Die drei Ostindienfahrer

Part 6

Chapter 63,608 wordsPublic domain

Mit Tagesanbruch machten wir uns demnach auf den Weg. Indessen stießen wir auf nichts, als eine Menge rother Affen, von denen der ganze Wald bevölkert war. Als wir denselben hinter uns hatten, nahm ich von meinen Gefährten Abschied, und stieg wieder in den Palankin. Der Weg gieng nun durch eine sehr reizende Landschaft, Dorf an Dorf, und alles mit Tamarinden-, Cocos- und ähnlichen Baumpflanzungen, so wie mit Betelgärten bedeckt. Jezt bekamen wir auch wieder das Meer zu sehen, und athmeten erquickende Kühlung ein.

Ich mußte die Nacht im Palankin zubringen; die ganze Chauderie war mit Kaschie-Kauris angefüllt. Es sind dies eine Art Mönche, die zehn, zwanzig, und mehrere zusammen, nach Kaschie (oder Bonares) wandern, dort Wasser aus dem Ganges holen, und damit beladen, in ihre Heimath zurückgehen. Sie füllen dies heilige Wasser in runde irdene Krüge, wovon jeder zwanzig bis fünf und zwanzig Kannen halten kann. Diese Krüge sind mit dickem Netzwerk umflochten, und mit einem kurzen Halse versehen, der sorgfältig vergipst und versiegelt wird. An dem Siegel des Oberpriesters von Bonares, so wie an dem Certificate jedes Pilgers, erkennt man, ob das Wasser ächt ist. Ein jeder Kaschie-Kauris trägt zwei Krüge, den einen vorn, den andern hinten, an einem Bambusrohr. Dies Wasser wird entweder an Tempel verschenkt, oder an reiche Hindus verkauft. Für leztere ist es ein Gegenstand eines religiösen Luxus. Man benezt Sterbenden Haupt und Lippen damit; giebt es aber auch bei großen Gastmählern herum.

Am folgenden Tage passirten wir die Stadt Mongletur, die auf indische Weise befestigt ist, und langten Abends ziemlich spät in Tallapalar an. Hier mußten wir die Chauderie einer Abtheilung englischer Srapoys überlassen, und trieben nur mit Mühe etwas zum Abendessen auf. Am nächsten Morgen gieng es vollends nach Mazulipatnam. Wir kamen dabei durch das Dorf Pakaat. Hier sah ich einen Barbier, der einen ziemlich dicken Bart, auf das allervollkommenste mit zwei -- Glasscherben abnahm.

Dreizehntes Capitel.

Nachdem ich meine Geschäfte besorgt hatte, sezte ich meine Reise ohne Verzögerung fort. Vorher hatte sich noch ein Gefährte, ein gewisser holländischer Capitain, Namens Holtrop, zu mir gefunden, der nach dem Verluste seines Schiffes nach Madras zurückging. Wir kamen durch die Dörfer Okalgatta und Sorligatta, und nahmen unser Nachtlager in einer Chauderie hinter Naralcor. Der lezte Theil des Weges war äußerst angenehm; er lief durch eine fruchtbare Ebene, mit den mannigfaltigsten Pflanzungen bedeckt. Kaum hatten wir aber die Chauderie erreicht, als ein heftiges Ungewitter ausbrach. Da sich nun außer uns noch an sechzig Reisenden darin befanden, konnten wir allerdings nicht ohne Besorgnisse seyn. Indessen gieng alles glücklich vorüber, und nach einigen Stunden war der Himmel wieder völlig wolkenleer.

Unsere harmlosen Hindus hatten inzwischen nicht die mindeste Furcht gezeigt. Die Männer lasen oder sprachen; die Weiber und Mädchen schäkerten und kochten; die Kinder spielten mit unbefangener Fröhlichkeit fort. Nach dem Essen wurde erzählt und getanzt, und alles war voll Milde und Fröhlichkeit.

