Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 18
Wehklage schwoll aus dem angstvollen Herzen der protestantischen Welt; sie sah ihr Schicksal beschlossen, und die Enttäuschung fing an, den schwedischen König laut zu verwünschen.
Dietrich von Falkenberg lag unter den rauchenden Trümmern begraben, den Prinzen von Brandenburg fingen die Söldner lebendig; er wurde in Wien wieder katholisch und lebte noch lange sein wohlbehütetes Leben.
Gustav Adolf
Den Schneekönig hießen sie ihn in der Hofburg des Kaisers: er würde bald schmelzen, wenn er den Norden verließe; auch wurden die Schweden Goten genannt, der römische Spott war darin über die neuen Barbaren.
Aber der schwedische König kam in das Reich, wie ein Seefahrer seine Segel auf Sturm stellt: er prüfte den Anker und sah nach den Sternen; er wußte das Wagnis, aber er kannte sein Schiff und kannte die Kunst, es zu lenken.
Wie es vorzeiten geschah, als Dietrich, der starkweise, Ravenna und Rom zu gewinnen gedachte, waren die schwedischen Männer ein Volk und Schwert gegen die Söldner des Kaisers.
Tilly, der Feldherr und Sieger in hundert Schlachten, sah die Stärke des Königs; aber er sah auch, wie Argwohn und Zweifel der Fürsten dem Schweden die Schritte verstellten: er dachte ihn langsam zu schwächen, bevor er ihn finge.
Als aber Magdeburg sank und als die Brunnen der evangelischen Wehklage aufbrachen, entbrannte dem König der Zorn: herrisch und hart zwang er die Fürsten von Sachsen und Brandenburg in seinen Gehorsam.
Und als er Tilly im Breitenfeld stellte, teilte er klüglich die Seinen ab von den Sachsen, daß ihre Furcht nicht seine Schweden verwirre: die Sachsen liefen bis Eilenburg; als aber Tilly den Flüchtenden folgte, nahmen die Schweden ihn scharf in die Zange.
Der Feldherr und Sieger in hundert Schlachten mußte dem König das Feld überlassen, als er glaubte, es zu gewinnen; kaum, daß er den Rest seiner Söldner nach Halberstadt brachte.
Schon sahen die Priester und Pfründner der Hofburg das blaugelbe Banner vor Wien; aber der schwedische König strauchelte nicht in der Gunst seiner Stunde.
Er sandte das sächsische Heer nach Böhmen, das Tor des Kaisers in Prag zu bedrängen; er aber äugte hinüber zum Rhein, wo die Kurfürstenmacht noch immer dem Reich das Krönungsgewand hielt.
Denn mehr als ein günstiger Frieden blühte dem König der Schweden aus seinem Sieg: Wien war Byzanz, er aber wollte, wie vormals der starkweise Dietrich, das Reich der Goten anders aufrichten.
Die Herbstnebel näßten das Land, als er die neue Heerfahrt begann; aber Weihnachten fand ihn schon warm in Mainz, wo er das kurfürstliche Nest mit seinem Schwedenvolk füllte.
Er war den uralten Weg der Sachsen gezogen, er hatte in Würzburg das fränkische Maintor gesprengt und hatte die Furt der Franken gefunden: wie die salischen Herrn und die Staufer ließ er das Banner der blaugelben Macht über dem Maifeld der Reichsherrlichkeit wehen.
Und als ihn Tilly von neuem ins Feld rief nach Franken und Bayern, ließ er den Kanzler Oxenstjerna im goldenen Mainz, der schwedischen Herrschaft am Rhein den Krönungsmantel zu halten.
Noch lag der Schnee auf den fränkischen Bergen, als ihm die Glocken von Nürnberg zu läuten begannen; Tore und Herzen hatte die Reichsstadt dem Schutzherrn der evangelischen Freiheit weit aufgetan.
Hier hielt kein Bischof und Fürst seinen Zipfel der Kaisergewalt fest, hier war der siebente Heerschild des Reiches im Bürgerkleid und grüßte den starken Verwalter.
