Die dreizehn Bücher der deutschen Seele

Part 12

Chapter 123,801 wordsPublic domain

Lübisches Recht galt in den Städten der Ostsee, lübische Gilden hatten bis Bergen hinauf die stolzen Kaufhallen gebaut.

Lübeck, Wisby und Riga schlossen zuerst den Bund des gemeinen Kaufmanns gegen den dänischen König und wußten ihr Recht mit dem Schwert trotz Kaiser und Fürsten zu wahren.

Hansa, das ist Schar, hießen sie ihre Gemeinschaft, und so glückte dem lübischen Rat die Geltung der Schar, daß die Gesandten der Könige kamen, mit ihm zu verhandeln.

Aber danach war Waldemar König der Dänen, den sie Atterdag nannten; er trat dem hansischen Hochmut die Haustür ein: Wisby auf Gotland ging der Hansa verloren, die hansische Flotte wurde bei Helsingborg bitter zur Demut genötigt.

Fünf Jahre lang lag der hansische Hochmut darnieder, bis Winrich von Kniprode ihn wieder weckte: mit kluger Verhandlung und zündender Rede brachte der starke Deutschordensmeister die Städte der Ostsee noch einmal zusammen, das preußische Schwert an die Geltung der Hansa zu wagen.

So kam über Nacht die hansische Tagfahrt in Köln zustande: siebenundsiebzig Städte beschworen der Hansa den Bund; so übergroß wuchs die Macht der Kontore, daß Waldemar den Kampf nicht mehr wagte.

Im Frieden zu Stralsund wurde den Dänen die hansische Rechnung gemacht; die Kaufleute zwangen den König, mit gutem Silber zu zahlen, und waren hochmütig genug, nicht handeln zu lassen.

Seit dem Tag von Stralsund wehte die hansische Flagge über den nordischen Meeren; sie kam herein in den Hafen, wie der Fürst ins Gefolge, wie der Mond in den Sternenplan steigt.

Die hansischen Herren ließen dem Kaiser das Reich und den Fürsten die Ritter: sie blähten die Segel im Wind und hingen die Wimpel der Schiffahrt aus an den stolzen Rathäusern.

Die Welt war weit und der Reichtum stand in hundert Höfen gestapelt: die Hansa brachte ihn ein von den kältesten Küsten; Wikingerlust im Bürgerkleid saß in den reichen Kontoren, die Sagen tollkühner Fahrten standen vergüldet im hansischen Glück.

Dem Abenteuer der Staufer verbrannten im Süden die Flügel, das Abenteuer der Hansa trug Schnabel und Krallen des Reichsadlers noch manches Jahrhundert.

Rudolf von Habsburg

Als Richard der Reiche gestorben war, suchten die Kurfürsten lange, einen König der Deutschen zu finden; und als sie ausgesucht hatten unter den Fürsten und keinen fanden, wählten sie einen Grafen, Rudolf von Habsburg geheißen.

Er hatte dem Sizilianer klug und beständig gedient und war mit vielerlei Fahrten nützlich ins Alter gekommen, als die Kurfürsten ihn auf den Königsthron setzten.

Seine Macht war nicht groß, aber er hatte sein Gut beharrlich vermehrt und galt als Feldhauptmann viel; Friedrich von Zollern, der geschäftige Burggraf von Nürnberg, trug ihm die Gunst derer zu, die gleich ihm ein Königslehen besaßen.

Als sie ihn krönten zu Aachen in altertümlicher Weise, ritten die Grafen und Ritter in fröhlichen Scharen zum Fest, im Kaisersaal prahlte das Glück ihrer Stunde.

Sie dachten gegen die Fürsten ein neues Brett zu gewinnen, aber der Habsburger hatte gelernt, sich selber zu dienen; wie er als schwäbischer Graf mählich zu dem Seinen gekommen war, saß er als König im Sattel.

Mancherlei Mächte hielten dem Reich das Streitroß geschirrt; er mußte mit kluger Beständigkeit warten und mit der Krone Feldhauptmann bleiben.

