Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 30

Chapter 303,730 wordsPublic domain

Eigentum haben hieß Hehler und Dieb sein, hieß sträflich Güter der Erde besitzen, die allen gehörten; Eigentum haben hieß Armut und Knechtschaft beschwören; Eigentum haben hieß weder Christ noch Mensch vor der wahren Gerechtigkeit sein.

Es war nur ein Schneidergesell, der so lehrte, und Handwerksgesellen trugen die Lehre ins Land; aber er rührte tief an die Not der Enterbten und rief dem Reich Gottes uralte Hoffnungen wach.

Das junge Deutschland

Zum andernmal taten die raschen Franzosen zuerst, was die andern Völker zu tun gewillt waren; sie warfen dem letzten Bourbonen den Gottesgnadenthron um und riefen den Orleans her, König von Frankreich im Namen der Bürger zu heißen.

Da riß ein Loch in das Metternichnetz; der Wind blies scharf um die Kronen und Krönchen; aus mancher fürstlichen Hand fiel das Zepter.

Romantik hatte das Reich regiert, seitdem die Fürsten das Volk um die versprochene Freiheit betrogen; Romantik hatte gebaut und geredet, als ob bauen und reden die alte Herrlichkeit wäre; Romantik hatte Junkern und Pfaffen noch einmal das alte Herrenkleid angetan.

Nun aber wollte der Tag nicht länger das Prunkkleid der Vergangenheit tragen; der Menschengeist, müde und matt der ewigen Plage, wollte sich selber genug sein als Bürger der Erde.

Die blaue Blume blieb welk und entzaubert in seiner Wirklichkeit stehen; die Dichter dachten Rufer im Streit, Fechtmeister der Zeit und Führer der grollenden Völker zu werden.

Es waren spöttische Geister, die so aus der alten Zeit gingen, Klopffechter der Wahrheit, Schellenträger des gesunden Menschenverstandes.

Gemeinsamkeit war das Schicksal der Menschheit, war ihre Hoffnung und Inbrunst gewesen: ihnen jedoch sollte der einzelne Mensch die eigene Glückseligkeit sein.

Sie waren witzig und scharf und vermessen; sie hieben und stachen, wo sie die alte Zeit fanden; sie hießen den Staat und die Kirche das Zwiegespann aller Tyrannei; sie haßten Junker und Pfaffen und ihren gehorsamen Diener, den frommen Geheimrat.

Drei Dichter

Drei Dichter sangen der stürmischen Zeit die Gesänge; sie waren der Mund ihrer Not, der Geißelhieb ihrer Enge, der Posaunenton ihrer Hoffnung.

Heinrich Heine, funkelnd von Witz, grollend von Hohn und der süßesten Liedergewalt mächtig, ließ über den Rhein sein Feuerwerk blitzen.

Dem Juden aus Düsseldorf konnte das dumpfe Deutschland der Fürsten und ihrer Minister nicht Lebensluft sein; auch war die rheinische Heimat an Preußen gefallen, und preußisch sein hieß seinem Hohn, hinter vergitterten Stuben gefangen sitzen.

So war er in Frankreich verbannt und wurde als Emigrant fast ein Franzose, nur seine Feder hielt ihn mit Deutschland verbunden.

Er hatte sie besser brauchen gelernt als seine Genossen; wie seine unstete Seele nicht Heimat und Ruhestatt fand, wie sein buntschillernder Geist die Grenzen der Menschheit abirrte, wie er sein Leben stets in den Augenblick stellte, aber als Kind seiner Stunde der ewigen Unrast bewußt war: das alles konnte die Feder dem Leser in witzigen Worten hinschreiben.

Und weil er in gallischer Lebensluft ging, indessen der Leser im Spinnennetz Metternichs saß, wehte mit seinen Worten die Freiheit über den Rhein, der fremdeste Vogel im Dasein der Deutschen.

So rührte der schmerzlich unselige Dichter die Herzen; seine Lieder wurden gesungen, seine Verse geseufzt, sein Witz sprang wie ein Feuerbrand über, sein Spott warf dem frommen Geheimrat das Tintenfaß um.

