Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 26

Chapter 263,825 wordsPublic domain

Indessen die Straßen Berlins von dem Schritt und dem Hörnerschall französischer Bataillone widerhallten, indessen Spione das Wort und die Haltung des Bürgers allerorts überwachten, stand er am Pult, von Deutschen für Deutsche schlechthin seine mutigen Reden zu halten.

Er sah und wußte, das deutsche Volk war die Spreu seiner Ernte geworden; aber die Ernte, zerstreut und verzettelt, war noch zu retten, wenn sich der Deutsche treu und tapfer zu seiner Herkunft bekannte.

Er sah und wußte, über das deutsche Volk waren Schmach und Schande gekommen, aber sein Unglück war Schicksal; es mußte sich wenden, wenn der Deutsche seine Sendung im Dasein der Völker erkannte.

Daß dieses geschähe, mußte ein junges Geschlecht das alte ablösen, mußte Erziehung zur deutschen Gesinnung die Abrichtung brauchbarer Untertanen ersetzen.

Er wurde nicht müde, der mutige Mann in Berlin, die neue Gesinnung zu fordern; wie die drei Könige mit ihrem Stern nach Bethlehem kamen, so pries er den Mann, Pestalozzi geheißen, der für die neue Gesinnung das neue Erziehungswerk brachte.

Die Bataillone des Korsen marschierten, und ihre Hörner klangen hinein, als der Leineweberssohn aus der Lausitz die Deutschen aufrief, wieder Deutsche im Schicksal der Herkunft und Sendung zu sein.

Die Stimme des mutigen Mannes verhallte, aber das Wort, einmal gesprochen, fiel als die Saat in furchtsame Herzen und ging als die Ernte der deutschen Gläubigkeit auf.

Pestalozzi

Es war ein Schweizer, Sohn einer Witwe in Zürich, der früher als einer das Elend des Landvolkes sah, wie es in Armut und mühsamer Arbeit sein Leben hinbrachte, wie es unwissend und blöd, abergläubisch, furchtsam und faul in der Fron reicher Stadtleute war.

Er wollte ihm helfen, doch nicht wie ein Reicher an der Kirchentür Almosen gibt: Gerechtigkeit sollte dem Armen das Herz in die Sonne heben, darin er den Reichen mit Groll lustwandeln sah.

Aber Gerechtigkeit kam, das mußte der Sohn einer Witwe in Zürich frühzeitig erfahren, nicht aus den Herzen der Edlen allein in die Welt: sie brauchte das Schwert und die Waage, Macht und Gewicht, und daß sie den Armen mitwog, mußte er selber gewichtig sein.

Bildung allein könnte den Armen erheben, daß er das seine zu fordern verstünde, Bildung allein machte ihn frei zu den Gütern des Lebens, Bildung allein konnte dem Haus des Unrechts die Treppe einbauen, daß die Stockwerke der Stände und Klassen einander in Menschlichkeit fänden.

Pestalozzi, der Menschenfreund, mußte mit eisgrauem Haar ein Schulmeister werden; im Neuhof und danach in Stans war er ein liebender Vater der Armen und Waisen, in Burgdorf und Ifferten wurde sein zorniger Eifer der Lehrer der Menschheit.

Denn als er den Kindern der Armen die Bildung zu bringen ausging, suchte sein liebender Eifer vergebens die Lehrer; der Gang der Natur, der das Kind aus dem Schoß der Mutter fröhlich ins Leben brachte, fehlte den Schulen der Armen und Reichen.

Schulmeister trieben ihr hartes Gewerbe mit Schelten und Strafen; trockenes Klapperwerk war, wo Liebe und Einsicht, Frohsinn und Freisinn, Vernunft und Methode sein sollten.

So kam es, daß er die Schule der Armen zu suchen ausging, und Armen wie Reichen den Weg der Erziehung fand: das Kind aus den Gärten der Jugend fröhlich ins Leben der Pflicht und Arbeit zu leiten, aus Spiel und Kindersinn das Bild einer neuen Menschheit zu bauen.

