Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 16

Chapter 163,763 wordsPublic domain

So wurde der Sohn des Ammanns aus Toggenburg im Predigerrock Träger der Staatsgewalt.

So wurde in Zürich der rauschende Prunk der römischen Kirche vor die Türe gekehrt; so mußten die Klöster Schulen und die Chorherrn Lehrer sein; so wurde das Münster, von Messe und Weihrauch und Wallfahrt gereinigt, der Saal der Gemeinde, und der Priester war nur noch ihr Sprecher.

So sank die Hülle des Morgenlandes hin von der neuen Christengemeinde; die deutsche Seele blieb tapfer dabei, die christliche Erbschaft zu halten, aber sie wollte der Lehre die eigene Ordnung, Haltung und Würde geben.

So wurde in Zürich der evangelischen Freiheit die erste Stätte bereitet; Basel und Bern traten der Mutigen bei; und dies war der kühne Traum Zwinglis, daß die Eidgenossenschaft trotz Fürsten- und Kirchengewalt rundum das Freiland christlichen Menschentums würde.

Aber die Bauernschaft in den Bergen wollte dem Beispiel der Bürger nicht folgen, und die Gewaltherren der Reisläuferschaft in Zug und Luzern, Unterwalden, Uri und Schwyz ergriffen heimlich die Habsburger Hand, mit fremder Söldnermacht gegen die Städte zu ziehen.

Da wurde der Bund der Väter gebrochen, da kamen die Eidgenossen zum Krieg, den die evangelischen Bürger gegen die katholischen Waldstätten bei Kappel kläglich verloren.

Zwingli, das Wort, blieb der Tat treu und zahlte mit seinem kostbaren Leben; bei seinem Häuflein erschlagen, lag er im blutigen Anger, bis seine Feinde das klare Antlitz erkannten und seinem Leichnam das Ketzergericht hielten.

Gevierteilt, verbrannt, als Asche verstreut in den Wind: ging der edelste Schweizer ein in das reine Gedächtnis.

Der Bauernkrieg

Kaiser und Kirche hatten einander bestritten, aber sie waren die starken Machthalter der Welt; nun sahen die Völker die Stärke schwach werden, und aus den Tiefen der Unterdrückung hob die Freiheit die drohenden Fäuste.

Was in Zürich durch Zwingli geschah, konnte im Reich nicht werden: hart lag die Bischofs- und Fürstengewalt auf dem Bürger, der Bauer war höriger Untertan seines Ritters.

Ihm konnte die Freiheit in Christo nicht in sein unfreies Dasein leuchten, ihm mußte die Predigt von Wittenberg die Schwarmgeister irdischer Hoffnung wecken: Karlstadt und Münzer waren seine Propheten, sein Evangelium wurde der Aufruhr.

Indessen der Junker Jörg auf der Wartburg die deutsche Bibel zu schreiben begann, war Karlstadt in Wittenberg mächtig geworden: er sah die Kirchengebräuche an als Wohnung des Teufels und war mit Eifer dabei, sie zu zerstören.

Messe und Klosterdienst, Beichte und Bilderverehrung, das Eheverbot und die Geltung des geistlichen Standes griff er mit hitzigen Schriften und heftigen Predigten an.

Auch kamen nach Wittenberg Männer, aus Zwickau vertrieben, die glaubten und lehrten in hitziger Einfalt die Freiheit der Seele, die selber und immer in Gott sei und weder der Schrift noch einer lehrbaren Deutung bedürfe, um selig zu werden.

Der gefährlichen Predigt zu wehren, zog Luther sein Junkergewand aus; Bann und Reichsacht zum Trotz kam er zurück, sein mächtiges Wort gleich einem Damm vor das leckende Feuer zu werfen.

Ihm mußten die Zwickauer Schwärmer aus Wittenberg weichen; aber die hart Vertriebenen nahmen den Feuerbrand mit, sie zogen hinaus in die süddeutschen Länder: bald fingen die Dörfer in Thüringen, Franken und Schwaben hell an zu brennen.

