Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 27
Sie führten den kleinen Krieg zwischen den Kanonen der Großen und hätten mit ihren Waffen allein dem Korsen kaum Schaden getan; aber der Ruhm der schwarzen Freischar umflatterte den Mächtigen, wie die Raben den Bussard.
Und der fast noch ein Fant war und ein Füllhorn leichter Gedichte, sang der Schar seine Lieder, darin die Jünglingslust am reiten, klirren und siegen brauste; darin sich der Frieden wegwarf in den Krieg und der Tand in den Tod; darin das Schwert der Zweck der Hand wurde und die Kugel ihre Tücke verlor.
Bei Kitzen verwundet und, kaum gesund, schon wieder im Feld, sank Theodor Körner bei Gadebusch zu früh in den Tod, mehr als die herrliche Hoffnung des Sieges zu erleben; und die Freunde begruben ihn da unter der Eiche.
Aber die Lieder blieben und wurden nach Frankreich hinein gesungen: Leyer und Schwert hieß das kleine Buch, darin sie gesammelt standen, den Namen des Dichters in alle deutschen Herzen zu tragen.
Denn nun war die Wendung geschehen: nicht mehr geworbene Söldner hatten den Krieg geführt; das Volk war aufgestanden, die Landwehr hatte den Sieg über die fremden Bedrücker errungen.
Nach einem Jahrtausend war das Schwertrecht des freien Mannes wieder zur Geltung gekommen, und Theodor Körner hatte dem alten Schwertrecht die neuen Lieder gesungen.
Blücher
Als die Erhebung des preußischen Volkes Blücher ins Feld rief, war der Feldmarschall schon ein Greis, aber sein Name warf Mut in die Menge.
Blücher allein hatte nach Jena und Auerstädt den Säbel in der Faust behalten; aus flüchtigem Volk raffte er noch ein Heer mit dem Rest seiner Reiter, sich über See mit englischen Schiffen nach Danzig zu schlagen.
Er kämpfte sich durch bis nach Lübeck, er brachte die Wut der Franzosen und unermeßliches Leid über die Reichsstadt und wurde trotzdem gefangen; aber der tollkühne Ritt hob seinen Ruhm aus der Schande.
Wo eine Hoffnung war, je aus der Knechtschaft zu kommen, wurde sein Name genannt; als sein weißer Schnauzbart in Breslau erkannt war, hatte der kommende Krieg seinen Meister gefunden.
Den Marschall Vorwärts hießen die Russen zuerst den fröhlichen Alten, der nie ein bänglicher Zauderer war, der jeglichen Stier bei den Hörnern packte und für den schwankenden Mut der Verbündeten den zornigen Treiber vorstellte.
Denn es ging nicht so rasch in dem Feldzug, wie die preußischen Herzen erhofften; immer noch war der Korse Meister im Feld, immer noch wußte der Kaiser neue Heere zu raffen.
Bei Lützen und Bautzen wurde die preußische Landwehr zweimal geschlagen, und Scharnhorst, ihr Schöpfer, sank in die blutige Mahd; schon fingen die Federn ihr Kritzelwerk an, schon schien den Schwachen der Feldzug verloren.
Aber der Waffenstillstand wurde kein Friede, und als der Kampf im Sommer neu brannte, war die Habsburger Hofburg, zögernd und zweideutig zwar, dem Bund beigetreten.
Da endlich gelang es dem zornigen Marschall, das Wasser auf seine Mühlen zu bringen; an der Katzbach schlug er die erste siegreiche Schlacht über die stolzen Franzosen, und nun blieb das Glück seiner Landwehr günstig, bis sie bei Möckern Sieger der großen Völkerschlacht wurde.
Der Marschall Blücher blieb der zornige Treiber, und eher ruhte sein Ungestüm nicht, bis die Fürsten und Federn seinem Säbel den Weg nach Frankreich freigaben.
Er war kein Meister der langen Berechnung, und er liebte die hohe Strategie nicht; ein Haudegen nur -- von Gneisenau, seinem Feldherrn, mit Umsicht geleitet -- ritt tollkühn ins Feld: aber den fröhlichen Schnauzbart liebten die Jungen und Alten, weil er aus uraltem Holz germanischer Reiter- und Kriegslust geschnitzt war.