Er war ein ärmlicher Greis, dem solches gelang, und seine Werke zerrannen in Streit und Enttäuschung; Sorge, Entbehrung und bitterer Zorn über die Härte, Bosheit und Dummheit der Menschen liefen den langen Lebensweg mit.

Aber die Liebe hielt seinem Alter den Quell des Lebens lebendig, und als er versiegte, strömte sie noch, die Herzen zu rühren: daß dem Geringsten unsterbliche Seele einwohne, und daß es Menschenpflicht wäre und höchstes Ziel der Gemeinschaft, jegliche Seele ins Dasein zu wecken.

Der Freiherr vom Stein

Als die Preußen bei Jena den Krieg und den Kopf verloren, als das Heer in schimpflicher Flucht die Ängstlichen mitriß, als der Hof aus Berlin in Eilwagen floh, tat ein Mann kaltblütig das seine.

Es war ein Freiherr vom Stein bei Nassau und früh in preußischen Diensten; ihm waren die Kassen des Staates anvertraut, und er wußte sie klug und besonnen zu retten.

Der König von Preußen, einfältig und karg, mochte den eisernen Mann nicht; aber die Königin hörte ihm zu, und die Not zeigte mit allen Fingern auf ihn: so wurde der Reichsfreiherr vom Stein in Preußen Minister.

Seit dem Spötter von Sanssouci kam zum erstenmal wieder ein Kopf und ein Herz in die Leitung des preußischen Landes, und ein Wille, anders als jener der oberste Diener des Staates zu sein.

Denn der Reichsfreiherr haßte den dumpfen Betrieb peinlich bezopfter Beamten; ihm war der Staat ein lebendiges Wesen, bestimmt von sittlichen Kräften, und er kannte den Untertan nicht.

Alle Stände und Klassen, Junker, Bürger und Bauern waren als Staatsbürger gleich in Rechten und Pflichten; sie dienten dem Staat als der Rechtsgewalt ihres Volkes.

Weil der Staat die Rechtsgewalt war, durfte er nicht über Knechte regieren; die freie Gemeinde der Bürger mußte sich selber verwalten, wie es in Urväterzeiten das Mannesrecht war.

Und keine Willkür der Junkergewalt durfte den Bauern in Leibeigenschaft halten; auf eigener Scholle, frei von Fron und Gedinge, sollte er wieder der fröhlichen Arbeit gehören.

So kam die Freiheit in Preußen an den Tag, und der sie brachte, scheute kein Dohlengeschrei; über Beamten- und Junkertum kam sein Gesetz, wie der Tag über den Kreuzen und Steinen der Kirchhöfe steht.

Kleist

Ein Stern ging auf über dem preußischen Land, als es noch Nacht war, und schien in den Morgen, und niemand sah seinen Glanz, bis er blutrot verzuckte.

Heinrich von Kleist hieß der Jüngling, der höher als einer in Preußen sein Angesicht hob, und tiefer als einer mit seinen Füßen im Schicksal verstrickt ging.

Er war ein Junker aus altem Preußengeschlecht und diente dem König, bis er im siebenten Jahr den Soldatenrock auszog, bis er die Zucht und die Ehren des Standes verließ, anderer Zucht und anderer Ehren sehnsüchtig.

So hatte Ulrich von Hutten den Stern seines unsteten Lebens durch Länder und Leiden getragen wie Heinrich von Kleist, da er fünf Jahre lang irrte und ruhelos war auf der Erde, die Bahn seines Himmels zu finden.

Den göttlichen Weg der Großen in Weimar und Jena wollte er schreiten, aber sein flackernder Gang wurde kein Schritt; der glühende Geist konnte die Flamme nicht zünden und schwelte in funkelnden Dünsten.

Als er wieder daheim war im preußischen Land, kein Jüngling mehr und doch kein Mann, wie ihn der Tag brauchte, wollte er seinen unsteten Geist in die Täglichkeit zwingen: zwei Jahre lang blieb er im Staatsdienst, schlafwandelnd und stumm, bis ihn der Donner von Jena und Auerstädt weckte.

