser Mann aus seiner großen Natur zu bauen und bilden unternahm: seine Portale standen als wahrhafte Königstore am Schloß; und als er dem Großen Kurfürsten sein Reiterbild auf der Langen Brücke aufstellen durfte, verkündigte es seinen Ruhm mit dem des Fürsten, weil es das stärkste Sinnbild gebändigter Kraft auf deutschem Grund war.

Weder das Schloß noch das Zeughaus, daran die Masken der sterbenden Krieger in die Ewigkeit starren, durfte Andreas Schlüter vollenden, weil sein Ungestüm in Ungnade fiel und durch den Schweden Eosander von Göthe gefällig ersetzt wurde; aber durch seine Wirksamkeit war der Kunst in Preußen Gewicht und Weisung gegeben.

Zwar der Soldatenkönig werkelte draußen in Potsdam, und der alte Fritz wohnte in Sanssouci, das ihm nach seiner Idee Knobelsdorff baute, der mit seiner großen Leibesgestalt ein Tafelgenosse des Königs, in seinen Bauträumen ein Künstler von zartesten Gnaden war.

Ehe Knobelsdorff aber das Märchen von Sanssouci schuf, hatte er den Berlinern ein Opernhaus hingestellt, darin der Weg aus dem Barock Schlüters zur preußischen Einfachheit sein erstes Wegzeichen erhielt, trotzdem es Rokoko war.

Die seine Zauberhand ablösten, waren die Holländer Boumann, Vater und Sohn; sie bauten den Dom und die Hedwigskirche, die Universität und die Bibliothek, wie der alternde König es wünschte und Knobelsdorff nicht erfüllen konnte: sie bauten sie schlecht und recht nach dem befohlenen Vorbild, aber mit Haltung.

Der Weg der preußischen Baukunst führte erst weiter, als der Schlesier Langhans nach Berlin kam und der Straße Unter den Linden das Brandenburger Tor vorsetzte mit dorischen Säulen, aber in einer Wucht und Freiheit zugleich, die für diese Stelle gefühlt war.

Das Viergespann auf dem flachen Dach bildete Schadow, den sie später den alten Schadow nannten, der aber damals im Vollbesitz seiner derb-feinen Bildnerkunst war und in den köstlichen Standbildern Zietens und des alten Dessauer selber ein Doriker wurde.

Denn in dieser Zeit geschah das Wunder, daß die Kunst in Preußen den Weg zu sich selber zurückgelegt hatte, indem sie Natur zwar im Gesetz der Antike sah, aber mit eigenen Augen.

Als Friedrich Gilly, der Jüngling, lehrend und kühne Beispiele zeigend, das kurze Gastspiel seines Lebens gab, da schienen die Musen dem Preußentum zugeneigter, als sie es sonst im Reich waren.

Schinkel, sein Schüler, durfte die Hauptwache als das höchste Beispiel preußischer Baukunst hinstellen: Wiedergeburt der Antike aus eigener Vollmacht.

Als er den Lustgarten mit der Säulenhalle des alten Museums abgeriegelt und durch die Schloßbrücke mit der Prunkstraße Berlins verbunden hatte: da war die Flucht unter den Linden vom Brandenburger Tor bis zum Dom die schönste Straße in Deutschland und eine der schönsten der Welt.

Berlin

Während Weimar der deutsche Musenhof wurde und Jena sich rühmte, die Wiege der deutschen Romantik zu sein, blieb die Stadt an der Spree stumm; so volkstümlich der alte Fritz war, so abseits der deutschen Bildung stand der Spötter von Sanssouci.

Weder Lessing noch Winckelmann fanden ein Amt im preußischen Staat, dem der eine nach seiner Natur, der andere nach seiner Geburt angehörte; erst, als Berlin die Rüstkammer der vaterländischen Bewegung wurde, fing der deutsche Geist an, eine preußische Wohnung zu haben.

Fichte hielt seine Reden an die deutsche Nation in Berlin, und Heinrich von Kleist war der preußische Gegenwurf zu der Botschaft von Weimar.

Und als die Erhebung verrauscht, als Deutschland durch Preußen befreit war, trat Hegel, der Kanzelredner des Staates, die Nachfolge Fichtes an.