Die Völkerschlacht
Schlimmes hatten die Völker ertragen, und Krieg war gewesen seit Menschengedenken, auf allen Straßen Europas waren die Heere des Korsen marschiert, in vielen Hauptstädten hatten die Hörner den siegreichen Einzug geblasen: nun ballte der Krieg sich zusammen, einmal ein Ende zu haben.
In Sachsen hatte die Meute das korsische Raubwild gestellt, noch schlugen die Tatzen gewaltig, aber schon schweißte die Spur, als es bei Leipzig sein letztes Versteck nahm.
Von Norden, Süden und Osten bedrängten die Heere das Lager, darin der Meister des Schlachtfeldes stand, bereit, seine Gegner zu packen.
Solange die neue Welt war, hatte die Menschheit solche Schlacht nicht gesehen, fünfhunderttausend Soldaten brachten ihr Leben, zweitausend Kanonen brüllten hinein, meilenweit brannten die Dörfer, meilenweit wurden die Felder zerstampft, bis in die brütende Ferne brauste die Erde.
Macht wollte der Macht die Wurzeln ausreißen, aber die Wurzeln hingen im Blut lebendigen Daseins: mehr Leichen lagen um Leipzig, als in der erschrockenen Stadt Einwohner waren, und das Blut der Erschlagenen färbte die sumpfige Pleiße.
Drei Tage lang liefen die Heere an, drei Tage lang spannte der Ring seine gewaltigen Kräfte, bis es am dritten Abend gelang, den Höllenschlund zu umfassen.
Eine Mühle stand auf dem Hügel hinter Probstheida: da saß zur Nacht bei dem flackernden Feuer ein Mann auf dem Feldstuhl, der einmal der Herrscher des Abendlandes war.
Er hatte die Fürsten Europas bezwungen und ihre Throne verschenkt und hatte die Völker mißachtet; er war aus dem Aufruhr der Freiheit gestiegen und hatte die Macht aufgerichtet, nun kam die Freiheit zurück und stürzte ihn selbst als Tyrannen.
Denn die auf dem anderen Hügel jenseits Probstheida am Nachmittag standen, hoch zu Roß und im blinkenden Kreis ihrer Gefolge, die Fürsten von Rußland, Österreich und Preußen, waren nicht seine Besieger.
Sieger war der mächtige Mann, der den Willen des deutschen Volkes entflammte zu einer neuen Reichsherrlichkeit, auf den Staatsbürgerwillen des freien Mannes, nicht auf die Willkür der Fürsten gebaut.
Nicht darum war es die Völkerschlacht, weil vielerlei Völker dem Fürstengebot folgten: die Völker selber rangen darin um Befreiung von einem und vielen Tyrannen.
Als der vierte Morgen aufging über dem brennenden Schlachtfeld von Leipzig, war das Große getan: die Völker hatten die korsische Schwertmacht zerschlagen, der Zwingherr der Macht mußte fliehen, und brausend scholl hinter ihm her der Sturmschritt kommender Freiheit.
Caub
Eine Winternacht hing über dem Rhein, und das alte Gemäuer der Pfalz stand bei Caub in den schwarzen Gewässern; da wurde es seltsam lebendig, viel hundert Kähne lagen bereit, und es klirrte von Waffen.
Blücher, der Feldmarschall, wollte zu Neujahr nach Frankreich hinein, und noch war der Rhein die Grenze.
Schlesier, Pommern und Preußen füllten die Kähne, und als die ersten Schüsse den Neujahrstag weckten, sprangen die bärtigen Männer der Landwehr ans Ufer und riefen Hurra, als ob zum andernmal Völkerschlacht wäre.
Aber nur Grenzwachen und Zollwächter liefen davon vor den Schüssen; denn meilenfern standen die Heere des Korsen im Herzen von Frankreich bereit, die Sieger hart zu empfangen.
