Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 24

Chapter 243,807 wordsPublic domain

So hob ein anderer Lobgesang an, als der vom Griechentum war: die Brunnen begannen zu rauschen, der Wind im Wald wurde wach mit heiliger Mahnung, Donner und Blitz sprachen laut und das Heimchen am Herd zirpte leise, daß einmal die Heimat glücklich und groß, daß einmal das Vaterland hoch im Ruhm und groß in der Welt war.

Sie sahen den starken Bogen wieder gespannt, den Kaiser und Kirche dem Abendland hielten, den Bogen der neuen Verheißung, darunter die Ferne griechischer Schönheit und römischer Weltbürgerschaft verblaßte.

Nie war die Inbrunst der Seelen so mächtig gewesen, nie standen Groß und Gering so nahe in gleicher Gesinnung, nie war der Geist so der Täglichkeit abwendig, und nie hatte der Tag so geblüht, als da der Bogen die Ewigkeit über ihn spannte.

Die Kaiserpfalzen am Rhein und die stolzen Rathäuser, die Marktplätze mit der steinernen Zier ihrer Brunnen, die Torburgen der Städte riefen den Ruhm der vergangenen Tage nicht weniger aus, als die Glocken der Klöster und Kirchen die Ewigkeit klangen.

So kreuzte das junge Geschlecht den Weg der hohen Gestalten, indessen die beiden feierlich schritten, schwärmten sie hin, das Herz der Heimat auf ihren Händen zu tragen.

Es war die gotische Seele, die wieder zu drängen begann; ob es zunächst nur ein glühender Traum und eine irrende Sehnsucht in die Vergangenheit war: Deutschland stand auf, mit allen Teufeln und Engeln der eigenen Herkunft zu ringen.

Des Knaben Wunderhorn

Brentano und Arnim hießen die beiden Gesellen, die in der Frühe auszogen, am Rhein, in Franken und Schwaben Schatzgräber der deutschen Seele zu sein.

Die Stimmen der Völker in ihren Liedern hatte Herder gesammelt und war der neuen Weltbürgerschaft Prophet und Apostel gewesen; sie aber wollten dem eigenen Volk den Schatz seiner Lieder heben, daß es die Zukunft erkenne.

In den Stuben und Höfen der Handwerker bot das Lied seine Strophen dem Bänkelsang dar, draußen im Land hielt es den Mund der Burschen und Mädchen fröhlich geöffnet.

Was die Urahne sang, als sie noch selber im Schmuck der Bänder den Reigen abging, das sangen die Enkel: wie der Bach und der Wald, die Wiesen und Wolken im Wechsel der Tage die Unvergänglichkeit waren, jährlich im Frühling verjüngt, so hielt das Lied über Jugend und Alter die Herkunft lebendig.

Immer aufs neue gesungen, in Leid und Freude gleich mächtig, bot es der Liebe den Raum, darin die Wirklichkeit nur durch die Fenster herein sah, indessen das Pfeilergewölbe, zum Sternhimmel geweitet, der Sehnsucht die heimlichen Türen aufmachte.

Da waren die Zelter der Träume bunt aufgeschirrt und lockten zum Ritt in selige Fernen, da schwollen die Geigen, als ob in den Tönen die Seele auf Mondstrahlen ginge, da war das Herz eine Amsel, die letzte Seligkeit flötend vor dem Geheimnis der Nacht.

Brentano und Arnim, die beiden Gesellen, selber von Jugend und Liebe der Zauberei mächtig, drangen hinein in den Berg, darin das Lied solchergestalt seine heimliche Wunderwelt hatte.

Und alles Lied war Wort, das mit den Wellen der Melodie auf den Strömen der Urtiefe selig dahin fuhr; sie fischten das Wort aus den Strömen und brachten es glücklich zu Tag.

Da waren es Perlen, im Reim zu Kränzen gebunden; so reich war der Raub, daß ihre Hände nicht alles zu fassen vermochten.

Des Knaben Wunderhorn hießen sie dann die stattlichen Bände, darin die Worte, wie andere Worte zu lesen, abgelöst vom Gesang, fremd und frierend auf Papier gedruckt waren.