Er baute den Raum der Vernunft so umfänglich aus, daß alles darin seinen Platz fand, und baute ihn so mit logischen Klammern befestigt, daß keine Unordnung des Geistes mehr den Weltenplan störte.

Gleich einem Propheten des alten Bundes bewahrte er der neuen Vernunft das Siegel, ohne das keine Wissenschaft gültig war.

Die Philosophie, aus dem Latein Leibnizens in den mühsamen Perioden Kants eine deutsche Tatsache geworden, dachte nicht mehr Begriffe, sie glaubte Leben zu denken; und daß sie es dunkel tat, lag im Logos beschlossen, dahinein sie den Tag tauchte.

Daß neben dem Propheten der Held nicht fehle, kam mit seinem europäischen Ruhm Alexander von Humboldt nach Berlin zurück, der ein neuer Napoleon war, die Welt zu erobern, und der unter allen Männern seiner Zeit der gefeiertste war.

Daß er und sein Bruder Wilhelm, der Minister, daß die beiden Humboldt durch den Berliner Tag gingen, gab ihm einen Stundenschlag, der in Europa gehört wurde.

In diesem Stundenschlag verschwand für die Menge, aber es war den Guten bewußt, daß in Berlin die Serapionsbrüder des Kammergerichtsrats Hoffmann schwärmten, daß im botanischen Garten Chamisso saß, der Dichter des Peter Schlemihl, daß Achim von Arnim mit seiner Bettina gern von Wiepersdorf in die Stadt kam, und daß die Rahel dort ihren Salon hatte.

Der gute Geist aber, der sie alle kommen und gehen sah, die in Berlin für kurze oder lange Zeit ihr Nest bauten, hieß Schleiermacher; und wenn den Karlsbader Beschlüssen zum Trotz der deutsche Geist sich nicht mehr aus seiner preußischen Wohnung vertreiben ließ, war Schleiermacher ihm der getreue Eckart.

Der Schillertag

Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große Gedächtnis; die Zeit der deutschen Bildung begann, aber die Bildung hatte bei Gellert zu Abend gegessen und dreist Goethes Schlafrock angetan.

Glauben und Glück gingen am Sonntag spazieren; die Kunst als Pudel der Bildung spaßhaft geschoren, sprang nebenher.

Das war die Zeit, da Beethoven einsam sein Alterswerk schrieb, indessen der Freischütz dem Bürger das Morgen- und Abendlied wurde.

Das war die Zeit, da fleißige Maler der Bildung Romantik ins Album malten, da die Sehnsucht der Sänger nur noch die Wohllust der häuslichen Herrlichkeit war.

Da Ludwig Richter um die Gestalten der Märchen und Sagen sein liebes Rankenwerk machte, da jeder Malergesell ein Taugenichts wurde von Eichendorffs Gnaden.

Das war die Malkastenzeit, da die Stadt an der Düssel sich ihrer Gärten und Künstlerschaft rühmte, da der Rhein eitel Mondschein und Becherklang war.

Da die Raffaeliten in Remagen ihre blasse Frömmigkeit malten und Rethels herrliche Hand, die den Totentanz machte, an den Bildern im Aachener Kaisersaal traurig verdorrte.

Da Kaulbach ein neuer Michelangelo wurde, bis endlich Piloty, der deutsche Tizian kam, seinen unsterblichen Ruhm unsterblicher zu verdunkeln.

Das war die Zeit, da Schillers Geburtstag zum hundertsten Mal jährte.

Der Goethetag war eine verborgene Feier gewesen, ein Sternbild über dem stummen Land; der Schillertag wurde das rauschende Fest seines Volkes.

Den Sänger der Freiheit hießen sie ihn, und weil die Freiheit im deutschen Bund eingesargt war, kam die deutsche Bildung mit Kränzen und Fahnen, mit Böllern und Glockengeläut, mit Reden und Männergesängen, das Grab der Freiheit zu feiern.

Um die Lebendigen war eine Leere, und Gras wuchs über das große Gedächtnis; aber am Schillertag blühte im Kornfeld der Bildung das Unkraut der deutschen Begeisterung auf.