Fester und fröhlicher, als er den Feldzug begann, stieß er nach Süden, den mächtigen Herzog in Bayern zu fassen, der für die römische Macht im Reich das listige Schwert und gegen den Kaiser in Wien die stolze Selbstherrlichkeit war.
Er traf ihn am Lechfeld gelagert; so stark hatte Tilly, sein greiser Schildhalter, die Schanzen gestellt, daß die Getreuen dem König den Angriff abrieten: er aber hatte über die Ostsee Brücken geschlagen und wollte nicht weichen vor einem steinichten Alpengewässer.
Die Lose waren geschüttelt, und das Glück fiel dem Mutigen zu, indessen Tilly, den zweifelnden Greis, eine Stückkugel traf: als der Schildhalter fiel, waren die Schanzen noch stark wie zuvor, aber der Kurfürst floh mit den Seinen, weil ihn der Mut und der Glaube verließen.
Lützen
Seni, der Sterndeuter, hatte dem Herzog von Friedland kühne Dinge geweissagt, nun kam die Erfüllung: die Fürsten im Reich und ihr Kaiser mußten den Tag von Regensburg büßen.
Der Herzog hatte sein Haus in Prag wie einen goldenen Käfig um seine Wünsche gehalten, von bösen Schmerzen geplagt und abergläubisch den Sternen verschworen, schien er der Welthändel satt.
Er ließ den Gesandten des Kaisers mit Ungnade an; die pfäffischen Feinde der Hofburg mußten den bittersten Spott seiner gichtigen Rachlust erfahren, bevor er im Rollwagen aufstand.
Eine Katze spielt mit der Maus, so nahm der Herzog den Habsburger Hochmut in die Krallen: als er den Feldherrnstab aufhob, war der Name des Kaisers nur noch das Siegel, die Macht hielt der Herzog allein in den gichtigen Händen.
So hatte die Zeit das Spiel der Mächte gewandelt: der Habsburger mußte dem Herzog von Friedland den Prunkwagen ziehen, der Winterkönig war ein Schaustück des Schwedenlagers geworden.
Verwegen den eigenen Zielen verschworen, standen die neuen Spieler im Feld: sie hoben den Arm und kreuzten die Degen; aber sie stießen nicht zu, weil sie einander erkannten.
Der Herzog kehrte das böhmische Land rein von den Sachsen und ließ den hochmütigen Kurfürst von Bayern drängen und betteln, daß er ihm hülfe; erst als sich der stolze Kriegsherr der Liga demütig nach Eger bemühte, kam er nach Bayern.
Der König hatte um Nürnberg sein festes Lager geworfen, der Herzog legte sich auf die Berge von Zirndorf davor, ihn zu belauern: zehn Wochen lagen sie da voreinander, und eher wären die Wälder gewandert, als daß der Herzog dem König aus seinem Fuchsbau herauskam.
Der Hunger fiel ein hier und dort, und Seuchen fraßen die Heere: der Herzog rührte sich nicht; und als der König verbissen und wild den Sturm wagte, wies er ihn blutig zurück.
Sie hatten einander gespürt und gingen geschwächt auseinander; als aber der Herzog ins Sächsische fiel, Winterquartier zu erlangen, war der König noch stark, ihm zu folgen.
Zum andernmal lagen sie da mit dem Nürnberger Spiel bei Naumburg und Weißenfels hart aneinander; zum andernmal stieß der König zu, als der Herzog die Pappenheimischen Reiter elbabwärts sandte.
Bei Lützen bekam er den Friedländischen Stier bei den Hörnern zu packen; so hart griff er ihn an, daß ihm das gewaltige Tier in die Knie brach: aber das spitzige Horn durchbohrte ihm selber die Brust, bevor er Viktoria rief.
Zwei Kugeln trafen den König, als er im Nebel zu hitzig ins Treffen geriet; die eine zerriß ihm den Arm, und als ihn sein Page noch rückwärts zu lenken gedachte, durchbohrte die zweite den Rücken.
