Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 25
Und als die Fürsten Europas mit ihrer Heeresmacht kamen, dem Thron in Frankreich zu helfen, flammte das Volk der Franzosen auf und war ein gewaltiger Brand vor den Söldnern der Fürsten: bei Valmy mußte das preußische Heer den unrühmlichen Rückzug beginnen.
Seitdem war Frankreich die Schmiede der Völker; der Untertan wollte der freien Gemeinde und ihrer vergessenen Herkunft die dreifache Pflugschar der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schmieden.
Die Schmiede stand in düsterer Glut, und der Widerschein schreckte die Sippe der Fürsten; denn vor der Gleichheit und Brüderlichkeit kam die Blutrache der Freiheit.
Sie kam nicht über das Land, wie ein zärtlicher Morgen im Frühling endlich den Sonnenschein bringt, sie brach aus den Tiefen und war der Haß des entfesselten Volkes und seine Rache.
Als die Pariser den Freiheitsbaum pflanzten, als sie die adligen Herren, Junker und Pfaffen, zu jagen begannen wie Freiwild, als sie den König köpften trotz seiner geheiligten Krone und die Königin mit ihm: wollte die blasse Furcht an den Höfen den Übermut von Jahrhunderten rächen.
Tod den Tyrannen! hatte der Dichter der Räuber gerufen, nun trat sein Ruf in den Tag und hatte ein Fallbeil zur Hand: im grausigen Takte seiner Schläge fielen die Köpfe, und adliges Blut floß im Unrat der Rinnen.
Gewalt riß Gewalt aus den Händen, Rache rief Rache, und Mord fiel auf Mord, bis das blutige Maß voll war.
Danton, Marat und Robespierre hießen die Hyänen der Freiheit, ihr heißes Geheul schrie sich heiser, ihr hungriges Maul fraß sich satt, bis es im blutigen Schaum erstickte.
Über dem Abendland stand in Paris das Fallbeil böser Vergeltung; im schaurigen Takt seiner Schläge mußte das neue Blut das alte abwaschen, weil die Gewalt der Freiheit zuvor kam, weil die Gerechtigkeit ihre ewige Gleichung aus schuldiger Menschenhand nahm.
Bonaparte
Die Freiheit ging den Weg der Gewalt, und die Gewalt sank in Blut und Verbrechen; da sie am Ende stand ihrer Schrecken, kam der Gewaltherr, sie zu vollenden.
Es war ein Tag in Paris, da die Scharfrichter der Macht ein kaltes Herz und eine grausame Hand brauchten, als der Korse mit seinen Kartätschen über sie kam, die Freiheit zu retten.
Napoleon Bonaparte war er geheißen; als danach ein Maitag der staunenden Welt sein Bild zeigte, wie er, die Fahne kühn in der Hand, im Kugelregen die Brücke von Lodi gewann, rief der Ruhm seinen Namen aus wie einmal den Prinzen Eugen.
Nie hatte ein Meister des Krieges kühnere Dinge getan, als da der Korse den Dreitagekampf um Arcole bestand: in Hunger und Lumpen gewann seine Schar, ein Heer kaum zu nennen, den lombardischen Krieg, weil sein Genie ihren Todesmut führte.
Und seit den Kreuzrittern hatte kein Abenteuer das Abend- und Morgenland so erfüllt wie seine tollkühne Fahrt nach Ägypten, da er die Türken bei Abukir schlug.
Und uraltes Glück des Kühnen wurde lebendig, da der Sohn des korsischen Advokaten heimkam, den Scharfrichtern der Macht in Paris sein Schwertherrenglück aufzuzwingen.
Als Konsul von Frankreich zog der Sieger von Lodi, Arcole und Abukir ein in das Königsschloß der Bourbonen, daraus die Häscher der Freiheit Ludwig den Sechzehnten auf das Schafott holten; er aber war geschützt durch das Bajonett seiner Grenadiere.
Zehn Jahre hatte die Freiheit Tod den Tyrannen geschrien und war eine Mutter gewesen, die ihre eigenen Kinder verzehrte; als die Zeit der neuen Gewalt reif war, saß der Korse darauf und regierte.
