Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 3

Chapter 33,772 wordsPublic domain

Als Tacitus seine Germania schrieb, mit warnenden Worten zu sagen, was für ein Land hinter der Stachelschnur seiner Kastelle Rom unbekannt sei und was für ein Volk darin wohne: war Domitian, der feige Prahler und Wüstling, römischer Kaiser.

Der Weltherrschertraum des Augustus, weit und glücklich begonnen, hatte zur Wirklichkeit Neros geführt; über dem Recht der freien Gemeinde hing das Schwert der Tyrannen, der Senat trug den Purpur der Kaisergewalt.

Die Kaisergewalt war der Kriegsknecht: mit gallischen Söldnern kam Cäsar nach Rom, den Senat zu bekriegen, in allen Provinzen der römischen Weltmacht waren die Legionen des Kaisers geworben, die aus dem Volksheer der Römer die Herrschaft der Kriegsknechte machten.

Ein Krake war das Weltreich der römischen Kaiser, soweit die Greifarme der Legionen reichten, fraß er die Länder leer von Persien bis nach Britannien, aber der Bauch saß am Tiber.

Der Bauch saß am Tiber und wurde kraftlos an seinen eigenen Gliedern: Zucht war die Tugend des römischen Bürgers gewesen, aber die Kaisergewalt hatte die Tugend beschattet und hatte dem Laster Paläste gebaut.

Tacitus war kein Kriegsmann, wie Cäsar in Gallien war und hatte nicht eigenen Ruhm zu verkünden; er war nur ein Römer der alten Zeit, der dem Sittenverfall seiner Tage den Spiegel germanischer Einfachheit vorhielt.

Er sah die Tugend und sah die Laster der Deutschen, aber er sah auch die Einfalt der Sitten, die Nähe der starken Natur und die Waltung der Herkunft.

Freiheit und Ehrfurcht, die Schlüssel der Menschheit, sah er in einfachen Händen; wie Kinder die Dinge tapfer und gläubig tun, sah er die Deutschen, indessen die Römer in greiser Lüsternheit gingen.

Er wollte dem Sittenverfall seiner Tage den Spiegel vorhalten und war ein Römer der alten Zeit; aber das Spiegelbild zeigte die kommende Stunde: fröhliche Stärke der Jugend gegen das grausame Alter.

Die Springflut

Das kurze Schwert, den runden Schild und Gehorsam ihrem König brachten die Goten mit über das Wasser, als sie den alten Völkerweg fanden, von Schweden hinunter ans Schwarze Meer und hinüber zum Pontus.

Da wurde das alte Skythenland wach im Lärm der Wagen und Pferde, weit in die Stille der östlichen Steppen floh der Hufschlag der Bogenreiter, Völker bedrängten die Völker, Länder wurden lebendig und der Wald kam ins Wandern.

Markomannen, Vandalen und Alemannen, Burgunder und Langobarden wichen dem gotischen Königsvolk aus und strömten landsuchend hinein ins Tiefland der Donau, bis der Völkerkessel voll war zum Rand und überfloß in die römischen Gärten.

Vierzehn Jahre lang lag er zu Feld, Mark Aurel, der die Feder liebte und das Schwert nicht hinlegen konnte, in Mühsal und Mißmut den Markomannen zu wehren; als er den Sieg endlich sah, nahm ihm der Tod den kargen Gewinn aus der Hand.

Unaufhörlich danach warf die Brandung flüchtender Völker Spritzwellen hinein in die Gärten, bis die Stachelschnur riß; über den römischen Deich rauschte das deutsche Gewässer.

Schon waren die Alpentore gesprengt, als die Hauptstadt der Welt sich selber zum Schutz die neue Ringmauer baute; wie zur Königszeit war das herrische Rom wieder die Burg am Tiber. Achthundert Jahre lang hielt sie die Völker im Zwang ihres siegreichen Schwertes, nun krachte von Norden der Speer und warf ihr den Staub vor die Füße.