Die folgende Tagereise war entzückend schön; die ganze Landschaft blühte und grünte in üppiger Fruchtbarkeit. Wir giengen über den Kischtna, der in dieser Jahrszeit nicht besonders wasserreich war. Die Ueberfahrt ward wie gewöhnlich, in großen, runden, platten Körben gemacht. Diese Körbe haben ungefähr zwölf Fuß im Umfange, sind mit Leder überzogen, und werden mit Pagaien (kurzen Rudern) in Bewegung gesezt. Man muß sich indessen in diesen Körben sehr ruhig verhalten, indem sie beständig im Kreise drehen. Einige sind groß genug, um zehn bis zwölf Personen zu fassen; allein Hokkeries (indisches Fuhrwerk), Palankins u. s. w. werden niemals auf diese Art übergesezt. Hierzu bedient man sich der sogenannten Sangaries, welches ausgehölte Cocosstämme sind.

Wir ergözten uns während der Ueberfahrt an den herrlichen Uferansichten, und langten endlich in dem freundlichen Dorfe Kischtnapatnam an. Die Chauderie lag in der Nähe des Stromes, was uns der Kühlung wegen höchst willkommen war. Hier hörte ich zum erstenmale die melodischen Minkurwies (eine Art Wasservögel), die, wie man behauptet, in dem Kischtna ausschließend zu finden sind. Ich glaubte die Töne einer Aeolsharfe zu hören, und sank dabei in den süßesten Schlaf.

Nach einem stärkenden Morgenbade sezten wir unsere Reise weiter fort. Die Gegend war eben, und meistens mit Reis- und Gerstenfeldern bedeckt. Nur hie und da ragten aus den gelblichten Aehrenfluten einige glänzend grüne Hügel hervor. Dann folgte eine sandige, mit lichtem Tannengebüsch bedeckte Ebene, von einer Menge Schakals bewohnt. Endlich zeigte sich eine Reihe düsterer Cocoshaine, von Tausenden von Vögeln belebt. So langten wir um ein Uhr in Pampeton an. Dies ist ein großes volkreiches Dorf, das von einer Menge Betelgärten und Baumpflanzungen, Tamarinden und Arekagebüsche umringt ist.

Nachmittags kamen wir bei einer neuen Chauderie, und einem dem Goneisch (Gott der Andacht) geheiligten Tempel vorbei. Das Götzenbild lag indessen noch auf dem Boden; es fehlte noch das nothwendigste Erforderniß seiner Göttlichkeit. Dies waren die ~Augen~, die immer erst der Oberpriester mit vielen Feierlichkeiten einsezt. So lange ein Götzenbild noch dieser entbehrt, wird es blos für einen gewöhnlichen Block angesehen.

Mit einbrechender Dämmerung kamen wir in einem großen, auf einer Anhöhe gelegenen Dorfe an. Hier quartierten wir uns in einer Trivasel (der kleinsten Art von Chauderies) ein, und fanden zu unserer Freude nur wenig Reisende darin. Allein da es bald darauf heftig zu regnen anfieng, kam in kurzem noch ein ganzer Schwarm dazu. Ich eilte daher mein Abendessen einzunehmen, ließ den Palankin unter einen dickblätterigen Baum stellen, streckte mich hinter den Vorhängen auf meine Matrazze hin, und schlief, troz der Clapper eines Reisfeldhüters, in wenig Minuten ein.

Am folgenden Morgen, das herrlichste Wetter, und alles voll Leben und Heiterkeit. Indessen begegnete mir schon in der ersten Stunde ein Unfall, der wenigstens meinen armen Trägern den ganzen Tag verdarb. Als ich nämlich einmal aus dem Palankin steigen wollte, ward ich einige Schritte vor mir eine ganz still liegende Brillenschlange gewahr; ich hielt sie für todt, und gieng unbesorgt darauf los. Allein wie groß war mein Entsetzen, als sie sich auf einmal mit glühenden Augen, geöffnetem Rachen und blitzender Zunge aufzurichten anfieng! Plözlich flog ich zurück, ergriff die Flinte und drückte los, worauf die Schlange nach einem benachbarten Busche kroch.

Unterdessen war auch Capitain Holtrop und mein Bedienter hinzugeeilt, jeder mit einem Hirschfänger in der Hand. Wir beschlossen den Busch anzuzünden, und auf die Schlange, die dann herauskommen mußte, vereinigt loszugehen. Bald stand der Busch in vollen Flammen, und noch immer erschien sie nicht. Schon glaubte ich mich geirrt zu haben, plözlich schoß sie zwischen meinen Füßen hindurch.