Aber das Wunder war noch im Wort, es brauchte nur Augen und Ohren zu finden, die seinen Zauber verstanden, so wurde die Seele des Wortes lebendig im Sang: aus des Knaben Wunderhorn stiegen die Lieder wie Lerchen.

Das Märchen

Das Wunderhorn hatte geklungen, da gingen zwei Brüder im Hessenland um, noch einmal Schatzgräber zu heißen.

Die Lieder flogen wie Lerchen, aber das Heimchen am Herd zirpte von heimlichen Dingen, die nur die Großmutter erzählte, wenn ihr die Enkel am Abend dasaßen; das Öllämpchen brannte und ließ an der Wand die Spukgestalten der Schatten tanzen und drohen.

Da wurden die uralten Mären lebendig, aber die Riesen und Zwerge waren geschäftige Nachbarn der Menschen geworden, und nur im Spuk ihrer Schatten gingen die Götter, aus Himmel und Hölle vertrieben, durch die entgötterte Wirklichkeit hin.

Die einmal Urmächte hießen, dienten als Spielzeug, und wo eine Großmutter Märchen erzählte, war ihre bunte Puppenwelt da, den Menschenkindern Freude und Leid vorzutäuschen.

Die Brüder Grimm wußten, daß solche Puppenwelt nur die Verkleidung vergangener Urmächte war, aber sie rührten nicht an das Kleid und brachten die Märchen getreu an den Tag, wie sie in Heimlichkeit waren.

Sie schrieben der Ahne das Wort vom Mund und deutelten nicht, sie waren wissend und wurden horchende Kinder, bis sie aus Sammlung und Sichtung ihr Märchenbuch hatten.

Da ging Rotkäppchen aus mit dem Korb, Großmutter Kuchen zu bringen; aber der böse Wolf kam, das Kind vom Weg zu locken, und hatte Großmutter und Kind aufgefressen, als die Schere des Jägers sie aus dem Bauch des Wolfes wieder ans Licht brachte.

Da schlief Dornröschen, die schöne Prinzessin, hinter dem Zauber der Dornheckenwände, bis der Prinz kam, die liebliche Braut aus dem Bann der Hexe zu lösen.

Da lag Schneewittchen im gläsernen Sarg bei den Zwergen, von der bösen Stiefmutter vergiftet; da fand der Königssohn Aschenbrödel im Haus der häßlichen Schwestern, weil ihr allein der goldene Schuh paßte.

Da saß Frau Holle im Brunnen und fackelte nicht, die Guten zu lohnen, die Bösen zu strafen; und wenn ihre Magd das Bett schüttelte, dann schneite es in der Welt.

Kinder- und Hausmärchen hießen die hessischen Brüder das Buch, darin die Wirklichkeit war wie ein Wasser, das eilig glitzernd dahin fließt über die Steine des Grundes, die uralt daliegen und seine gläserne Flut bunt und beharrlich durchleuchten.

Die Kinder sahen hinein mit glänzenden Augen, die Großen standen sinnend dabei: sie freuten sich an der bunten Erscheinung, und ahnten nur fern, daß es der Jungbrunnen war und gegen die jüdische Bibel das Buch der eigenen Herkunft.

Novalis

Mancherlei Geister ritten das Roß der Romantik, und die Jugend lief ihrer bunten Herrlichkeit zu; nur einer vermochte als Dichter zu sein, was sie als Schwarmgeister wollten.

Hardenberg hieß er und war ein brustkranker Jüngling aus edlem Geschlecht, der sich als Dichter Novalis nannte.

Er träumte die blaue Blume: am Rand einer Quelle stand sie, deren Wasser die Luft verzehrte und deren Tiefe von blauen Felsen umhegt war; als die Traumaugen des Dichters staunend und weh in den blauen Kelch blickten, schwebte darin ein zartes Gesicht.

