Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 29
So mußte Hebbel den Weg einsam beginnen, und niemand holte ihn ein, bis er im Felsengebirg seiner Höhe sich abseits der Zeit, abseits der Liebe, abseits der Ehrfurcht trotzig allein fand.
Einmal rief er zurück, als er den Menschen seiner Zeit den Meister Anton hinstellte, als er die Kleinbürgerwelt in sein bitterstes Stück ballte, ihre Enge und seine Herkunft zermalmend.
Aber die seine Stimme vernahmen, wichen erschrocken vor seinem Ingrimm und seiner grausamen Kälte zurück, weil sie die Sehnsucht darin nicht verstanden.
So stürmte er weiter ohne Genossen und schrieb, schon im Geleucht der Firnen, das Hohelied der Keuschheit, als er Gyges und den entweihten Ring vor den Richterstuhl stellte.
Als er zuletzt, seinem Volk in der dumpfen Gegenwart fremd, in die Ferne der Herkunft hinein blickte, ritten am Himmelsrand hin die gewaltigen Recken der Nibelungen zu ihrem Blutfest in Ungarn.
Was keiner zu wagen vermessen sein konnte, er tat es: er rief die Gewaltigen an samt ihrer Riesenfrau Schwester Kriemhild und bannte die Schatten auf seine Bretter.
Seit Goethe den Faust rief, seit Kleist die homerischen Helden beschwor, wurde nicht mehr so Großes gewagt: die Zeit kam und staunte in ihre riesige Herkunft, aber sie konnte aus ihrer Kleinheit die Größe nicht mehr ermessen.
Wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der jungdeutschen Dichter stand Hebbel, als er sein Tagebuch schrieb: sein Riesengeist fand sich selber zuletzt als Genossen; es schauerte ihn vor den eigenen Blättern, wie seine Seele allein in der Zeit und seinem Volk war.
Grillparzer
Als Hebbel nach Wien kam, war Grillparzer schon in die Stille gegangen; der Dichter von gestern wollte nicht mehr in der Gegenwart sein.
Schiller und Goethe und die Romantik hatten in seine Jugend geleuchtet, und wie ein Steinboden im Licht der Glasfenster glüht -- alle Farben trinkt sein graues Gestein aus den Scheiben und macht ein sanftes Spiel aus der Glut -- so war seine Dichtung ein Abglanz.
Aber Grillparzer war ein Österreicher Kind, und die Kaiserstadt legte den Abglanz des Dichters auf köstlichen Marmor, daß keiner die Glasfenster sah, nur noch den sanften Schein auf den Fliesen und seine vielfarbige Kühle.
Medea, Sappho und Hero, all seine Frauengestalten waren wohl Töchter der Iphigenie; aber im Hause Maria Theresias hatten sie irdischer schreiten, lächeln und leiden gelernt als ihre erhabene Mutter in Weimar.
Auch hieß ein Dichter in Wien anders, als sonst im Reich, ein Schildhalter der alten Herrlichkeit sein; denn Wien war die Habsburger Hofburg: wie einmal der britische Dichter die Dramen der Könige schrieb, wollte Grillparzer den Habsburger Kaisertraum auf die Schaubühne bringen.
Aber den Herren der Hofburg gefiel solcher Bühnenruhm nicht; in Wien ein Österreicher hieß eine Maske Metternichs sein; weil er zu hochmütig war, sich zu verstecken, und zu schwach, sich zu zeigen, ging er beiseite.
Denn weder ein Mann seiner Zeit wie Uhland, der wackere Schwabe, noch seiner ewigen Sendung gewiß in stolzer Bescheidung wie der Pfarrer in Cleversulzbach, war Grillparzer, der Dichter in Wien.
Vergrollt und von Grillen geplagt, wurde er alt; als die Glut der Fenster verblaßte, schwand auch der Abglanz auf seinen marmornen Fliesen dahin; der einsame Dichter in Wien wurde vergessen, bis ein später Ruhm den Spätling wieder ans Tageslicht brachte.