Die Schlacht war den Schweden gewonnen; als Pappenheim kam mit dem Hagelsturm seiner Reiter, konnte der Herzog das Lützener Feld nicht mehr erzwingen; aber der König lag unter Leichen begraben.
Der Starke von Norden war in die bängliche Stille gekommen, ein Hornruf und Schwertschlag wie keiner im Schlachtlärm der Zeit.
Den Schneekönig hießen sie ihn; im Blut seiner Goten war er geschmolzen, aber das blaugelbe Banner flatterte hoch: Bernhard von Weimar riß es im Flug seiner Taten über die deutschen Gefilde, bis ihm die Fetzen hingen.
Der Herzog von Friedland
Die Sonne sank unter im Feld, und der Mond stand allein über Lützen, blutrot im schwarzen Gewölk: sie hatten gekämpft um den Tag, nun kam die Nacht mit zerrissenen Schatten.
Ein König hatte den Kaisertraum gläubig im Tag seiner Taten empfangen, nun war es ein bleicher Glanz der Gestirne, von dem Sterndeuter brütend bewacht und von dem Herzog abergläubisch gehütet.
Er war als böhmischer Edelmann in den Schein der Allmacht gekommen, Böhmen und Prag verhießen dem Herzog die kommende Krone; als er das Feld bei Lützen verlor, wich er zurück, die böhmische Heimat zu halten.
Indessen Bernhard von Weimar den Sieg der blaugelben Fahne ins Frankenland trug, als Herr von Würzburg und Bamberg ein neuer Reichsfürst zu werden von schwedischen Gnaden; indessen der Kurfürst von Bayern sich schlimmer bedroht sah als je durch den König: hielt sich der Herzog in Böhmen, bis er, Mähren zu schützen, nach Schlesien kam.
Da hatten die Schweden und Sachsen die leichte Beute geteilt; er kam sie zu strafen und hätte sie hart zu treffen vermocht mit zwiefacher Übermacht: aber er wollte dem klüglich berechneten Spiel nicht selber die Trümpfe ausbrechen, er wollte im Gleichmaß der feindlichen Mächte der Unentbehrliche bleiben.
Und als er danach bei Steinau den Grafen von Thurn fing, den böhmischen Todfeind des Kaisers, und als in der Hofburg zu Wien schon die Folter bereit war, ließ er den Ketzer und Rebellen laufen und hatte nur Spott für die Pfaffen.
Die Boten kamen und gingen, als ob er den Krieg mit der Feder statt mit dem Schwert zu gewinnen gedächte; sie gingen nach Schweden und Frankreich mehr als nach Wien, und niemand sprach näher vom Frieden, als der für den Krieg bestellt war.
Aber er hatte die Karten zu listig gemischt; als er am Stich war, traute ihm keiner: so ging ihm der Einsatz samt dem geweissagten Kronengewinn kläglich verloren.
Die Allmacht des Herzogs zu dämpfen, rief der Kaiser ein spanisches Heer ihm zu Hilfe; da mußte der listige Spieler Farbe bekennen, aber nun war es zu spät, sie zu halten: als ihm zu Pilsen seine Getreuen den Schwur leisten sollten, hielt schon Verrat den Verrat bei den Händen.
Seines Amtes entsetzt und vogelfrei als Verräter, kam er nach Eger, noch immer ein Fürst der Gewalt, abgöttisch geehrt und gefürchtet; er wollte sich offen den Schweden zuwenden, aber der kleine Verrat kam dem großen zuvor.
Es war ein Gastmahl in Eger, da wurde dem künftigen König von Böhmen getrunken, und der Meuchelmord lauerte hinter der Tür; als die Lustigkeit satt war, brachen die Mörder hervor und stachen die trunkenen Schwertbrüder Wallensteins nieder.
Ihn selber fanden sie wehrlos im Schlaf; er hatte den Abend mit Seni verbracht, den drohenden Stand der Gestirne zu deuten, nun trat der schwarze Beschluß durch die krachende Tür in seine Wirklichkeit ein.
