Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Part 1
Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des Buches.
Wilhelm Schäfer
Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
Ein Verzeichnis der Werke von Wilhelm Schäfer findet sich am Schluß dieses Bandes
Die dreizehn Bücher der deutschen Seele
von
Wilhelm Schäfer
Albert Langen / Georg Müller München
131. bis 140. Tausend Copyright 1922 by Georg Müller Verlag Aktiengesellschaft, München Printed in Germany
Eingang
Deutscher, der du die Geschichte deiner Herkunft hören willst, bemerke zuvor, wie alles Geschichtete entseelt ist, Stein und Staub für die suchenden Sinne.
Ob du den Berg der Geschehnisse anschneiden könntest bis auf die Sohle, daß du die Zeitalter im Querschnitt ihrer qualvollen Verschiebungen geschichtet sähest, du würdest keine Heimat für deine Seele finden, weil die Schlacke des Gewesenen nur oben die dünne Ackerkrume deiner Gegenwart trägt.
Dies aber bedenke danach als das Wunder der Seele, wie alles in ihre Brunnentiefe versank, was je deine Gegenwart war; und nichts ging verloren, ob du es zehnmal vergaßest, weil dein Bewußtsein nur die blinkende Oberfläche ist, die Schaubilder der Welt zu spiegeln, aber die kreißenden Ströme des Lebens sind in der Tiefe.
Die kreißenden Ströme sind in der Tiefe, wo dein Lebensraum ist, darin alles versank, was deine Vergangenheit war, und alles vorbestimmt ist, was deine Zukunft sein wird.
Wohl können dir von deiner Jugend berichten, die damals um dich waren; sie sahen den Säugling, wie er sich satt trank an der Mutter und mählich stark wurde zu den ersten Schritten: abgesondert aber und unerreichbar ihren Blicken saß deine Seele im Brunnen ihrer Herkunft, darin dein Dasein zu allen Stunden dem ewigen Leben verbunden blieb.
Ob der Lichtschein deiner Erinnerungen immer blasser ins Dunkel seiner Tiefe tastet, wo selbst die Ahnungen sich zuletzt bescheiden müssen, du hast keine andere Beglaubigung als den Brunnquell deiner Seele: was dir widerfahren mag, das fühlst du sicher, wird hier allein und nicht im Tageslicht der andern gewogen.
Nicht anders dir als deinem Volk, in dessen blinkender Oberfläche du für einen Augenblick bist, wieder in seinen Lebensraum zu versinken: nur in seiner, nur in deiner Seele kann es die ewigen Wasser steigen und versinken sehen; alle andere Gegenwart ist ihm fremd, alle andere Vergangenheit muß ihm tote Geschichte für die Messung der Wissenschaft bleiben!
Das Schuldbuch der Götter
Er
Im Anfang war Er, der himmlische Gott; die Erde grünte in Seiner Sonne.
Im ewigen Gleichmaß kam Er zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten, die im blinkenden Glanz der Gewässer, im stummen Stand der reifenden Halme, in den Untiefen schwellender Kelche die Seligkeit Seiner lustwandelnden Liebe genoß.
Wenn Sein Himmel die Erde umspannte mit Bläue, wenn Sein Auge den Himmel durchsonnte mit Licht, das Meer und die Berge beschüttend mit wärmendem Feuer, wenn der Mittag stand über der Welt, daß sie den Atem anhielt, erschauernd in Fülle: dann war Seine Stunde.
Stark und selig im Gang Seiner steigenden Bahn ließ Er den Morgen erröten, Er trank den Tau aus dem Gras, daß Blätter und Halme kristallisch funkelten, ihrem Glück Seinen Boden zu bauen.
Wonnig und warm ließ Er den Abend abschwellen zum Segen der Nacht; Sein Geleucht blieb zurück in der Lohe und wartete still im Glanz Seiner Gestirne!
Und wie den Tag hielt Er das Jahr in unverrückbarer Schwebe: Er ließ die Sehnsucht der Erde blühen im Schaum des Frühlings, Er begoß ihre Träume mit zärtlichem Regen, Er ließ ihre Brüste schwellen in himmlischer Nahrung und ihren Leib schwer werden im Segen der Frucht.
