Part 7
Bald waren indessen vierzehn Tage vergangen, und noch immer hatte ich keine Nachricht davon. Doch endlich kam ein Juntrie, und brachte mir tausend Grüße von ihr. Ich folgte ihm außerhalb der Stadt in ein Wäldchen, wo die ganze Truppe gelagert war. Wenig Minuten und Mamia sank mit süßem Erröthen an meine Brust. -- Ich erfuhr nun, daß ihre Ankunft blos durch eine Unpäßlichkeit der Daja verzögert worden war, und daß sie die Gesellschaft verlassen könnte, so bald ich es für dienlich hielt.
»Wohlan denn, liebstes Herz!« -- sagte ich -- »Das soll den Augenblick geschehen!« -- Und so bat ich sie, mich in die Stadt zu begleiten, und die für sie bestimmte Wohnung zu besehen. Ich hatte ihr nämlich in einem malabarischen Hause, bei einer alten Wittwe, ein Paar artige Zimmer gemiethet, und auch für eine Aufwärterin gesorgt. So brachen wir auf; ein Juntrie trug die Sachen des lieben Mädchens, und ehe zwei Stunden vergiengen, war alles in Ordnung gebracht. Noch denselben Tag nahm ich das erste Abendessen bei dem holden Mädchen ein. -- Von nun an war der Tag meinen Geschäften, der Abend meiner Liebe geweiht. Doch, ehe wir Madras verlassen, noch einige Bemerkungen über diese Stadt.
Madras, von den Eingebornen Tschinepatnam (Chinesenstadt) genannt, wird in die weiße und schwarze Stadt eingetheilt. Jene von vier bis fünf hundert Häusern, und mit einer Menge großer Magazingebäude, befindet sich in der Mitte der starkbefestigten Citadelle, Fort St. George genannt, das hart am Strande liegt. Diese, durch einen großen Plaz davon getrennt, hat ungefähr eine Stunde im Umfang. Die weiße Stadt ist der Siz der Regierung, auch wohnen die vornehmsten und reichsten Leute daselbst. Die schwarze Stadt wird hauptsächlich von Malabaren, Armeniern, Mestizen u. s. w. bewohnt, doch trifft man auch hier viel Engländer an.
Die englischen Häuser in der weißen, so wie die armenischen in der schwarzen Stadt, zeichnen sich durch ihren Umfang und ihre Nettigkeit aus. Sie sind von Quadern oder Backsteinen, glänzend weiß angestrichen, und mit Balkons, und platten Dächern versehen. Glasfenster findet man nirgends, wohl aber welche von Bambusfäden, auch sogenannte Jalousien; die malabarischen Häuser u. s. w. in der schwarzen Stadt sind äußerst einfach, und haben alle nur ein Erdgeschoß.
Der Boden von Madras ist dürres Sandland, wo man nur mit Mühe einige Produkte ziehen kann. Das Wasser ist schlecht. Man muß sich mit Brunnen- und Teichwasser behelfen, weil das Seewasser alle Quellen verdirbt. Die Rhede ist unsicher; die Schiffe befinden sich wie in offener See, zumal bei Veränderung des Moußon (Jahreszeit). Ehedem mußten daher die englischen Kriegsschiffe, vor Eintritt des Regenmonßon, immer nach Bombay abgehen, und die englischen Besitzungen auf der Küste, blieben allen feindlichen Angriffen von Trinconomale (auf Ceylon) ausgesezt. Seitdem sich aber die Engländer dieses wichtigen Punktes, so wie der ganzen reichen Insel bemächtigt haben, können sie nicht nur ihre Flotten in der Nachbarschaft überwintern lassen, sondern auch vor jedem Angriffe sicher seyn. Die englischen Einwohner von Madras leben im Allgemeinen auf einem sehr glänzenden Fuß. Der Gouverneur giebt den Ton an, und alles ahmt ihm nach, so weit es möglich ist. Dieser asiatische Pomp zeigt sich vorzüglich in einer zahlreichen Dienerschaft, in glänzenden Equipagen, in prächtigen Wohnungen, in schönen Gartenhäusern, in einer vortrefflichen Tafel und einer großen Gastfreiheit. Freilich sezt dies sehr ansehnliche Einkünfte voraus; allein diese fehlen auch nicht. Sowohl die höhern, als die niedern Compagniebeamten beziehen sehr hohe Gehalte, und erwerben überdem durch Handelsgeschäfte außerordentlich viel. Die eigentlichen Kaufleute, die Mäkler, die Aerzte und Wundärzte, die Advokaten u. s. w. alle häufen in kurzem ansehnliche Reichthümer auf.