So war es nur ein fröhliches Fest, das die preußische Landwehr beging; Neujahr zwischen den Schlachten; aber im neblichten Morgen wurden die Kähne zur Brücke gefügt, und am Mittag begannen die Räder zu rollen.
Ein deutsches Heer ging über den Strom, der einmal die goldene Ader der Reichsherrlichkeit war.
Herrschsucht der Fürsten hatte das Reich der Kaiser verzettelt; der Rhein der alten Kurfürstenmacht mit seinen Domen, Pfalzen und mächtigen Städten war Grenzland geworden, bis ihn die Fürsten des Rheinbunds, Vasallen des Korsen, völlig an Frankreich verrieten.
Nun war mit der korsischen Macht auch das Lumpenglück der Rheinbundfürsten zerschlagen: Deutschland trat wieder seinen Stammbesitz an, über den rheinischen Domen von Köln, Mainz und Straßburg sollte von neuem der Reichsadler wehen.
So riefen die freudigen Herzen Hurra, als sie den Boden jenseits des Rheins am Neujahrsmorgen betraten; das Elend der Fürsten war aus, die Völker und Stämme der Deutschen kamen, die Reichsherrlichkeit neu aufzubauen.
Das Buch der Minister
Das Reich
Das Wunder der Völker gelang: die Heere marschierten nach Frankreich, und deutsch war wieder der Rhein.
Aber vom Rhein bis zur Elbe lagen die Länder von ihren Fürsten verlassen, und das Bauernvolk sah die wilden Kosaken von heute nicht freundlicher an als die flinken Husaren von gestern.
Das eroberte Land zu verwalten, war der Reichsfreiherr vom Stein eingesetzt von den Siegern; indessen die Bänglichen noch den Atem anhielten vor dem kühnen Wagnis im Westen, war er geschäftig, das kommende Reich zu gestalten.
Er haßte die Rheinbundfürsten, die nun den Korsen verließen, um ihre Throne und Thrönchen zu retten; er war der deutsche Gedanke und wollte seine Gestalt, daß von Straßburg bis Memel, von der Etsch bis zum Belt wieder ein deutsches Vaterland wäre.
Wie seine starke Hand im Namen der Sieger die Länder aufraffte, so sollte bald wieder über den Völkern die starke Reichs- und Kaisergewalt sein.
Aber nicht mehr ein Kaiser der Fürsten und die vergoldete Puppe nur einer Scheingewalt: eine starke Verfassung sollte ihm zu der Krone das Schwert in die Hand geben, und Träger solcher Verfassung sollte die einige Volksgewalt sein.
So baute der deutsche Gedanke das Reich, indessen die siegreichen Heere in Frankreich das korsische Schreckbild der Fürsten zerschlugen; so träumte die deutsche Erhebung noch ihren herrlichen Traum, indessen die Höfe, des Schreckbildes ledig, das Ränkespiel ihrer dynastischen Hoffart schon wieder begannen.
Der Wiener Kongreß
Die Völker hatten das ihre getan, nun kamen die Fürsten, Ernte zu halten; Napoleon wurde nach Elba verbannt, und die Bourbonen brachten die Lilie nach Frankreich zurück; den Ländergewinn zu verteilen, beriefen die Sieger den Wiener Kongreß.
Da kamen sie alle wieder wie gestern, die gekrönten Häupter der Zeit im Gefolge der Bänder und Litzen; Wien, die üppige Herrin des Ostens, schaukelte endlich die goldene Wiege der Zeit.
Versailles war leer, und Wien sah die Gäste; da strahlte der Kaiser Franz als der bevorzugte Wirt mit den Sälen der Hofburg.
Er war keine Sonne, wie einmal der König von Frankreich den Fürsten Europas das Lebenslicht borgte: ein fleißiger Hausvater schrieb seinen fürstlichen Gästen die Bälle und Tanzweisen vor, das Fest ihrer Wiederkunft fröhlich zu feiern.
Denn wie im Märchen der böse Wolf tot war, und wie die Geißlein sprangen und sangen am Brunnen, darinnen das garstige Tier lag, so wollten die wiedergekehrten Herren ihr Siegesfest halten.
