Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 19

Chapter 193,774 wordsPublic domain

Eine Reichsstadt war Straßburg seit Urvätertagen, und deutsches Leben hatte dort seine vornehme Werkstatt gehabt; als der Kaiserglanz noch am Rhein seinen Auf- und Untergang hatte, stand es im Mittag reichsdeutscher Macht.

Eckhart der Meister und Tauler der Prediger, Murner und Brant fanden in Straßburg Ohren und Herzen, die schwarze Kunst Gutenbergs hütete hier ihr erstes Geheimnis.

Auch als das Gewitter um Luther und Zwingli schwarze Sturmwolken brachte, hielt Straßburg die Reichsfreiheit hoch und war dem Bund der evangelischen Fürsten eine wehrhafte Stütze.

Jakob Sturm, sein Stättmeister, stand stolz unter den Fürsten des Reiches; kein Herzog und Bischof konnte am Oberrhein wagen, Straßburger Bürgerrecht anzutasten.

Als Frankreich danach im Frieden zu Münster das Habsburger Erbland im Elsaß bekam, blieb Straßburg wie eine stolze Bastei der alten Reichsherrlichkeit stehen.

Sein Münster, durch Erwin von Steinbach herrlich erhoben, hielt seine Hallen der evangelischen Lehre geöffnet; und ob durch die Tore die Gunst von Versailles prahlend herein ritt, die Bürgerschaft ließ sich nicht locken.

Nur die Geschlechter äugten sehr nach der welschen Sonne; und der Bischof Franz Egon von Fürstenberg hielt der Sonne den Spiegel: er wollte die Messe im Münster lesen, und Straßburg die Reichsstadt sollte ihm wieder als Bischofsstadt untertan sein.

Er legte die Schlinge, und als sie mit List und Bestechung bereit war, zog die Gewalt zu; es war im September, da die Kaufleute mit ihren Knechten die Messe in Frankfurt bestritten, als das Heer der Franzosen vor Straßburg erschien.

Mitten im Frieden sahen die Bürger blanke Geschütze auf ihre Tore gerichtet; der Kaiser saß fern in der Hofburg, und viel zu stark stand das welsche Volk vor den Wällen.

Auch waren im Magistrat zuviel Augen betört durch das Gold und die Gunst von Versailles; am dritten Tag ritten die Reiter der Lilie mit Hörnergeschmetter ein in die Gassen: keinen Schuß und Mann hatte den König von Frankreich die deutsche Reichsstadt gekostet.

Und als nach einem Monat die Sonne selber die Stadt und das Münster beschien, stand der Bischof davor aus einem deutschen Fürstengeschlecht, den neuen Herrn zu begrüßen, und lästerte laut mit dem Wort, das Simeon sprach, als er im Tempel das Knäblein begrüßte:

Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden einfahren; denn meine Augen haben den Heiland gesehn! so sagte ein deutscher Fürst und Bischof dem König von Frankreich, als er in Straßburg als Räuber einzog.

Die Erbschaft der Liselotte

Die Fürsten Europas waren vervettert, aber den Zank um die Erbschaft mußten die Völker bezahlen.

Ludwig des Vierzehnten Mutter war Anna von Österreich und seine Frau eine Tochter des spanischen Königs: der Todfeind von Habsburg war selber dem Hause versippt; auch hatte der Bruder des Königs Liselotte, die Schwester des Pfalzgrafen, zur Frau.

Die deutsche Prinzessin am Hof zu Versailles war ein drolliges Weibsbild; aber sie wurde der pfälzischen Heimat die Quelle unsäglicher Leiden.

Als Karl, ihr Bruder, kinderlos starb und die von Pfalz-Neuburg rechtmäßig die Erbschaft antraten, ließ sie den mächtigen Schwager ihr Erbteil vom Reich für Frankreich einfordern.

Das aber war zu der Zeit, da die Türken Belgrad verloren, da der allerchristlichste König seinen besten Mithelfer bedrängt sah: dem Halbmond gegen das siegreiche Kreuz des Habsburger Feindes zu helfen, fing er den pfälzischen Krieg an.

