Die Deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich

Part 8

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Alles in allem -- es ist eine sehr betrübende Erscheinung. Daß auf diese Weise echtdeutsche Namen verhunzt werden, ist noch das Geringere. Schlimmer ist, was damit unvermeidlich zusammenhängt. Wer sich seines ehrlichen deutschen Namens schämt, der schämt sich auch seiner Sprache, seiner Nationalität, seines Vaterlandes und sucht sie sobald wie möglich abzustreifen, er wird Franzose, Pole, Madjare, Slowene, Slowake, was es sei -- nur ja nicht Deutscher bleiben![83] Einem Franzosen, einem Engländer, Italiener würde es nicht einfallen, seinen Namen einer fremden Sprache zuliebe zu entstellen -- dem Deutschen war es vorbehalten, sich so wegzuwerfen!

Ein edler ~Stolz~ -- das ist es, was dem Deutschen in den letzten Jahrhunderten nur zu sehr gefehlt hat. Und doch hätte er wohl Ursache, auf sein Vaterland stolz zu sein! auf das Land der Guttenberg und Luther, der Leibnitz und Humboldt, der Goethe und Schiller, der Scharnhorst, Stein und Bismarck!

18.

Geographische Verbreitung der deutschen Familiennamen.

Nachdem wir die geschichtliche Entwickelung der deutschen Familiennamen in den Grundzügen verfolgt haben, wird es nunmehr an der Zeit sein, auch in geographischer Beziehung einen prüfenden Blick auf dieselben zu werfen.

Stellen wir zu dem Ende vorerst die Grenzen des deutschen Sprachgebietes fest, welche im wesentlichen ja auch die der deutschen Familiennamen sind![84]

Wenn wir im ~Nordwesten~ beginnen, so folgt die Grenze zwischen Deutsch und ~Niederländisch~ vom Dollart aus im ganzen der politischen Grenze zwischen Deutschland und Holland.

Bei Eupen setzt das ~Französische~ ein, und die Grenze zwischen Deutsch und Französisch fällt nun seit Rückgewinnung des Elsasses meist wieder mit der politischen zusammen, indem nur bei Malmedy und Metz das deutsche Sprachgebiet zurückweicht, während es anderseits bei Luxemburg bis nach Arlon in Belgien hinübergreift.

Von der Schweiz ist der Norden und die Mitte deutsch, derart, daß etwa Solothurn, Freiburg, Gsteig (Kanton Bern) und Leuk (Kanton Wallis) die äußersten deutschen Punkte nach Westen sind.

Am Rosaberge bildet Issime den südlichsten Vorsprung in das romanische -- westlich französische, östlich ~italienische~ Sprachgebiet. Von hier geht die Grenze nordöstlich über den St. Gotthard, Chur, Martinsbruck, die Ortlerspitze, Salurn (Tirol), Brunecken bis Pontafel in Kärnten, wo drei Sprachen: Deutsch, Italienisch, Slawisch zusammenstoßen.

Von Pontafel zieht sich die Grenze zwischen Deutsch und ~Slawisch~, im ganzen der Drau folgend, ostwärts bis Radkersburg an der Mur, von da nordwärts bis zur Mündung der Feistritz in die Raab, wo wir zuerst auf das ~Madjarische~ stoßen.

Weiterhin bis Preßburg ist die Sprachgrenze -- zwischen Madjarisch und Deutsch -- in welche sich überdies slawische Sprachinseln eindrängen, vielfach zerrissen; doch greift das Deutsche bedeutend nach Ungarn hinüber bis Körmönd, Güns, Wieselburg und bildet auch im eigentlichen Ungarn viele Sprachinseln, besonders in der westlichen Hälfte und im Banat.

Bei Preßburg stoßen wir wieder auf das ~Slawische~ (Westslawen). Durch das mährische Tor zwischen Olmütz und Znaym haben sich die Tschechen tief hinein ergossen bis Budweis, Pilsen, Leitmeritz, Turnau, Josephstadt, so daß nur die inneren Abhänge der Grenzgebirge Böhmens deutsche Landbevölkerung bewahrt haben.