Noch kreisten die römischen Adler über den Mittelmeergärten, noch lagen die Legionen schwer auf dem Morgenland, noch hielten die Standlager Wacht am Strom und schützten die gallische Ernte; aber die stolze Blöße des römischen Hauptes zog wieder den Eisenhelm an.

Ermanerich

Von der Weichsel zur Wolga reichten die Waffen des gotischen Königs, und die Völker des Pontus brachten Ermanerich Lösegeld dar.

So hieß er der Reiche, als er nicht mehr ausreiten konnte zur wehenden Schlacht; zehnhundert Goten, rühmt die Sage, saßen im Saal, wenn er trank aus dem goldenen Becher und den Liedern lauschte der Amelungen, seines den Göttern entstammenden Geschlechts.

Trotz seinem Alter dachte er noch, Schwanhild die schöne zu freien, und sandte Randwer den Sohn ins roxolanische Reich, ihm Schwanhild die weiße zu holen; aber Randwer der feine hob seine Augen auf zu der Jungfrau, die seine Mutter zu heißen bestimmt war.

Nicht lange, so war die Liebe dem König verraten; da zerriß er den Bart, der wie der Schweif seines Schimmels war, und schwer vergalt er den beiden die Schande: am Galgen hing ihm der Sohn, die Pferde schleiften die schöne Schwanhild.

Die ihre Brüder hießen, ritten zur Rache in seine Burg; obwohl der Goten zehnhundert dasaßen, über die Leichen der Scharwächter schritten sie ein mit zornigem Schwertschlag und trafen ihn, mitten im Saal, der sie spöttisch begrüßte.

Sie wurden mit Steinen geworfen und starben im Zorn seiner Mannen; aber dem Amelungen schmeckte kein Wein mehr, er siechte hin an den Wunden.

Das aber, heißt es, geschah zu der Zeit, da die hunnischen Reiter einbrachen ins gotische Land mit unermeßlichen Scharen; der unter Kühnen König war, mußte brach liegen und die Boten abwarten der dritten verlorenen Schlacht.

Als er die Brandfackeln flammen sah in der Nacht, hielt er das Schwert, zu schwer seinen Händen, und warf sein Herz in die Schärfe, daß kein sterblicher Mann sich zum andernmal rühme, sein Schwert mit dem Blut des Amelungen gerötet zu haben.

Alarich

Als die Westgoten dem römischen Kaiser Söldnerdienst taten, wurde Alarich König, aus dem Baltengeschlecht, das ist der Kühnen.

Er sah sein verschlagenes Volk untergehen in den östlichen Mittelmeergärten, darin es klüglich verteilt war, von Mösien über den Hellespont hin bis weit ins syrische Land.

Er aber wollte Volkskönig sein gleich seinen Vätern und dem verschlagenen Volk ein Vaterland finden; denn nur, was das Schwert hielt, war noch Besitz, als mit der Eifersucht törichter Knaben in Rom und Byzanz das wankende Weltreich zerbrach.

Kühner als vormals die Kimbrer ging Alarichs Fahrt, durch keine Habe behindert als durch das Schwert und die Zelte des Lagers: bald stand er mitten in Griechenland, Hellas und Sparta hörten wieder den Schwertschlag und die blonden Räuber der Frühe.

Stilicho der Vandale, der dem Kaiserknaben in Rom die Steigbügel hielt, kam mit Schiffen und großer Kriegsmacht, den Kühnen zu fangen: aber der Neid von Byzanz öffnete listig die Falle und wies der gotischen Heerschar das dalmatinische Küstenland an.

Seitdem züngelte Alarichs Schwert scharf zwischen Rom und Byzanz; an der steinichten Schwelle der römischen Gärten sah er die Lockung reicher Landschaften vor seiner Tür.

Das Wasser war dünn im Isonzo, bald stand er am Po und einmal am gallischen Tor im ligurischen Bergland.

Da mußte Stilicho Lösegeld leisten, Norikum bot er als Bündnispfand an: so wurde das gotische Heervolk wieder landeigen und Alarich König im neuen Westgotenland; doch gab er den Schlüssel der römischen Gärten nicht aus den Händen.

