Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 14
Da hingen ihm Jünglinge an und taten wie er, halfen ihm lehren, nahmen nicht Lohn und lebten gemeinsam; nicht mit dem Leinensack bettelnd, tätig und treu im Stegreif der Stände und demütig dienend, wo Hilfe und Pflege not war: nur im Genuß einfacher Freuden dem Weltleben fremd und im Gewissen der gotteinigen Seele.
Bald wurden der Brüder zuviel in Deventer, wo sie mit Gerhart dem mildreichen Meister gemeinsam ihr Eigentum hatten; so zogen sie aus in das Land und die Länder, lehrten die Jugend und lebten den Eltern ein Vorbild, daß Gott im täglichen Wirken, nicht nur im Kirchendienst fröhlich zuhaus sei.
Der aber ihr Meister blieb, Gerhart Groot aus Deventer, starb wie er lebte: einen Freund schlug die Pest, er pflegte ihn heil und starb an der Seuche, starb heiter und gütig im Kreis seiner Freunde.
Er ließ den schwächlichen Leib im vierundvierzigsten Jahr seines Lebens, aber die Brüderschaft blieb und blühte das Lächeln der evangelischen Weisheit in furchtsame freudlose Seelen.
Bis ihrer Tausende saßen im deutschen Land, Lehrer der Jugend und Brüder eines in fröhlicher Armut und selbstloser Arbeit gemeinsamen Lebens.
Konzil in Konstanz
Während im Norden die neue Gläubigkeit glühte, wuchs in den päpstlichen Gärten das Tollkraut der Zwietracht: drei Päpste regierten zugleich und verdammten einander, und der das Konzil nach Konstanz berief, der Neapolitaner Johann, war ein Seeräuber von Herkunft und Sitten.
In Konstanz sollte das Schmelzfeuer der Christenheit sein und wurde ein Jahrmarkt der Kirchenverderbnis: dreihundert Fürsten und Bischöfe samt dem Troß der Prälaten und Äbte, Grafen und Ritter, kamen an mit dem reisigen Volk ihrer Knechte, Roßbuben, Spielleute und bauten ihr Zeltlager rings um die staunende Stadt.
Alle Zungen Europas schollen im Seewind; Mönche, Gaukler und Dirnen der abendländischen Welt begingen die Gassen, die Heuschreckenschwärme fahrender Leute begafften die lustreichen Feste, indessen die Kardinäle den drohenden Völkern ein neues Kirchengewand zu nähen versprachen.
Es war ein schönes Turnier, das die Konstanzer sahen, draußen im Bühl vor den Toren der Stadt; aber der Vogel im Käfig, der Seeräuberpapst flog aus unterdessen; er ließ der bestürzten Stadt das verwirrte Konzil und dem Kaiser die Sorge zurück, den gefährlichen Geier zu fangen.
Der zollernsche Burggraf von Nürnberg ritt auf die Jagd und holte ihn ein, das Konzil zerbrach ihm sein päpstliches Siegel und Wappen; aber der Jahrmarkt der Kirche ging weiter und hatte sich schon sein frechstes Schaustück bestellt:
Im festen Schloß Gottlieben, wo der Bischof von Konstanz den gestäupten König der Kirche mit geistlichen Ehren bewachte, saß auf dem steinernen Turm ein anderer Vogel im Käfig: Johann Hus, der böhmische Rektor aus Prag und evangelische Priester, der aus der Schrift die Kirchenreform an Haupt und Gliedern verlangte.
Der Kaiser gab ihm freies Geleit und hieß den Ketzer verbrennen: im Münster zu Konstanz saßen die Fürsten um Sigismund und sahen dem Schauspiel zu, wie die hohenpriesterlichen Knechte dem Ketzer die Kleider der Kirche abrissen, wie sie den Blutzeugen Christi mit einer Narrentracht höhnten und seine Seele dem Teufel befahlen.
Sie kehrten die Asche des Ketzers zuhauf und streuten sie aus in den Rhein, sie grüßten das Kreuz und sangen zur Messe, sie wählten Martin den Fünften zum Papst, und der Kaiser führte dem Statthalter Christi den Zelter.