In Preußen ist der ganze Ostrand von Pleß bis Oletzko überwiegend slawisch (~polnisch~), also der Südosten von Schlesien etwa bis Ratibor, Zülz, Namslau, die größere östliche Hälfte von Posen, das mittlere Drittel von Westpreußen, nördlich von Bromberg bis zur Ostsee (Kassubei), der Süden von Ostpreußen (Masuren). Doch sind auch diese als überwiegend polnisch bezeichneten Landschaften von vielen deutschen Sprachinseln durchsetzt und zeigen in dieser Hinsicht ein sehr buntes Bild.

Noch ist eine slawische Sprachinsel zu erwähnen: die ~Sorbenwenden~ in der Lausitz, zwischen Bautzen, Muskau, Senftenberg, Peitz.

Östlich von Goldap beginnt die Grenze zwischen Deutsch und ~Littauisch~, welche zuerst fast ganz mit der politischen Grenze gegen Rußland übereinstimmt, dann nördlich von Pillkallen sich westwärts wendet und an der Mündung der Gilge ins Kurische Haff die Küste trifft.

Endlich im Norden die Grenze gegen das ~Dänische~! Dieselbe wird ungefähr durch eine Linie von Hoyer an der Nordsee über Tondern nach Gravenstein bezeichnet; aber nördlicher gelegene Orte, namentlich Apenrade, Hadersleben, Christiansfeld sind noch deutsch.

Außerhalb dieses Hauptgebietes finden sich noch mannigfache deutsche Inseln, besonders an dem ganzen Südost- und Ostrande: so Gottschee in Krain, viele Kolonien in Ungarn (Arad, Weißkirchen, die Zips), in Siebenbürgen (Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz), in Russisch-Polen (Lodz), in den russischen Ostsee-Provinzen Kurland, Livland, Estland, an der Wolga, endlich jenseit des Ozeans in Amerika und Australien.

Innerhalb des zusammenhängenden deutschen Gebietes sind nun zwei sich kreuzende Linien zu ziehen: eine von Nord nach Süd, um die Grenze zu bezeichnen, bis zu welcher sich slawische Einflüsse infolge früherer Besiedelung (s. Beilage 3) noch heutzutage in der Namengebung bemerklich machen -- eine zweite von West nach Ost, um die Scheide zwischen Ober- und Niederdeutsch[85] festzustellen.

~Die Scheidelinie zwischen Deutsch und Slawisch~ (Wendisch) wird im allgemeinen gebildet durch Elbe, Saale, Böhmerwald. Das Genauere ist, daß eine Linie von der Kieler Bucht in einigen Windungen, doch im ganzen nach Südost verlaufend (zwischen dem 28. und 32. Meridian), über Lüneburg, Oschersleben, Naumburg, Koburg, Waldmünchen (im Böhmerwalde), Windisch Garsten (in Österreich ob der Enns), Pontafel die äußerste Westgrenze der slawischen Eroberungen im 6.-9. Jahrhundert bezeichnet.

~Die Scheidelinie zwischen Oberdeutsch und Niederdeutsch~ geht über Bonn, den Harz, die Niederlausitz -- genauer: von Eschweiler (an der holländischen Grenze) über Bonn, Siegen, Münden, Aschersleben, Wittenberg, Lübben bis Birnbaum (Posen), wo das Polnische beginnt.

Doch ist diese Linie natürlich nicht haarscharf zu ziehen; denn Übersiedelung, gegenseitiger Verkehr, Unterjochung des einen Stammes durch den andern, Vermischungen aller Art haben beide Mundarten -- besonders an der Grenze -- oft durcheinander geworfen. Daher finden sich südlich jener Linie noch an manchen Orten niederdeutsche Elemente, nördlich oberdeutsche, ja beträchtliche deutsche Sprachinseln am Oberharz (um Klausthal) und in Ostpreußen (um Wormditt und Guttstadt), letztere wohl durch Einwanderer entstanden, welche im Anfange des 17. Jahrhunderts aus Oberdeutschland in das pestverheerte Littauen zogen.

Durch Ziehung dieser beiden sich kreuzenden Linien wird das ganze Gebiet in vier Viertel zerschnitten: Nordwest, Nordost, Südwest, Südost, die wir nach dem Grundcharakter der Familiennamen bezeichnen als: niederdeutsch, niederdeutsch-wendisch -- oberdeutsch, oberdeutsch-wendisch.

