Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 23

Chapter 233,745 wordsPublic domain

Da wurde der kluge Adept dem brausenden Jüngling ein strenger Lehrmeister: Stauwehre und Dämme baute er ihm und wies seinem stürmischen Eifer die Richtung:

Daß hinter dem ragenden Münster und seiner krausen Gestaltung mehr als ein Baumeister stünde, daß es ein Wahrzeichen alter Reichsherrlichkeit sei, und daß die rechte Betrachtung an ihm das Portal in eine große Vergangenheit fände.

Von Shakespeare, dem britischen Dichter, sprach er dem Jüngling, und daß sein freies Geäst über den Hecken und künstlich geschorenen Kronen der allzuklugen Franzosen wie ein Urwaldgewächs schwanke.

Herder saß hinter verhangenen Fenstern, sein Auge zu heilen, Goethe lief rasch und waghalsig hinauf auf den Turm und sah die Giebel und Gassen der alten Reichsstadt im Abendrot brennen und brausen.

Und als er der alten Zeit voll war, als ihn die wilde Romantik des britischen Dichters bedrängte, beschwor er aus einer fränkischen Chronik den stegreifen Ritter und schrieb sein Stück von dem Götz mit der eisernen Hand.

Da wurden sie wieder geweckt, die Ritter der alten Reichsherrlichkeit, die Bretter donnerten von ihren eisernen Schritten, der Kaiser ritt wieder ins Maifeld, die sieben Heerschilde hielten Wacht, wo jetzt die Zöpfe demütiger Bürger den welschen Zierat der Fürsten bedienten.

Der Spötter von Sanssouci geriet in Zorn über das Stück und hieß es geschmacklos; aber die Jugend schwoll daran auf und schäumte über, als ob jeder Student der Mann mit der eisernen Hand und jeder Bürger ein Nürnberger Pfeffersack wäre.

Werthers Leiden

Indessen der Ruhm und der Lärm seines Götz mit der eisernen Hand Goethe den Jüngling umschwärmten, kam er nach Wetzlar und sollte am Reichskammergericht Rechtspraktikant werden; wo Schönheit und brausendes Leben sein sollte, war Staub und Papier.

Im Elsaß hatte sein Herz gefährlich gebrannt, als er Friederike, die Tochter des Pfarrers in Sesenheim liebte, in Frankfurt fing er zum andernmal Feuer: so kam die Krankheit auch über ihn, die wie der Tauwind im Abendland die jungen Gemüter weich machte.

Ein Genfer Uhrmacherssohn, Rousseau geheißen, hatte das welke Laub von Versailles auf einen Haufen gekehrt und aus dem Kehricht hochmütiger Bildung der Allmutter Natur ein Opferfeuer gemacht.

Alles -- so ging seine Lehre -- kam gut aus den Händen des Schöpfers, und alles mußte entarten, wenn sich der menschliche Hochmut vermaß, die Natur zu verleugnen: alle Bildung samt ihren Künsten hatte die Menschheit darum nicht so glücklich gemacht wie den Wilden sein Feuer.

Es war die alte Lehre der Einfalt, aber die Einfältigen brauchten sie nicht; und die den bittersüßen Trunk tranken, weil er so feurig gemischt war, tranken sich krank statt gesund an der Sehnsucht.

Die Empfindsamkeit kam in die Welt und war ein gefährliches Gift für die zärtlichen Herzen; als Goethe, der Dichter des Götz, daran krank war, schrieb er die Leiden des jungen Werther und schrieb sich selber gesund.

Lotte hieß er das liebliche Wesen, das für den empfindsamen Werther das Lockbild reiner Natur war; ihr zu entsagen vermochte er nicht, sie zu besitzen war ihm verwehrt: so kam aus reiner Quelle trübes Gewässer.

An seiner empfindsamen Liebe zu leiden, wurde dem Jüngling Genuß; alle Schmerzen riß er sich auf und alle Launen des Unglücks rief er heran, bis nur noch der Tod die Wollust der Leiden auslösen konnte.

