Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 13

Chapter 133,818 wordsPublic domain

Wetter und Wind zauste sie nicht in den Stuben, sie schliefen in Betten und waren geschützt vor den Hunden: aber sie sahen den Himmel nur durch die Fenster und kannten die Lust nicht, wie das wilde Getier, frei von Sorgen und Sachen, auf ihren Läufen zu sein.

Solcher Ehrbarkeit tat der Spott fahrender Leute ein Narrenkleid an: Schilda hieß er die Stadt seiner Schwänke, wo sie mit ihren Ratsherrn und Zünften selbstgerecht saßen und allem natürlichen Wesen entfremdet ihr Winkelgewerk hatten:

Die Schildbürger wollten ein Rathaus bauen und hatten die Fenster vergessen; daß der finstere Raum hell sei, schleppten sie Licht in Säcken herbei.

Die Schildbürger wollten das Gras auf der Stadtmauer abweiden lassen und legten der Kuh den Strick um den Hals; als dem gehängten Tier die Zunge heraus hing, brümmelten sie, daß es den Grasgeruch schmecke.

Die Schildbürger säten Salz auf den Acker, und als die Brennesseln aufgingen, spürten sie an den gebrannten Händen, wie stark das reifende Salz ihrer Saat sei!

So zog der Schwank der fahrenden Leute dem Bürger das Narrenkleid an; einer aber von ihnen ging aus, die Beschränktheit mit allerlei Possen frech zu verhöhnen.

Eulenspiegel war er geheißen, wo ein Schabernack spielte, hielt er die Pritsche, und wo er lachte, lachte das Volk mit; denn wo sein Schabernack saß, hatten ihm Dummheit und Bosheit der Bürger selber die Tür aufgetan:

Wenn er den Wirt mit dem Klang seines Geldes bezahlte oder als Schneidergesell die Ärmel wortwörtlich an den Rock werfen wollte, wenn er in Erfurt den Esel zu lehren versprach oder in Nürnberg die Kranken gesund machte: hatten die also Gefoppten sich selber zum Spott den Schaden verdient.

Es war die lustige Rache der fahrenden Leute an ihrem Todfeind, dem Bürger, der sie und die Menschennatur mit seiner Ordnung beschränkte; aber ihr Schicksal wuchs über den Schwank und den Schabernack trotzig hinaus, als der Doktor Faust seine Himmel- und Höllenfahrt machte.

Denn da brach der Trotz durch die Schranken; die Menschennatur mit Lohn und Strafe zu schrecken, hatte die Kirche Seligkeit und Verdammnis über die furchtbaren Seelen gebracht:

Aber der fahrende Mann beugte sich nicht vor Himmel und Hölle, er wollte sein Erdenteil haben; den göttlichen Mächten zu trotzen, die seine Menschennatur für ihre Zwecke mißbrauchten, schloß er den Pakt mit dem Teufel.

Da machte der Schwank die Tore des Schicksals breit auf, da trat der fahrende Mann hadernd vor Gott, daß er den Feigen und Furchtsamen hülfe, statt mit den Kühnen und Ketzern zu sein.

Die Bauhütte

So waren die Städte der Bürger gebaut: rund um das Weichbild der Stadt lief der Wehrgang auf starker Mauer, durch Zinnen gedeckt und an den Toren mit Türmen und steinernen Treppen gestaffelt.

Spitzige Giebel standen der Gasse entlang, hüben und drüben, und grämliche Tore sperrten die Höfe; die steinerne Halle am Markt trug dem Rathaus die schmuckreichen Säle.

Breit schwang sich der zackige First über die Giebel der Gassen, aber gleich einer Tanne ragte der Münsterturm über das Buschwerk der Dächer.

Weit aus der Ferne grüßte das steinerne Wunder den nahenden Wanderer; sein blaues Gespinst wuchs in die Nähe hinein mit ragenden Massen und stand mit Pfeilern und Pforten, mit Nischen und Narben zuletzt als fleißiges Menschenwerk da. Stein war geschichtet auf Stein, Maßwerk auf Maßwerk gezirkelt, die zackige Schnur seltsamer Krabben war sorglich gemeißelt, Standbilder priesen den Steinmetz und seine kunstreichen Hände.