Aber das Reich war besser gerüstet, als da er Straßburg einsteckte; Melac, sein Feldherr, konnte die Pfalz nicht behalten.

Wo aber die Sonne des Königs von Frankreich nicht scheinen durfte, brauchte die Frucht nicht zu reifen, brauchten die Scheuern und Häuser, die Schlösser und Kirchen der Pfalz nicht mehr zu stehen.

Der König will es! so hieß die Mordbrennerlosung; der König will es, daß Heidelberg in eine Öde gestellt sei, daß die Dörfer der Bergstraße brennen, daß die Straßen im Winter mit flüchtenden Menschen gefüllt sind, daß ihrer viele erfrieren!

Der König will es, daß Speyer und Worms die Mordbrennerwut schlimmer erfahren, daß die salischen Dome mit brennenden Dächern in Brandhaufen stehn, daß den Leichen der Kaiser in ihren Gräbern Schande geschieht!

Der König will es, daß eine brennende Wüste von Speyer bis Trier den Glanz seiner Sonne grausam umgrenze, daß die grüne Frucht auf den Feldern untergepflügt werde!

Melac! so riefen die Pfälzer danach ihre Hunde und hätten sie besser Liselotte getauft, die sich im höfischen Glanz von Versailles der glücklichen Jugendzeit freute, da sie im Schloßgarten zu Heidelberg Kirschen und Kuchen verzehrte.

Indessen so böses Mordbrennertum den rheinischen Winter und Frühling bedrängte, zogen die Heere der Fürsten zögernd zu Hilfe, und als sie bei Fleurus im Niederland endlich ausholten zum Schlag, fielen sie schlimm in den Degen der Welschen.

Zum zweitenmal konnten die Mordbrennerscharen den Rhein überschreiten, und diesmal sank Heidelberg hin: in Trümmer zerbrach das herrliche Schloß, und düster lag über der Stadt der schwelende Rauch ihrer Brände.

Der aber König der Mordbrenner war und der Schwager der Liselotte, von ihrer Prinzessinnenseele fröhlich bewundert, er ließ auf die brennende Stadt eine Schaumünze prägen, als ob Brandstiftung auch noch ein Zeichen fürstlichen Gottesgnadentums wäre.

Die Türken vor Wien

Der Schwur von Loreto hatte das Reich leer gebrannt, aber noch immer kam der Glaubenskrieg nicht zur Ruhe: ein törichter Aufruhr ehrgeiziger Junker gab auch in Ungarn der Ketzerverfolgung endlich das Schwert und das Feuer zur Hand.

Vierhundert Pfarrer wurden gleich Dieben gefangen, und die sich des Widerrufs weigerten, wurden im Namen des Königs auf die Galeere gebracht.

Aber da fing dem Kaiser in Wien das eigene Haus an zu brennen; Graf Tököly rief die Türken ins Land, und Kara Mustapha kam mit dem unendlichen Völkergewirr seiner Scharen, den Halbmond gegen das gleißende Kreuz von Habsburg zu tragen.

Zum zweitenmal standen die Türken vor Wien, und ihr gewaltiges Lager war eine brausende Springflut rings um die zitternde Stadt.

Die Jesuiten mit ihrem gehorsamen Zögling waren nach Passau geflohen; so wild war der Zorn des Volkes auf sie, daß ihrer viele das Leben verloren, und nur verkleidet konnte der Kaiser die schimpfliche Flucht wagen.

Graf Starhemberg hieß der mutige Mann, der auf den zerschossenen Mauern der Stadt noch standhielt, als in der Bürgerschaft schon das Entsetzen an keine Rettung mehr glaubte.

Die Burgbastei war gesprengt, nur die eine Nacht noch konnte die Stadt den Sturm überstehen: wie Heimdals Horn die Asen aufrief, so sandte der Stephansturm den Hilferuf seiner Raketen hinaus in die Nacht.

Lange schon standen die Fürsten am Kahlenberg, aber sie waren zu schwach, den Sturm auf das gewaltige Lager der Türken zu wagen, bis Johann Sobieski, der tapfere König der Polen, sein starkes Heer brachte.