Nie schrieb eine Feder so ihrer Zeit die Gefühle, wie Heinrich Heine der Jude aus Düsseldorf tat, der in Paris unselig krank in seiner Matratzengruft lag, seiner Krankheit noch spottend, bis ihn der Tod von seinem Leiden und Leben erlöste.

Anders als Heine war Herwegh ein Sänger der Freiheit; er glaubte an seinen Stern, wie nur ein Schwabe zu glauben versteht, und trotzte dem Schicksal, als es den Stern vor der Zeit sinken ließ, wie nur ein Stiftler aus Tübingen Gott und der Welt Trotz bieten kann.

Gedichte eines Lebendigen hieß er den Band seiner Gesänge, die, eine Botschaft der Freiheit, Deutschland durcheilten; Blumen und Jubel beschütteten seinen Weg, als er, den Sängern der alten Zeit gleich, von Stadt zu Stadt zog, seine Harfe zu schlagen.

Er war noch ein Jüngling, als Herwegh solches geschah, und gern genoß er den Ruhm, Dichter der Freiheit zu heißen; sie war der einzige Ton seiner Harfe: als er ein Mann und ein Greis wurde, waren die Saiten noch zornig gespannt, aber die Freiheit war tot und sein Ruhm lag mit ihr begraben.

Der Dritte aber war wild und vulkanisch und in der Tiefe der großen Gestalten und starken Gedanken gewachsen.

Indessen der Ruhm seiner Genossen von Mund zu Mund ging, indessen Herwegh als fahrender Sänger der Freiheit die Könige schreckte und Heine den funkelnden Witz aus Paris über den Rhein blitzen ließ, war Georg Büchner aus Darmstadt, kaum daß er kam, schon wieder gestorben.

Er hatte in Straßburg studiert und war nach Gießen gekommen, trunken der neuen Zeit und kaum seiner wilden Leidenschaft mächtig, als ihm sein trotziger Wahlspruch: Frieden den Hütten, Krieg den Palästen! die Heimat verwirkte.

Als Flüchtling in Straßburg und Zürich konnte er noch mit fiebernden Händen den ersten Beginn seiner Dichtung erraffen, dann holte der Tod den Feuergeist heim in den Abgrund der ewigen Dinge.

Wie ein Sonnenwendfeuer war dem Jüngling sein Leben verbrannt; er konnte nur Flamme, nicht Mensch und Bürger oder gar Untertan sein; als seine Freunde den Feuerplatz fanden, lagen noch glühend in seiner Asche die wenigen Dinge, die das Erbgut des Jünglings ausmachten.

Ein einziger Band konnte sein ganzes Dichtwerk umfassen, aber es blinkte wie Stahl, im Feuer geglüht.

Metternichs Ende

Zum andernmal hatten die raschen Franzosen den König auf Reisen geschickt, aber nun stürzte der Thron hinterher: Frankreich war Republik, und diesmal wollte der Bürger im Reich nicht länger Fürstenknecht heißen.

Wo ein Fürstenhof war, ein Schloß und eine Wache im Schilderhaus, kam er in Scharen; und wie er sein Vivat gerufen hatte, so rief er nun nach Verfassung.

Die Fürsten samt ihren Schranzen erschraken, daß draußen das Volk stand und schrie; sie hörten die Trommel der Bürgerwehr und hörten den Aufruhr der Glocken; sie waren noch immer gewarnt durch das Fallbeil und gaben dem Volk die Verfassung.

Da wurde das Volk wieder der Untertan, dem ein Glück widerfuhr, wenn sein Fürst am Fenster erschien; da wurden die Kappen und Hüte geschwenkt, da wurde Vivat gerufen; ein mannhafter Trunk auf die große Zeit brachte den Bürger ins Bett, von der goldenen Zukunft zu träumen.