Seitwärts im Schatten, unter der steinernen Brandung standen die Hütten der Bauleute geduckt; da pochten die Hämmer und klirrten die Eisen, da wurden auf breiten Brettern und Tischen die Risse gezirkelt, standfest und kühn den steinernen Wuchs zu planen.

Denn nun war der Turm nicht mehr die ragende Last runder Gewölbe, wie eine Garbe wurden die Halme dünn und gebrechlich zur Stärke gebunden, Halme aus zierlich behauenen Steinen, die steinerne Blume des Kreuzes zu tragen.

Die Bauleute waren Steinmetze geworden, und ihre Bruderschaft galt über den Zünften; die Bauhütte hütete Zirkel und Richtscheit als hohes Geheimnis.

Strenge Gebräuche und seltsame Zeichen hielten der Steinmetzenkunst uralte Weisheit lebendig: aus dem Morgenland war sie gekommen, durch den blutigen Wechsel der Zeiten heimlich gehütet, aber das Abendland brauchte sie neu im Zeichen des Kreuzes.

Im Zeichen des Kreuzes hielten die Hallen die Vierung, aber das Kreuz auf dem Turm war eine Blume geworden; himmlische Sucht und irdische Lust gaben einander die Hand im Geheimnis hoher Vollendung, das in der Bauhütte stolz und streng behütet war.

Die Schilderzunft

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, sprach das Gebot; aber die Heiligen standen in Stein an den Pforten, und am Hochaltar hing, hölzern ans Kreuz geschnitzt, der Erlöser.

Auch waren Gewölbe und Wände bemalt mit den Bildern der kirchlichen Gnade; die heiligen Gestalten gingen in farbig getönten Gewändern, und die tröstlichen Zeichen der Himmelsverheißung schmückten die Felder der Vierung.

Tief aber glühten die Tafeln mit goldenen Gründen, darauf im Troß ihrer englischen Knaben die Himmelskönigin selber das bunte Farbenkleid trug.

Sie hielt das Kind auf dem Schoß und war ihm die lächelnde Mutter, wie sie der sündigen Menschheit die huldreiche Fürsprecherin war.

Ein Schild hießen sie solch eine Tafel, künstlich auf Goldgrund gemalt, und alle Schilder der Ritter waren in bunten Wappen gewirkt nicht so schön wie das Schild mit dem Bild der holdseligen Jungfrau.

Die kölnischen Meister der Schilderzunft kannten zuerst das köstliche Wunder, einem Spiegelbild gleich die süße Erscheinung zu malen, mit sauberem Pinsel auf eine Tafel von Holz; aber der Augenstern stand leibhaftig darin und lächelnd der liebreiche Mund.

Sie lockten das himmlische Wunder hinein in den staunenden Tag; Wirklichkeit wurde den Sinnen, was in den Worten der Priester und im Prunk ihrer Gesänge die gläubigen Herzen ahnend erfüllte.

Kunstreiche Meister und ihre Gesellen hoben das Werk ihrer Hände hoch in den Ruhm; die Schilderzunft kam ins Glück, als sie dem Himmel die Farben und seinem ewigen Glanz einen Schimmer zu stehlen vermochte.

Der Genter Altar

Aber die Wirklichkeit wollte den Tag, und der ewige Sinn sank im Wechsel der Sinne.

Die himmlische Ferne verschwand in der irdischen Nähe, und irdische Augen begannen sie warm und froh zu betrachten.

Gott saß im Himmel und hörte die englischen Heerscharen singen, aber der Mensch ging im Menschengewand, die Erde blühte mit irdischen Blumen, und wo eine Stadt war, füllte das Tagwerk die Gassen.

Ein Bürger zu Gent wollte der Kirche Sankt Bavo einen Schilderschrein stiften, und Hubert van Eyck kam aus Brügge, die Tafeln zu malen:

Gott Vater thronte als König des Himmels in einsamer Stille, nur das Lamm bot sich der gläubigen Anbetung dar, darüber die Taube des Heiligen Geistes die ewige Glorie strahlte.

