Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 11
So ging das Irrlicht von Schwaben aus im normännischen Land, wo die Fackel längst schon erlosch: das Abenteuer der staufischen Weltherrenträume fand in der flackernden Fahrt des Knaben sein klägliches Sinnbild.
Der Kyffhäuser
Als Konradin seine Knabenfahrt machte, stand im Reich das Unkraut der staufischen Saat in der Blüte: ein Fremder war König geworden, Richard der Reiche von England hatte die Krone der Deutschen gekauft.
Die sich des Reiches Kurfürsten nannten, nahmen das englische Geld und riefen dem Reich einen König aus, der über dem Wasser wohnte und viermal in fünfzehn Jahren mit einem Schiff kam, nach seiner Herrschaft zu schauen.
Sie ließen ihn krönen zu Aachen und fühlten nicht ihre Schande, daß sie im alten Kaisersaal saßen und unten schlief Karl, der seinen Großen und Grafen ein anderer König und Kaiser der Christenheit war.
Aber sie hatten den Herrn, der ihrem Eigennutz paßte, sie waren die Meute und wollten nicht länger dem Pfiff und der Peitsche gehorchen; wo ein Wild war, fielen sie ein und waren in Wald und Weide frei von der Koppel.
Wald und Weide im deutschen Land, Weinberge und Felder gehörten der Faustmacht des Tages; und was auf den Wegen und Wässern zur Stadt fuhr, galt vogelfrei dem, der es raffte: der König war weit und die Burg war nah, dahin sie den Raub brachten.
Da wurde dem Mann der freien Gemeinde sein letztes Recht und die letzte Hufe genommen, da wurde der Bürger der Pfeffersack für den Ritter, da riß die lahme Gewalt die Ohnmacht des Reiches in Stücke.
Als Richard der Reiche von England dem Reichsschatz zu Aachen die neuen Kleinodien schenkte, waren Mantel und Krone, Reichsschwert und Zepter prunkvoll verziert, aber kein Kaiser war da, sie zu tragen.
Sehnsüchtig sahen die Augen des Volkes nach Süden, ob nicht der Sizilianer zum andernmal käme, wie er vorzeiten kam, über die lahme Gewalt der Großen und Grafen die Stärke und über das Unrecht der Tage das Recht der Herkunft zu bringen.
Noch stand die Kyffhäuser Pfalz, wo er zum letztenmal Hof hielt; er war nicht wiedergekommen und es hieß, er sei tot: aber -- drum krächzten die Raben, die um den Turm seiner Kaisermacht flogen -- verborgen im untersten Saal saß er und schlief, das Schwert breit auf den Knien.
Denn um sein Dasein war immer die Sage gewesen: als Ketzer verflucht von der Kirche, samt seinem untreuen Sohn von den Großen verraten, kam er wieder aus Süden und war ein Fürst der Stärke wie keiner.
Das Glück und der Reichtum hingen an ihm, und wenn er den Reichstag abhielt, wuchs über Nacht die alte Herrlichkeit wieder.
Der Kaiser blieb aus, aber das Wunder sank in die Hoffnung: verborgen im Kyffhäuser saß er und schlief, indessen die Raben von Rom den Turm seiner Pfalz in ewiger Sorge umflogen, daß seine Stunde zum andernmal käme, daß wieder ein Schwert die Zwietracht zerschlüge, daß wieder ein Kaiser der Kirche den Schirmherrn erwiese.
Das Buch der Bürger
Der Sachsenspiegel
Der Bogen des Kaisers war über Länder und Zeiten gespannt, aber das Volk stak im Tagwerk; der Morgen stieg und der Abend sank, das Frühjahr schwoll an und der Herbst losch hin; der Mond lief sich voll und leer in der Sternenbahn, dem Dasein der Menschen die ewige Gleichung zu halten.
Ruhm brachten die Reisigen heim und die Kaufleute köstliche Waren; aber sie alle zu nähren, stand die Saat zur Ernte: von der kalten Meerküste bis an den Schneekranz der Berge hielt der Bauer die Scholle lebendig, darüber der Bogen des Kaisers im Himmelslicht glänzte.