Flüchtig in Königsberg, gefangen in Frankreich, landfremd in Dresden, schrie er die eigene Wirklichkeit wach, als er sein kühnes Amazonenspiel schrieb, von der Königin Penthesilea, die den Achill liebte im Haß und seinen sterbenden Leib den Hunden preisgab.

Der Alte in Weimar wollte den Dichter der Penthesilea nicht kennen, wie er den Dichter der Räuber nicht kannte: doch wie ein gotischer Turm über ein griechisches Tempeldach wächst, so wuchs dem preußischen Jüngling sein grausames Griechengedicht über das edle Gebälk des Meisters trotzig hinauf in den nordischen Himmel.

Das aber war zu der Zeit, da durch die Herzen der Deutschen der erste Feuerschein ging, dem Korsen das Haus zu verbrennen; Heinrich von Kleist, der Preuße in Dresden, half hitzig den Brand schüren.

Der preußische Junker haßte den fremden Tyrannen; der deutsche Mensch träumte den Traum einer neuen Reichsherrlichkeit: aber der Tag von Wagram zertrat ihm den Haß und den Traum.

Zum andernmal kam er nach Preußen zurück, der Hoffnungen ledig, der Täglichkeit taub, der eigenen Dinge trächtig, wie eine Wolke geschwellt im Abendrot steht.

Ein Genius kam nach Berlin, aber die klugen Bürger der Stadt an der Spree sahen nur einen geschäftigen Mann, der ihnen zum Sonntag das Abendblatt füllte mit Anekdoten und anderer Unterhaltung.

Zwei Jahre lang ließen die kargen Berliner Heinrich von Kleist sein Krümperwerk tun, zwei Jahre noch blieb sein einsamer Geist auf der Erde; er hatte schreiten gelernt wie die Großen in Weimar und Jena, aber sein war der Sturmschritt.

Nur raffen konnte er noch, was ihm die letzte Fülle zuströmte, raffen und aus der Schmiede mühsamer Jahre das köstliche Gut bergen.

Erzählungen hieß er die Schicksalsberichte, darin ein starkes Stück Leben in einer Kette von schmucklosen Worten eng aufgeschnürt war: als ob ein Wanderer, kurz nur zur Rast, von einem Erlebnis mit fliegendem Atem berichte.

Kohlhaas, der Roßhändler von Jüterbog, hatte dem Unrecht der Zeit samt ihren Junkern und Fürsten getrotzt, weil ihm sein Recht das höchste Mannesgut in der Welt war; er hatte den Trotz mit dem Schwert des Henkers bezahlt, und war noch dem Henker zum Trotz Sieger geblieben über Junker und Fürsten.

So waren die Dinge noch nie einem Dichter über die Klinge gesprungen, als da der Junker Heinrich von Kleist den Roßhändler Michael Kohlhaas beschwor, als da er das Schattenbild einer Chronik in ewige Gegenwart stellte.

Aber die seinen Schicksalsbericht lasen, waren der ewigen Gegenwart fern; sie hörten von einem Roßhändler und sahen den Dichter nicht, wie er die hämmernden Worte in einen Marmorstein grub, Urtümliches sichtbar zu machen.

Sie hörten danach sein Spiel vom Zerbrochenen Krug und konnten nicht lachen, weil sie die Seufzer und Sittensentenzen schlechter Schauspieler vermißten, weil der blühende Scherz und derbe Spaß vom bocksfüßigen Richter in Husum ihnen zu handgreifliche Wirklichkeit war.

Sie sahen das Kätchen von Heilbronn um seinen Ritter Ungemach leiden und fanden es dumm von dem Dichter, daß er das rührende Spiel ihrer Liebe in soviel Unheil vertiefte.

Der aber dies alles den Ohren und Augen der Bürger noch hinwarf, ging längst auf dem Messergrat seiner letzten Entscheidung; als er ein armes Menschenkind fand, entschlossen hinunter zu springen, sprang Heinrich von Kleist mit in den Tod, der ihn von der Zeitung, von den Berlinern, von seiner schmählichen Zeit und seiner Enttäuschung in Einem erlöste.

