Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 2
Dann steht er allein auf der Walstatt der Götter, Surtur der Sieger aus Süden, und zückt mit der zischenden Glut seines Schwertes den Brand aus der Wohnung der Vanenbezwinger.
Bis an die höchsten Ränder der Welt züngeln Muspils gierige Flammen; die aus Urgebraus kam, aus dem rauschenden Naß durch die Scheidung der elementaren Mächte: die Welt der schuldvollen Götter brennt hin in der letzten Entscheidung.
Wiederkunft
Einmal wird die Lohe verlöschen; aus dem gestillten Meer hebt die Erde von neuem ihr Antlitz gegen den Himmel.
Die Flut wird kühl und verrinnt; im grünen Kleid wie zuvor prangen die Täler und Berge; auch blühen die Blumen im Gras.
Denn die Sonne steht wieder im Blau; ungesät wachsen Halme und Ähren; im Holz des Welteschenbaums haben sich Leben und Leblust gerettet, die Ahnen künftiger Menschheit.
Baldur ist heimgekehrt aus dem Verhängnis der Hel, und Hoenir kam wieder, die Geisel der asischen Götter: Vanen- und Asenkinder vereint spielen im Gras mit den goldenen Tafeln, wie vormals die Väter.
Schuld und Schicksal beschatten nicht mehr die ruhelos drängenden Tage; nach ewigem Gleichmaß schreiten die Stunden im Glanz der neuen Gestirne.
Der im Anfang war und ewig sein wird, der Starke, kam wieder von oben: in unverrückbarer Schwebe hält Er dem Dasein das Recht über dem ewigen Abgrund.
Das Buch der Könige
Die blonden Räuber der Frühe
Rund um das Mittelmeer lagen die uralten Gärten; den Reifriesen fern und nicht zu nah den glühenden Mächten, brachten sie Blüte und Frucht in lässiger Fülle.
Korn und Früchte, Honig und Wein wuchsen den Händen mühelos zu, das Vieh ging wohl auf der Weide, die Fischer holten singend den reichen Fang.
Wie der Wind ging, trieb er die Schiffer an günstigen Strand; vom Morgen- zum Abendland säumte die Brandung blühende Küsten; heiter und hoch am zärtlichen Himmel hielten Rosenwolken die trübe Nebellast fern; die stahlblaue Flut sah selten gefährliche Stürme.
Bräunliche Kinder der Sonne fühlten sich üppigen Göttern in günstiger Nähe, ernteten singend den Segen und hielten sie gnädig gestimmt durch reiche Gaben.
Da kamen von Norden schwertfahrende Völker; Weiber, Kinder und Vieh im Troß ihrer reisigen Habe, wandernde Städte, allabends gerüstet mit Wällen und Ketten um ihre Wagenburg.
Wegkundige Späher fanden die Tore im Rand der Gebirge, berittene Scharen flossen ins Land wie Frühlingsgewässer und bahnten dem Fußvolk den Weg, das mit Schwertern, Schilden und drohenden Helmen bewehrt die furchtsamen Völker bezwang.
Denn größer und stärker waren die Männer als alle Mittelmeerkrieger, blauäugig, blond, nackten Leibes im Schnee und im kalten Gewässer: Riesen der nordischen Nebel, die den Reichtum der Gärten mit Schwertschlag erwarben und die Gunst ihrer Sonne lachend genossen.
Bis an die südlichen Küsten wurden die Völker gedrängt, flüchtend auf eiligen Schiffen, auf felsigen Inseln von ihren Göttern verlassen das Dasein zu retten, indessen die Räuber fröhlich die Ernte einbrachten.
Noch gab es nicht Hellas und Rom, und die Ilias lag noch im Schoß zukünftigen Schicksals, als die Väter der Griechen und Römer die Schwertherren der uralten Mittelmeergärten wurden, als die Sonne Homers zu scheinen begann in den Kranz der olympischen Götter.
Die olympischen Götter
Von Norden kamen die blonden Räuber der Frühe, aus Nebelnächten unendlicher Wälder und von den kalten Meerküsten.