Der in den einsamen Höfen nach Urvätersitte dem Gesinde vorstand, war der Freie der alten Gemeinde, ihm galten die Weistümer noch aus der heiligen Herkunft.
Im Namen des Schwertes war die Herrschaft des Kaisers geworden und im Zeichen des Kreuzes die Kirche; aber Kaiser und Papst konnten das Recht nicht beugen, das im Herkommen stand.
Als Friedrich der Kaiser fern war in Palermo, als Dienstmannenübermut und städtischer Trotz die Gewalt der Großen und Grafen bedrängten, als Willkür am Werk war, den Rechtsgrund im Reich zu zerreißen, wurde im sächsischen Land die Herkunft lebendig.
Eike von Repgow, ein Schöffe in Anhalt, hob den Stuhl des Gerichts an den Tag: er schrieb dem sächsischen Mann in der Sprache der Väter sein Recht aus der freien Gemeinde gegen den Zwang der unrechten Gewohnheit.
Da man zuerst Recht setzte -- schrieb Eike von Repgow -- war noch kein Dienstmann, und Jeder war frei, als unsere Vorderen her zuland kamen; denn die Unfreiheit geht wider Gott, ihm ist der Arme so nah wie der Reiche.
Kaiser und Papst halten die höchste Macht, sie können Gewalt mit Gewalt überziehen; aber das Recht steht über dem Königsschwert und über dem Krummstab, und die Gewohnheit des Unrechts kann die heilige Herkunft nicht beugen.
Den Sachsenspiegel hießen sie Eike von Repgows wehrhaftes Weistum; aber die Freien kamen vom Rhein und aus Schwaben, aus Bayern und Franken, in seinen Spiegel zu schauen: so wurde im Reich das Recht, so wurde im Richter der freie Mann wieder lebendig.
Huld und Treue
Einmal war Jedermann Bauer und Krieger gewesen, Herr seiner Hufe und Knecht seines Schwertes, wenn ihn die Hundertschaft rief.
Aber der fränkische Königsdienst lag lästig und hart auf den Hufen, so nahm der Bauer sein Eigen als Lehen von Einem, der ihm die Heerpflicht ablöste.
Der ihm sein Eigen als Lehnsherr ablöste, mußte für jede Hufe den Königsdienst leisten, drum nahm er Reiter in Pflicht, denen das Schwert besser zur Hand war.
So wuchs auf Freienmannsland der Lehnsbaum breit in die Äste: der Lehnsherrenast trug in der Mitte die Krone, der Ritterast hielt ihm zur Rechten den Wettersturm ab, der Bauernast aber zur Linken trug ihm die Früchte.
Vasallen wurden genannt, die gegen Zins- oder Schwertpflicht ein Lehen annahmen; aber das Schwert hielt frei, und der Zins machte hörig: der Reiter zur Rechten wurde ein Ritter, der Bauer zur Linken sank in die Fron.
Der König war oberster Lehnsherr, wer Reichslehen hatte, hieß sein Vasall; die Großen und Grafen gaben zu Lehen, sie waren Vasallen und Lehnsherren zugleich bis zu den Rittern hinunter: so war das Reich ein gewaltiger Turm der Lehnsherrenschaft, gebaut auf dem Wohlstand der Scholle, gekrönt mit dem goldenen Zepter.
Aber der Turm war kein Lohnbau; nicht die Bezahlung hielt seine Quadern mit kupfernen Klammern gefügt, Stein stand bei Stein in der Pflicht, vom Bauern hinauf bis zum König.
Huld und Treue waren die Klammern, Huld und Treue der alten Gefolgschaft; Treue dem Lehnsherrn, Huld dem Vasallen: wie sich die Jünglinge einst die Blutspur beschworen, so nahmen die Lehnsleute einander in heilige Pflicht.
Die Kirche lockte mit seliger Hoffnung und drohte mit ewigen Strafen; Huld und Treue stellten das irdische Dasein auf eigene Geltung; der Mann gab das Wort, und das Wort hielt den Mann; Himmel und Hölle konnten ihm nicht den Schwertriemen lösen.