So war es in Baden und Hessen, Hannover und Sachsen, Bayern und Württemberg, so war es in Schleiz und Greiz und all den Plätzen reichsfürstlicher Erbherrlichkeit; die alten Minister von Metternichs Gnaden wurden ungnädig entlassen und neue berufen, das Volk zu beglücken.

Und wie es dem Netz geschah, geschah es der Spinne: sie war die Vollmacht der Fürsten gewesen und die Allmacht für den Geheimrat, sie hatte ein halbes Jahrhundert gelähmt mit der List und Furcht ihrer Fäden; nun waren die Fäden zerrissen und alle Welt sah, was für ein klägliches Wesen darin saß.

Der auf dem Wiener Kongreß die Völker Europas mit ihren Fürsten betrog, der den deutschen Bund machte und das Ränkespiel der heiligen Allianz, der Liebling der Damen und Stern der Wiener Gesellschaft: war längst ein zittriger Greis und stocktaub; gleich einem Dieb in der Nacht mußte Metternich fliehen.

Der Kaiser aber fuhr durch die brausenden Straßen von Wien und nickte gnädig der siegreichen Bürgerschaft zu; er schwenkte sein Fähnchen schwarz, rot und golden: die Farben, gestern noch Hochverrat, hielt nun der Habsburger selber in Händen.

Der achtzehnte März

Am selben Tag, da der Habsburger Kaiser mit seinem Fähnchen schwarz, rot und golden durch Wien fuhr, stand in Berlin der König von Preußen auf seinem Balkon, das dankbare Volk zu empfangen.

Er sah die Ernte aus seinen Reden aufgehen, aber das Unkraut verdroß ihn; von Gottes Gnaden hatte sein Schwarmsinn das preußische Volk beglücken gewollt, nun rief es mit Ungeduld nach einer Verfassung.

Anders, als da er zum Lustgarten sprach, drängte die Menge; wohl wurden die Hüte geschwenkt und die Kappen, aber dicht um das Schloß standen Soldaten mit scharfem Gewehr: als die Bürger noch riefen und schwenkten, fielen zwei Schüsse.

Keiner wußte den Schützen, und keiner wurde getroffen, doch das Volk schrie Verrat; die Bürgerschaft floh; die mit den Kappen liefen nach Waffen; Barrikaden sperrten die Straßen rings um das Schloß, und als der Nachmittag kam, hallte die Stadt von den Schüssen.

Der Abend des achtzehnten März sank über Berlin, und der Mond warf sein Licht auf die Dächer, aber der Straßenkampf hörte nicht auf, sein höllisches Feuer zu brennen; Sturmgeläut, Hornruf und Hurra der Truppen und Aufruhrgeschrei gellten hinein und der Feuerschein brennender Häuser.

In der zweiten Stunde der Nacht wurde dem König das Herz schwer; er zog die Soldaten zurück und ließ die Bürgerwehr schalten: so wurde der blutige Aufruhr gestillt, aber die Toten weckte kein Königswort mehr.

Als die Reihe der Särge am dritten Tag gegen das Schloß kam, stand der König zum andernmal auf dem Balkon, barhaupt und schweigend, von vielen gehaßt und von keinem geachtet; sein romantischer Sinn, mit tauben Wünschen und Worten befrachtet, blieb in der Gegenwart stumm.

Er war am Tage zuvor durch die Straßen geritten, Prinzen, Minister, Generäle in seinem Gefolge, schwarz, rot und golden bebändert, als ob der Burschenschaftstraum von der Wartburg, als ob das deutsche Vaterland in Preußen Wirklichkeit wäre.

Nur einer war trotzig beiseite geritten, der Bruder des Königs, Prinz Wilhelm geheißen, von vielen gehaßt und von keinem verachtet, weil er ein Volksfeind, ein schwarzweißer Preuße, aber ein Mann war.

Hecker

Die Fürsten, um ihre Throne besorgt und erschrocken vor wilden Gerüchten, verhießen den Völkern Verfassung; aber die Väter hatten den Wortbruch des Fürsten zu bitter bezahlt.

