Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 15
Ihm war die Weite nicht mehr verschüttet, und keine Wirrnis der Fragen hielt ihm den Willen gefesselt; er wollte das Werk seiner kunstreichen Hände, wie eine Schwalbe den Flug will.
Den rechten Körper recht in den Raum zu stellen, brauchte er Augen und Hände, nicht aber das Richtmaß schwieriger Gedanken, weil er ein Glückskind der Sinnenwelt war.
Wohl mochte sein Silberstift zart und beharrlich die Dinge umschreiben, aber zeichnen und malen war ihm wie trinken und essen, und gern hielt er der Farbe ein lockeres Mahl.
Das leuchtende Fleisch seiner Hand und Stirn, der rostige Pelz und das dunkle Tuch einer Schaube, der weiße Saum zierlicher Spitzen, die rote Glut des Brokats und der Perlenschaum im Geschmeide: alles tauchte sein Pinsel hinein in den glasklaren Grund seiner Farbe.
Als er in Basel sein großes Madonnenbild malte, klangen die Farben wie Glocken; da war die farbige Fülle des Genter Altars von neuem leibhaftig geworden in einer einzigen Tafel.
Aber die Basler Bürgerlichkeit war zu karg für die Pracht und die Fülle; Erasmus, sein spöttischer Gönner und Freund, half ihm nach England: da wurde Hans Holbein der Maler des Königs und seiner reichen Hofhaltung.
Denn Max, der Kaiser, war tot; kein Fürst und kein Fugger konnte dem Reich den Königshof bauen, der über der Notdurft des Tages der Kunst eine Stätte bereiten, der den prahlenden Reichtum zur edlen Zier hinlenken sollte.
Machtgier und Habsucht hielten das Gold in schäbigen Händen, und wenig fiel ab von den Tischen, daran die Bürgerschaft längst übersatt saß.
Nur die Kaufleute drüben im Stahlhof wurden von Holbein gemalt; die Erbherren der Hansa brachten die Tafeln als köstliches Gut zurück aus der Fremde.
Erasmus
Ein blasses blondhaariges Männchen, Sohn einer läßlichen Liebe zu Rotterdam, aus klösterlicher Jugend mühsam befreit und in Paris den kahmigen Wein scholastischer Wissenschaft trinkend, hatte sich selber Erasmus, das ist der Ersehnte, genannt.
Vorzeitig aus dem Nest gefallen, grämlich begönnert und auf die Gunst seiner Gaben gestellt, fand er beizeiten den sauren Witz; und wo die Humanisten mit Bienenfleiß die Waben bauten, war er die Wespe an den Früchten.
Ob sie in Frankreich oder England hingen, in Florenz oder in Basel, sein Vaterland war überall, wo sich gescheite Köpfe an seiner witzigen Vernunft erfreuten, wo die Poetenschulen der Humanisten ihm Weihrauch schwangen.
So war Erasmus viel und fehl erfahren, als er sein Büchlein vom Lob der Torheit drucken ließ, das bald wie keines auf den Messen Europas hing.
Aus Überdruß geboren und im Spott getauft, hielt Moria, die Torheit selber, dem Abendland dreist ihren Spiegel vor.
Alle Stände ließ sie ihr Zerrbild sehen, die jungen und die alten Gecken am Gängelband der Frauen, Gelehrte und Rhetoren, Schulmeister, Fürsten, die das Volk betrogen, und das Volk selber, das sich willig betrügen ließ.
Alle mußten dem lachenden Leser erst ihren Bocksprung machen, bis mit den Kutten das große Fastnachtsspiel der Torheit begann:
Die Theologen mit den gebleichten Fahnen ihrer Spitzfindigkeit, die dreisten Bettelmönche und die Possenreißer der Kanzel, Bischöfe und Prälaten im Fett der Pfründen, der Statthalter Christi selber mit der dreifachen Krone, im Troß der Schreiber, Stallmeister, Advokaten die Schafe der Kirche scherend.
Kein Sittenprediger aber schliff der Torheit den Spiegel so blank, ein Schalksnarr nur, der viel zu listig war, den Spiegel selber der Fastnacht hinzuhalten, und viel zu lustig im Geklingel seiner Schellen, als daß nicht alle der dreisten Späße lachten.