Er war Gott, und die Welt war im Gang Seiner Tage geordnet, Mond und Sterne standen in Seinem Gedächtnis, über allem Tun thronte Sein ewiger Wille, über allem Sein lag der Blick Seiner Sonne.
Die Götter
Aber Himmel und Erde kamen ins Wanken; Wolken stiegen vom Abgrund, das zärtliche Auge verhüllend; die Wasser begannen zu strömen, und alle Sonne versank.
Stärker als Er schien die entfesselte Kraft und höher als Liebe der Aufruhr: Ymir, das rauschende Naß, erfüllte die Welt; Seine Söhne, die Reifriesen, herrschten über dem Abgrund.
Aber aus Urgebrausdunkel kamen die Mächte: Urluft, Urwasser, Urfeuer; sie hoben das Erdenrund wieder und schieden Midgard vom Meer.
Noch irrten die Sonne, der Mond und die Sterne planlos umher, sie setzten sie ein in die ewigen Bahnen: dann schien die Sonne auf Midgard und ließ wachsen das erste Grün.
Als sie gingen am Strand, fanden sie Bäume dastehen und weckten Menschen daraus: Urluft gab die suchende Seele, Urwasser die wachsamen Sinne, Urfeuer den flackernden Geist.
Sie hießen nun Götter: Wodan, Hoenir und Loki genannt von den Menschen; sie legten der Welt den Richterspruch auf ihres neuen Gesetzes und fingen das goldene Zeitalter an ihrer heiteren Spiele.
Sie kannten nicht Schuld und Schicksal; aber die Urgebraustöchter kamen aus Ymirs Geschlecht, die weitaus gewaltigsten Weiber: Urd war die älteste Schwester genannt, der Herkunft heilige Norne; Verdandi die zweite, des Werdenden Mahnung; die dritte der Zukunft drohende Schuld.
Sie schnitten die Runen, warfen die Lose und sagten im Werden, Sein und Vergehen das Schicksal voraus; sie saßen am Brunnen des Lebens, die Wurzeln zu gießen am Welteschenbaum, daran das Sein der Götter nur ein Ast war im ewigen Leben der Welt.
Der Kampf mit den Vanen
Aber Er war nicht tot; aus unendlichen Fernen blinkte Sein Gold und entzückte die Gier der Götter nach Seinem gleißenden Glanz; sie schufen den lichtscheuen Schwarm der albischen Geister und Zwerge, das Gold zu erlisten für ihre Burg, die sie bauten ins Asgard.
Die aus dem Urdunkel kamen und aus dem Kampf mit den Riesengewalten, die hoch gestiegenen Götter sagten der himmlischen Herkunft Urfehde an.
Da wurde die Walstatt laut vom Kampf der alt- und neuen Gewalten; Vanen hießen die Kämpfer des Himmlischen da, und Asen die Urdunkelsöhne: die Erde barst und der Abgrund erbebte, als Vanen und Asen um die Herrschaft rangen der neugewordenen Welt.
Aber der brausende Sturmwind entwand der leuchtenden Fülle das Schwert, und müde schwand in die himmlische Ferne der Gott, Wodan, der wehenden Unrast die Welt überlassend.
Nun kam Er nicht mehr, zu schauen die Schönheit Seiner Geliebten; abgelöst von der ewigen Fülle ging sie ein in die Schuld und das Schicksal der asischen Götter, denen Wodan Allvater war.
Freya und Fro, die lieblichen Kinder der Vanen, wurden den Asen vergeiselt; die im ewigen Licht spielten, spürten den Wind und die Wolken um Asgard, und die Schicksalsansagung der Nornen.
Wodan
Die Asen sandten Hoenir als Geisel und gaben ihm Mimir zur Seite, den Weisen aus Urwassertiefe, daß er ihn heimlich beriete; Hoenir aber war blöde, darum erschlugen die Vanen den Mimir und sandten sein Haupt den Asen zurück.
Wodan sprach seinen Zauber über dem Haupt, daß es nicht wese, und hütete seiner im Brunnen an Ygdrasils Wurzeln, des Welteschenbaums.
