Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 20

Chapter 203,856 wordsPublic domain

Er ritt nach Neapel und lag vor Toulon, er kämpfte in Holland und Flandern, von der blutigen Walstatt zu Malplaquet fuhr er nach Frankreich und brach dem König das prahlende Lille aus dem Stachelkranz seiner bewaffneten Plätze.

Er war ein Herzog, wie einmal die Helden der Völker Herzöge waren; wo es am heißesten herging, war er zu finden, und so viel Kugeln trafen den Kühnen, daß kein Musketier böser vernarbt war als er.

Der Prinz Eugen hieß er bei Großen und Kleinen, sein Name allein war eine flatternde Fahne, wo er sein Lager hielt, liefen Reiter und Fußvolk ihm über.

Und als der blutige Krieg um die spanische Herrschaft endlich ausging, nicht gut für das Reich und den Kaiser, weil ihm das englische Ränkespiel zuletzt den Sieg aus der Hand nahm: machte er selber den Frieden zu Rastatt und war ein kluger Staatsmann, wie er ein kühner Feldherr gewesen war.

Zwei Jahre lang saß er in Wien, und war schon grau und dachte der Ruhe zu pflegen, als ihn die Türkengefahr noch einmal ins Feld rief.

Er hatte als Jüngling vor Wien nach dem ersten Lorbeer getastet, bei Ofen und Belgrad die ersten Wunden empfangen, bei Zenta den feurigen Ruhm seines Namens gefunden: nun zog der Graukopf gegen den alten Feind, sein Leben zu krönen.

Der blutige Krieg um die spanische Erbschaft hatte ihm einen fremden Dienstmantel umgehängt, nun war er wieder daheim, und siegesgewiß kam das Heer, mit dem Prinzen Eugen zum letztenmal gegen die Türken zu fahren.

So war der Sieg bei Peterwardein die Ehrenschrift seines Ruhmes und der Sturm auf Belgrad das Siegel; als er dann wieder nach Hause kam, standen die Türen der Hofburg weit auf, aber das Volk von Wien herzte den Namen des Prinzen wie eine Liebe.

Max, der ruhmvolle Kaiser, war durch die Straßen geritten, und Wallensteins Sänfte hatte den Prunk seines düsteren Daseins getragen: aber der Prinz Eugen war der Türkenbezwinger, er hatte den Halbmond gebannt, daß wieder die Sonne auf Wien schien.

Wie einer sein Glück in der Welt macht und danach die Zinsen daheim fröhlich genießt, so lebte der Prinz sein Alter in Wien, sein Haus reich und schön zu bestellen.

Den Belvedere hieß er den feinen Palast, darin er gepudert und zierlich gekleidet die alternden Tage hinbrachte, schöne Dinge zu sammeln und kluge Menschen zu hören, Musik und eine stolze Geliebte als Greis zu genießen.

Der seine Mannheit auf den Schlachtfeldern Europas hinbrachte, hauchte sein zärtlich umhegtes Leben aus wie ein Windspiel; in seinem prunkreichen Bett starb Eugen, dem das Glück von Wien zufiel, obwohl er ein Prinz von Savoyen war.

Die fürstlichen Schlösser

Das war die Zeit der fürstlichen Schlösser; nicht mehr die Burgen der Ritter von einst, auf waldigen Bergen, im sumpfigen Wasser, mit moosigen Mauern und plumpen Türmen befestigt: Prunkstätten der höfischen Hoffahrt und fürstlichen Willkür standen sorglos im offenen Land.

Wasserkünste und Lauben, aus Buchs künstlich geschnitten, gezirkelte Wege und breite Terrassen mit Lorbeerkugeln bestellt, marmorne Götter und Faune, hängende Gärten und heimliche Brücken ahmten das Bild von Versailles abgöttisch nach.

Und wie die Gärten dienten die Schlösser dem Abgott der Fürsten: Der Staat, das bin ich! so stand ihr prahlendes Wesen mitten in Armut und mühsamer Arbeit.