Er glaubte an seiner Liebe zu sterben, aber sie war nur der Mantel, den seine Empfindsamkeit umhing; er pries die Einfalt, weil er am Überdruß krank war; er löckte den Stachel der Liebe, weil er den Brand und die Fäulnis der Wunde genoß.

Noch hatte kein Buch der deutschen Sprache solche Wirkung getan: Werther zu lesen, Werther zu leiden und Werther zu sein, wurde die Mode empfindsamer Herzen; der Himmel sank hin und die Hölle brach auf und ertranken in Tränen.

Goethe, der Dichter des Götz und der brausenden Jugend, wurde der seufzende Herold der Zeit; mehr Kränze als je einem Helden wurden von zärtlichen Händen geflochten, den Abgott zu schmücken.

Und niemand kannte den heimlichen Schatz, den der Jüngling aus Frankfurt in seiner Lade bewahrte, niemand wußte, daß der gepriesene Dichter in seinen Liedern ein Königssohn war.

Da waren nicht seufzende Worte und launische Leiden gehäuft, da hatte das zärtliche Gift nicht an der Kraft der Seele gerührt, da war ein Jungmännerherz vom Blut des Lebens erfüllt, da war ein Mund, wirkliche Leiden und Freuden zu sagen, da war ein Dichter, das Höchste wie das Geringste in Schönheit zu wagen.

Weimar

Karl August, der junge Herzog in Weimar, lud Goethe, den Dichter des Götz und des Werther, zu Gast; aus der fürstlichen Laune wuchs eine lange Liebe und eine Blutsbrüderschaft.

Der Herzog war allzu behutsam erzogen, Goethe der Günstling sollte ihn erst den rechten Lebensgenuß lehren; aber der Dichter wurde dem Jungherzog Führer und Freund und wußte die fürstliche Tollheit sacht in die Pflicht umzulenken.

Als aber die Freunde zuerst ihr Feuerwerk brannten, als sie die Tage mit Trunk, Jagd, Narrheit und Maskerade hinbrachten, machten die Bürger von Weimar drei Kreuze, wenn sie den Namen Goethe aussprachen.

Und als der Herzog den landfremden Doktor aus Frankfurt zum Minister machte, rangen die geheimen Räte die Hände, daß nun das Land mit dem leichtsinnigen Herzog an den Teufel verkauft sei.

Aber der landfremde Doktor wußte die hitzigen Rosse zu lenken; als sie am wildesten schnaubten, griff seine Hand fest in die Zügel.

Das Land des Herzogs war klein und kläglich verwaltet, die Lässigkeit schlechter Beamten machte dem neuen Minister das Amt schwer, auch blieb der Widerstand gegen den landfremden Doktor geschäftig.

Ihn zu besiegen ging Goethe allein mit dem Herzog auf Reisen und blieb ein Vierteljahr in der Schweiz, wo sie reitend und wandernd allein in der großen Natur waren.

Da konnte kein höfischer Neid ihm den Schatten verdrehen, da konnte er sprechen und wirken und konnte den jungen Herzog sich tiefer verbinden als durch lärmende Feste.

Als sie dann wieder in Weimar anlangten, war ihm der Herzog in Wahrheit verfallen; Goethe der Dichter wurde allmächtig und konnte im Ländchen Regen und Sonnenschein spielen.

Der den Götz und den Werther schrieb, und der seinen Ruhm wie seinen Geist mit Selbstgefühl trug, gab ein Jahrzehnt seines einzigen Lebens daran, ein treuer Beamter zu sein, dem die Alltäglichkeit wichtig und dienende Pflicht die Erfüllung war.

So wurde Weimar, das Ländchen kläglich und klein zwischen den Mächten, das Vorbild kluger Verwaltung und eine ruhmvolle Stelle im Reich, weil ein großer Geist nicht verschmähte, treu und besonnen die täglichen Dienste zu leisten, weil ein Dichter das Gleichnis der tätigen Hände auskosten wollte.

Winckelmann

Dem Sohn eines Schusters in Stendal war es geglückt, Theologie zu studieren, aber zu einem Amt gelangte er nicht: Armut und andere Neigung warfen ihn bald aus der Bahn.