Im folgenden soll nun für das deutsche Reich eine genauere Charakteristik der geographischen Verteilung der Familiennamen versucht werden.

19.

Genauere Angabe der Verteilung der Familiennamen.

a) Niederdeutschland.

Nordwest.

An der Nordseeküste sitzen seit Urzeiten in einem schmalen Streifen von der Scheldemündung ostwärts -- soweit es Marschen und Inseln gibt -- die ~Friesen~, „der deutsche Seestamm, zäh und spröde im Festhalten des Alten, im Verteidigen der Freiheit, ein kerniges Geschlecht.“

Die Sprache ist erst allmählich durch das nahverwandte Niederdeutsche zurückgedrängt worden und behauptet sich gegenwärtig östlich der Ems besonders noch im Saterlande (Oldenburg), in der Gegend von Husum und Tondern und auf den Inseln.[86]

In diesen vom Weltverkehr abgelegenen Gauen bildeten sich, den einfachen bäuerlichen Verhältnissen entsprechend, vorzugsweis ~patronymische~ Geschlechtsnamen aus.

Beginnen wir mit ~Ostfriesland~! Hier bilden die genetivischen Namen wie _Reiners_, _Gerdes_, _Gerjets_, _Dirks_ -- _Focken_, _Rippen_, _Tjaden_, _Ufken_, mit Anschluß der seltneren auf -_sen_ (_Bohlsen_) in den Kreisen Aurich und Emden die Hälfte aller Namen, in Leer noch ein Drittel. Als ganz besonders charakteristisch, nur hier vorkommend, sind dabei die Namen auf _a_ (Gen. Plur.) hervorzuheben: _Wiarda_, _Ebbinga_, _Ukena_ -- außerdem die Zusammensetzungen mit _ma_ (mann): _Bolema_.

Von Gewerben finden sich nur die einfachsten (ländlichen): _Smidt_, _Müller_, _Fischer_, _Schipper_, _Bakker_, _Kramer_.

Die Lautverhältnisse haben manches Eigentümliche: _sm_ (_Smidt_ neben Schmidt), _tj_ (_Warntjes_), _kk_ (_Dekker_), _ui_ = _ü_ (_Luitjens_), _ou_ = _au_ (_Wildebouer_). Wie hieraus ersichtlich, weisen sie zum Teil auf das Holländische hin, dessen Einfluß sich an der ganzen westlichen Sprachgrenze von Ostfriesland bis zum Niederrhein geltend macht.

Auch im ~Oldenburgischen~ treten die patronymischen Namen wie _Redlefs_, _Oltmanns_, _Rieniets_, _Taddiken_, _Knutzen_ (= Knudsen) am nördlichen Küstenrande stark hervor, am stärksten (mit 80 v. H.) im Kreise Jever. Überhaupt findet große Übereinstimmung mit den ostfriesischen Namen statt, nur daß die auf _a_ und _ma_ fehlen, wie auch die Anklänge an das Holländische.

Kommen wir nach ~Hannover~, so treten hier, selbst in den Marschen zwischen Weser und Elbe, die genetivischen Namen merklich zurück. Ihre Zahl wächst erst wieder in ~Holstein~ (Ditmarschen: mindestens 40 v. H.) -- und hier, an der ~schleswig~-holsteinischen Küste, treten die bis dahin mehr vereinzelten Zusammensetzungen auf -_sen_, je weiter nach Norden, desto stärker hervor, namentlich im Herzogtum Schleswig, bis in den Kreisen Husum und Tondern die _Hansen_, _Thomsen_ und _Nissen_, _Christiansen_ und _Gidionsen_, _Detlefsen_ und _Hinrichsen_ alles so überwuchern, daß sie fast 90 v. H. aller Familiennamen füllen. Doch diese Bildungen greifen auch nach der Ostseite des meerumschlungenen Landes hinüber, zum Stamm der Angeln, und bilden dort ebenfalls die Mehrheit, im Kr. Flensburg wiederum 90 v. H., im Kr. Schleswig noch die Hälfte, bis sie im daran grenzenden Kr. Eckernförde plötzlich nahezu verschwinden.

Gehen wir wieder nach unserm Ausgangspunkte, Ostfriesland, zurück, so schließen sich an dieses in der Namengebung die südlicher gelegenen ~hannöverschen~ Bezirke, namentlich ~Papenburg~, wo die genetivischen (ungerechnet einige auf _ing_) wieder die Hälfte aller Namen bilden.