Sie zogen den Jahrmarkt des Kirchenkonzils mit Zeter und Zank und festlichen Fahnen noch hin bis ins dritte Jahr.
Und sahen die Flammen nicht draußen im Bühl vor den Toren der lustreichen Stadt, die lohende Flamme der Lehre, und hörten die Asche nicht flüstern im Rhein, die Asche der tapferen Treue.
Sie webten den Wahn ihrer Macht in den gleißenden Tag und hießen sich Christen; sie kannten die Leiden des göttlichen Dulders und sahen den Teufel nicht in den Fratzen der kirchlichen Henker.
Die schwarze Kunst
Die Krämerwaage dem Bürger, der Karst dem geplagten Bauer, das Schwert dem Ritter, dem Priester das Wort und den Mönchen die Schrift: so war die Ordnung der Welt, und das Wort im Schrein der heiligen Schriften gab der Kirche die Schlüsselgewalt.
Bevor die Kirche dem Ketzer den Holzstoß ansteckte, verbrannte sie zuerst seine Schriften; denn blieben die Blätter vom Teufel mit Tinte beschrieben, so war der Ketzer nicht tot: das Unkraut blühte neu aus der schwarzen Saat, und der Samen wucherte weiter im kirchenfeindlichen Wind.
Es ging aber in Mainz ein Knabe den grübelnden Weg seiner Jugend, der dem geistlichen Vorrecht der Schrift die Schranken zerbrechen und dem ängstlich behüteten Wort den Käfig aufmachen sollte.
Johann Gensfleisch hieß er, vom Gutenberg, aus Mainzer Bürgergeschlecht, der als Jüngling nach Straßburg kam und dort seine heimliche Werkstatt aufmachte.
Er kannte den Holzschnitt, wie er dem Bild und der Schrift einen Prägestock machte, auf hundert Blättern zu drucken, was der Holzschneider einmal aus seiner Platte heraus schnitt.
Er sägte das Holz mit dem Wort auseinander und hieß die einzelnen Buchstaben Lettern; er setzte die Lettern im Wörter zusammen, wie er sie brauchte, und druckte die Schrift.
Aber die vielen Lettern zu schneiden, war mühsam, auch zerbrach ihm das winzige Holz in der Presse; so nahm er Metall, und weil der Metallschnitt mühsamer war, dachte er seine Lettern in Formen zu gießen.
Das aber war eine fremde Kunst, die er nicht kannte, so mußte Jürgen Dritzehn ihm helfen; und während das Basler Konzil die Kirchenreform an Haupt und Gliedern verlangte, raubte das heimliche Handwerk der Männer in Straßburg der Kirche die Schrift.
Als sie in Unfrieden fielen, ging Gutenberg wieder nach Mainz, wo er den Fust, einen reichen Bürger bereit fand, den Druck einer Bibel zu wagen.
So trat der hitzige Traum seiner Jugend schön in den Tag: mit Gold und Farben bunt wie eine kostbare Schrift stand der Druck seiner Lettern sauber und klar auf den Blättern, und waren hundert Bücher, wo sonst nur ein einziges war.
Aber der Lohn wollte dem unsteten Mann nicht kommen, auch diesmal verschwand ihm der Segen des Werkes im Streit: von Mißgeschicken bedrängt, von Schimpf und Schulden beschattet, als Flüchtling schlechter Prozesse und Mietling schäbiger Pfründen trug sein fieberndes Leben die Pläne goldener Ernten ins leer geplünderte Alter.
Was in Straßburg mit Jürgen Dritzehn begann und in Mainz mit Fust und Schöffer dem mißlichen Mann sein Bürgerdasein verwirkte, das hörte mit Albrecht Pfister nicht auf: sie halfen dem seltsamen Meister die Werkstatt zu rüsten und klagten die Werkzeuge ein, wenn sie das Handwerk verstanden.
So starb er selber in Armut zu Eltville am Rhein, der dem Goldschmied Fust und seinem Schwiegersohn Schöffer die Goldquellen der schwarzen Kunst hinterließ; doch wie seinen Händen das Gold, zerrann das Geheimnis den Erben in hundert Schlupfwinkel der abendländischen Welt.