Schopenhauer
Als Goethe ein Greis und fast schon ein Götterbild war, fand er Gefallen an einem Jüngling, der ihm als der Sohn einer schreibenden Dame in Weimar über den Weg kam: Schopenhauer geheißen und Schüler des großen Immanuel Kant.
Der Jüngling hatte freilich den Weisen von Königsberg nicht mehr gesehen, aber in seinen gewaltigen Schriften die Heimat erkannt, darin er sich einzig als Erbhalter fühlte.
Wohl standen Fichte, Hegel und Schelling im Reichtum der Kantischen Erbschaft geehrt, er aber hieß sie Erbschleicher und Fälscher; wie ein Prinz mündig wird, kam er, im Reich der Wahrheit der rechte Thronfolger zu heißen.
Alle Erscheinung der Dinge -- so hatte der Meister gelehrt -- ist nur das Blendwerk der Sinne; in Zeit und Raum eingehängt, vermag die Erfahrung keine Erkenntnis zu bringen über das Ding jenseits der Sinne, über das Wesen der Welt.
Die Welt als Vorstellung nannte der Schüler den Schein, er aber wollte im Schein das Wesen benennen, und er hieß es die Welt als Wille.
Der Wille allein war der Schlüssel zum Wesen, der Wille war frei in der Ursächlichkeit aller Dinge, aus ihm allein kam Erkenntnis, das Rätsel der Sinne zu lösen, weil er der ewige Antrieb, weil er das Leben im Schein, die Seele im Sinnbild der Welt war.
So wollte der Schüler den Schleier der Maja durchleuchten, den der Meister als Blendwerk der Sinne erkannte; so glaubte sein Eifer den Spiegel der Wahrheit zu halten, darin er sein Ich und sein Du in einem erblickte.
Weil ihm ein irdisches Wort den Schlüssel zur Welt gab, dachte er seine Gedanken diesseits und brauchte nicht schwindelnden Pfades im Jenseits zu irren; aber die Zeit war im Jenseits befangen, und die der Jüngling Fälscher und Erbschleicher nannte, regierten trotz seinem Zorn.
Er hatte sein Tagwerk zu früh getan und mußte in Einsamkeit warten; wie Buddha zu den Brahmanen hatte sein Mund die Weisheit der Erde gegen den Himmel der Priester gesprochen, aber ihm fehlten die Jünger.
In seinen Wünschen -- dies war seine Lehre -- waren dem Menschen die Wurzeln des Guten und Bösen verstrickt, das Leben mit Wirrsal zu füllen: seinen Willen verneinen, hieß auch vom Leiden erlöst werden.
Denn wollen hieß leben, und leben hieß noch im Blendwerk der Wünsche verbannt sein: der Weise ging, durch Erkenntnis das Nichts seiner Wünsche, aber das All seiner Stille zu finden.
Der so im Abendland lehrte, uralte Erkenntnis der Erde gegen den Himmel der Priester, war seiner irdischen Weisheit kein Weiser; grimmig und germanischer Streitlust stachlig wie ein Igel, schaffend und scheltend saß er sein Leben lang in Frankfurt am Main, den Aufgang seines Werkes zu erwarten.
Als ihm das Alter endlich den Ruhm brachte, war seine Stirn zu müde, den Lorbeer zu tragen; aber die Greisenhände streichelten noch an den wintergrünen Blättern, ehe er bitter lachend dahin fuhr.
Die Nazarener
Deutsche Jünglinge kamen nach Rom, schwärmenden Sinnes und ihrem Vaterland tief abgewandt; denn mehr als je wirkte Winckelmanns Lehre, daß nur in südlicher Sonne, nicht im Land der neblichten Wälder die Heimat der Kunst sei.
Sie kannten die gotischen Tafeln und die Glasfensterglut ihrer Farben, aber sie mochten das krause Figurenwerk nicht und die Eckigkeit ihrer Gebärden; ihr Sinn war sanft und auf den erhabenen Schwung, auf die Süße und auf die edle Figur der Italiener gerichtet.
Wie Dürer, der Meister von Nürnberg, die welsche Pilgerschaft machte, so kamen auch sie; aber sie liebten die Nachtigall nicht, die jenen aus Wittenberg lockte; sie kehrten, romantisch verzückt, in den Schoß der Kirche zurück.