Die türkischen Sturmleitern standen am Morgen bereit, aber wie Doggen den Panther anfallen, so brachen die Polen und Deutschen vereint in das Lager und ließen nicht ab, bis das Wild gefällt war.

Zehntausend Türken lagen erschlagen, und ein verspätetes Kreuzritterglück holte die Schätze des Morgenlandes heim; denn ein unendlicher Troß hatte Kara Mustaphas Heer begleitet, und was sich nicht selber zu retten vermochte, war Beute.

Die Glocken läuteten Sieg vom Stephansturm wie niemals zuvor, und Johann Sobieski, dem Retter, wurden die Wege mit Blumen bestreut; auch der Kaiser war wiedergekommen, aber er konnte den Wahlkönig der Polen nicht in der Hofburg empfangen, weil er kein fürstliches Blut hatte.

Draußen im Lager von Ebersdorf wurde mit höfischem Umstand eine Begegnung zu Pferd vorbereitet; der Kaiser war gnädig, sein Hütchen zu lüpfen und einige Worte -- peinlich bemessen -- dem König zu sagen.

Höher als Wien, seine Hauptstadt, galt ihm der Habsburger Hochmut, und über dem Glück der Entscheidung, die das Abendland von der Türkengefahr befreite, stand den Schranzen der Hofburg der höfische Brauch.

Holland

Die sieben Provinzen im Niederland hatten mit Spanien Frieden gemacht, sie hießen nun Holland nach ihrer stärksten Provinz und waren ein Freistaat, obwohl die oranischen Prinzen Statthalter blieben.

Sie nahmen im Frieden zu Münster Abschied vom Reich, ein Volk der freien Gemeinde zu sein wie einmal die Väter; Handel und Handwerk, Wohlstand und Weltlust hatten im Schutz ihrer starken Flotte geblüht, indessen das Reich sich selber zerstörte im Krieg um den Glauben.

Seit den Tagen, da Rom Republik war, hatte kein Bürgerstolz den Staat so in Ordnung gehalten, wie die Brüder de Wit das holländische Glück hielten.

Rundum begann die Fürstenselbstherrlichkeit ihre Throne zu bauen, sie aber deckten das Dach der Bürgerfreiheit mit blitzblanken Ziegeln und wurden die Zuflucht aller Verfolgten.

Der Bürger wurde sich selber das Ziel seiner Wünsche, seine Fröhlichkeit schmeckte den Sonntag der werktätigen Woche, sein Stolz sah den Reichtum der Welt auf breiten Schiffen ankommen, sein Trotz sah das Stadttor von wehrhaften Wächtern behütet -- aber draußen im Land säte der Friede das Korn in die Furchen.

Und wie die Häuser behäbiger Bürgerschaft, wie ihre Kleider und Sitten, so wurde die Kunst in Holland: sie brauchte nicht mehr die Säle der Fürsten und Herren mit dem falschen Prunk ihrer Taten zu füllen, sie malte dem Dasein des Bürgers das Schaubild.

Bürger und Bauern sahen sich selber geschildert mit ihrem täglichen Umstand; das Vieh auf der Weide, das leckere Wildbret des Händlers, der helldunkle Raum ihrer Höfe, alles wurde behaglich auf saubere Tafeln gemalt, und die fröhliche Wolkenlast ihrer Landschaft.

So trat in Holland die Kunst aus den Kirchen und Höfen neu in die Wirklichkeit ein.

Rembrandt

Das Land war reich und seines eigenen Daseins fröhlich das Volk, daraus noch einmal ein Großer aufstand, uraltes Geheimnis der Seele neu zu verkünden.

Rembrandt hieß er und war der Sohn eines Müllers in Leiden; er lernte das Handwerk der Schilderkunst, aber nicht Bürger und Bauern zu schildern lag seiner funkelnden Seele im Sinn.

Sie war aus dem Dunkel zu rasch in den Tag geboren, nun sah sie nichts als das Licht an den Dingen, das siegreiche Licht und seinen unheimlichen Bruder, den Schatten.