Die Wirklichkeit selbst war das Wunder, und nur die Ordnung der Sinne hatte den Schein der Erfahrung um ihr Geheimnis gelegt; aber der Traum befreite die Seele, wieder im Wunder zu leben.

Und dichten hieß träumen, hieß außer der Täglichkeit sein, hieß aus der Täuschung der Sinne eingehen ins Dasein der Seele, die ihrer eigenen Wirklichkeit froh das Wunder in allen Dingen erkannte.

Novalis, der brustkranke Jüngling aus edlem Geschlecht, hatte nicht Zeit, das Wunder in allen Weiten zu träumen: der Tod hielt ihm das Tor schon geöffnet, aus der Scheinwelt der Dinge einzutauchen in die verjüngende Flut.

So schrieb er der Nacht seine Hymnen, wie ein Liebender an seine Braut schreibt; nicht der bleichen Schwester des Tages galten die bunten Gesänge, der wahrhaften Nacht, die keinen Morgen mehr kennt, galt seine Verzückung.

Ein Dichter des Todes war er, wie andere vom Wein und der Liebe singen; als er dahin war, blieb das Blut seiner blauen Gesänge, als ob der Schierlingsbecher die wahre Lust an der Wirklichkeit wäre.

Eichendorff

Einer der Jünglinge liebte sein Land, wie die Braut am Sonntag einen Feldblumenstrauß liebt: der Schierlingsbecher der Nacht und die Sehnsüchte der blauen Blume, die Fahnen stolzer Vergangenheit und der Morgentau künftiger Dinge konnten den hellen Augen des schlesischen Jünglings den Tag nicht trüben.

Er sah die Täler und Höhen, die Wiesen und Wolken, den Wald und all sein Getier; wo er auch wanderte, war blaue Ferne und blühende Nähe, überall lauschten die Mädchen am Fenster, überall rauschten die Blumen der Sommernacht, und überall mußte sein Herz im Lied jubilieren.

Ein Waldhorn rief seiner Freude die frohen Gefährten und eine Quelle im Wiesengrund seine Morgenfeier, die Lerchen schwirrten hoch vor Lust, und die Bächlein sprangen von den Bergen, Gespielen seiner frohen Seele zu sein.

Blau war die Ferne und der Postillon blies sich fröhlich hinein; irgendwo standen Paläste im Mondenschein und Marmorbilder in dämmernden Lauben, irgendwo lockte das welsche Land über den Bergen: aber die blühende Nähe hieß Deutschland, da war die Seele daheim und brauchte nicht nach der römischen Sonne zu frieren.

Denn nirgendwo war der Frühling so festlich geschmückt wie da, wo der deutsche Buchenwald heimliche Wiesen umsäumte; nirgendwo trug der Sommer so selige Blumen im Haar wie im deutschen Feldergebreite; nirgendwo war die deutsche Seele so kindlich daheim wie in den frohmütigen Liedern, die der junge Eichendorff sang.

Johann Peter Hebel

Säen und ernten im Zwang der Gezeiten und der Natur demütig nah sein in all ihren Launen, war dem Landmann bestimmt.

Plünderndes Kriegsvolk konnte die Frucht auf den Feldern zerstampfen, das Vieh aus den Ställen fortführen, die Scheunen verbrennen: aber der Boden blieb ewig geschäftig, der Wald wuchs Holz, die Wiese wuchs Futter, die Scholle hielt ihre fruchtbaren Schalen dem Segen des Himmels geöffnet.

Prahlende Städte verkamen und Throne wurden gestürzt; der Bauer ging hinter dem Pflug, stand auf der Tenne und füllte die Scheuer: er wußte, daß über den Fürsten der Erde ein himmlischer Herr war, und über allen Gesetzen der Obrigkeit stand der Kalender.

So geschah es, daß Hebel, der geistliche Herr in der badischen Hauptstadt, durch allen Spektakel der Zeit harmlos dahin ging, weil er ein Kalendermann wurde.

Er war der einzige Sohn einer Witwe, und Taglöhnerarbeit hielt seine ärmliche Wiege; aber die Wiege stand droben im Markgräflerland, wo die muntere Wiese dem strengen Schwarzwald entspringt.

