Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 22
Eine Stimme allein war eine Taube, die kläglich flatternd den Raum nach den andern absuchte; erst wenn der Baß ein Paar daraus machte und wenn die Brut der Mittelstimmen dazukam, daß sie zu Vieren mit gleichem Flügelschlag selig dahin schwebten, jede auf eigenen Flügeln und doch gemeinsam im Flug: dann konnte sie fliegen.
Dann glaubte die fromme Gemeinde, das Lied gewaltig zu singen, weil ihre Stimmen sich in der Melodie fanden; aber stärker als ihre Stimme war der Baß in der Orgelgewalt, er trug den singenden Ton durch Höhen und Tiefen, und daß er beruhigt in seinem starken Arm läge, deckten die Mittelstimmen ihn weich und warm zu.
Die Melodie war nicht mehr das Wort und das Lied der singenden Seele allein, aus der Tiefe des Raumes kam ihr die starke Gottesgewalt zu, und daß sie nicht über das Wunder so starker Begleitung erschräke, schwebten die Engel harmonisch dazwischen.
Erde und Himmel waren vereint, wenn die Orgel des Meisters den starken Viergesang machte; ob er brausend anschwoll oder im sanften Gesäuse wohlig dahin schwebte, die Seele war nicht mehr allein.
Keine Donnergewalt fiel ihren Sang an, und keine selige Flöte hieß ihn verstummen, der Sang war in Gott und Gott in ihm, weil jenseits von Zeit und Raum die Harmonie in der Ewigkeit schwebte.
Auch wenn der Meister die Stimmen der Orgel allein in den Raum sandte, gingen sie nicht wie Fremdlinge hin über die Ohren der Leute; jede stieg aus der Erde der Toten ans Licht, und jede fuhr in den Himmel, die staunende Seele auferstand mit.
Und ob es schwingende Geigen und blasende Hörner, ob es Schalmeien und Flöten, Fagott und Klarinetten, ob es ein Saitenklavier oder ein menschlicher Stimmenchor war: immer entzückte der Meister das starke Geheimnis, daß eine Stimme Antwort im Raum, starke Begleitung und seliges Glück in der Gemeinsamkeit fand.
Aber das Wunder wurde Erscheinung, wenn er den ganzen Heerbann der Stimmen aufriß, wenn das große Orchester den hundertstimmigen Chor nahm und gegen die Orgelgewalt herrlich anstürmte: dann baute der Meister noch einmal die Schöpfung über dem ewigen Abgrund.
Sünde und Schicksal, Schuld und Versuchung, das dunkle Leid und die blitzende Lust sanken zurück in die Allmacht, daraus sie kamen.
Wohl brandete die Hölle und wohl traf der Tod, aber ihr Sieg und sein Stachel lagen beschlossen in Gottes allgütiger Hand; tiefer als Trauer und Furcht, höher als Freude und Hoffnung trugen die Flügel der Gnade und Liebe die Seele in Ewigkeit hin.
So war der Meister und so war seine Musik, und die seine Schöpfergewalt spürten, ahnten nicht das Geheimnis, daß in den Tönen bereits das Himmelreich war, das ihre Gläubigkeit jenseits erhoffte.
Die Pietisten
Blut und Verwüstung des Krieges hatten die Herzen der Harten nicht zu erweichen vermocht: in Wittenberg saßen die Pfaffen nicht anders als vormals in Rom, die geistliche Herrschsucht hatte ein neues Kirchenkleid angezogen.
Ein Prediger kam aus dem Elsaß nach Frankfurt, Jakob Spener geheißen, und anderen Geistes, als ihn der Hochmut der lutherischen Kirchenobrigkeit kannte.
Er hatte das Theologengezänk und die Wortgläubigkeit an den Schulen erfahren und wußte, daß andere Dinge als Liebe und Freiheit den Gang der Kirche und ihrer Pfarrer bestimmten; er aber wollte eher der Unmündigen einer denn der lieblose Knecht kirchlicher Rechtgläubigkeit sein.