Da fraß die Lehre der Freiheit das faule Gebälk der Obrigkeit nieder, da griff die Gleichheit vor Gott die irdische Hörigkeit an, da rief der Schwarmgeist den Bauer zur Bruderschaft auf, sein Menschenrecht zu erzwingen.

Die zwölf Artikel hieß das Gelübde, darauf sie den Bund schworen, darauf die Bauern den Krieg gegen die Fürsten und Ritter begannen.

Sie wollten nicht länger leibeigen bleiben und nicht mehr den Zehnten bezahlen; wieder wie einst sollte das Land der freien Gemeinde gehören; Holz, Fischfang und Jagd sollten für jedermann frei sein; das Recht sollte wieder im deutschen Herkommen stehen statt in der römischen Rechtssatzung; auch wollten sie selber die Prediger wählen.

Wo es am meisten verschüttet war, stand Menschenrecht auf; der alte Bundschuh wurde lebendig, den die Ritterfaust niederschlug; noch einmal sein Blut an die Freiheit zu wagen, war der Bauer bereit, und die Bürgerschaft rief ihm zu, daß seine Sache gerecht sei.

Schwarz, rot und weiß war die Fahne, die Hans Müller von Bulgenbach trug, als er in Waldshut die blutige Kirchweih begann; bald wehte sie siegreich in Schwaben: die Herren mußten sich beugen, und wer sich nicht beugte, den jagten die Bauern durch ihre Spieße.

Da fiel die Furcht der Vergeltung in reiche Gemächer: Fürsten und Bischöfe schworen, die zwölf Artikel zu halten; als auch in Franken die schwarzrotweiße Fahne von den Kirchen und Rathäusern wehte, stand hinter dem Aufruhr ein neues Reich und wollte Wirklichkeit werden.

Ein neues Reich, auf den Willen des Volkes statt auf die Willkür der Fürsten und Herren gegründet: wohl sollten die Stände bestehen, aber nicht Vorrechte haben; die Geistlichen sollten die Hirten der Christengemeinde, nicht mehr die weltlichen Herren der Kirchenmacht sein.

So war der Plan, und die verschüttete Freiheit des Volkes hob ihre Fäuste, ihn zu erfüllen; aber die Schwarmgeister mischten die Brunst ihrer unreinen Machtgier hinein.

Thomas Münzer hieß der unselige Mann, der sein blutiges Wahnreich in Thüringen träumte, der mit dem Schwert Gideons kam, Fürsten und Pfaffen den Reigen der Rache zu tanzen.

In Mühlhausen hielt er gleich einem König der Juden Gericht über die Heiden; wo seine grausamen Haufen erschienen, rauchte das Blut der erschlagenen Leiber im Brand der Klöster und Burgen.

So sah Luther die Saat aufgehen im Unkraut; er wollte die christliche Freiheit allein im Gewissen, nun schrie sie Gewalt und war Aufruhr: zum andernmal schwoll ihm der Zorn, und wie er den Ablaß der Kirche mit groben Worten verdammte, verdammte er nun den Aufruhr der Bauern.

Totschlagen gleich tollen Hunden hieß er die Bauern; und wie seine mächtige Stimme erschallte, so hoben die Fürsten das Schwert: Philipp von Hessen und Truchseß von Waldburg kamen mit Harnisch und großem Geschütz gegen den Aufruhr gezogen.

Sie fanden die Haufen der Bauern uneins im Streit ihrer Führer; durch die erfahrene Feldkunst der Herren einzeln geschlagen, mußten sie überall weichen: so wurde das harte Wort aus Wittenberg wahr.

An ihren Dörfern wurde der Brand der Klöster und Burgen gerächt, an ihren Leibern das Blut der erschlagenen Ritter; hundert mußten ins Gras um einen, und ehe der Henkertod kam, hatte die Folter gequält.

So ging der Bauernkrieg aus unter dem Galgen; die aber das Blutgericht überstanden, wollten nicht mehr das Wort von Wittenberg hören: die Freiheit in Christo war ihnen ein höhnischer Traum, davon sie die grausame Wirklichkeit sahen.