In Rom, Paris und Venedig schlugen deutsche Gesellen die schwarzen Werkstuben auf; bald hielten die Messen Europas gleich Ballen vlämischen Tuchs und lombardischen Seidenbandrollen gedruckte Bibeln und Heilsbücher feil.
Da waren sie nicht mehr allein in den Zellen, die neuen Gedanken hinter fiebrigen Stirnen, die schwarze Kunst half ihnen fort in die Köpfe und Herzen.
Krähenvögeln gleich flogen die Druckschriften aus in die Städte und Häuser der Bürger; und schon pfiff in der Andacht der heiligen Bücher die Spottdrossel kommender Zweifel und lachte der kirchlichen Schlüsselgewalt.
Die Humanisten
Das tausendjährige Reich der Kirche ging zu Ende; blaß und müde glühten die Verzückungen der Seele, und roter blühte die Saat der Sinnlichkeit: der Gottesstaat der Priester blieb den verheißenen Segen schuldig, die Erde trieb geschäftig die alte Fruchtbarkeit.
Wohl waren ihre Tage als Jammertal geschmäht: aber Kaiser und Kurfürsten zogen in den Krieg um Gold und Macht der Erde, Städte wurden groß und reich im Handel, auf den Meeren gingen ihre Schiffe und auf den Straßen ihre Wagen mit dem Gut der Erde, Rathäuser wurden Prunkhallen der Erdenbürgerschaft.
Auch die das Jenseits priesen, waren diesseits wohl zuhaus: in Pfründen und Kapiteln saßen sie und sorgten für ihr Teil; denn das Gelübde der Armut sperrte nicht die Schleusen, daraus der bürgerliche Reichtum in die Keller und Kammern der Klöster floß.
Die aber mühsam den Acker pflügten und sonst im heißen Tagwerk standen, sie sahen sich betrogen um die Ernte für einen Lohn, der nicht von dieser Welt war; und immer kühner hob die Frage das spöttische Gesicht, wieviel an diesem Zustand Gottes Wille oder kluge Lenkung geistlicher Hände wäre.
Durch den verschlissenen Teppich der Scholastik wurde der Boden wieder sichtbar, darüber ein Jahrtausend mönchischer Weltflucht sinnenfeindlich ging: Belladonnen blühten aus dem Unkraut der Ruinen, und Götterbilder hoben die Marmorleiber aus der verschütteten Vergangenheit.
Sie fanden ihre Tempelpracht zerstört, die Schönheit ihrer Glieder war zerbrochen; aber Mars und Venus reichten die verstümmelten Hände dem neuen Zeitalter hin: bestürzt und staunend sah die Menschheit die herrliche Gebärde.
Da tönten Stimmen wieder, die längst verklungen schienen; die Sprache Ciceros klang marmorkühl aus der Versunkenheit, den Götterbildern gleich an Gliederpracht, und war die Sprache einer Zeit, da weder Bischöfe noch Mönche, sondern Bürger den Staat bestimmten und das Brevier noch nicht das Brot der Bildung war.
Und wie die Marmorbilder nach ihrer Griechenheimat wiesen, so auch die alten Schriften: Hellas stand auf in Rom; noch einmal fragte Sokrates die listigen Fragen, und Platon gab ihm weise Antwort.
Die aber im Gehäus der mönchischen Scholastik dem ewig-jungen Fragespiel entzückt zuhörten, sie glaubten gern, daß nun die Tür ins Freie geöffnet wäre.
Als ob sie Totes wiedererwecken und Gewesenes zum andernmal gebären könnte, so wurde die Zeit trächtig vom Altertum.
Da dachte wieder ein Erdenmensch zu werden, der nur ein Prüfling für den Himmel gewesen war; er ließ die Heiligen und den Christ und fand sich selber in der Welt als Wagenlenker seines Schicksals; er maß die Bahn mit seinen Rossen und ließ die Räder rollen zum selbstgesteckten Ziel.