Nicht alle Bürger schwenkten die Hüte, und aus den Tiefen des Volkes grollte ein Ton, der andere Dinge als neue Minister, neuen Betrug und neue Verfolgung begehrte.

Noch immer tagte der deutsche Bund, noch immer gab es kein Vaterland, nur Länder der Fürstengewalt; sollte ein deutsches Vaterland werden, mußte das Reich zuvor von der Habsucht, Willkür und Eitelkeit seiner Fürsten befreit sein.

In Baden sollte der Kehraus der Fürsten beginnen, und Hecker, der Fürsprech aus Mannheim, die Feder am Hut, wollte der Herold und eiserne Besen der deutschen Volksherrlichkeit werden.

Über den nächtlichen Rhein kamen die Scharen derer zurück, die in der Schweiz und in Frankreich, der Heimat verdrossen, Flüchtlinge waren; sie wollten ihr Leben einsetzen, daß endlich ein deutsches Vaterland würde.

Auch Herwegh, die feurige Zunge der Freiheit, kam wieder aus der Verbannung; und kühnere Worte hatte der deutsche Bund nicht gehört, als da der Schwabe den Brief an sein Vaterland schrieb.

Von Süden und Westen brachen sie ein und waren zwei Tage lang Wort und Gewalt im badischen Oberland; dann kamen die Truppen des Bundes aus Hessen, Bayern und Schwaben und bliesen das Strohfeuer aus.

Sie trugen die Feder am Hut und die Freiheit im Herzen, die Truppen der Bundesgewalt trugen nur ihr Gewehr: in einer einzigen Stunde bei Kandern schossen sie Feder und Freiheit zu schanden.

Feder und Freiheit ließ Hecker dahinten, sein Leben zu retten; so hitzig sie suchten, sie fingen ihn nicht, so gern sie es wollten, sie konnten den Fürsprech aus Mannheim nicht hängen.

Wie eine Hummel summte das Heckerlied hin über die Straßen und Dörfer, der deutschen Republik dennoch die Herzen zu wecken.

In der Paulskirche

Indessen im Reich solches geschah, indessen sich Groll, Blut und Haß mit Narrheit und Niedertracht mischten im fressenden Brand der Empörung, brach aus den Herzen der Guten die Flamme; die deutsche Seele erwachte und wollte das Land der Väter erneuern in freier Gestaltung.

Aus allen Gauen der deutschen Gemeinde kamen die Männer nach Frankfurt, gewählt durch die Stimme des Volkes, dem Vaterland eine Verfassung, eine Gewalt, ein Gesetz und eine Freiheit zu bringen.

Die Glocken der alten Kaiserstadt schwollen zu mächtigem Klang; Fahnen und Blumen und jubelndes Volk war um die Männer, als sie vom Römer zur Paulskirche gingen, das deutsche Parlament zu beginnen.

Endlich war Wirklichkeit da, wo die Sehnsucht schon nichts mehr erhoffte; grau und gebeugt standen die Männer, die einmal Befreier des Vaterlandes hießen von einem Tyrannen, um ihrer mehr zu gewinnen, als Höfe und Landesherren waren: sie sahen den Tag und weinten.

Denn nun war das Wunder des Dichters geschehen: von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt waren die Deutschen gekommen, und keine fürstliche Willkür konnte sie hindern; die Bundesgewalt mußte den Spruch der Paulskirche hören.

Daß ihr Spruch selber die Bundesgewalt sei, wählten die Männer Johann von Österreich als ihren Verwalter; sie hießen ihn Reichsverweser und gaben ihm Vollmacht, Minister des Reichs zu ernennen; sie aber wollten im Namen des Volkes das Haupt und Herz der Reichsgewalt bleiben.

Das Reich solle sein wie ein Dom, sprach Uhland, der mannhafte Dichter aus Schwaben: Österreich und Preußen die ragenden Türme über den Türmchen und Wimpergen der kleineren Staaten, alle gegründet im Fundament der starken Domeinheit.

Und als dann wieder ein Domfest war zu Köln am Rhein, trank der König von Preußen den wackeren Bauleuten zu und ihrem Baumeister, dem Erzherzog am Dombau der Deutschen.