Es ging eine Sage der Heimat mit ihnen von der versunkenen Insel Atlantis, wo der Sonnengott wohnte in blühenden Gärten und wo das Leben im Licht lag, bevor die Reifriesen kamen und die alles verschlingende Sintflut.
Denn einmal gingen sie nicht auf den Straßen der Fremde, einmal wohnten sie froh in der eigenen Freiheit und Er stand im Segen der Fülle: Sein Kleid war die Bläue des Himmels, Sein Auge die strahlende Sonne.
Nun saßen sie wieder an sonnigen Küsten; aber der Gott ihrer Herkunft hielt sich verhüllt in himmlischen Fernen, indessen der elementarische Aufruhr das streitbare Geschlecht der Götter erhöhte.
Die aus Nebel und Not ihrer Flucht in die lässige Fülle der Mittelmeergärten gelangten, malten das Bild des göttlichen Daseins mit lockenden Farben, malten es aus mit dem Glanz ihres irdischen Glücks, mit dem schuldvollen Tun ihrer menschlichen Schwächen.
Auf dem olympischen Freudensitz saßen bei Mahl und Trank die glückreichen Götter; die gleich den Menschen Schwertherren waren, rühmten sich ihrer Taten und Listen und bestritten einander den Rang ihrer himmlischen Geltung.
Wohl hießen sie Zeus den Vater und Fürsten der Göttergewalt, aber die Fülle selbstherrlicher Macht hing verstrickt in menschlichen Trieben; Hera, die Herrin des Hauses, war seiner Treue nicht froh.
Im Schalkspiel sinnenfroher Verkleidung trieben die ungebändigten Wünsche der Götter die Abenteuer der Erde, sie hoben die Lust ihrer Laster ins himmlische Licht und die Tracht ihrer Tugend.
Gnade und Groll ihrer Laune verkehrten den Menschen die Tage aus flüchtiger Freude in trostlose Trauer; aber sie standen im Schicksal wie sie als kurze Tyrannen.
Die Griechen
Jahrhunderte gingen den Schwertherren hin; ihr Glück prahlte laut in den Gärten; die Könige bauten Burgen auf klippigen Küsten, der Ruhm ihrer Taten blähte die Segel kielfester Schiffe.
Troja hieß die Burg und die Stadt über dem Meer, die sie gemeinsam berannten; zehn Jahre lang lagen sie da im Schutz ihrer Schiffe, hoben die Schwerter und Schilde der Helden im Ruhm ihrer Sänger und bestritten den Göttern die Ehre.
Da wurde Ajax die starre Kraft, Achilles die rasende Stärke, Odysseus die biegsame List, Nestor die weise Erfahrung: da trat der olympische Himmel der Götter ins Schaubild menschlicher Taten.
Da hieß die Stärke und Schönheit des menschlichen Leibes die Tugend, da wurde das sterbliche Leben im Kampf unsterblich erhöht.
Aber die Freiheit des Mannes konnte den Göttern nicht trotzen; denn Götter und Menschen standen im Schicksal, Schuld und Vergeltung hielten der Tat die Gewichte der ewigen Geltung.
So wurde das Unrecht der Macht erhöht in das Recht ihrer Geltung, so traten die blonden Räuber der Frühe ein in den Lohn ihrer Tugend.
Sparta hieß ihre Schwertherrenstadt, ohne Burg und Wälle gebaut im lakonischen Bergland, nur von den Schilden und Schwertern geschützt, und in der Zucht harter Gesetze.
Da hatten die blonden Räuber der Frühe das Land geteilt nach dem Recht der freien Gemeinde, da gab es nicht Reichtum noch prahlenden Glanz; und König sein hieß, der freien Gemeinde das Schwert und den Richterstab hüten.
Da war der Männerstolz: Körper und Geist stark und gesund im Dienst des Staates zu halten; da war die Ehre der Frau: dem Mann beizustehen als freie Gefährtin, dem Staat ihre Kinder stark und gesund zu gebären.