Er schlug keine Thesen an eine Schloßkirchentür, er band keinen Aufruhr der Geister an seine Sendung, auch war er kein härener Täufer, nach Buße zu schreien: er zündete nur das vergessene Licht an und wartete still, ob es den Wanderer riefe.
Christ sein hieß ihm, die Wiedergeburt seiner Seele erleben, wie es den Jüngern geschah, als sie Jesum erkannten; und wer ein Gläubiger solcher Wiedergeburt war, brauchte die Priester und Schriftgelehrten des Lehrkirchentums nicht.
Die Liebe war in der Dürre vertrocknet und die Freiheit im Katechismus gefangen, als Spener, der Schwärmer in Christo, sein zaghaftes Licht in Frankfurt ansteckte; aber die evangelischen Seelen im Land, die danach seufzten, strömten dem blassen Schein zu.
Wie es der ersten Christengemeinde geschah, erwachte das Leben der Liebe in den Winkeln: kein loderndes Feuer, kein krachender Brand, nur eine heimliche Glut, aber Deutschland stand seltsam durchleuchtet.
Die Rechtgläubigkeit schrie, und die Obrigkeit strafte; Wittenberg trat auf den Plan, die Irrlehre zu verdammen: aber die hochmütigen Herren der Kirche hatten das Herz des evangelischen Volkes verloren.
Die Gläubigen hießen sich selbst die Erweckten und wurden zum Spott die Pietisten genannt; sie trugen den Spott mit Geduld und die Verfolgung mit Eifer: bald waren der Stundenbrüder so viel, daß die Kirchen leer standen.
So hatte Spener, der Schwärmer in Christo, die Lehre des Nazareners noch einmal erweckt; aber das Lächeln der Liebe und Weisheit war nicht auf den Lippen, nur in den Augen blinkte die blasse Verzückung der Nachfolger Christi, indessen die Aufklärung schon auf den Straßen in stolzen Karossen dahinfuhr.
Die Aufklärung
Der Menschengeist hatte den Himmel der Priester und ihre Hölle geglaubt, ein Jammertal war ihm die Erde geworden; nun wollte er selber kraft seiner Vernunft das Schicksal gestalten und wollte nicht länger dem Glauben der Priester am Gängelband gehen.
Die Erde war seine Wohnung, und alles, was seine forschenden Augen aus ihren Fenstern erkannten, hieß er Natur: Natur war Wasser und Luft, Feuer und Erde, Natur war das Gewächs und Getier, Natur war der unermeßliche Himmel mit seinen Sternen, Natur war der Mensch mit seinen Sinnen und Süchten.
Natur aber hieß, im eigenen Gesetz dasein: Naturgesetz war die Bahn der Gestirne und alle Waltung der Kräfte, Blühen und Welken, Leben und Sterben stand darin beschlossen, und keine Willkür konnte sich abseits erfüllen.
Galilei hatte der kühne Pisaner geheißen, der gleich dem Genuesen Columbus hinaus fuhr, die Neue Welt zu entdecken, der Himmel und Erde in das Gesetz der Natur stellte.
Zur selben Zeit, da Seni der Sterndeuter Wallensteins log, stand Galilei als Greis in Rom vor den Priestern und mußte, sein Leben zu retten, den Widerruf schwören.
Aber die Tage der Kirche waren gezählt, und ein anderer Ketzer war dies, als die mit der heiligen Schrift in der Hand gegen die Kirchenverderbnis aufstanden; die Wissenschaft kam mit dem Rüstzeug ihrer Beweise, der Menschengeist wollte mit seiner Vernunft Naturgewißheiten sehen, statt an das Mirakel der Priester zu glauben.
Denn alle Verheißung der Kirche hatte gelogen, statt Frieden auf Erden war blutiger Zank um die Lehre der gläubigen Völker gekommen; Vernunft und Natur konnten kein Glück im Himmel verheißen, aber sie prahlten, dem Menschen die sichere Wohnung auf Erden bauen zu können.