Alles schien herrlich gerüstet, aber die Werkleute wußten, daß ein gefährlicher Sprung die ragenden Türme entzweite, daß nur ein Notdach war statt einem Gewölbe, und daß durch die Fenster des Königs von Bayern, mit großer Gebärde gestiftet, das neue Licht allzu bunt in den ehrwürdigen Raum fiel.

Malmö

Schleswig-Holstein meerumschlungen! sangen die Kinder und Greise in Deutschland, da die Landstände in Kiel ihrem Herzog, dem König der Dänen, den Gehorsam absagten.

Ewig ungeteilt sollten Schleswig und Holstein zueinander gehören -- so hatte der Spruch der Belehnung vierhundert Jahre gegolten -- nun wollte der dänische König und Herzog für Holstein eigene Stände gewähren, Schleswig sollte für immer dem dänischen Staat zugeteilt sein.

Aber das Volk diesseits und jenseits der Eider war deutsch und wollte im neuen Vaterland bleiben, statt einem fremden Herrn zu gehören; so kamen die Boten nach Frankfurt, Hilfe für Schleswig-Holstein zu holen.

Die Männer in Frankfurt hießen die Boten willkommen; als ob noch einmal die große Zeit käme, strömten Freiwillige zu, den deutschen Brüdern gegen die Dänen zu helfen; auch der Bundestag wollte nicht fehlen und gab seine Vollmacht dem König von Preußen.

Da konnte die preußische Garde marschieren, und Wrangel, ihr zorniger Feldherr, konnte nach Herzenslust schießen und schlagen: Aprilwetter war, da die Truppen auszogen; schon am zweiten Mai stand ihre Übermacht siegreich in Jütland.

Aber die Dogge bekämpfte den Seehund; auf ihren Inseln saßen die Dänen geschützt vor den Preußenkanonen; ihre Kriegsschiffe plagten die wehrlosen Küsten, sie fingen die Schiffe und schossen die Städte in Brand; und ob der zornige Wrangel in Jütland den Wallenstein spielte, sie ließen nicht ab und höhnten den täppischen Sieger.

Denn hinter Dänemark standen drohend die Mächte: England und Rußland hielten dem dänischen König die Arme, bis der Waffenstillstand von Malmö der Dogge den Fang nahm.

Die preußische Garde mußte noch einmal durch Schleswig-Holstein marschieren; Wrangel, ihr zorniger Feldmarschall, konnte nicht mehr nach Herzenslust schießen und schlagen: die Sieger vom Mai kamen im Sommer betrogen zurück.

Die Männer von Frankfurt wollten den Pakt von Malmö verwerfen, die Paulskirche dampfte von glühenden Reden, durch das deutsche Volk lief der Zorn seiner Schwäche.

Denn nun sahen alle, daß noch kein Vaterland war: der König von Preußen hatte den Frieden gemacht, als ob kein Parlament wäre; die Männer von Frankfurt mußten sich beugen, weil ihr Beschluß keine Macht, ihre Rede keine Waffe, ihr Verweser kein Kaiser über der Fürstengewalt war.

Die Kaiserwahl

Deutschland wollte ein Vaterland werden, weil es ein Volk war; aber der Habsburger Rest der alten Reichsherrlichkeit hing ihm das Schneckenhaus seiner undeutschen Völker an: Polen, Magyaren, Slovenen, Italiener, Tschechen, Ruthenen waren der Hofburg in Wien untertan.

Großes Schicksal hatte der Kaisergedanke über die Deutschen gebracht, und die alte Reichsherrlichkeit war der Traum der Romantik gewesen: nun die Männer in der Paulskirche das deutsche Haus bauen wollten, stand ihnen der Rest des Reiches im Wege.

Sie hatten an der Vielheit der Fürsten genug und waren keiner Vielheit der Völker bedürftig; von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt waren sie im Namen der deutschen Stämme nach Frankfurt gekommen, die deutsche Einheit zu bauen.

