Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 21
Einsam und bitter ins Abendrot blickend von seiner hohen Terrasse, starb Friedrich, der König von Preußen; nur noch sein Windspiel war um ihn, als er die großen Augen zu Sanssouci schloß, um die Messerspur seiner Lippen den grausamen Zug der Menschenverachtung.
Maria Theresia
Sich selber und Habsburg die Kronen zu retten, mußte die Tochter des Kaisers acht Jahre lang den Erbfolgekrieg führen, bevor ihr das Erbteil im Frieden zu Aachen anerkannt wurde.
Sie war nur eine Frau; denn Franz, ihr Gemahl, das Franzl geheißen, zählte nicht einmal in Österreich; aber sie hatte ein tapferes Herz, und ihre freundliche Schönheit rührte die Liebe der Völker.
Auch war sie klug und entschlossen und wußte zu geben, wo sie zu nehmen vorhatte: als sie in Ungarn erschien, bedrängt und genötigt, um Beistand zu bitten, war ihre Hand nicht leer; die Magnaten dankten der jungen und schönen Königin, daß sie so klug in der Not war.
So wurde Ungarn das Herz ihrer Länder; hier war sie gewählt und gekrönt, hier konnte ihr keiner das Recht zu herrschen bestreiten, hier fand sie den Mut und die Macht, die anderen Kronen zu halten.
All ihre Feinde bezwang sie, zuerst die Puppe der Pompadour, den Kurfürsten Karl Albert von Bayern, den die Mätresse des Königs von Frankreich als Kaiser in Frankfurt ausrufen und aushalten ließ.
Nur Friedrich, dem preußischen König, mußte sie Schlesien lassen; zweimal verlor sie den Krieg, nicht aber den Zorn auf den Räuber und den glühenden Wunsch ihrer Rache, das preußische Unkraut zu vernichten.
Elf Jahre lang ließ sie die Saat mit Ungeduld wachsen: die Kaiserpuppe der Pompadour starb in Erbärmlichkeit hin, Franz, ihr Gemahl, wurde als Kaiser gekrönt, und Kaunitz, ihr kluger Minister, kam sacht in das Spiel.
Er machte den Frieden zu Aachen als Sieger, aber er ließ den Franzosen klüglich den Ruhm, aus Edelmut zu verzichten; er saß als Gesandter in Frankreich und knüpfte die Fäden in stiller Geduld, bis das unmögliche Band gewebt war, bis die Tochter des Kaisers mit der Pompadour einen Pakt schloß.
Nur Frauenhaß konnte so fremde Fäden verschlingen; als die Zarin als dritte dazukam, gereizt durch den Spötter, als die drei Großmächte noch Schweden und Sachsen in ihren Rachebund nahmen: da schien die Tochter des Kaisers am Ziel.
Aber der Spötter in Sanssouci hatte nur scheinbar getändelt, der Fuchs brach aus, ehe die Jäger den Bau umstellten, und aus der listig bereiteten Jagd wurde die siebenjährige Plage des Krieges.
Sieben Jahre vergeblicher Hoffnung und harter Enttäuschung machten Maria Theresia alt; als ihr Franzl zu kränkeln begann, mußte sie hoffnungslos den Frieden von Hubertusburg unterschreiben.
Der Spötter von Sanssouci hatte gesiegt; der ihrer katholischen Frommheit der Ketzer und ihrem Frauenstolz eher der Teufel denn ein Menschenkind war, konnte als Sieger heimreiten, indessen ihr nur die Tränen um Schlesien blieben.
Der grausame Krieg und die Hoffnung so vieler Jahre gingen Maria Theresia schmerzlich verloren, aber sie war in der schlimmen Bedrängnis die Mutter des Landes geworden.
Sie hatte kein Sanssouci, wo sie in fürstlicher Laune dem Untertan fremd blieb; sie war eine Frau und allzeit zärtlich besorgt, und hielt ihre Brust der Menschlichkeit warm.
