Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 28

Chapter 283,717 wordsPublic domain

Mit seinen kläglichen Stücken auf allen Theatern gespielt, mit Orden und Ehren der Fürsten befrachtet, als deutscher Spion von den Russen bezahlt, lebte er recht als die Laus im Pelz der heiligen Allianz sein verächtliches Leben; an ihm die geschmähte Freiheit zu rächen, zog Sand zum Meuchelmord aus.

Von Jena bis Mannheim mußte er manchen Tag wandern, aber kein Pilger war je mit größerer Inbrunst die Wallfahrt gegangen, als er durch den schwellenden Frühling dahin ging.

Mitten ins Herz stieß er dem kläglichen Mann seinen Dolch und lief auf die Straße hinaus, die Tat zu bekennen, kniete noch zum Gebet, und grub das Schwert in die Brust.

Wohl traf er das eigene Herz schlecht und mußte ein langes Jahr leiden, bevor ihn der Henker erlöste; aber die Seele des Jünglings blieb standhaft und lächelte nur, wenn sie ihm drohten, und starb ohne Reue den Scharfrichtertod.

Ein Meuchelmord war in Mannheim geschehen, Herdfrieden mißachtet, Jammer der Kinder stand um den ermordeten Vater: aber den Mörder traf keine Verwünschung.

Männer und Frauen priesen den Jüngling, empfindsame Seelen weinten um sein Geschick, wie sie um Werther weinten; als ob er ein Held und der Stolz des Vaterlandes wäre, hing an den Wänden sein Bild, hing seine Tat in den Herzen.

Keinem Tyrannen, keinem Minister, nur einem kläglichen Söldling hatte der Dolch des Studenten die Rache gebracht; der feilen Gesinnung und allen Verächtern der Freiheit sollte die Tat ein Wahrzeichen sein.

Metternich

Ein Spinnennetz hatte der deutsche Bund über die Länder und Völker gebreitet, Fürsten und ihre Minister samt den geheimen Räten hielten dem Netz die Fäden gespannt, darin die Kreuzspinne Metternich hing, auf die Opfer zu warten.

Er hatte den Wiener Kongreß arglistig geleitet, er war der heiligen Allianz Handlanger und heimlicher Lenker: Fürsten und ihre Minister klug zu verspinnen, galt ihm die Kunst, darin er die eigene Meisterschaft übte.

Denn Metternich blieb der gelehrige Schüler von Frankreich; was Richelieu war und Mazarin wurde, das wollte er ohne ihr Priesterkleid sein: Meister der Macht allein durch die List, damit er die Fürsten und ihre Schwerter, ihre Ruhmsucht, Habgier und Eitelkeit lenkte.

Er sah nicht den Willen der neuen Zeit, er sah nur die Wege der alten; den Aufruhr der Hölle hatten die Mächte der Herkunft gedämpft; und ihre eifrigsten Helfer waren die Schwärmer der Freiheit gewesen: nun aber sollte ihr tolles Geschwärm nicht länger sein Spinnennetz stören.

Den Mord von Mannheim zu rächen, rief er die deutschen Minister nach Karlsbad zur Kur; da saß die Sorge um das bedrohte Leben der Fürsten und ihre Minister zusammen, da wußte der arglistige Mann die Angst und den eifernden Zorn zu erhitzen.

Den gefährlichen Geist der Zeit auszurotten, der heiligen Ordnung des deutschen Bundes die wackelnden Wände zu halten, ihr eigenes Dasein vor Mordgefahren zu schützen, kamen die Hausmeister der Fürstengewalt in Karlsbad zu ihren Beschlüssen.

Wie der Geheimrat Schmaltz in seiner schmählichen Schrift schrieb, so machte es Metternich wahr: nicht länger mehr sollte der Geist der Erhebung, nicht länger mehr sollte die deutsche Gesinnung von Stein, Fichte und ihren Gesellen den Fürstenbund stören.

Als Volksverführer wurden verfolgt, die dem Untertan lockende Bilder der Staatsbürgerschaft zeigten; als ein gefährliches Gift, in die Ohren und Herzen der Jugend geträufelt, wurde die Lehre verboten, daß über der Fürstengewalt das deutsche Vaterland sei.