»Herr! Das bedeutet Unglück!« -- riefen meine Träger mit kläglicher Stimme, und ich selbst war fast außer mir. Aus gleichem Aberglauben natürlich nicht; nur weil ich einer so großen Gefahr entgangen war. Meine Träger boten jezt alles auf, um mich zum Umkehren zu bewegen, allein ich gab durchaus nicht nach. So legten wir unsern gewöhnlichen Tagesmarsch zurück, und kamen mit Sonnenuntergang Wohlbehalten in Pariatschirli an.

Vierzehntes Capitel.

Unter der großen Menge anderer Reisenden, die sich allmählig in der Chauderie zu uns gesellten, befand sich auch ein Trupp herumziehender Tänzerinnen, Sutred-Haries genannt. Es waren ihrer sieben zusammen, wie gewöhnlich von ihrem Tanzmeister (Chelcinbikarea) und ihrem Musikanten (Juntries) begleitet. Nachdem sie sich in dem benachbarten Weiher gebadet, und ihre Tanzkleider angelegt hatten, kam die erste Tänzerin auf mich zu, überreichte mir einen Blumenstrauß und fragte, ob es mir gefällig sey, ihre Gesellschaft tanzen zu sehen. Ich erwiederte ihren Gruß, bestellte sie nach dem Abendessen wieder, und ward dafür von allen Anwesenden mit Danksagungen überhäuft. -- »Der gute Herr! Der große Herr!« -- tönte es in der ganzen Chauderie wieder; denn tanzen zu sehen, ist für die Hindus, besonders für das weibliche Geschlecht, ein höchst angenehmer Zeitvertreib. Kaum war ich nun mit dem Essen fertig, als alles die Matten bei Seite schaffte, und einen großen Kreis um mich schloß. Bald darauf erschienen die Tänzerinnen, hinter ihnen die Juntries. Die Musik fieng an; die lieblichen Nymphen entschleierten sich, und begangen den kunstreichsten Elfentanz. Sie waren aus Surate, das von jeher für den Geburtsort der schönsten und vorzüglichsten Tänzerinnen galt. Mit großem Vergnügen sah ich ihnen wohl eine Stunde zu.

Aber endlich war es Zeit aufzuhören; ich gab demnach das Zeichen dazu -- »Genug, schöne Mädchen!« -- sagte ich im indischen Stil -- »Genug für diesmal! -- Ihr habt mir mit eurem kunstreichen Tanze die höchste Genüge gethan, und mein Herz mit Entzücken erfüllt. Gewiß, Rhambe (die Göttin des Tanzes) selbst übertrifft euch nicht. Seyd ihr nicht zu sehr ermüdet, so vergönnt mir, daß ich nun auch eure lieblichen Stimmen hören kann!« -- Dieses Lob gefiel ihnen außerordentlich, zumal, da es von einem Europäer kam. Sofort sezten sie sich in einen Halbkreis, und sangen mir eine der schönsten indischen Romanzen, die Liebesgeschichte des Prinzen Sondor, und der Prinzessin Biddrah vor. Dies dauerte bis Mitternacht. Endlich machte ich der ersten Sängerin ein angenehmes Geschenk, und entließ die ganze Truppe, höchst vergnügt über meine Freigebigkeit.

Alles eilte nun schlafen zu gehen, und ich selbst suchte meinen Palankin auf. Kaum hatte ich aber einige Minuten geschlummert, als ich durch ein leichtes Zupfen am Ueberhange wieder geweckt ward. -- »Wer da?« -- rufte ich, indem ich denselben aufhob. -- »Ich bin es, mein Herr!« antwortete eine leise Stimme -- »Die Daja (Aufwärterin) der Sutred-Haries (Tänzerinnen). Ich bringe euch tausend Grüße von dem lieblichen Mädchen, mit dem Kranze von weißen Rosen im Haar. Eure Freundlichkeit hat ihr Herz geöffnet, wie sich die Lilie der Sonne aufschließt. Empfangt diesen Betel; sie bereitete ihn selbst für euch. Sie sizt zu den Füßen eures Lagers und erwartet euren Befehl!« --

Das liebliche Mädchen mit dem Kranze von weißen Rosen war mir allerdings sehr erinnerlich. Es hatte bei seiner Jugend, Grazie und Schönheit, einen sehr lebhaften Eindruck auf mich gemacht. Indessen kannte ich die reisenden Tänzerinnen etwas genauer, beschloß daher auf meiner Hut zu seyn, und fertigte die Daja mit einer ziemlich kalten Antwort ab.