Sie stärkte den Bauernstand gegen die adligen Herren, sie sorgte für Schulen und baute Spitäler; wo eine Not war, kam ihre Hilfe, und wo ein unmenschlicher Brauch quälte, wie bei der Folter, schnitt sie das Unrecht der Herkunft ab.
Eine fleißige Schaffnerin saß in der Hofburg und ging durch die Straßen von Wien, Ordnung zu halten; eine Mutter und weiße Matrone lächelte auf dem Thron und nahm die Liebe des Volkes als Dank.
Und als ihr der Tod kam, der um den einsamen Spötter in Sanssouci hüstelnd herum ging, war ihren Völkern das eigene Blut abgestorben: wie Kinder weinten am Sarge Maria Theresias Männer und Frauen, ihr schmerzvolles Begräbnis hatte ein Bürgerkleid an.
Joseph der Zweite
Ein silberner Mond schien über Wien und das österreichische Land, da Maria Theresia Hausfrau und Kaiserin war; aber ihr hitziger Sohn ging auf in der Frühe als ein sehr starker Komet.
Er sah den Stern von Sanssouci strahlen, und schon dem Jüngling entbrannte der Ehrgeiz, sein grelles Gefunkel zu überglänzen: was Friedrich als König in Preußen dem Volk schuldig blieb, das wollte Joseph der Zweite im Reich als Kaiser bedeuten.
Fröhlicher als sonst eine Krönung wurde die seine in Frankfurt gefeiert; der schlanke Jungmann, leutselig und licht gegen jedermann, gefiel der staunenden Menge; nur die Fürsten und Räte der Reichsherrlichkeit krausten die Stirnen.
Sie sahen den Ehrgeiz auf andere Dinge als auf den Glanz der Reichskleinodien gerichtet, sie hörten den Habsburger Hochmut in seiner Leutseligkeit knistern und waren besorgt, das Reich möchte wiederkommen.
Als der Kaiser dann hitzig anfing, den Staub auszuklopfen, als er dem Reichshofrat und dem Lindwurm des Reichskammergerichts hart auf den Leib rückte, als das Gespenst eines klaren gemeinsamen Reichsrechtes die Hüter des Lindwurmes erschreckte: fing heimlich und boshaft der Widerstand an.
Der scheckige Reichsmantel war aus den Lappen und Flicken der Fürsten und Fürstchen geschneidert; als Joseph der Kaiser ihn nach dem prunkvollen Umstand der Krönung anziehen wollte, rissen die Nähte.
Er mußte mit seiner Gerechtigkeit warten, bis ihm die eigenen Erbländer gehörten, die seine Mutter noch immer als Hausfrau regierte.
Er stand im vierzigsten Jahr, als sie starb, nur ein Jahrzehnt blieb seinem hitzigen Tun; als ob er den frühen Tod spürte, ließ er den Kehrbesen nicht aus der Hand, der Staub wirbelte hoch und manche Gasse wurde rein, wo er sich regte.
Er hob die Leibeigenschaft auf, daß der Staat im Recht der freien Gemeinde statt in der Willkür reicher Machthaber stände; er sah nach den Schulen der Armen und daß die reichen Grundherren mit an den Lasten des Staates trügen, dem sie den Genuß ihres sorglosen Daseins verdankten.
Er tat, was nie ein Habsburger wagte, er sagte der Kirche die Hörigkeit auf.
Wo eine üppige Weide, ein prangender Weinberg, fruchtbares Feld war, wo fleißiges Bauernvolk schaffte, hatten im Habsburgerland die Klöster sich breit aufgetan; er ließ sie schätzen und schließen, wo ihr Dasein nur eine Pfründe für den fürstlichen Abt und wo die Schar der Bettelmönche nur eine Landplage war.
Als er das Letzte zu tun nicht zagte, als Joseph der Zweite im Erbland Ferdinands das kühne Toleranzedikt gab, das jedem Christen die Kirchenform seines Glaubens freistellte: da ging ein Seufzer durch Österreich, daß nun der Antichrist käme.
Der Papst fuhr selber nach Wien, den Kaiser zu warnen; der nahm ihn auf, wie es dem Statthalter Petri gebührte, aber er wollte seinen Völkern Gerechtigkeit tun und folgte allein seinem Gewissen.