Christian Fürchtegott Gellert
Es war ein schwächliches Predigerkind aus Hainichen und sollte selber ein Prediger werden; aber sein schlechtes Gedächtnis und seine Schüchternheit machten dem Armen die Kanzel zum Schrecken.
Auch war er heimlich der Poesie zugetan und hielt einen rundlichen Reim lieber im Sinn als eine polternde Predigt: so wurde er Lehrer in Leipzig und las mit zärtlicher Liebe über die Schönheit.
Sie war keine strahlende Göttin für ihn, und den Pegasus liebte er nicht, der seinen Reiter mit rauschenden Flügeln in die olympischen Lüfte hinaufriß; ihm war die Schönheit ein sauberer Garten hinter dem Haus, mit reinlichem Sand auf den Wegen, von Buchsbaumhecken umhegt.
Da pflegte er seine bescheidenen Blümchen: Schneeglöckchen, Aurikeln und rotbraunen Goldlack, Reseda und blaues Vergißmeinnicht, vielfarbene Astern im Herbst, und für den Winter die haltbaren Strohblumen.
Und wußte wohl, daß den Blumen allein kein häuslicher Garten gehöre, daß allerlei Kräuter und Suppengrün, reichlich Salat und ein wenig Kohl, Gurken, Erbsen und Bohnen, an Stangen gesteckt, samt krausen Mohrrübenbeeten für einen Haushalt vonnöten, und daß ein reifender Kürbis ebensowohl ein behaglicher Anblick sei als auch eine schmackhafte Nahrung.
Denn der Professor der hausbackenen Schönheit war selber ihr Dichter: Oden und geistliche Lieder, Fabeln mit frommer Moral, Schäferspiele sogar und sein Roman von der schwedischen Gräfin hielten sich ängstlich dem Flügelroß fern.
Ein bißchen Aufklärung und ein bißchen Erweckung; der kleinste Zuschnitt des Lebens mit erlaubter Vernunft und erlaubten Gefühlen fand seinen empfindsamen Sprecher.
So lehrte, lebte und schrieb Christian Fürchtegott Gellert in Leipzig und war der demütigen Jugend der liebe Gott selber im Schlafrock; die Fürsten sandten ihm Geld, die Bürger Schinken und Holz, daß sein kränklicher Körper im Winter gewärmt und ernährt sei.
Und als er tot war, flossen die Tränen um ihn wie nie um einen Dichter in Deutschland, Denkmäler zeugten der Nachwelt für seine Verehrung; seine Fabeln blieben im Mund der genügsamen Jugend und seine geistlichen Lieder im Kirchengesangbuch.
Klopstock
Zu der Zeit, da der Gutsherr in Rheinsberg seinen Freunden französische Verse vorlas, weil seine fürstliche Bildung den Weg zur eigenen Sprache nicht fand, wuchs in Schulpforta ein Jüngling, Klopstock geheißen, der diesen Weg strenger als einer der Dichter vor ihm zu gehen bereit war.
Er hieß noch ein Schüler der unteren Klassen, aber schon tastete er stolz nach dem Ruhm, seinem Volk den Messias zu schreiben, der übermenschliches Leben und göttliches Tun in deutschen Versen berichten und eine erhabene Dichtung sein sollte, wie es die hohen Gesänge der Griechenwelt waren.
Tief erkannte der Jüngling, daß Worte zu reimen und Sprache zu dichten zweierlei wäre, und daß der Vers kein Silbengeklapper sein dürfe, sondern der hohe Hinschritt stolzer und schöner und liebreicher Worte.
Als die drei ersten Gesänge gedruckt waren, ohne den seltsamen Namen des Jünglings, war ihre Wirkung, als ob im nüchternen Alltag wieder ein Priester dastände, den Göttern zu opfern, aber sein Opfergott war der Messias.
Da schnaubte das Flügelroß Feuer, das in den Fabeln von Christian Fürchtegott Gellert unpäßlich war; einsame Herzen fühlten die stolzen Gesänge als die Wiedergeburt der deutschen Dichtung.
Bald war der seltsame Name des Jünglings bekannt, und Bodmer, der brave Professor, rief ihn nach Zürich, daß er im Kreis begeisterter Freunde als Ehrengast weile.