Da hatte die Kirche die Tollheit kreuzfahrender Völker bestanden und hatte den Kampf mit dem Kaiser gewonnen, sie hatte die Ketzer verbrannt und den Reichtum der Länder in ihre Klöster getan: nun lockte ein listiges Männchen zu Basel den Leviathan hervor.
Ein Jahrtausend war er zur Weide gegangen, die Abendländer zu fressen; als er sich hinlegen wollte, um zu verdauen, stak ihm die Distel im Hals, daß er sich würgte.
Da sahen sie alle die Ohren und hörten die Stimme und lachten das Ungetüm aus, weil der Leviathan doch nur der Esel war.
Ulrich von Hutten
Er war mit siebzehn Jahren dem Stift in Fulda entlaufen und als Scholar ein Fahrender geworden; doch auf den hohen Schulen in Deutschland und Italien hieß Ulrich von Hutten längst ein Poet.
So blank war sein Latein in Reime gebracht, daß sich die Humanisten allerorten des abenteuerlichen Jünglings gern annahmen, wenn er in schlechten Kleidern und zerrissenen Schuhen an ihre Tür zu klopfen kam.
Catilina habe von Cicero, so hieß es, keine schärfere Schmach erfahren, als der Herzog in Württemberg von ihm erfuhr, da Hutten die Ritterschaft aufrief, den Mord an seinem Vetter Hans zu rächen.
Den hatte der Herzog auf der Jagd treulos erschlagen, weil die Frau des Ritters die Buhlin des Herzogs war; Ulrich von Hutten ruhte nicht mit seiner Feder, schärfer als alle Schwerter seiner Sippe, bis er den Herzog von Land und Fürstentum brachte.
Noch aber war der Kranz auf seiner trotzigen Stirn nicht welk -- der Kaiser selber ließ ihn zum Dichter krönen, und die Tochter des gelehrten Ratsherrn Peutinger in Augsburg band ihm den Lorbeer -- als Ulrich von Hutten sich eines größeren Gegners vermaß.
Weil sich das Kölner Pfaffentum an Reuchlin vergriffen hatte, flatterten aus Mainz die Briefe der Dunkelmänner in die Welt, den Humanismus an seinen Lästerern zu rächen; und jedermann erkannte, daß Hutten ihr frecher Spottvogel war.
Es war dies aber zu der Zeit, als Luther den christlichen Adel deutscher Nation fürs Evangelium aufrief; der Mönch in Wittenberg schrieb Deutsch und kein Latein der Humanisten: da mußte auch der Ritter deutsche Antwort geben.
Denn nun hieß Ulrich von Hutten kein Landfahrer mehr; er war dem Reichsritter Sickingen auf seine Ebernburg gefolgt und hatte die Faust gefunden, seine Fackel zu halten.
Als das Gesprächsbüchlein Herrn Ulrichs von Hutten gedruckt erschien, da ritt der deutsche Ritter ins römische Revier, so gegen Tod und Teufel gewappnet, als ob der Kupferstich des Meisters Albrecht Dürer Erscheinung geworden wäre.
Sie hatten eine Druckerpresse auf ihrer Herberge der Gerechtigkeit, die beiden Ritter, davon der eine vordem ein landfahrender Humanist, der andere ein kaiserlicher Feldhauptmann gewesen war: nun hielten sie Halbpart als Herz und Hand der deutschen Ritterschaft.
Nun träumten sie den frühesten Traum des deutschen Reiches gegen Rom: ein Reich wie vormals auf den Stand der Freien so auf den Ritterstand gegründet, der hinter sich das Volk und vor sich ohne Fürsten- und Bischofsgewalt den Kaiser der Deutschen habe.
Aber Max, der Kaiser, ritterlichem Ruhm rechtschaffen zugewandt, war in den zuckenden Blitzen der neuen Zeit gestorben; und Karl der Fünfte schleppte die Last der halben Welt auf seinem Rücken.