Täglich ging er hinunter zum Wasser, die Weisheit Mimirs zu wecken, und setzte dem klagenden Haupt sein Auge zum Pfand: so saß er einäugig da im Rat der asischen Götter, der ihr Notsorger und Wahrsager war.
Scharf spähte sein Auge trotzdem wie keins in Walhal, und höhere Weisheit ward ihm als einem der Götter; auf seinen Schultern saßen die Raben Gedank und Gedenk, ihm täglich Kunde zu bringen von allem Ereignis der Welt.
Auch hieß er der Wanderer, weil er im Wind unterwegs war; wo die Räder der Wolkenlast rollten, wo die Bäume sich bogen im Sturm und die Wellen schäumten wie Rosse, war Wodan im flatternden Mantel.
Denn nicht mehr im ewigen Gleichmaß die Tage zu füllen, war der Götter und Wodans Geschick; im elementarischen Aufruhr zur Herrschaft gekommen, in Schuld und Schicksal den Vanen verschworen, von der Rache der Riesen bedroht, im Bangen um Ygdrasil, dem von drei Ästen schon einer verdorrt war: hielt Unrast ihr Dasein, und Wodans Allvaterteil war die Sorge.
Heller war es um ihn, wenn er ausritt zum Kampf auf Schleifner, dem achtfüßigen Schimmel; dann war der Allvater wieder der Riesenbezwinger, dann sauste der Speer durch die Wolken, dann wankten die Berge und sprangen die Fluten, dann war die göttliche Lust in ihm wach, sich selber noch einmal zu wagen, statt grübelnd um kommende Tage sein Schicksal zu schauen.
Darum liebte Wodan die kampfkühnen Krieger mehr als die langlebigen Greise; die walkürischen Jungfrauen holten sie heim aus der blutigen Schlacht, Walküren auf windschnellen Rossen.
Fünfhundertundvierzig Türen hatte Walhal, und der Weg ging hinein durch den Hain der goldenen Blätter; da hielt allabends Wodan das Mahl, die walkürischen Jungfrauen kredenzten den Wein nach fröhlichem Speerwurf.
Denn nicht Ruhe war dort, wie auf Erden die Ruhe nicht wohnte; der Hahnenruf rief die Helden zur Schlacht, und die Sonne lief ihre leuchtende Spur über den krachenden Speeren: ewiges Leben war ewiger Kampf, und ewiger Kampf war das Heil für den Mann, den Wodan heimholte.
Ewiges Heil und ewige Pflicht; denn einmal stieg der Tag über Walhal, da der Nornenspruch sich erfüllte, da Unheil zum andernmal Midgard bedrohte, Midgard und Asgard mit all seinem Glanz und all dem selbstherrlichen Glanz der starken Urdunkelsöhne.
Frigga
Die aber Seine Geliebte war, die ewige Mutter des Lebens, sie war die Gattin Wodans geworden und die spinnende Hausfrau in Asgard.
Sie saß am Wocken und spann dem Dasein das wärmende Kleid; sie trug die Schlüssel am Gürtel und teilte mit Wodan den goldenen Hochsitz, wenn er als sorgender Hausvater Umschau hielt über den Kreis seiner Gewalt.
Darum war ihr die Spindel geweiht, und am Himmel stand ihr Wocken den Menschen als köstliches Sternbild, daß Ordnung und Fleiß im Reich der Götter die segnende Hausmutter hätten.
Auch kam sie gern auf die Erde zurück, hielt in Bergen, Brunnen und Waldgewässern heimliche Wohnung, die Keime des irdischen Lebens zu pflegen, und hatte den Kinderbrunnen in Hut als ihr liebstes Geheimnis.
In den zwölf Nächten aber des innersten Winters, wenn Wodan seine Sturmfahrten tat, über Berge und Bäume, über Dächer und Dumpfheit der Menschenwelt hin, fuhr Frigga mit ihm als brünstige Windsbraut.
Und hatte die Holden mit sich, die Seelen der Toten, die aus dem Dunkel der Tiefe aufstiegen und hinter ihr her als wütende Jagd die zwölf Nächte durchstürmten.