Napoleon
Wie Samuel der Priester vor Saul, zog einmal Stephan der Papst hinaus ins gallische Land, Pipin, den fränkischen König, zu salben.
Der Pontifex maximus suchte das nordische Schwert; und als der gewaltige Sohn des fränkischen Königs nach Rom in die Christmesse kam, grüßte die Priesterklugheit Carolus Augustus, den römischen Cäsar, weil ihm das Abendland untertan war.
Der König der Deutschen war Kaiser jahrtausendlang, der Turm des Reiches stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der Völker wehte die Kaiserstandarte.
Aber die Habsburger stellten die Kaiserstandarte auf ihre Hofburg in Wien, die Habsucht der Fürsten und Herren fraß das Reich leer, bis ihm der Schwur von Loreto den Untergang brachte.
Als der große Krieg aus war im Frieden zu Münster, herrschte Ludwig der Vierzehnte, Habsburg zum Hohn und dem Reich zum Raub, über das Abendland: nun aber kam der Sohn der Gewalt und wurde in Wahrheit Kaiser.
Als er sich selber in Frankreich die Krone aufsetzte, der kühner als Cäsar und stärker als Karl war, kam der Papst demütig aus Rom, ihn als Kaiser zu salben.
Zum letztenmal glühte der Bogen, den Kaiser und Kirche über das Abendland spannten, aber der Sohn der Gewalt hielt seine feurige Pracht allein in der Hand.
Er machte die Fürsten zu seinen Vasallen, und als er in Erfurt sein Maifeld abhielt, mußten die Könige von Gottes Gnaden demütig erscheinen, sich ihrem Kaiser zu beugen.
Er nahm auch der Kirche die weltliche Macht aus den Händen und hieß die Bischöfe wieder die geistlichen Hirten der Gläubigen sein: so wurde der Bogen zerbrochen, den Kaiser und Kirche ein Jahrtausend lang über das Abendland spannten; so fing die neue Zeit an.
Der Rheinbund
Als die Söhne Ludwigs des Frommen das karolische Reich unter sich teilten, nahm Lothar das Land in der Mitte.
Es war nur ein schmales Band von der kalten Meerküste über die Alpen hinüber nach Welschland; aber der Rhein zog seine reiche Straße hindurch, und die Kaiserkrone hing an dem Band.
Lothar, der Kaiser, war schwach und ging in ein Kloster; die stärkeren Brüder im Westen und Osten zerschnitten das Band, aber sie konnten die Krone nicht teilen.
Wer den Rhein hatte, der hatte das Reich: hier war der goldene Schlüssel der Macht, hier saßen die Kurfürsten von Köln und Trier und der von Mainz, der Kanzler der Reichsherrlichkeit, hier zogen die Heerschilde auf, den Kaiser zu wählen, hier hielten die mächtigen Städte von Straßburg bis Utrecht dem Kaiser die Tore geöffnet, wenn die Fürsten ihm trotzten.
Hier stand der Aachener Krönungssaal, hier waren die Kaisergräber in Speyer, hier hielt Barbarossa das herrliche Maifeld, ehe den Herrscher des Abendlands sein Ritt ins Morgenland führte.
Hier wurde Rudolf von Habsburg, der Graf aus dem Aargau, nach schmählicher Zeit König der Deutschen; aber sein karges Geschlecht verriet den Rhein und das Reich um die Habsburger Hausmacht im Osten.
So kam Lothars Reich zum andernmal in den Streit der stärkeren Brüder von Osten nach Westen: Wien und Versailles kreuzten die Schwerter über dem Rhein um die Krone.
Ludwig der Vierzehnte brach einen Stein aus dem Stirnreif: die wunderschöne Stadt Straßburg; er kaufte die rheinischen Fürsten mit Gold und Gunst gegen das Reich und den Kaiser.
Alliance du Rhin hieß er das listige Bündnis, aber es blieb eine teure Gunst der Minister, bis das Schwert Napoleons kam und eine billige Vasallenschaft daraus machte: er aber hieß es den Rheinbund.