Ernst Moritz Arndt

Die Farben der Burschenschaft waren die Farben der deutschen Zukunft geworden, schwarz, rot und golden sollten die Fahnen dem Vaterland wehen: aber nun kam der Geheimrat und wollte nicht länger das deutsche Vaterland dulden.

Die Burschenschaft wurde verboten, und ihre Farben, schwarz, rot und golden, wurden verfolgt als Zeichen böser Gesinnung; die Erhebung von gestern war die Empörung von heute geworden, die Heerrufer der Befreiung hießen Verbrecher.

Ein Heerrufer war Ernst Moritz Arndt wie keiner gewesen; dem rügischen Bauernsohn hatte die Luthersche Bibel mit ihren Sprüchen und Psalmen, mit ihrer Einfalt und Bilderkraft den Mund aufgetan.

Von den Franzosen verfolgt als der Freund des Freiherrn vom Stein, war er dem mächtigen Mann in Rußland ein treuer Begleiter, bis ihn das brausende Frühjahr über Tauroggen nach Königsberg rief, Herold der Volkserhebung und ihr hell klingender Mund zu heißen.

Er sang die Lieder, die mit der Landwehr nach Frankreich marschierten, er sagte der horchenden Zeit die Merkworte vaterländischer Tugend, er schrieb dem preußischen Volk den Katechismus der freien Staatsbürgergesinnung.

Nun lehrte sein hell klingender Mund in Bonn die rheinische Jugend, aber was einmal sein deutscher Ruhm war, das machte den tapferen Mann in Berlin bei den Schranzen verdächtig.

Sie schämten sich nicht ihrer Schande, sie schickten Ernst Moritz Arndt die Schergen ins Haus, sie sperrten den deutschen Mund ein wie einen Landstreicher und Roßdieb.

Sie klagten den Sänger der deutschen Befreiung des Hochverrats an, und als ihre Niedertracht nichts an der reinen Erscheinung vermochte, als sie den Mann freilassen mußten, versagten sie Ernst Moritz Arndt, dem Professor, dennoch sein Amt.

Im Namen des Königs wurde das Unrecht getan; Undank und Dummheit und Niedertracht waren im Namen des Königs von Preußen verschworen, der deutschen Seele so kläglichen Frevel, dem Gedächtnis der deutschen Erhebung gemeine Schmach anzutun.

Der Turnvater Jahn

Als Deutschland noch in der Fremdherrschaft war, als die Franzosen in Preußen regierten, hatte der Turnvater Jahn die Jugend auf seinen Turnplatz gebracht.

Jedermann sollte -- so rief seine begeisterte Lehre -- wie es in Urväterzeit war, wieder geschickt sein, die Glieder zu rühren; die Leibesübungen sollten ein anderes Volk als das der Schuster und Schneider, der Schreiber und Händler erziehen: der Turner sollte wieder der deutsche Jüngling und Mann sein, in der geübten Kraft seines Leibes und in der Zucht seiner Sitten.

Tausende waren dem Ruf des neuen Propheten gefolgt; die Turner brachten dem Heer der Befreiung die tüchtigsten Streiter, und in der deutschen Burschenschaft galt Turnerei das Brot des tüchtigen Lebens.

Aber Turner sein hieß nach dem schwärmenden Wort des Propheten das deutsche Vaterland lieben, und vaterländisch hieß dem Geheimrat ein verdächtiger Untertan sein.

Auch war der Turnvater Jahn ein lärmbegeisterter Mann, er liebte die Trommeln und Pfeifen, er liebte das tönende Wort und war in Gang und Gebärden, auch in der seltsamen Kleidung der Mann, den Geheimrat zu reizen.

So kamen die Schergen nachts über ihn her und schleppten ihn fort auf die Festung; als das gefährliche Haupt der vaterländischen Verschwörung galt er dem frommen Geheimrat, der Mord in Mannheim sollte der erste Beweis seines Hochverrates sein.