Alles was war, wurde dem Auge in Licht geboren; der dämmrige Raum und die weithin schimmernde Ferne, die Menschen darin und die Bäume: alles war angetan mit einer Krone von Licht und mit dem Schleppengewand seiner Schatten.

Alles war Wunder, was den Augen Wirklichkeit hieß, und wurde Erscheinung im Märchenkleid seiner Beleuchtung.

Und wenn die Seele die staunenden Augen zumachte, war das Wunder nicht aus: dann standen die Räume inwendig gleich so im zarten Helldunkelgeheimnis, schritten Gestalten ihr zu, magisch umleuchtet oder zu dunklen Gruppen gespenstisch vereinigt vor den schimmernden Gründen.

Und waren nicht mehr die Menschen des Tages; als ob die Seele ein Zauberglas wäre, durch Zeit und Raum alle Fernen des irdischen Daseins zu spiegeln, so kamen sie an aus der alt- und neuen Geschichte, aber zumeist aus der Bibel:

David und Saul und die heroische Esther, die Erzväter und der geblendete Simson; und hatten die Kleider an, wie sie die Juden in Amsterdam trugen, faltenfarbige Gewänder und buntes Geschmeide.

So war der Sohn des Müllers in Leiden, der als ein Meistergesell der Schilderkunst nach Amsterdam kam, ein Märchenprinz seiner Augen, und hatte die Hände geübt, die Zauberkünste des Lichts aus den Raumtiefen der staunenden Seele auf seine Tafeln zu bringen.

Da liefen ihm bald die Ratsherren zu und die reichen Kaufleute, sein Wunder mit gnädigen Worten und auch mit silbernem Kauf zu belohnen; und Saskia trat aus der Lichtflut sonniger Träume lächelnd und lockend in seine Wirklichkeit ein.

Sie wohnte mit ihm und hieß seine Frau, und es wurde ein glühendes Glück um den Sohn des Müllers aus Leiden in seinem kostbaren Haus, darin sich die Pracht und die Schönheit jubelnd und inniger fanden als in dem prunkenden Schloß zu Versailles.

Er malte die Männer und Frauen der Stadt auf seine Tafeln; so reich war sein Glück, daß er die derben Gesichter und weißen Halskrausen leuchtend damit übergoß.

Aber wenn ihn der funkelnde Reichtum ganz überschäumte, dann malte er Saskia; und nie stand die sinnenfrohe Jugend so glühend im Glück, wie er das liebe Gesicht und die Hände, den selig gebeugten Nacken in bernsteingoldener Lichtflut verklärte.

Sechs Jahre nur währte die glühende Hochzeit, dann starb ihm das jubelnde Licht in die Dunkelheit hin; aus allen Raumtiefen krochen die Schatten heran und wollten sein eigenes Licht heimholen in ihren dunklen Bereich, wo Saskia war.

Der Tod war das dunkle Geheimnis, darin sich jede Flamme und jeder Lichtstrahl verirrte: aber der Tod war auch die unendliche Weite, daraus sich das irdische Leben im Licht seiner Augen endlich abgrenzte.

Das war die Zeit, da Rembrandt die Schützengenossenschaft malte, die im Sonnenschein auszog zur festlichen Freude, und die eine ängstliche Insel des Lichts in der brandenden Dunkelheit, eine Nachtwache wurde.

Der Gram saß mit ihm, und bald kam die Sorge als dritte dazu, er konnte die derben Gesichter und weißen Halskrausen nicht mehr besonnen; der ein Märchenprinz war, konnte nicht mehr seine Schulden bezahlen.

Es war ein Hammer in Amsterdam, der klopfte zum ersten, zum zweiten und dritten, und als er zum drittenmal klopfte, war es sein kostbares Haus und alles Geschmeide und all das edle Gewand, das Saskia trug.

Hendrikje hieß sie, die tapfere Magd, die dem darbenden Mann alles zubrachte, was sie besaß: ihre schaffenden Hände, ihre dienende Treue und furchtsame Liebe und ihren gesunden Leib.