In ~Lingen~ machen diese nur noch etwa ein Fünftel aus, und anderseits treten als Namenelemente Bezeichnungen von Örtlichkeiten wie _brink_, _horst_, auch _hoff_, desgleichen Zusammensetzungen mit _Meyer_ hervor -- die Vorläufer der eigentümlich ~westfälischen~ Namengebung.

Patronymika (auf ing und genet. Bildungen) finden sich durch das ganze preußische Westfalen mit Einschluß Osnabrücks -- am stärksten an der holländischen Grenze.

Patronymika und zwar genetivische (_Giesen_, _Otten_, _Wienands_, _Ludwigs_, _Gompertz_ -- selbst Namen der dritten Schicht wie _Schippers_, _Schmitz_, _Kox_) bilden das Charakteristische auch am preußischen ~Niederrhein~, ganz besonders auf der linken Seite des Flusses von Kleve bis Aachen, wo dieselben ungefähr die Hälfte aller Namen ausmachen (Höhenpunkt mit mindestens 60 v. H. im nördlichsten Teile des Regierungsbezirks Aachen).

Dann aber gibt sich das spezifisch Eigentümliche der ~westfälischen~ Namengebung in den zahlreichen an die Besonderheiten der ~Örtlichkeit~ angelehnten Namen kund. Die Landschaft hat hier nicht mehr die Einförmigkeit des Küstenrandes, der Marschen an der Nordsee; Berge und Hügel (_hövel_), hochliegende Grasflächen (_brink_) treten in ihr hervor; anderseits Teiche (_diek_), Brücher (_brok_), häufig ein Wald oder Gebüsch (_loh_, _holt_, _horst_), dann das Feld in abgeschlossene, umhegte ~Kämpe~ geschieden. Alles dies spiegelt sich auch in den Familiennamen, in welchen demnach _brink_, _brock_, _horst_, _kamp_, demnächst _beck_ (Bach), _diek_, _holt_, _loh_ Hauptelemente sind, in Namen wie: _Windhövel_, _Hasenbrink_, _Uhlenbrock_, _Hasselhorst_, _Lohkamp_, _Möllenbeck_, _Buddendieck_, _Eickholt_, und abgeleitet mit der Endung _er_: _Steinbrinker_, _Hüttebräuker_, _Behrhörster_, _Roggenkämper_ -- oder präpositional: _auf dem Brauke_, _Tenberge_, _Terbeck_.

Eine solche Bezeichnungweise konnte um so eher Platz greifen, da die Ansiedelung in diesen Gegenden nach altgermanischer Weise eine zerstreute ist. Münster und die nördlichen Teile von Minden und Arnsberg gehören zu denjenigen Gegenden, wo das Land nicht in geschlossenen Dörfern, sondern durch einzelne Höfe angebaut ist, die erst für staatliche Zwecke zu Bauerschaften zusammengefaßt werden. Dazu stimmen auch die vielen Namen auf _hof_ (_Lohoff_) und _haus_ (im Münsterschen auch _hues_: _Grothues_).

Auf die Abstufung nach dem Grundbesitz gehen _Meyer_ und _Kötter_, welche in außerordentlich vielen Zusammensetzungen erscheinen. Insbesondere tritt _Meyer_ mit seiner Sippe im Mindenschen hervor, bis zu 25 v. H. aller Namen.

Rechnen wir nun noch dazu, daß auch andere Namen, mit denen man in andern Gegenden an sich zufrieden sein würde, hier gern durch Zusammensetzungen noch näher bestimmt werden (wie _Bowenschulte_, _Brinkschröder_, _Oberste-Kampmann_, _Hemkensamkenschnieder_), daß ferner in Sproßformen der ersten Schicht das altertümliche _o_ sich häufiger behauptet hat (_Danco_, _Teuto_): so werden wir zugeben müssen, daß hier auf echt deutschem Boden, wo deutsche Bevölkerung und Sitte sich verhältnismäßig ungeschwächt erhalten hat, auch die Namengebung eine ureigene und höchst bezeichnende ist, wie sie sich kaum in einem andern Teile Deutschlands findet.