Marburg

Als die Bauern im Reich ihre Freiheit begruben, war Zwingli noch Meister in Zürich; aber dem zornigen Luther galt er ein Schwärmer wie Karlstadt und seine Zwickauer Gesellen.

Gleich diesen hielt er das Abendmahl in der Gemeinde, dem Herrn zum Gedächtnis; sie brachen das Brot und tranken vom Wein, wie Jesus den Jüngern befahl, sie waren des Wortes gewiß und seiner tiefen Bedeutung.

Aber sie wollten nicht länger im Wunderglauben der Kirche beharren, daß sie das Brot und den Wein in den Leib und das Blut des Erlösers zu verwandeln vermöchte: sie sahen ein Sinnbild und ließen das Liebesmahl gelten, aber sie glaubten kein Sakrament mehr.

Mit polternden Worten fuhr Luther in ihre Meinung und fachte Streit an, wo Einigkeit notwendig war; denn noch stand die römische Kirchenmacht willens, die Ketzer zu verbrennen, und die Habsburger Hand drohte, dem Willen mit ihrer Macht beizuspringen.

Manche Fürsten und viele Städte waren der neuen Lehre geneigt, doch der Reichstag zu Speyer gab ihrer Gunst den bösesten Abschied: der spanische Kaiser hatte den Papst gefangen und Rom plündern lassen, aber er war der gehorsame Sohn der Kirche geblieben und wollte die Ketzer ausrotten.

Philipp, der Landgraf von Hessen, sah die Gefahr und wollte ein Bündnis der Schwerter, die evangelische Lehre zu schützen; daß ihre Bekenner nicht schwach durch Uneinigkeit wären, lud er die feindlichen Brüder, Luther und Zwingli, samt ihrem geistlichen Heerbann nach Marburg.

Da saßen sie einmal zusammen im Saal seines hochragenden Schlosses, die einzelnen Männer der Predigt; sie wollten redlich den Hader bezwingen, aber die Schlupfwinkel des Glaubens boten der Zwietracht zuviel Verstecke.

Zwingli der weiteste war am meisten geneigt: Lehre und Tat in der Christengemeinde galten ihm mehr als Wortgläubigkeit; Luther der Mönch und Magister brachte die Füße nicht aus dem Glauben der Schrift.

Das ist mein Leib! so standen die Worte vor ihm auf der Tafel mit Kreide geschrieben; er ließ sich nichts deuteln und nehmen, weil ihm das Wunder der Gottmenschlichkeit Christi mehr als die Lehre, weil ihm der Glauben höher als alle Vernunft galt.

So war das Lächeln der Liebe und Weisheit in Zorn und Eifer verkehrt; über der tiefen Einfalt der Lehre stand das paulinische Kreuz, und über dem Kreuz des Erlösers hatte die Kirche ihr kühnes Gewölbe gebaut: Luther blieb brünstigen Glaubens darin, und Zwingli zagte, es zu verlassen.

Sie konnten einander die Hände nicht geben und gingen mit Hast voneinander: noch war die Lehre im Schrein des Wunderglaubens begraben, noch hing der Erlöser am Kreuz, weil Juden und Judengenossen die göttliche Botschaft des Zimmermannssohns nicht verstanden.

Die Wiedertäufer

Die aber wähnten, die Botschaft des Zimmermannssohns zu besitzen, brannten im heimlichen Feuer; Wiedertäufer hieß sie das Volk, weil sie die Taufe der Kinder verwarfen: nur, wer mit Wissen und Willen getauft sei, könne des heiligen Geistes teilhaftig werden.

Denn Jesus erlöse nur den zur christlichen Freiheit, der seiner Lehre in Einfalt nachfolge; wer das Mirakel des Opferlamms lehre, mache nur einen Abgott jüdischer Herkunft aus ihm.

Sie wurden verfolgt und heimlich geduldet und führten noch einmal das stündliche Dasein der ersten Christengemeinde; sie saßen heimlich zusammen in ihren Handwerkerstuben und sandten Apostel hinaus mit seltsamen Zeichen.