Der Ritter
Der als Reiter zum Königsdienst ritt, den nannten sie bald einen Ritter, und einen Knappen den Knecht, der ihm die Waffen darreichte.
Aber der Ritterdienst hob seinen Stand über den Freien, kein Knecht durfte ihm danach Knappendienst tun.
Er wohnte nicht mehr im schlichten Gehäus der Gemeinde; er baute den einsamen Horst seiner Burg mit Mauer, Tor und Turm; er ritt auf den Straßen in eiserner Wehr, Helmzier und Schildzeichen hieß er sein Wappen.
Nur wer rittergebürtig war, durfte noch Ritter werden; sieben Jahre lang hieß er das Jungherrlein, sieben Jahre lang ging er als Page, sieben Jahre lang trug er dem Herrn als Knappe die Waffen: dann hob ihn die Schwertleite auf in den Ritterstand.
Den Ritterschlag nahm er zum Zeichen, daß seine Ehre nun keinen Schlag mehr erdulde; denn Ritter sein hieß nicht mehr, um Lehen Königsdienst tun: Ritter sein hieß der Christenheit selber den Waffengang reiten, und wie der Kaiser ihr Schirmherr war, so war der Ritter ihr Streiter.
Er ritt auf den Wegen des Abendlands und kam aus dem Morgenland wieder, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld trug er die Lanze: siegen gab fröhliche Tage; aber verlieren gab keine Schande, wenn der Schild rein blieb.
Denn reiten und stechen war seine redliche Kunst; wie ihn sein Lehnsherr rief, so tat er die Fahrt und gab sein Leben darein; die Treue allein war sein Teil an dem Handel und daß er untadelhaft standhielt.
Reiten und stechen war seine Kunst, sie redlich zu meistern sein Ruhm, sie treu und tapfer zu üben die Ehre: die Ehre stand über dem Helm als sein Stern; aber ein Kranz sank aus den Sternen, wenn er zum fröhlichen Stechen einritt in die Schranken.
Der Herold rief und das Volk staunte sehr, den rühmlichen Helden zu sehen; wie ihn die Wahl rief, wagte er fröhlich das Spiel und gab sein Leben darein, der stärkste und kühnste im Zweikampf zu sein und den Kranz einzuholen.
Denn die dem Sieger den Kranz auf das bloße Haupt gab, war die holdselige Frau; reiten und stechen war seine Kunst, sie redlich zu meistern sein Ruhm, sie treu und tapfer zu üben die Ehre: aber der Herrin unwandelbar zu gedenken, das gab der Kunst und dem Ruhm und der Ehre die blaue Blume zur Hand.
Tod und Teufel zum Trutz als Streiter der Christenheit reitend, war er der Himmelskönigin treuer Vasall: sie neigte in seliger Huld seinen Taten das Angesicht zu; sie gab ihm den Kranz, wie sie ihm einmal auf blutigem Feld den Balsam der Ewigkeit brachte.
Walhal war leer; Walküren kamen nicht mehr, auf Wodans Roß den Helden zu holen; Jesus war blutend und blaß in den Himmel gefahren, wartend des Tages, da seine Posaune das Weltgericht rief: die Himmelskönigin saß auf dem Thron, im süßen Wunder der Liebe den Ritter nicht zu vergessen.
Minnegesang
Der Ruhm des Ritters hing seinen Prunkmantel um, daß er den Frauen der Höfe gefalle; der Prunkmantel war mit den Säumen künstlicher Lieder bestickt und gewirkt auf dem Goldgrund der Minne.
Der Sänger hob wieder die Harfe, von Helden zu sagen; aber nun hallte es nicht mehr im Stabreim uralter Gesänge, auch saßen die Männer nicht mehr beim Mahl, den Sänger zu hören: höfische Sitte hatte den künstlich verschlungenen Reim in die Worte und in den Saal die tolosanischen Gebräuche der edlen Frauen gebracht.