Er mußte dem Papst in Demut geloben, dem staufischen Kaisertraum zu entsagen; er mußte den Städten den Landfrieden schwören und mußte den Fürsten das Schwert ihrer Händelsucht lassen.

Als er dem trotzigen König von Böhmen sein deutsches Königsrecht wies, blieben die Großen und Grafen daheim, und wenig Ritter zogen mit ihm, die Schlacht auf dem Marchfeld zu schlagen.

Der Habsburger aber gewann die Schlacht mit dem Zollern, und der stolze König von Böhmen lag tot auf dem Marchfeld: der Feldhauptmann war Herr in der Ostmark und säumte nicht, seine Söhne reich zu belehnen.

So war er selber ein Großer an Hausmacht geworden; aber sie zu behalten, mußte der Habsburger Feldhauptmann bleiben: das Feldlager war seine Burg und der Krieg mit den Kleinen sein tägliches Handwerk.

Um seine hagere Gestalt war kein Glanz, und die Krone saß schlecht auf dem Graukopf: die Kaiserpracht blieb mit den Staufern verschwunden, kein römisches Reich spannte fortan den Bogen der Macht über die Völker.

Aber die Bürgerschaft hatte das Schwert ihrer Ordnung, und das Volk war dem Habsburger günstig gesinnt, der die Raubritter aufhing und in schnurrigen Späßen als derber Spaßvogel umging.

Die Eidgenossen

Als Rudolf von Habsburg noch schwäbischer Graf war, hielt er zu Altdorf Gericht im Namen des Kaisers; denn die Waldstätten hatten den Brief des Sizilianers, der ihnen die Reichsfreiheit beschwor.

Rudolf von Habsburg war stark und gerecht, aber Albrecht, sein einäugiger Sohn ritt stolz in den Tag; er dämpfte den Hochmut der rheinischen Kurfürsten und lachte der trotzigen Bauern.

Er setzte den Waldstätten Ritter als Vögte; der Landammann durfte der freien Gemeinde nicht mehr im Namen des Königs Recht sprechen.

Aber die Waldstätten schwuren den Bund auf dem Rütli: Werner Stauffacher aus Steinen bei Schwyz, Walter Fürst aus Uri und Arnold von Melchtal in Unterwalden kamen zur Nacht auf die heimliche Wiese und schwuren im frühen Tag, keine Burg und keinen Vogt in ihrer Freiheit zu dulden.

Am Neujahrstag brachen die Berge ins Tal; mit Streitaxt und Morgenstern kamen die Bauern hinab in die Täler, die Burgen zu brechen: da wurden die Waldstätten frei von der habsburgischen Plage.

Sie schwuren noch einmal den Bund und nannten sich Eidgenossen; sie priesen den tapferen Schützen, der dem bösen Landvogt zu Küßnacht den Pfeil in das Herz schoß, und die Gewässer rauschten die Sagen vom wackeren Tell.

Aber zum Mai kam Albrecht der König geritten; das Gerücht seiner drohenden Rache ging in den Waldstätten um, als Johann von Schwaben, der Neffe, den harten Habsburger erschlug.

Da blies das Hifthorn der Habsburg den blutigen Mai, aber die Waldstätten grüßten das Frühjahr mit Freuden, denn nun war Heinrich von Luxemburg König, den Habsburger Hochmut zu dämpfen.

Sieben Jahre lang ging die Freiheit ins Land, bis Heinrich von Luxemburg starb, bis Leopold, der Herzog von Österreich, mit gepanzerten Rittern kam, die Eidgenossen in seine Hausmacht zu zwingen.

Aber die Waldstätten hatten die Wachen sorglich gestellt; als die gepanzerten Ritter gen Morgarten kamen, über den Ägerisee ins Schwyzerland einzubrechen, hatten die Bauern dem Habsburger Wolf die Falle bereitet.

Felsblöcke brachen ins Tal und schlugen blutige Quellen, der Morgarten wurde ein rauchender Anger, der See ein rauschendes Grab für den Hochmut der eisernen Ritter.