Er war in Spanien daheim und kannte Deutschland nur als Wallburg seiner Weltherrschaft; auch brauchte er für seinen Krieg in Frankreich die Fürsten und den Papst nötiger als deutsche Ritter.
Der Sickingen schlug los, schon krank und grämlich von der Gicht, aber die Hand war nicht so stark, wie sie das Herz gedacht hatte: all seine Burgen wurden ihm berannt, mit seiner Feste Landstuhl fiel Franz von Sickingen seinem Todfeind, dem Bischof Greiffenklau von Trier, tödlich verwundet in die Hände.
Der hitzige Morgentraum der deutschen Reichsritterschaft war ausgeträumt, als Luthers Tag anfing.
Die Reichsritterschaft zu wecken, war Ulrich von Hutten vergeblich nach Schwaben ausgeritten; weil er nicht mehr heimreiten konnte, stieg er ab vom Roß, aus einem Ritter gegen Tod und Teufel ein Landfahrender zu werden, wie er vormals war, nur daß ihn jetzt die Hunde der Päpstlichen hetzten.
Da war auch dem Erasmus in Basel die Bekanntschaft zu bedenklich; häßlich aus der Stadt verwiesen, todkrank und seines Lebens satt, trat Ulrich von Hutten mit schlechten Kleidern und zerrissenen Schuhen bei dem Prediger Zwingli in Zürich an.
Der nahm den schlimm Gehetzten in Güte auf und gab ihn dem Johannes Schneck in Pflege, der auf der Insel Ufenau im blauen Zürichsee Pfarrhalter und heilkundig war.
Nur vierzehn Sommertage fraß die Krankheit noch an dem Lebensrest, darin die Glut der Zeit wie Zunder brannte; dann starb Ulrich von Hutten, der fürwahr ein Fahrender, ein Reiter ohne Roß, ein Herz ohne Hand, und einmal ein Ritter gegen Tod und Teufel war.
Als der deutschen Freiheit Verfechter aber ritt sein geharnischtes Bildnis auf dem Gesprächbüchlein noch lange durch die Hoffnung der Herzen mit seinem Trutzwort: Ich hab's gewagt!
Der Mönch von Wittenberg
Das Lob der Torheit lachte in den Späßen des Erasmus; der Humanismus zahlte den Scholasten den letzten Schimpf; Leo der Medicäer war Papst, und Kaiser Maximilian, der letzte Ritter, starb als die unruhvolle Spindel verblaßter Herrlichkeit: da schlug zu Wittenberg in Sachsen die Stunde der neuen Zeit.
Ein Mönch hob seinen Hammer, das Mauerwerk zu prüfen, darauf im Namen Christi die stolze Gralsburg der Kirche gebaut war; ein Augustiner rief im Gottesstaat der Priester die Losung der deutschen Seele aus; ein Bergmannssohn aus Sachsen trat in den Rat der Fürsten, das Reich von Rom zu lösen.
Er hatte Welt und Würde abgetan nach harten Jünglingsjahren und schmerzensreich in seiner Zelle um Gott gerungen, bis sein Gewissen den Trost der Schrift, sein Glaube den Gnadenquell der Liebe fand.
Von seinem Orden als Lehrer nach Wittenberg gesandt, fand seine Predigt das Ohr des Volkes, und die Inbrunst seiner Lehre zog viel Schüler an, als ihm der Ablaßhandel Predigt und Lehre störte.
Sie schlugen ihre Buden auf gleich Kirmesleuten, mit Höllenpein und Fegfeuer das Christenvolk zu schrecken, mit gotteslästerlichem Witz die Gläubigen zu betrügen, daß sie für einen Groschen den Ablaß ihrer Schuld und die Vergebung ihrer Sünden kauften.
Als aber Tetzel sein Marktgeschrei in Jüterbog anhob, so daß dem Doktor Martin Luther seine Beichtkinder in Wittenberg die Ablaßzettel brachten: da schwoll dem Doktor der gottbemühte Geist im Zorn um diesen Seelenhandel.
Er schlug seine Thesen an die Schloßkirchentür, mit jedem in der Welt zu streiten: daß die samt ihren Meistern zum Teufel führen, die durch den Groschen für einen Ablaßbrief vermeinten, der Seligkeit versichert zu werden.