Statt einem Pfarrer wurde ein fahrender Schüler aus ihm, der sich mit allerlei niederen Ämtern und Almosen ernährte, bis ihn der Graf auf Nöthnitz bei Dresden in einen besseren Dienst nahm.

In Dresden ging ihm die Galerie auf; ob es nur staubiger Gips war, die griechischen Bildwerke wurden dem Sohn des Schusters aus Stendal vertraut wie ein Garten der Heimat.

Er sah die Leiber und Glieder im Ebenmaß ihrer Gestaltung, er sah die herrliche Haltung und schöne Gewandung, als ob in Griechenland Götter gewandelt wären, indessen die nordische Menschheit in Häßlichkeit ging.

Wohl gab es noch immer Maler und Bildhauer, aber sein trunkenes Auge suchte die edle Einfalt und stille Größe vergebens, davon es die Fülle in den alten Bildwerken fand.

Ein Paradies ging den Menschen verloren und war ihnen doch -- so schien es dem Schwärmer -- noch immer geöffnet, wenn sie erst wieder, die griechischen Vorbilder nachahmend, den Weg zur wirklichen Kunst fanden.

Als Winckelmann so jahrelang in den Gedanken seiner einsamen Leidenschaft suchte und staunte, als ihm die Seele bis an den Rand mit dem Glück der Griechen gefüllt war, ließ er die erste Sendschrift ausgehen.

So voll war er des griechischen Geistes, daß seine Worte und Sätze im griechischen Ebenmaß schritten: edle Einfalt und stille Größe schienen auch seiner innigen Liebe geschenkt.

Noch aber blieb er ein einsamer Sucher und für den Alltag ein Narr, der sein griechisches Steckenpferd schirrte, und den die Inbrunst verzehrte, das Land seiner Seele leibhaftig zu sehen.

Er kam nicht hinein, er kam nur nach Rom und Neapel, und daß ihm die mächtigen Hände der Kirche dahin verhalfen, mußte der Protestant seinen Glauben abschwören.

Da endlich sah er die marmornen Leiber statt staubigem Gips, und die ewige Stadt hatte nicht solchen Pilger erfahren, der die prahlenden Kirchen verschmähte, der scheu und verzückt unter den alten Bildwerken umher ging.

Albani, der Kardinal und Kunstfreund, erkor sich den seltsamen Mann aus Stendal als Gast: in seinen Sammlungen konnte Winckelmanns Eifer als Zauberer walten, aus den Ruinen und Resten die alte Welt neu zu bauen, die seiner Seele sehnsüchtig vertraut war.

Als Winckelmann seine Geschichte der Kunst im Altertum schrieb, war es getan: das verschüttete Tor war geöffnet, durch das die Menschheit zurück schreiten konnte ins Paradies, das für immer Griechenland hieß.

Was einmal einfältiges Leben und göttergleiches Dasein der Menschenwelt war, hatte in ewiger Kunst sein marmornes Sinnbild hinterlassen, daß die Menschheit daran in edle Einfalt und stille Größe zurück die klassische Wiedergeburt fände.

Mehr denn ein Jahrtausend hatte die Kirche in Rom an ihren Gewölben und Domen gebaut, sie hatte die Pracht der päpstlichen Herrschaft über die alten Ruinen gebreitet, als der Sohn eines Schusters aus Stendal nach Rom kam, ihre Geltung abzustreifen wie einen vermessenen Irrtum.

Goethe in Rom

Elf Jahre lang hatte Goethe in Weimar gewirkt; der als flackerndes Feuer kam, war für das Land seines herzoglichen Freundes das Herdfeuer geworden, von vielen gesegnet: das Land seiner Dichtung lag als Trümmerfeld da.

Der tätige Geist hatte dem Leben sein Opfer gebracht, aber der Dichter begehrte wieder das seine; als der Winter zum zwölftenmal kam, sollte die römische Sonne ihm Blut und Seele neu glühen.