So stand die spartanische Sitte freiwillig im Stachelkleid harter Gesetze, so wurde die Stadt ohne Burg und Wall im lakonischen Bergland die Trutzburg griechischer Freiheit.
Bis ihre Sitte den Stachel der Ehre, ihr Gesetz den Stolz der freien Erfüllung traurig verlor, bis der spartanische Staat der freien Gemeinde lasterhaft lässig und feig Tyrannen gehorchte.
Athen hieß die uralte Königsburg der Pelasger, die nach der Trutzburg die helle Hauptstadt der Griechen, die prunkreiche Wiege des Abendlandes wurde.
Nahe dem Meer hing die Stadt der stolzen Akropolis an; die marmornen Tempel und Treppen der Burg traten weithin ins Licht, wie ein Turm über den Dächern hob das Erzbild der Göttin die goldene Lanze.
Auch in Athen war die Freiheit im Schatten der Götter, aber sie liebte die Gärten der heiteren Gunst, sie liebte den mondlichen Schein marmorner Hallen, sie liebte den Markt und das Massengedränge, sie liebte die Schönheit mehr als die Stärke, und die Lust mehr als die Zucht.
Darum schwankte das Schicksal Athens in der Schärfe des Schwertes, und einmal verbrannte das persische Heer die Dächer der schimmernden Pracht: aber die Brunnen der Lebenslust brachten den Brand zum Verlöschen, und herrlicher hob sich die Hoheit der Hallen über dem heiteren Schaubild der Stadt.
Sie schlug sich frei aus der persischen Plage, und Perikles kam, der Meister der Herrschermacht; er baute den Marmorschrein der alten Königsstadt neu und gab den Giebeln die Bildnerei marmorner Leiber.
Er gab den Bildnern, Dichtern und Weisen Griechenlands Weite und Raum, der Menschheit den Traum der Wahrheit, Schönheit und Güte zu bilden.
Der Morgen ging ein in den Abend, als die morgenländische Weisheit nach Griechenland kam, als der düstere Stein der Weisen hell und heiter zu funkeln begann.
Da wurden die blonden Räuber der Frühe Schatzhalter der ewigen Dinge, aus Tiefen der Ahnung wuchs ihnen Vergangenheit zu, über den Abgrund zukünftiger Zerstörung, im Schutt langer Vergessenheit der menschlichen Seele aus göttlicher Herkunft das Kleinod zu retten.
Die Römer
Rauschgolden verging die Sonne der Griechen im Abendrotglück Alexanders, der lateinische Mond stieg auf mit glänzender Scheibe; auf dem Markt von Athen standen römische Wachen, im Spottbild der Gaukler starb ruhmlos Sparta.
Rom hielt das Zepter des Abendlandes über den Mittelmeergärten, über dem persischen Glück und dem messianischen Traum der Hebräer, über dem pharaonischen Altar und über der greisen Jugend der Griechen.
Eine Wölfin, heißt es, habe die blonden Räuber der Frühe gesäugt, die den Völkern am Tiber die neue Schwertherrschaft brachten: eine hungrige Wölfin fraß Länder und Städte und wurde die Herrin der Mittelmeergärten.
Stärker als alle Mächte im Morgen- und Abendland war der stolze Römergedanke, über den Königsglanz, über despotische Willkür für immer Vernunft und Willen der freien Gemeinde als Ordnung des Staates zu stellen.
Sinnbild und Wächter der freien Gemeinde und Hüter des Staates war der Senat der würdigsten Männer; er gab dem Krieger das Schwert und dem Priester den Stab, dem Richter das Beil und dem Konsul die Toga.
Da galt die Stärke und Schönheit des Leibes nicht mehr allein, nicht mehr das heitere Spiel genießender Sinne und kühner Gedanken: über dem bunten Dienst seiner selbst stand das Gebot der Gesamtheit.
Gefährliche Tierheit war aller persönlicher Schein, Sinn war allein im Charakter: karg blieb er in Worten, schlicht im Gewand, streng und gemessen in seiner Haltung, groß allein war die Tat.