Es war im fünfunddreißigsten Jahr seines Lebens, als Heinrich von Kleist sich mit der Schicksalsgenossin am Wannsee erschoß; die gute Gesellschaft schwieg peinlich betreten, daß es die Frau eines Kleinbürgers war, der sich der Junker im Tode verband.

Zehn Jahre lang blieb sein Gedächtnis vergessen, dann hoben Freunde den Nachlaß und fanden den Schatz, den ein Dichter dem Preußentum schenkte, als ihm sein eigenes Leben in Preußen vergällt war.

Den Prinzen von Homburg hieß er sein Testament, und ob sie es lange mit blödem Gesicht lasen, einmal mußte sein Geist auferstehn, und einmal mußten die kargen Berliner und Preußen erkennen, daß nichts in der Welt diesem Bühnenspiel gleich war.

Klopstock und Herder, Lessing und Schiller hatten um eine Dichtung gerungen, die jenseits des Tages doch seines Wesens innerstes Angebind war, Novalis sank in den Tod, Hölderlin floh zu den Griechen, indessen Goethe, der Leuchtturm in nächtlicher Brandung, über den Zeiten dastand:

Alle sahen den Stern auf ihren mühsamen Wegen; dem er am fernsten stand, und der sich selber als Pfand dem Schicksal einsetzte, ihm wurde sein Glanz erfüllt, als er verzuckte.

Wo der Prinz von Homburg den Tag des Kurfürsten von Brandenburg zur Ewigkeit machte, da wurde im deutschen Geist Preußen, da wurde im Preußengeist Deutschland wiedergeboren.

1812

Den Herrscher des Abendlandes priesen die Zungen; aber vor seiner Tür lag die englische Flotte, auch hielt die russische Mauer den Osten verriegelt: noch waren Napoleon Grenzen gesteckt.

Er aber hieß seinen Sohn in der Wiege den König von Rom und ließ ihm das Zepter darbringen; er wollte die russische Mauer durchbrechen und wollte dem englischen Stolz die Segel absetzen.

Mit einem gewaltigen Heer zog er aus gegen den Osten; die Völker Europas mußten ihm Heerfolge leisten, und als er in Dresden sein letztes Maifeld abhielt, kam der Habsburger Kaiser, kamen die Könige von Preußen, Sachsen und Bayern im Troß der Rheinbundfürsten herbei, ihm zu dienen.

Sie saßen in prahlenden Festen zusammen, sie tanzten und hörten den schmachtenden Versen französischer Schauspieler zu, indessen die Söhne aus allen Gauen der deutschen Landschaft nach Rußland marschierten.

Der Frühling blühte in Polen, und die Fahnen flogen im Sommerwind, als sie das Herzogtum Warschau verließen; aber dann fing die starrende Weite der russischen Unendlichkeit an.

Regen ersäufte die Felder, und eine glühende Hitze kam, den Schlamm auszudörren; Menschen und Pferde erschraken, daß nur noch die Weiten des Himmels über der Öde, daß nicht mehr Wiesen und grüne Alleen, daß nicht mehr Dörfer und Städte fröhliche Zeugen der Menschenwelt waren.

Als sie das Tal von Wilna erreichten, als in der Weite die erste Stadt, als wieder Straßen und Schatten, Stuben und Ställe da waren, hatte die große Armee den russischen Sommer erfahren, und eine lange Rast mußte den Troß der Mutlosen stärken.

Noch aber hatte die Schlacht nicht begonnen, kein russisches Heer schien den Sieger zu hemmen, bis bei Smolensk die Kanonen zu donnern anfingen; tief in die Nacht ging der grausame Kampf, und schon stand das Glück auf der Scheide: als die Franzosen endlich die Brücke genommen, brannte die Stadt und ein Schutthaufen war ihre Rast.