Zehnmal sieben Jahre gingen der Freiheit ins Land, und Wenzel war König, als wieder ein Leopold kam, die Eidgenossen zu zwingen; aber nun war die Bauernschaft mächtig und die Städte standen ihr zu.

Bei Sempach ritten die Österreicher an, Luzern zu berennen, und das Streitfeld war frei, die Hengste zu tummeln; das Fußvolk der Waldstätten hatte nach Urväterbrauch den Keil aufgestellt.

Die Ritter stiegen vom Roß, der drohenden Spitze des Keils mit ihren Panzern zu wehren: eine Mauer von Eisen stand vor den Bauern, mit Speeren gespickt, da mußte die Spitze stumpf werden.

Arnold von Winkelried aber machte sie scharf: gleich einer Garbe band er die Spieße in seinen sterbenden Leib und brach eine Gasse, darin sich der Keil gewaltig einbohrte.

Da hatten die Streitäxte Arbeit, die eisernen Bäume zu fällen; der Tag war heiß, und von den Streichen der Bauern getroffen, erstickten die Ritter in ihren Eisengehäusen.

Leopold selber, der Herzog, sank in den Haufen, die fliehenden Lanzenknechte mähte der Morgenstern hin: so mußte der Wolf dem Stier den Weidgang lassen.

Die deutschen Ordensritter

In Zank und Schimpf ging das Grab und das Heilige Land den Ordensrittern verloren; aber der Hochmeister Hermann von Salza brachte ihr Schwert über die heidnischen Preußen, da mähten die Ritter dem schwarzen Kreuz ihrer Weißmäntel eine fröhliche Ernte.

Indessen die Kurfürsten in Aachen Rudolf von Habsburg die Krone aufsetzten, bauten sie schon ihre feste Burg an der Nogat; als König Albrecht, sein Sohn, durch Mörderhand fiel, war ihre Zwingherrschaft so sicher gegründet, daß der Hochmeister selber ins preußische Land kam, in der Burg an der Nogat zu wohnen.

So wurde die Burg ein gewaltiges Schloß, Marien zu Ehren genannt, die Gralsburg der schwarzweißen Ritter.

Denn nun war der Hochmeister Reichsfürst geworden wie keiner: nicht Bischofs- noch Bürgergewalt galten im Preußenland, die Weißmäntel ritten den Zügel der Zucht, und wie sie Gehorsam gelobten, verlangten sie ihn.

Sie waren die eiserne Hand, der Hansa im Osten die Waage zu halten; Kurland, Livland und Estland, die reiche Küste der Ostsee, zwangen sie ein in den Ring ihrer Herrschaft und hielten den Ring in hartnäckigen Kriegen.

Denn herrschen und kämpfen war ihre Lust, weil es ihr Dienst und das Gelübde der Ordenspflicht war, über die Heiden das Kreuz und das Schwert zu bringen.

Als Winrich von Kniprode Hochmeister war, der gewalttätige listige Mann, stand ihre Schwertbrüderschaft höher in Geltung als sonst im Reich eine Macht; als er der Hansa den Frieden von Stralsund erzwang gegen den Atterdag, wehte die schwarzweiße Fahne stolz auf der Burg an der Nogat.

Da wurden die Säle der festen Marienburg weit, da hielten die Säulen dem Remter der schwarzweißen Ritter die Decke kunstreich gespannt, da waren die Höfe und Hallen geschmückt mit dem Reichtum des preußischen Landes wie das maurische Königsschloß der Alhambra.

Aber schon wehte der polnische Wind Sandwellen in ihre Gärten; der Eidechsenbund der Preußen weckte den Haß und den Widerstand gegen die Willkür der landfremden Ritter; und als der Tag von Tannenberg kam, wurde das schwarzweiße Banner rot im Blut der verlorenen Schlacht.

Wohl konnte Heinrich von Plauen die Burg an der Nogat noch einmal mit Tapferkeit halten; aber das Glück der schwarzweißen Ritter hatte die Zucht welk gemacht für das Unglück: im blutigen Remter der Marienburg hielten die polnischen Sieger das Nachtmahl.