Als der Knabenkaiser dem Kanzler die Treue mit Arglist vergalt, als Stilicho den Henkertod fand, trug er sein Schwert verwegen vor Rom, und schimpflich mußte der stolze Senat den Abzug der Goten erkaufen.

Mehr als ein Jahr lang lag er im Feld, dem das römische Heer von Ravenna den Rückzug verlegte: ein Straßenkönig im fremden Land, mit dem Schwert sein Zeltlager schützend.

Weder Land noch Frieden war zu gewinnen vor der Burg von Ravenna, zum andernmal zog er nach Rom, und diesmal erfuhr die Stolze das Schicksal, so mancher feindlichen Stadt von der römischen Schwertmacht bereitet.

Die seit achthundert Jahren keinen Feind kannte, sah durch Konstantins prahlenden Bogen den König der Goten einreiten: aber kein Rausch der Stunde verwirrte Alarichs Blick, daß dies für sein kühneres Trachten ein kurzer Triumph war.

Drei Tage lang ließ er die Seinen das Siegerglück kosten, dann nahm er die Hitzigen hart in die Hand: Karthago, die Kornkammer Roms, sollte der Preis seiner Fahrt und die Burg für sein Königtum sein.

Schon hatten kalabrische Schiffer ihm eine Flotte gerafft, als die kochenden Strudel herbstlicher Stürme die Schiffe zerschellten; vom Fieber verzehrt wichen die Seinen verzagt nach Cosenza zurück: da stillte der Tod dem Balten den unsteten Herzschlag.

Im Sumpffiebertal von Cosenza starb im vierzigsten Jahr seines Lebens der König der Goten, der seinem Volk kein Vaterland fand, der die gotischen Männer im dürren Gestein der kalabrischen Küste zurückließ.

Landfahrend in der Fremde todfeindlicher Länder, konnten sie keinen Grabhügel wölben, kein Gedächtnis der Trauer dem grausamen Tal, daraus sie morgen schon schritten, das Schwert in der Hand.

Sie gruben ihm nächtlich ein Grab im Busento und senkten den König mit Schmuck und Schwert in den schweigsamen Grund.

Als die Sonne aufging im steinichten Tal, darin sie heimatlos standen und ihres Daseins nur durch das Schwert in der trotzigen Hand versichert, flossen die Wellen schon wieder den emsigen Lauf, mit schäumendem Schleier den Schlaf zu hüten, der den schwertfahrenden Männern Losung und Ziel ihres kurzen Straßenglücks war.

Die Hochzeit von Narbonne

Als Alarich der Kühne schlafen ging im kühlen Steingrund des Busento, ließ er die Seinen schiffbrüchig auf einer Fahrt zurück, die für die Ebbe ihres Rückzugs gefährlicher als für die hingeschäumte Flut war.

Doch führte die verwegene Kriegerschar als Geisel die junge Kaiserschwester mit, die schon im dritten Jahr die Irrfahrt ihres Lagers teilte: Placidia, von Athaulf, dem Schwager Alarichs, als Gemahlin begehrt und ihm zugetan.

Sie war den schlimm Verschlagenen ein Amulett: mit hundert Listen der Gefahr ausweichend, schob sich ihr Lagerdasein in Winkelzügen verwegen nordwärts, Rom und Ravenna rasch vermeidend, bis sie im zweiten Sommer die Alpen überschritten, die Tür ins Freie zu gewinnen.

Da schlugen sie den Sarus, dann den Jovinus, die in Gallien abtrünnige Gewaltherrn waren, und boten sich der schwankenden Gewalt des Kaisers als Schildhalter an.

Denn Athaulf der Gote, der des Kaisers Schwester zur Gemahlin begehrte, erfüllte klug und klar, was Alarich im Trotz nicht zwingen konnte: das Schwert der Goten sollte halten, was den schwachen Händen der Römer entglitten war.

Als Athaulf mit der Placidia Hochzeit hielt, schien in die dunkle Zwietracht der Zeit ein zager Sonnenstrahl, von den Goten in Narbonne prunkvoll gefeiert: die Blonden huldigten der braunen Königin.