Er war durch den Lärm geweckt noch ans Fenster getreten, als er die Hellebarde vor seiner Brust sah; wortlos mit offenen Armen nahm er sie auf: im Tod noch ein finsterer Meister.
Dreitausend Seelenmessen hieß der Kaiser in Wien dem Wallenstein lesen, und hängte das Gold an die Mörder; auch floß eine Habsburger Träne dem Schicksal, das ihm so grausam und tückisch zu handeln befahl.
Bernhard von Weimar
Als Wallenstein starb, stand der große Krieg still, aber der kleine Krieg wollte Deutschland verderben; Faust und Feuer und Raub hatten ein wildes Geschlecht gezüchtet; schon krähte der Hahn nach dem Morgen, aber noch hielt die gramvolle Nacht dem bösen Gezücht den Morgenschlaf hin.
Über dem Haß der Parteien hatten noch Sterne gezittert, nun starben sie hin im Grauen der Helle: der aber den Schaft der blaugelben Fahne hielt -- einen Stumpf nur mit Fetzen behangen -- den Prinzen Bernhard von Weimar riß seine Fahrt noch ins Morgenrot hin.
Er hatte das sächsische Feld bei Lützen gehalten und war wie ein Feuer im Wind zur bayrischen Donau gefahren, er hatte das fränkische Land mit seinen Siegen erfüllt und war der Herzog des Landes um Bamberg und Würzburg geworden: aber die Schlacht bei Nördlingen nahm ihm den Ruhm und das Land; seit Breitenfeld wurde kein Heer so geschlagen.
Oxenstjerna, der schwedische Kanzler, hatte mit eiserner Stirn den Tod seines Freundes, des Königs, erfahren; nun stand er zum andernmal leer vor dem Glück: die Schwedenherrschaft im Reich war aus; hoch stieg der Kaiser.
Der Kurfürst von Sachsen streckte zuerst die unrühmlichen Waffen, ihm folgten geschwind die kleineren Fürsten: der Frieden zu Prag gab den Ländern der Elbe die Hoffnung zurück, daß wieder dem Bauer sein Pflug, dem Bürger sein redliches Handwerk gehöre.
Aber noch war die Zuchtrute der Zeit nicht gesättigt, nun blieb der Schwede als Feind, wo er als Freund kam; was ihm die Fürsten und Städte im Reich nicht mehr gaben, das bot ihm Frankreich mit listiger Hand, und Oxenstjerna zögerte nicht, es zu nehmen.
Elf Jahre ging noch der höllische Krieg: Schweden, Franzosen, Spanier rissen sich um den Raub mit dem Kaiser; aber der Raub war das Reich und der Kaiser die römische Kirchengewalt.
Da ließ auch Bernhard von Weimar den blaugelben Stumpf und machte den Pakt mit dem Todfeind der Habsburger Macht: französisches Geld half ihm, ein Heer auszurüsten, Elsaß und Hagenau -- stand in dem Pakt -- sollten sein Lohn sein.
So stieg noch einmal sein Ruhm, aber nun trug er die eigene Fahne; und als sie zum andernmal Sieg trug, als ihm das Elsaß gehörte, als Breisach ihm zufiel und der Oberrhein sein war: da wurde der deutsche Herzog dem Kanzler von Frankreich und Kardinal Richelieu zu großmächtig.
Er sollte für Frankreich, nicht für sich selber, dem Kaiser das Land abgewinnen; den Trotz zu betören, trug er dem Prinzen die Hand seiner Nichte als Siegespreis an.
Aber Bernhard von Weimar lachte der Ehre, wie Dietrich gegen Byzanz lachte; die hessische Landgräfin war ihm geneigt: von Basel bis Marburg sollte -- so ging sein Traum -- sein neues Herzogtum reichen, und sollte die Trutzburg des deutschen Evangeliums sein.
Er war die Faust und das Herz, die Trutzburg zu halten, aber der Tod fiel ihn an wie ein räudiger Hund: sein Arzt gab ihm Gift, so sagte er selber; Breisach ist unser! rief fröhlich der Kardinal.