Es sollte nur eine Streitschrift sein, dem Ablaßhandel zu begegnen, aber es wurde eine Botschaft Gottes daraus; denn wie Gewässer von den Bergen, so fing die Hoffnung an zu rinnen, daß hier ein Herold des Heliands die Wiederkunft verkünde.
Noch schien dem Medicäer der Handel nur Mönchsgezänk; Rom drohte mit dem Finger, die Dreistigkeit zu dämpfen: es sandte Cajetan, den Kardinal, und danach Miltitz, den Kammerherrn; und was der eine hochmütig in die Grube warf, das scharrte der andere mit Taubenklugheit wieder aus.
Schon schien der Trotz des Mönches in Milde eingepackt, da sprang der Schwabe Johann Eck dazwischen mit seiner Feuerzange.
Der hielt sich für den Kirchenvater der neuen Zeit, und er gedachte, mit Gelehrsamkeit den Mönch zu packen, als er den Kühnen nach Leipzig rief, ihm Antwort zu geben auf seine frechen Thesen.
Da focht die fauchende Scholastik den letzten Hahnenkampf; durch zwanzig Tage sprangen die Kämpfer an und ließen Federn, bis der Schwabe zerrupft abfuhr nach Rom, sich einen neuen Dorn zu schärfen.
Der Bannstrahl, der den Salier barfüßig nach Canossa brachte und der dem Hohenstaufen das Henkerbeil zückte, der die Stedinger ausbrannte und den Scheiterhaufen in Konstanz flammen ließ: mit dem traf nun der Medicäer den Mönch in Wittenberg.
Seines Sieges sicher brachte der Schwabe selber die Bannbulle mit; doch war indessen der Doktor Luther hoch in der Gunst gestiegen, und seine Sendschreiben hatten den deutschen Zorn gezückt.
Nicht mehr dem Tetzel galt der Zorn und nicht mehr dem Ablaßhandel, den Kutten nicht und nicht mehr den Ketzerrichtern, dem Wohlleben der Bischöfe und der Priesterverderbnis: er galt der dreifachen Krone der römischen Kirchengewalt.
So konnte der Mönch in Wittenberg wagen, was Jesus von Nazareth tat, da er im Tempel die Tische der Wechsler umwarf und seinen Wehruf über Jerusalem sprach.
Ein Wintertag klang in den Schritten der Männer und Schüler, die ihm vor das Elstertor zum verwegenen Hochgericht folgten; ein Wintertag füllte den Himmel mit frostkaltem Licht, als sie den Holzstoß ansteckten, daß die zuckenden Flämmchen sich einten zur Flamme, die steil und stolz auf dem Opferaltar stand.
Da trat er vor in den Kreis, Magister und Mönch in der Kutte und Machthaber der ewigen Gleichung; da warf er die päpstliche Bulle hinein in das Feuer, das uralte Sinnbild der Entsühnung, und sprach das Wort aus Josua: Weil du den Heiligen des Herrn betrübt hast, so betrübe und verzehre dich das ewige Feuer!
Der gerichtet war im päpstlichen Spruch, stand richtend vor seinen Richtern; nicht ihren Irrtum allein verwarf er, er verwarf ihren Grund im Gesetz: mit der Bulle verbrannten die Bücher der kirchlichen Herkunft, verbrannte im Holzstoß des eifernden Doktors das kanonische Recht der römischen Kirche.
Nie hatte einer so Kühnes gewagt, seitdem es römisches Kirchentum gab; die Flammen fraßen sich fröhlich hinein in die Schrift des tausendjährigen Reichs; eine gläubige Schar stand dem Tollkühnen bei auf dem Rand der brennenden Welt.
Der Reichstag zu Worms
Auf einem Rollwagen fuhr er zum Reichstag, und das Volk lief ihm zu, der so Kühnes vermochte, die Städte holten ihn ein mit Reitern, und die Räte begrüßten ihn vor den Toren: gleich einem Schatz von Hand zu Hand weitergereicht, fuhr Martin Luther durchs deutsche Land in zwölf Reisetagen.