Der Geheimrat hörte das Glockengeläut gern; wohl brauste die Jugend hinein und manche Rede klang scharf in den Tag: aber das Wahre, Schöne und Gute hatte gesiegt über die Geister von gestern, und hatte die Völker in seiner Hand fromm und glücklich gemacht.

Friedrich List

Als die Deutschen den Schillertag feierten, war es im dreizehnten Jahr, daß ein anderer Schwabe, verdüstert und müde der deutschen Ermattung, in Kufstein sein rastloses Leben mit einer Kugel beschloß.

Er war kein Dichter, und als er am Tübinger Stift Staatswissenschaft lehrte, hieß ihm Hölderlin wenig; unnütze Träume galten dem praktischen Schwaben Griechenlands Götter, und bläßliche Feiertagsfreude galt ihm ein Frühlingsgedicht.

Ein fröhlicher Hammerschlag lockte ihn mehr als die Wehmut versunkener Dinge; und weil seinem Gegenwartssinn verschimmelte Weisheit zu lehren nicht mehr behagte, weil zuviel Pastorengeruch in der Tübinger Luft war, ließ er sein Amt, das Stift und die Stadt, in Stuttgart den Stätten der Arbeit näher zu sein.

Das aber war zu der Zeit, da Sand den Kotzebue totstach, da die Karlsbader Beschlüsse den Mord an der deutschen Burschenschaft rächten; sie fanden auch List, der die Regierung in Stuttgart mit zornigen Eingaben plagte, und setzten den lästigen Mahner hinter das eisenbeschlagene Tor auf dem Asperg.

Sich aus der harten Haft zu befreien, versprach er, das schwäbische Land mit der neuen Welt zu vertauschen und über dem Meer dem frommen Geheimrat nicht mehr im Weg zu sein.

So kam der Reutlinger Schwabe zu seiner Weltbürgerschaft, so kam der arme Professor zum Reichtum; denn als er drüben das Glück in einem Kohlenflöz fand, griff seine Schwabenhand zu: solch einen Hans im Glück hatten die Leute im Osten längst nicht mehr gesehen, wie es der Schwabe in Pennsylvanien war.

Aber er wollte ein anderer Glücksritter werden als für den eigenen Beutel; er hatte die Quelle des Reichtums gefunden und wollte sie fließen machen für alle: Deutschland sollte nicht länger das Hungerland seiner Fürsten und ihrer höfischen Bettelschaft sein.

Der Traum einer anderen Wirtschaft blühte ihm auf, als der Zünfte und kleinen Gewerke: der deutsche Boden war schwer an Schätzen; Kohlen und Eisen konnten dem Vaterland Wohlstand und Freiheit bedeuten; denn die Armut allein -- so glaubte sein glühender Traum -- machte die Menschen unfrei.

Bahnen, quer durch die Grenzen der Fürsten gebaut, sollten den Städten die Nahrung der Bauernschaft bringen; die Städte hingegen sollten die Werkstätten sein für alles Gerät, das die Landwirtschaft brauchte.

Eines sollte dem andern die Waage des Wohlstandes halten, rascher Verkehr und planvoller Handel sollten die Preise bestimmen, Zölle die heimischen Werkstätten schützen, Ausfuhr und Einfuhr die kluge Benützung des Weltverkehrs sein.

Ehe sein glühender Eifer mit solchem Traum in die Wirklichkeit ging, schrieb er ihn auf in dem klugen und heftigen Buch seiner Volkswirtschaftslehre; dann kam er zurück übers Meer wie der Hans im Glück, mit dem Goldklumpen seiner Pläne das deutsche Volk zu beglücken.

Aber das deutsche Volk saß im Spinnennetz seiner Fürsten, seine Gegenwart war an den Grenzpfahl gebunden und seine Zukunft an den Geheimrat; wo ein Stück grünes Land war, ging die Vergangenheit auf die Weide.

Was in der neuen Welt ein Kinderspiel schien, war ein Herkuleswerk in der alten; jahrelang ringend mußte der schwäbische Hans seinen Goldklumpen tauschen, bis er am Ende von all seinen Täuschen den grauen Wetzstein behielt.