Heimlich wie eine Flucht war seine Reise; als ob noch einmal Wertherzeit sei, fuhr seine Sehnsucht nächtlich davon, und eher ließ ihn die Furcht nicht frei, bis ihn die ewige Stadt als den heimgekehrten Sohn mit ihren Mauern umfing.

Denn Goethe, der Dichter des Götz und der das Straßburger Münster mit feurigem Wort pries, war der Lehre Winckelmanns voll wie eine schwellende Frucht: nur die südliche Sonne -- so schien es dem Flüchtling -- konnte der Kunst wie dem Leben Glück und Gemessenheit schenken, der Nebel des Nordens hatte sie unstet und freudlos gemacht.

Es sollte nur eine Reise sein, aber er fand den Weg nicht zurück, bis er ganz ins römische Leben untergetaucht war, bis der Minister wieder ein Dichter, bis der neue Werther aus Weimar seiner Seele und seines Leibes von Urbeginn froh wurde.

Da reiften endlich die Früchte, denen im Land der neblichten Wälder der Sonnenschein fehlte, da wurde der Werther aus Wetzlar als Tasso glühend gehärtet, da wurde der Dichter der Iphigenie den Deutschen fremd, wie ein Priester den Seinigen fremd wird, da zog der Minister aus Weimar sein olympisches Feierkleid an.

Als Goethe im zweiundzwanzigsten Monat seiner Flucht wieder heimkam nach Weimar, war er kein Herdfeuer mehr für das Ländchen: als Freund seines Herzogs blieb er in all seinen Würden, aber das Werktagskleid seiner Bürden legte er ab.

Wie die silberne Sonne durch eine Nebelwand scheint, so war sein Wesen fortab verhüllt; die seine Freunde hießen, hatten den Mann an einen fremden Himmel verloren.

Was Winckelmann träumte, wurde ihm Wirklichkeit: er hatte das Land der Griechen mit seiner Seele gesucht und hatte den Leib seiner Sinne in südlicher Sonne gebräunt; nun wuchs ihm sein irdischer Tag aus solcher Vergangenheit ewige Gegenwart zu.

Die Räuber

Indessen Goethe den Griechen zuneigte und seiner eigenen Jugend fast feind war, stand seinen vergessenen Tagen ein flackerndes Spiegelbild auf.

Ein schwäbischer Jüngling, Friedrich Schiller geheißen, schrieb auf der Schule des Herzogs in Stuttgart ein Stück für das Theater, darin der Raubritter Götz ein Räuberhauptmann geworden, darin die Freiheit ein düsterer Feuerschein war.

Das uralte Stück des verlorenen Sohnes wurde in neuen Gewändern gespielt, aber kein gütiges Vaterherz lief dem Verlorenen zu: im finsteren Turm klagte ein Greis, indessen der schurkische Bruder die Braut und das erschlichene Erbteil genoß.

Denn so war die Welt in den neuen Gewändern geworden; die Schurken saßen an goldenen Tafeln, aber die Edlen, in ihrer Einfalt betrogen, sagten der schurkischen Ordnung ihr Räuberrecht an.

Als sie das Stück zum erstenmal spielten in Mannheim, hatten vorsichtige Hände seinen Brand erst gelöscht, aber der wilde Jubel der Jugend blies in die Glut, bis sie himmelhoch flammte.

Da legten die Jünglinge trotzig das Wertherkleid ab und zogen ein Räuberwams an; die an der Empfindsamkeit krank waren, lachten sich höhnisch gesund, sie ließen die seufzende Wollust den Töchtern und fuhren mit Frechheit und Flüchen zur Hölle.

Der aber solchen Aufruhr der Jugend entzückte, war ein bläßlicher Medicus beim Regiment; er konnte nur heimlich nach Mannheim fahren, und als er nach Stuttgart zurück kam, warf ihm der Herzog sein Dichterglück vor die Hunde.

Der Medicus Schiller hatte den Fluch der Freiheit geschworen; Tod den Tyrannen war seine Losung; und mußte die Tage in knirschender Demut hinbringen, bis er das Land des Herzogs heimlich verließ.