So dachte Hubert van Eyck den Altar zu malen; er hatte die Tafeln mit sehnsüchtiger Andacht gestellt, da ließ ihm das Siechtum den Geist und die Hände ermatten.

Jan aber, sein jüngerer Bruder und Helfer, malte den Bilderschrein fertig; er kannte das Werkstattgeheimnis, mit zarten Lasuren die Gründe leuchtend zu machen, daß sie in gläserner Helle und frischer Farbigkeit standen.

Aber er liebte den Tag und die Wirklichkeit, und wo seinen Bruder die Sehnsucht der Ferne verzehrte, stand er getrost in der Nähe und sah das einzelne gern.

Er malte die Wiesen mit blühenden Blumen und malte den Himmel im zärtlichen Blau, er malte die Falten im Felsgestein und malte das Laub an den Bäumen.

Er malte den Reitern reiche Gewänder und ließ die Rosse stolzieren im Schmuck der Schabracken; er malte den singenden Engeln schwellende Lippen und gab dem Notenpult köstlichen Zierat.

Er malte Gott Vater im Prunkgewand seines Weltkönigtums; und daß seinen Tafeln die Herkunft des Fleisches nicht fehle, stellte er Adam und Eva hinein in gänzlicher Nacktheit.

Alles war naheste Wirklichkeit, mit fröhlichem Eifer betrachtet; alles war irdisches Glück, mit frohen Augen genossen; alles war sinnlicher Glanz, aus köstlichen Farben geflossen.

So zog das himmlische Dasein in Gent ein weltliches Bürgerkleid an; so fand sich die Kunst in den Tag, als Jan van Eyck in Sankt Bavo den frommen Altar seines Bruders zum fröhlichen Bilderschrein machte.

Der Spiegel der Wirklichkeit

Was in Sankt Bavo zu Gent geschah, wurde Saat allerorten: überall waren Bürger aus Wohlstand in Reichtum geraten und wollten Gott und sich selber zu Ehren den Kirchenschmuck mehren; überall hatte die Schilderzunft fröhlich zu schaffen.

Einen Altar zu stiften, wurde der Ehrgeiz des Bürgers, und seine Tafeln zu malen, das Meisterstück in der Zunft.

Wohl gab die Kirche allein die Legende, aber die Bilderkraft sprang aus der Schau und dem fröhlichen Tun des täglichen Lebens: die heiligen Männer und Frauen des Morgenlands mußten die Kleider und Sitten des Abendlands tragen.

So wurde die Herkunft der Christenlegende zum andernmal tapfer ins Deutsche versenkt: die Wälder und Wiesen der Heimat sahen die Jüngerschar schreiten, und die Burg des Herodes stand bei dem Münster der gotischen Stadt.

Aber so wurde die Heilige Schrift auch der Spiegel, in bunten Bildern das Leben der Bürger zu fassen, so wurden die kostbaren Schreine der Kirchen die treuesten Hüter der eigenen Wirklichkeit.

Da ritt der heilige Georg im blinkenden Panzer des Ritters, da wurde Lazarus wach auf dem Kirchhof der Kreuze, da stand das Bett der Maria behäbig an der getäfelten Wand, da war die Krippe im Stall nach heimischer Sitte aus Balken gefügt.

Wohl wuchsen auch Palmen, und Löwen waren den Heiligen treu, aber sie blieben fremd und verscheucht, indessen das heimische Gewächs und Getier sich unbesorgt breitmachte.

Bäuerlich fränkische Häuser, städtische Gassen und Stuben boten dem Bauer und Bürger den Vorwand des heiligen Lebens, unbekümmert und selbstgefällig ins Bilderdasein zu treten.

Sie waren linkisch, dem kirchlichen Schauspiel zu dienen, die Glieder fanden nur selten die rechten Gebärden, und die Gesichter wurden der heiligen Handlung nicht froh: aber sie taten ihr Werk mit Eifer, und wo sie das Marterzeug brauchten, verstanden sie seinen Gebrauch.