Sie hatten den Sänger wie seine Gesänge erwartet und waren erschrocken, den brausenden Jüngling zu haben, der seine verlassene Fanny in hundert Tollheiten verschmerzte und in der peinlichen Zucht der Zürchergeschlechter ein Feuerbrand war.
Er fuhr auf dem See mit bekränztem Becher, er stand auf dem Uto mit wehenden Haaren, und als ihm der mahnende Zuruf bänglicher Freunde zuviel war, lief er hinaus in die Berge, im Aufruhr der großen Natur sein Herz zu versöhnen.
Daß er sein heiliges Werk frei von den Sorgen des Tages vollende, berief ihn der dänische König; und während Voltaire, der Franzose, fürstlich geehrt bei dem Spötter von Sanssouci saß, war Klopstock, dem Deutschen, in Kopenhagen die dänische Freistatt bereitet.
Aber ihn band keine Laune fürstlicher Freundschaft; als der Franzose mit Feuer und Schwefel aus Sanssouci abfuhr, kam Klopstock nach Hamburg, seine Cidli heimzuführen.
So sicher war ihm das Dasein durch dänische Gunst bis in sein hohes Alter bereitet, daß er nicht einen Tag sorgte und, wie ein Priester geehrt, seinen Dichterstand trug.
Er ging in sein fünfzigstes Jahr, als endlich die letzten Gesänge von seinem Messias erschienen; ein Vierteljahrhundert hatte die rauschenden Flügel müde gemacht, und manches, was einmal stolzer Schritt war, ging nun auf Stelzen; doch wie ein Dom über den Häusern stand sein Messias.
Und während sein Name im Zweifel der Frommen langsam gefror, hatten ihm seine Oden wärmere Freunde gewonnen.
Da war ein höheres Priestertum als die blasse Verzückung der Pietisten, da war die reine Luft hoher Berge, darin die Gedanken gleich seligen Wolken über dem blauen Hügelfeld standen, da war die große Schönheit der Natur in Silber gespiegelt.
Und wie die Gesinnung rein und erhaben, so war die Kunst der Sprache vollendet, weitab vom Gleichklang des Reimes ließ sie die Worte stark und schön klingen nach ihrer Bedeutung.
Er alterte früh, der solch ein Dichter der reinen Erhabenheit war, und als er im Alter zusah, hatte die Jugend sich dreimal zu anderen Dingen gewendet, so daß er der Zeit fremd und seines Ruhmes verdrossen die Augen zumachte.
Sein Grab aber in Ottensen wurde ein heiliger Ort und ein Tempel der Geister, die in der bunten Vielfältigkeit und in der täglichen Torheit der Sprache das Schaubild der Ewigkeit suchten.
Der Hainbund
Hoch über den Alltag hin und heilig im Morgenlicht ihrer Sendung waren die Verse Klopstocks gewandelt: im griechischen Silbenfall fremd, fromm und deutsch im Selbstgefühl ihrer Würde und im Bardenton ihrer Sprache.
Denn ob es Ossian war, der keltische Sänger, der darin wiederklang, ob der Traum des Dichters nur einen Olymp im Nordlicht vorstellte: er trat in den gezirkelten Garten französischer Bildung als der erhabene Hochklang der deutschen Vergangenheit ein.
Und was ein Irrtum des Dichters seine Bardieten nannte, die Oden germanischer Herkunft, das wurde ein heiliges Feuer der Jugend, daraus sie den Stolz und die Liebe der eigenen Sprache und ihrer reichen Geschichte wiedergewann.
Es war ein blaßblauer Herbsttag, da der Jünglinge fünf aus Göttingen den ehrwürdigen Eichenhain fanden, da sie den heißen Freundschaftsbund schworen, da sie mit Eichenblättern bekränzt sich selber die Barden der deutschen Erneuerung nannten.