Zucht war die Tugend des römischen Bürgers, aber die Zucht war das Glück; denn die freie Erfüllung der Pflicht war mehr als Gehorsam, und das Glück der Römergesinnung war mehr als die Pflicht.
So war der Bürger von Rom und so war die Geltung, daß ihm die bunte Vielheit der Mittelmeervölker gehorchte: als Römer geboren, hieß Gebieter im Abend- und Morgenland sein.
Bis im römischen Weltbürgersaal Macht nur noch Macht war, bis der persische Adler das Feldzeichen der römischen Schwertherrschaft wurde, bis Cäsar der freien Gemeinde das Rückgrat zerbrach, bis Augustus den Prunkmantel der römischen Kaisermacht trug.
Das Land der neblichten Wälder
Die aber die Kundschaft der kühnen Räuber nicht fanden, die an den kalten Meerküsten blieben und in der Nebelnacht unendlicher Wälder: ihnen malte kein lässiges Glück das Schaubild üppiger Götter.
Streitbar und stark blieb Wodans Geschlecht im Kampf mit den Riesen und Alben der kalten Meeresküste, rauh war der Tag, mager die Feldfrucht und mühsam der Wildfang.
Stürme und Sterne der Winternacht hielten das Jahr in der Strenge, kurz war die Wende des Sommers und karg das wärmende Licht seiner Sonne; Kälte und Nässe hingen dem Frühling das Nebelkleid um, früh kam der Herbst mit den Frösten.
Aber in Wetter und Wind standen die schweigenden Wälder, das Quellengeheimnis zu hüten; Wiesen und Felder, getränkt von rieselnden Bächen, gaben dem Fleiß ihre Frucht; das wilde Getier hielt Mut und Freiheit in Atem.
Nicht Städte und steinerne Höfe gab es im Land der neblichten Wälder und keine Tempel den Göttern, nachbarlich fern standen die Häuser im Schatten schützender Bäume, aus Balken gefügt und bedacht mit Stroh, gleich moosigen Zelten.
Wie die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser, so waren die Menschen im Wald; sein Regen umrauschte ihr Dasein, sein Dunkel verschlang ihren Schritt, sein Frühling trieb ihre Knospen, sein Winter verschneite den Schlaf der wartenden Tage.
Aber Er war noch wach in der Herkunft aus lichtreicher Weite, heilige Bräuche und stolze Gemeinschaft hielten dem Mann das Dach seines Hauses vor Frevel geschützt; das Kriegsschwert stak in der Erde, bis Sein Gebot es den Männern gab, die Schärfe zu zeigen.
Ob sie Ihn Ear oder Ziu, Tyr oder Zywaz, Thys oder Thingsu nannten: Er hielt das Recht ihres Daseins über dem ewigen Abgrund.
Wo der uralte Wald die grüne Lichtung umgrenzte, tief in den Gründen wurden die weißen Rosse gehütet im heiligen Dienst Seiner Macht; Seine Priester lasen die Zeichen auf heiligen Stäben und hielten den weißen Rossen die Zügel, wenn sie den Bannkreis Seiner heiligen Wohnung umschritten.
Dann eilten sie, Blumen zu streuen, und singend kamen die Kinder; dem Wagen entgegen schwoll Freude und Festklang; die Waffen waren verschlossen, kein Krieg durfte sein; für einen Tag ging die Zeit der neblichten Wälder die unvergessenen Wege.
Für einen Tag blühte die Heimat aus uralten Freuden, der Frieden spannte den Himmel blau und hell übers Land, das Feld lag in Sonne, wie einer Braut strich zärtlicher Wind der blühenden Wiese die Wangen.
Uralt und heilig stand über dem neblichten Tag die helle Herkunft der Dinge und hielt die Menschen umfangen im Netz ihrer starken Gesetze.
Der Schritt des Lebens war tapfere Tat, und mit den Waffen zu sterben, sein fröhlichster Ruhm; aber das Wort war ein Schwur über dem Schwert, und stärker war keiner geschützt mit Waffen, denn der als Gast in ein Haus kam.