Mit Anbruch des Tages, d. h. um fünf Uhr Morgens steht man auf, und fährt oder reitet spazieren bis gegen acht Uhr, wo gefrühstückt wird. Dies ist zugleich die beste Zeit, wo man jedermann zu Hause treffen, und Geschäfte machen kann. Die Büreauarbeit hat von neun bis zwei Uhr statt. Jezt wird gespeist, worauf die Siesta (Nachmittagsschlaf) folgt. Um fünf Uhr fangen die Assembleen an. Um neun Uhr wird zu Abend gegessen, was hier die Hauptmahlzeit ist. Selten pflegt man vor Mitternacht, in der Regel, erst gegen ein Uhr schlafen zu gehen.
Ein stehendes Theater giebt es nicht, doch finden zuweilen Vorstellungen von Liebhabern statt. Dafür werden desto mehr Pferderennen mit indischen und arabischen Pferden gehalten, wozu man die kühlen Morgenstunden wählt. Gelegenheit zu Landparthien u. s. w. giebt es mancherlei, z. B. nach dem St. Thomasberge, wo noch ein portugiesisches Kloster ist, nach Emnore, wo man das Seebad brauchen kann, nach Meliapar, wo sehr viel artige Landhäuser sind, und dergleichen mehr.
Eines der angenehmsten Ereignisse für Madras ist die Ankunft eines ~Indiaman~, oder großen Compagnieschiffes, wovon die meisten auf vier und dreißig Canonen gebohrt sind. Dann ist alles voll Leben und Thätigkeit, und überall werden die neu angelangten Waaren zum Verkaufe ausgestellt. Die Beamten der Compagnie haben dabei den Vortheil, daß ihnen Tuch und Maderawein für den Facturenpreis überlassen werden muß. Sehr angenehm ist auch die Ankunft der großen Chinafahrer auf ihrer Rückreise nach England. Sie bringen die schönsten Seidenzeuge, Nankins, Frauenzimmerschuhe, Porcellanwaaren, Gemälde, Fächer, Spielsachen u. s. w. mit.
Achtzehntes Capitel.
Ich kehre zu meiner Geschichte zurück. Meine Verhältnisse erlaubten mir, meiner Neigung zum Landleben zu folgen, und mich von allen Geschäften völlig zurückzuziehen. Allein um dieses ausführen zu können, mußte ich durchaus noch eine Reise nach Pondichery machen, wo ich in weitläuftigen Verbindungen stand. Theils der Ersparniß, theils der Schnelligkeit wegen, beschloß ich diesmal zu Wasser zu gehen, und brachte den Abend vor der Abreise, wie gewöhnlich bei Mamia zu.
Sie war mit meinen Angelegenheiten bekannt; sie wußte wie nothwendig diese Reise war. Kaum hörte sie mich aber vom Schiffe sprechen, als sie zu weinen anfieng. Sie fürchtete das Meer, sie bat mich aufs zärtlichste, zu Lande zu gehen. Allein es ließ sich nun nicht ändern, ich suchte sie daher zu beruhigen, und verließ sie endlich nach Mitternacht. Jezt nach einigen Stunden Ruhe begab ich mich an den Strand, um mit einer Chialeng (Ruderboot) nach dem Schiffe zu fahren, das bereits auf der äußeren Rhede lag.