Sie bauten am Dom der deutschen Verfassung, und als die Märztage jährten, war das Gewölbe geschlossen: ein Volks- und ein Staatenhaus sollten den deutschen Reichstag darstellen, ein Erbkaiser sollte der deutschen Einigkeit Schildhalter sein.

Die besten Männer des Volkes hatten das Werk mit dem unbeugsamen Mut ihrer Meinung vollendet, sie hatten gedacht und geglüht und gestritten, und niemals war deutscher Geist so tätig am Vaterland als in der Paulskirche zu Frankfurt.

Als dann die Kaiserwahl war, sprachen die Männer aus allen Gauen und Ständen echter und rechter die Stimme des Volkes, als je die Heerschilde taten; die stürmische Zeit hielt in der Paulskirche zu Frankfurt den Stundenschlag an, als die Gemeinde der Freien, uralte Herkunft erfüllend, sich selber zum Kurfürsten machte.

Sie wählten den König von Preußen als Kaiser; die Glocken begannen zu läuten wie nie, Böller und brausender Ruf in den Gassen verkündeten laut, daß endlich wieder ein Reich, daß über den Stämmen und Ständen, über den Fürsten und Ländern ein Schirmherr des deutschen Vaterlandes wäre.

Der König von Preußen

Aber der König von Preußen war weder ein Mann noch ein Mut, nur eine schweifende Rede, er haßte den Geist seiner Zeit und spielte mit Worten, deren Gedanken ihm mißfällig waren, deren Taten er niemals vermochte.

Als ihm die Männer aus Frankfurt die Gabe des deutschen Volkes darbrachten, schwoll seine romantische Seele im Rittersaal auf, wo er die Sendung mit großem Gefolge empfing.

Statt einem männlichen Ja gab er nur eine Rede, die keine Tür schloß und keinen Weg ging, die alle Herzen verdrießen mußte.

Nur aus den Händen der Fürsten, nicht aus dem Aufruhr der Völker -- so ging der Sinn seiner Worte -- könne der König von Preußen die Krone annehmen.

So kamen die Männer betrogen nach Frankfurt zurück, betrogen um ihre Sendung, betrogen um ihren Glauben, betrogen um Deutschlands Geschick.

Die Völker erkannten, daß ihre Fürsten kein Vaterland wollten; sie hatten Verfassung und Freiheit versprochen, nun war der Schrecken vorüber, und sie schickten die Kammern nach Haus.

Wollten die Fürsten kein Vaterland, so wollte das Volk keine Fürsten! wollte der König von Preußen die Krone nicht haben, so brauchte die deutsche Republik keinen Kaiser.

In Sachsen mußte der König zuerst auf den Königstein flüchten, bald fing es am Rhein, in der Pfalz, in Baden hell an zu brennen: das Heckerlied kam wieder auf, den fürstlichen Abschied zu singen.

Da zeigte der König von Preußen Deutschland sein wahres Gesicht: seine Soldaten marschierten nach Westen und Süden, den Fürsten zu helfen; das preußische Strafgericht kam, in Mannheim, Rastatt und Freiburg der Freiheit anders zu dienen.

Die Männer von Frankfurt verzagten und gingen nach Haus, nur eine tapfere Schar blieb auf dem sinkenden Schiff; Uhland der Dichter und deutsche Mann stand treu und gelassen am Steuer.

Sie konnten in Frankfurt nicht bleiben und flohen nach Stuttgart, wo ihnen ein Trommelwirbel die letzte Rede erstickte.

Der stolze Plan seines Domes wurde Uhland zerrissen; wohl standen die Türme und Wimperge der Fürsten und ihre Wimpel wehten daran, aber das hohe Gewölbe brach ein, in seinem Schutt lag die Fahne schwarz, rot und golden.

Olmütz

Bis an den Bodensee standen die Bataillone des Königs von Preußen, sie hatten den Fürsten die Throne gerettet und hielten ihr Strafgericht ab über die Völker.