Der Winzer pflegte den Weinberg, der Bauer bestellte die Felder, der Bürger versuchte sein redliches Handwerk zu treiben, wie es in alter Zeit war: aber dem kläglich zerbrochenen Dasein der Deutschen war ein fremder Prunkmantel angetan.

Längst sprachen die Fürsten und Herren französisch, französische Kleider und Sitten hielten den Hof hochmütig fern vom verachteten Wesen der Bürger und Bauern.

Und Höfe gab es in Deutschland, als ob das Reich der Eulenhorst fürstlicher Herrlichkeit wäre; Länder und Länderchen hielten die Grenzen peinlich gehütet, damit überall eigene Fürstenmacht sei.

Auch waren die adligen Herren dem Hof und den Höfchen gelehrige Schüler; kein Dorf stand im Reich, das nicht sein Krähennest hatte, und wer nicht fürstlicher Untertan war, hieß ihrer Herrschaft leibeigen.

Untertan sein aber hieß, der fürstlichen Allmacht demütiger Diener, mit Leib und Blut der höfischen Zwingherrschaft verfallen sein.

So war die freie Gemeinde in Sonntag und Werktag geschieden: indessen Bürger und Bauern den mühsamen Trott der Werktage gingen, saß in den Schlössern der ewige Sonntag zu Tisch.

Blinkende Gläser und dampfende Schüsseln, seidene Kleider und stolze Perücken, lüsterne Tänze und Spiele, faule Tage und fleißige Nächte füllten die Säle und Hallen der Schlösser, indessen draußen die Arbeit und Plage den schweren Stundenschlag hatten.

Leichtsinn und Laster nahmen der ehrlichen Arbeit den Lohn; Frechheit und Faulheit fraßen den Trog leer, den die verachteten Hände der Bürger und Bauern mühselig füllten.

Gott war nach Frankreich gegangen, und die sein Priesterkleid trugen, dienten ihm gern in der Fremde; Fürsten und Pfaffen glänzten im Glück der welschen Erhöhung, die Seele der Deutschen saß stumm und verachtet im Turm der Bedrängnis.

Der Soldatenkönig

Indessen die Fürsten und Höfe in Deutschland verwelschten, indessen der Troß ihrer Minister, Mätressen, Pferde und Jäger den mageren Wohlstand der Länder verzehrte, wurde in Preußen, so hieß es, ein geiziger Grobian König.

Hermelin und Krone hielt er für unnützen Zierrat, der Soldatenrock war sein tägliches Kleid und der Krückstock sein Zepter; er schnitt dem prunkenden Hofstaat des Vaters die Goldlitzen ab und wohnte wie ein Landedelmann draußen in Potsdam.

Soldaten, Bürger und Bauern: mehr brauchte er nicht für das Land, nur Prediger noch und Schulmeister, daß sie dem Untertan Zucht und Sitte beibrächten und den rechten Gehorsam.

Der Staat, das bin ich! galt auch für ihn; aber sein Wille war keine Willkür sondern Dienst am Gesetz, dem er der oberste Richter sowohl wie der unterste Büttel war.

Wie Peter der Große, sein russischer Nachbar und Freund, hielt er vom Galgen mehr als von sonst einer Weisheit; Männer und Frauen eigenhändig zu prügeln, wo er sie ungehorsam fand, galt ihm keine Schande für einen König.

Künste und Wissenschaft schienen ihm Laster und Torheit; Gesangbuch und Bibel, mehr brauchte es nicht, und wen die Musik lockte, der mochte ein Kirchenlied singen.

So war der preußische Königshof keine Stätte, sich bunt und leicht zu vergnügen; seine Stunden gingen im Trommeltakt, und sein Abendgenuß war eine Wachstube mit Tabak und Bier und saftigen Späßen.

Aber der König im Soldatenrock, der seinen Stock als Überredung gebrauchte und der seinem Untertan kein anderes Recht gab, als zu gehorchen, tat seine Pflicht so treu und genau, wie er sie selber verlangte.