Indem ich mich der Chialeng näherte, erblickte ich zwei Frauenzimmer dabei, und erkannte sie bald für Mamia und ihre Begleiterin. -- »Herz meines Herzens!« -- sagte sie -- »Ich mußte dich noch einmal sehen! Ich wollte dich um Erlaubniß bitten, dich auf das Schiff zu begleiten; es ist mir, als würde ich dann ruhiger seyn!« --
Vergebens suchte ich ihr dies auszureden, besonders der ungewöhnlich hohen Brandung wegen; sie bat nun noch dringender darum -- »Gerade deswegen!« -- fuhr sie fort -- »Wenn dir ein Unglück begegnet, bin ich wenigstens bei dir!« -- So willigte ich endlich ein, um ihr nicht wehe zu thun.
Allein, wie groß war mein Erstaunen, als ich die Chialeng fast ganz mit Waarenballen angefüllt sah. -- »Was ist das?« -- fragte ich unwillig -- »Ist das unserm gestrigen Accorde gemäß?« -- Der arme Tandel (Steuermann) erzählte mir nun, daß die Chialeng von dem Hafenmeister gepreßt worden sey. Wirklich trat auch in dem Augenblick ein Seecadet auf uns zu, und befahl ihm ungestüm in See zu gehen.
Ich fühlte, daß gegen Gewalt nichts auszurichten war, und schränkte mich daher blos auf Vorstellungen ein. -- »Die Brandung geht zu hoch! Es ist unmöglich, daß die schwere Chialeng hinüber kommt.« -- Der arme Tandel bestätigte es -- »Gott ist groß!« -- sezte er bedeutend hinzu -- Allein vergebens, der junge tollkühne Midshipmann bestand darauf.
Was sollte ich thun? Alle meine Papiere befanden sich bereits an Bord. Wenn ich das Schiff absegeln ließ, war ich völlig ruinirt. Noch stand ich unschlüßig, als Mamia beherzt in die Chialeng sprang, und so alles entschied. Wir waren nun nebst den sechs Ruderern vier Passagiere zusammen, indem außer dem Seecadet, noch eine alte Mestize dazu gekommen war.
Allein kaum hatten wir uns einige Klaftern vom Ufer entfernt, als die Chialeng kaum eine Hand breit Bord behielt. Ich winkte daher meinem Dobasch (Bedienten) der am Ufer stand, uns ein Paar Kattamarans (kleine Flöße) nachzuschicken, was auch sofort bewerkstelligt ward. Indessen wälzte sich bereits die erste Woge mit donnerndem Getöse gegen die Chialeng. Der Tandel that sein möglichstes derselben auszuweichen; dennoch stürzte sie zum Theil auf uns herab, und die Chialeng sank bis auf einige Zoll ins Wasser. Jeder Augenblick war kostbar -- »Komm, Mamia!« -- rief ich, und sprang mit ihr Hand in Hand über Bord. -- Indem brach die Brandung wie ein niederschmetterndes Gewölbe über mich her. Als ich wieder empor kam, war die Chialeng verschwunden, und Mamia befand sich dicht hinter mir. Muthig schwammen wir nunmehr dem Ufer zu, das ungefähr nur noch hundert Schritte von uns entfernt war.
Plözlich fühlte ich mich in die Tiefe gezogen, und erblickte mit Entsetzen die alte Mestize, die sich an meinen Kleidern festhielt. Vergebens suchte ich mich loszureißen; sie hatte mich im Todeskampfe gefaßt. -- »O Mamia!« -- rief ich -- »Ich bin verloren! Rette dich!« -- »Nein!« -- erwiederte sie -- »Ich verlasse dich nicht.« -- In diesem Augenblicke stürzte die lezte Brandung über uns her, und ich verlor das Bewußtseyn.
Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Strande, von einer Menge Menschen umringt, in einem Palankin. Ich erblickte meinen Dobasch, und fragte nach Mamia. -- »Sie ist gerettet, lieber Herr!« -- erwiederte er. -- Freudig hieß ich ihn nach dem Schiffe fahren, um meine Sachen zu holen, und ward so glücklich nach Hause gebracht. Bald kam mein Dobasch mit den Coffres zurück. Jezt erfuhr ich, wie alles zugegangen war. Mamia hatte mich mit unsäglicher Anstrengung emporgehalten, bis uns der eine Kattamaran zu Hülfe kam. Indem wir so sprachen, flog sie mit einem lauten Schrei in meine Arme, und drückte mich aufs innigste an sich. Zu ihrer großen Freude beschloß ich nun zu Lande zu gehen.