Nie hatte die Stadt an der Donau solchen Jahrmarkt gesehen, als da der Wiener Kongreß im Triumph der wiedergekehrten Vergangenheit die Kränze der adligen Herrlichkeit band.
Zwar hatten die Kronen und Fürsten den Völkern vieles versprochen, aber das war vergessen mit ihrer Not: Untertan hieß wieder der Bauer und Bürger; das Schaubild der neuen Reichsherrlichkeit fraßen die Hunde.
Indessen die Fürsten mit ihrem Gefolge die Freuden des Jahrmarktes genossen, feilschten Minister und Räte in ihren Buden, den Herren mit Ländergewinn die Taschen zu füllen.
Sie waren die neuen Meister der Macht; sie führten den Krieg mit Listen und Kniffen, und ihre beißende Eifersucht wachte, daß keinem die Beute völlig gelang.
Als über die Bälle des Winters die Märzwinde kamen, waren die Mächte im Wiener Kongreß schon wieder feindlich geschieden: hie Rußland und Preußen, hie Österreich, England und Frankreich! waren die Lager geteilt, und schon fingen die Heere an zu marschieren.
Da kam der Schrecken aus Elba über die tanzenden Fürsten und über die Eifersucht ihrer Minister: der Korse hatte die Insel verlassen, und als sie noch suchten nach seinen Schiffen und Plänen, war er in Frankreich gelandet.
Der Jahrmarkt in Wien mußte die Buden zumachen; der Hausherr konnte nicht mehr den fröhlichen Ballvater spielen; über die Treppen der Hofburg liefen verstaubte Kuriere.
Die hundert Tage
Noch einmal mußten die Völker Europas marschieren, die Fürstenthrone zu schützen; schlechten Schauspielern gleich waren die feigen Bourbonen aus Frankreich hinaus gelacht worden: in seinen Tuilerien saß wieder der Kaiser.
Die Herren in Wien hatten ihm Elba gegeben, als ob der Weltbezwinger ein Auszügler wäre; sie hatten um seine Kleider mit gierigen Händen gewürfelt, nun schlug die gewaltige Faust in ihr klägliches Spiel.
Der Wolf war zurückgekehrt, und das Geißengeschlecht schrie nach dem Jäger; sie waren gekrönt an den Häuptern, aber keiner war Herrscher und Fürst wie der gewaltige Mann, der das klagende Kind Europa noch einmal auf seinen Stiernacken nahm.
Die Herzen der Völker erbebten bis in den Grund, weil nun die Macht wiederkam; sie hörten den eisernen Schritt gehen und sahen den Himmel von neuem gerötet.
Aber der eiserne Schritt und die Röte waren nur Untergang; die gewaltige Bahn war vollendet, der korsische Tag im Abendland wollte sein letztes Abendrot leuchten.
Wohl lief die Garde des Kaisers noch einmal dem Ruhm zu, die Fahne von Lodi wurde entrollt, und die Adler von Austerlitz stiegen: aber die Adern, einmal von Glück und glorreichen Taten geschwellt, waren entkräftet.
Um das Genie der korsischen Macht war der Zauber der Freiheit gewesen: der Zauber war fort und Frankreich war leer, wie das Abendland leer war; so konnten die Mächte der Herkunft den Zaubermeister besiegen.
Noch einmal gelang es dem Meister der Schlachten, die Preußen bei Ligny zu schlagen, und Blücher der greise Feldmarschall mußte sein Ungestüm büßen; aber die preußische Landwehr, durch Gneisenau trefflich geführt, vollbrachte das Wunder, am dritten Tag wieder im Feld, auf schlechten, verregneten Wegen bei Waterloo siegreich zu sein.
Von seinen Ministern verraten, verlassen von seinem Volk mußte der Kaiser zum andernmal in die Verbannung; aber nun sollte der Wolf nicht wieder den Geißen das Siegerglück stören.