Anders als Goethe der Flüchtling nach Rom, kam Schiller der Flüchtling nach Mannheim: krank an der Brust, von Sorgen und Schulden gehetzt; gütige Freunde mußten ihm helfen, daß er die bitteren Jahre durchhielt, bevor ihm endlich in Weimar das Leben günstiger aufging.

Jena

Als Schiller zum erstenmal kam, Goethe zu suchen, war Goethe in Rom; aber der schwäbische Flüchtling fand den Namen des Dichters in Weimar gesegnet und hoffte das seine, der schon im fünften Jahr seiner Flucht unstet herum fuhr.

Er war von hoher Gestalt, rothaarig und blaß und gebeugt von der Schwindsucht, als er in Weimar Unterkunft suchte; aber der Herzog sah ihn nicht gern, und der Musenhof war dem Dichter der Räuber nicht günstig.

Als Goethe dann heimkam, fremd und braun von der römischen Sonne, half er dem Flüchtling wohl in ein Amt, aber er hielt sich dem Menschen verschlossen und kannte den Dichter nicht.

So wurde Schiller, der schwäbische Flüchtling, in Jena Professor; der Dichter der Räuber hieß Hofrat und lehrte Geschichte; Charlotte von Lengefeld war seine zärtliche Frau, und vielerlei Freunde fanden sein Haus.

Nur Goethe in Weimar blieb wie ein Leuchtfeuer fern: er sandte sein Licht in die Weite, aber die Nähe war ihm verleidet; und wie er der eigenen Jugend fast feind war, blieb ihm ihr hastiges Spiegelbild doppelt verdrießlich.

Sechs Jahre lang zog der Minister in Weimar den Mantel nicht aus; sechs Jahre lang würgte den stolzen Professor in Jena der Grimm, daß ihn, den Dichter, der Dichter nicht kannte.

Denn heller als einer sah Schiller das einsame Licht die Himmelsfernen absuchen, indessen die eifrigen Lampen der Zeit Stuben und Kammern erhellten.

Weil er nicht abließ von seiner Liebe, kam endlich der Tag, da die beiden sich fanden, da die Bürger von Jena die hohen Gestalten einander zugeneigt sahen, da der stolze Minister eintrat in das Haus des Professors.

Da wurde der Reif gerundet, der Weimar und Jena verband, da wurde die hoheste Freundschaft geboren, da ging am Himmel der Deutschen das Doppelgestirn auf, über den dunkelsten Nächten zu leuchten.

Weil jeder ein Einziger war, stand keiner dem andern im Schatten: Schiller, der jüngere, drängte mit stürmischer Neigung; Goethe, der ältere, ließ es geschehen mit dankbar besonnter Kraft.

Er hatte die Freunde der Jugend vertan, nun fand die einsame Mannheit ihre Genossen; da drängten die Quellen wieder zu Tag, die in der Tiefe geheimnisvoll flossen, da wurde Goethe der Dichter zum andernmal wach, da traten die weisen Werke der Goetheschen Mannheit froh in Erscheinung.

Hermann und Dorothea hieß er den herrlichen Sang der zwei Lieben, darin sich der Dichter des Tasso wieder zur Heimat zurückfand.

Der Rhein glänzte hinein aus nahester Ferne, ein flinker Fluß floß ihm zu, Wiesen und Felder, Wälder und Weinberge umrahmten das freundliche Bild der deutschen Kleinbürgerstadt.

Kein Fürstenhof, keine Prinzessin: Wirtsleute waren die einfachen Helden der Handlung, Apotheker und Pfarrer priesen mit ihrem behaglichen Wesen das Leben der täglichen Arbeit.

Aber vom Klang geruhsamer Verse umflossen, gab ihr bescheidenes Dasein ein Sinnbild der Menschheit nicht minder, als es die reine Höhe der Iphigenie war.

Homerische Rundung der Bildergestalten, Dürersche Sorgfalt und Treue, die Seelengewalt der deutschen Musik gingen miteins, in deutscher Landschaft und deutscher Kleinbürgerschaft edle Einfalt und stille Größe zu walten.