Sie lachten seufzend und liefen erschrocken davon, wenn er sich nahte; aber sie sahen den Staat trefflich bestellt; und wo in den anderen Ländern die Löcher der Schuldenlast faulten, wuchsen bei ihm die silbernen Haufen der Taler.

Denn der König von Preußen, den die anderen Fürsten für einen geizigen Grobian hielten und der in Potsdam wie ein Landedelmann wohnte, war ein kluger Haushalter und ein Meister gerechter Verwaltung.

Es gab keinen kargeren Dienst als in Preußen, aber es gab auch keine höhere Ehre: wie der Soldat den Rock des Königs trug, so hielt der Beamte sein Siegel.

Der Staat des Soldatenkönigs war wie eine Kaserne verwaltet; aber der Bürger und Bauer kam zu dem Seinen, indessen Minister, Mätressen, Pferde und Jäger den kargen Wohlstand der Länder rundum verzehrten.

Der Gutsherr von Rheinsberg

Der preußische König, sein Land mit dem Krückstock regierend, wollte den Sohn nach seinem Bilde erziehen; der aber hing an den Schößen der Mutter, die eine welfische Fürstin und heimlich dem höfischen Prunk zugetan war, wie der König ihn haßte.

Auch war der Kronprinz ein kränkliches Kind, dem alles soldatische Wesen leid war; verstohlen die Flöte zu blasen und die Bücher französischer Dichter zu lesen, rief seiner Sehnsucht ein anderes Königreich wach, als das der König regierte.

Als danach der Prinz am sächsischen Königshof weilte, sah er die Freuden der Welt leichtfertig verschüttet, davon er in Preußen nur sparsam zu kosten bekam; er trank sich voll daran, und hätte die Hand eher abgeschnitten, als daß er sie hieß, nicht nach dem Lustbecher zu greifen.

Aber der Stock des preußischen Königs schonte sein eigenes Blut nicht; ob es der Thronerbe war, er mußte mit Schlägen die Lust und den Trotz büßen, und der Hof sah zu, wie dem Kronprinzen solches geschah.

Der Schmach und der Zucht zu entweichen, rief der Prinz seine Freunde Katte und Keith und dachte, nach England zu fliehen; aber er wurde ergriffen und wie ein Verbrecher nach Preußen zurück auf die Festung gebracht.

Küstrin hieß der düstere Ort, wo Katte, den Freund, vor seinen Augen das Richtschwert ereilte; ein Turm am Wasser im festen Schloß war dem Kronprinzen ein hartes Gefängnis, bis er sich beugte.

Als seines Vaters treu gehorsamer Diener und Sohn saß er danach bei den Akten der Kammer; als seines Vaters treu gehorsamer Diener ließ er sich eine Gemahlin auswählen, die er nicht kannte, und die ihm fremd blieb Zeit seines Lebens.

In jeder Stunde bewacht und bemißtraut, an der dünnen Schnur hängend, die ihm die Schere der Ungnade täglich durchschneiden konnte, wurde der Kronprinz ein Zögling mißtrauischer List und kalter Verstellung, bis er in Rheinsberg die Meisterschaft lernte.

Da hatte der König dem Prinzen ein Schloß aufgemacht, weitab von der Hauptstadt, daß er als Landedelmann lerne, ein einfaches Leben mit seiner Gemahlin zu führen.

Mitten in Wiesen und sumpfigen Wäldern, mit einer steinernen Halle zum See lag das schlanke Gebäude in der Einsamkeit da, ein Gutsherrenhaus für den Jäger und Landwirt: aber der Prinz machte Versailles zum Trotz das neue Wunder Europas daraus.

Wohl gab es allerlei Höfe, wo sich der Geist in Nebengemächern aufhalten konnte, auch hielten die Fürsten sich Künstler, mit prahlenden Leinwänden und Marmorbildern den Glanz ihrer Herrschaft der staunenden Nachwelt zu zeigen: aber hier war der Geist selber zu Haus, und die Kunst ging den eigenen Weg, ihm zu dienen.

Wie ein Jagdherr fröhliche Freunde versammelt, so rief der preußische Kronprinz die Seinen nach Rheinsberg: sprühender Witz und spöttische Laune, helle Musik und freie Gespräche saßen zu Tisch und kreisten sich aus in zierlichen Tänzen.