Alle Anstalten waren gemacht; Mamia lag zum leztenmale an meiner Brust. -- »Ach!« -- sagte sie weinend -- »Ach Freund meiner Seele, komm so bald als möglich zurück, wenn ich dich noch einmal sehen soll!« -- »Hier, hier schmerzt es« -- indem sie die Hand an ihr Herz legte -- »Ich fürchte, du findest mich todt!« -- Es war ein wehmüthiger Abschied. -- Nach einem langen, heißen Kuße riß ich mich endlich los.
Neunzehntes Capitel.
Es war gerade drei Uhr Nachmittags; langsam zogen wir durch den Schattengang, der von Madras nach St. Thomas (indisch Maliapur) führt. Hinter diesem Dorfe fingen die Verwüstungen des lezten Krieges an, alles war daher mit Ruinen bedeckt. Zum Glück hatten wir uns hinlänglich mit Lebensmitteln versehen.
Am dritten Tage kamen wir durch das Thal Maweliewarom, das seiner wunderbaren Ruinen wegen berühmt ist. Man sieht hier nämlich eine Reihe von Tempeln, Piramiden, Chauderies, Gewölben u. s. w., die sämmtlich aus einem Stücke in den Felsen gehauen sind. Mit Ehrfurcht betrachtet man diese Ueberreste einer eben so kühnen, als romantischen Architektur, aus den ersten Jahrtausenden der Welt.
Am merkwürdigsten sind sieben Tempel, die sich in gerader Linie, einer hinter den andern, vom Strande aus, über eine Meile weit, ins Meer hinausziehen. Der erste steht beinahe noch ganz auf dem Lande, das Wasser steigt nur bei sehr hohen Fluthen hinein. Die vier folgenden ragen immer weniger, die zwei lezten fast gar nicht aus dem Meere empor.
Noch weiter in den See hinaus, erblickt man eine Menge ähnlicher Ruinen, die bei hohem Wasser sehr gefährlich sind. Die sieben Pagoden von Maweliewarom, pflegen daher auf allen Seekarten bemerkt zu seyn.
Alle diese ungeheuren Gebäude hält man für die Ueberreste einer der ältesten und größesten Städte von Indien, deren Geschichte indessen in tiefer Nacht verborgen liegt. Blos ein berühmtes indisches Heldengedicht (Mahebaroth) erwähnt des mächtigen Königs Joudishter, der daselbst residirt haben soll. Wie dem indessen auch seyn mag; die Aufführung solcher Massen beweißt einen hohen Grad artistisch-scientifischer Cultur. Das Ganze muß übrigens von unermeßlichem Umfange gewesen seyn, da nicht nur das Thal, sondern auch ein so beträchtlicher, jezt vom Meere verschlungener, Küstenstrich damit bedeckt war. Mitten unter diesen Denkmälern längstverschwundener Generationen, findet man ein kleines, meistens von Braminen bewohntes Dorf, an dessen Eingange die Chauderie steht.
Indessen pflegen nur wenig Reisende hier zu übernachten, weil alles mit Tigern, Schakals u. s. w. angefüllt ist. Da wir uns aber zu lange aufgehalten hatten, schien es noch weniger räthlich, in der Dämmerung weiter zu gehen. Wir beschlossen daher, vor der Chauderie ein großes Feuer anzuzünden, und wechselweis dabei Wache zu halten, wo mich dann nach dem Abendessen die erste Wache traf.
Es war fast Mitternacht, der Mond gieng hinter den waldigen Gebirgen unter, und goß sein schwindendes Licht auf die gigantischen Ruinen einer Pagode herab. Bald lag nun alles in Dunkelheit; kein Lüftchen wehte; kein Blättchen rauschte; selbst das Heulen der Schakals hatte aufgehört. Da starrte ich hinaus in die schwarze Nacht, und auf das einsame Thal, wie auf das Grab einer entschlafenen Welt. O Menschenleben! O Menschengröße! Augenblicke -- Jahrtausende! -- ~Ein~ Tropfen aus dem Ocean der Ewigkeit.