Die gestern noch ritten und stachen, standen nun selber in reichen Gewändern und sangen den Frauen die Minne: zierliche Sprüche, die nach der Frauengunst zielten, gemessene Reime, die um den Beifall der Tönemeister rangen.
Der Minnegesang war das Schildzeichen höfischer Zucht und das Siegel des Ruhmes geworden; die Könige selber durften die Kunst nicht verschmähen.
Aber die Frauengunst wollte nicht immer den eigenen Preisgesang hören; der ihr den Spruch sagte, sollte der Held sein oder von Taten der Helden berichten: hinter der maßlichen Kunst stand die Brandung des Lebens und wollte die schäumende Lust der Schicksalsgewalt spüren.
Da wurde im Minnegesang wach, was unter der gläsernen Decke mönchischer Bildung den langen Winterschlaf hielt: Siegfried und Dietrich von Bern, Brunhilde, die unholde Frau, und Etzel, König der Hunnen, der die blonde Hildico freite, Randwer der feine, die blasse Ingunthis und Gundikars todwunde Mannen.
Aufstanden die Helden der Vorzeit im Gedächtnis der Sage, die riesigen Leiber zogen das Rittergewand an, Kreuzfahrer mischten die tollkühne Fahrt in das Königsgefolge, Huld und Treue standen als ewige Sterne.
Huld und Treue fand Heinrich der arme Ritter, als ihm die Magd herzinnig ihr Leben hingeben wollte, mit ihrem Blut das seine zu heilen, das an der Miselsucht krank war; reiner Wille vermochte das Wunder der Gnade zu zwingen.
Huld und Treue hielten der glückreichen Gralsburg die Tore behütet, und Parzival kam aus dem Wald, das Glück der Erwählung zu finden; aber der Knabe versäumte das Zeichen und mußte durch Zweifel und Schuld den weiten Weg reiten, bevor er die Tore zum andernmal fand.
Huld und Treue wurden von Tristan verraten, als ihm Isolde den Liebestrank reichte -- Randwer der feine hob seine Augen zur schönen Schwanhild, die er dem König zu freien gesandt war -- der König war greis, und Tristan war jung; er trank sein Schicksal sehenden Auges und büßte in schmerzlicher Süße die Schuld.
Huld und Treue streuten Gudrun, dem Königskind, Gold auf den Weg, da sie in langer Gefangenschaft Magddienste tat; an der kalten Meerküste stand sie, die Wäsche zu waschen, als endlich die Schiffe der Heimat die schmerzliche Wartezeit krönten.
Huld und Treue senkten die Wurzeln hinein in die dunkelsten Gründe, als Hagen, der treue, Siegfried, den treulosen traf; denn Siegfried der helle war hürnernen Leibes und in den Trug der albischen Mächte verstrickt; Hagen der finstere fand den Haß in der Huld und den Verrat in der Treue.
Huld und Treue brannten im Blutrausch der Rache, als die Burgunder ins Hunnenland ritten; Erzbildern gleich saßen die treuen Vasallen, Hagen und Volker, am Tor der Vernichtung und hielten Gunther dem König die letzte Wacht.
Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach hießen die Meister im Minnegesang; ihr Ruhm hing hoch an den Höfen, und fleißige Hände schrieben die Handschrift der rühmlichen Mären auf vielerlei Blätter mit ihren gepriesenen Namen.
Der aber Brunhild, Kriemhild und Gudrun das höfische Prunkgewand gab, der die Urwelt germanischer Sage aus der Vergessenheit löste, blieb im Dunkel der Tage.
Übergroß wuchs seinen zierlichen Worten die uralte Schattenwelt zu; er nahm und gab dem Schuldbuch der Götter Gedächtnis im Schicksal der Menschen und sank in Vergessenheit, indessen sein Lied die Flügel gewaltig aufhob, daß aller Minnegesang tief unter ihm blieb.
Walter von der Vogelweide
Zierliche Reime hielten zärtliche Worte umrankt und waren im Goldgrund der Minne züchtig gemalt mit höfischen Farben, als Reimar, der alte, Walter, dem Jüngling, den Minnegesang lehrte.