Elsaß zu halten, doch nie das Reich zu verraten; so ging das Testament Bernhards von Weimar an seine Brüder: aber Geld und Gewalt der Franzosen hielten den Raub fest, als die Faust und das Herz nicht mehr schlugen.
Das Ende
Älter als die Jünglinge der Menschen war schon der Krieg, da Bernhard von Weimar die Faust und das Herz seiner Taten zum Sterben hinlegte, und über der Wiege saß manche Mutter, die selber den Frieden nicht kannte.
Bernhard von Weimar war noch ein Held der Hoffnung gewesen; die nach ihm kamen, waren Soldaten, sie kannten nichts als Soldatenglück und Soldatengewalt:
Banner, der Schwede, üppig und wild und verwegen und allen Lastern fröhlich vertraut; mitten im Winter kam er vor Regensburg, den Kaiser mitsamt dem Reichstag zu fangen, aber die Donau ging über Nacht in Tauwetter auf.
Torstenson dann, von der Podagra übel geplagt, aber sein Lehnstuhl fuhr schneller durchs Reich als die Reiter des Kaisers; bei Breitenfeld schlug er sie scharf, wie sein König dem Tilly tat, und seine Scharen streiften vor Wien.
Johann von Werth, der in Jülich Bauernknecht war und ein spanischer Reitersmann wurde; keine Stadt im Reich, die seine Tollheit nicht kannte.
Wie sie einander hinjagten, heute am Rhein und morgen am Lech, wie sie Heuschrecken gleich in die Länder einfielen, wie sie die klägliche Bürger- und Bauernschaft plagten: das war nicht mehr Krieg, das war nur noch Ritt um den Raub und um die Winterquartiere.
Und wie die Herren, so wurden die Knechte: wo ihrer zwölf waren, tat sich der dreizehnte auf als ihr Meister; denn plündern und rauben nährte den Mann nur noch abseits der Straße.
Längst säte der Bauer nur mehr die Felder versteckt in Wäldern und Sümpfen; und was in den Städten noch Bürgerschaft hieß, hielt das zerlöcherte Sieb, aus dem Schlamm der wilden Heervölker den traurigen Satz zu gewinnen.
Wohl hatten Sachsen und Brandenburg Frieden gemacht mit dem Kaiser, aber der Schwede hohnlachte dazu, ihn zu halten; denn längst mit dem König war seine Zucht und Frommheit gefallen.
Schlimmer als je galt das Faustrecht, wüster als je lag der Acker, bitterer als je war die Armut, wilder das Elend, heißer Hunger und Seuche; von Zucht und Sitte war nur ein schmutziger Rest, vom Wohlstand des Reiches nur noch die Sage geblieben.
Als dann Turenne, der Mordbrenner, kam, und Wrangel, der Schwede, ihm half, die Pfalz auszukehren, als Max, der stolze Kurfürst von Bayern, dem Kaiser abfiel im Stillstand von Ulm: da war der Schwur von Loreto am Ende.
Der Frieden zu Münster
Der Frieden kam, wie ein Feuer sich selber die Stätte leer frißt; der Hunger der Länder hing sich dem Wagen der Kriegsvölker an, und vor den Toren der Stadt saß wartend die Seuche.
Sieben Jahre lang siechte der Krieg hin, so hatten die räudigen Hunde der Macht sich verbissen; der Reichstag von Regensburg sollte sein Ende bedeuten, aber der Schwur von Loreto wollte noch immer Machthalter bleiben.
Dann wurde in Hamburg das Ränkespiel anders beschlossen: in Münster und Osnabrück sollten die beiden Heerlager der Räte und Vollmachten sein; aber drei Jahre vergingen, bis die Perücken der feindlichen Völker sich alle einfanden.
Und vier Jahre lang wurden die Akten gewendet, vier Jahre lang zankten die Räte sich um den Rang ihrer hohen Personen, vier Jahre lang schrieben die Federn sich stumpf an spitzen Prämissen: bis endlich der Troß der Gesandten in Münster einfuhr, mit schwarzer Tinte das Blut der Völker zu sühnen.