Das linke Ufer Lothars nahm er zu Frankreich, dem rechten setzte er Fürsten nach seiner Laune: Vasallen trugen die Kronen, die er verschenkte im Rheinbund, Vasallen mußten ihm Heerfolge leisten gegen den Kaiser.
Denn noch hielt dem Korsen Habsburg stand, und nie war es so tapfer wie nun im Unglück gewesen; erst als ihm die Sonne von Austerlitz unterging, blutig rot im Dezember, losch die letzte Reichsherrlichkeit hin.
In Regensburg trat der Gesandte von Frankreich den kläglichen Rest des Reichs auseinander; da wurde der Thron leer, der durch ein Jahrtausend die Mitte der Welt war: der Kaiser von Österreich blieb der Fürst vielerlei Völker, aber er war kein Herrscher des Abendlands mehr.
Die reiche Straße des Rheins wurde die Grenze der Mächte im Westen und Osten; aber versunken im Strom lag die Krone der alten Kurfürstenmacht.
Die Fürsten im Rheinbund feierten fröhliche Feste, sie waren der alten Kaisermacht ledig; daß sie Trabanten des neuen Cäsars waren, störte ihr Eintagsglück nicht.
Jena und Auerstädt
Indessen der korsische Hammer das faule Gebälk der alten Reichsherrlichkeit einstürzen machte, gedachte der König von Preußen das seine zu retten.
Torheit und Dünkel blähten sich auf dem Mist, als ob noch immer der Große in Sanssouci säße; aber der Fuchs sprang dem Hahn an die Gurgel, da er am stolzesten krähte: bei Jena und Auerstädt ließ der preußische Hochmut das Feld und die Federn.
Seit Roßbach hatte die deutsche Erde nicht mehr so eilige Flucht gesehen und seit Straßburg nicht mehr solche Schande, als da nun der preußische Hochmut den Ladestock schluckte.
Wie eine Hasenjagd ritten die flinken Husaren die leichte Verfolgung: ihrer zwölf fingen fliehende Heerhaufen ab; die starken Festungen fielen vor einem Trompetenschall hin.
Von Greisen geführt und von Feiglingen verraten, mußte der Grenadier den Gamaschendienst büßen; bevor ein Monat ins Land ging, war das preußische Land voll Franzosen.
Weit über die Weichsel hinaus nach Tilsit und Memel mußte der preußische Königshof fliehen; wenn nicht der Zar aus dem russischen Winter den zitternden Händen seinen starken Arm reichte, verlor der König von Preußen sein Land und den Thron.
In Tilsit wurde der schimpfliche Krieg mit einem schimpflichen Frieden beschlossen: auf einem Floß über den kalten Memelfluß traten Kaiser und Zar zueinander und hießen den König von Preußen abwarten, was aus dem Handel der Mächtigen für ihn übrig bliebe.
Er durfte sich weiter König von Preußen heißen, aber die Hälfte des Landes ging ihm verloren; und was er behielt, gehörte ihm nur als Vasallen.
Mut und Verwegenheit, Glück und Geschick hatten den Spötter von Sanssouci groß gemacht unter den Fürsten; Degen und Schärpe aus seiner Gruft nahm sich Napoleon mit, weil er als Gunst des Glücks und als Verwalter der Verwegenheit sein Nachfolger war.
Der Tyrann
Der Spötter von Sanssouci war ein Meister der klugen Beschränkung: er band den Ruhm an sein Schwert, er mehrte die Macht seines Staates, und blieb im Reich, der er war, der König von Preußen.
Aber der Korse war Kaiser geworden, wie Kolumbus Amerika fand; sein Ozean war der Aufruhr gewesen, sein Schiff die Soldatengewalt.
Der Kaisermantel umhing seine Schultern, der Papst salbte sein Haupt mit Öl: aber er blieb der Sohn der Gewalt, und die Gewalt konnte den Namen der Freiheit nicht leugnen, damit sie zur Welt kam.