Denn Urmutter war sie der Tiefe, daraus alles Leben kam im Geheimnis seiner Geburt und dahinein alles wieder versank im Geheimnis des Todes: aus dem Dunkel zu flattern für eine flüchtige Stunde und wieder zu warten im Schoß der ewigen Zeugung.
Freya und Fro
Freya und Fro hießen die friedlichen Kinder der Vanen, Heilzeugen himmlischer Herkunft, vergeiselt den schuldvollen Asen: ihr Teil war die fruchtbare Fülle der Felder im hellichten Segen der Sonne.
Auf einem Eber ritt er durchs Korn, Fro, der freudige Jüngling; es dunkelte nicht um sein goldborstiges Tier, so hell lag um die glückhaften Läufe das Licht seiner frohen Erscheinung.
Nicht Waffengeklirr war um ihn und nicht der Kampfruf der Krieger: der Karst war geweiht und die Kelter gesegnet, wo seine Sonnenglanzfährte die Erde bestrich.
Glück war die Gabe, und fröhliche Feier die Gunst seiner göttlichen Einkehr, wenn er aus Alfheim niederkam zu den Menschen, wenn ihn Gesang der harrenden Herzen empfing, auf blumenbestreuten Wegen, mit Kränzen und dankreichem Opfer.
Huldreicher aber als Fro war Freya die Schwester, holder als alle Erscheinung; ihre Gunst hob Göttern und Menschen das Herz in die Sonne.
Keinem der Asen hielt sie als Gattin die Kammern in Zucht, keine dienende Pflicht zwang die rosigen Finger an Kunkel und Kumme: strahlengekrönt von der Sonne ging ihre Schönheit auf in den Tag, ruhte am Mittag im Glück ihrer selbst und sank mit der Pracht ihrer Glieder hin in den glühenden Abend.
Dann hielten sich Himmel und Erde verzückt in den Armen, und die Wolken glühten vom Schaum ihrer rosigen Brust, daran der Schmuck Brisingamen hing, das köstlichste Kleinod der Welt.
Das gläubige Glück der Morgenröte galt ihr und die rauschgoldene Glut des Abends: Mond und Sterne tranken das Licht ihrer Liebe und trugen es glückselig hin durch das schwarze Geheimnis der Nacht.
So hielten die Vanengeschwister den Glanz uralten Glücks in den Gärten der Götter; sie waren den Asen vergeiselt im schuldvollen Kampf um das Gold und blieben dem Himmelsgott eigen im Licht ihrer schuldlosen Tage.
Donar
Donar hießen sie Wodans rothaarigen Sohn, den stärksten der Götter im Kampf mit den Riesen, Zermalmer den furchtbaren Hammer, damit er die Berge zerbarst und im Wetterstrahl seines Zorns die Elemente durchzuckte.
Zwei Böcke zogen den rollenden Wagen, darin er hochgereckt stand mit feurig lohendem Bart und mit blitzfunkelnden Augen, zwei Böcke mit zackigen Sprüngen.
Und wenn er sprach in den feurigen Bart, im Ungestüm seines Zorns, wenn er den Hammer warf, daß er krachend einschlug mit weißglühenden Funken: dann hielt ihm keiner der Götter stand, und furchtsam verkroch sich die Kreatur, bis sein Bocksgespann donnerrollend verscholl.
Auch die Reifriesen spürten den Hammer, wenn er die Winterfahrt machte in ihr eisiges Reich; dann hielt er den zuckenden Kraftgürtel um die Lenden geschürzt, aber so fern seine tollkühne Fahrt in die kalte Dunkelheit führte, der Frühling brachte ihn wieder nach Asgard, den Göttern zur Lust, die längst in Ungeduld harrten.
Fünfhundert Zimmer und viermal zehn waren in Blitzeblinks Bau, wo er die Sommerrast hielt seiner sausenden Fahrt; da saß er zuhöchst in der Halle, und der Blitz seiner zornigen Augen zuckte hin über Asgard, daß die Reifriesen ihm seinen Einbruch nicht trotzig vergalten.