»Wie, mein Herr!« -- erwiederte sie lebhaft -- »Ihr verschmäht die schöne Mamia? -- Ich glaubte doch bemerkt zu haben, daß sie euch nicht gleichgültig war. -- Was fürchtet ihr? -- Sie ist mein liebstes Kind, und ihr seyd der erste, dem sie den Betel der Liebe[6] schickt.«

Ich mußte lächeln -- »~In Wahrheit?~« -- fragte ich etwas spöttisch -- »Aber seyd so gut, und laßt mich mit eurem Kampaak in Ruhe, ich bitte euch darum.« -- Sie verbeugte sich tief und gieng.

Als ich indessen am folgenden Morgen das schöne Mädchen noch einmal sah, ward ich in meinem Innersten gerührt. Wie viel Liebreiz! Welche Sehnsucht! Und welcher stille Schmerz! Ihre Augen schwammen in Thränen; sie wandte ihr Gesicht von mir ab, und verschleierte sich. Wir brachen auf, ich hoffte die Tänzerinnen nachkommen zu sehen; allein sie hatten andere Stationen gewählt.

Wir aßen Mittags zu Pondipitly, wo wegen eines Festes alles voll Fröhlichkeit war. Unter andern sahen wir einen Schonir (eine Art Bettelmönche), der die Flöte durch die ~Nase~ blies. Er steckte nämlich zwei kleine, ungefähr anderthalb Spannen lange, Flöten in die Nasenlöcher, und blies Prime und Secunde mit großer Fertigkeit darauf. Nachmittags kamen wir bei einem schönen Ala[7] vorbei. Er mochte ungefähr erst hundert Jahre alt seyn; gleichwohl bildete er mit seinen unzähligen herabhängenden Aesten bereits ein grünendes Gewölbe, das wenigstens tausend Schritte im Umfange hielt. Abends blieben wir in Palpatte, wo eine der größten Chauderies von ganz Indien ist.

Unsere lezte Tagereise bot wenig Merkwürdigkeiten dar. Wir begegneten einer anderen Truppe Tänzerinnen, und ich dachte lebhaft an die liebliche Mamia. Gegen fünf Uhr kamen wir in Carraconde an. Die Chauderie war bereits völlig besezt, wir lagerten uns daher in einem benachbarten Mangabusch. Um schneller Feuer zu bekommen, raffte ich einige trockene Baumblätter auf. In dem Augenblicke fühle ich einen stechenden Schmerz; ziehe die Hand zurück, sehe, daß eine schwärzliche Schlange daran hängt, und verliehre das Bewußtseyn.

Fünfzehntes Capitel.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich am Feuer, von meinen Trägern umringt. Sie fuhren fort, meinen Finger gegen die Flamme zu halten, um, wie sie glaubten, das Gift heraus zu ziehen; während bereits nach dem Schorpojan, oder Schlangenbeschwörer geschickt worden war. Bald darauf kam der Bote mit der Nachricht zurück, daß derselbe abwesend sey. Indessen brachte er dafür einen mohrischen Waitium (Arzt) mit. Dieser besah meinen Finger mit großer Aufmerksamkeit, und erklärte mir ohne Umschweife, daß ich allerdings nicht außer Gefahr sey. Indessen gab er mir einen Löffel von einer höchst bittern Latwerge ein, versprach den andern Tag wieder zu kommen, und nahm mit den Worten: Gott ist groß! (Tambrane meharse!) Abschied von mir.