Da wußte er freilich, daß es zuerst die Schärfe der deutschen Sensen und Sinne aus ihrer Stumpfheit zu wetzen galt; und er wetzte, daß aus den Funken der Brand in die faulen Strohdächer sprang.

Bis der Hans im Glück ein verdrossener Mann und seine Volkswirtschaftslehre ein durchlöcherter Regenschirm war, bis eine Kugel die letzte Enttäuschung bezahlte, bis Friedrich List in Kufstein verscharrt wurde.

Aber sein Goldklumpen war unterdessen in rüstige Hände gefallen: was Friedrich List nicht vermochte, das münzten sie aus, ihren Beutel zu füllen; und als sich im Flickwerk der Fürsten Wohlstand und Freiheit zu regen begannen, regte sich sein Vermächtnis.

Die Eisenbahn

Der Menschengeist hatte den Dämon aus Feuer und Wasser gebändigt; im Eisenbauch schwerer Maschinen saß er gefangen, Mühlen und Hämmer, Räder und Spindeln zu treiben: nun wurde er Roß vor dem Wagen.

Von England kam das neue Wunder der Welt; als es zuerst von Nürnberg nach Fürth lief, strömten die Leute weither, die sausende Fahrt mit Feuer und Dampf zu bestaunen.

Der Eisenbauch der Maschine war auf Räder gestellt; die aber liefen, vom zischenden Dampf in den Kolben getrieben, auf eisernen Schienen schneller durchs Land hin, als je ein Roß zu rennen vermochte.

Ein Feuerroß schien die neue Maschine den Menschen, mit dampfenden Nüstern; so stark war das bauchige Ungetüm, daß es gleich einen ganzen Wagenzug hinter sich herzog.

Die Ärzte hatten die Hände gerungen, und der Geheimrat sah grollend dem leichtfertigen Untertan zu; aber die Kaufleute wollten die Eisenbahn haben, und wie eine Hummel fuhr List, ihr Herold, herum.

In Sachsen gelang es dem Schwaben, den ersten Fernweg in Deutschland von Dresden nach Leipzig zu bauen; er mußte den Elbe- und Muldefluß überbrücken, er mußte bei Oberau gar durch einen Berg gehen -- einen Tunnel hießen sie solch eine Höhle, daraus das Ungetüm brausend hervorkam -- aber die Eisenbahn brachte den Passagier, der einen langen gerumpelten Tag mit der Post oder drei Tagesmärsche brauchte, in fünfeinhalb Stunden von Dresden nach Leipzig.

Zwar rauchte der Schornstein unaufhörlich, und im Feuerschein flogen die Funken über die offenen Wagen; doch brach kein Rad in den Löchern der Straße, und es wurde kein Pferd lahm.

Der Postillon hatte verspielt trotz Mondschein und Horn, und auf der langen Allee von Leipzig nach Dresden blieben die Planwagen aus, bis die Straße leer wurde vom Fremdenverkehr und nur noch das Bauernfuhrwerk seine langsamen Räder hinrollte.

Und wie es in Sachsen geschah, wurden in Preußen, am Rhein und in Bayern die eisernen Schienen quer über die Felder und Wiesen, durch Hügeleinschnitte und über haushohe Dämme gelegt; staunende Dörfer und schweigende Wälder sahen das rauchende Ungetüm fahren.

Städte, sonst tagefern voneinander, wurden auf Stunden genähert; wer in der Frühe aus Hamburg wegfuhr, konnte abends schon in Berlin den Freischütz hören.

So wurde ein anderes Netz über Deutschland gespannt, als es das Spinnennetz Metternichs war; noch konnten die Grenzen der Fürsten die Strecken biegen und brechen, aber die Schienen bohrten sich durch und bohrten dem freien Verkehr der Völker die Gasse.

Wo die Eisenbahn hinkam, brachte sie Kohle, und wo die Kohle hinkam, konnten die Schornsteine rauchen; so ging der Traum des Reutlinger Schwaben doch in Erfüllung, Handel und Wandel, aus ihrer Enge befreit, wuchsen ins Weite, an seinen Bahnen wollte das Flickwerk der Fürsten ein Vaterland werden.