Fürstlich allein war der Geist; kein höfischer Zwang, kein starres Gepränge hing ihm den staubigen Prunkmantel um: und eher hätte in Rheinsberg ein Frosch in die Zimmer gefunden, als daß die stelzende Würde hinein kam.

Soldaten und Pfarrer, Gelehrte und Dichter und Künstler waren die Gäste des Gutsherrn, aber ihr Amt und die Würde hing mit den Mänteln und Mützen am Nagel; nur was der Mann war kraft seiner Bildung, durfte im Schimmer der Kerzen sein Angesicht zeigen.

Der Menschengeist hob in Rheinsberg sein freies Gesicht gegen die staubigen Mächte; was in der Jugend Europas zu brennen begann, saß mit dem Prinzen am Feuer; und ob er die Sprache Ludwig des Vierzehnten sprach, hinter den Worten stand doch der Geist, anderer Taten gewärtig.

Einen Musenhof hießen sie bald das Gutsherrenhaus in der Mark und einen Medici seinen gastlichen Herrn; die aber in hitzigen Nächten sein großes Auge gewahrten und seinen Zorn funkeln sahen, ahnten, daß andere Dinge in seinem Feuerkopf brannten, als ein Beschützer der Dichter und Denker und Künstler zu sein.

Der König

Dreimal brach Friedrich, der König von Preußen, den Frieden; sein Recht war nicht rein, und die Habsburger hießen es Raub, daß er sich Schlesien nahm: aber der Ruhm seiner freien Gesinnung, die Kraft seiner Taten, seine Standhaftigkeit in der Not und seine Klugheit im Glück machten ihn groß vor den Völkern.

Ein alter Erbstreit um Schlesien schien durch die Jahre geschlichtet, als Friedrich die Not der Hofburg benutzte, den Streit auf die Spitze des Schwertes zu stellen.

In Wien war der letzte Habsburger Kaiser gestorben, und seine Tochter Maria Theresia sollte die Erbin der österreichischen Fürstenmacht sein, aber die Höfe bestritten der Tochter das Recht zu regieren: Bayern, Sachsen, Frankreich und Spanien sagten der Hofburg den Erbfolgekrieg an.

Schneller als einer war Friedrich von Preußen zur Hand; er stand im ersten Jahr der Regierung und brannte mit Inbrunst auf seine Stunde: im Herbst war der Kaiser gestorben, zu Weihnachten schon war Schlesien in seiner Gewalt.

Seine Kassen waren mit silbernen Talern gefüllt, und das preußische Heer kam aus der strengen Zucht seines Vaters: Österreich allein, bedrängt und verschuldet, konnte sich seiner schnellen Schläge nicht wehren; Maria Theresia mußte im Frieden zu Breslau Schlesien lassen.

Der König von Preußen hatte die Gunst der Stunde kaltblütig genützt, aber nun war sein Schicksal verstrickt; was er gegriffen hatte, mußte er halten, das preußische Dasein hing an dem Raub.

Maria Theresia wehrte sich tapfer all ihrer sonstigen Feinde, und Friedrich wußte, wie sie um Schlesien weinte: der Frieden von Breslau war für die Hofburg nur erst ein Stillstand, bevor der zweite Waffengang kam.

Im zweiten Gang schlugen die Waffen schon schärfer; als Friedrich in Böhmen einrückte, ließen Franzosen und Bayern, auf die er gehofft hatte, ihn kläglich im Stich; der eben noch Jäger war, hörte nun selber die Hunde bellen.

Schon bliesen die Habsburger Halali, weil sie den König in Böhmen eingekreist hatten; er aber wußte die harte Bedrängnis in Sieg zu verkehren, indem er die feindlichen Heere nach Schlesien lockte, wo er die ruhmreiche Schlacht bei Hohenfriedberg mit einem tollkühnen Nachtmarsch gewann.