Es währte keine halbe Stunde, als mich ein allgemeines Frösteln mit heftigem Schwindel überfiel -- »Freunde!« -- rief ich mit gebrochener Stimme. -- »Es ist vorbei! Ich sterbe! Lebt wohl! Lebt alle wohl!« -- Alle schwiegen und weinten; ich fühlte wie es immer düsterer um mich ward. Auf einmal hörte ich ein lautes Pfeifen neben mir. Ich schlug die Augen auf, und erblickte dieselbe Schlange, von der ich gebissen worden war. -- »Das ist sie! Das ist sie!« -- rief ich mit Entsetzen, während sie langsam an einem vom Feuer beleuchteten Stamme herunterkroch. Meine Leute betrachteten sie nun genauer, und versicherten einstimmig, daß sie nicht giftig sey. Mein Schwindel verlor sich; ich athmete mit leichterer Brust.

Indessen nahm der Schmerz am Finger außerordentlich zu. Bald zeigte sich der Anfang einer Entzündung, die allmählig die ganze Hand zu ergreifen schien. Ich beschloß daher, auf den eigenen Rath des Waitiums nach Naporlie zu gehen, wo ein berühmter Schorpojan wohnhaft war. Wir kamen an, aber leider befand er sich nicht mehr daselbst. In dieser verzweifelten Lage beschloß ich so schnell als möglich nach Madras zu eilen, und brach auch wirklich am folgenden Morgen in aller Frühe auf.

Aber welcher Unterschied! Meine Träger niedergeschlagen; ich von den heftigsten Schmerzen gequält; mein Reisegefährte ebenfalls krank. Schweigend und traurig zogen wir daher; das einförmige Hei! Hei! Hei! der Träger[8] war alles, was von Zeit zu Zeit die melancholische Stille unterbrach. So kamen wir Mittags nach Kalurie, wo wir ganze Heerden calecuttischer Hühner sahen, und übernachteten bei Madupatte unter Bäumen in freier Luft. Mein Schmerz war unerträglich; ich konnte keine Viertelstunde ruhen; wir machten uns daher noch vor Sonnenaufgang auf den Weg.

Der Boden ward sandiger, die Landschaft kahler, die Bevölkerung schwächer; alles kündigte die Nähe des Meeres an. Indessen fanden wir doch noch ein sehr schönes Dorf, Anenabob genannt, wo zu Mittag gegessen ward. Nachmittags passirten wir den Gondakama in einem Sangarie (hohlen Cocosstamme) und kamen Abends nach Pandalur, das ganz mit Betelgärten umgeben ist. Ich hatte eine sehr traurige Nacht. Gegen Morgen indessen bekam ich einige Linderung, und durfte einer erträglichen Tagereise entgegen sehen. Sie bot jedoch nichts Merkwürdiges dar. Wir hielten Mittags zu Binganapilli an, und übernachteten zu Aschacoldindi, das in der Nähe des Meeres liegt. Die Chauderie war völlig leer; ich ließ daher meinen Palankin hineinbringen, und fiel in einen tiefen Schlaf.

Als ich am andern Morgen erwachte, war der Schmerz in meiner Hand beinahe verschwunden, allein der Finger völlig fühllos, folglich der Brand nur zu gewiß. Eilends rief ich meine Träger herbei. -- »Ich muß nach Madras, Freunde« -- sagte ich -- »Nach Madras, oder es ist um mich geschehen. -- Ich muß Tag und Nacht durch reisen, oder es ist keine Hülfe mehr für mich!« --

Meine Kulies sahen einander an, und gaben dann einstimmig ihre Einwilligung. -- »Ja Herr!« -- riefen sie -- »Wir wollen bei euch aushalten; wir wollen euch nach Madras bringen, verlaßt euch darauf!« -- Ich nahm nun noch sechs andere Träger, theils zum Ablösen, theils zum Fackeltragen an, und die Reise ward fortgesezt.

Dieser Tag war einer der traurigsten meines Lebens, dessen ich mich erinnern kann. Er endigte jedoch mit einer Entdeckung, worüber ich allen meinen Schmerz vergaß. Gegen vier Uhr Nachmittags kamen wir nämlich durch Nebabpent, ein großes, wegen eines alten Tempels berühmtes Dorf. Diesem Tempel gegen über war ein schöner Weiher, mit einer Menge Badender angefüllt, worunter sich an dem einen Ende auch ein Haufen junger Mädchen befand. Ziemlich flüchtig hatte ich auf diese Gruppen hingeblickt, als ich plözlich einen durchdringenden Schrei vernahm. Die Stimme schien mir bekannt, ich sah noch einmal hin, und sah -- O gütiger Himmel! -- sah Mamia, die liebliche Tänzerin, die eben aus dem Bade gestiegen war.