So wurden wieder Heiden in der Welt, und reiche Florentiner glaubten, noch einmal Bürger Roms und Günstlinge der Götter zu sein.
Sie redeten die Sprache Ciceros und hörten Platon und bauten sein Reich der schönen Menschlichkeit, sie sammelten mit Gold und List die Schriften der alten Heidenwelt und schrieben sie ab mit zierlicher Bemalung, wie vormals die frommen Mönche die Heiligenleben schrieben.
Und rafften um ihr Dasein einen Glanz, der unbesorgt von dieser Welt war, und setzten sich in ihre Dinge aus eigener Machtvollkommenheit, und wagten ihre Seele an jede Lust und schafften sich in Tat und Trutz und schöner Edeltierheit die Seligkeit der Erde.
Und sahen einen Papst in Rom, der vor den Römern noch einmal den Augustus spielte und ihrer Welt Prunkhalter war auf Petri Stuhl; und glaubten -- wie die Knaben den Flaum der Freiheit fühlen -- daß dies die Morgenröte einer aus dumpfer Furchtsamkeit und blinder Sucht erlösten Menschheit wäre.
Johann Reuchlin
Als Lorenzo, der Prächtige genannt, seinen Musenhof hielt, kam mit dem Grafen Eberhard ein junger Schwabe nach Florenz, der solcher Dinge ungewohnt den Reichtum und die Bildung der Medicäer scheu und selig genoß, als ob er wirklich in den Garten Platons gekommen wäre.
Er fand die Fürstin ihre Töchter lehren und die Knaben glühen im Glück der Wissenschaft, er lauschte dem Lorenzo im Gespräch der tiefen Dinge und sah den Traum der Bildung in einer Wirklichkeit erfüllt, die reich und reif als Ernte der neuen Menschlichkeit schien.
Als er heimkam in das Land der bürgerlichen Städte und der händelnden Fürsten, war Johann Reuchlin ein Humanist, wie all die anderen Schmetterlinge im Junglicht der alten Welt: sie hatten ihre Flügel in den Goldstaub des Altertums getaucht, da die verschmähte Erde noch im Glanz der Bildung verklärt war.
Johann von Dalberg, pfälzischer Kanzler und Bischof von Worms, tat seine Tür auf, die Schwärmer zu schützen; er holte sie als Lehrer nach Heidelberg, hielt sie als seine Hausgenossen und ließ sie Feste feiern in seinem Garten zu Ladenburg.
Und ob es karg war und einsames Männerwerk, kein Florenz der Frauen, ob sich im Stubeneifer der Goldstaub verlor: Johann Wessel und der Abt Trittheim, Agricola, Pirkheimer, Eitelwolf von Steine, sie alle, die der Geist nicht ruhen ließ im neuen Wind, sie fanden in Heidelberg den Ankerplatz für ihre Fahrten.
Auch jene, die sich -- wie Conradus Celtis, vormals Konrad Pickel -- Wundervögel glaubten, wenn sie den Schopf mit fremden Federn schmückten und ihren Namen lateinisch oder griechisch wohlklingend machten, die den deutschen Mund von neuem mit Cicero verstopften und aus der Weisheit den Dünkel der Gelehrsamkeit quetschten.
Den Leuchter aber der neuen Wissenschaft trug Johann Reuchlin, der sich auf griechisch Capnio, das heißt ein Räuchlein nannte; er war als Bundesrichter in Schwaben von den Ständen und Städten gleich geehrt und hieß des Kaisers Freund, obwohl er eines Boten Sohn und Singknabe des Markgrafen von Baden gewesen war.
Ihm gab Gesundheit rote Wangen und Wohlgestalt; er liebte, was gesittet und würdig war, und rüstig pflegte er den Ruhm, Maß und Milde aus Weisheit zu besitzen im Lehren und im Tun: so geriet sein Leben wohl, bis ihm der Pfefferkorn haßblütig in seine Asche blies.
Als der getaufte Jude dem Kaiser anlag, die Bücher der Hebräer als christenfeindlich zu verbrennen, und Reuchlin innig abriet, derlei zu tun, da fuhr ihm freilich der Zugwind der Zeit in das gepflegte Silberhaar.