So legte er selber die Wurzeln der Habsburger Macht bloß; als er danach aus all seinen Kronländern einen Staat machen wollte, fehlten der Hofburg die eifrigen Hände, die Habsburg stark gemacht hatten.
Böhmen und Ungarn wollten den Habsburger dulden als Träger der eigenen Kronen, aber niemals Österreich untertan sein; als er die Herkunft zu zwingen begann, säte er selber die Drachensaat der Empörung.
Im brabantischen Land fing sein Mißgeschick an, wo die Schwester Christine als Statthalterin spöttisch regierte: wie die sieben Provinzen Philipp von Spanien den Gehorsam aufsagten, so taten ihm nun die andern, als er die Landesverfassung aufhob.
Der Staat, das bin ich! sagte auch Joseph der Zweite und wollte den Völkern Gerechtigkeit bringen; aber sie waren das Unrecht gewohnt und wollten lieber darin verharren, als der Herkunft der Väter ungetreu sein.
Wie Karl der Fünfte einst in St. Just legte der sterbende Kaiser die Zügel der Herrschaft hin; die Kronländer für Habsburg zu retten, zerriß er mit fiebernden Händen die neuen Gesetze.
Nur unter den Armen in Wien, die er aus Willkür und Unrecht befreite, blieb sein Bild rein im Gedächtnis: seine Mutter hatte das Land in der alten Ordnung gehalten und starb mit Liebe gesegnet, er wollte die neue Gerechtigkeit bringen und siechte im Haß hin.
Die Pompadour
Die zierliche Frau eines Zöllners hatte den König von Frankreich gefangen, wie ihn die Hofdamen fingen; als seine Gier ihres Leibes satt war, ließ sie den König getrost seinen weiteren Lüsten, aber den Hof und die Macht ihrer Stellung behielt sie klug in der Hand, sodaß sie die heimliche Königin wurde.
Sie hieß nun Marquise von Pompadour, und die Großen der Welt mußten nach ihrer Gunst gehen, die eine geborene Fisch und eine Zöllnersfrau war.
Denn anders als sonst eine Königin war diese zierliche Frau; sie kannte die wirklichen Mächte der Welt und wußte, daß Macht haben allein ihr kluger Gebrauch sei.
In dieser Klugheit wußte sie trefflich die Fäden zu flechten; und weil der König von Frankreich ein blödes Tier, sie aber ein handfestes Weibsbild war, so hielt sie das Land vor böseren Dingen bewahrt.
Auch stand ihr zierliches Bild gut in dem Rahmen, den ihr die Kunst der galanten Zeit gab; denn nun war der höfische Prunk zum köstlichen Zierat geworden, den sie das Rokoko hießen.
Der Altsilberglanz chinesischer Seiden, die zärtliche Kühle des Porzellans, die launischen Formen und Farben der Teller und Kannen waren im Abendland Mode geworden, darin es fremd gespiegelt ein neues Gesicht fand.
Die gläsernen Leuchter weißgoldener Säle ließen auf blumigen Seidengewändern kristallisches Licht spielen; Stühle und Tische standen mit zierlich gebogenen Beinen auf blankem Parkett; Rahmen von Altgold hielten gleich Ranken die Ränder verschnörkelter Spiegel; auf dem Marmorkamin blinkten die Silberfiguren der Standuhr.
Alles war hell und kühl wie ein Frühlingstag, darin die Damen auf Stöckelschuhen spazierten; alles war leicht und verschnörkelt wie die Scherze, damit die spitzengeschmückten Herren die Herzen der Damen gewannen.
So war die Welt, darin die Marquise von Pompadour Königin spielte; so war der Traum von Versailles, darin der Adel des Abendlands leichtsinnig lebte; so war der Hof, darin der König faul und verachtet sein Dasein hinbrachte.
Als die Pompadour starb und die rote Dubarry dem alternden König ins Bett kam -- die eine Dirne war und eine Gräfin wurde -- brach der Untergrund all dieser Zierlichkeit durch: das Laster legte die Maske der Wohlerzogenheit ab und war nur noch freche Gemeinheit.