Nicht einer der Zunft hatte die fröhliche Meisterhand wieder, die den Altar von Sankt Bavo zum Spiegel irdischer Glückseligkeit machte; es war ein linkisch verstiegenes Dasein, grausam und vielmals verzerrt, und mehr eine Fratze als ein schönes Abbild der Welt.

Aber es war in die blühende Pracht gläserner Farben gegossen, und seine bunte Vielfältigkeit stand stark und verzückt im Licht der gläubigen Einfalt.

Der Altar von Isenheim

Der Bilderschrein hatte den Bürger ins Schaubild gestellt, Alltäglichkeit war das Gewand der heiligen Handlung geworden, da hob sich im Zorn eine Zauberhand, dem Himmel das Seine zu geben.

Matthias Grünewald hieß der mächtige Meister, Hofmaler des Bischofs von Mainz und ein Franke vom roten Main, der im Kloster zu Isenheim, droben im Elsaß, den Hochaltar malte.

Dem heiligen Vater der Mönche und Schutzherrn der Tiere, Antonius sollte der Altar geweiht sein; aber der Meister wollte den Urgrund aufreißen und im Mirakel die Quellen der brünstigen Heiligkeit zeigen.

Gott war in Schmerzen geboren und war gekreuzigt als Mensch, um aus der Nacht des irdischen Todes aufzuerstehen und strahlend zurück in den Himmel zu fahren.

Da waren die Tafeln zu klein, zu kläglich die Kleider der Täglichkeit, da mußten die Brunnen der Tiefe aufbrechen mit feuriger Fülle, da mußte das ewige Sein den glasigen Schein der irdischen Dinge durchleuchten.

Und so war die dreifache Tiefe des Altars gebaut: draußen die Tafeln von Golgatha, drinnen die Herrlichkeit Gottes, und erst, wenn die inneren Flügel aufgingen, kam der Heilige selber, dem der Altar gemalt war.

Gramvolles Dunkel lag auf der Welt, nur Golgatha stand in beinerner Helle, als ob ein Blitz den Himmel durchbräche, den gekreuzigten Gott zu beleuchten.

Aber kein göttlicher Dulder hing an dem Holz, ein gemarterter Mensch und ein blutrünstiger Leib der Verwesung.

Ein Schrei ging aus von den Frauen und verzagte im Abgrund; nur Johannes der Täufer stand da mit dem Lamm, der sündigen Menschheit das göttliche Opfer zu weisen.

Gewaltig war so der Deckel des Buches gebildet, der mitten wie Torflügel aufging, der schluchzenden Seele die Herrlichkeit Gottes und das Wunder seiner Geburt offenbarend:

Vier Tafeln ragten wie eine im Morgenrot glühende Wand vor den Augen der gläubigen Christen; Orgelgewalt und Gesang der Mönche schwanden hin in der Fülle farbiger Stimmen, wie ein Menschenruf übers Meer klingt.

Der Tempel der himmlischen Mutter stand in der Mitte, aus Licht und Farbe gebaut, und Lobgesang schwoll aus den englischen Räumen; die Jungfrau saß selig versunken davor mit dem Kind in der blühenden Landschaft, darüber Gott Vater im Himmel die Augen der Liebe aufmachte.

Zur Linken wurde der Jungfrau das Wunder der Gnade verkündigt, zur Rechten fuhr hell aus dem Kerker des Grabes der Heiland: ein glühender Ball brach in die Sterne der Nacht, darin die Lichtgestalt des Erlösers von allen Feuern des Himmels beglänzt war.

So übermächtig war der Glanz und das Glück der im Morgenrot glühenden Flächen, daß danach die Farbe nichts mehr vermochte: wenn sich die inneren Flügel auftaten, standen die Heiligen stumm als geschnitzte Figuren inmitten der grellen Erscheinung.

Nur auf den inneren Flächen der letzten Torflügel hatte der Meister das Glück und das Grauen der Weltentsagung gemalt: wie das Getier der Wüste dem heiligen Antonius diente, und wie das Höllengezücht ihn versuchte.