»Halt! Halt!« -- rief ich den Trägern zu, sprang aus dem Palankin, und flog auf das Mädchen zu. -- »O Mamia! Geliebte Mamia!« -- sagte ich -- »Wie oft habe ich an dich gedacht!« -- Nie hatte ich sie so reizend gesehen. Sie glich in ihrem feuchten, die schönen Glieder dicht umschließenden Gewande, einer dem Meere entstiegenen Huldgöttin. -- »O mein Herr!« -- erwiederte sie mit holdem Erröthen -- »Aller Augen sind auf uns gerichtet!« -- »Wohl süße Mamia!« -- gab ich zur Antwort -- »Ich spreche dich in der Chauderie.« -- Sie bejahte es mit einem himmlischen Lächeln, und eilte mit ihren Gespielinnen zurück. Wir aber nahmen so fort von der Chauderie Besiz.

Sechzehntes Capitel.

Indessen war ich nicht wenig verwundert, weder die Juntries (Spielleute) noch die Bagage der Tänzerinnen daselbst zu sehen. War es ein Mißverstand? Hatten sie einen andern Lagerplatz? -- Oder waren sie plözlich abgereist? -- Beinahe fieng ich an ungeduldig zu werden, als die Daja mit vielen Grüßen von Mamia erschien. Sie waren in einem Mangabusche gelagert, in wenig Minuten würde sie bei mir seyn. Ich gab der Alten einige Rupien, ließ noch mehr Lampen anzünden, und harrte des lieblichen Mädchens am Eingange der Chauderie. Endlich erschien sie, doch des Wohlstandes halber die Daja mit ihr.

Sie verbeugte sich, ohne ein Wort zu sagen; allein das Klopfen ihres Busens verrieth, wie sehr sie in Bewegung war. Ich führte sie sogleich zu einem Teppich, und bot ihr Betel an. -- »Freue dich, schöne Mamia!« -- sagte ich -- »Du bist gerächt!« -- Und hiermit erzählte ich ihr die ganze Geschichte meiner Leidenschaft.

»O mein Herr!« -- erwiederte sie -- »Ich habe sie längst entschuldigt. Ich erkenne mein Schicksal, das mich auch in meiner Liebe verfolgt!« -- So erklärte sie mir mit sanftem Erröthen den ganzen Zusammenhang. -- »Mein Herz war immer bei Ihnen!« -- fuhr sie fort -- »Ich klage niemand als mein Unglück an!« -- Sie war aus der Caste der Aerzte, und nur aus Noth eine Tänzerin geworden[9], da sie sich nach dem Tode ihrer Eltern gänzlich verlassen sah. Für meine Hand versprach sie mir einen köstlichen Balsam zu bereiten, und eilte deshalb sofort zu dem Lagerplatze zurück.

Während ihrer Abwesenheit unterhielt mich die Daja sehr lebhaft von ihr. Sie konnte mir nicht beschreiben, wie betrübt das gute Kind über meine Gleichgültigkeit und meine Abreise gewesen war. Nach einer kleinen halben Stunde war das liebliche Mädchen schon wieder mit dem Balsam da, und verband meine Wunde mit vieler Geschicklichkeit. Ich konnte mich nicht enthalten, sie an mein Herz zu drücken, und sie erwiederte meinen Kuß mit Zärtlichkeit.

»Ach!« -- rief sie wehmüthig aus -- »Das ist ja doch das Leztemal, daß ich sie sehen kann!« -- »Das Leztemal?« -- fragte ich bestürzt -- »Wie meinst du das lieblichste Mamia?« -- »Ach mein Herr! Ich fürchte es wenigstens!« -- erwiederte sie, und erzählte nun, wie weder sie, noch die Daja, noch irgend eine ihrer Gespielinnen jemals in Madras gewesen sey. -- »Wie werde ich sie wiederfinden können?« -- fuhr sie fort -- »Ach nimmermehr! -- Ich werde vor Sehnsucht sterben; ich fühle es.« -- Ihre Thränen flossen; sie verbarg ihr Gesicht an meiner Brust.