Ob es für Athaulf ein kurzer Traum war, ein halbes Jahr nach seiner Hochzeit mit dem Tod bezahlt: der weise Wallia kam und baute den Traum treu in die Wirklichkeit.

Das Ränkespiel der Höfe von Ravenna und Byzanz ging ruchlos weiter mit Mord und Mörderlisten: das Reich der Goten hielt den Sonnenstrahl in Pflege, bis er aus Gallien nach Spanien hinüber in einen breiten Sommer gewachsen war.

Das tolosanische Reich war es genannt, der Ruhm seiner Macht und Schönheit rief die Gesandten von Morgenland her, und stärker stellte kein Fürst dem Frieden das Schwert vor die Tore, als Eurich der Große, König der Goten, tat.

Von der Loire bis zum Tajo hielt seine mächtige Hand die Unrast der Völker gebändigt; auch ließ er die Tafeln der gotischen Herkunft schreiben als Recht und Gesetz des tolosanischen Westgotenreiches.

Dreihundert Jahre hielt es reich und räumig den Völkerstürmen stand, und war dem Islam noch ein Garten, darin die Märchen seiner Künste blühten wie nie im Morgenland.

Und wurde das Wunderland der ritterlichen Tugend, die früheste Freistatt der Bildung, und hielt das Gotenrecht lebendig durch tausend Jahre.

Geiserich

Wild und weit hat die Vandalen die Völkerflut verschlagen und ihre Mühsal vom wasserreichen Waldland der Oder ins Morgenland gebracht; die unter Godegisel in Gallien einbrachen, ritten die Grenzen Geiserichs ab am Rand der Libyschen Wüste.

In Andalusien saßen sie wartend und sahen am blauen Meertor die Kornkammer Roms, das wiedererbaute Karthago: Seefahrer wurden sie da, die gleich den Goten Schwertkämpfer waren, und kamen mit flinken Schiffen hinüber, als die Karthager sie riefen.

Da löste das Schwert der Vandalen den Fluch von Karthago und stach dem römischen Stolz in die hilflosen Glieder, da wurde Hannibals Heimat zum andernmal Herrin der Meere.

Denn Geiserich, das ist Speerfürst, nahm das karthagische Land, verwildert durch Aufruhr und Kirchengezänk, in harte Verwaltung, und war auf der Burg von Karthago der Seefahrerkönig, den keiner bezwang.

Und als ihn Eudoxia rief, den gemordeten Kaiser und Gatten zu rächen, vergalt er den Römern den Brand von Karthago; mit seinen Schiffen fuhr er hinein in den Tiber und ließ sich durch Leo, den drohenden Bischof, nicht schrecken.

Und ließ die gedemütigte Herrin der Welt sein Siegerrecht fühlen; wie vorzeiten die römischen Schiffe den Raub heimbrachten aus dem zerstörten Karthago, vergalt er Gleiches mit Gleichem und trotzte lachend dem Fluch der römischen Priester.

Und hielt seinen Horst an der klippigen Küste, und blieb in den Mittelmeergärten der Seefahrerkönig, den keiner bezwang, bis er heimging im Alter, versammelt zu den Vätern im Waldland der Oder:

Der als Knabe mit über den Rhein geritten war und als würdiger Greis auf der Burg von Karthago, geliebt von den Seinen, das Abenteuer seines reisigen Lebens reich und rund gespiegelt sah in der Mittelmeerbläue.

Die Hunnenschlacht

Als Etzel, Heerfürst der Hunnen, ausritt von Ungarn ins gallische Land, kam die große Sturzwelle der Völker, alles ersäufend in ihrer Bahn, was die Flucht ins Gebirge versäumte.

Wie Rabenflug war der Ritt seiner Scharen, und rascher kaum rannte der Schrecken vor ihnen her, als der Hufschlag der struppigen Pferde.

Da half nicht Schwert und nicht Schwur, der berittenen Unzahl zu wehren: so unaufhaltsam schwoll das Gewässer der hunnischen Reiter ins Land, daß schon im Sommer die ersten Sturzwellen um Orleans schäumten.