In Eisenach wurde er krank, und die Raben vom Kyffhäuser flogen herbei, seine Kühnheit zu warnen; aber er hob den widerspenstigen Leib in den Willen und verscheuchte die unholden Vögel.
Wenn sie ein Feuer machten von Worms bis hierher, ich müßte hindurch; und wenn soviel Teufel da wären wie Ziegel auf den Dächern, ich wollte hinein!
Ein Frühlingstag tat sich auf aus dem neblichten Morgen, als er einzog durch das drängende Volk der brausend erfüllten Stadt: kein Hosiannahgeschrei, staunende Furcht und hitzige Hoffnung stritten um ihn; aber in seiner Herberge kamen und gingen die Ritter bis in die Nacht, das deutsche Gewissen mit Schwert und Handschlag zu grüßen.
Dann stand der Mönch am anderen Morgen allein in der bänglichen Stille, wo die Brandung verstummte und die Strudel der schweigenden Ehrfurcht den Kaiser umkreisten.
Er sah das Jünglingsgesicht blaß wie seines und beinern vor den purpurnen Tüchern; denn Fackellicht füllte die Halle mit dem schwelenden Spiel rötlicher Lichter und raunender Schatten.
Vor die Fürsten und Stände des Reiches war er gerufen, aber er stand vor dem Schlagbaum der Kirche, die nichts als den Widerruf wollte.
Die Stimme der gläubigen Seele traf an das Ohr der römisch-deutschen Entscheidung; sie hob die flatternden Flügel, über den Schlagbaum zu fliegen, und in die kreisende Stille scholl ihr bänglicher Ruf.
Bis sie die Häupter der Fürsten und geistlichen Herrn und das beinerne Antlitz des spanischen Jünglings umschwebte, der die Krone der Habsburger trug: da waren der Ohren zu wenig, trotzdem es Tausende hörten, da war der Reichstag das Reich.
Ein todblasser Mönch ließ seine zuckende Seele aus dem römischen Käfig den ersten Flügelschlag tun: im Gewissen allein war Gott, nicht in der Fürbitte bemalter Heiligenbilder, nicht im Ablaß abgewogener Bußen, nicht im blinkenden Gold und im Sühnegesang lateinischer Messen, nicht in den Listen und Lüsten päpstlicher Schlüsselgewalt.
Der Heliand wachte auf in den Herzen der Hörer; sie sahen die schwebende Stimme und fühlten die nahenden Schritte im Schlag der schwingenden Flügel: der in den Himmel gefahren war aus dem Hader enttäuschter Hoffnung, der Heliand kam wieder herab auf die Erde.
Aber der spanische Jüngling, der deutschen Sprache unkundig, verstand nicht die Stimme; er sah nur den Mönch vor dem Schlagbaum der Kirche; er wollte den Widerruf hören, weil er den Papst samt den Fürsten und Knechten der Deutschen für seine Machthändel brauchte.
Wie einst der Landpfleger tat, wusch er die Hände im silbernen Becken; aber Friedrich der Weise von Sachsen, der treue Eckart des Reiches, gab seinen Schützling nicht preis, und die Schwerter der Ritter hielten geheime Wacht, daß dem deutschen Gewissen kein römisches Unrecht geschähe.
So brannte kein Holzstoß in Worms wie vormals in Konstanz; bei Nacht und Nebel entwich Aleander, Roms listenreicher Legat, aus der störrischen Stadt, indessen der Mönch durch das festliche Volk, von Rittern und Knappen geleitet, als Sieger nach Wittenberg fuhr.
Wohl flogen die unholden Vögel krächzend um seinen Wagen, die Reichsacht lief hinter ihm her, den Ketzer zu fangen; aber Kirche und Kaiser vereint vermochten dem Kühnen nichts mehr, weil der Heliand gewaltigen Schrittes umging im Reich und die deutsche Seele ihm zulief in unübersehbaren Scharen.
Die deutsche Bibel
Sie taten dem Mönch ein Junkerkleid an mit Sporen, Gürtel und Schwert, indessen sein Rollwagen leer aus dem bangen Geheimnis des Thüringerwaldes nach Wittenberg kam.