Der kimbrische Schrecken
An der kalten Meerküste begann der Malstrom zu mahlen, der die Springflut germanischer Völker über das Abendland brachte, über das Schwertreich der Römer und über die Ernte der Mittelmeergärten: die Kimbrer waren sein frühester Schrecken.
Mit Wagen, Herden, Greisen und Kindern, im Wuchs der riesigen Leiber halb nackt, mit Speeren, Schilden und Hornzier der Helme gleich Tieren der neblichten Wälder gerüstet: so kamen die kimbrischen Völker ins römische Land der Taurisker.
Als ob die Götter den Furchtbaren hülfen auf dem Feld von Noreja, fiel ein Gewitter über die Schlacht, donnernd zum dröhnenden Schildruf der Kimbrer; die Feldkunst der stolzen Kohorten erlag der Speerkraft von Norden: mit den Läufern nach Rom lief der kimbrische Schrecken.
Aber die Kimbrer wichen zurück in die Wildnis und wandten sich westwärts ins gallische Land, weil sie Weide und Land, nicht Streit suchten.
Da hielten die Heere der Konsuln die Tore bewacht im Gebirge; zum andernmal schlug der kimbrische Schrecken den Römern das Schwert aus der Hand, aber noch immer mieden die Sieger das Land der Kohorten.
Elf Jahre lang irrten sie landsuchend hin im Lebensumstand der Wagen und Herden, mühsam hinüber ins spanische Land und mißlich zurück in die östlichen Berge, bis sie das Alpentor fanden.
Ihre Knaben waren Krieger geworden und Mütter die Mädchen, als ihnen die Täler Tirols den Eingang erschlossen, als sie im sonnigen Südland der Alpen endlich die Weide der langen Wanderschaft fanden.
Einen Herbst, einen Winter und Frühling saßen die Kimbrer da im Kanaan ihrer Kundschafter, das Landsucherglück zu genießen; dann traf sie das Schwert der Vergeltung in der Schlacht auf den raudischen Feldern.
Am Gürtel mit Ketten verschränkt, sanken die kimbrischen Männer der römischen Übermacht hin; die Weiber der Wagenburg warfen die Speere und hetzten die Hunde, aber der dröhnende Schildruf verhallte, der kimbrische Schrecken starb im Schlag der römischen Schwerter.
Die raudischen Felder tranken das Blut der nordischen Leiber; Weide und Wohnsitz zu suchen, kamen sie her aus dem kalten Jütland, nun gingen sie ein durch das Joch in die Mittelmeergärten und dienten als Sklaven, wo sie als Freie zu hausen gedachten.
Kein schöneres Schicksal war ihnen vergönnt als dieses: Bienenschwärme zu sein, die keine Imkerhand einbrachte, und die nach kärglichem Sommer im kahlen Winter verdarben.
Die Stachelschnur der Kastelle
Wo der steile Bogen der Berge die römischen Gärten beschützte, wo der Zackenrand eisiger Gipfel den Mittelmeerhimmel bekränzte, wo das schäumende Wasser schrecklicher Schluchten sich staute in grünblauen Seen: kam die Stärke des Stromes, abzuscheiden das Land der neblichten Wälder.
Bis in die Sümpfe der kalten Meeresküste zog das grüne Gewässer des Rheines der römischen Herrschaft die gallische Grenze gegen die freien Germanen.
Wohl scholl der Hornruf hinüber, und dreimal baute Cäsar die Brücken, sein Schwert in die Wälder zu tragen: aber das unermeßliche Schweigen bot seinem Beutezug Halt, in der grünen Finsternis lagen die Gründe germanischer Freiheit behütet.
Erst Drusus, dem Jüngling gelang, was der Strom und die Wälder dem Cäsar verwehrten: fünfmal zog er als Kundschafter aus und trug den gierigen Adler der römischen Weltmacht tief in das weglose Waldland.
Am sandigen Ufer der Elbe tat er sein Wahrzeichen auf, dreihundert römische Meilen weit im herbstroten Land der Cherusker, der tiefer als jemals ein Römer in Wodans Wolkenreich kam.