Eine Insel im Weltmeer, tausend Meilen entfernt von seinen Taten, bewacht von englischen Schiffen, wurde dem letzten Kaiser der abendländischen Welt sein hartes Gefängnis, indessen die Fürsten zum andernmal kamen, den Jahrmarkt der Kronen und Krönchen zu feiern.
Die heilige Allianz
Das Blut der Völker hatte den Tag der Befreiung gebracht; aber die Fürsten, von ihrer Bedrängnis befreit, wußten den Völkern das Morgen- und Abendrot frech zu verstellen.
Nie sollte Deutschland wieder der fürstlichen Willkür verfallen, in freier Gemeinschaft sollten die Stämme ein Volk, die Länder ein Reich sein: so hatte der Reichsfreiherr vom Stein die Erhebung gewollt, so hatte sie Fichte mit glühenden Worten verkündigt, so hatten die Wachtfeuer von den Bergen geflammt.
Aber die Fürsten in Wien und ihre Minister brauchten das Feuer nicht mehr, sie bliesen es aus und dämpften die glühenden Kohlen; sie flickten das Bundesgebäude der Fürsten zusammen und stellten ihr Kerzenlicht auf, es zu erhellen.
Nur ein Staatenbund sollte das deutsche Vaterland werden; kein Reich, kein Kaiser, kein Kurfürst sollte die Fürstenherrlichkeit stören, kein Wappen und keine Fahne durften Sinnbilder der Einigkeit sein.
Daß nicht noch einmal ein Aufruhr die Staaten in Unordnung brächte, schlossen die Träger der Kronen den ewigen Bund, dazu der Zar aller Reußen mit eigener Hand die Worte aufsetzte.
Die heilige Allianz hießen sie selber das Bündnis, als ob die Gestirne des Himmels, durch einen Ausbruch der Hölle gestört, nun wieder, durch Gottes Gnaden mit fürstlicher Würde beschienen, die ewige Bahn fänden.
Da war die Freiheit auch nur ein Übel aus Frankreich; Freiheit, Verfassung und Vaterland, die Aufruhrgedanken der Zeit, hatten den Kampf gegen die heilige Herkunft verloren; und Hüter der heiligen Herkunft hießen die Fürsten.
So waren die Völker um ihre Hoffnung zwiefach betrogen: Staatsbürgerrecht und Verfassung, in fürstlicher Not mit fürstlichen Worten verheißen, folgten dem Korsen in die Verbannung; über dem Flickwerk des deutschen Bundes glänzten die Kronen und Krönchen der Fürsten, von der Gnadensonne der heiligen Allianz eifrig beschienen.
Der Siebenschläfer
Indessen Jerome, der Bruder des Korsen, als König Lustik in Kassel regierte, hatte der Kurfürst von Hessen auf seinen Gütern in Böhmen gewartet; als dann im siebenten Jahr seiner Verbannung das Blut der Völker die Fürsten von ihrem Zwingherrn befreite, kam auch der Kurfürst nach Kassel zurück.
Er war schon ein Greis, als er wiederkam, und stellte die Uhren zurück auf die Stunde, da ihn der Korse verjagte: über das Reich und über sein Land war das Schicksal mit scharfen Besen gefahren, er hatte in Böhmen nichts als den Ärger gespürt, daß ihm ein frecher Franzose, nicht einmal fürstlich geboren, sein Eigentum nahm.
Denn daß ihm das hessische Land mit allen Feldern und Häusern, Pferden, Bauern und Bürgern als irdisches Erbgut gehörte, das war sein fürstlicher Glaube.
So sah er mit Zorn, daß seine Soldaten ihr Haar neumodisch schnitten und kämmten, ihm aber war ein Soldat ohne Zopf ein Gaul ohne Geschirr: sie mußten ihm wieder mit Zöpfen marschieren.
Gleich dem Zopf der Soldaten gehörte der Frondienst der Bauern seiner fürstlichen Weltordnung an: leibeigen zu sein, war ländliche Pflicht, und Frondienst zu fordern, war göttliches Recht der adligen Herrschaft.
Und wie den Zopf und den Fron sah der Kurfürst von Hessen jegliches Ding; um ein Jahrhundert verirrt, ließ er sein Hessenvolk spüren, daß nicht mehr der König Lustik auf Wilhelmshöhe regierte.