Den Sohn der Hölle hießen sie ihn, denen die alte Zeit den Himmel auf Erden vorstellte, da die Willkür der Höfe und adligen Herrn die Völker regierte, da der Bürger und Bauer Untertan war.
Der Sohn der Hölle mähte die höfische Herrlichkeit nieder, vor seiner Sense sanken die falschen Vorrechte hin: den Junkern nahm er die geistlichen Pfründen, den Pfaffen zog er das Weltfürstenkleid aus.
So war der Zauber der Freiheit um seine Taten, die Herzen der Jugend flammten dem Sieger von Lodi und Austerlitz zu, im Abend- und Morgenland galt er der Held und Türhalter der neuen Zeit, die dem Sohn der Gewalt das Recht zuerkannte.
Die aber die Pfründen verloren und die das Weltfürstenkleid ausziehen mußten, blieben die heimlichen Herren der Welt, trotz seiner Kanonen; sie waren dem Aufruhr der Freiheit gewichen, dem Zwingherrn der neuen Gewalt wichen sie nicht: Junker und Pfaffen hielten den alten Bund gegen den Korsen, der Papst in Rom war ihr Meister.
Als der Sohn der Gewalt an den Kirchenstaat rührte, als er den heiligen Vater gefangen nach Frankreich zu bringen befahl, stand das katholische Bauernvolk auf, den Junkern und Pfaffen gegen den Sohn der Hölle zu helfen; und als er nach Erfurt zum Fürstentag fuhr, das Maifeld der neuen Kaisermacht prahlend zu feiern, fuhren die bösesten Nachrichten mit.
In Spanien und Tirol fing der knisternde Brand allmählich lichterloh an zu brennen, über das Abendland fielen die Funken; da mußte der Meister der Macht bekennen, daß die Herkunft mächtiger war als seine Kanonen.
Der die Throne Europas verschenkte und die Fürsten Vasallendienst tun hieß, warb um die Kaisertochter in Wien; die Unsicherheit seiner Macht zu verankern, beugte der Sohn der Gewalt sich vor dem Recht der Geburt.
Er war im Namen der Freiheit gekommen, und Frankreich hatte im Namen der Freiheit die Jugend Europas begeistert; nun beugte der Korse sein Knie vor der geheiligten Herkunft der Krone: die Jugend sah den Verrat und grollte dem neuen Tyrannen.
Andreas Hofer
Der Sandwirt war er geheißen, Händler und Wirt im Tal von Passeyr, aber er kannte den Krieg als Hauptmann der Schützen und galt in Tirol mehr, als ein Landmann sonst unter Landmännern gilt.
Als die Hofburg den Aufruhr der Bauernschaft brauchte, rief sie den Sandwirt nach Wien; der Erzherzog selber hörte dem mutigen Mann herablassend zu.
Napoleon hatte Tirol dem König von Bayern geschenkt; aber -- so ging die Rechnung der Hofburg -- ein Aufstand der Bauernschaft sollte dem neuen Krieg gegen den Korsen Urgewalt geben, das Volk selber sollte das Land von Tirol für Habsburg befreien.
Andreas Hofer, der Sandwirt geheißen, glaubte den Herren in Wien, weil er ein Mann aus Tirol war; als er wieder daheim saß im herbstlichen Tal von Passeyr, sah seine Wirtschaft seltene Gäste, und als im Frühjahr die Laufzettel das Aufgebot riefen, war er mehr als ein Hauptmann der Schützen.
Am Sterzinger Moos fing er sein Tagwerk an, und als er die Schlachten am Iselberg schlug, machte der Sandwirt sein Wort wahr: Tirol war befreit, und die Herren in Wien konnten den Treueid der Landschaft empfangen.
Sie sparten nicht in der Habsburger Hofburg, die Gesandten der Bauernschaft zu beehren; der Kaiser selber gab ihnen gnädig sein Wort mit, niemals Frieden mit Frankreich zu machen, es sei denn, daß auch Tirol wieder zu Österreich gehöre.