Und hielt mit eisernem Handschuh den Hammer, daß kein Verrat das Vorrecht der Asen gefährde: wie Er, der Himmelsgott, tat im Gleichmaß ewiger Schönheit, hielt Donar das Recht über dem Abgrund in der Kraft seiner Faust und in der Furcht seiner Strafe.
Loki
Lieb und willkommen war Loki, als Wodan dem Wandergesellen der Frühe die Blutspur beschwor; fremd ging der lüsterne Spötter in Asgard, und die Asen trauten ihm wenig, der ihrer Zwietracht listig die Zankäpfel brachte.
Sie mochten sein meidiges Dasein nicht missen, holten sich Rede und Rat in vieler Gefährnis; aber sein züngelndes Wort spielte frech mit dem Feuer, keinen der Stolzen in Asgard verschonend; er hielt mit dem Riesengeschlecht, wenn es ihm paßte, und verhöhnte die Asengewalt.
Als ob er der Nornen Nothelfer wäre, klüglich verkleidet als Schalksnarr, und heimlicher Schildhalter verdrängter Vanengewalt: so hielt er das Glück der Götter in Atem und hing ihrem sorgenden Zweifel das göttliche Schellenspiel an.
Der Dämon der Ränke und ruchlosen Rede aber schwoll auf und wurde dreifach Gestalt im Mißwachs der feindlichen Brut:
Hel hieß die finstere Fürstin der Toten, die bei den kalten Strömen der Unterwelt hausend das Ende der Taten empfing; da hielten sie alle den schweigsamen Einzug, die abgeschieden vom leiblichen Dasein ins Schattenreich kamen, Menschen wie Götter, im Schicksal der letzten Erfüllung.
In den Tiefen des Meeres, rund um den Teller der Erde geringelt, schwoll ihrer Schwester der schelfernde Riesenleib auf, der gewaltigen Midgardschlange: Urfeindin dem asischen Göttergeschlecht, und allen Glanz Asgards unentrinnbar umschließend.
Stärker als Geri und Flecki, die wachsamen Wölfe Wodans, war Fenris, der dritte der fahlen Geschwister; noch lag er gefesselt, ein Schwert stak ihm quer in dem feurigen Rachen.
Aber einmal riß er sich los, dann half Wodan die Weisheit Mimirs nicht mehr, noch Donars zorniger Hammer; dann sank Asgard hin mit dem Übermut seiner Götter.
Baldur
Näher als alle asischen Götter stand Baldur den Kindern der Vanen: der blühende Frühling war sein und das steigende Licht, wie Fro die schwellende Reife und ruhende Schwebe des Sommers gehörte.
So licht war sein Wesen, so lieblich die Wohlgestalt, daß alle Götter ihn liebten und gern seiner Sonnenlust Zuschauer waren, wenn er im Blütenkleid spielte.
Aber dunkle Träume betrübten den Hellen, und traurig ritt Wodan hinunter zum Brunnen, Kunde zu holen, daß Baldur, dem trautesten Sohn, früh zu sterben im Schicksal der Nornen bestimmt sei.
Frigga, die bangende Mutter, nahm allen den Schwur ab, tot- und lebendigen Dingen, den Tieren und Bäumen, Feuer, Wasser und Stein: daß keines Baldur ein Leid antäte, und alle schwuren den Eid aus Liebe mit Eifer.
Als danach die Götter kurzweilten in Asgard, stand Baldur mitten im Kreis; alle warfen, stachen und schossen nach ihm: aber nichts konnte ihm Leides antun, der lächelnd abwehrte, als Sieger im Scherzspiel der Götter.
Den leidigen Loki verdroß der lockige Lächler; listig verkleidet als Weib entlockte er Frigga das bange Geheimnis, daß der Mistelstrauch allein nicht in Baldurs Liebesbann sei.
Da gab er dem blinden Hödur den Zweig der Mistel zur Hand, den Bruder zu werfen im Scherzspiel; der Zweig traf hart, er durchbohrte den lockigen Lächler und warf die lichte Gestalt hinunter in Nebelheims Nacht.