Der Kaiser hatte das Spiel verloren, aber das Reich mußte die Schulden bezahlen: Schweden nahm Pommern, Rügen und Bremen, Frankreich das Elsaß samt Metz, Toul und Verdun; die Schweiz und das Niederland gaben für immer dem Reich ihren Abschied.
So hatte der Schwur von Loreto ein Aas aus Deutschland gemacht, Fremden zum Fraß, und hatte dem heiligen römischen Reich deutscher Nation den Tag abgeschnitten.
Denn nun waren die Fürsten die Herren; sie durften Bündnisse schließen ohne den Kaiser, sie konnten in Frankreich, England und Schweden den Trotz stärken gegen den Kaiser: das Reich war keine Reichsherrlichkeit mehr.
Kirche und Kaiser waren das Herz und die Hand der christlichen Weltmacht gewesen und hatten den Bogen gespannt über die Völker: nun saß der Kaiser zwar noch in seiner Hofburg, aber das Reich gehörte den Fürsten.
Katholisch, lutherisch und reformiert konnte der Landesherr sein, wie er wollte; nur einen anderen Glauben als seinen brauchte er bei dem Untertan nicht zu dulden.
Frieden auf Erden hatte die Botschaft versprochen und hatte den wildesten Krieg über Deutschland gebracht; als gläubiger Christ hüben und drüben war der deutsche Mensch in die Zwietracht geraten, daß er dem Bruder die Glaubensgründe bestritt: in Konfessionen geschieden hatte das deutsche Volk die Einheit der Seele verloren.
Das Buch der Fürsten
Versailles
Ein scharfer Keil in der Habsburger Macht war das Land der Franzosen: von Flandern hinauf nach Burgund und drüben in Spanien bot ihm das Habsburger Weltreich die Flanken.
So war es geworden, als Philipp der Schöne hinüber nach Spanien freite, so wirkte es doppelt, als Karl, der spanische König, zurück in das Reich kam, Kaiser der Deutschen zu werden.
Viermal führte er Krieg mit Franz dem Ersten von Frankreich, daß ihm der Keil nicht die Flanken zersprenge; viermal nahm er den Keil in die Zange und konnte ihm doch die Schärfe nicht brechen.
Was aber Franz mit grimmigen Kriegen begann, vollbrachte mit List Richelieu: die Kaisergewalt starb hin an dem Schwur von Loreto, indessen der Kardinal den Feinden der Kirche beistand, die Flanken der Habsburger Macht einzustoßen.
Der Frieden zu Münster gab den Franzosen am Rhein, was der Kaiser verlor: das Reich war leer und zerschlagen, sie aber standen im Glück ihrer Stunde, und Ludwig der Vierzehnte kam, die abendländische Uhr auf sich einzustellen.
Er war noch ein Jüngling, als er im Jagdrock, die Peitsche keck in der Hand, ins Parlament kam, das Fürstenwort seiner Zeit auszusprechen: Der Staat, das bin ich!
Die Fürstenmacht hatte den Krieg gegen den Kaiser gewonnen, und Ludwig der Vierzehnte lehrte die Fürsten, ihr Siegerrecht auszukosten.
Der Staat war der König: Stände und Standesherrn, Bürger und Bauern waren ihm untertan und mußten dem König gehorchen als untertänige Diener; er war die Sonne, alles Licht im Staat kam von ihm, und alles war sein von Gottes Gnaden.
Seine Soldaten marschierten im Namen des Königs, seine Minister waren das Räderwerk höchsteigener Pläne, seine Beamten plagten den Untertan.
Daß seine Allmacht sichtbar würde dem eigenen Volk der Franzosen und den Völkern des Abendlandes, ließ er sich draußen, weit vor den Toren der Hauptstadt Paris die neuen Lustgärten bauen: das Schloß und den Park von Versailles.
Die starre Flucht seiner Fenster und der umgitterte Hof wiesen der stolz anlaufenden Straße den Rücken, das Antlitz war nach den Gärten gekehrt, die in unendlicher Weite über den breiten Terrassen ihr grünes Schaubild der blauen Ferne vorlegten.