Erde und Hölle sprachen ihr Wort nach dem Himmel: die Erde lockte mit üppiger Landschaft; die Hölle schrie das grelle Getön ihrer scheußlichen Leiber; aber der Himmel stand hinter den Flügeln mit seinem ewigen Glück.

So war der Altar des fränkischen Meisters gebaut, darin der himmlische Zorn den Alltag verscheuchte: die Tiefe der brünstigen Seele brach auf und war kein schönes Abbild der irdischen Glückhaftigkeit mehr, weil das ewige Wunder nicht mehr den eitlen Traum der Täglichkeit weckte.

Das Buch der Freiheit

Meister Eckhart

Der aus Steinen den gotischen Wunderwald machte, ließ aus dem heiligen Hain der erschütterten Herzen eine neue Gläubigkeit blühen.

Wie das Geflecht der Gurten und Rippen, das Laubwerk der Knäufe und Sockel die lateinische Messe mit gotischer Inbrunst umfing, so wuchs in der nordischen Seele der Gral der christlichen Sendung.

Die Kirche hat ihn als Ketzer verdammt, den Meister Eckhart von Köln, der unter den Christen der naheste Jünger des Herrn, der Gotteskindschaft des Zimmermannssohns seligster Nachfolger war:

Dominikaner und Prior des Predigerordens in Erfurt, Straßburg und Frankfurt; aber die Fackel im Maul seines Hundes war kein brennendes Feuer, nur leuchtendes Licht seiner in Gott weißglühenden Seele.

Darum verdammte er nicht und hielt seine Kutte nicht keuscher als sonst ein irdisches Kleid; er tat dem Leben kein Büßerhemd an, ging in den Himmel zu allen Stunden und sprach in den Wahn der weltflüchtigen Zeit sein weisestes Wort, daß gute Menschen das Leben lieb hätten.

«Nie würde ein Mensch, der Durst hat, so sehr zu trinken begehren, wenn nicht etwas von Gott darin wäre.

Dasein und Jungsein ist eins in der Ewigkeit; denn sie wäre nicht ewig, wenn sie neu werden könnte.

Was der Mensch liebt, das ist der Mensch: liebt er einen Stein, so ist er ein Stein; liebt er einen Menschen, so ist er ein Mensch; liebt er Gott -- nun zage ich, weiter zu sprechen, ihr könntet mich steinigen wollen!»

So sprach der Meister Eckhart von Köln, lächelnd von Liebe und Weisheit, wie weiland der Herr, und hielt nicht ein, auch dies noch zu sagen, daß alle Liebe der Welt auf Eigenliebe gebaut sei: «Ließest du die, du hättest die Welt gelassen!»

Und ging auf den Straßen und Märkten wie Jesus im jüdischen Land; denn da die Lehre zum andernmal Wort ward, zerbrach ihr Frühling den gläsernen Grund des lateinischen Winters, aufquellend im Brunnen der eigenen Sprache.

Seine Predigt war deutsch und scheute sich vor der Alltäglichkeit nicht und hob aus dem Staub der Straße die Bilder des ewigen Lebens: «Sie fragen, was in der Hölle so brennt? Ich sage, das Nicht brennt in der Hölle, und sage ein Gleichnis:

Nimm eine brennende Kohle zur Hand! sprächest du da, die Kohle brennt mich, du tätest ihr Unrecht; denn hätte die Hand die Feuernatur der brennenden Kohle in sich, sie schmerzte nicht: so ist es das Nicht deiner Hand, was sie brennt!

Daß die Seelen von Gott geschieden sind durch ein Nicht der Natur, ist ihre Hölle; denn hätten sie göttliches Wesen in sich, was könnte sie brennen? Darum, wollt ihr vollkommen sein, so müßt ihr frei werden vom Nicht!»

In der Klosterkirche zu Köln stand der Mann mit dem weißen Bart vor dem Ketzergericht der christlichen Kirche; der naheste Jünger des Herrn war verklagt, und der Hohepriester des neuen Bundes zerriß den Rock im Rat seiner Richter.