Sechs Jahre lang mußte der Turnvater Jahn seinen deutschtümelnden Überschwall büßen, von Festung zu Festung geschleppt, in hundert Verhören geplagt, von gemeinen Anklägern verdächtigt, empfing der treudeutsche Mann den Dank seines Königs.

Gestern noch von der Gunst der Regierung besonnt, wurden die Turnplätze geschlossen; Turner hieß dem Geheimrat Demagoge sein, und Demagogie war sein Mirakel, damit er die Fürsten und Höfe in Schrecken, sich aber hoch in der Gunst und die gemeine Gesinnung zur Macht brachte.

Der Kirchhof

Der König von Preußen, einfältig und karg, hatte das Wort seiner Not vergessen, wie eine geringe Seele das heiße Gelöbnis der Wallfahrt vergißt; Stein, das verdrießliche Alter, saß an der Asche all seiner stolzen Gebäude; Kamptz, der neue Geheimrat in Preußen, drehte das knarrende Rad seiner Stunde.

Wer von der deutschen Burschenschaft war, den jagten die Hunde: Wir hatten gebaut ein stattliches Haus! sangen sie scheidend in Jena, dann waren sie Freiwild für schuftige Büttel und Richter.

Daheim und in Herbergen, bei Verwandten und Freunden, wurden sie wie Verbrecher gefangen und wie Verbrecher durch Kälte und schlimmere Leiden zur Hauptstadt gebracht, wo die Hausvogtei war mit ihren gefürchteten Kammern.

Jahrelang harrten sie da auf den Spruch des Gerichts; Verhöre und falsche Gerüchte, leere Tage und lauernde Nächte, törichte Hoffnung und graue Enttäuschung zogen die grausame Zeit hin, bis endlich das Urteil, verlogen und feig wie die Richter, den Tag der Verzweiflung brachte.

Zum Tode verurteilt, zur Festung begnadigt, um ihre Jugend und ihre Mannheit gebracht, mußten die Opfer geheimrätlicher Rachgier den Übermut büßen, daß sie ans deutsche Vaterland glaubten.

Und wie den Burschen geschah es den Männern der Zeit; bis in die Tage der Fremdherrschaft spürten die Richter zurück, längst war die Freiheit der Rede und Schrift verschüttet, Willkür, Verleumdung und Machtwahn regierten den Tag, von Spionen war jedes Dasein umstellt.

So brachen die Fürsten ihr Wort, verhöhnten Minister den Glauben der Völker, so blies der deutsche Bund von Metternichs Gnaden der deutschen Verfassung das Lebenslicht aus, so wurde dem Reich der kommende Tag auf den Kirchhof getragen.

Einmal war brausender Frühling gewesen, durch Opfer und Blut, durch Märsche und Siege hatten die Rosen der Hoffnung in tausend Herzen den kurzen Sommer geblüht: nun hatte der Herbst die Fäule gebracht, kahl stand das dürre Geäst, in den gefrorenen Blättern am Weg rauschte Novemberwind über den Kirchhof.

Der Biedermaier

Indessen dem deutschen Geist solches geschah, hatte der Bürger in seiner Stube gesessen; er hatte das seine bescheiden gesichert, und mehr als Bescheidenheit ging ihn nicht an.

Auch war nach den Jahren des Aufruhrs die Ordnung der alten Zeit wiedergekommen, wie Untertanengesinnung die Ordnung gewohnt war.

Die Stände sauber getrennt, und die Krone glänzte darüber; denn er liebte den Landesherrn und war ihm in Demut gehorsam, auch wenn er am Prügelstock ging; und wie ihm von oben geschah, so ließ er nach unten geschehen.

Er war der Frau und den Kindern, mehr noch dem kleinen und großen Gesinde der Hausherr, wie es der Fürst seinem Lande war: er durfte poltern und großtun wie er, er durfte befehlen wie Einer, und alles, was unter ihm war, mußte gehorchen.

Verfassung und Vaterland schierten ihn wenig: sein Vaterland war, wo es ihm gut ging, und von Verfassung zu reden, hieß ihm, den Teufel des Aufruhrs noch einmal beschwören.