Da gingen dem Knaben die Wege in fröhlicher Freiheit, da waren die Wolkenweiten über die grünen Gebreite bis hinter die blauen Fernen gespannt, da sangen die Vögel zur Arbeit, da war ein emsiges Landvolk im Kreislauf des Jahres geborgen.

Den Dank seiner fröhlichen Jugend brachte der Kirchenrat und Prälat als Kalendermann seiner Heimat zurück.

Er konnte darüber die geistliche Würde vergessen und alle Gelehrsamkeit seiner Bücher; auch blieb er ein Schalk und wußte genau, was ein Zirkelschmied war; einen lustigen Diebstahl erfinden, schien seinen schlaflosen Nächten gesunder als Cicero lesen.

Schnurren und Späße, die draußen im Land herum liefen, fing sein Kalenderwort ein, und sparte den Spott nicht, wenn der Müller von Brassenheim allzu fett und selbstgerecht war.

Er konnte auch ernst wie ein Landpfarrer werden, und die Moral hing seinen Geschichten gern einen Zopf an, wie es die Großmutter tat, wenn sie den Enkeln Märchen erzählte; doch waren sie darum nicht weniger trefflich, und jedes Ding stand in der klugen Wahl seiner Worte und blühenden Bilder leibhaftig da.

Die dankbaren Leser merkten die weise Kunst nicht, die der kluge Kalendermann übte; sie lasen sich selber und sahen ihr ländliches Leben gespiegelt, so wie sie es kannten.

Wohl kam auch der Bürger hinein aus den Gassen der Kleinstadt, aber der Rock war gelüftet von seinen muffigen Stuben, und die Wiesenluft blies ihm sein grämliches Angesicht frisch, daß er die ländliche Fröhlichkeit lernte.

Die aber Weltbegebenheit machten, über Schlachtfelder ritten, Städte verbrannten, deren Stiefel in mancherlei Dreck unsauber wurden, mußten auch manchmal beim Huf- oder Wagenschmied warten; der Kalendermann sah sie dann in der Nähe, wo sie nur Menschlichkeit waren mit staubigen Röcken, Schnupfen oder einem Karbunkel.

So mußten sie anders durch seine Geschichten spazieren, als sie sonst taten, und der verborgenen Demut war ein Rößlein geschirrt; indessen der Hochmut zu Fuß ging.

Leben und Sterben war in den Kalender getan, darin die Natur den menschlichen Nucken und Nöten mit Saat und Ernte, Blüte und Frucht, Sonne und Regen, im Wechsel des Mondes und seiner blanken Gestirne die ewigen Sinnbilder hielt.

Jean Paul

Eines Schulmeisters Sohn aus Wunsiedel wurde der Abgott der Bürger und Frauen; indessen Goethe und Schiller in hoher Einsamkeit gingen, indessen Romantik landfahrend war, wurden Jean Paul Kränze und Kissen der zärtlichen Liebe gebracht.

Seine Jugend war arm, und beschränkt blieb der Kreis seines Daseins, bis er in Bayreuth, erblindet und abseits der Welt, die letzte Pfeife hinlegte.

Aber sein Geist war reich, wie der Wald an Bäumen reich ist, und seine Seele ging darin spazieren, als ob es nur Sonntag-Nachmittag gäbe.

Er sah den Bach und das Moos an den Steinen, von der Sonne zärtlich besprenkelt, er sah das blaue Tuch des Himmels über das grüne Geflecht der Zweige gebreitet, er hörte den krausen Wind in den Wipfeln wispern und weinen.

Er war voll Liebe zu jeglichem Ding, das seine Sinne berührte; er liebte die Blume und liebte die Biene, die daran naschte; er liebte die Luft um seine Wangen und liebte den Weg, darauf er ging.

Er liebte sich selber und seine Liebe, und war von Seligkeit trunken, wie er die Krone der Schöpfung dahin trug, Gott und sein herrliches Werk im Wechselspiel seiner krausen Gedanken und bunten Gefühle zu sehen und zu preisen.