Sie lebten zusammen, die Magd und der Meister, und ihre Beharrlichkeit hielt ihm die Kammer, darin er mit schwerer Hand und suchenden Sinnen seine letzten Tafeln und Leinwände bemalte.

Das Licht war eine düstere Glut in seinen Augen geworden und seinem Bruder, dem Schatten, unheimlich verwandt: Berge und Bäume und all die vertrauten Gestalten der Bibel tauchten nun auf aus der dunklen Tiefe, wie ein Feuer bei Nacht brennt.

Wie ein Zauberer gespenstische Zeichen ausschreibt, so jagte sein Pinsel die Farben groß ineinander, fremd für die Ratsherren und reichen Kaufleute und nicht mit gnädigen Worten und silbernem Kauf belohnt.

Arm und fast schon vergessen starb Rembrandt, der ein Märchenprinz war und sein Alter am Leuchtturm des Schicksals verbrachte.

Noch einmal hatte ein Großer uraltes Geheimnis der Seele verkündigt, nun kam der französische Tag, die Fürsten und Völker mit seinem gleißenden Glanz zu betören.

Das jubelnde Licht und die düstere Glut seiner jungen und alten Stunden blieb einsam lebendig, wie eine Seele nicht stirbt und ein Stern nicht versinkt.

Der große Kurfürst

Der Kurfürst von Brandenburg war vor dem Kaiser ein Sperling, aber er war in Holland erzogen und hatte im Haag den Habsburger Zorn ohnmächtig gesehen, weil ihm ein tüchtiges Volk mit Klugheit und Kraft die Tür wies.

Auch war der Prinz von Berlin der Eidam des Statthalters geworden, so fiel ihm ein Schein der oranischen Macht zu, neue Kerzen in Brandenburg anzubrennen; denn schlimmer als eines hatte sein Land die Leiden des Krieges erfahren.

Weitab vom Rhein, hinter den Städten der Hansa, mit kärglicher Wüste und künstlichen Grenzen, in Sand und Sümpfen von Slavien lag sein verzipfeltes Kurfürstentum: germanisches Vorwerk und mühsames Ansiedlerland.

Kolonisten, aus Frankreich vertrieben und Bauern aus Holland, durch Freiland und mancherlei Gunst angelockt, mußten das Land von der Havel zur Warthe notdürftig füllen, das durch den langen Krieg menschenleer war.

Der Staat, das bin ich! so hatte der Jüngling in Frankreich die Losung des Fürsten gesprochen; daß sie dem Kurfürsten in Brandenburg wahr werde, mußte sein schlimm verwüstetes Land erst ein Staat und er selber sein Herr werden.

Allerlei Völker, Städte und Stände waren ihm untertan und wollten regiert sein nach ihren Rechten; er aber wollte sein Herrschergewand nach eigenem Maß nähen und warf das Flickwerk der Herkunft ins Feuer.

Kein Fürst nahm seinen Städten und Ständen mehr Freiheit und Herkunft, als Friedrich Wilhelm in Brandenburg tat, den sie danach den großen Kurfürsten nannten.

An der sumpfigen Spree in Berlin stand seine düstere Burg, den Trotz der eigenen Bürgerschaft blutig zu dämpfen; alles, was er besaß, war ihm bestritten, und nur sein immer gerüstetes Heer gab ihm die Macht, es zu halten.

Wohl baute auch er sein Versailles draußen in Potsdam, aber es blieb nur ein rüstiges Landschloß, und den Lustgarten davor hielt die Havel ängstlich begrenzt.

Vor dem Kaiser war er ein Sperling, vor dem König von Frankreich nur eine zornige Biene; aber er wurde nicht lässig, die Waben zu bauen, bis Ordnung und Wohlstand in Brandenburg schüchtern begannen.

Als Turenne nach der Pfalz auch Holland mit Krieg überzog, bekam der König von Frankreich den Stachel zu fühlen: mit seinem trefflichen Heer sprang der Kurfürst dem Oranier bei und rastete nicht, bis den Franzosen endlich der Reichskrieg erklärt war.