Auf der Wartburg saß Luther in gütiger Haft, Feinden wie Freunden verborgen -- und die Raben flogen vergebens -- den Deutschen die Bibel zu schenken.
Da wurde dem Baum der römischen Kirchenverderbnis die Axt an die Wurzel gelegt: wohl blühte die heilige Schrift von Demut und Güte und von der barmherzigen Liebe, aber kein Schaumgold der dreifachen Krone lag auf den Zweigen, nicht Klöster und Mönche gab es darin, nicht Ablaß und Fegefeuer, nicht Seelenmessen und Bann, Kreuzzüge und Ketzerverbrennung.
Auch hatten scholastische Mönche noch nicht den Irrgarten verklügelter Deutung um den Baum des Lebens gezirkelt mit künstlich verschorenen Hecken und listig verriegelten Türen.
Noch war das Reich Gottes inwendig und nicht im Ornat gottesstaatlicher Großen: Gott kam ins Kämmerlein gläubiger Einfalt, statt in den Schatzkammern prunkender Dome als ewiges Irrlicht zu wohnen; und im Gewissen allein quoll der Brunnquell göttlicher Gnade.
Da war der Heiland der Sohn einer Magd, im Stall und in Armut geboren; er suchte auf Märkten und Straßen des Landes das Volk, statt in den Räumen der Reichen zu rasten.
Da war das Wort noch die Saat, in gläubige Seelen gesät, und die Lehre kein Priestergeheimnis, im Weihrauch rauschender Messen zum geistlichen Schauspiel gemacht.
Da war Gott noch ein Geist, wohnend im reinen Gewissen, und wer ihn anrief in Wahrheit, den machte er selig und stark in der Seele, aus der leibhaftigen Notdurft den Weg der Allmacht zu finden.
Da kam die Seele zu Gott wie ein Kind, dem Vater vertrauend in lächelnder Liebe, und sprach in einfachen Worten mit ihm wie die Jünger zu Jesus, und glaubte das Gleichnis der Gnade und bewegte den Sinn gleich Maria im feinen, gläubigen Herzen.
So stand das Wort in der Schrift und war in den Sarg der lateinischen Sprache gelegt; der Junker Jörg auf der Wartburg zerbrach den gläsernen Deckel, er weckte den Scheintoten auf und hieß ihn wandeln im Tag der deutschen Beseelung.
So wurde der Heiland geboren, wo der Heliand starb; kein Königssohn mehr mit Recken und Degen: der Mühseligen Freund und der Beladenen Tröster, lächelnd von Liebe und Weisheit, urvertraut im Klang und Sinn der eigenen Sprache.
So kam im deutschen Gewissen die christliche Freiheit zur Welt, gottselig eins im Trachten und Tun, im Denken und Dichten des ewigen Daseins, und tapfer im irdischen Tagwerk.
Die dreifache Krone prahlte im Glanz des Augustus; die Humanisten holten den Hades herauf; der Zimmermannssohn ging ein in die Häuser und Hütten, die Heimat der Seelen zu künden: Jesus von Nazareth wurde im deutschen Gewissen der Heiland der Welt.
Philipp Melanchthon
Er war ein Großmutterkind; denn sein Vater, des Pfalzgrafen Waffenschmied Schwarzerd in Bretten, starb früh; aber die Großmutter in Heilbronn war die Schwester von Reuchlin: so wuchs der bläßliche Knabe im Griechentum auf und nannte sich selber Melanchthon.
Mit dreizehn Jahren Student, mit siebzehn Magister, galt er ein Wunder frühreifen Geistes; als ihn der Kurfürst von Sachsen nach Wittenberg rief, war seine Gelehrsamkeit berühmt an den Schulen wie die des Erasmus.
Er war in Hellas zuhaus, als ob er gestern aus dem Garten Platons gegangen und durch einen Zauber in Schwaben aufgewacht wäre; aber die Kraft und Schönheit des griechischen Leibes war nicht mit durch den Zauber gekommen.