Ein Barfüßerkloster stand leer in der ewigen Stadt, da fingen sie an, als Brüder zu leben, Nazarener genannt in den römischen Gassen mit ihren Faltengewändern, aber sich selber zu Stärkung.
Wie die Frühmeister malten, bevor das rauschende Gold Tizians kam, bevor die Leiber, einst bläßlich gebildet, mit blühendem Fleisch prahlten, bevor die bräunlichen Tiefen die klaren Gebilde der Fläche verhüllten: so sollten ihre Gestalten die Wände heiliger Räume abschreiten.
Denn nicht mehr prahlende Schilderkunst im goldenen Rahmen mochte ihr Werk sein; wieder wie einst wollten sie fein und geduldig Wände bemalen: die Haltung edler Figuren, der Faltenwurf großer Gewänder, die Einfalt frommer Gebärden allein sollten der Stolz ihrer Kunst sein.
Ihr Sinn war sanft, des wurden die Wandbilder Zeichen; die dunklen Gründe wurden erhellt, die glühenden Farben erblaßten, das brünstige Spiel des Lichts im Schatten verschwand: edle Einfalt und stille Größe, wie Winckelmann lehrte, wurden zärtlich lebendig.
Aber die Zärtlichkeit war wie das Mondlicht am Morgen, sie fror im mühsamen Tag und seufzte zurück in die schwellende Nacht, da noch Gestirne den Himmel umstanden.
Nur einem der Jünglinge stürmte das Blut in den Tag hin; Peter Cornelius war er geheißen, Protestant im Mönchskleid mehr denn sie alle, weil er allein katholisch geboren, aber ein nordischer Mensch war.
Er riß die edlen Gestalten aus ihrer Stille hinein in den Strudel starker Bewegung; er machte die schlafenden Umrisse wach, mit dem Linienwerk aufgescheuchter Gestalten ihr bläßliches Dasein hart zu umreißen.
Da wurde die Farbe den goldenen Rahmen und räumlichen Tiefen der Schilderkunst nachgesandt in die Verdammnis; die schwarze Kohle fing an, die weiße Fläche zu meistern, aus Wänden im Raum wurde der dürre Karton, in der Werkstatt mit Strichen gezeichnet.
So wurde im Barfüßerkloster zu Rom, im brünstigen Glauben der Kirche, dem Protestantismus die Kunst nachgeboren; deutsche Jünglinge wurden in Welschland katholisch, das seltsame Wunder zu wirken.
Der Baukönig
Als sich der König Ludwig von Bayern im vierzigsten Jahr die Krone aufsetzte, sahen die Guten nach ihm, und seine Lobredner sagten, daß nun ein neues Sanssouci käme, nicht von Franzosen bevölkert.
Er hatte als Kronprinz gern mit den Nazarenern in Rom gesessen, hatte gespart und Bilder gekauft, er war den Dichtern und Malern ein Freund und einer freien Verfassung der eifrigste Fürsprecher gewesen, und allem Welschtum feind.
Dichter, Gelehrte und Künstler rief er nach München; auch fing sogleich ein Bauwesen an, wie es die Welt seit Versailles nicht kannte.
Aber nicht Lustschlösser galt es dem König von Bayern; die Stadt an der steinichten Isar sollte mit Straßen und Plätzen, Hallen und Säulen und Bildwerken, reicher und schöner als Wien oder Berlin, die deutsche Kunst- und Königsstadt werden.
So wurde das Füllhorn aller Baukünste über die Stadt an der Isar geschüttet: griechisch und römisch, florentinisch und gotisch wuchsen die steinernen Wünsche der staunenden Bürgerschaft zu.
Eine Glyptothek kam und eine Pinakothek, die Propyläen stellten dem neuen Musenhof die prächtige Torwacht, und eine Prunkstraße lief zwischen Palästen hinaus in die Felder von Schwabing.