»Nein, bei Gott nicht!« -- rief ich mit Lebhaftigkeit aus -- »Bei Gott nicht!« -- »Hier Mamia!« -- indem ich eine Ola[10] herausnahm. -- »Hier Mamia, hast du Namen und Wohnung von drei Freunden, bei denen du mich aufsuchen kannst.« -- Zu gleicher Zeit schrieb ich ihr noch mein Speisehaus u. s. w. auf. -- »So wirst du mich nicht verfehlen, liebstes Herz!« -- fuhr ich fort, und hatte die Freude, sie beruhigt zu sehen.

Mein Entschluß war gefaßt, Mamias Zukunft für immer bestimmt. Noch eine Umarmung, und ich stieg in den Palankin. Meine Träger hatten fünf Stunden geruht; mit brennenden Fackeln zogen wir zum Dorfe hinaus. Die Nacht war still und schön; bald schlief ich unter den lieblichsten Erinnerungen ein. Als ich am andern Morgen erwachte, lag die herrliche Landschaft schon in vollem Sonnenglanz. Ich war sehr vergnügt; meine Wunde ließ sich vortrefflich an. Sorgfältig goß ich von Zeit zu Zeit neuen Balsam darauf.

Mittags hielten wir in Jasurpalam, in einer etwas kleinen, aber sehr reinlichen Chauderie an. Bald darauf kamen noch drei andere Reisende zu uns. Es war ein Mr. Harclay mit seinem Intendanten und Secretär. Er kam von Madras, und gieng als Gouverneur nach Mazulipatnam. Wider Gewohnheit der Engländer war er sehr gesprächig, und lud mich zum Mittagsessen ein. Er gestand mit vieler Offenherzigkeit, daß er blos, um ein Paar Plumbs[11] zusammenzubringen, nach Ostindien gekommen sey. Nach einigen Stunden brachen wir wieder auf, und ruhten dann die halbe Nacht zu Kukenpuron. Am folgenden Morgen kamen wir zu Palliacatta, und so am vierzehnten Tage zu Madras an.

Siebenzehntes Capitel.

Ich war bei meinem alten Freund ~Frank~ abgetreten, und lernte durch diesen einen französischen Arzt, Namens ~Beißer~ kennen, der seiner Geschicklichkeit wegen, in großem Rufe stand. Doctor Beißer besah meine Wunde, zuckte die Achseln, nahm einige Operationen vor, und legte einen neuen Verband an. Nur Mamias Balsam mußte ich es verdanken, wenn noch Möglichkeit zur Rettung vorhanden war. Während wir so von meinen Abentheuern sprachen, kam endlich Doctor Beißer auf meinen Namen zurück.

»Aber Haafner! Haafner!« -- sagte er -- »Der Name kommt mir so bekannt vor. War ihr Vater vielleicht aus Kolmar?« -- Ich bejahte es. -- »Und ihr Großvater Bürgermeister daselbst?« -- »Ganz richtig!« -- erwiederte ich -- »Nun so seyn Sie mir herzlich willkommen, liebster Vetter« -- rief er auf einmal zu meiner Verwunderung aus, und umarmte mich. -- »Ihres Vaters Schwester war meine Schwiegermutter; ich bin ebenfalls aus dem Elsaß.« -- Nun ruhte der gute Mann nicht länger; ich mußte noch denselben Tag zu ihm ziehen.

Er war von Isle de France hierher gekommen, und hatte sich durch einige glückliche Kuren, in kurzer Zeit eine sehr ansehnliche Praxis verschafft. Dies sezte ihn in den Stand auf einem höchst glänzenden Fuße zu leben, so daß sein Haus den reichsten Kaufmannshäusern ähnlich war. Unter seiner Aufsicht ließ sich nun meine Wunde immer besser an, und heilte endlich vollkommen zu. Auch das hatte ich also im Grunde dem lieben Mädchen zu danken, deren Ankunft ich sehnsuchtsvoll entgegensah.