Das war die Zeit, da der Neffe des Menschenverächters in Sanssouci sein verächtlicher Nachfolger wurde, da die Fürsten in Deutschland sich eine Pompadour hielten, da die adligen Herren auf Kosten der Bürger und Bauern einen fröhlichen Himmel auf Erden genossen.
Aber schon blies der kalte Wind in die fröhlichen Lichter; als Ludwig der Fünfzehnte in seinen Lüsten verdarb und Ludwig der Sechzehnte den Namen des Königs von Frankreich wieder ehrlich machen wollte, war es zu spät für den redlichen Eifer.
Maria Antoinette
Als die Habsburger Prinzessin nach Frankreich fuhr, Gemahlin des Dauphin zu werden, war sie fast noch ein Kind; sie machten ein Feuerwerk in Paris, ihr zu Ehren, es wurde ein großes Unglück daraus, und viele Menschen verbrannten: der Brandgeruch blieb in den Kleidern der blonden Prinzessin.
Die Tochter Maria Theresias hatte die ehrbaren Lehren der Mutter im Sinn, aber ihr Köpfchen stand nach den Freuden der Jugend: sie wollte gut und gerecht sein und eine tapfere Königin werden, ihr eigener Tag aber sollte der fröhlichen Laune gehören.
In Trianon draußen die schelmische Schäferin spielen, schien ihr viel schöner und freier, als in der starren Pracht von Versailles Königin sein.
Aber die Zeit war vorüber, da die Könige Blindekuh spielten; indessen die Königin harmlose Fröhlichkeit naschend in Trianon ging, hing an den Gittern der Groll, und die Not zählte die Stunden, die der Königin sorglos verflogen.
Der Staat war in Schulden, und drückende Steuern hielten die Last nicht mehr hin; das Land war leer, und das Volk sah mit Grimm den prahlenden Reichtum, indessen ihm längst das Nötigste fehlte.
Auch war das niedere Volk nicht mehr verlassen: kühne Schriften gingen ins Land und glühende Herzen riefen nach einer anderen Gerechtigkeit, als daß nur einer das Leben genoß, indessen Hunderte seufzten.
Was in dem Himmel der Priester verheißen war -- die selber die Erde genossen -- das sollte wahr werden in der irdischen Wirklichkeit; in den Gassen der Städte und draußen im Acker waren die Flüche und Fäuste bereit, das verheißene Reich zu erzwingen, wo Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit waren.
Ein Diamantenhalsband ging übel verloren: die Königin habe den Schmuck mit Liebesstunden bezahlt und Rohan, so hieß es, ihr zärtlicher Freund, müsse die Falschheit der Königin öffentlich büßen.
Eine Schwindlerin hatte der Welt den üblen Spaß angerührt; wie der Brandgeruch an der blonden Prinzessin blieb nun der wilde Verdacht an der Königin haften: der Groll an den Gittern entbrannte zum Haß.
Da war das harmlose Spiel in Trianon aus, die fröhliche Schäferin mußte die leidvolle Königin spielen; die Lehren Maria Theresias wurden wach, aber nun war es zu spät, ihrer zu achten.
Die gläsernen Leuchter der Fürsten waren herunter gebrannt, kein Diener kam mit den Kerzen; es wurde dunkel im Schloß zu Versailles; nur über der brodelnden Nacht von Paris lag wieder der fahle Schein des Brandes.
Als danach der Tag kam, hatte der Brand den Traum von Versailles verschlungen, in der Wirklichkeit wurde die Königin wach: ein Fallbeil stand zu Paris, ihr den blonden Kopf abzuschlagen.
Mozart
Ein Wunderkind kam nach Wien; ein Knabe aus Salzburg, Mozart geheißen, spielte der Kaiserin auf dem Klavier, und alle die Herren und Damen Maria Theresias staunten, wie solch ein Kind schon ein Zauberer wäre, mit seinen Tönen den süßen Genuß der Gefühle zu lenken.