Hoogstraten, der Kölner Ketzermeister, ließ die Meute los, daß die Hunde des Herrn den Freund des Kaisers als ketzerisch verbellten: da achtete der mild gelehrte Mann den Scheiterhaufen gering und hielt der Meute den »Augenspiegel« vor.
Und zitterte danach vor seinem eigenen Mut, als ihm die Kölner das tapfere Buch verbrannten, und schrieb besorgt um einen faulen Frieden.
Doch trat die schwarze Kunst dazwischen; ob sie in Köln sein kühnes Buch ins Feuer warfen, die Drucker brachten tausend Bücher für eines auf den Tisch, und jedes Buch rief einen Mann.
Die Zunft der Humanisten zog aus für ihren Vater, die Jugend ihrer Schulen bot den Kutten das Trutzgesicht.
Johann Reuchlin aber, der solchen Aufruhr ganz wider Willen rief, er rettete sein Silberhaar mitsamt der Würde und dem Gleichmaß gelehrter Meinung in ein umhegtes Alter; und lächelte erlöst, als danach der Mönch von Wittenberg die Meute auf sich zog und starb erschrocken, als Blitz und Donner die neue Zeit anriefen, der seine Wohlgestalt nicht mehr gewachsen war.
Maximilian
Es war ein Bischof und Kurfürst in Mainz, Berthold der weise und strenge; der wollte als Kanzler ein anderes Reich, denn daß die Willkür im Namen des Kaisers regierte.
Gesetz und Verantwortung sollten das Reich mit dem Kaiser verbinden; Fürsten und Stände sollten nicht länger im blutigen Streit ihrer Machthändel bleiben; der Kaiser sollte Verweser der Reichsmacht, nicht mehr die oberste Willkür sein.
Max aber der Kaiser, der letzte Ritter genannt, ritt in das Frührot der Zeit mit güldenem Panzer und glühender Tartsche, als ob der staufische Kyffhäusertraum noch einmal Wirklichkeit wäre.
Er hatte Marie, die Tochter des kühnen Burgunders gefreit und war nach der reichen Erbschaft in Flandern geritten; er hatte dem König von Frankreich Streit angesagt wie ein Turnier und hatte die spanische Krone gewonnen.
Das Abenteuer war seine Lust, über der Lust aber stand als sein Stern die Habsburger Hausmacht; der Reichtum der Stände und Städte im Reich sollte ihm seine Ritter bezahlen, die fürstlichen Herren sollten Vollstrecker und Zierat ungehinderter Kaisergewalt sein.
Berthold der Kurfürst war stolz und beständig und Max der Kaiser ein launischer Herr, sein Kyffhäusertraum war durch den Kanzler gehindert: in Lindau und Worms auf dem Reichstag standen die Fürsten, Stände und Städte hart gegen ihn.
Aber sein Habsburger Hochmut beugte sich nicht, mehr als die Wohlfahrt des Reiches galt ihm die eigene Hausmacht; kaum daß er den pfälzischen Feldzug gewann, wies er den Ständen sein Siegesrecht vor: als Berthold, der strengweise, starb, hatte der Kanzler sein Spiel gegen den selbstherrlichen Kaiser verloren.
Über dem Reich lagen die Schatten kommenden Unheils, der Bauer stand auf und die Bürgerschaft grollte: im güldenen Panzer mit glühender Tartsche ritt Max, der Kaiser, ins Frührot der Zeit, als ob der staufische Kyffhäusertraum noch einmal Wirklichkeit wäre.
Die Humanisten hießen ihn Freund, und die Fahrenden lobten ihn laut, weil ihn die Unrast plagte wie sie und weil er, seinem böhmischen Vater ungleich, die Schäbigkeit haßte.
Von Flandern bis Rom, von Wien nach Burgund staubten die Straßen von seinen Fahrten, und wo sein Rittertum galt, füllte der Dampf seiner Rosse die Gassen; das Gold lag nicht locker in seinen Händen, aber reich wurden die Ehren gegeben, wie er sich selber zu ehren verstand.