Die Feme

Saxnot war tot, und die freie Gemeinde lag unter dem Rasen, darüber die Rosse der Ritter im Übermut gingen; aber die einsamen Höfe der Roten Erde hielten das Herdfeuer wach, und die Wissenden waren beständig.

Die Gewalt hob das Schwert und das Gold in den prahlenden Tag, nur das Recht war stärker als Gold und Gewalt; wie der ewige Himmel hinter den rastlosen Wolken stand seine Herkunft hinter dem Tag und der schweigenden Nacht.

Draußen im Feld unter Bäumen war der steinerne Freistuhl gestellt; da hielt der Freigraf Gericht, ihm war der Blutbann des Königs gegeben, und die Freischöffen saßen ihm bei im uralten Femrecht der freien Gemeinde.

Da stand die Klage gelöst aus den bunten Kleidern der Welt, da war der Ritter ein Schelm, und der Bauer hob seine Hand über ihn, wenn seine Sache gerecht stand; denn jeder war frei im Gericht, wie er dem Recht untertan war.

Da wurde der Faden der Schuld abgewickelt Mann gegen Mann; und wie der Mann vor den Schöffen dastand, so war sein Schicksal verwirkt.

Denn nicht um die kleinen Dinge hatte die Feme den steinernen Stuhl aufgestellt, Tod und Leben sahen sich hart ins Gesicht, und der Strick war die Buße der Feme.

Wer die Ladung an seiner Tür fand, dem half nicht Gold und Gewalt; sein Dasein war fürder versiegelt, bis ihm die Feme das Siegel ablöste.

Der Freispruch der Feme löste das Siegel, oder der Strang schnürte es zu; dann lag ein Dolch bei dem Leichnam: Strick, Stein, Gras, Grein stand als Zeichen geschrieben, daß hier ein Femspruch vollstreckt war.

Um die Wissenden aber hatte der Eid das Geheimnis gelegt: die heilige Feme halten zu helfen und zu verhehlen vor Weib und Kind, vor Vater und Mutter, vor Feuer und Wind, vor allem, was die Sonne bescheint und der Regen benetzt.

Die Welt war des Unrechts voll, und die Gewalt ritt über die Straßen: aber ein Arm griff aus der schweigenden Erde, den Frevler zu packen.

Der Griff war hart und schnürte die Kehle zu, aber er kam aus dem Recht, und das Recht war im heiligen Boden der Herkunft lebendig wie das Korn in der Scholle.

Saxnot war tot, und die freie Gemeinde lag unter dem Rasen, darüber die Rosse der Ritter im Übermut gingen; die einsamen Höfe der Roten Erde hielten das Herdfeuer wach, und die Wissenden waren beständig.

Der gemeine Mann

Die Zunftehrbarkeit hielt dem Handwerk den Zirkel geschlossen, aber die Zunftstuben wurden im Streit um die Macht die Brutnester der Empörung.

Denn die Macht in der Bürgerschaft war der Rat der reichen Geschlechter; sie waren die stolzen Ritter der Stadt, und wie der Burgherr den Bauer in Hörigkeit brachte, so hielten die reichen Geschlechter die Zünfte im Zwang ihrer Steuerbedrückung.

Aber als die Städte groß wurden und die Zünfte viel Volk waren, wollten sie selber im Rat sein und in der Bürgerschaft gelten.

Hitzige Meister und scharfe Gesellen hängten die Fahnen der neuen Zeit aus; die Selbstherrlichkeit der Geschlechter wurde bestritten, aus den Zunftstuben trat der gemeine Mann auf die Straße.

Er kannte das feine Waffenspiel nicht, er hatte nur seine Fäuste; aber die Fäuste waren in täglicher Arbeit gehärtet, und die Fäuste waren die Masse.

Rösselmann hieß der Schultheiß in Colmar, der die Ratsherrlichkeit der Geschlechter zuerst durch die Stadttore jagte und den Zünften das Regiment gab.