Auch war seine Feder voll Tinte, alles auf saubere Zettel zu schreiben, was seiner Seele in Wonne und Wehmut behagte, und den entferntesten Einfall mitten ins tägliche Dasein zu stellen.

Unzählige Kästen waren mit solchen Zetteln gefüllt, bis er, den krausen Reichtum zu lesen, den Überfluß in ein Buch schrieb, das einen verschnörkelten Titel und unter dem Titel sein zärtliches Herz in der Hand trug.

Sechzig Bände füllte er so, und jeder Band wurde von zärtlichen Augen mit neuem Eifer gelesen, und jeder war das Buch des Propheten.

Er lehrte die Deutschen, weinenden Auges zu lächeln, und hieß es Humor, die Welt zu betrachten, als ob das Schicksal nur eine Laune der Ewigkeit wäre und das Glück die Gunst bunter Einfälle.

Er brauchte viel Worte dazu, seinen Geist zu entleeren, und brauchte viel weiches Gefühl, das krause Gefäß seiner Worte mit Seele zu füllen.

Auch war er ein Meister, die Worte blitzblank zu putzen, daß sie gleich einer Kette aus blinkendem Zierat weise Gedanken und liebes Gefühl drollig verbanden.

Und war ein Meister, den Leser zu fangen und ihn, wie den Fisch an der Angel, so durch das krause Pflanzengewühl seiner untiefen Gewässer zu ziehen.

Faust

Indessen dies alles in Deutschland geschah, indessen die Herkunft des Volkes gegen das Welschtum der Fürsten aufstand, indessen das Morgenrot der Romantik in den silbernen Griechentraum kam: war Goethe, der Dichter des Götz und des Werther, der Alte von Weimar geworden.

Alle die Rufer der großen Zeit waren verstummt, Klopstock und Lessing, Herder und Schiller; er aber, der mehr als ein Rufer war, stand im Sturmwind der Zeit als Leuchtfeuer da, aus der Vergangenheit in die Zukunft zu leuchten.

Ein altes Puppenspiel hatte dem Knaben in Frankfurt die Taten des Faust vorgeprahlt, der seine Seele dem Teufel verschrieb und ein Schwarzkünstler wurde.

Als danach den Jüngling in Straßburg das junge Blut plagte, als ihm die Brust schwoll und der Kopf brannte von Zweifeln und trotzigen Fragen, kam ihm der Faust aus dem Puppenspiel wieder, und er sah seinesgleichen.

Er sah der Tugend den Fallstrick gelegt in der täglichen Ordnung der Väter, Himmel und Hölle halfen ihn halten; aber der Menschengeist trotzte den Vätern samt ihren allmächtigen Helfern: er wollte sich selber gerecht sein und jede Art Lust büßen, statt in der fremden Gerechtigkeit bleiben.

So wurde dem Jüngling in Straßburg das alte Puppenspiel neu, Himmel und Hölle zum Trotz sollte sein Faust sein, der Menschheit zur Fackel.

Herder der Herbe wies den hitzigen Jüngling auf nähere Wege, er wurde der Dichter des Götz mit der eisernen Hand; aber schon auf den Wertherwiesen in Wetzlar trug er den trotzigen Plan von neuem umher, wenn ihm die Brust eng war vom Staub seiner Tage.

Als der Herzog von Weimar den Dichter zu Gast lud, brachte er ihm sein Puppenspiel mit: Schattenrisse, in raschen Auftritten wechselnd, mit Worten wie von Hans Sachs, nur weiter und wehender.

Wie ein Bräutigam seinen Freunden die Braut zeigt, so aus dem heimlichen Glück las er sein Stück vor; aber er wußte, daß seine trotzige Neigung noch keine Liebe, daß die rasch gepflückte Frucht noch keine Ernte war.

Er wurde in Weimar Minister und legte den Faust in die Lade, der Schwarzkünstler paßte nicht in sein Dasein geheimrätlicher Pflicht; und als er danach in Rom wieder faustisch zu denken begann, nahm ihm die klassische Luft die Lust an dem nordischen Spuk.