Den Theuerdank hieß er die Ruhmrede eigener Taten, prächtig gedruckt und mit prahlenden Bildern geziert; da war das ringende Leben der Völker nur eine Bühne, darüber der Kaiser sein wieherndes Roß ritt.
Die Fugger
Der Sohn eines Webers war nach Augsburg gekommen, zu weben und Handel mit Leinen zu treiben; eines Ratsherrn Tochtermann wurde er bald, saß selber im Rat und in der Zunft bei den Zwölfen.
Den reichen Fugger hießen sie schon seinen Sohn, aber der Reichtum saß nicht mehr am Webstuhl; sie waren Händler geworden, die Fugger in Augsburg, und Herren des Handels von Lübeck bis nach Venedig.
Über den Brennerpaß brachten die Wagen der Fugger den Handelsgewinn des Morgenlands her, Gold und Gewürze, Seide und Sandelholz; über den Brennerpaß gingen die Schätze des Nordens, Pelze und Bernstein; wo ein Handelsplatz war, standen ihre Kontore, und wo ein Handelsgewinn war, hielten die Fugger das goldene Becken.
Jakob, der Zweite genannt, hielt Hof wie ein Fürst; immer noch kamen die Wagen von Norden und Süden nach Augsburg, Ware zu tauschen, aber die goldene Schreibstube der Fugger war die Goldwaage des Reiches geworden.
Nicht mehr die Kaufleute allein kamen als Kunden der Fugger, Grafen und Fürsten brauchten Silber und Gold und brachten dafür ihre Rechte: so wurde Jakob der Fugger ein Bankherr, Zins und Segen des Bergbaus gemächlich zu ernten.
So wurde Jakob der Fugger ein Ritter; denn keiner lief ihm so eifrig zu wie Max, der Habsburger Kaiser: das Gold seiner Fahrten und seiner Pracht floß aus den Quellen der Fugger, so hing er dem Hüter der Quelle das Adelskleid um.
Aus Webern wurden die wahren Herrscher der Zeit, weil sie das jüdische Amt der Goldwaage erbten; tauschen und täuschen galt einmal gleich vor der Zunft, und der Zins war des Teufels: aus dem Boden des redlichen Handwerks wuchsen die Fugger geil in das Kraut der Geschäfte.
Sie zahlten dem Kaiser den Feldzug mit Talern und nahmen dem Volk seinen Pfennig dafür; sie wurden Reichsgrafen genannt und hatten das fürstliche Recht, silber- und goldene Münzen zu schlagen; sie wohnten in Schlössern und ließen die Reichsadler wehen über dem Prunk ihrer Tage.
Albrecht Dürer
Als Wohlgemut Meister der Nürnberger Schilderzunft war, brachte ein Goldschmied seinen Knaben zu ihm in die Werkstatt, weil der mit Eifer und Tränen zur Malerei wollte.
Albrecht Dürer war er genannt, hielt fleißig die Lehre, obwohl die wilden Gesellen des Meisters den zärtlichen Lehrling mit Hochmut und Schabernack plagten.
Nach seiner Lehre zog Albrecht Dürer gen Colmar, wo Martin Schongauer Meister der Stichelkunst war; er fand den Meister nicht mehr am Leben, aber er blieb als Geselle in Colmar, Straßburg und Basel und lernte so trefflich zu zeichnen, daß Menschen, Tiere und Bäume auf seinen Blättern leibhaftig dastanden.
Daß er selber in Nürnberg Meister der Schilderzunft würde, rief ihn der Vater endlich zurück und hatte ihm auch schon die Hausfrau gesucht aus gutem Geschlecht.
Aber der Sohn hob an zu ringen um reicheren Ruhm; er ließ die Frau und die Werkstatt und fuhr nach Venedig, begierig, die welschen Meister zu sehen und was sie mehr als die Deutschen vermöchten.
Da sah er mit Staunen, wie gut sie den Bau des menschlichen Körpers und die Gesetze der Räumlichkeit kannten: rechte Körper recht in den Raum zu stellen nach ihrer Bedeutung, das schien ihm danach die Richtschnur, ein Meister zu werden wie sie.