Als Baldur lag im Kreis der erschrockenen Götter, durch Lokis Arglist gefällt, da wußte nicht einer zu klagen; stumm standen sie da und erstarrt, die starken Asen in Asgard, daß nun das Sterben begänne, daß ihrem Dasein für immer das Frühlingsglück fehle, für immer das heitere Spiel.
Auf seinem Schiff legten sie Baldur die Scheite; alle Götter wohnten dem Leichenbrand bei, den Donar mit seinem Hammer entzückte; seine lohende Glut sank in die flutende Ferne, als er nordwärts fuhr und langsam den Blicken entschwand.
Seitdem brennen die Feuer am Sonnenwendtag, von den Bergen lodernd bis Mitternacht; Baldur, das steigende Licht und der schwellende Frühling, fährt hinunter zur Hel; die Scheite werden entzündet, dem Toten den Abschied zu leuchten.
Baldurs Beweinung
Indessen das Schiff mit dem Leichenbrand Baldurs nordwärts nach Nebelheim fuhr, ritt Hermut hinunter zur Hel, der schnelle Sohn Wodans, den Bruder zu lösen und wiederzubringen nach Asgard.
Neun Nächte lang ritt er durch traurige Täler bis an den Strom und die Brücke aus glitzerndem Gold, wo die rauhe Riesenmaid wachte, daß keiner aus Nebelheim wieder nach Midgard entkäme.
Und als er eindrang in das Reich der kalten Urströme, sah er Baldur den Bruder sitzen, zuhöchst in der Halle, vom Golde der Tiefe umglitzert, im Reich der Hel noch immer der herrliche Mann.
Gruß und Gedächtnis gab er dem Bruder und harrte am Morgen der finsteren Fürstin, daß sie ihn ließe, den Fürsten des Frühlings, in seinen Saal Weitglanz zurück.
Und so bat der göttliche Bote im Weh der klagenden Welt, daß er die Finstere rührte: wenn alles Wesen weine um Baldur, was tot und lebendig wäre, und keines die Träne versage, solle der Fürst wiederkehren nach Weitglanz, den Frühling zu bringen.
Fröhlich der freundlichen Kunde sandte Wodan Botschaft in alle Weiten der Welt, um Baldur zu weinen, daß ihm aus Tränen die Wiederkehr würde, aus Tränen der Trauer die Gunst der Gewährung.
Da weinten die Götter und weinten die Riesen, die Menschen und alles Getier, da weinten die Bäume mit tropfenden Blättern und die Blumen mit silbernem Tau, da weinte die Erde tief in den Brunnen, das blinkende Erz und die zackigen Felsen im Schnee: Baldur zu lösen, den Fürsten des Frühlings.
Schon ritten die Boten mit fröhlicher Kunde hinunter zur Hel, als sie das Riesenweib fanden, hockend in greulicher Höhle: Wo hatte ich Nutzen von ihm, dem weißnackigen Neuling der Asen? Behalte darum Hel, was sie hat!
Da weinten zum andernmal Götter und Menschen, die Bäume und Blumen, die Brunnen und Steine der Erde; daß die Wiederkehr Baldurs verwirkt war; das Glück der Gewährung starb in den Tränen der Trauer.
Wodan aber, der Allwisser, wußte, daß Loki das Riesenweib war, Loki der Allesbeschließer, und daß nun dem asischen Dasein die Dämmerung kam: aus dem Groll der Götter scholl der Schuldruf der Rache.
Die Rache
Loki der Leugner entging den grollenden Göttern mit List: in einem Wasserfall saß er in Lachsgestalt und spottete ihrer Verfolgung.
Aber Wodan von seinem Hochsitz erspähte den Falschen; eilig kamen die Götter und flochten das Netz, den Fisch in den Maschen zu fangen.
Als er sich aufschnellte über dem Wasser, den Schnüren noch zu entgehen, ergriff ihn Donar mit grimmiger Hand und hielt den Entgleitenden fest am schuppigen Schwanz.
Da mußte der Leugner sein Dasein bekennen; in eine Höhle brachten sie ihn, fesselten ihm Schultern, Lenden und Knie hart ans Gestein, wie sie den Fenriswolf banden, den Bruder der Hel und der Midgardschlange, sein böses Gezücht.