Dann rückte der Heerbann der Westgoten an, mit dem römischen Kriegvolk vereint der hunnischen Flut zu begegnen: vor ihrem Wall wich das schwarze Gewässer zurück, gleich einem See das weite Becken der katalaunischen Felder mit dem Gewimmel der Pferde und den Wagenburgen der Hilfsvölker füllend.

Anders als sonst eine Schlacht war diese, da Goten und Goten, Franken und Franken einander bekämpften, durch Etzels Willen geschieden in Land und in Flut.

Aëtius aber, der römische Feldherr, war Geisel bei Etzel gewesen und kannte die hunnischen Listen: er hielt den Damm seiner Völker mit unbeweglichen Flanken und ließ vom Morgen zum Abend die Flut der Reiter anschäumen, bis die Brandung erlahmte und der Schaum blutig gerann.

Als schon die Dämmerung sank, kamen die gotischen Mauern ins Schreiten, gewaltige Torflügel drehten sich ein, bis das Blutmeer der hunnischen Reiter in beiden Flanken gedämmt war.

Da half den Hunnen die Unzahl der Hufe nichts mehr, die Nacht hob den gotischen Kriegern die Sterne: das schwarze Gewühl mußte zurück in die Hürde der Wagenburg weichen.

Drei Nächte noch kämpften, so heißt es, die Toten die grausige Schlacht in den Lüften, bis das Blut abfloß in den Bächen der katalaunischen Felder.

Die Lebendigen warfen das Los der Waffen nicht mehr: der gotische Damm stand im Westen, die hunnische Flut fiel zurück in den Osten, daraus sie, die abendländische Welt zu ersäufen, im Frühjahr geflossen war.

Im zweiten Jahr nach der Hunnenschlacht holte Etzel die blonde Hildico heim und starb in der Brautnacht: das Gewässer der hunnischen Scharen gerann, sein Schrecken blieb im Gedächtnis der Völker das Grundwasser unheimlicher Sagen.

Burgund

Von der Weichsel her wehten die gotischen Stürme das Volk der Burgunder gegen den Rhein, wo sie in Worms die Königsburg hatten und den kurzen Traum ihrer Geltung.

Im Kreis starker Helden hielt Gundikar Hof, der die burgundische Insel im Strudel feindlicher Völker stark und besonnen geschützt hielt; Alemannen und Franken mußten ihn dulden, die Römer fragten nach seiner Freundschaft.

Aber die hunnischen Horden kamen von Osten; den burgundischen Hochmut zu heilen, lenkten die Römer sie listig nach Worms: hart hielten die Helden das Schwert und hell den fröhlichen Mut, aber die Hunnen ersäuften den Mut und das Schwert im Blut der unbemessenen Scharen.

Als Gundikar fiel und die todwunden Leiber all seiner Helden dem König den Grabhügel wölbten im Brand seiner Burg, ging das burgundische Sommerglück aus.

Vom Rhein zur Rhone führten die Römer den klagenden Rest der Greise, Mütter und Kinder: die ein Königsvolk waren, dienten dem römischen Schwert mit dem Mut ihrer mannbaren Knaben.

Aber das Schwert war nicht verrostet, und mählich wuchsen die Knaben; als die Blutbäche rannen der katalaunischen Felder, standen burgundische Männer im Heerbann der Sieger und riefen Gundovich Heil, dem König der neuen Geschlechter.

Zum andernmal wurde Burgund die Insel im Strudel feindlicher Völker, Lyon blühte hoch im Stolz der heldischen Herkunft, Franken und Goten zum Trutz mitten im gallischen Land, bis es sein Winterglück, kurz wie der Sommer, verlor.

Kein Schicksal aber löschte Burgund den deutschen Namen aus im bunten Schwertlauf der Tage: die Sage behielt Gundikars Gold, die Trübsal und Treue starker Trabanten, Schwert und Fiedel in Blut und Brand, hart und hell im Gedächtnis.