Denn nicht nur zu dichten war ihr Traum; sie wollten, wie es der Meister war, Sendlinge sein einer neuen Gesittung: die deutsche Seele, von ihren Höfen und Herren treulos vergessen, sollte im Bürgertum wiedergeboren und sollte dem deutschen Volk wieder die Schicksalsmacht sein.
Als den Jünglingen danach das Wunder geschah, daß Klopstock der Meister selber in ihrer Mitte dasaß, den sie wie keinen Menschen verehrten, als sie ihm Treue gelobten in seine herrlichen Augen, und an dem Klang seiner Stimme beglückt dem Edelwort lauschten, da saß die Seele der Deutschen am Tisch, ihre Wiedergeburt zu feiern.
Sie trugen alle im Sinn, Dichter zu werden, aber nur einem hatten die Musen das Herz berührt: Hölty war er geheißen, ein Jüngling der heiteren Schwermut und süßen Liebe.
Aber ihm stand schon die Grenze gesteckt; wo er mit Freunden schwärmerisch ging, war ein Schatten allen sichtbar dabei.
Eine Handvoll Frühlingsblumen zu pflücken und sie auf den Weg der Freundschaft zu streuen, war ihm vergönnt, dann blieb sein Schatten allein.
Den Hainbund hatten die Jünglinge ihre helle Freundschaft genannt und mit Eichenlaub ihre Hüte bekränzt; als Hölty dahin war, hingen die Kränze verdorrt an seinem einsamen Hügel.
Aber was ihren flüchtigen Bund so hoch und heilig entflammte, blieb in der Welt: die deutsche Seele war wieder wach und wollte sich endlich vollenden.
Lenore
Als die zärtlichen Freunde in Göttingen den Hainbund hatten, lebte da ein Student, Bürger geheißen, schon nicht mehr jung, in Schulden und schlimmere Dinge verstrickt, aber der Reimkunst mächtig wie keiner von ihnen.
Venus und Bacchus hießen die Götter in seinem unsteten Leben; wo Klopstock erhaben hinschritt, lief er auf läßlichen Wegen der Leidenschaft nach.
Aber die Freunde hielten ihn fest und fackelten nicht, bis sie dem unseligen Mann, von seinen bösesten Schulden befreit, als Amtmann in Altengleichen noch eine Tür ins Dasein aufgemacht hatten.
Da schrieb er den Freunden zum Dank und sich selber zum Ruhm die hämmernden Strophen seiner Lenore.
Sie waren zart und empfindsam, die Göttinger Freunde, sie standen im Alltag wie Blumen im Korn; ihm aber sprang aus der Seele des Volkes ein Nachtgespenst zu.
Lenore stand, ein geschlagenes Herz, hadernd vom Morgenrot bis in die Nacht, weil ihr der Liebste nicht wiederkam aus der Schlacht; aber im gleißenden Mondlicht kam er aus Böhmen geritten, die Braut in sein Bett heimzuholen.
Eine Stunde vor Mitternacht klopfte er an, und hundert Meilen mußten sie reiten in der selben Nacht; aber schnell reiten die Toten: als es zwölf Uhr schlug auf dem Turm, sprang die Kirchhofstür auf vor dem schnaubenden Roß, und ein Leichenstein stand, wo die hadernde Seele ihr Hochzeitsbett suchte.
Seitdem der Sänger Kriemhildens Rache beschwor, hatte der Mond nicht so grausig geschienen: aus dem Bodensatz uralter Herkunft rissen die hämmernden Strophen die Seele des Volkes ans Licht.
Der ein schlimmer Student in Göttingen war und durch die Sorge der Freunde sein klägliches Amt hatte, war über Nacht der Mund seines Volkes geworden, und mehr als die Namen der Freunde, mehr als der Name sonst eines Dichters, wurde der seine genannt.
So schienen dem unseligen Mann die Türen weit aufgetan, aber ihm waren die Füße verstrickt; wo er den Schritt hinsetzte, ging seine Leidenschaft mit, bis er selber an seinen Leichenstein kam.