Aber der Jüngling aus armem Rittergeschlecht lernte anders zu singen und sagen als sonst ein höfischer Junker; von der Vogelweide war er genannt und bessere Weide als Brosamen fand er sein Leben lang nicht.
Früh war die Straße sein Saal und der Wald seine Kammer, auf allen Wegen des Abendlands sah er das fahrende Volk; da hörte er harschere Töne als die der höfischen Sitte.
Die Vögel sangen ihm Lieder, die Bäche pochten den munteren Takt, und der Wind in den Bäumen rauschte den Harfenton: eine braune Dirne im Arm, das war eine hellere Minne, als nach der Herrin zu schmachten.
Und Walter wußte der helleren Minne die Lieder zu singen wie keiner; Wald und Wiese wurden lebendig, wo ihm das Wort aus dem Mund sprang, und die Liebe fing an zu lachen, wo sein Lockruf ertönte.
Als Otto den Welfen der Bann traf -- dem der Papst selber zur Macht verhalf, da er ihn brauchte, und den er verfluchte, da er ihm leid war -- vergaß Herr Walter die Maße der höfischen Zucht; da sprang ihm der Zorn in die Kehle, und Rom hatte nicht solche Sprüche gehört, wie die von der Vogelweide.
Denn mehr als ein christlicher Ritter war Walter ein Mann von deutschem Geblüt; jach war sein Zorn, und sein Wort zückte schärfer als manchermanns Schwert.
Als seine Sprüche dem treulosen Rom um die Ohren sprangen, von fahrenden Schülern und frechen Rittern gesungen, da schlug die Stunde schrill in den Morgen, da trat in den Kampf der Schwerter und Listen die neue Gewalt, da wurde in Ehren und Zorn der deutsche Geist wach.
Da wurde Herr Walter, der Mann ohne Burg und Land, eine Stärke, der die Fürsten und Herren im deutschen Land zag oder zornig den Gruß gaben.
Und als er grau war, gab ihm der Staufer Friedrich der Zweite, der Todfeind der Kirche, in Würzburg ein Lehen; da saß die singende Seele der Deutschen im Alter und sagte der Zeit ihre Klage.
Das Feld war umbrochen, der Wald war verhauen, Weisheit, Alter und Adel hatten den Sitz an die Torheit verloren, das Recht hinkte sehr, die Scham war in Trauer, im Siechtum die Zucht, als Walter, der Weiser und Sänger der Deutschen, den Tod nahen fühlte.
In seinen Leichenstein waren vier Löcher gehauen, Brosamen den Vögeln zu streuen, daß sie kämen zur täglichen Weide und daß ihr Gesang dem Grab die Fröhlichkeit gäbe, die Walter im seßhaften Alter wehmütig suchte, weil seine fahrende Jugend so übervoll davon war.
Die Bürgerschaft
Der Turmbau der Lehnsherrlichkeit war auf den Wohlstand der Scholle gegründet; keine Burg stand anders im Land, als daß ein Ritter den Überfluß dessen verzehrte, was der Bauer dem Boden abrang.
Aber das Reich war noch immer das Land der neblichten Wälder: mühsam und zäh ging der Pflug in der Rodung, indessen die Fähnlein der Reichsritterschaft beutegerecht durchs Abend- und Morgenland zogen.
Das Reich war arm und ein Bauernland, karg und voll Krieger, bis ihm der Kaufmann die Arme freimachte, bis in den Städten der Handel den Reichtum, der Reichtum aber das stolze Gewerk der Bürgerschaft brachte.
Die Bürgerschaft wuchs an dem Lehnsherrenbaum, wie der Efeu am Eichenstamm wächst, und stand noch im üppigen Grün, als der Stamm ausgehöhlt und der rechte Ast schon verdorrt war.
Fremd und fein im Bereich der Bauern und Ritter schien ihr ummauertes Dasein dem Freienmann; aber die Mauern hielten der kommenden Freiheit die Tore gerüstet.