Seine Väter waren Pietisten gewesen, aber er hatte erfahren, daß es nicht gut sei, gegen den Obrigkeitsgott noch einen andern zu haben; denn der Landesherr war auch die oberste Kirchengewalt, und dem Landesherrn hieß es gehorchen.

Auch hatte die Aufklärung bei seiner Taufe Pate gestanden: Himmel und Hölle gönnten dem Erdentag seine schmackhaften Früchte, wenn er nicht unbescheiden oder gar unverschämt war.

Denn auch der Herrgott war ein vernünftiger Mann und ließ den Biedermann gelten; er konnte wohl kollern mit Donner und Blitz -- und es war gut, dann die Hände zu falten -- aber nachher war wieder blauer Himmel, wie es beim Landesherrn und auch bei ihm selber, dem Hausherrn war.

So baute der biedere Bürger die Welt auf vier Pfähle, statt in die Wolken; er konnte wohl schmälen, aber nicht unzufrieden sein, weil alles gottgewollt war: der Fürst wie der Bürger, der Junker und der Minister, die geheimen Räte und ihre Polizei; nur, daß die adligen Herren zu wenig Steuern bezahlten, schien ihm nicht richtig.

Schiller in Jena war längst gestorben, und Goethe in Weimar hatte für ihn nie gelebt; wenn seine Tochter ein Buch las, war es von Clauren, und wenn er ein Stück sah mit seiner sonntäglichen Hausfrau, stand Kotzebue auf dem Zettel; nur die gebildete Tante aus Prenzlau schwärmte noch von Jean Paul, aber die hatte auch sonst die altdeutschen Grillen, gar in der Kleidung.

Denn daß ihm die Vaterlandsschwärmer auch noch den altdeutschen Rock vorschreiben wollten, das war von all ihren unnützen Dingen das albernste für den Bürger; er wußte genau, was sich schickte für einen geachteten Mann, der seinen Meisterbrief von der Zunft und als Presbyter seinen Kirchenstuhl hatte.

Goethe stirbt

Dumpfes Gerücht und totes Licht lag über dem Land der neblichten Wälder, als Goethe in Weimar die göttlichen Augen zumachte.

Er hatte den Korsen gesehen und hatte Blücher die rühmende Grabschrift geschrieben; Erhebung der Völker und Undank der Fürsten waren vor seinem Geist wie Wolken am Abend gewesen.

Er sah in die Zeit, wie ein Vogel aus seliger Bläue über die Dächer und Gassen, über die Wiesen und ihre Silbergewässer, über die Bergwälder, tief in die Wolkengebilde blinkender Seespiegel sieht.

Er sah die lastende Schwere und sah den blutroten Glast, aber sein Herz wartete gläubig der Sterne.

Ihm war sein Volk nur ein Blatt im Kranz der Völker auf Erden; er liebte das Blatt als das seine, aber er flocht an dem Kranz mit unermüdlichen Händen.

Ihm hatte Prometheus das Feuer gebracht, und er hielt es dem Menschengeist wach; nicht wie Schiller die Fackel der Freiheit zu tragen, stürmte er hin: dem Herdfeuer der Menschheit diente er treu und geduldig wie der Priester dem Opferaltar.

Als er die göttlichen Augen zumachte, stand seine Flamme steil in der Stille und war nur noch ein fernes Licht für sein Volk.

Sie hatten den Wertherjüngling vergessen, und den greisen Faust kannten sie nicht; so fiel keine Trauer über das Land und keine Furcht in die Herzen.

Nur wo ein Kerzenlicht brannte, wo einer Seele die Kammer weit wurde, weil die Gestalten des Dichters durch ihre Einsamkeit gingen, zuckte die Flamme in den gewaltigen Schatten.

Der Zaubermeister von Weimar war tot, der all dem blühenden Leben, der Weisheit und Schönheit der Worte, der Wahrheit und Hoheit ihrer Gebärden Gottvater war.