Napoleon hatte mit all seinen Siegen Paris nicht so geschmückt wie Ludwig, der Baukönig, München; Jahrhunderte staunten aus biederen Giebeln darüber, die backsteinernen Türme der alten Domkirche sahen barock dem gebildeten Quaderwerk zu.
Altdeutsch und florentinisch, romantisch und klassisch galten dem König gleichviel, er hieß sich gern einen Dichter; und als er im höchsten Schwung war, wurde dem deutschen Volk die Walhalla gebaut.
Bei Regensburg stand sie und war eine Halle hoch über der Donau, sie sollte das Heiligtum deutscher Vergangenheit sein; aber das Heiligtum deutscher Vergangenheit war ein Tempel mit griechischen Giebeln, dorischen Säulen und einer ionischen Halle.
Seine Baumeister priesen den Bauherrn, sein Volk pries den Landesherrn nicht; indessen sein Schwärmersinn aus der Vergangenheit lebte, indessen er Tempel und Kirchen, Kunsthallen, Paläste und Prunktore baute mit seinen mühsamen Groschen, regierte die Willkür übler Minister sein Land.
Auf Sanssouci saß ein Despot und er liebte sein Volk nicht, aber er hielt sich selber in Pflicht als oberster Diener des Staates; in München wollte ein Schwärmer der Schatzhalter deutscher Herrlichkeit sein, aber Willkür und Schmeichel banden ihm beide Hände, und Herren im Land waren die Jesuiten.
Der Redekönig
Die Hoffnung der Guten hatte in Bayern getrogen, nun kam sie nach Preußen: Friedrich Wilhelm der Vierte sollte ihr neuer Schildhalter sein; aber die Hoffnung der Guten trug den romantischen Rock in Bayern und Preußen.
Einfältig und stumm war der Vater gewesen, und vaterländisch hieß seiner kärglichen Seele ein Fürstenfeind sein; zwiespältig und laut war der Sohn: die oberste Fürstenpflicht sollte, so rief seine begeisterte Rede, das Vaterland heißen.
Er redete gern, der neue König in Preußen, die alte Herrlichkeit rauschte im Flügelschlag edler Romantik, wenn das Wort über ihn kam.
Ein deutscher Fürst hieß ihm die Vollmacht großer Vergangenheit sein: was jemals die Ahnen mit heiligem Eifer begehrten, was sie mit Blut und mit Leiden bezahlten, des sollten die Fürsten von Gottes Gnaden Vollstrecker und Schwurhalter heißen.
So schwoll die Rede des Königs von Preußen, als er in Königsberg stand, den Eid auf die Verfassung zu schwören; Tausende hörten ihm atemlos zu, und Tausende nahmen die Worte für Taten.
So wurde die Rede des Königs von Preußen ein Ruf an sein Volk, als er danach in Berlin aus dem Schloßfenster sprach; Tausende drängten im Lustgarten und spürten den strömenden Regen nicht, weil in den Worten des Königs die neue Zeit nahte.
So legte die Rede des Königs von Preußen den Grundstein, als er beim Domfest in Köln die Fürsten und Völker anrief: Tausende sahen das Reich wie den Dom in Trümmern, und Tausende glaubten, daß mit dem Dom die Herrlichkeit auferstände.
Aber die Reichsherrlichkeit war mehr als ein Domfest gewesen, und eine Rede des Königs von Preußen war noch kein Maifeld: neben dem redenden König stand Metternich taub und der Rührung verwundert; leer war der Kaiserthron; Armut stockte, wo einmal die Fahnen der Hansa dem Welthandel wehten.
Friedrich Wilhelm der Vierte hatte viel Bücher gelesen und war ein Meister der Rede, wie ein Schauspieler Klang und Wirkung der Worte kennt; aber er war seiner Zeit fremd und allen lebendigen Dingen feind, die sein romantisches Herrenglück störten.
Als die Jahre seiner Regierung leer liefen, als er im Land herum fuhr zu unaufhörlichen Empfängen, Girlanden, Böllerschüssen und Reden, mußte die Hoffnung der Guten einsehen, daß er ein Narr seiner Worte, keine Tat und keine Hand, kein Fürst und Herrscher, nur ein Redekönig war.