Das knisternde Feuer der Lehre wurde gedämpft rundum im Reich, aber die zuckenden Flämmchen sprangen gleich Irrlichtern fort; von Lübeck bis Basel, von Salzburg bis Leyden wuchs das Geheimnis der Täufer.

Ein Bürger von Münster, Knipperdolling geheißen, kam wieder heim aus der Fremde, als Rottmann lutherischer Prediger war; um seines Glaubens willen verwiesen, brachte er seltsame Freundschaften mit.

Jan Matthys hieß einer und kam aus Leyden, wo er ein Bäcker gewesen, aber Prophet und Apostel geworden war; ihnen trat Rottmann der Prediger bei: so wurden in Münster die Wiedertäufer eine Gemeinde.

So stark waren sie bald, daß sie den Rat an sich brachten; da wurde Knipperdolling Bürgermeister, aber Jan Matthys blieb sein Prophet, dem er und der Rat in Demut gehorchten.

Münster, die Bischofsstadt in Westfalen, hielt ihre Tore den Wiedertäufern geöffnet: da strömten sie zu aus dem Dunkel böser Verfolgung und hießen die Stadt ihre Burg Zion.

Aber noch gab es Bürger in Münster, die der neuen Herrlichkeit ungläubig waren, auch zog der Bischof heran, die Stadt zu berennen: ihm wurden die Ungläubigen -- ihrer Habe beraubt -- entgegen gesandt.

Als die Landsknechte des Bischofs dann die Tore belegten, war Münster in Wahrheit die Burg und die Stadt der Wiedertäufer geworden; mit Mauern und Gräben stattlich gerüstet, zog sie den stachligen Ring um die Täufergemeinde, die nun allein in der Welt war.

Doch ließen die Tapferen sich nicht mit Waffengewalt schrecken; indessen die reisigen Völker des Bischofs die Mauern spähend umritten, lebten sie treulich nach ihrer Lehre: sie gaben ihr Eigentum her und lebten gemeinsam, sie nannten sich Brüder und Schwestern und taten ihr Tagwerk im Amt der Gemeinde.

Jan Matthys, ihr Meister, gab die Gesetze; der ein Bäcker gewesen und ein Apostel geworden war, saß nun als Fürst unter den Seinen, die der feurigen Kraft seines Geistes willig gehorchten.

Aber das Glück verließ ihn, als er bei einem Ausfall tollkühn voraussprang; der Meister wurde erschlagen, und der Geselle kam, durch den Willen des Volkes erhoben, an seinen Platz.

Jan Bockelson war er geheißen, ein Schneider und Schenkwirt aus Leyden und gleich seinem Meister ein Schwarmgeist des Wortes; ihm aber war es zu wenig, Prophet und Apostel zu heißen; er wollte, ein rechter König, auf seinem Thron in Pracht und Herrlichkeit sitzen.

So wurde die Tollheit in Münster Ereignis: an einer goldenen Kette trug Jan, der Schneider und König, die goldene Kugel als Zeichen; denn die Welt sollte sein werden, der auf dem Stuhl Davids endlich das Gottesreich brachte, das Kaiser und Papst nicht vermochten.

Wie er an Weisheit sich Salomo gleichhielt, so sollte auch Salomos Pracht um ihn sein; Knipperdolling der Statthalter sorgte mit scharfem Schwert, daß ihn das Murren des Volkes nicht störte, als er dem üppigen Davidssohn gleich sein Lager mit Weibern und Saitenspiel füllte.

Indessen der König die Freuden des Thrones genoß, ging in den Gassen der Mangel; denn immer noch hielten die Haufen des Bischofs die Tore belagert, und langsam zog der Gürtel sich enger, weil endlich die Fürsten von Hessen, Sachsen und Köln dem Bischof Hilfsvölker sandten.

Wohl schlugen die Täufer tapfer den ersten Überfall ab; als aber der bittere Hunger den Mangel ablöste, als täglich die gläubige Hoffnung enttäuscht auf ein Wunder harrte, als endlich Verdruß und Verrat dem Feind einen Schleichweg aufmachte: da sank dem Schneider und Schenkwirt aus Leyden sein Königreich hin.