Dietrich, Theodemirs Sohn

Das schwarze Gewässer der hunnischen Sintflut war verronnen, und die Sonne fing wieder an zu scheinen auf das Geschlecht der Amelungen, als Ereliva den Dietrich, das ist Volksfürst, gebar.

Aber der Ostgotenkönig war hörig geworden, ohne Land und Burg in Pannonien Söldling der römischen Grenzwacht; siebenjährig gab er den Knaben als Geisel gegen Byzanz; Theodemir, der selber Geisel bei Etzel gewesen war, dem König der Hunnen.

Edelinge gab er ihm bei, dem Knaben die Lieder der Heimat zu singen, und Hildebrand, daß er ihn lehre, den Jagdspeer zu werfen und das Schwert der Helden zu halten.

Und mußte seiner entbehren, bis der Jüngling einritt im achtzehnten Jahr, mit hellerem Blick und härterer Hand, als einer im Heervolk der Goten.

Da sah er das ärmliche Dasein der Seinen und wie sie ein Söldnervolk waren, indessen der Westgotenkönig Toulouse und Toledo ruhmreich regierte.

Einundzwanzig Jahre war Dietrich alt, da ihn die Goten als König ausriefen; das geschah aber zu der Zeit, da Zeno, der Kriegsmann, den Helm in Byzanz mit dem Stirnband des Kaisers vertauschte und flüchtig vor seinen Feinden die Feldmacht der Goten anrief.

Da kam den Amelungen wieder das Kriegsschwert Zius zur Hand; wie zu Ermanerichs Tagen klangen die Schilde gewaltig, bis Dietrich im Kranz seiner Recken und Mannen als Sieger einritt in das gedämpfte Byzanz.

Zeno der Schlaue wollte ihn fangen mit Ehren und Gold und einem ehernen Standbild, er aber wollte König heißen, nicht Feldherr, Schwertmacht der eigenen Burg und Schildhaber der eigenen Herrlichkeit sein, wartend, wer seiner bedürfe.

Das Knäblein hießen die Spötter den letzten Kaiser von Rom; Odoaker der rugische Söldling, König in Rom und Ravenna hielt ihn gefangen im goldenen Käfig: Odoaker zu beugen, bot Zeno die Gotenmacht auf.

Da wurde der Pfeil in den Köcher gelegt, da sangen die Mannen und saßen die Recken im Sattel, weil Dietrich, der Fürst der Stärke, den Feldzug befahl.

Denn keine Heimkehr stand ihnen im Sinn, als sie im Herbst die julischen Alpen durchritten, als sie das felsige Tor am Isonzo erzwangen, als sie den Boden Cäsars betraten, mit Odoaker, dem rugischen Feind, um die römische Erbschaft zu streiten.

Drei Schlachten schlugen die Starken im Norden: der Alpenrand scholl im Schlag ihrer Waffen bis in die ligurischen Berge, bevor sie den Po überschritten, Odoaker in seiner Burg zu Ravenna, den Fuchs in der Höhle zu fangen.

Aber die Sümpfe ersäuften die Mannen und der Damm lief schmal, darauf die Mauern und Türme der starken Kaiserburg standen; kein Hornruf reichte hinüber; die Segel der Schiffe blähten sich auf, den Belagerten Nahrung zu bringen.

Da half dem Goten das Fußvolk nicht mehr, nicht halfen die Rosse der Recken; drei Jahre lang mußten sie liegen und lauern im Sumpfland der Küste: längst war Rom in Dietrichs Gewalt und immer noch trotzte Ravenna.

So mußte Arglist erreichen, was Kühnheit und Kraft nicht erzwangen, der Fuchs und der Löwe schlossen den Bund, aber der Mord fraß die Treue: als Dietrich einritt in die Burg von Ravenna, lag Odoaker im Blut, von den Goten treulos erschlagen.

Durch Meintat ging aus, was mit ehrlichem Schwertschlag begann am Isonzo; so hell die Sonne danach den Amelungen umsäumte, sie löschte die Blutspur nicht aus auf dem Schild und den Vogelschrei der Vergeltung.