Das ~oldenburgische~ Binnenland schließt sich an den Küstenrand an, es bietet bei entschieden niederdeutschem Gepräge (sogar -_borg_ st. burg) wieder eine Fülle ~genetivischer~ Namen, in Rastede und Westerstede noch an 50 v. H., doch nach Osten hin stark abnehmend, während der Süden (Vechta) nebst den hannöverschen Kreisen Diepholz und Hoya schon zum westfälischen Charakter überleitet.

Auch im ~östlichen Hannover~ zwischen Weser und Elbe, dem alten Ostfalen, finden sich noch bedeutende Anklänge an die westfälische Namengebung, indem die örtlichen Elemente, namentlich _brink_, _brock_, _horst_, _kamp_ noch weithin ausgestreut sind, östlich bis an die ehemalige slawische, südlich bis an die hochdeutsche Sprachgrenze.[87] Indessen sind sie doch entschieden weniger zahlreich, und die Ableitungen _brinker_, _kämper_ usw., sowie die etwas langatmigen Zusammensetzungen (auch auf _kötter_) fehlen. Dasselbe tritt bei dem Namen _Meyer_ hervor, der auch hier außerordentlich häufig erscheint, jedoch überwiegend einfach, während in Westfalen die Zusammensetzungen auf -_meyer_ vorherrschen.

So bietet diese Namengebung trotz vielfacher Verwandtschaft doch nur ein sehr abgeblaßtes Bild der westfälischen.

Dagegen gehen die Patronymika in wesentlich unverminderter Häufigkeit hindurch. Als neu treten hinzu eigentümliche Ortsbezeichnungen auf -_bostel_, -_horn_, -_sen_ (Abkürzung aus -_sheim_), z. B. _Rodenbostel_, _Ehrhorn_, _Bellersen_ (wie diese schon unter den Kreisstädten durch _Fallingbostel_, _Gifhorn_, _Wennigsen_ vertreten sind).

Als Verkleinerungsform begegnet hier zuerst häufiger _ke_ (wofür bisher das friesische _je_ und das genet. _ken_ oder _gen_), insbesondere nach dem Wendlande und der Altmark hin.

Im Kreise ~Dannenberg~ erinnern Ortsnamen wie _Lüchow_, _Liepe_ daran, daß wir nunmehr die Linie überschritten haben, welche die slawischen Eroberungen vor dem 9. Jahrhundert bezeichnet, daß wir uns in dem hannöverschen Wendlande befinden, wo (in den Ämtern Lüchow und Gartow) bis ins 18. Jahrhundert hinein wendisch gesprochen wurde und in der Volksmundart noch jetzt einzelne dem Wendischen entlehnte Ausdrücke sich erhalten haben.

Hier stoßen nun auch unter den Familiennamen wendische Formen wie _Wiebelitz_, _Glabbatz_, _Gramüsch_ auf.

Und so kommen wir zu dem Nordosten Deutschlands, dessen Charakter im allgemeinen als niederdeutsch-wendisch zu bezeichnen ist.

Nordost.

Der Nordost umfaßt die weitausgedehnten Ebenen östlich der Elbe, die seit Gründung der Nordmark in jahrhundertelangem Ringen den Slawen (Wenden) wieder abgewonnen wurden, d. h. das östliche Holstein, Mecklenburg, Brandenburg, Pommern, West- und Ostpreußen, bis zur polnischen beziehungsweise littauischen Sprachgrenze im Osten und Südosten (s. S. 71) und bis zur Grenze des Hochdeutschen im Süden.

Hier, in der Heimat Fritz Reuters, wird man auch in den Familiennamen noch den ~niederdeutschen~ Charakter ausgeprägt erwarten.

Derselbe zeigt sich in Namen wie _Schröder_ und _Schrader_, _Pieper_, _Voß_, woneben die hochdeutschen Formen (Schröter, Pfeifer, Fuchs) weit seltener vorkommen, ferner in Namen wie _Kruse_ (besonders in Holstein, Mecklenburg, Vorpommern), _Niemann_, _Grote_ (_Groth_), _Möller_, _Schütte_ u. a.,[88] ebenso in den von Ortsnamen entlehnten auf -_beck_ (st. -bach), -_husen_ (st. -hausen). Selbst der ursprüngliche niederdeutsche Name von Salzwedel: _Soltwedel_, als Ortsbezeichnung längst verhochdeutscht, hat sich noch als Familienname erhalten.