Aus der schweigsamen Tiefe der unabsehbaren Wälder, so heißt es, und aus dem Grauen des nahenden Winters trat eine Riesin vor ihn, uralt und Unheil weissagend dem prahlenden Jüngling.
Sein Übermut lachte des raunenden Weibes, aber sein Roß stürzte hin auf der Rückfahrt, sie hoben ihn auf mit gebrochenen Beinen.
Dreißig Tage lang trugen die Krieger dem Jüngling die Bahre, durch Sturm und Regen der Wildnis die mühsame Weite zurück, wo sie im Sommer mit Hörnerschall ritten: nur seine Leiche brachten sie heim, im Standlager zu Mainz dem Stolzen das steinerne Grabmal zu bauen.
Dann taten die Römer dem Strom die Stachelschnur an ihrer trotzig bewehrten Kastelle; von den grünblauen Seen hinunter zur kalten Meerküste stand ihre Wacht am Strom und am Rand der düsteren Wälder.
Schwer hing die Frucht und süß schwoll die Rebe zur Linken im Hügelland gallischer Sonne; dunkel und drohend dehnte sich rechts die dürftige Wildnis, der Nebel hing grau über unermeßlichen Weiten.
Die gallische Morgengabe cäsarischer Macht wurde reich im Gewinn emsiger Gärtner; über den Strom scholl der krachende Speer und der Schildruf trotzig anschweifender Scharen.
Arminius
Als das Gebot des Kaisers Augustus ausging, die Welt der römischen Herrschaft zu schätzen, kam als Geisel ein Jüngling nach Rom, aus dem Stamm der Cherusker und Segimers Sohn, der ein Fürst seiner Sippe im Weserland war.
Sein Oheim Segestes hatte dem Kaiser ein Hilfsvolk gestellt, darin der Sohn Segimers Söldnerdienst tat; ihm boten die Römer das Bürgerrecht an, in den römischen Ritterstand hob der Kaiser den Jüngling.
Als er heimkehren durfte in das Land seiner Väter, wo sein Oheim Segestes dem Statthalter Varus in Unterwürfigkeit diente, sah er Dinge geschehen am Volk der Cherusker, die ihm verräterisch schienen und seinen Zorn reizten.
Denn als Bundesgenosse, nicht als Besiegter hatte das Volk an der Weser den Römern Einlaß gewährt; Varus aber ließ Strafen verhängen von römischen Richtern, Rutenbündel und Beil bedrohten das Recht und die Herkunft der freien Gemeinde.
Dem Kaiser bauten die Römer im Land der Cherusker Altäre; und was den Freien zu hüten heilige Pflicht war, der Wahrspruch der wehrhaften Männer, wurde von Varus verspottet.
Dem Unrecht solcher Gewalt mit List zu begegnen, ließ Segimers Sohn die Jünglinge der Cherusker heimlich die Blutspur beschwören.
So sehr war der Hochmut des Römers verblendet, daß er des warnenden Segestes lachte, als er im Schwall und Hörnerklang seiner Kohorten das Sommerlager verließ.
Regenstürme stöhnten im Wald und die Bäche brachen ins Land, als die Bäume anfingen, Wurfspeere zu regnen, als die Cherusker, von kundigen Führern nächtlich geleitet, den gepanzerten Heerwurm anfielen, als der prahlende Schall und der Notruf der Hörner hinstarb im Schildruf der Völker.
Am dritten Abend erlag der gepanzerte Leib den zornigen Bissen, der Statthalter Varus sank in sein eigenes Schwert; nur die Reiter der Nachhut entrannen, den Schrecken des Teutoburger Waldes ans gallische Ufer zu tragen.
Als die Weiden grün wurden im Weserland und der Holderbusch blühte, schreckte kein Hörnerschall mehr das befreite Volk der Cherusker; die Lieder gingen von Segimers Sohn, wie sie von Wodan, Donar und Saxnot und den Helden der Götterzeit sangen.