Grausam mußten die Täufer den Traum ihrer Davidsburg büßen; wie Jerusalem fiel, sank Münster in Asche und Blut; der sich den König der Welt nannte, hing im eisernen Käfig außen am Kirchturm, den Menschen zum Spott und den Vögeln zum Fraß.

Die Landeskirche

Indessen die Schwarmgeister der Schrift so blutiges Schicksal entfachten, blieben die Männer in Wittenberg treulich dabei, dem Glauben das Wohnhaus zu bauen.

Kaiser und Kirche waren die Mächte der alten Welt; von beiden verworfen durch Acht und Bann, stand Luther im Leeren: die Schrift in der Hand und der Landesherr über ihm waren seine Gewalten.

Friedrich der weise Kurfürst von Sachsen schätzte den Mönch und seinen Magister, obwohl er sich selber bedachtsam zurückhielt; das sächsische Land stand schon im neuen Bekenntnis, da war er noch streng in der Kirchenpflicht, und erst auf dem Sterbebett nahm er das Abendmahl.

Der aber das sächsische Land und die Männer von Wittenberg erbte, Johann der Bruder Friedrichs des Weisen, bekannte sich frei zu den Ketzern der Kirche; ihm wurde Luther vertraut, und er hörte auf ihn.

Er machte, daß Luther den Schutz seiner Gemeinde in die Landesgewalt stellte, daß er die Kutte der Kirche auszog für einen fürstlichen Predigerrock.

Mensch sein auf Erden hieß einer Obrigkeit untertan sein; konnten die Gläubigen nicht mehr der römischen Kirche gehorchen, so mußte die Landesgewalt die Predigt behüten, der Landesherr selber stellte die höchste Kirchengewalt vor.

So bauten die Männer in Wittenberg abseits der Kirche dem evangelischen Glauben das Wohnhaus; Johann der Kurfürst von Sachsen wurde der Hausherr des gläubigen Geistes, wie er dem irdischen Leib die Obrigkeit war.

Was aber in Sachsen geschah, wurde auch sonst im deutschen Land als sächsisches Kirchenrecht gültig: der Landesherr erbte die Kirchengewalt und erntete die Güter der Kirche.

Wittenberg blieb dem Schwarmgeist zum Trutz die Werkstatt des evangelischen Glaubens; er hatte die Freiheit des Christenmenschen gegen die Kirche entfesselt, aber daß sein Gewissen nicht Irrwege ginge, band er es wieder im Wort der Schrift.

Die Männer von Wittenberg mußten nicht mehr mit großen Gebärden Unmögliches tun; sie wirkten gemeinsam an ihrer amtlichen Pflicht und konnten den Feierabend wohl mit Fröhlichkeit füllen.

Luther, der todblasse Mönch auf dem Reichstag und die Stimme des deutschen Gewissens, war selber ein Hausherr geworden, der seinen Tisch gern mit Gästen besetzt sah und seiner Frau Käte samt ihren Kindern die Armut und Härte der eigenen Jugend heiter vergalt.

Er wurde nicht mild wie alter Wein, sein kränklicher Leib schaffte ihm harte Beschwerden, auch war seine Streitlust geneigt, streitsüchtig zu werden; der ein Apostel gewesen war, die rufende Stimme und der Held seines Volkes, ging in der Täglichkeit unter.

Aber so tat er das schwerste: die Flügel des Geistes hatten gewaltig um seine Stunden gerauscht, als er die Zelle verließ, aber der todblasse Mönch hatte den Mann, nicht den Aufruhr gerufen; nun war er selber ein Jünger und Protestant, die Täglichkeit mit Hörnern und Zähnen zu packen, statt sie im Groll zu zerschlagen oder nach heiliger Sitte sie hadernd zu lassen.

Kopernikus

So stand in der Bibel am Anfang: Gott schied am ersten Tag Licht von der Finsternis, am zweiten Tag Erde und Wasser, am dritten hieß er die Erde bewachsen mit Gras und fruchtbaren Bäumen, aber am vierten Tag ließ er die Lichter am Himmel steigen, der Erde zu leuchten: die Sonne, den Mond und die Sterne.