Die Spötter begannen zu munkeln, er liebe die Flasche, sein Wort sei trunken vom Wein, und seine Tränen der Rührung flössen aus einer befeuchteten Seele.
Das niedere Volk, das die ewige Festlichkeit sah, indessen ihm Mangel und Not an den Leib kam, fing an, den frömmelnden König zu hassen.
Die Auswanderer
Mangel, Not und Bedrückung nahmen einander den deutschen Tag aus den Händen.
Noch immer war Metternich Meister, und wo ein Fürst Hof hielt, hielt der Geheimrat das Schwert und die Waage der Willkür, die sich von Gottes Gnaden Gerechtigkeit nannte.
Kein Vaterland war, nur Länder, den Fürsten erbzugehörig samt Krone, Zepter und Untertan; und wer in den Ländern ans deutsche Vaterland glaubte, war dem Geheimrat böser Gesinnung verdächtig.
Indessen dem Übermut adliger Herren der Tag und die Stunde willfahrten, mußten Bürger und Bauern in Demut verharren, was ihnen der Übermut gönnte.
Mit karger Gemarkung lagen die Dörfer zwischen den reichen Ritterschaftsgütern, allen Gesetzen zum Trotz mußte das niedere Landvolk der Gutsherrschaft fronen.
Und daß in der Stadt Gleiches geschah, fing die Fabrik ihr Teufelswerk an: Armut und Häßlichkeit gaben einander die Hände und hoben den Haß aus der Tiefe, weil in der Arbeit um Lohn kein Segen mehr war.
Aber -- so kam die Kunde -- über dem Wasser war Arbeit, Freiheit und Achtung des ehrlichen Mannes, über dem Wasser war Land, unermeßlich, ein neues Leben zu bauen.
Listige Werber wußten mit bunten Bildern der Wohlfahrt zu locken: die neue Welt wurde die Hoffnung der alten; Amerika rief die Not und den Überdruß auf, das Abendland zu verlassen.
So fing in den Dörfern der Pfalz, in Baden und Schwaben, in Bayern, Sachsen und Preußen die Auswanderung an zu rinnen, und ging als ein Strom in das Meer bei Hamburg und Bremen.
Felder und Wiesen, seit Urvätertagen mit Saat und Ernte gesegnet, wurden vergantet; Stall und Garten und Vieh, vertraut wie die Berge und Bäche, das Haus und der Hausrat, ererbt von den Eltern und ihrer Erinnerung voll: alles, was Fleiß, Sorge und Hoffnung der Heimat verband, die Gräber, mit Ehrfurcht gepflegt, wurde verlassen.
Anders als einst, da die Stämme mit ihrer Wagenburg zogen, war nun die Ausfahrt; das Dorf blieb stehen mit seinen Häusern und Nachbarn, nur der Mann mit den Seinen ging fort aus der Sippe; der Einzelne, verdrossen und fremder Lockung verfallen, verließ die Gemeinschaft.
Nicht länger mehr sollte das Schicksal der Väter über ihm sein, dem fremden Landfahrer gleich wollte der einzelne Trotz das eigene Schicksal beschwören, in der neuen Welt die Wohlfahrt zu finden, die ihm die alte versagte.
Einzelne nur verließen so harten Mutes die Heimat, aber Tausende kamen nach Bremen und Hamburg; da standen die Schiffe, für andere Fracht als Ballen und Säcke und Tonnen gerüstet; da saßen die Reeder an ihren Tischen, aus solcher Fracht üblen Lohn zu gewinnen.
Gewinnsucht und Händlersinn sahen nur das Geschäft und ließen die Menschlichkeit leiden: wohl hatten die Schiffe im Oberdeck Säle und reiche Kabinen, unten im Zwischendeck wurde den Armen die Fahrt über das Wasser zur Hölle.
Aber die Höllenfahrt war nur das Tor in die Welt, die mit grellem Schein lockte, weil sie voll Dunkelheit war; Gewinnsucht und Händlergier blieben an ihre Fersen geheftet, und Viele mußten im Elend verderben, bis Einem die Fahrt glückte.