Am sechsten Tage kam ich durch lauter verwüstete Gegenden in Pondichery an, und fand in dem deshalb bezeichneten Wirthshause bereits einen Brief von Mamia, der den Tag nach meiner Abreise abgegangen[12] war. Sie schrieb mir in den zärtlichsten Ausdrücken, und hoffte mich unverzüglich wieder zu sehen. Ihre Brustbeschwerden schienen zuzunehmen, doch war sie im übrigen vollkommen wohl. Ich selbst ward aber leider nunmehr von einem Fieber befallen, das mich nun alle Tage im Bette hielt. Unterdessen hatte ich dem lieben Mädchen geantwortet, und ihr versprochen, in zehn, zwölf Tagen wieder in Madras zu seyn.
Schon stand ich jezt im Begriffe, meine Rückreise anzutreten, als ich von meinem Dobasch einen Brief mit der Nachricht erhielt, daß Mamia plözlich verschwunden sey. Ein Gunekare (Wahrsager) hatte ihr einige Tage vorher, ihren Horoscop gestellt, und ihr die nahe Trennung von ihrem Geliebten vorhergesagt. Seit diesem Augenblick hatte sie unaufhörlich geweint, und ihre Brustschmerzen dadurch vermehrt. In ihrem Zimmer war jedoch nicht die mindeste Anzeige von einer Reise zu finden; im Gegentheile waren Juwelen, Kleider u. s. w. in der besten Ordnung. Ich gestehe es, ich erschrack über diese Nachricht so sehr, daß ich mich kaum zu fassen im Stande war.
So hatte ich einige Tage in großer Unruhe zugebracht, als eines Abends ein Malabar bei mir erschien, der gerade von ~Omur~ kam. Er brachte mir Nachrichten von Mamia; sie war krank, und befand sich in dem Hause seiner Mutter, die ebenfalls von der Caste der Tänzerinnen war. -- »Wie?« -- rief ich mit wehmüthiger Freude aus: -- »Krank, und zu Omur?« -- »Ja Herr!« -- erwiederte der Juntrie, und erzählte mir den Zusammenhang. Mamia kam wirklich von Madras, und wollte nach Pondichery. Sie hatte diese Reise so eilig angetreten, daß sie nun gefährlich darnieder lag. Die Daja hatte den Juntrie auf ihr ausdrückliches Verlangen abgeschickt: -- »Sie wünsche mich vor ihrem Tode nur noch einmal zu sehen.«
Man denke sich meine Empfindungen. -- Soviel Liebe, soviel Anhänglichkeit! Und ich sollte ~sie~ verlieren, die mein Alles war! -- Schnell ließ ich einen Palankin kommen, reiste die ganze Nacht, und kam schon Morgens um sieben Uhr zu Omur an. Da stand ich nun mit klopfendem Herzen vor dem kleinen malabarischen Häuschen, das meine geliebte Freundin verbarg, während der Juntrie hineingegangen war, und der Daja von meiner Ankunft Nachricht gab.
Die gute alte Frau erschien, und erzählte mit thränenden Augen, wie alles zugegangen war. Mamia hatte seit meiner Abreise keinen ruhigen Augenblick gehabt. Nichts war im Stande gewesen, sie von der Reise nach Pondichery abzubringen; sie wollte, sie mußte mich noch einmal sehen. Aber am fünften Tage hatte sie ein heftiges Fieber bekommen, und war halbtodt in Omur angelangt.