Der Bauer sank in die Fron, und der Ritter wurde sein Herr; der hörige Mann in der Stadt hob seinen Stand in den Stolz einer neuen Bedeutung: Stadtluft macht frei! stand über dem Tor, aber der Bürger machte sich selber die Luft.
Und als er frei war, nahm er die schönen Dinge der Freiheit anders zu Hand als der Ritter; der Ritter war Einer im Kreis seiner Burg, er aber war in den Mauern der Stadt die Gemeinschaft.
Er konnte mit hundert Händen das Seinige halten, mit hundert Augen und Ohren das Dasein bewachen; er konnte verhundertfacht fühlen und wollen und über die einzelne Tat das Richtmaß gemeinsamer Täglichkeit stellen.
So wuchsen Gassen mit Giebeln und Brunnen, so wuchsen Rathäuser steinern und stolz, so wuchsen Kaufhallen mit zierlichen Lauben, so wuchsen die bunten Stuben der Zünfte und der prunkende Saal der Geschlechter.
So wurden Schulen, die Kinder zu lehren, und Krippen der Wissenschaft, so wurden Bauhütten mit Zirkel und Richtscheit, so wurden Werkstätten, die schönen Gewerke und hohen Künste zu üben.
So wurden die Städte Lebensgewalten, so kam die Bildung der Bürgerschaft zu, so wurde der deutschen Seele neue Wohnung bereitet.
Die Zunft
Im Anfang hieß Bürger Insasse einer Burg sein; Hörige hatten im Dienst eines Großen ihr Handwerk zu üben und durften im Schutz seiner Torwächter wohnen.
Als danach die Burg eine Stadt hieß, weil aus dem Troß der Großen ein Hof und aus den Insassen eine Bürgerschaft wurde, hielten die Handwerker treulich die Schranken der Herkunft in Ordnung.
Eine Zunft hießen sie da den Kreis jeglichen Handwerks und schlugen den Zirkel um seine Gebräuche: die freie Gemeinde der Herkunft war die Gemeinschaft des Standes geworden, die alte Zucht hatte ein Alltagskleid angezogen, die Tapferkeit war in die Werkstatt gegangen.
Der Dachdecker hob seinen Spitzhammer, der Schmied seine Zange, der Zimmermann seine Stoßaxt im zünftigen Stolz; denn Dachdecker, Schmied oder Zimmermann sein, hieß in der Zunftehrbarkeit stehen.
Die Zunftehrbarkeit hielt Werkzeug und Arbeitsgebrauch heilig; wie die Schwertleite den Ritter, so machte der Zunftbrief den Meister; Geselle und Lehrling waren ihm Knappe und Page, und die Zunftstube war der Saal seiner Ehre.
Da stand die Zunftlade mit dem Zunftrollenpergament -- die Bundeslade im Tempel der Juden stand so geehrt -- da wurde die Zunft beschworen und der Zucht das Gericht gehalten, da war die Ehrbarkeit selbstgenügsam zu Haus.
Da wurde das Werk der fleißigen Hände geehrt, da wurden der Stolz und die Freude der ehrlichen Arbeit behütet, da stand die Kunst, etwas zu können, so hoch in der Gunst wie die Redlichkeit selber.
Denn nur auf ehrliche Arbeit durfte der Meister den Wohlstand gründen; Todsünde war Gewinn aus Handel und Zins, tauschen und täuschen galt gleich vor der Zunft.
Stuben der Selbstgenügsamkeit standen im Schatten der höfischen Hallen, bescheidene Hände hielten dem Ritter den Steigbügel hin: aber die Zucht gab der Sitte die Tür, hier wie dort war der Mann noch ein Wort, die Ehrbarkeit war die redliche Magd der Ehre.
Die Gilde
Tauschen und täuschen galt gleich vor der Zunft; aber im Rathaus stand die Waage, den Pfennig zu wiegen, in den Gewölben boten die Händler römische Seide und englisches Tuch feil: wo es der Zunft wohlging, hatte der Kaufmann den Wohlstand bereitet.
Denn die Stadt hielt den Markt für die Landschaft; Bauern und Ritter kamen zu kaufen, was Acker und Weide nicht gaben.