Dazu treten die Verkleinerungen auf -_ke_ (_Lüdicke_, _Lemke_, _Wilke_, _Jahnke_), welche hier so recht ihre Heimat und Geburtsstätte haben.

Doch überwiegt das Niederdeutsche hier im Osten, von Holstein und Mecklenburg abgesehen, nicht so wie im Westen. Es ist gerade in den Namen nicht mit solcher Entschiedenheit festgehalten worden; der Übergang in das Hochdeutsche ist merklich weiter vorgeschritten. Als ein auffallender Beweis bietet sich der Name Schulz, der in Westfalen meist noch _Schulte_ lautet (auch in Mecklenburg häufig _Schult_), während dies in Brandenburg und Pommern eine seltene Form ist.

Anderseits sind entschieden hochdeutsche Formen hier nicht selten, namentlich die Deminutivbildungen mit _z_ und _l_, wie _Barz_, _Kunze_, _Wetzel_, _Neitzel_, zu denen Zwitterformen wie _Neitzke_ den Übergang bilden.

Solche Namen auch in der Landbevölkerung weisen wohl darauf hin, daß die deutsche Einwanderung in diese dem Slawentum allmählich wieder abgewonnenen Gaue, wenn auch überwiegend aus Niederdeutschland, doch teilweis auch aus oberdeutschem Sprachgebiet erfolgt ist.

Patronymische Bildungen, die in Ostholstein noch beinahe 20 v. H., in Mecklenburg aber nicht mehr 10 v. H. betragen, verschwinden weiterhin fast ganz.

Von der ~schwedischen~ Herrschaft sind einige Familien, besonders in Neuvorpommern, welches bis 1815 schwedisch war, sitzen geblieben. Doch sind diese „alten Schweden“ schon sehr dünn geworden; in einem Kataster der Stadt Stralsund vom Jahre 1844 (Verzeichnis der Hauseigentümer) fanden sich nur noch acht unzweifelhaft daher stammende Namen, wie: _Sjöborg_, _Wallengreen_, _Weström_.

Nun aber ist die ~wendische~ Beimischung festzustellen. Daß in diesen Landschaften außerordentlich viel wendische Ortsbezeichnungen auch nach der Rückgermanisierung in meist wenig veränderter Form stehen geblieben sind, ist schon in der Einleitung angemerkt worden (Genaueres darüber in Beilage 3). Dies beeinflußt nun auch die Familiennamen, welche ja zum guten Teile einfach übertragene Ortsnamen sind. Unter ihnen schlagen vor die auf _ow_, demnächst die auf _in_ (betont) und _witz_, wie: _Bütow_, _Grabow_; _Leppin_, _Ladenthin_, _Pentzien_; _Bublitz_, _Gerwitz_.[89]

Neben diesen halbschlechtigen Namen, die, auf dem linken Elbufer (Altmark), auch noch in Ostholstein vereinzelt, auf dem rechten sich bis zu 10, ja in Pommern in manchen Kreisen fast bis zu 20 v. H. steigern, treten nun, zuerst in der Priegnitz, vollgültige wendische Personennamen auf, als da sind: _Noack_, _Mitzlaff_, _Petrick_, _Nimz_, _Pechek_.[90]

Doch bleiben auch hier die deutschen Namen ganz überwiegend in der Mehrheit, derart, daß, alles zusammengerechnet, die wendischen kaum irgendwo ein Drittel der gesamten Zahl erreichen.

Ihre Zahl wächst allerdings überall nach der slawischen Sprachgrenze hin, so in Brandenburg nach der Niederlausitz, in Pommern nach der Kassubei hin. In Pommern bezeichnet der Küstenfluß Lupow etwa die Grenze, hinter welcher erst das Übergewicht der slawischen Namengebung hervortritt. Wunderlich klingende Gebilde wie _Gromoll_, _Pigorsch_, _Piotraschke_, _Quardux_ beherrschen hier das Gebiet, während südöstlich, hinter Bütow, die sich vordrängenden -_ski_ an die Nähe der polnischen Sprachgrenze gemahnen.