Erst Schiller, der treffliche Treiber, vermochte ihn wieder an das verlassene Werk der Jugend zu bringen; aber dem reifen Mann wollte der Jünglingstrotz nicht mehr ziemen: eine leuchtende Lohe wuchs aus dem Höllenbrand seiner Jugend.

Als Schiller, der glühende, starb, und Goethe, grämlich allein, das unübersehbare Gut seines Daseins bestellte, ließ er sein Faustfragment zum drittenmal liegen.

Er war im sechzigsten Jahr seines Lebens, und sechzehn Jahre vergingen, bevor er als Greis -- nach einem halben Jahrhundert -- sich wieder den schwankenden Gestalten der Jugend zuwandte.

Längst hieß sein Werk kein Puppenspiel mehr; Himmel und Hölle rangen um Faust, der ein Schwarzkünstler war und der Menschengeist wurde.

In allen Weiten und Winden des Lebens, in allen Sorgen und Sünden wissend, genießend und tätig sollte er sein, und allen höllischen Mächten zum Trotz seinen Weg in den Himmel schreiten.

Aber kein Wunder konnte die Seele erlösen, das Wunder vermochte der Geist allein: er mußte den Kampf der Mächte ausmachen, er mußte durch Himmel und Hölle der eigenen Brust Meister des Schicksals bleiben.

So hatte ein halbes Jahrhundert über dem hitzigen Plan seiner Jugend den stolzen Dombau begonnen; der Greis sah das Pfeilerwerk riesenhoch ragen, aber noch fehlten der Helm auf dem Turm und die Wölbung.

Am glutroten Münster in Straßburg hatte sein trunkenes Auge gehangen, als er den Riesenbau plante; nun war der Dichter des Götz ein Grieche geworden, und über dem gotischen Grundriß sollte ein marmorner Tempelbau prangen.

Der Schwarzkünstler ging aus den Nürnberger Gassen in Griechenland ein, Faust wurde Herzog und Fürst, und Helena herrschte, wo Gretchen, das deutsche Bürgerkind, ihre schmerzreiche Gunst gab.

Aber der faustische Schritt ging in die Leere des Alters; Schattenfiguren wuchsen ihm aus der blassen Unendlichkeit zu, der aus der bunten Täglichkeit einmal sein starkes Puppenspiel machte.

Was unmöglich war, konnte auch Goethe der Greis nicht mehr zwingen; vieles gelang ihm, manches Portal war mit schönen Gestalten bestellt, und manches Glasfenster gab farbige Glut: der Traum seines Tempels blieb ein Turmbau zu Babel.

Je mehr ihm der Schatten des nahenden Todes in seinen gewaltigen Dom fiel, je eifriger war er am Werk, bis ihm zuletzt das Notdach gelang, den herrlich verzettelten Bau mit allen Hallen und Weiten des Lebens vor Wind und Wetter zu schützen.

So stand der Tempeldom da, als Goethe, der Greis, die sterblichen Augen zumachte; so steht er im Reich als der mächtigste Bau, so wird er den Völkern und Zeiten ein Wunderwerk bleiben, ein ragendes Zeugnis, was einmal ein Mensch aus eigener Vollmacht vermochte.

Das Buch der Erhebung

Beethoven

Als Mozart, der Meister des großen Wohllauts, starb, war das Jahrhundert der Pompadour aus; die Blutrache der Freiheit hatte in Frankreich begonnen, als Beethoven kam, dem Menschengeist die bräunliche Stimme der Erde zu bringen.

Musikanten aus Holland waren die Seinen, in Bonn dem Kölner Kurfürsten dienend; aber den Enkel und Sohn verlangte nach Wien, wo Mozart den Zauberstab hielt, wo Haydn, der unerschöpfliche Meister, Musik machte.

Mozart war tot, als Beethoven kam, Haydn nahm sich des rheinischen Jünglings an wie ein Vater; er führte ihn ein in das große Orchester und in die sinfonische Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, Flöten und Klarinetten.