Aber Ludwig, der Hofmeister der Fürsten, hetzte ihm listig die Schweden ins Land; so mußte die zornige Biene eilig nach Hause.

Die reitenden Boten hatten kaum seine Ankunft gemeldet, da fiel ein Handstreich schon über die Schweden in Rathenow her; und als er die Hauptmacht bei Fehrbellin fand, griff er sie an, wo sie stand, und jagte sie in die märkischen Sümpfe.

Die Schweden mußten den Einbruch teuer bezahlen, Pommern samt Rügen ging ihnen verloren; als sie im Winter durch Livland in Preußen einbrachen, kam der Kurfürst mit Schlitten über das Kurische Haff und jagte die Scharen bis Riga.

Da war der Sperling ein Sperber geworden, der kleine Kurfürst von Brandenburg hatte allein die schwedische Großmacht geschlagen.

Ob er den Schweden noch einmal Pommern und Rügen hergeben mußte, weil ihn der Kaiser im Frieden verließ: Ludwig, der listige Rechner, hatte die Stärke erkannt und sandte ihm heimliche Botschaft.

Zwischen Wien und Versailles stand er nun schlagfertig da; im Handel der Großen galt er kaum mehr denn ein hitziger Klopffechter, aber sie mußten ihm seine Verträge halten.

Was Sachsen einst war, war Brandenburg durch ihn geworden: die protestantische Schutzmacht im Reich, die Hoffnung aller Vertriebenen und der Anwalt aller Bedrohten.

Mehr Untertanen gewann er durch Gunst als durch Kriege, und Landesvater hießen sie ihn, denen der Kurfürst in Brandenburg nach bitterer Verfolgung ein evangelischer Kirchenherr war.

August der Starke

Den deutschen Simson hießen die Lobredner ihn, weil er so stark war: Hufeisen zerbrach er wie Holz, und das wildeste Pferd wurde schwach unter seinen gewaltigen Schenkeln.

Er war nur ein Prinz aus Kursachsen, wo sein Vater, der Kurfürst, sich täglich betrank und sein Bruder, der Kurprinz, Sybilla von Neitschütz als lockeres Liebchen genoß.

So ging er wie alle Prinzen auf Reisen, und an den Höfen Europas war bald von dem unbändigen Jüngling die Rede, der die Frauen und Pferde wie keiner zu bändigen wußte, und der die Laster der höfischen Welt lachend genoß.

Sein Bruder starb an den Blattern, so wurde August, der Starke geheißen, Kurfürst in Sachsen und sollte daheim in Dresden regieren; aber er zog in den Türkenkrieg als prahlender Feldherr des Kaisers, und als ihm das rauhe Handwerk nicht paßte, blieb er in Wien, bequemeren Ehrgeiz zu pflegen.

Johann Sobieski, der tapfere König in Polen, war tot, und August der Starke wollte sein Nachfolger werden.

Er brauchte viel Geld, die Gunst der polnischen Großen zu kaufen, auch mußten die Höfe in Wien und im Reich ihm willfährig sein: so gab er den Fürsten sächsisches Erbland dahin und nahm die silbernen Taler dafür.

Auch mußte er seinen lutherischen Glauben abschwören; wofür seine Väter Not und Verfolgung litten, er warf es hin wie einen verschlissenen Mantel.

So wurde August der Starke König in Polen, und Dresden stand ihm wohl an, darin zu regieren; denn nun war der rauschende Glanz um ihn, gleich seinem Abgott in Frankreich die Majestät seines Hofes zu spielen.

Die Sachsen mußten es teuer bezahlen, daß ein polnischer König ihr Kurfürst war, Schulden und Nöte bedrängten das ärmliche Land, indessen zu Dresden die höfische Üppigkeit anschwoll.

Frauen und Pferde waren noch immer die Liebe August des Starken, aber nun prangte die Krone an ihrem Kleid und Geschirr: Feste und Jagden hielten dem lüsternen König das Jahr in der Schwebe und der unendliche Umstand kostbarer Bauten.