Schiffe brachten den Wein und Wagen das Tuch zu Gewändern, Saumtiere trugen Gewürz und feine Gewebe, auch köstliche Steine und Silber: die Gaben des Wohlstandes gingen dem Händler mit reichem Gewinn durch die Hände.
Für die Marktsicherheit sorgte der Stadtherr, aber draußen im Land war das Gut der Schiffe und Wagen gefährdet: unrechte Zölle, diebische Herbergen, gewalttätige Räuber lagen ihm auf, und schlechte Marktknechte brachten den Händler um seinen Gewinn.
So mußte der Stand dem Einzelnen helfen: den Zünften der Handwerker gleich hatten die Händler den uralten Geschlechterverband lebendig gemacht in den Gilden; die hielten der Waage daheim das Recht und den Nutzen und reichten mit silbernen Händen hinein in die Fremde.
In Wisby auf Gotland, in Nowgorod weit in der östlichen Kälte, in Venedig und London standen die stolzen Häuser der Gilde, und über das Reich war das Netz ihrer Geltung gebreitet.
Den Kaufmann des Kaisers hießen sie draußen den Gildegenossen; und wie der Ritterstand Ehre und Ruhm eintrug, so war der Kaufmann des Kaisers im Abendland ehrlich geachtet.
Der Ritter trug Lanze und Leben im Dienst der Lehensgewalt: sein Stand war mächtig, weil ihm der Einzelne Ehre und Tapferkeit zutrug; der Kaufmann saß in der Gilde geborgen, wo er auch war: der Einzelne galt in der Welt, weil ihm der Stand Schutz und Geltung verschaffte.
Der Ritter diente der Ehre, der Kaufmann dem Nutzen; aber die Gilde war auch ein Reis der freien Gemeinde: Huld und Treue zwangen den Pfennig, dem Taler der Gilde redlich das seine zu halten; und das Wort war ein Mann, auch im Nutzen.
Walpod
Walpod, ein wohlhabender Bürger in Mainz, sah mit Zorn, wie die Großen und Grafen das Reich in Unfrieden hielten, und wie die Hände der Ritter zum Raub lose waren; denn der staufische Traum war geträumt, und keine Kaisermacht hielt das Unrecht in Schranken.
Er rief die Bürgerschaft auf, selber ihr Recht in die Macht zu stellen; so schwuren sich Mainz und Worms den Bund, dem Oppenheim beitrat, Raub und unrechten Zöllen zu wehren.
Als der von Bolanden den Städten hohnlachte, sandten sie einen Hauptmann nach Ingelheim, den Räuber in seiner Burg zu fangen.
Die Grafen ritten zuhauf, ihm zu helfen; aber der Bischof von Mainz trat der Bürgerschaft bei: wie starkes Gewölk kamen die Heerhaufen der Städte von Norden und Süden über den blinkenden Hochmut der Grafen gezogen.
Von Basel bis Köln stand die rheinische Bürgerschaft auf, den siebenten Heerschild zu stärken: da mußte der Hochmut der Herren und Ritter den Bürgern in Mainz den Landfrieden schwören.
So stark wurde die Hand der Städte, daß sie die Fürsten und Bischöfe zwangen von Basel bis Köln, dem rheinischen Bund beizutreten: sein Banner und Schild stand auf den Straßen des Stromes hinauf und hinunter, Raub und unrechten Zöllen die Schärfe des Schwertes zu zeigen.
So stellten die rheinischen Städte Gewalt gegen Gewalt; so gab der Bürger Walpod von Mainz den Zünften und Gilden das Faustrecht, dem Faustrecht der Ritter und Grafen zu wehren.
So war dem siebenten Heerschild der Schatten geschwollen; er fiel in den fröhlichen Raub und die Händel der Ritter, als ob die Bürgerschaft selber die Kaisermacht wäre.
Die Hansa
Seit Heinrich dem Löwen war Lübeck die Fürstin der nordischen Länder; durch Friedrich den Sizilianer zur freien Reichsstadt erhoben, ließ sie den zweiköpfigen Adler über der kalten Meerküste flattern.