Der Juntrie kam uns jezt zu sagen, daß Mamia aufgewacht sey. Die Daja gieng hinein, sie auf meine Ankunft vorzubereiten; ich hörte meinen Namen nennen, und folgte ihr auf dem Fuße nach. Mamia lag auf einer Matte ausgestreckt. Ihr himmlisches Gesicht war todtenbleich; ihr ganzes Ansehen zeigte die höchste Erschöpfung an. Aber kaum ward sie mich gewahr, so richtete sie sich auf, und breitete ihre Arme nach mir aus. -- »Ach mein bester Freund!« -- rief sie mit heißen Thränen -- »Wie bist du so gut! -- Nun will ich gern sterben, habe ich dich doch noch einmal gesehen!« --
Ich suchte sie zu trösten, aber vergebens -- »Ach Gott!« -- fuhr sie fort -- »Nein! Für mich ist keine Hülfe mehr, ich fühle es nur zu gut! Mein Schmerz ist tödlich; meine Augenblicke sind gezählt! Geliebtester! Ich habe nur noch eine Bitte an dich!« --
»Und was soll ich für dich thun, o Einzige meines Lebens« -- sagte ich. --
»Du bist mir Alles! Ich habe keinen Freund als dich! Zünde du meinen Scheiterhaufen an!« --
Ich versprach es ihr -- Sie legte ihr Haupt an meine Brust, und hob ihre brechenden Augen noch einmal voll Zärtlichkeit zu mir empor. -- »Leb wohl, Geliebtester! -- Leb ewig wohl!« -- Dies waren ihre lezten Worte, und so entschlummerte sie.
Nichts von meinen Empfindungen; einen solchen Schmerz hatte ich noch nie gefühlt. Das holde theure Mädchen war das Opfer ihrer Zärtlichkeit. Erst seit jenem schrecklichen Tage, wo sie mich rettete, hatte sie über Brustbeschwerden geklagt.
»Theure, geliebte Seele!« -- rief ich mit heißen Thränen -- »Ach! Ohne dich ist das Leben nur eine Marter für mich!« -- Traurig vergieng der Tag; die Braminen richteten alles zum feierlichsten Begräbnisse ein. -- Zum leztenmal sah ich das himmlische Gesicht -- die Flamme loderte auf -- der unsterbliche Theil meiner Geliebten stieg zu Brama empor. -- Lebt wohl, ihr Gestade Ostindiens! -- Ich kehrte nach Pondichery, und bald darauf nach Europa zurück!
Zweite Abtheilung.
~Ch. Fr. Tombe.~
~Quelle.~
=Voyage aux Indes Orientales etc. par ~Ch. Franc. Tombe.~
Paris VI. Vol. 8. 1810.=
~Erstes Capitel.~
Ich war Ingenieur-Capitain, und hatte seit 1796 bei der Nord- und Rheinarmee alle Feldzüge mitgemacht. Allein nach dem Frieden von Amiens (1802) ward ich auf Pension gesezt, was für mich, als Familienvater, sehr traurig war. Ich suchte nun irgend eine passende Stelle zu erhalten, meine Bemühungen hatten jedoch keinen Erfolg. Endlich ward ich mit einem Kaufmanne aus Isle de France bekannt, der daselbst ansehnliche Plantagen besaß. Er that mir den Vorschlag, ihn dahin zu begleiten, versprach mich als Supercargo nach Ostindien zu senden, und bestimmte mich ohne viel Mühe zur Annahme seines Antrags. Ich erbat, und erhielt hierauf den nöthigen unbestimmten Urlaub, wieß meiner Familie inzwischen meine Pension an, und schiffte mich endlich am 24. September 1802 mit meinem neuen Freunde, nach unserer Bestimmung ein.
Unsere Ueberfahrt bis nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung bot wenig Merkwürdiges dar. Wir waren neun und dreißig Passagiere, worunter fünfzehn Frauen, an Bord, so daß es gar sehr an Bequemlichkeit gebrach. Am 25. December Vormittags um 4 Uhr, erreichten wir das Cap, wo noch die englische Flagge wehte, aber auch eine holländische Flotte vor Anker lag. Wie gewöhnlich, kamen sofort zwei Gesundheitsbeamten u. s. w. zu uns, ließen uns sämmtlich die Musterung passiren, und erlaubten uns, nach einer kurzen Berathschlagung ans Land zu gehen. Wir hörten jezt, daß der englische Gouverneur, General Dundas, das Cap an die Holländer zurückzugeben im Begriffe war.