Den Siebenschläfer hieß ihn das hessische Volk: als ob er der Bannerherr der heiligen Allianz wäre, so wurde nach sieben verschlafenen Jahren der Greisenspuk seines Daseins lebendig; der Hochmut und Eigensinn fürstlicher Willkür zeigte noch einmal der Welt seine Fratze.
Der Geheimrat
Es war ein Bücherwurm in Berlin, zu alt für den Krieg, aber in seiner Stube ein streitbarer Herr, seines Zeichens Jurist und Professor.
Der sah mit hämischer Seele den Glanz der Erhebung, und wie das Feuer die Jugend durchglühte; weil ihm das Feuer gut für die Öfen, sonst aber ein höllisches Element war, geriet er in Zorn.
Freiheit und Vaterland hieß er böse Gedanken, gefährlich dem Staat, weil sie den Untertan störrisch, begehrlich und unfreudig machten, der Obrigkeit Demut, Respekt und Gehorsam zu leisten.
So schnitt der Geheimrat Schmaltz in Berlin seinen Gänsekiel scharf und tauchte ihn tief in den Zorn seiner devoten Gesinnung; so schrieb er die Schrift, die seinen Namen unlöschbar mit Schande beschmierte.
Da waren die Männer, die Preußen erhoben und Deutschland befreiten, Stein, Fichte und ihre Gesellen, Verführer des Volkes; da waren Staatsbürgerschaft und Verfassung gefährliches Gift, in die Ohren und Herzen der Jugend geträufelt.
Indessen die Tapferen draußen im Feld standen, saß der Professor daheim, sie zu schmähen; und als sie einrückten, Sträuße des Sieges an ihren Gewehren, empfing sie die schändliche Schrift.
Da schlug ihre Faust auf den Tisch, und ihre Flüche wünschten den Schuft an den Galgen; aber der Schuft saß in der Gunst seiner Obrigkeit vor ihren Flüchen und Fäusten gesichert, und wo sie das eiserne Kreuz ihrer Tapferkeit trugen, hing ihm die goldene Fracht seiner Orden.
Der Geheimrat trat in den preußischen Tag und wurde der Würger deutscher Erhebung, fremd allen lebendigen Dingen der Welt, verachtet von guten und tapferen Herzen, aber von oben mit Gnaden und Würden gesegnet.
Die deutsche Burschenschaft
Ein Junitag wars, da standen im Gasthof zur Tanne in Kamsdorf bei Jena Studenten und hörten dem Sprecher zu; einhundertdreizehn war ihre Zahl, der Sprecher hieß Horn.
Er war ein Kieler Blut und sprach von anderen Dingen als sonst ein Student; die ihm zuhörten, waren mit hellen Herzen gekommen, von solchen Dingen zu hören.
Der große Krieg war ihre Schule geworden und der doppelte Sieg ihr Examen; sie hatten es tapfer bestanden, doch da sie den Sieg heimbrachten aus endlosen Märschen, heißen Gefechten und brüllenden Schlachten, fanden sie keinen Raum, ihn zu betten.
Sie waren Deutsche gewesen im Feld und sollten nun wieder der Landsmannschaft dienen, die dem Studenten das Flickwerk der Fürsten mit ihren Farben und Feindschaften aufklebte.
Sie waren Männer gewesen im Krieg und sollten nun wieder den Tag mit Narrheiten füllen, saufen und singen mit heiseren Kehlen, mit seichtem Geschwätz und albernen Streichen die Stunden abstechen.
Sie waren Kämpfer gewesen im täglichen Tod und sollten wieder mit Liebesgetändel und lüsterner Buhlschaft dem Leben die trüben Becher leertrinken.
So standen sie tapfer und treu in der Tanne zu Kamsdorf zusammen, selber dem Sieg die Räume zu bauen, die ihnen die Heimat versagte: Burschen wollten sie bleiben, aber die Burse, darin sie wohnten, sollte das ganze Vaterland sein.