Überspringen wir die Kassubei, so kommen wir zu dem schönen deutschen Stücke zwischen den beiden Angelpunkten Danzig und Königsberg. Hier an der nördlichen Ostmark deutschen Wesens, wo drei Sprachen: deutsch, slawisch (in Masuren), littauisch zusammentreffen, zeigt sich eine sehr bunte Mischung auch im Bereiche der Familiennamen. Die Grenze gegen diese beiden Sprachen ist im vorigen Kapitel angegeben; aber auch in den verbleibenden deutschen Teil sind häufig slawische und littauische Namen (s. Beilage 3) eingesprengt. Doch können diese weniger auffallen, als eine eigentümliche Klasse unter den deutschen Namen, nämlich die mit entschieden süddeutschem Gepräge wie: _Fischöder_, _Scharfetter_, _Rohrmoser_, _Obersperger_. Diese Namen, welche auf Österreich (und Bayern) hinweisen, sind durch die 1724 aufgenommenen Salzburger hierher verpflanzt.

b) Oberdeutschland.

Südwest.

Südlich der Linie, die von Bonn am Rhein über den Harz bis zur Nordgrenze der Niederlausitz (Lübben) geht, beginnt das oberdeutsche Gebiet. Dieses kennzeichnet sich im Bereich der Familiennamen zunächst durch den Wegfall des eigentümlich Niederdeutschen in Lautverhältnissen und Wortformen. Namentlich gilt dies auch von den Bildungselementen der Verkleinerungsformen: an Stelle des _k_ (_g_, _j_) tritt _l_ in seinen mannigfaltigen Gestaltungen (s. Seite 33) und _z_.[91]

Beginnen wir am Rhein, mit der preußischen Rheinprovinz, so handelt es sich besonders um die Regierungsbezirke ~Koblenz und Trier~.

Die genetivischen Namen, welche in dem nördlichen linksrheinischen Teile dieser Provinz überwogen (_Henrichs_, _Reichartz_, _Caspers_, _Eckes_, _Hoppen_), bilden auch hier im Nordwesten (Kr. Daun, Prüm) fast noch die Hälfte der Familiennamen, sie nehmen aber je weiter nach Osten und Süden desto mehr ab, bis sie in den Kreisen Saarbrücken und St. Wendel sowie Altenkirchen (auf dem rechten Ufer) nahezu verschwinden.

Das bisherige Verkleinerungssuffix _k_ (_Hünnekes_, _Wilkens_, _Klömpges_, _Nüßgen_, _Büschgens_) weicht den _l_ und _z_ (_Eckel_, _Thiel_ -- _Heinz_, _Lutz_), die hier zum erstenmal im Westen erscheinen.

Was die von Ortsnamen stammenden Familiennamen betrifft, so treten -_ich_ (_nich_), -_rath_, -_scheid_ zurück, besonders südlich der Mosel. Statt -_rath_ erscheint auf dem rechten Rheinufer (schon im Regierungsbezirke Köln) -_roth_ (Wilmeroth), welches bis zur Ostgrenze von Thüringen hindurchgeht.

Wichtiger aber ist, daß die Ortsnamen, um Familiennamen zu werden, nunmehr häufig die Endung -_er_ annehmen: -_bacher_, -_burger_, -_heimer_, -_inger_, z. B. _Morschbacher_, _Straßburger_, _Weinsheimer_, _Dillinger_ -- mit Umlaut: -_becher_, -_häuser_, -_thäler_: _Dörrenbecher_, _Oppenhäuser_, _Lichtenthäler_.

Die Nähe der französischen Sprachgrenze (Kr. Malmedy) verrät sich in Namen wie _Dieudonné_, _Dollibois_ u. a.[92]

Überschreiten wir den Rhein ostwärts, so finden wir in dem Nassauischen (Regb. Wiesbaden) den allgemein oberdeutschen Charakter, ohne stark hervortretende Besonderheiten. Derselbe setzt sich auch in Hessen und Thüringen fort, so daß wir diese Landschaften bis zur Saale hier zusammenfassen können.

Genetivische Namen können hier kaum noch in Betracht kommen; sie bilden schon im Nassauischen nur etwa 2 v. H. und verlieren sich weiter nach Osten so gut wie ganz. Dagegen gehen die Patronymika auf _ing_, wenn auch in geringem Hundertsatz, durch bis zur Saale.