Was ich über die Capstadt sagen könnte, ist bekannt; überdem war mein Aufenthalt äußerst kurz. Die Uebergabe war auf den 1. Jan. 1803 festgesezt, die Einwohner bereiteten eine Menge Feierlichkeiten vor. Plözlich am 31. December Nachmittags kam eine englische Corvette an. Sie hatte die Reise von Plymouth in neun und fünfzig Tagen gemacht, und brachte wichtige Depeschen an den General Dundas mit. Er erhielt nämlich Befehl, die Uebergabe aufzuschieben, wenn es noch irgend möglich sey. Schon waren fünfzehnhundert Mann von den englischen Truppen eingeschifft, und sollten in einigen Tagen nach Ostindien unter Segel gehen. Vier und zwanzig Stunden später, und Alles hätte eine andere Gestalt gehabt! So aber wurden die Truppen wieder ausgeschifft, die Posten verdoppelt, und die Holländer in die Caserne gesperrt. Die Bestürzung der Einwohner war unbeschreiblich.
Bald darauf verbreitete sich das Gerücht vom nahen Ausbruche eines neuen Krieges, und einem provisorischen Embargo. In diesem Falle wartete unserer förmliche Kriegsgefangenschaft. Zum Glück ward indessen dem Capitain abzusegeln erlaubt. Wir begaben uns daher noch denselben Abend wieder an Bord. Endlich am 2. Januar kamen wir glücklich in See, und am 6. Februar liefen wir in Port Louis, auf Isle de France ein. So hatten wir die ganze Reise in fünftehalb Monaten gemacht.
Während dieser Zeit war mir mein neuer angeblicher Freund bereits nicht wenig verdächtig geworden, aus Gründen, die ich eher andeuten, als sagen kann. Wirklich fand ich mich auch bei meiner Ankunft auf Isle de France sehr bitter getäuscht; jedermann rieth mir von dieser Verbindung ab. Ich trennte mich daher augenblicklich von ihm, und dachte auf eine Unternehmung auf eigene Hand. Ein Pariser Freund hatte mir mehrere Wechsel auf hiesige Häuser anvertraut. Ich beschloß Waaren dafür einzukaufen, und damit nach Pondichery zu gehen. Allein die Schuldner waren nicht zahlungsfähig; man denke sich daher meine Verlegenheit. Noch war ich dem Capitain achtzehnhundert Livres für meine Ueberfahrt schuldig, und hatte keinen Sol zu meinem Unterhalt. Das einzige, worauf ich hoffen konnte, war eine Anstellung in Pondichery, zu dessen Besizergreifung Admiral Linois eben abgegangen war. Unterdessen nahm ich eine Hofmeisterstelle in einem Hause an, wo ich die liberalste Behandlung fand.
So waren an sechstehalb Monate vergangen, als mein Schicksal plözlich eine andere Wendung bekam. Am 17. August Morgens lief nämlich die französische Fregatte la belle Poule, Capitain Bouillac, hier ein. Sie gehörte zur Division des Admirals Linois, und überbrachte die Nachricht, daß die Uebergabe von Pondichery verweigert worden sey. Da dies den nahen Ausbruch eines neuen Krieges anzudeuten schien, ward sofort auf den Batterien Alles in Vertheidigungsstand gesezt. Nachmittags um zwei Uhr ankerte der Admiral selbst mit seiner ganzen Division. Wenig Tage nach seiner Ankunft auf der Rhede von Pondichery hatte er nämlich Depeschen aus Frankreich erhalten, mit dem Befehle, sogleich nach Isle de France unter Segel zu gehen. Dem zu Folge hatte er in der Nacht die Anker gekappt. Am Bord des Admiralschiffes, befand sich der nach Pondichery bestimmte Generalgouverneur Decaen, und der Colonialpräfect Leger, dessen Familie zu Pondichery zurückgeblieben war. Niemand zweifelte mehr am Kriege; doch wußte Niemand etwas Gewisses davon. Endlich am 28. August kam der Cutter le Berceau, Capitain Holgan von l'Orient an, und brachte die officielle Bestätigung mit. Zugleich war der General Decaen zum Generalgouverneur aller französischen Besitzungen, östlich vom Cap, folglich auch von Isle de France ernannt. Durch ihn, der sich meiner wohl erinnerte, ward ich wieder bei dem Ingenieurcorps angestellt. Dabei erhielt ich den Befehl, mich zu einer geheimen Expedition bereit zu halten, die eben im Werke war.
Zweites Capitel.