Die Schöpfung stand still, die aus dem Sechstagewerk kam mit anderen Bergen und Bäumen, anderen Nächten und anderen Sternen und anderen Menschen, als sie die Täglichkeit kannte.

Der Menschengeist hatte sein Angesicht gläubig und stark gegen die Gärten der Götter erhoben, er hatte sich selber auf die verlassenen Throne gesetzt: nun ging er schlafen, weil seinem übermenschlichen Tun die Müdigkeit kam.

Das Volk der Denker und Dichter

Von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt war ein Kirchhof, Deutschland hieß den verdrossenen Herzen kein Vaterland mehr.

Willkür und Wortbruch der Fürsten hatte das tote Gespenst der Verfassung eingesargt und begraben; der fromme Geheimrat stand mit gefalteten Händen dabei.

Gottlosigkeit habe -- so sagte der fromme Geheimrat -- das Fieber der Wünsche gebracht, Rechtgläubigkeit würde das Fieber ausheilen; oberste Staatsbürgerpflicht solle der Kirchgang sein.

Thron und Altar, als Kaiser und Kirche Schicksalsgewalten, mußten dem Staat die Stützbalken halten, der aller Vergangenheit bar kläglich am Abhang der Gegenwart klebte.

Doch hatte das Blut der Wünsche zu heftig gefiebert, und stärker begann die heimliche Ader zu rinnen, daraus die Kraft des entrechteten Volkes dahin floß.

Goldene Ernten hielten die Reeder in Bremen und Hamburg, indessen die deutschen Landschaften mehr Menschen über das Weltmeer verloren, als Krieg und Seuchen sonst hingerafft hatten.

Goethe und alle Guten hatten gewirkt, daß Größe und Würde den deutschen Namen umklängen, aber das Volk blieb stumm und geschlagen.

Das Volk der Denker und Dichter! so hatte der Hochmut an seine Tore geschrieben: Dichter und Denker waren die Stimme der Freiheit gewesen; die Ohren hatten den Deutschen geklungen, aber lebendig wurden sie nicht.

Die danach der deutschen Seele gläubige Schatzhalter waren, gingen als Pfarrer, Lehrer und Richter treu in die Täglichkeit ein, aber als Dichter und Denker und Hüter des ewigen Lebens saßen sie in der Verbannung.

Die schwäbischen Dichter

Aus schwäbischer Enge war Schiller geflohen, und Hölderlin hatte das Land seiner Seele nicht in der schwäbischen Heimat gesucht; als aber der flammende Braus von Jena ausgelöscht war, fing Tübingen an, bescheiden im Dunkel zu leuchten.

Kein Musenhof stand hinter dem Tübinger Stift, und keine allmächtige Hand hielt ihm die Tage geweitet wie Goethe in Weimar; es war der Garten, die schwäbischen Pfarrer zu züchten, aber die Frucht gedieh zu seltsamen Blüten.

Hölderlin war ein Stiftler gewesen; als sein herrlicher Geist sich in heilige Höhen verstieg, lebte sein Körper die langen Jahrzehnte in Tübingen hin, und noch das leere Gefäß seiner umnachteten Seele war ein Heiligtum unter den Menschen.

Die schwäbischen Jünglinge sahen die Göttergestalt bei Tischlersleuten sanft und geduldig ihr Erdenlos tragen; sie sprachen die großen Gesänge und ahnten die ewige Waltung in seinem Geschick.

Nie wieder kam einer von seiner Art, sie waren alle aus Schwaben gebürtig und blieben der Heimat verbunden; aber sie standen in seiner heiligen Zucht und nahmen das Bild der hohen Erinnerung mit, wenn sie gingen: daß alle Dinge des Tages nur bunter Schein vor dem ewigen Sein, daß alle irdischen Ziele der Seele nur Wegweiser wären.

So wuchs am Tübinger Stift ein neues Geschlecht in Schwaben, das wieder wie einmal die Griechen in edler Bildung dahin ging, obwohl es die engen Wege der Heimat nicht überschritt.