Aber Gott nahm den Greis fort aus den Händen der Torheit und schenkte den Priestern die Schuld des zwiefachen Kreuzes. Er gönnte dem Meister der Demut, in Frieden zu sterben, und ließ der Gotteskindschaft des Zimmermannssohns seligsten Nachfolger eingehen ins ewige Licht.

Suso

Den sie als Bruder Seuß kannten von Schwaben bis nach Franken und dem die Gläubigen zuliefen wie vormals Johannes am Jordan, war eines Ritters Sohn aus Überlingen, der früh ins Kloster und als Jüngling nach Köln zum Meister Eckhart kam.

Da lernte er das Glück der Abgeschiedenheit und übte es so brünstig, daß er wohl zwanzig Jahre in seiner Zelle zu Konstanz blieb mit selbstgewählten Bußen, obwohl dem Knaben der Seewind und die Frühlingsblumen des Wunders holdeste Erscheinung waren.

Er tötete die Stunde, trank Lust aus Leid und lernte Gott lieben, bis ihm der Sinne Untergang der Wahrheit Aufgang wurde.

Dann endlich zog der Bruder Seuß mit grauem Bart aus seiner Wabe hinaus ins Menschenland, den Honig der ewigen Weisheit den Wartenden zu bringen.

So süß war seine Lehre und so beseligt sang sein Mund das Lob der ewigen Weisheit, wie nie die Stimme eines Predigers gesungen hatte.

Die nicht den Sinn verstanden, fühlten doch den Klang, der wie der Sang der Knaben, wie die farbigen Fenster und wie der Duft der Veilchen im Frühjahr war.

Darum hörten den Bruder Seuß die Frauen gern, hellhöriger als die Männer und dem Geheimnis der Brunnentiefe näher; sie liebten ihn schon, wenn seine Stimme gleich einer Nachtigall anschwoll im sursum corda der heiligen Messe.

Dann raffte er die Kreatur um sich aus allen Elementen, die bunten Vögel und die sanften Rehe, die stummen Fische und die stillen Falter, auch das Gewürm der Erde, das Laub und Gras der Wälder und der Wiesen, den Gries im Meer und alle Tropfen, die der Tau den Wiesen frühmorgens funkeln ließ, das Gestäube im letzten verirrten Sonnenstrahl und alle Glut der Berge; und schwollen an im Chor von tausend Tönen und fielen ein mit ihm: Empor zu Gott!

Er aber war nicht lässig in solcher Lust, er ließ die Stimme steigen gleich einem Strahl, ließ ihn zerstäuben und die Tropfen perlen, und jeder Tropfen sank in ein Herz; da wurden wach, die träge schliefen, und schraken auf, die in den Tönen die Bilder ihrer Wollust schmeckten, und traten in den Kreis der Kreatur und brachten ihren Tropfen dem Bruder Seuß, daß er ihn trüge: Empor zu Gott!

Auch die Gerechten, die dasaßen mit ihrer säuerlichen Pflicht und zwischen Gott und Kreatur den Hochmut ihrer Werke hatten, sie fühlten seinen Tropfen rinnen und zerschäumen in ihrer kalten Brust; das Herz brach auf und schäumte sein rotes Blut und wurde leicht von seiner Last der harten Menschenheit, und wurde Lust der Kreatur und flog der Stimme zu, der Stimme und dem Strahl: Empor zu Gott!

Der Gottesfreund

Was Eckhart, der naheste Jünger des Herrn, in Straßburg und Köln von der Ewigkeit lehrte, war nicht vergangen, weil es im Brunnen der eigenen Sprache Quellwasser blieb statt dem Latein der Scholasten.

Gottesfreunde hießen sie droben am Rhein die heimlichen Künder der Lehre; wie vormals die Jünger hielten sie abseits der Kirchengemeinde die frohe Botschaft lebendig, und wie die Jünger lebten sie zwischen Verfolgung und heimlicher Duldung ihr Dasein in Christo.