Sie hängten den Giftwurm auf ihm zu Häupten, daß der ätzende Saft, ins Angesicht träufelnd, ewige Qual dem Spötter bereite: aber Sigune hielt ihrem Gatten die Treue; mit einer Schale stand sie dem Steinlager bei, die Tropfen zu fangen; nur, wenn sie eilte, die volle Schale zu leeren, traf Loki das sengende Gift.
Dann bebte die Erde, so qualvoll zuckten die Glieder und bäumten sich auf in der Fessel; rüttelnd durch alles Gestein ging der Grimm des gemarterten Leibes, und alle Kreatur fiel in Furcht, daß einmal die Fessel zerspränge.
So war die Herrschaft der Götter im elementarischen Haß ihrer Herkunft zerfallen; noch hielten Wodans wachsame Waltung und Donars drohender Hammer die asische Walstatt: der Femspruch der Nornen stand nahe vor seiner Erfüllung.
Götterdämmerung
Drei Winter werden der Welt nicht zum Frühling, die Sonne verliert ihre Kraft; kalt wehen die Winde von Nebelheim her, in die Blüte fällt Schnee und Hagel über den Mißwachs: auf den kahlen Feldern der Erde ist Krieg; Krankheit, Hunger und Furcht fressen die Menschenwelt leer.
Da kommt die Wolfsbrut der Riesen ans Ziel; den Mond und die Sonne fallen sie an mit gierigen Zähnen, daß der selige Saal bespritzt wird mit Blut.
Die Sterne sinken vom Himmel, die Erde erbebt in der schwarzen Nacht, daß die Berge umfallen und das Meer einbricht ins stöhnende Land: da wird von den Fesseln Loki befreit; hohnlachend ruft er die Brut, den Göttern zur Rache.
Hel, die finstere Fürstin der Tiefe, rüstet das Schiff Nagelfahr, aus den Nägeln der Toten gefügt und mit dem Neid der glücklos Entseelten befrachtet.
Der Fenriswolf reißt sich los, rotglühend den weltweiten Rachen und die Augen düster im Brand; über die Lefzen fließt ihm das triefende Feuer, aus den Nüstern fahren ihm Flammen.
Wutentfacht wälzt die Midgardschlange sich her in unbändiger Wildheit; aufschäumt das Meer und begräbt die Erde in seinen rauschenden Abgrund: als sie das Gift ihrer Gründe ausspeit, entzünden sich Wasser und Luft, nach Asgard hinauf spritzt die kochende Glut.
Der Himmel birst, und Muspilheims Söhne aus Süden kommen im Feuer gefahren, Surtur vorauf, das Schwert in der Hand, weißglühend wie nie eine Sonne.
Da bricht unter den Füßen der feurigen Riesen die Fährte des Himmels, die Brücke der seligen Farben schmilzt hin in der Lohe; nur noch die Burgen auf Asgard halten ihr stand.
Durch Heimdalls warnenden Hornruf geweckt sind die Götter sorgend versammelt; Wodan reitet hinunter zum Brunnen, Mimirs Weisheit zu wecken, aber das Haupt bleibt ihm stumm; die Weltesche Ygdrasil wankt in den Wurzeln.
Grimmig ziehen sie aus in den Kampf, den letzten der gramvollen Götter, Wodan und Donar voraus mit dem tödlichen Speer und dem alles zermalmenden Hammer, hinter den Zürnenden her der Einherier unübersehbare Scharen.
Wohl schwingt der greise Allvater den Speer, aber das glühende Wolfsmaul verschlingt ihn samt seiner Waffe; rächend stößt Widar, der Sohn, seinen Stahl durch den gähnenden Rachen dem Untier ins schwarzblutige Herz.
Der Midgardschlange zerschmettert Donars Zermalmer das Haupt, aber hoch spritzt der glühende Geifer des sterbenden Tiers, sengt und verbrennt den stärksten der Asen.
Heimdall, den warnenden Wächter, trifft Lokis listige Waffe; der Treue fällt noch im Sterben den leidigen Leugner der Götter; indessen Surturs weißglühendes Schwert Fro, den freudigen Jüngling, heimholt ins Feuer.