Den deutschen Simson hießen die Höflinge ihn, der sein Leben in Lust und Liederlichkeit hinbrachte, und ein vergoldetes Reiterbild stellten sie ihm auf den Markt, der das sächsische Haus um die stolze Vergangenheit und sein Land um die Zukunft betrog.

Der König in Preußen

Der Sohn des großen Kurfürsten war nur ein schwaches Gewächs; aber sein Ehrgeiz brannte die flackernde Flamme, König zu heißen, statt nur ein Kurfürst des Reiches zu sein.

Kurfürst des Reiches hieß er in Brandenburg; als Herzog in Preußen jedoch war er dem Kaiser nicht untertan, dort saß er aus eigenem Thronrecht.

Herzöge in Preußen waren die Hohenzollern, seitdem Albrecht von Brandenburg, der letzte Hochmeister, das Ordensland Preußen zum weltlichen Fürstentum machte und seinem Hause vererbte.

Aber der Kaiser konnte dem Herzog in Preußen den Königstitel verwehren, weil er ein Reichsfürst war: sieben Jahre lang mußte der Kurfürst von Brandenburg an der Hofburg in Wien Bittsteller sein, bevor seine Stunde kam.

Der Kaiser brauchte Soldaten zum spanischen Erbfolgekrieg und Friedrich der Kurfürst mußte ihm für die preußische Krone mehr als die reichsfürstliche Heerfolge leisten.

So kam der Prinz Eugen zu den preußischen Truppen, die bei Turin, bei Höchstädt, in Flandern und Frankreich tapfer den Ladestock hielten; und der Dessauer fluchte dazu seine Schwüre.

Die Schwüre und Flüche störten den Kurfürsten nicht, als er in Königsberg die bebende Hand nach der Krone ausstreckte; er war in Scharlach gekleidet mit Knöpfen aus Diamant, deren jeder ein stattliches Bürgerhaus wert war.

Juweliere und Schneider hatten das ihre getan, aus ihm einen König zu machen; auch ließ er sich salben mit Öl und hatte zwei Bischöfe ernannt, die sonst ehrsame Prediger in Königsberg waren, daß sie den kirchlichen Pomp an ihm übten.

Das Volk aber konnte die Freuden des Tages wie bei der Kaiserkrönung in Frankfurt genießen: der Weinbrunnen floß, und der Ochs am Spieß bot seine gebratenen Lenden den lüsternen Mäulern dar.

Der Sohn des großen Kurfürsten war nur ein schwaches Gewächs; aber der Hermelin deckte die kränklichen Schultern, als er im Glanz der neuen Königskrone zurück nach Berlin kam.

Da hatte ihm Schlüter die düstere Burg an der Spree mit Höfen und Sälen erweitert, daß sie ein Königsschloß war ohnegleichen in Deutschland: die Pracht kam vor der Macht; aber als die preußische Macht danach kam, wollte sie nicht in der Pracht wohnen.

Prinz Eugen

Der Frieden zu Rijswijk hatte den kläglichen Krieg um die Erbschaft der Liselotte beendigt, aber er war nur ein Stillstand im Erbstreit der Fürsten, ein Notdach, das schwarze Gewölk zu erwarten, das über dem Abendland hing.

Denn Karl, der spanische König, war krank, ohne Erben; die Sippe der Habsburger stand lauernd am Bett, seinen Tod zu erwarten: Wien und Versailles hielten die Schwerter bereit, das Blut ihrer Völker an die spanische Erbschaft zu wagen.

Der König von Spanien starb, und wie das Getier des Waldes über ein brechendes Wild, so brachen die Heere ins Land; bald war Europa vom Kriegslärm erfüllt und voll vom Ruhm des Prinzen Eugen.

Er war ein Prinz von Savoyen und Feldherr des Kaisers; seitdem er bei Zenta die große Türkenschlacht schlug, hing seinen Fahnen der Sieg an.

Vierzehn Jahre lang hielt der spanische Erbfolgekrieg den Prinzen im Sattel: er schlug die Franzosen zuerst bei Cremona, er traf sie bei Höchstädt im bayerischen Donautal schwer und schlug sie zum drittenmal hart bei Turin.