Als Gottfried August Bürger in Göttingen starb, schloß sich ein Buch, darin kein Blatt rein beschrieben und vor den Augen der Menschen schuldenfrei war: der auch die dunklen Mächte in seiner Hand hält, band es in Gnade, daß Schlimmes und Gutes klar vor der Vergessenheit stand.
Lessing
Klopstock der Sänger hatte der deutschen Seele die Herkunft gesungen, und die Jünglinge im Hainbund waren sein zärtlicher Nachhall gewesen; Lenore, die hadernde Braut, war durch den Mondschein der Herzen geritten: aber die Höfe und Herren merkten nicht, was aus der Seele des Volkes ans Licht kam.
Sie sahen noch immer nach Westen und ahmten die Sprache und Sitte französischer Zierlichkeit nach und blieben die Puppen der Pompadour, bis Lessing den Sängern und Schwärmern beisprang mit dem geschliffenen Schwert seines Verstandes und mit dem männlichen Mut seiner Meinung.
Er war das elfte Kind des Pfarrers in Kamenz und sollte die Theologie in Leipzig studieren, wo Gellert der frommen Moral den Hausgarten bestellte; aber der junge Gelehrte, halb noch ein Knabe und halb schon ein gefährlicher Geist, fand es gescheiter, tanzen, reiten und fechten zu lernen und der witzige Freund der Schauspieler zu heißen.
Eine andere Kanzel schien ihm die Schaubühne und der Menschengeist eine andere Gemeinde, denn daß ein Pfarrer dastand mit seiner Predigt.
Und wie der Jüngling in Leipzig sein Freibeuterdasein begann, unstet und arm, von schwacher Gesundheit: so bot er dem Alltag sein helles Sonntagsgesicht, das ein früher Tod vor dem Alter Klopstocks bewahrte.
Der König von Preußen stand noch im schlesischen Feld, aber die Namen von Roßbach und Leuthen hatten geklungen, als Lessing den Klang in sein Herz nahm, dem preußischen Ruhm das lustige Loblied zu blasen.
Minna von Barnhelm hieß er sein Stück, und es war nur der Alltag, mit dem sich darin ein stolzer Major des Königs herum schlug; aber der trotzig erbitterte Mann war ein Sonntagskind wie sein Dichter und führte die fröhliche Braut heim.
Seit Hans Sachs war es nicht mehr geschehen, daß die Zeit auf den Brettern ihr eigenes Spiel sah, daß der Alltag sich selber zur Schau stand und staunend bedeutendes Tun in seinen Taten erkannte.
Wo das lustige Stück auf den Brettern erschien, kam das Vertrauen des eigenen Daseins zurück; wie Friedrich der König bei Roßbach hob Lessing der Dichter den Stolz und Spott des deutschen Bürgertums auf gegen das Welschtum der Höfe und adligen Herren.
Der aber den Brettern dies treffliche Spiel gab, war kein Dichter der tönenden Harfe; mehr als ein klingendes Wort galt ihm der scharfe Gedanke: Wahrheit und Klarheit fegten die Luft rein, wo Lessing am Werk war.
Den Staub auszuklopfen und durch zerbrochene Scheiben in dumpfe Stuben frische Luft einlassen, in frömmelnder Enge und gegen den Dünkel gelehrter Schulmeister der Freimut zu sein, war seine Lust; und eher hätte der Hund den Hasen gelassen, als daß Lessing der Unredlichkeit Raum ließ.
Wie sein Geist wachsam und mutig, so war seine Sprache hell und stark im Gelenk; seit Luther hatte der deutsche Mund nicht mehr so bündig gesprochen.
Aber die Not des Herzens war Freiheit der Vernunft geworden, und über den Tiefen der brünstigen Seele schritt der Menschengeist hin, Himmel und Hölle zum Trotz den irdischen Weg zu versuchen.
Da galt es nicht mehr den Papst und nicht mehr die römische Kirche; ein Pastor Goetze in Hamburg war Lessing wichtig genug, die Unduldsamkeit zu bestreiten, damit der Mensch, jenseits der Kirchengebote und über dem Katechismus, wieder das Maß seiner Dinge bedeute.