Den Rat wieder zu bringen, kam der König selber vor Colmar geritten; aber er mußte die Stadt mühsam berennen, ehe das Schwert seiner Ritter und Knechte der trotzigen Bürgerschaft Herr war.

Dem Schultheißen schlug der Henker das Haupt ab; aber der Hände blieben zuviel in den Zünften, sie alle zu stäupen.

In Worms und Köln, in Ulm und Speyer, in Münster und Lübeck blieben die Zunftstuben die Brutnester der Empörung; und eher ruhte die Bürgerschaft nicht im Streit um die Macht, bis die Zünfte im Rat waren.

Es wurde viel Gut vertan, und viel Blut floß in dem Streit; über der Bürgerschaft hingen die blitzenden Wolken von einem Gewitter ins neue; die Sonne der Zeit schien grell auf die Städte, und die Blumen des Wohlstandes wuchsen darin üppig und wunderlich hoch: der gemeine Mann in den Zünften wollte davon seinen Teil haben.

Die braunen Brüder

Als die Zünfte den Streit um die Macht anfingen, waren die Mönche des heiligen Franz nach Deutschland gekommen, eine Heuschreckenplage den geistlichen Großen, die Seele des Volkes zu fressen.

Die Predigt von Cluny war kleinlaut geworden, der Reichtum der Kirche hatte die Lehre der Einfalt und Strenge getrost überstanden; er gab dem Adel treffliche Pfründen und den Bürgern die rauschende Flucht seiner Feste.

Nun kamen die braunen Kutten des heiligen Franz, gegürtet mit einem Strick, barfuß und bettelnd, und brachten die fröhliche Botschaft der Armut.

Das Himmelreich war in der prahlenden Welt ein verborgener Garten: die aus den Sälen und Söllern des Wohlstandes kamen, fanden die Tür nicht, wohl aber die in den Kleidern der Armut einfältig gingen; denn eher ging ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher ins Himmelreich kam.

Jesus von Nazareth ging wieder um auf den Märkten und Gassen, lächelnd zu lehren und liebend zu helfen denen, die mühselig und beladen waren: aber den Händlern im Tempel warf er zornig den Wechseltisch um.

Der Bischof prahlte auf seiner Burg, die Kaufleute brachten ihm Pelze und köstlichen Wein, sie nahmen Zins von den Zünften und taten groß vor dem Volk: nun kamen die braunen Kutten und klagten den Reichtum an.

Sie waren selbst eine Zunft und die allergeringste, sie hielten dem Wohlstand der Städte den Bettelsack hin, sie sprachen die Worte der Straße und trugen die tägliche Not: so war die christliche Lehre zum andernmal wiedergeboren, aber nun klopfte sie sacht an die Tür der irdischen Wohnung.

Die Kirche hatte den Kreuzzug gepredigt und war mit blinkenden Rittern im Morgenland kläglich mißraten; die Barfüßer brachten das Wort in den Alltag des Abendlands, das Wort und die Tat ihres demütigen Lebens.

Albertus Magnus

Aber die Kirche hatte der braunen Einfalt die weiße Klugheit gesellt; indessen die Barfüßer den Bettelsack hielten, lehrten die Dominikaner das Kirchengeheimnis der göttlichen Dreiheit.

Die weißen Brüder hatten kein Eigentum, wie die braunen, und mußten sich von den Abfällen des städtischen Wohlstands nähren; aber sie gingen nicht auf die Straße und hielten zu den Geschlechtern.

Denn ihr Teil war die Lehre und Wissenschaft von den Dingen, darin der Kirchenglaube als Schatzhalter stand; sie brauchten die Stille gesicherter Stuben, und nur der Kampf gegen die Ketzer rief sie ans Licht.

Sonst saßen sie über den Schriften und suchten mit Eifer und Scharfsinn den Glaubensgrund ab; sie hielten dem zweifelnden Geist das Rüstzeug der Kirche blank und lehrten die geistlichen Schüler, das Rüstzeug zu gebrauchen.

Sie hießen ihn Albert den Großen, obwohl er kein Fürst oder Bischof, nur ein Lehrer und Mönch war: Albert von Bollstädt, von Herkunft ein schwäbischer Grafensohn, der bei den Dominikanern in Köln die Wissenschaft lehrte.