Sie hatten alle ein Amt, sie waren Pfarrer und Lehrer, Ärzte und Richter, sie dienten dem Tag bescheiden und treu; aber wie einmal Hans Sachs, der Nürnberger Schuhmacher tat, pflegten sie eifrig den Meistergesang; und einige wurden Dichter geheißen:

Ludwig Uhland, der aufrechte Mann und Meister am Dombau der deutschen Gesinnung, der seine Lieder wie Luther sang, aus reinem Gemüt mit reinem Wort und abhold allen romantischen Künsten, ein deutsches Herz und ein Protestant.

Justinus Kerner, der Doktor in Weinsberg, den Rätseln des Lebens hellsichtig nah und dem Tod wie ein Bruder vertraut; Gustav Schwab, der geistliche Herr in der schwäbischen Hauptstadt, in allen Dingen der Bildung zuhause, plauderfroh sagend und singend; Wilhelm Hauff, der schwärmende Jüngling und frohe Phantast, mit glücklichen Händen vielerlei greifend und manchmal der Meisterschaft nah.

Sie reichten nicht an den Himmel, da Hölderlins Stern im milden Glanz stand, sie blieben Diener der schwäbischen Erde, aber den Sternen ehrfürchtig zugewandt; und allen gelang es, den Liederschatz der deutschen Seele zu mehren.

Mörike

Nur Einem hatten die Nornen die silberne Spindel in seine ärmliche Wiege gelegt, nur Einem wurde die Enge zum Schicksal, das er mit stolzer Bescheidung bezwang.

Vikar an mancherlei Orten, zu Cleversulzbach im Unterland Pfarrer, dann kränkelnd in Mergentheim, fünfzehn Jahre lang als Lehrer in Stuttgart geplagt und dreizehn danach auf seinen Tod wartend: trug Eduard Mörike recht wie ein Stiftler sein irdisches Leben.

Ein zarter Jüngling wurde ein kränklicher Mann und ein Greis, von den Nöten des Alters geplagt; eine gläserne Seele, zart und zerbrechlich, mußte ein langes Leben aushalten, bevor ihr der Tod den dünnen Stengel abbrach.

Aber die gläserne Seele, zart und zerbrechlich, nahm ihre irdische Enge hin, wie eine Blume im Garten den Lärm spielender Kinder, Hundegebell und Hammerschlag aus der Schmiede, Rädergerassel und Glockengeläut still übersteht.

Der säuselnde Wind sang in das Lied ihrer steigenden Säfte; die Sterne der Nacht, ihre ewigen Schwestern, standen im Schlaf ihr zu Häupten, und ihre Mutter, die Sonne, küßte sie wach in den Morgen.

Da war der irdische Tag nur die bunte Verkleidung, darin sie mit ihren Wurzeln und Säften, mit ihrem schwellenden Kelch und der leuchtenden Blüte ein dankbares Kind der ewigen Wiederkunft war.

So machte der kränkliche Pfarrer im schwäbischen Unterland seine Gedichte; eine unsterbliche Seele war ihrer Wirklichkeit froh in der schlichten Verkleidung, ein Sendling der Ewigkeit ging durch den Tag, staunend und stolz seiner Demut.

Da wurden ihm alle Dinge dankbar vertraut, und allen sprach er den zärtlichen Gruß seiner Seele; die Freuden trank er, wie einer den Trunk auf der Wanderschaft nimmt, die Leiden hob er wie Spinngeweb auf und ließ sie im Sonnenschein schimmern.

Nie wieder nahm Einer die kleinen Dinge so innig zur Hand, nie streichelte Einer das Leben so dankbar, dem es im Tiefsten so fremd war.

Nur einmal verriet er die Herkunft, als Weyla, das göttliche Kind seiner Seele, Orplid die Heimat besang, als Könige kamen, seiner Gottheit Wärter zu sein.

Stifter

Dem Pfarrer in Cleversulzbach lebte ein heimlicher Bruder in Österreich, seines Zeichens ein Schulrat in Linz, Adalbert Stifter geheißen.