Der Zollverein

Die Eisenbahn baute die Wege, die Völker im Reich zu verbinden; aber die Zölle legten landaus, landein die Schranken der Fürsten darüber.

Länder und Landschaften, Städte und Märkte hielten mit Eifersucht ihre Grenzen gesperrt; je rascher die Eisenbahn Waren und Güter herbrachte, je zorniger wurde der Zank um den Zoll, der sie tagelang hinhielt.

Die preußischen Länder, vom Rhein bis zum Memel aus langer Erwerbschaft geflickt und seit dem Wiener Kongreß mit der Schere zerschnitten, mußten den Mangel am meisten erfahren: so kam es, daß Preußen die Unrast der kommenden Einheit im Vaterland wurde.

Habsburg und Brandenburg rangen im Reich um die Macht, seitdem der Spötter von Sanssouci Maria Theresia Schlesien nahm; als der zähen Preußengeduld der deutsche Zollverein glückte, waren der Habsburger Vormacht die Stränge zerschnitten.

Mit den kleinen Nachbarn fing Preußen sein zähes Geduldspiel an; die größeren wollten sich wehren, und jahrelang rangen die Mächte im deutschen Bund gegen die preußischen Pläne.

Wie ein böses Geschwür sahen die Herren der Hofburg den neumodischen Bund wachsen, darin statt dem Schwert die Waage des Kaufmanns regierte, darin Habsburg, am Rande des Reiches, nicht mehr das Schwungrad im deutschen Räderwerk war.

Preußen hatte den Rhein, und wer den Rhein hatte, konnte den Handel in Deutschland bestimmen; auch war es die Zange, die norddeutschen Länder zu packen, und die preußische Zange scheute sich nicht, wo sie konnte, zu zwicken.

So wurde erstmals im Zollverein wahr, was deutsche Herzen erhofften; wohl blieben die Grenzpfähle stehen, mit den Farben von vielerlei Fürsten zu prahlen und all ihrem bunten Wappengetier; aber von Preußen nach Bayern, von Hamburg zum Bodensee gingen die zollfreien Waren, als ob das Vaterland Wirklichkeit wäre.

Der Kaufmann hatte gesiegt über den frommen Geheimrat; doch Preußen hatte dem Zoll das Ziel und dem Handel die Wege bereitet; der Fuchs in Berlin wußte genau: der Zollverein war die Vernunft, und die Vernunft war der Vorteil im Zwang der kommenden Macht.

Der preußische Bundesgesandte

Als der preußische Junker Otto von Bismarck nach Frankfurt zum Bundestag kam, war die Paulskirche wieder geschlossen, der deutsche Bund hielt seine Sitzungen ab, als wäre niemals ein März in seinen Winter gefahren.

Der Junker von Bismarck hatte das Handwerk der Diplomatie in keiner Schule gelernt, er konnte reiten, fechten und tanzen, er konnte ein frecher und fröhlicher Kerl sein: weil alle die anderen Gesandten auf Schleichwegen gingen, hörten sie bald seine Stiefel knarren.

Die Märztage hatten dem Junker von Bismarck eine Narbe ins Herz gebrannt, die schwarzweiße Fahne war durch die schwarzrotgoldenen Farben in Schande gekommen: er konnte dem Teufel ins Angesicht lachen, aber die Märzfarben ertrug er nicht.

Mehr als ein Deutscher war er ein Preuße, und mehr als ein Preuße ein Junker: der König war Herr, und er war seiner Herrlichkeit Träger; wer ihm hinein sprach, hatte den König gekränkt; und Kränkungen des Königs ertrug ein Junkerblut nicht.

So paßte der Todfeind des Liberalismus den schwarzgelben Herren der Hofburg; aber sein dreistes Preußentum verdroß ihren Hochmut.

Sie waren gewohnt, im Bundestag ihre Schlingen zu legen, und der Troß der Gesandten war nur die Meute der Hofburg; aber der Junker von Bismarck war weder Hase noch Fuchs oder sonst ein jagdbares Tier, eher ein Jäger und also bereit, sie selber in ihrer Schlinge zu fangen.