Die Sonne, der Mond und die Sterne dienten der Erde, ihr den strahlenden Tag und die schimmernde Nacht im unermüdlichen Kreislauf zu bringen; aber die Erde diente den Menschen, und der Mensch diente Gott, der über den irdischen Wolken sein Himmelreich hatte.

Zwar hatte Pythagoras anders gelehrt: Heftig hieß er das helle Feuer, um das sich Sonne und Erde, der Mond und die Sterne in ewigen Kreisen bewegten.

Ptolemäus aber, der kluge Ägypter, half der Bibel mit seiner einfachen Lehre wieder zum Recht: die Erde war wieder die ruhende Mitte der Welt im kreisenden Kranz der Gestirne.

So war für ein Jahrtausend und mehr der Glauben der Kirche in den Beweisen der Wissenschaft sicher gebettet; Sterndeuter hießen, die an den Höfen der Großen das Schicksal der Menschen aus dem Stand der Gestirne zu lesen vorgaben, ihnen waren es Nebenörter der Welt, von Dämonen bewohnt.

Indessen aber der Mönch in Wittenberg das Gewissen wachrief gegen die Kirche, saß ein Domherr zu Frauenburg nächtlich allein, die Bahn der Gestirne zu prüfen.

Ihm war eine Kunde der alten Lehren gekommen, und als er damit die Rätsel des Himmels absuchte -- wie die Lichter wohl stiegen und sanken im irdischen Tag, wie aber die Bahnen in großen Gezeiten sich hoben und senkten -- fand er die Wahrheit im Wahn seltsam verhüllt:

Der leuchtende Sonnenball stand mitten im Kreislauf seiner Planeten; und die den Menschen der ruhende Mittelpunkt schien, die Erde war selber nur ein Planet und mußte die jährliche Bahn um die Sonne als Kugel abrollen, indessen der Mond als getreuer Trabant sie zwölfmal umkreiste.

Als er dem Erdball so einen Platz und Rang im Himmelsgewölbe anwies, waren die Rätsel der Jahreszeiten, war der Stillstand und Wechsel im Lauf der Planeten gedeutet.

Aber nun stand der Erdball in der ewigen Unrast des Himmels nicht mehr als Zuschauer da, nun war er selber hineingerissen in den unendlichen Raum und in den ewigen Kreislauf, nun war er selber ein Gestirn, der Sonne demütig untertan.

Dann aber war der Anfang der Bibel auch nur ein jüdisches Märchen, ein menschliches Sinnbild der göttlichen Schöpfung, das vor der Wahrheit kindlich und eitel dastand.

Denn nun tat die Schöpfung erst ihre Unendlichkeit auf; ein kleiner Planet, ein winziger Ball, die riesige Sonne umkreisend, ein glimmendes Fünkchen im Weltraum: das war die Erde, die sich die Einfalt der Menschen als einzigen Wohnraum der göttlichen Gnade ausdachte.

Ein Gebrause kam in die Welt und dann eine grausame Stille, weil Gott aus dem irdischen Himmel entwich und in die Unendlichkeit einging.

Das Buch der Zwietracht

Loyola

Zur selben Zeit, da Luther der Mönch ein Junkergewand trug auf der Wartburg, lag ein spanischer Junker mit Namen Loyola an beiden Füßen verwundet und las die Legenda.

Er war ein tapferer Kriegsmann gewesen, nun sah er den Mut der heiligen Männer auf andere Dinge gewandt als Lanzenstechen und Schwerthieb; er wurde der irdischen Händel von Herzen satt und wollte wie jene ein Ritter der Jungfrau Maria heißen.

Als seine Füße geheilt waren, trug er die Waffen in mühsamer Wallfahrt zum Gnadenbild der göttlichen Frau; er aber ging in die Wildnis und wohnte den Heiligen gleich in einer Höhle, den Leib und die Seele in brünstiger Marter zu üben.

Und als er kein Junker mehr war, nur noch ein bärtiger Mönch, zog er als Pilgrim ins heilige Land; aber die Mönche des heiligen Landes schickten ihn heim als einen unnützen Schwärmer.