Der Sohn eines böhmischen Leinewebers war mühsam zur Bildung gekommen; unschlüssig und keiner Zukunft gewiß hatte der Jüngling in Wien studiert; als er kein Ende fand, mußte er Hauslehrer sein, bis er, schon grau, durch vermögende Freunde als Schulrat in Linz ein erträgliches Amt fand.

Fünfzehn Jahre lang hielt er sein Amt aus, dann nahm er den Abschied, sich selber zu leben; aber der Tod erlöste ihn bald aus der Plage.

So lag die Pflicht auf dem Leben Adalbert Stifters, als die Sorge nicht mehr darin war, und peinigte ihn, der einen Libellensinn hatte und eher ein Landfahrer war denn ein Beamter; aber die tägliche Pflicht und alle Verstimmung leer gedroschener Stunden reichten nicht auf den Grund, wo der Dichter unterirdisch im Glück war.

Adalbert Stifter hatte in Wien malen gelernt, und wie ein Maler sein Bild wohl aus der Wirklichkeit nimmt, aber die Bäume und Bäche, die Menschen darin und das Gewölk über den Fernen in seinen Farbengrund senkt, daß alles, was einzeln war, Einheit gewinnt in der Fülle des Ganzen: so malte sein Wort die sanften Gebilde.

Er konnte von einem Schicksal berichten, wie einer den Mittag mit all seiner lodernden Glut im blanken Seespiegel sieht: gestern und heute waren eins; alles, was Gegenwart schien, war schon gewesen, wenn seine Sinne es sahen, und alles Vergangene stand wieder zur Gegenwart auf, wenn seine Gedanken es fanden.

Denn jenseits von Zeit und Raum war die Seele ein Spiegel des ewigen Anblicks; was sie verband, war ewig verbunden, und was ihr Gedächtnis behielt, war ewig getrennt vom Versunkenen.

Darum waren die Bücher des Schulrats in Linz seltsam mit Dingen gefüllt, die, allen bekannt, unsagbar fremd erschienen, wie ihre Einzelerscheinung in seinen Schwarzspiegel versenkt war:

Rot hieß nicht rot, und blau hieß nicht blau, und dennoch stand alles in farbiger Glut; wie ein Kind durch buntes Glas die Welt unheimlich fremd und dennoch mit all ihren Dingen vertraut, staunend betrachtet.

Hebbel

Goethe war tot und sein gewaltiges Werk wurde noch nicht lebendig, Heinrich von Kleist war vergessen, Stifter und Mörike blieben dem deutschen Volk unbekannt: da wuchs zum andernmal ein Gewaltiger auf, mit seiner Dichtung das Höchste zu wagen.

Zu Wesselburen im friesischen Land hielt sich der Kirchspielvogt einen Schreiber, Friedrich Hebbel geheißen, das Kind armer Leute; aber dem Knaben, schüchtern und ungelenk, wuchsen die blonden Haare um eine hohe Stirn, die von anderen Dingen als seinem täglichen Schreiberdienst voll war.

Sieben Jahre lang schrieb er tagsüber um kärglichen Lohn bei dem Vogt, sieben Jahre lang aber gehörten die Nächte dem Dichter, der in dem friesischen Maurersohn mit schneidenden Schmerzen zur Welt kam.

Als ihm dann endlich die Tür aufgemacht wurde, als ihm Amalie Schoppe altjüngferlich half, nach Hamburg zu kommen, als er in München und Heidelberg wie ein Kolkrabe unter dem bunten Gevögel der andern Studenten in die Hörsäle ging: hielt die Wohltätigkeit seine Armut am Leben.

Sie verließ ihn auch nicht, als sein Trauerspiel von der biblischen Judith offenbar machte, daß wieder ein großer Dichter in Deutschland war, daß in der Gewalttätigkeit seiner Figuren ein Riesengeist seinen Schritt maß.

Das Schicksal hatte den Dichter um seine Jugend gebracht, er trat als Mann in die Welt: das Jünglingsfeuer konnte an ihm nicht mehr entbrennen, wie es vordem an Schillers Räubern entbrannte, und die Männer der Zeit fand er als dumpfes Geschlecht.