Die schlesischen Weber
Sie woben die Leinwand wie ihre Väter, sie waren fleißig und fluchten dem Webstuhl nicht, darin sie um kargen Verdienst saßen, wie das Eichhorn im Tretrad die flinken Füße vertritt.
Aber dann kam die Fabrik und schnallte den Webstuhl an ihre Maschinen; da schnurrten die Räder und sausten die Spindeln, wie nie ein Weber sein Schiffchen zu werfen vermochte; da wurde die Leinwand wohlfeil und drückte den kargen Verdienst, bis er ein Hungerlohn war.
Sie aber hatten nichts auf der Welt als den Webstuhl, sie lebten vom Lohn ihrer mühseligen Arbeit und sahen ihr ärmliches Dasein verloren: der Mangel wurde zur Not und die Not zur Verwünschung der neuen Fabriken und ihrer wohlhabenden Herren.
Als Mißwachs und Dürre das Brot teuer machten, als der Hunger mit hohlen Backen herum ging, als den Müttern das Kind an den welken Brüsten verdarb: stand fiebernden Auges die Kreatur auf, ihren Jammer zu rächen.
Das Stroh sei wohlfeil und Häcksel zu essen nahrhaft genug für die Weber! höhnte ein satter Fabrikant, aber das Wort war Feuer in Zunder geworfen; sein reiches Haus mußte den frechen Hohn büßen; und wie es in Peterswaldau geschah, so drohte es bald allerorten.
Rache den Reichen, Feuer ihren Fabriken! so raste das schlesische Fieber; aber die hohe Regierung in Breslau zögerte nicht, die Krankheit zu dämpfen.
Soldaten des Königs von Preußen mit blanken Helmspitzen und scharfen Gewehren marschierten auf harten Befehl; sie schossen und halfen der Not, den Kirchhof der Weber zu füllen.
Einen Dom in Berlin zu bauen, reicher und schöner, als ihn die alte Herrlichkeit kannte, plante der König, indessen in Schlesien solches geschah: einen Dom im Namen der Liebe, die unter den Armen und Mühseligen suchte, aber den Tempel zerbrach.
Die Fabrik
Seit urgrauer Zeit liehen Wasser, Feuer und Wind dem Menschenwerk ihre Kräfte; nun kam der Dampf in die Hände der Menschen, das stärkere Kind aus Wasser und Feuer.
Mühlräder pochten und mahlten, die Segel blähten im Wind übers Meer, wenn er nicht schlief: es war ein friedliches Tun der elementarischen Mächte, dem Menschen zu helfen, starkes Behagen gütiger Kraft.
Aber der Dampf diente dem Menschen nicht frei, in eisernen Kesseln, Röhren und Kolben gefangen wurde das luftige Kind aus Wasser und Feuer ein Dämon, Knechtsarbeit zu tun und zu zeugen.
Zischend sprangen die Kolben vor seinen zornigen Stößen, Schwungräder sausten und flackernde Treibriemen brachten die wilde Bewegung auf Spindeln, Spulen, Sägen, Hämmer und Zangen.
Es war ein friedloses Tun und ein Teufelswerk tückischer Kräfte; denn die Natur, listig und grausam bezwungen, sparte der Arbeit wohl Hände, aber sie band den Menschen an die Maschine und machte ihn, der sich ihr Herr dünkte, zu ihrem Knecht.
Sie brachte den Mann in die Fabrik: wo Weide und Ackerfeld war, wo Wiesenluft wehte, starrte ihr düsteres Werk mit rußigen Wänden und rauchenden Schornsteinen; wie eine ewige Brandstätte stand ihre Unnatur da.
Früh, wenn die Sonne den Tag weckte, rief das schrille Getön der Sirene die Männer in ihre Tore; rund aus den Dörfern kamen sie her, wo Frauen und Kinder den Vater nicht sahen, bis er am Abend -- schmutzig und schwer von der Arbeit -- seinen Schlaf zu tun für kurze Stunden heimkehrte.