Es war sein erstes Soldatenstück, weil er mit seinem gerüttelten Heer mitten in starker Übermacht stand: aber schon hatte der König im Unglück gelernt, das Glück zu versuchen: nun sah er, daß es dem Mutigen beistand.

Noch aber konnte er seinen Gewinn nicht lässig heimtragen, bei Soor in den böhmischen Bergen stand sein Glück auf der Schneide; erst als der alte Dessauer dem König bei Kesselsdorf Luft machte, gab Habsburg den zweiten Gang auch verloren.

Der Frieden von Dresden beschwor den Frieden von Breslau; Maria Theresia mußte zum andernmal Schlesien lassen, zum andernmal ritt der König von Preußen als Sieger nach Haus.

Aber es war ein härteres Spiel und ein kühnerer Einsatz gewesen, keine Gunst der Stunde hatte ihm leichten Gewinn und Lorbeer gelassen: er hatte auf Tod und Leben gerungen und hatte das Schicksal erkannt, wie es nur seinem Meister Kühnes zu tun gestattet.

Der Spötter von Sanssouci

Es war im fünften Jahr seiner Regierung, als Friedrich der König in seine Hauptstadt zurück kam; er hatte den preußischen Staat vermehrt um eine reiche Provinz, er hatte den Ruhm des Sieges gekostet, aber er war noch immer der Gutsherr von Rheinsberg.

Er wollte sein Fürstentum anders als sonst die Fürsten genießen, emsige Tätigkeit innen und außen sollte den Tag füllen -- denn König hieß ihm als oberster Diener des Staates die Unruhe aller Pflichträder sein -- aber der Abend sollte ihm selber gehören.

Sanssouci hieß er sein helles Lustschloß bei Potsdam, das ihm der heitere Knobelsdorff baute, der Hausgenosse von Rheinsberg; gleich einem Abendgewölk stand es da auf den grünen Terrassen.

Nicht wie Versailles hielt es sein Angesicht abgewandt: über die roten Dächer von Potsdam, über die blinkende Havel und ihre schwarzgrünen Wälder führte der Blick in sein fleißiges Land.

Da war er der König des Geistes, dem seine Tafel ein anderes galt als ein Tisch mit leckeren Genüssen, da war er der witzige Hausherr, der seine Gäste verblüffte im kühnen Spiel der Gedanken, da war er der Spötter von Sanssouci.

Keiner von seinen Freunden in Rheinsberg war ihm geblieben, und seine Gemahlin, die dort noch die anmutige Hausfrau war, durfte die Schwelle von Sanssouci nicht überschreiten; wo Friedrich, der König, sich wohl fühlte, war er Franzose.

Der seinen Staat genau nach den barschen Hausväterplänen des Soldatenkönigs regierte, blieb seinem eigenen Volk fremd in der Seele, wie je ein Fürst seinem Volk fremd war.

Voltaire, der Meister boshaften Witzes, stand als der Stern seiner Bildung über dem Ehrgeiz des Königs, und Sanssouci wurde die lockende Insel im Osten für alle französischen Geister, die in Paris keinen Ankerplatz fanden.

Als Voltaire selber zu Gast kam, als er in Sanssouci saß, fürstlich geehrt durch die Freundschaft des Königs, war das zierliche Schloß über den schlanken Terrassen die Gralsburg der Zeit und ihrer spöttischen Laune geworden.

Sanssouci war, wenn sie zur Tafel dasaßen im kreisrunden Saal, von Kerzenlicht hell überschüttet, wenn sie mit funkelnder Rede und dolchblanken Witzen einander die Grenzen bestritten.

Da konnte der König sich selber und einen mühsamen Tag für flüchtige Stunden vergessen, da konnte der Spötter von Sanssouci, boshaft und wild und seines Witzes vermessen, den Übermut zeigen.

Manch boshaftes Wort ging seinen blitzschnellen Weg an die Höfe, bis es das richtige Ohr fand; was er an bitterer Feindschaft danach zu fühlen bekam, hatte der König in Sanssouci keck übernommen.