Die Schwäche der Fürsten zu nützen, dachte der König von Preußen aus ihren Händen die Krone zu gewinnen, die er den Männern aus Frankfurt hochmütig zurück wies: ein Fürstenbund sollte das deutsche Vaterland werden, und Preußen wollte die Kaisermacht sein.

Aber in Frankfurt saß, fast vergessen, noch immer Johann, Erzherzog des Habsburger Hauses und immer noch Reichsverweser geheißen; er mußte der alten Zeit die Türspalte halten, bis die wachsamen Augen in Wien ihre Stunde erkannten.

Nur Bayern und Württemberg zögerten noch, dem preußischen Fürstenbund beizutreten; schon schien das klügliche Spiel des Königs von Preußen gewonnen, als Österreich selbstherrlich die alte Bundesgewalt nach Frankfurt berief.

Zwei Jahre lang hatten die Völker an ihren Ketten gerüttelt, sie hatten den Fürsten geglaubt und gezürnt, sie hatten die Glocken geläutet in Frankfurt, weil wieder ein Reich und ein Kaiser, weil wieder ein Vaterland war.

Nun war das Märzenglück aus; wieder wie einst kamen die hohen Gesandten nach Frankfurt gefahren, wieder wie einst war der deutsche Bund der Minister über den Völkern.

Wohl zuckte dem König von Preußen die Hand nach dem Schwert; noch einmal glaubten die Narren der Hoffnung, dann wurden alle gewahr, was für ein Irrlicht im Hause des Spötters von Sanssouci wohnte.

In Olmütz mußte der König von Preußen den Pakt unterschreiben, daß Habsburg noch immer der Hausherr im deutschen Bund war.

Über den Aufruhr und über die Wallung des Volkes zur Einheit hatte der fromme Geheimrat gesiegt; und als er in Wien sein Siegesfest gab, saß Metternich wieder auf seinem Stuhl, ein stocktauber Greis, und lächelte nur, daß eine neue Seite im Buch der Minister begänne.

Das Buch der Preußen

Der Ordensstaat

Hermann von Salza, der die schwarzweißen Ritter des deutschen Ordens ins Land der heidnischen Preußen brachte, war ein Vertrauter des Staufers Friedrich II. gewesen, der sich die sizilianische Verwaltung ausdachte, darin es nicht Stände und Heerschilde gab wie im Reich, darin nur noch der Untertan war, den die Beamten des Königs regierten.

Hermann von Salza der Hochmeister suchte, als er mit seinen Ordensrittern ins Land der Preußen kam, kein Volk, sondern den Raum seines Staates und brachte den Bauer und Bürger mit, den er als Untertan brauchte.

So wuchs sich am Rand des baltischen Meeres ein Herrenstaat aus kraft seines Schwertes; aber das Schwert stand im Dienst des Kreuzes, und das Herrentum war eine strenge Pflicht.

Während der sizilianische Staufer hinschwand wie ein Komet, blieb darum der deutsche Ordensstaat Hermann von Salzas leben, und wurde der Arm des Deutschtums, mit dem es weit hinaus in den slavischen Osten griff, zu herrschen und zu kolonisieren.

Wo in Sümpfen und Steppen Fischer und Hirten gewohnt hatten, wurden deutsche Bauern gesiedelt, und um die Burgen der Komthureien wuchsen die Städte der rheinischen Handwerksleute.

Wie einen Garten im Ödland, so bauten die Ordensritter den Staat, darin die gesiedelten Bauern und Bürger den Schutz des Schwertes und die Gewähr ihrer Verträge hatten.

Der Staat aber war der Orden allein, und seine Gesetze galten aus keinem andern Recht als der Ordenspflicht, deren Zuchthalter der Hochmeister war: darum kannte der Staat der schwarzweißen Ritter kein Volk, nur Bewohner.

Brandenburg

Des heiligen römischen Reiches Streusandbüchse hießen die Spötter das brandenburgische Land, als es der Schwabe Friedrich von Zollern, Burggraf zu Nürnberg, von Sigismund dem Schuldenkaiser bekam.