Pietisten und römischen Priestern den Spiegel der duldsamen Weisheit zu halten und über den Kirchengewölben dem Menschengeist selber den Tempel zu bauen, schrieb er -- schon grau an den Schläfen und schon beschattet vom Tod -- sein mildes Vermächtnis.
Nathan den Weisen hieß er das lehrhafte Spiel seines Alters, und als die uralte Weisheit des Morgenlands ließ er den Christen, Juden und Türken das scherzhafte Märchen von ihren drei falschen Ringen erzählen: aber es war das Abendland, das darin den Geist der Duldsamkeit fand.
Zu Wolfenbüttel starb Lessing, indessen der Spötter von Sanssouci vereinsamt ins Abendrot starrte; der König erkannte die Bruderhand nicht, die ihm der Menschengeist reichte, weil er die Sprache des eigenen Volkes noch nicht verstand.
Herder
Zu der Zeit, da Lessing Minna von Barnhelm ausschickte, die eigene Gegenwart lieben zu lernen, liefen die Deutschen in Riga einem Prediger zu namens Herder, Sohn eines Kantors in Mohrungen und fast noch ein Jüngling, der an der Domschule lehrte.
Anders als sonst Wort und Weisung der Bibel wurde sie Bild und Gleichnis in seinem Mund; denn tiefer als eins ihrer Wunder war dies, daß die Seele selber den Heiland gebar, daß Himmel und Hölle nur Bilder der eigenen Tiefe vorstellen.
Hamann, der Magus im Norden, war dem Adepten, der so an der Domschule in Riga die ewigen Kerzen aufsteckte, in Königsberg Meister und Lehnsherr gewesen.
Verhangene Weisheit und grell aufspringende Gedanken, geheimnisvolle Nächte und blinkendes Irrlicht hatten die Zauberwerkstatt des seltsamen Mannes erfüllt, daraus Herder den Talisman nahm.
Die römische Mutter war dem Abendland Weltmutter gewesen, sie hatte den blonden Kindern des Nordens den Saal des Augustus und danach die Kirche über dem Stuhl Petri gebaut, und Luther der Ketzer hatte an ihren Brüsten gesogen.
Der Magus im Norden lehrte die weitere Weisheit der Mutter, daß auch die Wölfin nur ihrem Wurf angehöre; Christ sein im Abendland, hieß in den Stunden der Menschheit die jüngste Gegenwart sein.
Die Menschheit war die unendliche Fülle der Seele, die in den Völkern und Zeiten zum ewigen Dasein erwachte; nur wer die stumme Natur als die ewige Mutter und im Geist den Vater erkannte, der wurde ein Mensch und ging als Kind Gottes erlöst in seine Allgegenwart ein.
So war die Lehre des Meisters in dunklen Sprüchen verhüllt, aber der Jüngling wußte sie zu erhellen: alles Leben wuchs aus den heiligen Tiefen, und die Vergangenheit war sein behutsamer Gärtner; was sie als Dichtung behielt im Dasein der Völker, war blühende Blume im ewigen Dasein.
Die älteste Urkunde der Menschheit hieß Herder danach die Bibel; er nahm die heilige Schrift aus dem Kirchengewölbe und trug sie hinaus in die Weiten der Wolken und Winde, dem Menschengeist die blauen Fernen der Heimat zu weisen.
Da waren die Völker nicht mehr die gemeine Masse, darüber die Bildung hochmütig hinging, sie waren die bunten Beete im Garten Gottes auf Erden, und was ihre Seele in Liedern, Sagen und Märchen bewahrte, hieß er die Stimmen der Menschheit.
Als er die Stimmen der Völker in Liedern heraus gab, fing für das Abendland ein neuer Augenblick an: die Christenheit wurde zur Menschheit erweitert, und Herder war ihr Prophet.
Götz
Als Herder seufzend in Straßburg saß, daß ihm Jungstilling, der Arzt, seine Fistel kuriere, kam ein Student zu ihm, Wolfgang Goethe geheißen, ein Frankfurter Ratsherrensohn und schon eines jungen Dichtertums voll.