Aber er war kein Wechsler, er mußte zurück in die Nürnberger Werkstatt und mußte durch Mühsal die Wegspur suchen, wo jene mit lächelnder Leichtigkeit gingen.
Als er daheim war, fing er mit Holzschnitten an -- Heiligenbilder machten sie so für die Messen, Bilder geschnitten in hölzerne Platten und abgedruckt auf geschöpftes Papier -- er aber schnitt die vierzehn Blätter der Offenbarung Johannis.
Da thronte inmitten der sieben Leuchter Christus hoch in den Wolken, seine Hand blitzte Sterne, aus dem Mund ging das zweischneidige Schwert; da kämpften die Geister im Himmel, und Michael traf den teuflischen Drachen; da ritten die grausigen Reiter zu viert durch die brausende Luft, den vierten Teil der Menschheit vernichtend.
Wirr wie der Troß dieser Träume waren die Striche: zerknitterte Wolken mit schäumenden Rändern, geringelte Locken, zackige Faltengewänder, flatternde Engel und wehende Bäume füllten den schwarzweißen Raum seiner Blätter.
Da war noch einmal die gotische Welt, der Altar von Isenheim glühte hinter den Strichen; aber die Sehnsucht des Nürnbergers war auf die Klarheit gerichtet: wie der Mond aus Gewölk wollte das Werk seiner Hand in den Sternhimmel steigen.
Der Sternhimmel stand, und der Mond stieg tapfer hinauf in die ewigen Räume, aber das krause Gewölk hing ihm an; bis der Tod seine Hand still legte, rang Albrecht Dürer um Klarheit und blieb in den Wolken der neblichten Wälder gehindert.
Rechte Körper recht in den Raum zu stellen nach ihrer Bedeutung, das blieb seine Satzung: aber die Körper sperrten sich sehr, und der Raum schwand im Gedränge der Vielheit, bis seinem Alter das Bild der Apostel gelang.
Dem evangelischen Wort gleich im Aufruhr der Tage standen sie da und füllten den Rahmen mit einfacher Größe: alles war recht, Körper und Raum und Bedeutung, nur das Gewand der Empfindung war auf welsche Weise gefärbt.
Zwischen den Zeiten war seiner Seele die Weite verschüttet, Herkunft und Hingang rangen in all seiner Kunst um die Stärke, weil ihm kein Füllhorn der Gegenwart Überfluß schenkte.
Niemals gelang ihm der Guß aus der glühenden Schmelze, wie er dem Altar Grünewalds Inbrunst, Grauen und Seligkeit gab.
Aber wie Jakob zwang er den Segen, als er den Stichel ansetzte, die deutschesten Blätter in Kupfer zu graben.
Den Ritter zuerst, wie er hinaus ritt von seiner Burg, Tod und Teufel zum Trotz den Kampfritt zu wagen: da saß er selber zu Roß und war ein Sinnbild der Zeit, die mit gepanzerten Fäusten dem Geist wider die falschen Gewalten das Wegrecht zu zwingen gedachte.
Aber der Geist war in die Fesseln der Frage verstrickt; mit lahmen Flügeln der Melancholie saß die Mutter der Dinge und konnte der Faust des Ritters nicht folgen, weil ihre forschenden Augen den Irrweg erkannten: so war das zweite Blatt seiner Stiche.
Aber das dritte war dies: im engen Gehäus saß der Greis und schrieb seine Blätter; da war der Tod nur noch ein Schädel, der im Abendlicht zwischen den Büchern und Kissen -- der Arbeit und Ruhe -- dem Dasein gehörte; Reinecke Fuchs und der Löwe, Klugheit und Herrschergewalt lagen im Schlummer zu seinen Füßen, indessen die gläubige Einfalt ihr Tagewerk machte.
Drei Blätter in Kupfer gestochen: aber die alte und neue Zeit, Herkunft und Eingang des Geistes, waren darin mit deutscher Seele geschrieben.
Hans Holbein
Als Albrecht Dürer in Nürnberg die Melancholie machte, kam Holbein nach Basel, Sohn eines Malers in Augsburg und selber schon seiner Sache gewiß.