Der Weg nach Moskau stand offen, aber es war nur das Tor ins Verderben: als sie nach täglichen Kämpfen und stündlichen Leiden endlich im Herbst das bunte Getürm über dem unermeßlichen Meer der Dächer erblickten, stand keine Bürgerschaft an den Toren, dem Sieger die Schlüssel zu bringen.

Und als die flinken Husaren zögernd einritten, war die Riesenstadt leer, der Hörnerschall starb an verschlossenen Fenstern und Türen.

Es war schon tief im September, und der weiße Winter lauerte vor den Toren, das rote Blut zu vergelten: in Moskau sollte der Frieden mit Ölzweigen kommen, in Moskau sollte nach böser Entbehrung reiche Winterrast sein, aber da fing die leere Stadt an zu brennen.

In einem Flammenmeer schwamm schon am dritten Tag der düstere Kreml; dem Korsen wurde es heiß auf der Zarenburg, er suchte sich vor den Toren ein kühles Quartier, aber sein Heer konnte die Stadt nicht verlassen.

Denn draußen stand lauernd die Weite, der sie erst gestern entrannen, und aus der Weite hob der russische Winter drohend die Fäuste: sie waren als Sieger mit Hörnerschall eingezogen und saßen schaurig gefangen in der leeren brennenden Stadt.

Ihr Meister und Herr wollte das Unglück noch zwingen, Boten und Briefe heuchelten dem Zaren Friedensbereitschaft; aber der Zar war in der russischen Weite verschwunden, nur seine Heere spannten von Osten den Ring um die Stadt.

Die Sieger von gestern konnten nicht bleiben und mußten zurück, mehr als die hundert Meilen durch das verwüstete Land; schon aber gab der Oktober dem kommenden Winter die eisigen Hände.

Kutusow hieß der seltsame Greis, der dem Rückzug aus Moskau das böse Geleit gab: da war die Weite lebendig geworden, zur Rechten und Linken hielten die russischen Klammern die Flanken gefaßt, von hinten drängten die Lanzen der wilden Kosaken.

Eine geängstigte Herde, von Wölfen gestellt, so wollte die große Armee die Rettung gewinnen, aber der Winter kam früh mit grausamer Kälte: die am Weg blieben, lagen erfroren, und die den Weg fanden durch Hunger und weißen Schnee, tappten täglich tiefer ins Elend hinein.

Noch immer war es ein Heer, das Napoleon führte; an der Beresina verlor er die Zügel: schwarz kam der Fluß durch die gefrorene Weite, und die Brücke war fort; zwei neue wurden gebaut im Feuer der Russenkanonen.

Tausende fanden den Tod in dem trägen Gewässer, tausende fielen unter den Lanzen der wilden Kosaken, tausende wurden gefangen: was im Dezember endlich in Wilna ankam, konnte nicht mehr ein Heer heißen.

Auf einem Schlitten, heimlich und schnell fuhr der Korse nach Frankreich; mancher in Deutschland sah eine vermummte Gestalt, darin er den Kaiser nicht wieder erkannte; und die ihn erkannten, glaubten eher an ein Gespenst, als daß es der Herrscher des Abendlandes wäre.

Denn nur langsam kam das Gerücht von der großen Armee aus dem russischen Winter, und wenige wagten zu glauben, daß die Lumpengestalten wirklich der klägliche Rest und nicht nur versprengte Flüchtlinge waren.

An vielen Häusern klopften sie an, und selten geschah es, daß einer heimkam in Sachsen, Bayern und Schwaben; wo einer heimkam, blieben hundert verschollen.

Die Klage um die verlorenen Söhne fing an zu weinen in Deutschland; aber ein Brunnen brach aus der Tiefe, der alle Klage ersäufte, daß nun der Tag der Vergeltung und das Ende der frechen Fremdherrschaft käme.

Tauroggen

Eine Mühle liegt bei Tauroggen im litauischen Land; da wurde der Treubruch vollzogen, der die Erhebung des Deutschen gegen die fränkische Fremdherrschaft ansagte.