Keine landsmännische Feindschaft sollte die Österreicher, Preußen, Bayern, Sachsen, Schwaben, Holsteiner, Schlesier, Westfalen und Rheinländer trennen: deutsch sollte deutsch sein, von Straßburg bis Riga, von der Etsch bis zum Belt; die Farben schwarz, rot und gold, darin sie im Lützowschen Freikorps die Freiheit erhoben, sollten die Farben der deutschen Burschenschaften bleiben.
Das Fest auf der Wartburg
Einhundertdreizehn Studenten hatten den Bund bei Jena geschworen, bald waren es tausend: die deutsche Burschenschaft wurde im deutschen Bund ein Gesang junger Herzen, der immer herzhafter schwoll; ihre Farben, schwarz, rot und gold wurden das Banner der Zukunft.
Ehre, Freiheit und Vaterland bekannte ihr Wahlspruch; alles, was jemals deutsche Herrlichkeit war, hob seinen stürmischen Blick darin auf gegen das Flickwerk der Fürsten.
Als sich die Tage der Völkerschlacht zum viertenmal jährten, klangen die Hammerschläge von Wittenberg mahnend hinein: vor dreihundert Jahren hatte der blasse Magister sein kühnes Blatt an die Schloßkirchentür angeschlagen; der deutschen Burschenschaft sollte das stolze Gedächtnis ein Feiertag werden.
Ein Verbrüderungsfest auf der Wartburg wollten sie feiern, ein sichtbares Zeichen der bänglichen Zeit, daß in den Herzen der Jugend über den Farben und Ländern der Fürsten eine Fahne, ein Vaterland sei.
Ihrer fünfhundert stiegen durch herbstroten Wald den alten Burgweg hinauf und füllten das alte Gemäuer mit ihrer lärmenden Freude; die Fahne wehte schwarz, rot und golden, und aus dem Rittersaal erscholl der brausende Jungmännerschwur, den Schläger blank und den Sinn frei zu halten für das einige Vaterland.
Als dann der Abend sank über die herbstroten Wälder, über das alte Gemäuer und über die lärmende Freude, als ihrer Viele auf mancherlei Wegen heimgingen, stand noch ein Häuflein da oben und wollte den strahlenden Tag in die sinkende Nacht ziehen.
Einen Holzstoß ließen sie brennen als Siegesfeier der Völkerschlacht; aber das lodernde Feuer rief ihnen den Wintertag wach, da Luther am Rand der Welt mit seiner Jüngerschar stand, die Bannbulle zu verbrennen.
So sollten sie alle ins Feuer, die schmählichen Schriften der Schmaltz und Genossen; auch eine Schnürbrust brachten sie her von den Preußenulanen, einen hessischen Zopf und einen Stock der österreichischen Korporale: Schriften und Sinnbilder mußten den Feuertod sterben, und die Wangen der Jugend glühten darüber.
Die heldische Tat des Magisters wurde verkehrt in den Übermut hitziger Knaben; aber die Flammen fraßen mit gleicher Gier, und als die Asche verglüht war, hatte die Burschenschaft übel getan vor dem strengen Blick der Minister.
Der Rauch blieb über der Wartburg hängen und schwelte hinüber nach Jena; böse Gesinnung, so hieß es, habe ihr Angesicht gegen die Ordnung, gegen die Throne und gegen die Fürsten erhoben: der Geheimrat trat auf im Zorn, dem Aufruhr anders als mit dem Gänsekiel zu begegnen.
Sand
Bei dem Feuerstoß auf der Wartburg stand ein Student namens Sand heller im Feuer als seine Genossen; er hatte dem Tag die Festschrift geschrieben und fühlte sein Leben als Priester der Freiheit geweiht.
Anders als nur mit Worten wollte sein Schwärmersinn wirken: einen Dolch und ein Schwert schliff er scharf, mit einer Opfertat sein Leben dem Vaterlande darzubringen.
Einen der vielen Verräter der Freiheit sollte sein Dolch treffen; und als er zu suchen ausging, fand seine Verachtung keinen, der so erbärmlich wie Kotzebue war.