Juden und Araber hatten dem Meister das Wunder der Wirklichkeit aufgeschlossen: er kannte den Lauf der Gestirne und die magischen Kräfte des Mondes.

Er wußte das tote Geheimnis der Steine zu wecken und sah den Kreislauf der Säfte in allem lebendigen Dasein, er konnte die Kraft der Natur mit mancherlei Künsten ans Tageslicht locken.

So viel und bunt spielte die Macht seines Geistes die Wunder der Wirklichkeit vor, daß er ein Zauberer hieß; und als er ein schlohweißer Greis war, woben die seltsamen Sagen ihm selber ein Wunderkleid: der Teufel, so hieß es, habe die feinsten Fäden gesponnen.

Aber die Königin Jungfrau des Himmels hielt ihre huldreiche Hand über ihm, denn der Zauberer hatte der Kirche das künstliche Rüstzeug gefunden: aus dem Altertum stieg Aristoteles auf, der Priesterstaat zog in die Wohnung der griechischen Weltweisheit ein.

Der Geist der Scholastik fing an, die heidnischen Räume wohnbar zu machen für die kirchliche Selbstherrlichkeit: Albertus Magnus hatte den Einzug geleitet; der dem Volk ein Zauberer schien, war der Kirche sicher genug, ihn heilig zu sprechen.

Die fahrenden Schüler

Wo eine Schule stand, liefen die Schüler zu, und wo eine Schule berühmt war, kamen sie viel; als Albert der Große in Köln lehrte, konnte die Stadt die Scharen der Scholaren kaum fassen.

Eine Burse hießen die Schüler das Haus, wo sie Unterkunft fanden; hunderte summten da ein und aus, und die mönchische Ordnung konnte die Zucht nicht mehr halten.

Sie waren weither gewandert und brachten in Kleidern und Sitten den Straßenstaub mit; unterschlüpfend in Klöstern und Pfarrhöfen, bettelnd bei Bürgern und Bauern tauchten sie ein in den unreinen Strom der fahrenden Leute.

Auch fanden viele das Ufer nicht mehr: ohne Hoffnung, je eine Pfründe zu finden, der Ordnung entwöhnt, dem Wein und der Straßenliebe verfallen, zogen die lärmenden Scharen durchs Land und suchten die Stadt heim, wenn der Winter die Wege verschneite.

Goliarden hießen sie dann und waren die Füchse der fahrenden Leute; wo der Bettel versagte und der Diebstahl gefährlich war, half ihre List, Speise und Trank zu gewinnen.

Sie hatten alle einmal die Messe bedient, das Mirakel war ihnen geläufig; sie wußten die Wundersucht höhnisch zu stillen und hielten sich selber zum Spott das Beispiel der Kirche vor Augen.

Sie waren die Schnapphähne des Zweifels und wußten den Unglauben am Bratspieß zu wenden; sie sangen dem fahrenden Volk lateinische Lieder, aber das Faß stand unter den Füßen Mariens, die himmlische Liebe verlief sich in irdische Löcher.

Der Kirche gefiel ihre freche Art nicht, sie kehrte mit scharfem Besen die Bursen und machte den fahrenden Schülern die Türen der Klöster und Pfarrhöfe zu: aber die Straßen waren zu weit, und zuviel Scheunen standen daran.

Sie blieben die Füchse des fahrenden Volkes und mischten ihr schwarzes Kleid in die scheckigen Lumpengewänder; sie hingen der geistlichen Würde den Straßenlehm an und waren dem Kirchenbetrieb ihrer Tage ein frech und verwegenes Schalkspiel.

Das Volkslied

Unter der Linde war Tanz, und die fahrenden Schüler krähten ihr schnödes Latein; aber der mit der Fiedel wußte den Burschen und Mädchen andere Lieder zu singen.