Der einmal der Feldarbeit folgte, mühsam und karg, war ein Fabrikler geworden, dem eigenen Dasein entfremdet und seiner Lohnarbeit nicht mehr durch Saat und Ernte verbunden; denn die Maschine regierte die Arbeit; er war ihr Knecht, wie der Fabrikherr ihr Nutznießer war.
Wohl aber dem, der am Abend noch heimkehrte; andere lockte der Lohn in die Stadt, wo keine Felder mehr waren, keine Bäche und Berge mit Wiesen und Wolkenschatten, nur Häuser und finstere Gassen, dem Elend gebaut.
Heimat und Herkunft gingen verloren um einen Lohn, der den Mann und die Seinen an die Maschine verkaufte; Heimweh und Hunger, hündische Furcht und hündischer Haß hießen die höllischen Herren in seinem entwurzelten Leben.
Wilhelm Weitling
Die aber noch Handwerker hießen, alle die Schneider, Sattler, Schuster, Schreiner, Schlosser und Bäcker, die als Gesellen zu keiner Meisterschaft kamen, Straßen und Herbergen füllten und landfahrend dem Gefängnis nicht unvertraut waren, vermehrten den Troß der Fabrikler.
Einmal der Zunft untertan und dem Zwang harter Gesetze, aber behütet in ihrer Gemeinschaft und ihrer Herkunft anders als um den Lohn der täglichen Arbeit verpflichtet, waren sie fahrendes Volk und vogelfreie Gesellen der Straße geworden.
Sie hatten frechere Dinge erfahren, als die aus den Dörfern; demütig zu dulden, stand ihnen nicht an; wo ihnen die Suppe nicht schmeckte, saßen sie auf und warfen den Löffel der Meisterin hin.
Sie glaubten den Priestern nicht mehr, daß dies die einzige Ordnung der Welt, und glaubten der Obrigkeit nicht, daß sie gottgewollt sei; sie sahen den Reichtum über die Armut regieren, und sahen den Teufel des Goldes als Zwingherrn jeder Abhängigkeit.
Er wußte den goldenen Klumpfuß klug zu verstecken, aber in jedem Besitz, im Land, im Haus, in den Maschinen, überall wo er um Lohn die Menschenhand brauchte, war seine heimliche Hölle.
Er teilte die Menschheit schärfer als Völker und Rassen und Kirchen in Herren und Knechte; die Seinigen konnten die Freuden des Lebens genießen, den andern blieb seine Mühe.
Damit sie nicht murrten, machte die Kirche den Armen das Tor der ewigen Seligkeit auf, das irdische Leid zu bezahlen mit ewiger Freude; aber -- so höhnten die Handwerksgesellen -- Kirche und Klumpfuß hatten den Pakt miteinander gemacht, den Armen ein besseres Jenseits zu malen, damit sie das schlechtere Diesseits betrogen ertrügen!
Wie zu den Armen im römischen Reich des Augustus das Evangelium kam, so ging die neue Botschaft durchs Abendland hin und war den Armen ein heimliches Licht, aus der Nacht in den Morgen zu leuchten.
Nicht erst im Himmel der Priester dürfe das Reich der Gerechtigkeit kommen, hier auf der Erde müßte es sein: Armut und Reichtum, Herren- und Knechttum würden verschwinden, wenn nicht mehr der goldene Klumpfuß der Hölle die Menschen beherrschte.
Und wie die Apostel im Römerreich gingen die Sendlinge um, mit heimlicher Botschaft die Herzen zu wecken, Flüchtlinge nur vor den Gewalthabern der Zeit, verfemt und verfolgt, aber geliebt von den glühenden Herzen, die ihre Botschaft vernahmen.
Wilhelm Weitling, ein Schneidergesell aus Magdeburg, fand in der Schweiz eine sichere Zuflucht; da schrieb er die Schriften, die heimlich gedruckt und verbreitet, Flugfeuer waren.
Kein Testament, kein Psalter und kein Gesangbuch wurden so glühend gedeutet und wurden so heimlich am Herzen getragen wie seine zerlesenen Blätter, darin die uralte Lehre der Gütergemeinschaft wieder zu Wort kam.