Die Hoffnung des Himmels, die Furcht vor der Hölle gaben der Kirche die Zügel, aber stärker als Hoffnung und Furcht war das Gewissen; und lange schon stand es bereit, vor Gott und der Menschheit das Recht und die Pflicht des evangelischen Daseins zu fordern.

Der aber ihr Meister war, kam und ging im Geheimnis: den großen Gottesfreund aus dem Oberland hießen sie ihn, Name und Herkunft blieben verborgen; kaum anders, als Jesus den Jüngern erschien, trat er hinein in den Kreis seiner Freunde als hohe und frohe Erscheinung.

Als Tauler in Straßburg, der Dominikaner, um seiner Redekunst willen berühmt war, bat ihn der Gottesfreund einst um eine Predigt, wie sich die menschliche Seele am höchsten und nächsten zu Gott aufschwingen möge?

Da wetzte der Meister sein Rüstzeug gelernter Scholastik und tat sich groß mit den Künsten der vierzigsten Beschauung und mit den vierundzwanzig Stücken, durch die der Geist erleuchtet würde vor Gott.

Aber der Gottesfreund lächelte nur und nannte es pfäffische Künste, den Wein mit Hefe zu mischen; denn Jesus der Zimmermannssohn habe zur Einfalt der Jünger geredet und solche Künste der Schriftgelehrten verachtet.

Darüber fiel der gelehrte Mönch in Trauer und Trübsinn und verlor alle Freude an seiner scholastischen Kunst, sodaß die Brüder sein Alter für schwachsinnig hielten und die Beichtkinder seiner lachten.

Zwei Jahre lang blieb er verstört und forschte viel in der Schrift und suchte Gott in der Demut, da ihn sein Hochmut nicht fand.

Als er dann wiederkam auf die Kanzel, ein tief geläutertes Gemüt, war er den Klugen völlig ein Spott, weil er kein Wort zu sprechen vermochte, nur bitterlich weinte.

Da trat ihm zum andernmal heimlich der Gottesfreund bei: Das war die beste Predigt vor Gott und deine Berufung, sein Wort zu verkünden! weil du selber den Weg zur Demut fandest, sei getrost, ihn den andern zu weisen!

So tat der Gottesfreund dem Dominikaner den Mund wieder auf; durch seine Lippen, nicht mehr lateinisch verkünstelt, floß fürder das Labsal des Wortes: Tauler, der evangelische Prediger stand auf der Kanzel zu Straßburg, der die Einfalt und Gnade gleich einem Becher den Dürstenden darbot.

Der aber das Wunder vermochte, der Gottesfreund schwand in die Ferne, aus der er kam, denen, die seiner bedurften, weise und wahrhaft und stark zu erscheinen.

Die gemeinsamen Brüder

Er war weder Priester noch Mönch, Gerhart Groot von Deventer; er hatte studiert in Paris wie andere Jünglinge auch, Theologie und kanonisches Recht, selbst die magischen Künste, und dachte behaglich zu leben von seinen Pfründen als Kanonikus oder Magister.

Da fand ihn das Wort von dem Einen, was not tut; er verbrannte die magischen Bücher, legte den silbernen Gürtel und das sarmatische Pelzwerk ab und ging in ein Kloster -- doch ohne Gelübde -- den Zweck seines Daseins zu finden aus dem Gewissen.

Als er ihn fand in der Schrift, zog er hinaus wie vormals die Jünger, der reichgewöhnte in ärmlicher Kleidung, nur im geringsten bedürftig, und fing an zu lehren im plattdeutschen Wort seiner Heimat.

So wurde der reiche Jüngling und stolze Magister ein dienender Mann der Einfalt; Priester und Laien hörten ihm zu und staunten der einfachen Rede und ihrer schlichten Gewalt, bis ihm der Bischof von Utrecht im Namen der Kirche zu lehren verbot.

Er hätte Freunde gehabt bis nach Rom, der Weisung zu trotzen; aber er folgte in billiger Demut dem Bischof, zog heim nach Deventer, statt der Großen die Kleinen zu lehren -- wo das Salz noch nicht dumm war -- und wurde ein Lehrer der Jugend, wie keiner vor ihm.