Die Jungfrau Maria kam nicht darin vor, auch nicht die zierlichen Seufzer der Minne: ein Spaßvogel sang in gewürzten Reimen, wie er die Mädchen am Rhein, in Sachsen, in Schwaben und Bayern zur Liebe geneigt fand.

Das Lied war frech, und die Worte mußten den Tönen mitlaufen, aber die Täglichkeit lockte darin, und alle sangen den Reim, so sprang die Fiedel ins Blut.

Der Spielmann wußte noch andere Reime: von einem Geizhals, der sich mit Geld ein leckeres Weibchen einfangen wollte, von einem Knaben, den seine Buhlin betrog, von einer Spröden, die nie ihr Vergißmeinnicht fand.

Aber die kannten sie schon unter der Linde, Burschen und Mädchen sangen die Reime, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die Straßen des Dorfes abgingen; denn die Lieder der Fahrenden waren Feldblumen, die überall hingestreut überall Wurzeln schlugen.

Feldblumen und Blumen aus Urväterherkunft in Gärten gepflegt; denn immer noch blühte die Zeit, die vor dieser war, und die Seele des Volkes war heimlich getreu ihr Gärtner.

Dietrich und Hildebrand ritten die klirrenden Fahrten, und Siegfried sank in sein Blut, Schwanhild die schöne und Randwer der feine büßten die Liebe, Brunhild und Kriemhild kühlten die Rache.

Die fahrenden Spielleute kannten die alten Sagen und wußten die neuen, sie hielten die Reime und Töne lebendig, sie flochten die Rosen des Tages ein in den Kranz, der im Herzen des Volkes immergrün war.

So wurde aus alten und neuen Gesängen das Volkslied, von Burschen und Mädchen gesungen, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die Straßen des Dorfes abgingen.

Was der Seele des Volkes Gutes und Böses geschah, was in den Brunnen des Mitleids hinein fiel und was auf den rosigen Wolken der Mitfreude schwamm, hoben die zärtlichen Hände des Liedes ins ewige Dasein.

Die Meistersinger

Aber die Straße wurde dem fahrenden Volk nur gestattet, Kaufleute kamen mit Wagen und reisigen Knechten, Ritter zogen zu Hof, und Fürsten zur Jagd mit lautem Gefolge.

Auch saßen zur Herberge abends die Zunftgesellen da, die auf der Wanderschaft waren, mit feierlich stolzen Gesichtern; sie hielten sich fern von dem fahrenden Volk und hatten die eigenen Lieder.

Die Singschulen der Zünfte lehrten die Ehrbarkeit loben; und wie die Höfe den Minnesang, so pflegten die Meister das Preislied des ehrsamen Handwerks.

Denn die Zucht war das Schrittmaß der Zunft, wie das Springseil der fahrenden Leute die Lust war.

Sie hielt dem edlen Gesang peinlich das Tönegericht, sie lehrte die Worte im Reim künstlich verschlingen, sie stimmte die Laute, daß sie bescheiden im Mittelmaß blieb, und hieß das Gefühl in der Ehrbarkeit bleiben.

Gesellen- und Meisterstück gab sie zu singen, und über der Zunftlade standen die Regeln geschrieben, mit denen Frau Musika Hausordnung hielt.

So war die Singkunst im Rahmen rühmlicher Künste zünftig geehrt und im Richtspruch der Meister peinlich geordnet.

Aber das Lied stieg in den Tag wie die Lerche, es lachte der lehrsamen Meister und lachte der täglichen Tugend.

Mit feierlich stolzen Gesichtern sangen die Zunftgesellen der Herberge ihren Preisgesang vor, indessen die Burschen und Mädchen in Reihen verschränkt singend den Abend abgingen und in den Büschen der fahrenden Leute die Nachtigall lockte.

Der Schwank

Das Lied stieg in den Tag wie die Lerche, aber der Schwank saß mit den fahrenden Leuten in rauchigen Schenken, wenn irgendwo reiche Rast war.

Er sah das umzirkelte Dasein der sorgsamen Bürger und sah die Plage der Bauern, wie sie seitab von der Straßenfreiheit der fahrenden Leute dasaßen, gesichert vor Unbill.