Der aber mit seiner drängenden Neigung so Großes über den Dichter in Weimar vermochte, ihm fiel von seiner besonnten Kraft ein größerer Segen zu.

Schiller, der Dichter der Räuber, trat ein in die klassischen Gärten des Meisters; wohl blieb er der Sturmvogel der Freiheit, der Wortgeist hoher Gedanken, aber die Heftigkeit seiner Gebärden wurde vor Goethe still an der Gelassenheit seiner Erscheinung.

Als Schiller das Riesenbild Wallensteins in eine große Wirklichkeit stellte, als er der Glocke den hohen Feiergesang schrieb, Maß und Würde des Bürgertums preisend, da kannte der Dichter den Dichter, wie er dem Menschen aufgetan war.

Und als dem Dichter der Räuber zuletzt sein Tellspiel gelang, rief es noch einmal Tod den Tyrannen, aber nun waren die Räuber ein Volk, das sich aus frecher Bedrückung mannhaft und maßvoll die Freiheit gewann.

Elf Jahre lang blühte der Bund seine stolzesten Blumen und reifte den starken Saft seiner Früchte; im Dasein der Deutschen war es die Hochzeit, sie wurde gefeiert zur selben Zeit, da die reichsfürstliche Herrlichkeit hinstürzte in Staub und Stank.

Nicht Frankfurt und Nürnberg, nicht Mainz und Köln, nicht Wien und Berlin: eine Kleinbürgerstadt an der Saale war der gesegnete Platz ihrer Feier.

Da gingen die hohen Gestalten im stillen Gespräch starker Gedanken, da war die feurige Fülle begeisterter Jugend um sie, da wuchsen im Licht ihres Geistes die Männer heran, die danach Deutschland erfüllten.

Elf Jahre lang blühte der Bund, dann sanken der drängenden Neigung die Hände: im sechsundvierzigsten Jahr seines stürmischen Lebens starb Schiller; die lohende Flamme losch hin, das einsame Leuchtfeuer stand in der Brandung der Zeit, weiter und weißer als je in die nächtlichen Fernen zu dringen.

Hölderlin

Hold wie sein Name war Hölderlin und hell wie Apoll der Jüngling aus Schwaben, der bei dem Kaufmann Gontard in Frankfurt Hauslehrer wurde; schön war Susette, die sittige Hausfrau, edel an Geist und Gestalt und aller Sehnsucht Vollendung: der helle Gott fand die Göttin.

Die aber in göttlicher Ferne ihm vorbestimmt war, stand in der irdischen Nähe durch Pflicht und Neigung dem Kreis verbunden, darin sie die Hausfrau und Mutter und für den armen Lehrer aus Schwaben die reiche Herrin vorstellte.

Sie sah das Licht der eigenen Ferne in seinen Augen gespiegelt, sie hörte den Klang seiner Stimme, wie ein Wanderer die Glocken der Heimat vernimmt, sie ging den Wolkenweg seiner Gedanken Hand in Hand; Schwester und Mutter war sie dem Jüngling, aber sie ließ seine Leidenschaft nicht über die Schwelle des Hauses, darin sie die Frau war.

Ihn hatten, vaterlos, zärtliche Frauen erzogen, er wußte den Schritt nach der Sitte frei zu bemessen; so trat er nicht fehl, und ehe die Fäden der Schuld ihm die Füße verstrickten, verließ er die Nähe.

Der Hauslehrer ging nach Schwaben zurück, die Hausfrau blieb in der Pflicht ihrer Tage; kein Schatten fiel auf den irdischen Weg, die lohende Flamme stand auf dem Altar der Liebe im Tempel der hohen Herkunft behütet.

Diotima hieß er die Schwester und reine Geliebte im Glück seiner stolzen Gedichte, ein Stirnband aus Sternen band er der Göttin ins Haar, und keusch verhüllt war die Herrlichkeit ihrer Glieder.

Wohl gab der Schmerz des Abschieds seine Schatten her, ihr Bild zu verdunkeln; aber das Licht ewiger Fernen erhellte die Schatten, daß auch der Schmerz ihre Schönheit bediente.