York, der stählerne Mann, hatte das preußische Korps von Riga zurück an den Niemen gebracht; Klinge an Klinge dem russischen Freund, Schulter an Schulter dem fränkischen Feind, blieb er zweideutig zögernd zurück, bis ihn die Russen bei Tauroggen stellten, dann tauschte er die Parole.

Er war Soldat und wußte, er brach seinem König den Eid, sein Kopf war verwirkt in Berlin; aber die preußische Sache wurde in Rußland geführt, und der Reichsfreiherr vom Stein, der Freund und Berater des Zaren, war ihr starker Verwalter.

Ein Jahr lang war der mächtige Mann in Preußen Minister gewesen, dann hatte der Korse den Todfeind erkannt und geächtet: aber sein Testament war die Saat in der preußischen Scholle geblieben.

Jetzt oder nie! so brach der Schrei aus den zornigen Herzen, jetzt oder nie mußte die Zwingherrschaft fallen, jetzt oder nie konnten die deutschen Völker die Freiheit erringen, gegen den fremden Tyrannen und gegen die Feigheit der eigenen Fürsten.

Die in Tauroggen den Treubruch vollzogen, waren Soldaten; sie dienten dem Zaren und dienten dem König von Preußen nach ihrem Eid, und einer war mutig genug, ihn zu brechen: aber sie standen im Schachbrett der Zeit nur als Figuren, geschoben nach einem größeren Plan und einem mächtigen Willen.

Die Landwehr

Der König hielt Soldaten in Sold, und der Untertan diente im Heer, wie ein Knecht sich verdingte; so holte der Spötter von Sanssouci sich seine Soldaten aus allen Winden zusammen, so lagen die preußischen Werber auf der Lauer mit ihrem Handgeld.

Es war aber ein Mann namens Scharnhorst, ein Bürgerssohn aus Hannover, im preußischen Heer durch tapfere Taten und kluge Lehren zu Rang und Geltung gekommen: der trug ein anderes Bild des Soldaten im Sinn, als daß er ein Söldner im Dienst einer Fürstlichkeit wäre.

Soldat sein hieß ihm, die Waffen des eigenen Volkes in Ehrenpflicht tragen, wie es in Urväterzeiten war, da die freie Gemeinde den Jüngling für wehrhaft erklärte, wenn er gesund, unbescholten und mit den Waffen geübt war.

Wie die Schule die Knaben, so rief das Heer die Söhne des Volkes auf in den Krieg -- nur die Krüppel und Kranken blieben zu Haus -- und wie die Schüler kamen und gingen nach ihrem Alter, so kamen und gingen die Söhne des Volkes, das Handwerk der Waffen zu üben.

Denn nicht mehr um Höfe und Fürsten zog der Soldat hinaus in den Kampf, nur für das Vaterland durfte sein Blut fließen.

So plante Scharnhorst, der Bürgerssohn aus Hannover, das Volksheer; und als der Reichsfreiherr vom Stein den Volksstaat zu bauen gedachte, als er den Untertan aufrief, Staatsbürger zu werden, war Scharnhorst sein Mann, dem Volksstaat das Volksheer zu schaffen.

Auch Scharnhorst waren Spione gesetzt, aber er wußte das Ziel seiner Pläne klug zu verhüllen; sie sahen die Krümper kommen und gehen und merkten nicht, wie er aus Krümpern die Landwehr und aus der Landwehr das preußische Volksheer machte.

Als aber York von Tauroggen kam und mit ihm Stein, der mächtige Mann, als sie zusammen in Königsberg saßen, war Scharnhorst der Dritte im Bund, der Erhebung die Waffenschmiede zu bauen.

Da wurden die Krümper zur Landwehr gerufen; und wie sie kamen mit Bärten und breiten Fäusten, wurde ein anderes Heer als vormals die Söldner: sie standen nicht gut zur Parade mit ihren Schirmmützen und konnten nicht nach dem Dessauermarsch den Stelzenschritt machen, aber sie wollten ihr Vaterland retten und freuten sich auf den Tag, da sie dem Übermut der Franzosen mit deutscher Münze heimzahlten.