Und wie in Wien, geschah es in London, im Haag, in Paris: überall staunte das Kerzenlicht um den Knaben aus Salzburg, der das Klavier gleich einem Großen zu meistern verstand.
Lärmender Beifall und lockender Ruhm war um den Knaben, aber der strenge Vater ließ ihn nicht locker in der Zucht seiner Kunst: Beifall und Ruhm sollten seiner Musik nicht die Quellen verschütten.
Vor den Herren und Damen der Höfe zu spielen, war nur ein Gauklergewerbe; aber den Menschenseelen Gesang und dem Wohllaut der Geigen, Flöten und Hörner harmonische Fülle zu geben, hieß ein Musikmeister der Ewigkeit sein.
So wurde das Wunderkind Mozart ein Jüngling und Mann, der seiner Musik den echten Zauberstab hielt; so wuchsen dem Rosenjahrhundert der Pompadour Flügel, in den Himmel der Töne zu fliegen.
Als Maria Theresia starb, rief Joseph, ihr schwärmender Sohn, Mozart nach Wien, daß er sein Kammermusikus würde; doch hatte der hitzige Schmied kühner Herrscherpläne kein Ohr, das Wunder der Töne zu hören.
Indessen der Kaiser den Blasebalg zog, das störrische Eisen der Herkunft zu schmieden, indessen sein Hof ein kühner Gedankenplatz war, indessen die Stadt an der Donau, unbesorgt solcher Gedanken, die Fröhlichen lockte mit reichen und rauschenden Festen, saß Mozart in mancher Bedrängnis.
Er hatte die schöne Konstanze gefreit, und sein Klavier stand nicht still, um die Gulden zu spielen, die seine Frau fröhlich verbrauchte; auch waren die welschen Musiker dem Neuling aus Salzburg feind, und den Höflingen galt er als eine Marotte des neuerungssüchtigen Kaisers.
Aber in blinkenden Nächten, von den Plagegeistern der Tage, von Sorgen und Süchten umlauert, riß seine Seele die Sterne vom Himmel und barg ihre ewige Tröstung in seiner Musik.
Als sie in Wien die Hochzeit des Figaro spielten, das fröhliche Stück von dem frechen Barbier im Perlengewand Mozartscher Töne, da flog dem Zauberer aus Salzburg anderer Beifall und Ruhm zu, denn da er als Wunderkind am Klavier die Herren und Damen der Höfe mit flinken Fingern entzückte.
Da hörte das leichtgeschürzte Jahrhundert den gläsernen Ton seiner Schalmei, da war die Marquise von Pompadour seine schelmische Göttin geworden; der Zauberer hielt ihr das Schellenband hin, mit schlanken Beinen hinüber zu springen.
Ihm aber, der ihr und der Zeit mit seiner hellen Musik das Schellenband hielt, ihm lagen schon andere Töne im Ohr: aus der Tiefe stieg die Vergeltung mit steinernen Schritten; der Boden barst und die Zeit versank mit ihren Lüsten und Lastern, mit ihrem Gelächter und gläsernen Glück in den Abgrund, als Mozart den Don Juan schrieb.
Nie hatte die Kühnheit heller geprahlt, als da der freche Verführer Himmel und Hölle zum Trotz sein Champagnerlied sang; nie hatte die Ewigkeit so ihren Donnermund aufgetan, als da der steinerne Gast den Lästerer holte.
So rief er der Zeit den Tag seines Zorns und war doch ihr eigenstes Kind; zwischen Himmel und Hölle tapfer ein Mensch zu sein, ließ Mozart zuletzt die Zauberflöte erklingen.
Da hing die irdische Liebe gläubig der eigenen Glückseligkeit an, Schuld und Bedrängnis vermochten nicht, ihren Weg zu beschatten: wie die Sonne am Mittag schritt ihre Allgewalt über die Ströme und finsteren Wälder, über die Felsen und Abgründe in seligen Tönen hinüber.
Als Mozart der Menschheit solche Musik schrieb, hatte der Tod sein Herz schon berührt; noch konnten die fiebernden Hände sein Requiem schreiben, dann sank er selber hinein in die ewige Ruhe.