Als aber den Herren in Wien bei Wagram ihr kurzes Kriegsglück fehl ging, als sie von dem Korsen Waffenstillstand begehrten, dachten sie nicht an ihr Wort: die Bauernschaft war von Habsburg verlassen, Bayern, Franzosen und Sachsen rückten mit Übermacht an, den Trotz der Tiroler zu brechen.
Doch hatte der stolze General Lefebvre die Rechnung ohne den Sandwirt gemacht: wieder am Iselberg wurde sein Heer von den herzhaften Bauern geschlagen, und nun war Tirol zum andernmal frei für sich selber.
Der Kaiser saß im Käfig der Hofburg, und auf den Straßen nach Wien ritten die flinken Husaren von Frankreich: so mußte der Sandwirt auf eigene Faust Herzog und Fürst der Bauernschaft sein.
In der Hofburg zu Innsbruck hielt er mit seinen Getreuen dem Land die Regierung; ein Bauernwirt aus dem Passeyr trotzte dem Sohn der Hölle und war die Hoffnung der deutschen Herzen im Reich.
Aber es buntete nur ein Herbst vor dem Winter: als im Frieden zu Schönbrunn das Kaiserwort log, als Habsburg Tirol an Bayern abtrat, als die Übermacht kam von Norden und Süden, war das Glück der Bauernschaft aus.
Sie sperrten die Täler mit Ketten, sie rollten die Steine von den Bergen, sie riefen das Land zur letzten Wehr auf und mußten in Brand und Blut zuletzt doch ersticken.
In einer Alphütte hoch im Passeyr saß Hofer der Sandwirt lange verborgen, aber ein Judas verriet ihn um Geld, und die Häscher fingen den Starken.
Er blieb auch im Unglück der mutige Mann; als er in Mantua fiel unter den Kugeln der Feinde, aufrecht und stolz, weil er ein gläubiger Mann aus Tirol war, wurde er groß im deutschen Gedächtnis.
Das aber geschah zu der Zeit, da der Habsburger Kaiser in Wien seine Tochter dem Korsen verlobte.
Luise
Eine Prinzessin aus Mecklenburg wurde in Preußen Königin; ein Kind fast noch, als sie im Brautwagen kam, und eine junge Mutter, als sie nach harmlosen Jahren harmvoll dahin ging.
Goethe hatte an ihre Jugend gerührt, Anmut und Frohsinn waren um ihre Tage gewesen, da sie in Paretz die liebliche Gutsherrin spielte, bis ihr der Sturmwind das Kartenhaus umblies.
Da mußte die Gutsherrin Königin werden, und alle Schmach, die auf Preußen fiel, legte Herzeleid über die Frau, die so stolz wie schön und so stark wie anmutig war.
Eine böse Winterfahrt war es nach Königsberg von Berlin, und die flinken Husaren ritten den Wagen des flüchtenden Hofes dicht auf der Spur; in Memel erst, wo die russischen Weiten sie schützten, konnten sie bleiben und warten, was dem preußischen Land und seinem König von dem Korsen geschähe.
Die Königin haßte den Sohn der Hölle wie eine Kröte, die ihr das Sonntagsglück störte, und mußte ihm doch die zitternde Hand geben, als ihre Anmut Napoleon dargereicht wurde, seinen harten Sinn zu erweichen.
Die kalten Stunden in Königsberg konnte ihr Stolz nicht mehr vergessen; viele Feinde hatte der Korse im Abendland, aber kein Haß zog ihre Herzen so an wie die preußische Königin: so kam es, daß Preußen zum andernmal den deutschen Geist zu erheben vermochte.
Der Spötter von Sanssouci hatte den Jubel von Roßbach geweckt und hatte den Staat der preußischen Pflicht gegen die Habsburger Hofburg gerichtet; Dünkel und Leichtfertigkeit hatten die Erbschaft verschleudert, und ein dürftiger König hatte sich seines Ruhmes vermessen: nun war eine Frau in das Leid und das Frühlicht der jungen Erhebung gestellt.