Beethoven wurde, wie Mozart es war, ein Meister auf dem Klavier -- nur daß er tief aus der braunen Dämmerung kam, indessen jener im hellichten Morgenrot ging -- wo er sein trotziges Spiel hören ließ, wurde der Menschengeist wach, seinen eigenen Atem zu spüren.

Da brach in die Säle von Wien, in die Kerzen und goldenen Stühle der Menschentrotz ein und ballte die Fäuste, lachte und weinte, wo leichtes Gelächter, wo Seufzer und Rührung und spöttische Heiterkeit war.

Aber das Schicksal schlug den gesegneten Mann, seine Macht zu erhöhen: es nahm ihm sein Ohr und nahm ihm sein Spiel, es führte ihn heim aus dem rauschenden Beifall der Hörer in die einsame Stille der Taubheit.

Da saß der unselig gesegnete Mann noch immer an seinem Klavier und glaubte zu hören, was nur die Brandung der Seele, was nur das Meer der Gefühle im Sturm seiner Leidenschaft war.

Abgelöst von der irdischen Wirklichkeit seiner Töne schrieb er Musik, die seine Ohren nie hören, die seine Seele nur aus den Noten ablesen konnte.

So sank er hinein in die Gründe, darin er allein mit seinem Trotz das Leben bestand: ein Titan war unter die Menschen verbannt, den sie wie Donner und Blitz, wie sausenden Wind und rauschendes Wasser verstanden; nur ihre Antwort hörte er nicht.

Er war den Göttern verfeindet wie alle Titanen, er haßte ihr neidisches Wesen und daß sie dem Geist sein trotziges Tun hochmütig mißgönnten; er brachte den göttlichen Funken in seiner Musik zu den Menschen, daß ihnen die Götter Rede stehn mußten.

Haydn, der heitere, hatte den Jüngling das große Orchester gelehrt, aber die Fülle der Geigen und Bässe, Hörner und Pauken, Flöten und Klarinetten war nur ein reicherer Wohlklang gewesen: nun brauste der Geist in die Fülle, da Beethoven, der taube Meister in Wien, den Sinfonien der Menschheit die ewigen Noten hinschrieb.

Da war kein Himmel und war keine Hölle, nur die Urgewalt der Natur, und der Menschengeist war ihr selbstherrlicher Meister.

Er konnte schwellen, wie der Frühling die Knospen schwillt, er konnte den Bogen bauen über die Berge, er konnte stürmen und stürzen, wie Hochwasser im Alpental stürzt, er konnte breit und gewaltig sein wie das Meer und konnte in seinen Wellen den Sonnenball fangen.

Seliges Spiel und trotzigen Aufruhr, schmerzliche Sehnsucht und drohende Kraft, blutrote Trauer und weißglühenden Zorn: alles schrieb Beethoven hinein in das Bibelbuch seiner Musik.

Und als er am Ende war seiner irdischen Tage, als er die Summe zog seines gewaltigen Lebens, als er die letzte schrieb seiner neun Sinfonien, schwoll Menschengesang in die Geigen und Hörner: über die trotzige Leidenschaft hin rauschte die Urmacht der Freude.

Sie war nicht aus der Gunst der Götter geboren, sie floß nicht hinein in das Menschenland, wie ein Bach blumige Ufer und blinkendes Wellenspiel bringt.

Die trotzige Hand des Titanen hatte das eigene Herz aufgerissen; da war es kein Blut, kein Feuer und Wasser, da waren es Ströme des Geistes, einmal den Jüngern in einer Taube vom Himmel gebracht und nun die Erde mit Allgewalt füllend.

Die Blutrache der Freiheit

An einem Julitag stürmte das Volk von Paris die feste Bastille, die uralte Zwingburg des Königs und das Gefängnis all seiner Feinde.

Der Staat, das bin ich! hatte der Sonnenkönig geprahlt; als danach der Herbst den Park von Versailles zu färben begann, holte das Volk von Paris sich den König als Geisel; der von Gottes Gnaden regiert hatte, mußte dem Parlament die Verfassung beschwören.