Im preußischen Volk ging die Sage von seinen seltsamen Nächten, wo er um witzige Worte die Schlachten nicht weniger heiß als um Schlesien schlug, wo er auf blankem Parkett mit ledernen Stiefeln stand, zärtlich die Flöte zu blasen, wo der König im Kreis seiner Franzosen ein Mensch war, indessen sie nur den scharfen Herrn und kargen Sachwalter zu sehen bekamen.

Ein Fremdling im eigenen Land, verzaubert in fremdes Wort und Werk und fremde Wertschätzung, saß Friedrich in Sanssouci; wo ein funkelnder Geist die letzte Erfüllung fand, war sein Volk nicht zu Hause.

Der Kriegsherr

Als Friedrich zum drittenmal auszog, den Frieden zu brechen, hatte sich rings um das preußische Glück der Kreis seiner Feinde geschlossen: Frankreich und Österreich, Rußland und Sachsen und Schweden standen im Bündnis gegen den König; und mehr als Schlesien sollte es gelten.

Elf Jahre lang hatte die Hofburg heimliche Fäden geflochten, im zwölften sollte das Netz den frechen Spötter von Sanssouci fangen: aber der König bekam warnende Kunde aus Holland und hieb in die Maschen.

Wohl fing er bei Pirna das sächsische Heer und konnte in Böhmen eindringen, aber der Feldmarschall Daun stand besser gerüstet; bei Kolin schlug er dem König das Glück und das Schwert aus der Hand.

Indessen der siegreiche Feind ihm Schlesien nahm, mußte Friedrich nach Sachsen zurück, den kläglichen Rest seiner Kriegsmacht zu sammeln.

Da kam schon Soubise mit der Reichsarmee an, und das Glück lachte den stolzen Franzosen, den schweißenden Fuchs zu fangen; bei Roßbach hatten sie ihre Falle gestellt, aber der Fuchs biß sich durch, ehe sie dachten.

So zornig schlug seine Rute unter die Hasen, daß sie zu laufen begannen von Sachsen bis an den Rhein; und ob es die Reichsarmee war, die mit den Franzosen davon lief: das Gelächter sprang schadenfroh hinterdrein und der Jubel, daß der französische Übermut so zu Fall kam.

Und als der König den Atem nicht anhielt, als er -- ein todwundes Wild -- in dreißig Tagen sein kärgliches Heer von Sachsen nach Schlesien führte, den Schlag gegen die Habsburger Hauptmacht zu wagen, als er das Schalksspiel von Roßbach bei Leuthen feierlich krönte: da staunte die Welt, daß wieder ein Kriegsherr und Held war.

Aber noch waren zwei Jahre erst von den sieben des Krieges bestanden, und schwer trug das Land an den Leiden: zweimal mußte Berlin Lösegeld zahlen, und als der Tag von Kunersdorf kam, schien alles zu Ende.

Das letzte Heer war geschlagen, die besten Führer waren gefallen, Mangel und Mutlosigkeit saßen beim Feuer, kein Lied klang mehr aus den Zelten.

Ein ganzes Jahr lang wollte das Unglück nicht weichen, bis endlich bei Liegnitz wieder ein Sieg kam; aber es war nur ein Loch in den Maschen, und die Übermacht blieb.

Der König war matt und von Schmerzen geplagt; schlug er den Feind hier, standen ihm dort drei neue: der rasch begonnene Krieg konnte im bösen Siechtum nicht sterben.

Da sah die Welt, daß der König ein Held und ein Mann war: standhaft und stolz zog er die Lose, und nahm das schwärzeste hin, wie ein Held das Schicksal hin nimmt, um es zu meistern.

Bis endlich des Blutes genug war und aus den Bränden so vieler Zerstörung der blasse Frieden zurück kam: in Hubertusburg mußte Maria Theresia zum drittenmal Schlesien lassen.

Die großen Mächte Europas mußten den König von Preußen als Sieger anerkennen; sie hatten Berge gewälzt, ihn zu verschütten, aber immer noch stand der Sieger von Roßbach und Leuthen.