Die Erhebung

Indessen die Männer der neuen Zeit Preußen erhoben, saß der König stumm und bedrängt in Berlin; er konnte den Geist der Zeit nicht erfassen und fürchtete eher, daß ihn der Aufruhr verschlänge, als daß er ans Volk glaubte.

Denn immer noch war die französische Hand stark in Berlin; weil Hardenberg aber, sein Staatsminister, die List und die Lüge verstand, ließ er den König vor den Franzosen sein Puppenspiel machen, er aber wußte die Fäden mit Königsberg heimlich zu halten.

Als die Franzosen den preußischen Bundesgenossen noch fest in der Hand zu haben gedachten, war der König, durch Hardenberg listig gewarnt und geschreckt, nach Breslau geflohen.

Da waren die Russen schon nahe, und der Reichsfreiherr vom Stein flog wie ein Geier herzu, den Zagenden zu packen; dem Freund und Berater des siegreichen Zaren konnte der König von Preußen nicht widerstehen: was York zu Tauroggen tat, wagte er selber, er gab dem Gesandten von Frankreich die Pässe und trat in das russische Bündnis.

So war es endlich geschehen, was hitzige Herzen lange ersehnten: der Tag der Erhebung war da und schwoll mit Sturmgewalt an; als der Zar selber in Breslau anlangte, als sich die Fürstengestalten dem wartenden Volk zeigten, dankte der Jubel der Menge den beiden.

Zwar hatte der Herr aller Reußen kürzlich erst so mit dem Korsen gestanden; aber die hinter dem höfischen Hergang den Willen des Reichsfreiherrn vom Stein erkannten, wußten genau: nun hatte der mächtige Mann über bänglichen Widerstand, über Kabalen und Interessen und über die Eitelkeit fürstlicher Schauspieler gesiegt.

Indessen die Fürsten mit ihren goldenen Litzen zur Schau standen, lag er in seiner Kammer, vom Fieber geschüttelt; aber die fiebernde Stirn des Reichsfreiherrn vom Stein behielt den eisernen Willen, und sein jagendes Herz blieb, was es war: das deutsche Gewissen.

Nie sollte wieder, so brannte sein Feuer, Deutschland der fürstlichen Willkür verfallen, nie sollte der Staatsbürger wieder ein Untertan werden; in freier Gemeinschaft sollten die Männer wieder ein Volk sein.

Das war die Flamme, die auf den Bergen rundum als Wachtfeuer brannte, das war der Wind, der aus den Herzen der Jugend die Flammen lohend anblies, das war der Blick, der aus den Augen der Männer in all die wehende Glut schaute.

So war es in Wahrheit ein Tag der Erhebung: das Vaterland hatte den Opferaltar vor seine neue Zukunft gestellt, und wer kein Hundsfott war, eilte herzu, Leben und Gut dem Altar zu bringen.

Die mit goldenen Litzen dastanden, wurden ängstlich darüber, daß die Befreiung zur Freiheit anschwellen möchte; aber der fiebernde Wille in seiner Kammer hatte sie kühn als Figuren in seine Rechnung gestellt, er hatte das Schicksal entfesselt, und Schicksal hieß seinem gläubigen Geist, im Schutz des Ewigen sein.

Leyer und Schwert

Es war ein junger Dichter in Wien, Karl Theodor Körner geheißen, fast noch ein Fant, aber in seiner Kindheit hatte Schiller, der Freund seines Vaters in Dresden, dem Knaben die Locken gestreichelt.

Wie nun die Wolken in Deutschland zu wehen begannen, daraus sich das Ungewitter über Napoleon ballte, ließ Theodor Körner die schöne Braut und den jungen Ruhm in Wien hinter sich, zu den preußischen Waffen zu eilen, obwohl er ein sächsischer Untertan war.

Die schwarze Freischar der Lützower Jäger und Reiter nahm ihn mit den andern Jünglingen auf, die nicht zur Armee konnten, und ihre Eigenlust suchten, das Vaterland zu befreien.