Er war ein Kind seiner Zeit wie keiner: alles, was sie zu lächeln vermochte, lächelte er; als ob die Erde ein Blühegarten der Freude, als ob der Mensch aller Blüten und Freuden Nutznießer wäre, so machte Mozart, der Meister des Wohllauts, Musik.
Das Buch der Propheten
Hans Sachs
Zu der Zeit, da Dürer sein köstliches Schilderwerk malte, da die Ratsherrn, Humanisten und Zunftmeister die wachsamen Hüter der Bürgerschaft waren, da es noch Stadtfreiheit gab gegen die Frechheit der Fürsten, saß in seiner Schuhmacherwerkstatt zu Nürnberg der fröhliche Meister Hans Sachs.
Er hatte als Jüngling den Meistergesang fleißig geübt und war auf der Wanderschaft eifrig gewesen, die neuen Weisen zu lernen: nun galt er als Meister der Singschule, wie er ein Schuhmachermeister war.
Der aber im Meisterlied seinen Mund auf alle Töne zu spitzen verstand, hielt der Natur Augen und Ohren geöffnet, auch saß ihm ein fröhliches Weib auf der Diele, das ein anderes Mundspitzen übte.
So war der Meister Hans Sachs ein rechtschaffener Mann, der von den Sachen der Welt mancherlei wußte; als er in redlichen Reimen davon zu erzählen begann, mußte das zierhafte Meisterlied erschrocken die Ohren zuhalten.
Keifende Weiber und krätzige Bauern, fahrendes Volk und schlimme Gesellen, alles was um den Meister Hans Sachs gemeine Wirklichkeit war, ließ er in spaßhaften Reimen spazieren.
Aber der Spaß wurde fröhlicher Lärm, und die Frechheit sah manchmal hinein, wenn er sein Fastnachtsspiel machte; da konnten die Spitzbuben recht die Bauern betrügen, die Dummen konnten von Herzen gemein und die Völler betrunken sein.
Wenn dann der Meister Hans Sachs mit dem warnenden Finger hinzu kam, merkten die Zuschauer wohl, daß er schalkhaft mitlachte.
Der so fröhlich die Täglichkeit sah, wußte, so war es immer gewesen: die Guten und Bösen, die Dummen und Schlauen, die Vornehmen und die Gemeinen füllten die Erde wie kalt und warm, wie Regen und Dürre, wie Flamme und Rauch; wo sie einander am hitzigsten trafen, war das Leben am liebsten geschäftig.
So las er die alten Berichte und sah das Leben nur als das Gestern an, darin das Heute geschah; und alles Heute war sein, ob es Salomo, Kaiser Karl oder die schöne Melusine genannt war.
Aber der reichste Schatzhalter war ihm die Bibel: gleich Bilderbogen zog er die alten Judengestalten und ihre Handlungen ab, angemalt mit den Farben, die ihm die eigene Täglichkeit schenkte, und mit der fröhlichen Weisheit unterschrieben, die der Schuhmachermeister darin fand.
So emsig suchte sein Eifer, daß ihm keiner entging, von Adam bis Archelaus; alle mußten aus seiner fröhlichen Feder neu in die Welt spazieren, und alle mußten zu Nürnberg im fränkischen Land noch einmal Wirklichkeit sein.
Er wurde in Fröhlichkeit alt und war noch als Greis ein fleißiger Schaffner, nur die Schuhmacherwerkstatt verließ er, an seinem Schreibpult zu sitzen.
Und als ihm im achtzigsten Jahr seines Lebens die Sprache versagte, saß er noch immer an seinem Pult und las in den Büchern, die er kaum noch verstand.
Nur in den Augen war noch das fröhliche Leben geblieben, und wer als Gast in seinen Altenteil trat, dem nickten sie schelmisch zu.