Als er in Wittenberg ankam, schmächtig und schüchtern, war Luther erschrocken, daß dies der von Reuchlin gepriesene Lehrmeister wäre; bald aber sah er den reichen Geist im kargen Gehäuse: wie einen jüngeren Bruder gewann er ihn lieb, zärtlich besorgt und ehrlich bewundernd.
Denn Philipp Melanchthon war nicht erwacht, daß er ein griechischer Träumer aus Schwabenland bliebe; ihm hielten die fremden Gewänder der Sprache den Geist nicht verhüllt, und wo Platon lebendig war, konnte das graue Gespinst der Scholastik nicht bleiben.
Er hatte in Leipzig dem Hahnenkampf zugehört, da Luther und Eck mit den Worten der Kirchenväter einander bestritten; aber er kannte den Urtext und sah das Quellwasser der alten Berichte im Kirchengebrauch getrübt und unrein gemacht.
Und weil ihm Luthers gläubige Kraft Entschlossenheit gab, nahm er den Text der heiligen Schrift als Gesetz, die Lehren der Kirche und ihre Gebote ernst und besonnen zu prüfen.
Wie der Gärtner einen verwilderten Baum mit kundigen Händen erneut, die geilen Triebe dem Fruchtreis zuliebe beschneidet, den Krebs und die Flechte ausrottet, so kam sein Messer, den üppigen Wildwuchs der Kirche zu lichten.
Wo aber die Krone zu kahl wurde, gab Luther ein Edelreis her von seinem paulinischen Glauben.
So wirkten die Männer in Wittenberg gut ineinander, der mutige Mönch und der milde Magister: inbrünstiger Glaube und starkes Gewissen gingen der Schärfe und Freiheit des Geistes zur Hand, Griechen- und Deutschtum ließ der erschütterten Christenheit den neuen Lebensbaum wachsen.
Ulrich Zwingli
Er kam von den Bergen im Toggenburg; wie das weiße Gewölk im blauen Himmel der Heimat, wie die saftgrünen Matten und die hurtigen Quellen, indessen die reinen Firnen die zackige Ferne begrenzen: so aus dem Jungbrunnen war seine Seele gestiegen.
Sein Vater war Ammann; wie Abraham einst hatte er Weiden und Vieh und Raum, acht Söhnen das Ihre zu geben; aber er war auch ein Schweizer, der in der Eidgenossenschaft die trotzige Freiheit der Väter bewahrt sah: ihm dankte der Sohn den aufrechten Nacken.
Als er mit jungen Jahren schon Pfarrer in Glarus war, zog er tapfer hinaus mit dem Haufen der Glarner; bei Marignano deckte sein Pfaffenkleid nicht weniger Mut als ein Harnisch.
Aber er sah den Reislauf mit Grimm und wie die Schweizer ihr Blut um schäbiges Gold auf den fremden Markt brachten; er rief den Stolz der reichen Geschlechter, und als sie nicht auf ihn hörten, ging er mit feuriger Rede ans niedere Volk.
Darüber kam er in Streit mit den Großen, er mußte die Pfarre in Glarus verlassen, als kleiner Vikar in Einsiedeln neu zu beginnen: aber da fand er das Schrittmaß, sein Leben größer zu schreiten.
In Einsiedeln las er die heiligen Schriften, wie sie Erasmus von Rotterdam ans Licht gebracht hatte; so zog seine Predigt das reine Gewand des Evangeliums an.
Als ihn die Züricher danach als Prediger holten -- im dreiunddreißigsten Jahr seines hurtigen Lebens -- war Ulrich Zwingli ein Jungmann im Priestergewand, wie Saul war, da Samuel den Hirten als König in Kanaan salbte.
Indessen Luthers gewaltiges Wort das deutsche Gewissen wachrief, indessen Hutten mit glühender Feder das Reich gegen Rom hetzte, ging Zwingli den aufrechten Gang des Schweizers zu praktischen Zielen:
Er wollte den Staat als Christengemeinschaft, aber die Schrift, nicht die Kirche sollte der Macht Rechtfertigung geben; wie in der Urväterzeit alemannischer Herkunft sollte die freie Gemeinde sich selber Gesetz und Geltung bedeuten.