Die Ewigkeit war im Wandel der Sinne verhüllt, und der Schmerz war ihr tiefes Geheimnis; Herkunft und Hingang der Seele bedeckten die Wolken des Tages, über den Wolken stand die Heimat der Götter in ewiger Bläue.

Der so mit Sternen sein Götterbild kränzte, der hell wie Apoll seinen Schmerz in den Abgrund versenkte, der ein Sendling der göttlichen Wiederkunft war, indessen die hohen Gestalten in Jena frei durch die Wirklichkeit schritten, mußte sein Dasein anders als irdisch vollenden.

Fern seiner schwäbischen Heimat, im hitzigen Süden von Frankreich, wo er zum andernmal Hauslehrer wurde, fiel das Geschick über Hölderlin her wie ein Geier, gesandt von den Göttern.

Sein Geist, längst aller Tätigkeit fern, wurde mit in die Lüfte gerissen; seine Seele, der Schwingen beraubt, blieb im Gehäus des irdischen Leibes.

Ein Frühsommertag hing seine schimmernde Wolkenlast über das schwäbische Land, als Hölderlin heimkam, braun von der glühenden Sonne, einem Landstreicher gleich in zerrissenen Kleidern, im Schoß der Mutter sein Leid auszuweinen.

In Frankfurt sank zur selben Zeit Susette, die sittige Hausfrau, dem frühen Tod in die Arme: Diotima, die Schwester und reine Geliebte, kehrte zurück in die Ferne, indessen der Dichter, im Wahnsinn der Nähe gefesselt, noch vierzig Jahre zubrachte.

Ein letzter Sendling der Götter hatte der Erde sein Opfer gebracht; seine Gesänge blieben im Dasein der Deutschen, als ob ein Harfenlied fremd im Tageslärm klänge, als ob das Geheimnis der Wehmut selber den göttlichen Ursprung besänge.

Die Romantik

Jena, die Kleinbürgerstadt an der Saale, war die hohe Schule des Geistes geworden, Lehrer und Schüler liefen ihr zu; der Große von Weimar war gern zu Gast.

Nie hatte die Sonne der Griechen heller geschienen; als sie im Mittag stand, kamen die Wolken, sie zu verhüllen: von Götz zu den Griechen war Goethe gegangen, die aber in Jena Romantiker hießen, gingen den nämlichen Weg mit Inbrunst zurück.

Sie sahen die Gegenwart kläglich und klein wie der Meister und drangen mit hungrigen Augen in die Vergangenheit ein, sich eine schönere Welt für ihre Sehnsucht zu finden.

Aber sie mochten die Heimat nicht missen; sie liebten das krause Giebelgebälk ihrer Gassen, sie liebten die ragenden Dome mit dem Figurenwerk der Portale, sie liebten die Burgen, gleich Adlerhorsten auf zackige Felsen gebaut, sie liebten die Klöster tief in den waldigen Tälern.

So wurde die alte Empfindsamkeit wach, und ihre schweifende Sehnsucht erkannte, daß einmal doch Segen im nordischen Menschenwerk war, daß Liebe und Schönheit, Weisheit und Stärke regierten, als über der Willkür selbstsüchtiger Fürsten die alte Reichsherrlichkeit wachte.

Sie saßen auf ihren Ruinen und träumten der alten Zeit die neuen Sehnsüchte zu; sie fuhren den Strom hinunter und grüßten die hohen Fenster der Burgen, als ob ein Fräulein dastände, den frohen Gesellen zu winken.

Sie sahen den alten Kran auf dem Dom und wie sein graues Gemäuer halbfertig dastand, ein Wahrzeichen der Wehmut inmitten der harmlosen Wirklichkeit; aber sie wollten das Werk der Väter vollenden, wenn einmal -- so ging ihr glühender Eifer -- das Reich wieder Gegenwart wäre.

Daß solches geschähe, mußten die neuen Herzen der alten Zeit gläubig die Türen aufmachen; dessen wollten sie Herolde sein.