Daß er gelehrt sei zu reden wie sie, ging er in eine Schule und schämte sich nicht, mit seiner Einfalt unter den Knaben zu sitzen.

Er war schon grau an den Schläfen, als er zum andernmal auszog mit seiner Verzückung, dem spanischen Volk sein Erlebnis zu sagen; aber die Priester nannten den närrischen Ritter bald einen Ketzer und sperrten ihn ein.

So ließ er mit Grimm die spanische Heimat und zog nach Paris, an den Brüsten scholastischer Weisheit zu trinken.

Da blieb er lange und wurde Magister; aber nun fand er Genossen seiner Verzückung: Streiter Gottes wollten sie sein, ohne Waffen, nur mit der Kraft und Einfalt des gläubigen Geistes gerüstet und streng im Gehorsam.

So wurde der Orden Jesu gegründet; aus gläubiger Einfalt und hitzigem Eifer blühte die Rose von Jericho wieder: nicht das Gewissen mit seinen Schlupfwinkeln der Seele, der Geist des Gehorsams gegen die Kirchengebote allein sollte die Jünger verpflichten.

Da war den Männern in Wittenberg der Gegner gewachsen; gegen die Freiheit des Christenmenschen baute die Kirchenzucht ihre Schranken.

Alles zur größeren Ehre Gottes, stand auf den Fahnen, aber Gott war die Kirche; sie stellte dem Zweifel die Frage, ob er im Trotz seine eigene Seligkeit wagen oder im Glauben des kirchlichen Gnadenschoßes sicher sein wollte.

Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben! sagte die Schrift; die dem Kriegsmann der Kirche nachfolgten, trugen den Stahl des biegsamen Wortes als Panzerhemd unter dem spanischen Priestergewand.

Sie gaben die große Verderbnis der Kirchenweltlichkeit zu, aber sie haderten nicht mit der Kirche um der menschlichen Schwäche im Priesterkleid willen; sie waren Ritter des Geistes und bauten dem Glauben kunstreiche Brücken zu einer anderen Kirche, die hinter dem Schein Wirklichkeit war.

Auch gingen sie nicht mit dem Bettelsack auf die Gassen; sie fanden die Türen der reichen Gemächer, darin die Landesgewalt auch nur ein Mensch war; sie schwiegen dem Volk, aber sie wußten den Fürsten geschickt von den Pflichten und Rechten der christlichen Herrschaft zu sprechen.

Sie kamen als Gärtner der Jugend: wo das Holz sich verjüngte und wo die Stämme noch schwank waren im Saft, setzten sie klug ihre Stäbe.

Der spanische Kaiser ging kläglich ins Kloster, weil seine Weltherrschaft wankte, sie aber kamen ins Reich mit ihren spanischen Hüten; und wo er mit all seinem Kriegsvolk nichts gegen den Brand der Ketzer vermochte, nahmen sie klug und behutsam das fürstliche Holz aus dem Feuer.

Calvin

Als Zwingli bei Kappel den Glaubenstod fand, Eidgenosse und Kriegsmann trotz seinem Predigerrock, führte in Genf schon Calvin, der fromme Franzose, sein strenges Kirchenregiment.

Er wollte die Christengemeinde wie Zwingli; Zucht und Eifer der Gläubigen sollten dem Staat das wahre Bürgertum bringen: der paulinische Glauben der ersten Christengemeinde zog das Jahrtausend der Papstherrlichkeit aus.

Alles, was in den kirchlichen Räumen und Bräuchen Erbschaft des Morgenlandes war, sollte dem Sinn der gläubigen Brüderschaft weichen, statt einem prunkvollen Tempel sollte die Kirche ein schmuckloses Gemeindehaus sein.

Sie tünchten die Wände weiß und räumten den Hochaltar aus; sie nahmen dem Chor den lateinischen Priestergesang fort und ließen die ganze Gemeinde das Kirchenlied singen; sie saßen beim Abendmahl fromm miteinander, dem leidenden Herrn zum Gedächtnis.