Dietrich, der Gotenkönig

Manche Hand war hart wie seine, die Macht zu greifen und zu halten; er aber hob den Sieg der Stärke hinauf ins Gesetz und den Ackerpflug aus der Schwertspur.

Wo wüster Acker war und aus den Spalten des zerschlagenen Rechts das Unkraut wucherte, fing ein Garten wieder an zu grünen, weil er, der Gotenkönig, behutsam sein Gärtner war.

Er spielte den Römern nicht noch einmal den Cäsar vor, blieb in Ravenna und war kein prahlender Augustus; auch dehnte er die Grenzen seiner Macht nicht weiter aus, als er mit Recht erfüllen konnte, und zweimal nur in dreiunddreißig Jahren zog er ins Feld.

Wie er dem Frankenkönig schrieb: denn der siegt nachhaltig, der alles zu mäßigen weiß! so hielt er Maß mit seiner Stärke.

Als Sohn der Gewalt gekommen, war er ihr strenger Richter, und seiner Ordnung Sinnbild war, daß er im Gotenreich zur Nacht kein Stadttor schließen ließ.

Was noch an Bauwerken der alten Welt erhalten war, ließ er nicht weniger schützen als, was in seiner Gunst entstand, im Geist der alten Schönheit planen: Standbilder schmückten wieder die Straßen Roms, den Großen zum Gedächtnis, und nirgend prahlte vor der alten Pracht die seine.

Kein Schwert war stark genug im Abendland, an seine Macht zu rühren; wohl aber kamen die Gesandten der Könige und Völker, Rat und Richtspruch anzuhören; auch lockte seine Friedenssonne die Künstler und Gelehrten an, dem Königshof in Ravenna den Glanz und die Pracht zu geben, die seinem Ruhm gebührte.

Die er als Bauleute berief, ihm einen Königshof zu bauen für seinen Thing und Reichstag, meisterten die Kunst, Marmor zu schneiden; auch gab es griechische Steinmetze und solche, die noch den Bildguß kannten.

So kam der Bau zustande, den er des Reiches redendes Zeugnis und seiner Herrschaft schmuckvolles Antlitz nannte.

Acht Pfeiler trugen das Kuppeldach, mit tönernen Röhren rund überwölbt, acht Nischen nahmen dem Raum die Nähe der Mauern, acht Säulengestände rundum führten ihn zierlich ins Breite.

Eine Waldlichtung innen aus wächsernem Marmor, glühend im Glanz farbiger Gläser, mit Steinmetzwerk nach außen reich überstreckt, den Tempelhallen der Römer zum Trotz in sich selber verschränkt mit ragender Kuppel: so stand der Wunderbau da, desgleichen nicht in der Welt war.

Da hielt der König der Goten den Thing, wenn die wohlregierte Gewalt des Reiches die Großen zur Rechenschaft sandte; im schmuckvollen Torbau grüßten die Steinbilder amelungischer Ahnen sein stolzes Geschlecht.

Da fanden die vielverschlagenen Schwerter sich in die gotische Heimat zurück, im Glanz der Stunde und Stätte ein glückhaftes Märchen, wenn der starkweise Dietrich den staunenden Römern die Herrscherhand zeigte, der den Goten Volkskönig war, vielen ein Vater, den Gerechten und Weisen ein gütiger Freund.

Dietrich von Bern

Unsere Milde und Huld verwirft die Gewalttätigen! So hatte Dietrich die Macht verriegelt ins Recht, und Rom sah die Tage der alten Zucht wieder.

Er hatte das römische Volk bewahrt vor jeder Bedrückung, im Ehrenkleid saß der Senat, in den römischen Sitten fing wieder die Tugend an, die Tat zu bestimmen.

Weisheit und Stärke hatten den Zwiespalt der Völker beschwichtigt, als ihn das Priestergezänk wachschrie zum blutigen Haß.

Denn Dietrich beugte sich nicht vor dem Bischof der Römer, er ließ die Bibel Wulfilas schreiben mit Silber auf Pergament, purpurn gefärbt, er baute der Gotengemeinde den eigenen Dom in Ravenna: so galt der gotische König den römischen Priestern als Ketzer.