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatte die Stimme in Frankreich gerufen, die Herzen der Völker hatten sie jubelnd vernommen: aber Napoleon hielt im Namen der Freiheit die Ernte und war ihr zum Hohn ein Sohn der Gewalt.
Eine andere Freiheit lehrte in Königsberg Immanuel Kant und band die Willkür in Pflicht: so wurde dem Korsen eine reinere Feindschaft bereitet als die der Junker und Pfaffen, und ihre Priesterin wollte die preußische Königin sein.
Kant
Der Sohn eines Pietisten und Sattlers in Königsberg sollte als Pfarrer studieren, aber die Wissenschaft lockte ihn mehr als die Kirche, ihre dogmatische Enge konnte ihm keine Lebensluft sein.
Alles, was es zu lernen gab, lernte der Jüngling; nichts lag ihm so fern, daß er nicht seinen Eifer daran versuchte, nichts lag ihm so nah, daß er nicht seine Lust daran büßte, Wesen und Sinn zu erkennen.
So konnte Immanuel Kant in der täglichen Welt nichts als ein Hofmeister werden: neun Jahre lang mußte der Sohn des Sattlers auf mehreren Gütern sein Dasein dienend hinbringen; aber der Sohn des Pietisten hatte schon früh die Tugend geübt, an der Täglichkeit nicht zu leiden.
Als er dann wieder nach Königsberg kam, lehrend zu lernen -- ein ältlicher Jüngling, aber gesellig und heiter -- kam schon der Ruf mit ihm, daß er schärfer zu denken und mit helleren Worten von seinen Gedanken zu reden vermöge als sonst ein Professor.
Das war im selben Jahr, da der Spötter von Sanssouci den großen Krieg plante; und bis der Stern Napoleons stieg -- fast ein halbes Jahrhundert -- blieb Kant in Königsberg, lehrend und lernend, und wurde ein Licht, das Abendland zu erhellen.
Lächelnd von Liebe und Weisheit hatte der Zimmermannssohn die Freiheit der Seele gelehrt, und daß ihr heimliches Reich jenseits der Wirklichkeit wäre und höher als alle Menschengewalt.
Aber die Kirche des Juden aus Tarsus hatte das Kreuz vor die Lehre gestellt, hatte der gläubigen Seele Lohn und Strafe verheißen und zwischen Himmel und Hölle ihr Gnadentor der Erlösung gebaut.
Ein Jahrtausend und mehr hatte sein Wahnreich der Priester die Menschheit in Hoffnung gehalten, selige Schauer und fromme Verzückung, Furcht und Zittern verzwickter Gedanken waren um seine Himmels- und Höllenverheißung gewesen.
Bis endlich der Menschengeist wieder erwachte, lieber zur Hölle zu fahren, als daß er sich in den Himmel der Priester hinein glaubte: Zweifel und Trotz stellten die uralte Frage der Wahrheit, und die Wirklichkeit gab grausame Antwort.
Die Wirklichkeit war die Notwendigkeit der Natur und die Unabänderlichkeit ihrer Gesetze; ihr galt der Mensch nur ein Ding und ein Tier und alles, was er zu denken, fühlen und ahnen vermochte, stand im Zwang ihrer Gleichung.
So konnte der Menschengeist nur seine Unfreiheit erkennen, und all seine Wissenschaft baute nur an der Mauer dieser Erkenntnis um ihn; aber der Sohn eines Sattlers in Königsberg wurde zum andernmal sein Erlöser, er öffnete ihm die verschüttete Tür in der Mauer und machte ihn frei von der Wirklichkeit seiner Sinne.
Alle Erkenntnis der Wirklichkeit war gebunden an Raum und Zeit, und alle Gesetze ruhten darin wie die Tür in der Angel; aber Raum und Zeit hafteten nicht an den Dingen, sie waren dem Menschengeist eigen, Ordnung in die Erscheinung der Sinne zu bringen.
Die Tafeln des Gesetzes kamen nicht aus der Wirklichkeit, der Menschengeist schrieb sie ihr vor, und die vermeintliche Ordnung der Sinnenerscheinung war seine Schöpfung der Welt.