Wachen und Gitter und blinkende Fenster sperrten den Eingang und reizten die Neugier; aber drinnen, von hundert Schranken behütet, hielt der Hof seine rauschenden Feste.
Da sprangen die Wasser, da lockten die hellen Terrassen den Blick in die weiten Alleen, da schritten die Seidengewänder die breiten Treppen hinauf und hinunter, da hielt die rauschende Pracht vor sich selber den Atem an.
Denn irgendwo drinnen wohnte der König und war in den schimmernden Schalen wie eine Perle geschützt; durch den Marmorsaum herrischer Hallen, unter den wuchtigen Decken prahlender Säle führte der zögernde Schritt hinein ins Geheimnis der Macht.
Aber kein Fuß durfte ihn gehen, der nicht von hoher Geburt und durch die Gnade des Königs bestimmt war; denn wie die Macht seiner Heere, so war die Pracht seines Hofes allein auf die Gunst seiner Augen gestellt.
So sahen die Fürsten Europas die Sonne der neuen Herrschergewalt: kein Schwertkaiser mehr, der im Harnisch vor seinen Rittern durchs Stadttor einritt nach ruhmvollen Taten, kein Richtkaiser mehr, der auf dem Marktplatz den goldenen Stuhl hatte.
Reiten und richten war eine Pflicht im Tagwerk der Diener geworden, der König gab nur die Gunst ihrer Stunden; sein Dasein war aus der Wirklichkeit fort in das freche Theater der fürstlichen Allmacht gegangen.
Alliance du Rhin
Ein halbes Jahrtausend und mehr hatte das Reich am Rhein seine Heimat gehabt; nun saß der Kaiser im Osten, dem Ohr und den Händen der geistlichen Kurfürsten fern, indessen die Gnadensonne von Westen reichen Glanz über ihr Fürstengewand schien.
Denn nun kam die Zeit, da die Fürsten des Reiches Abgötter bourbonischer Herrlichkeit wurden, da die Pracht von Versailles die Höfe betörte, da die Kurfürsten den rheinischen Trutzbund schwuren gegen den Habsburger Kaiser.
Sie liebten als Priester Pracht und Gepränge und wollten als Fürsten Hof halten, wie Ludwig der Vierzehnte Hof hielt in Versailles; aber die Hofburg in Wien war der fürstlichen Pracht und fröhlichen Weltlust verschlossen.
Auch hatte der Kaiser die Fürsten und Stände betrogen; ein Reichstag sollte -- so stand es im Frieden von Münster -- die neue Verfassung beschließen; aber die Hofburg wollte die Krone aus eigener Vollmacht beerben, die Kurfürsten sollten dem Habsburger Erbkaisertum nur noch den Prunkmantel halten.
Als darum der dritte Ferdinand starb, mochten die Kurfürsten am Rhein seinen Sohn Leopold nicht mehr erwählen; Kaiser im Reich und am Rhein sollte Ludwig der Vierzehnte heißen, weil er im Abendland längst der mächtigste König und für die Fürsten das Götterbild ihrer Macht war.
Mehr als ein Jahr lang zogen sie kläglich die Wahl hin, die Gunst und das Gold von Versailles strömten die Fülle über den Rhein; aber der bängliche Kurfürst von Bayern verdarb das französische Spiel: die rheinischen Herren mußten in Frankfurt den Habsburger krönen.
Aber am andern Tag saßen sie da um die Gunst und das Gold von Versailles und schwuren den Bund mit dem König von Frankreich; drei Kurfürsten mit ihren Trabanten versagten dem Kaiser die Treue und verrieten den Rhein und das Reich an den Todfeind der Habsburger Macht.
Denn nicht nur heimlich stand Ludwig der Vierzehnte Pate, er selber trat mit in den Rheinbund; die Gnadensonne von Versailles lag auf den fürstlichen Händen, als sie den treulosen Pakt unterschrieben.
Straßburg