Aber nun war es nicht mehr der heitere Gutsherr von Rheinsberg und nicht mehr der Spötter von Sanssouci: als er zum drittenmal heimkam, hager, gebeugt von der Gicht und den unsäglichen Leiden, ließ er dem Sieg das Tedeum blasen und singen; er aber saß in dem hölzernen Stuhl und hielt sein Auge allein auf den Jammer gerichtet, und seine Getreuen sahen ihn weinen.

Der alte Fritz

Als Friedrich wieder in Sanssouci saß, hatte das Alter ihn hart berührt, sein Rücken war steif, und seine gichtigen Beine hatten zu tanzen verlernt; wie sein zorniger Vater ging er nun selber am Krückstock, aber ihm mußte das Holz redlicher dienen.

Sein Spott war scharf wie die Klinge geworden, mit der er bei Roßbach und Leuthen den Feind aus dem Felde schlug; mehr wußten die großen Augen zu blitzen, als daß sein schmaler Mund lachte.

Den Philosophen von Sanssouci hatten ihn seine Freunde aus Frankreich geheißen; nun waren sie fort; und die den einsamen König daher reiten sahen, grau und gebeugt, kannten nur seine Taten, nicht seine Schriften, ihnen war er der alte Fritz.

Er hatte im Krieg den Schlaf verlernt, nun war sein Tag lang, und in der frühesten Frühe kam schon die Sorge nach Sanssouci; aber sie saß nicht im Stuhl, mit schlaffen Händen zu warten, sie war die Sorge der schaffenden Pflicht und des rastlosen Fleißes.

Wie ein Gutsherr das Seine fest in der Hand behält -- wohl gehen die Knechte hinaus in die Felder, die Mägde besorgen den Stall und auf den Vorwerken sitzen Verwalter, aber er reitet hinaus, ehe sie denken, und läßt sich das Kleinste nicht reuen, weil er im Kleinen den Wohlstand bedingt sieht -- so sah der König in Sanssouci das preußische Land als sein Eigentum an.

Bauern und Bürger waren ihm sein Gesinde und die adligen Stände seine Verwalter; er ritt in ihr Tagwerk hinein, zu loben und schelten, wie er es fand, er führte das Hauptbuch und saß an der Kasse, und wehe, dem sie nicht stimmte.

Daß seine leeren Staatskassen wieder voll würden, nahm er den Städten die Zölle und ließ aus Frankreich Zollpächter kommen, die ihr Geschäft mit harter Findigkeit trieben.

Und ob die Bürgerschaft klagte und heimlich den König samt seinen Zöllnern verwünschte: er ließ sie klagen und schimpfen, soviel sie mochten, aber er nahm ihren Schimpf und die Klage nicht an.

Denn der in der schaffenden Sorge zu Sanssouci saß, kannte den Staat, aber sein Volk war ihm fremd; er hatte im Krieg den Adel brauchen gelernt und half ihm mit silbernen Talern; er lobte den Bauern, wie ein Gutsherr klug sein Gesinde zu loben versteht; er schätzte den Wohlstand der Bürger, der ihm die Steuern bezahlte.

Wohl ließ er jedem das Seine und seinen Glauben dazu, wohl nahm er den Dreispitz und nickte von seinem Pferd, wenn sie ihm jubelnd zuliefen, der ihrer Liebe und Ehrfurcht der alte Fritz und der preußische Ruhm blieb: aber er konnte die Liebe mit keiner Liebe entgelten und war im Alter mit Kälte, was er in seiner Jugend mit Hitzigkeit wurde, ein harter Menschenverächter.

Der Liebling des Volkes schrieb seine Bücher französisch, weil er die deutsche Sprache nicht anders zu sprechen vermochte, als sie ein Feldwebel sprach; seiner hochmütigen Lebensluft blieb jeder als Untertan fremd, weil er ein König und Feldherr wie keiner, aber ein Fürst seiner Zeit war.

So hing ihm der Ruhm seiner freien Gesinnung, seines funkelnden Geistes und seiner Kriegstaten an wie ein geliehenes Kleid; er war der oberste Diener des Staates, aber nicht seines Volkes.