Das war die Tür, die Immanuel Kant aus dem Zwang der Wirklichkeit fand, aber sie führte in keine Willkür hinaus; denn dem Menschengeist war das eigene Reich eingeboren, darin er von aller Sinnenwelt frei blieb, um seiner eigenen Wirklichkeit tiefer verpflichtet zu sein.
Gut und böse in seinem Willen zu scheiden, aus seiner Vernunft allein die Pflicht seiner Tat zu empfangen: war seine Wirklichkeit unter dem Wasserspiegel aller Erfahrung, war seine Wahrheit und Freiheit.
Nicht anders als einmal der Zimmermannssohn hatte Immanuel Kant den Weg und die Pflicht der Freiheit gefunden, nur daß er die Gnade der gläubigen Seele nicht kannte, daß er im Frage- und Antwortspiel seiner Gedanken der friedlose Menschengeist blieb.
Und daß er nicht ging auf den Straßen zu lehren, lächelnd von Liebe und Weisheit, daß er im Tempel der Schriftgelehrsamkeit blieb.
Wie ein Städtebaumeister Straßen und Plätze, Häuser und Gärten in seinem Grundriß bestimmt, wie er die Willkür ausschaltet und jedem Teil seinen Platz im Ganzen erzirkelt, so gab er dem Menschengeist seinen Plan, sich gegen Gott und Welt den Tempel der Freiheit zu bauen.
Er wurde sehr alt und ein schlohweißes Männchen und mußte das klägliche Schauspiel erleben, daß ein Minister im Namen des Königs von Preußen ihm Lehre und Schrift unterband.
Als er gestorben war, trugen Studenten den Sarg in den Dom, und alle Glocken in Königsberg läuteten seinem Leichnam zu Grabe, wie wenn der heimliche Herzog in Preußen zum ewigen Schlaf einginge.
Aber ihm war das ewige Leben gesegnet: sein Werk war bestellt, sein Plan war vollendet, neben den heimlichen Gärten der Seele den sichtbaren Tempel der Freiheit zu bauen.
Fichte
Als Napoleon Preußen zerschlug, als er nach Königsberg kam mit seinen flinken Husaren, war Kant schon begraben; aber die Lehre des Meisters hatte ihr leises Leben begonnen, indessen der laute Schritt des Eroberers über das Abendland ging.
Stark wie jemals ein Kaiser hielt er sein Schwert über die Fürsten und Völker Europas, aber die stärkeren Mächte der Herkunft boten ihm Trotz, und nun kam die stärkste, ihn zu bezwingen.
Denn stärker als je ein Schwert war, stärker als Herkunft und stärker als Herrschsucht und Haß der Bedrückten, stärker als alle Macht in der Welt ist der Geist, der um die wahre Freiheit zu ringen beginnt.
Eines Leinewebers Sohn aus der Lausitz war durch Armut hinauf in das Licht der kantischen Lehre gestiegen; weil er kein Weiser der Wissenschaft war wie der Meister, nahm er die Fackel zur Hand, das Licht aus dem Tempel zu tragen.
Sei dir selbst alles, oder du bist nichts! stand in den Flammen geschrieben, damit er den Brand in die Herzen der Deutschen zu bringen gedachte; denn Fichte war aus dem Weltbürgertraum seiner Zeit und der eigenen Jugend in den Entschluß der völkischen Pflicht eingegangen.
Nur Ewiges könne der Mensch wahrhaftig lieben, Dauerndes tun und bewirken, sei die innerste Mahnung und Lockung all seiner Wünsche: Dauer allein könne dem Menschen nur werden im Dasein des Volkes, darin sein einzelnes Leben mit Herkunft, Sprache und Sitte unlösbar in Dankespflicht sei.
So war die Lehre der freien Pflicht tapferer Wille geworden, dem irdischen Dasein redlich zu dienen, statt jenseits der Dinge das selige Leben zu suchen; Fichte, der furchtlose Mann, zögerte nicht, die Lehre als Tat zu erfüllen.