In Rom aber schritt, von Segestes dem Vater an ihre Feinde verraten, Thusnelda, die Gattin des Kühnen, als Sklavin die Gasse der Gaffer; und auch den Herrlichen fällt der Neid mit dem Mordstahl der Tücke.
Im siebenunddreißigsten Jahr seines siegreichen Lebens fiel Segimers Sohn, der sein Volk aus der römischen Knechtschaft befreite und dem Land der Wälder und Wiesen der herrlichste Held war.
Wohl sangen die Lieder noch lange ihm nach, den die Römer Arminius nannten, aber sein deutscher Name verscholl im Sang der rühmenden Sage.
Da klingt er hell, wie ein Frühlingstag steht mit Blüten und blankem Gewässer, da wird Segimers Sohn und Segimunds Schwäher, der treulos verratene Held in der Arglist der Sippe, Segifried, Siegfried geheißen.
Der Pfahlgraben
Wo der Strom seinen Lauf in den Altwässern suchte, sein flaches Gewässer den gallischen Gärten kein Schutz war, wo der Wald sich vorschob im schwarzen Gebirge, hoch über dem Rhein die sumpfigen Quellen der Donau zu tragen: da bauten die Römer das Bollwerk des Zehntlandes ein.
Sie warfen die Stachelschnur vor mit klug gestellten Kastellen und säumten sie ein in den Wall, der mit Türmen, Gräben und Pfählen geschützt über die waldigen Kämme des Taunus zum braunen Gewässer des Mains und über das steinichte Hochland nach Norikum lief.
Eine Stadtmauer mit Toren und Türmen, länger als fünfhundert Meilen, durchquerte den Wald und die Wildnis vom Rhein bis zur Donau; acht Kaiser bauten daran in mehr als zweihundert Jahren, und der sie am stärksten bewehrte, dem fiel sie in Trümmer.
Eher als eine Mauer war es ein Deich, gegen die Springflut gebaut und harmlos an windstillen Tagen, wenn durch die Schleusen das dünne Gewässer des täglichen Grenzverkehrs floß.
Dann wagten römische Händler die Fahrt ins germanische Waldmeer, wo nur selten der Krieg das Tagwerk der friedlichen Bauernwelt störte, wo die Gastlichkeit fröhlicher Brauch und die Treue gegen den Gast eine heilige Pflicht war.
Sie sahen das seltsame Fachwerk der Häuser, die sauber gefärbten Fächer im schmuckvoll gefügten Gebälk, sie sahen die Säle der Fürsten mit hölzernen Hallen rundum, die Balken geschnitzt und die Bretter bemalt mit vielverschlungenen Bändern.
Sie sahen die Jugend spielen im Hof unter Bäumen, nackten Leibes in Wind und im Regen und ihrer Gliederkraft froh; sie sahen die Mütter Feldarbeit tun im Kreis der lachenden, singenden Mägde.
Sie sahen die Männer heimkehren, müde der mühsamen Jagd in den Wäldern, sahen sie sitzen im Schmuck ihrer Waffen zum Rat der Gemeinde, sahen sie richten und dem Gesetz die Waage mit Freimut und Unbeugsamkeit halten.
Sie sahen ein Bauerngeschlecht sein einfaches Tagewerk tun, sahen es sorgsam gefügt in Sippen und Gauen und fest in der Pflicht der Gemeinschaft, sahen es fröhlich und stark und stets gerüstet zum Kampf, wenn das Kriegsschwert die Mannschaft der Dörfer aufrief zum Volksheer der Stämme.
Sie sahen die Fürsten geehrt im Glanz der Edlen und Freien, sie sahen die Jünglingsschar trotzig und waffengeübt und lüstern des Tages, da der Krieg Heldenruhm brachte.
Sie sahen die Frau als freie Genossin des Mannes, und sahen, wie Treue um Treue, Reinheit und Stolz ihr Ehrenkleid waren.
Sie sahen die Brandung unbändiger Kraft gemeistert in Zucht und Gehorsam und ahnten den Tag, da die Springflut anstürmte und der Deich mit der Stachelschnur seiner Kastelle zu dünn war für die Gewalt.
Tacitus