Das Kirchenlied
Als der große Krieg unsägliches Leid auf das deutsche Land legte, als der Reichtum der Bürger in Armut versank, als die fröhliche Flur leer wurde wie die fleißige Werkstatt und auf den Straßen nur noch das Elend dem Hunger begegnete, als der Menschengeist seiner blutigen Tat satt war, sang eine Stimme der Seele Trost und Erbauung.
Luther hatte das Lied von der festen Burg gläubig gesungen, es war die Fahne des evangelischen Glaubens gewesen, und manche trotzige Faust hatte die Fahne geschwungen; nun lag sie verkohlt unter dem Brandschutt.
Aber die Stimme der deutschen Seele hob wieder an, die alten Weisen mit neuen Worten zu singen; und ob sie zitternd sang und mit Tränen: Gott war wieder darin, und sein gesungener Trost fand wieder Ohren und Herzen.
Spitzfindigkeit, Wortgläubigkeit und Sittenhochmut hatten der evangelischen Lehre ein neues Kirchenkleid angetan, darin die Landesobrigkeit die Papstgewalt war; aber das Kleid war zerrissen, nur das Lied blieb wie ein Licht in der Nacht.
Wenn die Gemeinde beisammen saß, es zu singen, wenn das schwellende Wort sich in den Orgelton legte, dann kehrte die gläubige Seele in ihre Heimat zurück.
Befiehl du deine Wege! sang ihr Wiegenlied den Kindern und Alten; und wo ein Grab den Sarg in das schwarze Loch nahm, stand die Stimme dabei: Jesus meine Zuversicht! trotz Tod und Betrübnis zu singen.
So kam es, daß die deutsche Seele den lauten Jammer und die leise Klage, den Trotz und die Verzagtheit überwand, daß sie an den Gräbern der stolzen Vergangenheit und im Elend der bittersten Gegenwart den Heldenmut fand, noch mitten im Krieg: Nun danket alle Gott! mit gläubigem Herzen zu singen.
Bach
Eine Hütte am Brunnen der Wüste, so nahm das Kirchenlied die Flüchtlinge des Krieges unter sein Dach; aber Gott sandte den Meister, der deutschen Seele noch einmal Zion zu bauen.
Der von allen Meistern der Kunst der gewaltigste war, der aus der Seelengewalt noch einmal die Schöpfung vollbrachte, der einzige, der seinen Turm in den Himmel zu bauen vermochte: er wurde den Deutschen, wie einmal der jüdische Zimmermannssohn, in Niedrigkeit eingeboren.
Johann Sebastian Bach war eines Ratsmusikers Sohn, der durch die Gunst der Ratsherren sein unfreies Gewerbe in Eisenach trieb; aber Vater und Mutter starben dem Knaben, den danach sein Bruder in Ohrdruf aufzog.
Als Singknabe in Lüneburg mußte er schon im fünfzehnten Jahr sein kärgliches Brot selber verdienen; als Geiger und Organist in Weimar, Arnstadt, Mühlhausen und Köthen trug er sein mühsames Tagwerk nach Leipzig, wo er Musikmeister hieß und an der Thomaskirche den Kantor vorstellte.
So kärglich und mühsam, wie er sein irdisches Dasein begann, so kärglich und mühsam ging es zu Ende; bis er grau wurde und starb, mußte der übergewaltige Mann den Krämern in Leipzig den Kirchenchor leiten.
Einmal im Alter fiel eine Ehre der Welt auf ihn, als ihn der König von Preußen nach Sanssouci rief, weil er der Vater von seinem Kammermusikus war; er durfte dem Spötter die Orgel vorspielen und auf dem Klavier seine Flöte begleiten.
Sonst blieb sein Dasein im Schatten des Kleinbürgertums, darin der Meister mit seiner Hausfrau und Kinderschar untergeschlüpft war.
Wenn Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche in Leipzig den Choral spielte, dann sang die Gemeinde ihr gläubiges Wort in die Orgel und wußte nicht, warum ihr die Seele im Gesang so übergewaltig anschwoll.
Aber der Meister konnte nicht eine Stimme begleiten, ohne daß ihm die Brunnen der Tiefe aufbrachen, darin die gewaltigen Ströme stark und brausend nach Freiheit begehrten.