Die Deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich

Part 7

Chapter 73,021 wordsPublic domain

Im Mittelalter dagegen führten auch die Häuser Namen, und zwar benannte der Erbauer oder Besitzer eines Hauses dasselbe entweder nach seiner alten Heimat -- so hieß das Haus, in welchem der Dichter Konrad von Würzburg (s. S. 54) in Basel wohnte, _Würzburg_, andere _zum Mailand_, _zum Venedig_ -- oder nach Tieren, Pflanzen, Geräten, namentlich nach Geräten oder Erzeugnissen eines Gewerbes oder Dingen, die mit dem Berufe des Erbauers irgendwie zusammenhingen.

Diese Häusernamen nun wurden nicht angeschrieben, sondern dem lese-unkundigen Volke zu nutz wurde der im Namen enthaltene Gegenstand angemalt oder auch in einem Holz- oder Steinbild am Hause angebracht.[71]

Reste dieser Sitte sind die noch jetzt üblichen besonderen Benennungen und Bezeichnungen der ~Gasthäuser~ und ~Apotheken~, auch der ~Logierhäuser~ in Bädern. Im übrigen haben sich nur einzelne dieser Namen und Bilder bis in die Gegenwart erhalten. So heißt in Leipzig noch jetzt ein schönes, hohes Haus auf dem Neumarkte „_die hohe Lilie_“ (Pröhle), ein Haus in Erfurt „_zum Rebstocke_“, ein anderes in Stettin „_die weiße Taube_“.

An diese Benennungen knüpfen sich häufig sagenhafte Erzählungen, welche die Veranlassung und Bedeutung derselben zu erklären suchen. Einige teilt Pröhle in seinen „Deutschen Sagen“ mit:

„Zu Erfurt sah einst ein Schäfer in seinem Garten einen Bock und ein Schaf an einem Rosenstocke stehn. Das Schäfchen aber scharrte mit seinem Fuß etwas Geld aus der Erde. Da grub der Schäfer nach und fand so viel Geld, daß er davon drei schöne Häuser bauen konnte. Er nannte aber das erste Haus „~zum güldenen Schafe~“, und es ist daran auch ein ~Schaf in Stein~ zu sehen, das andere „~zum Rosenstock~“ und das dritte „~zum schwarzen Bock~“.

Geschichtlicher sind nach allem Anscheine die Angaben über das oben erwähnte Haus „~zum Rebstock~“, welches von Otto v. Ziegler im 15. Jahrhundert erbaut worden. „Dieser reiste 1447 zum heiligen Grabe und in die 18 Königreiche. Er brachte aus dem heiligen Lande einen großen merkwürdigen Rebstock mit, und als er 1451 zu Erfurt in der Futtergasse ein schönes Haus als Stammhaus erbaute, nannte er es „~zum Rebstock~“. Oben an dem Hause standen auf steinernen Platten die Wappen der 18 Königreiche gemalt,[72] wodurch der Otto v. Ziegler gereiset. Auch ward der Rebstock, den er mitgebracht hatte, daran abgebildet und außerdem in seiner Familie aufbewahrt“ (Pröhle, Deutsche Sagen neue Ausg. S. 248 ff.).

Ähnlich über ein Haus in Würzburg in der Dominikanergasse, welches den Namen „_zum roten Hahn_“ führt: Auf das Dach desselben wurde von den Leuten des Wilh. Grumbach nach Überrumpelung der Stadt Würzburg ein roter Hahn gesetzt und das Haus angezündet. Der rote Hahn krähte (d. h. die Flamme prasselte) und flog von einem Dache zum andern. Nach seiner Wiedererbauung erhielt das Haus den Namen „zum roten Hahn“ (Pröhle a. a. O. S. 237).

Aus diesen Hausnamen und -Bildern sind nun eine Menge Familiennamen entstanden. So führt Becker aus älterer Zeit unter andern folgende an: aus Köln 1116 _zum Saphir_, 1178 _Lembechen_ (Lämmchen), 1219 _von Gürzenich_, 1256 _van me Kranen_ (vom Kranich), 1262 _van me Hane_; aus Basel: 1255 Waltherus ad Stellam, _zum Sternen_, 1262 Anselm _zer Tannen_; später _zer Sonnen_, _zer Rosen_, _zem Haupt_, _zem Tracken_ (Drachen) usw. Wie hieraus ersichtlich wurden diese Hausnamen vorzugsweis aus der Tier- und Pflanzenwelt gewählt, und daher erklärt sich zum guten Teile der Umstand, daß jetzt so manche Familiennamen nichts anderes als eben Tier- und Pflanzennamen sind. Der Hausname wurde auf den Besitzer übertragen, ursprünglich wie andere Ortsbenennungen mit einem Verhältnisworte: _von_ oder _zu_, welches später abfiel. Einen Beweis für diese Entwickelung bietet unter anderem der Familienname _Molfenter_, aus _zum Olfenter_ (Kamel), wo das _m_ von der Vorsetzsilbe noch stehen geblieben ist.

Besonders reichliche Beiträge zur Bezeichnung menschlicher Geschlechter haben unter den vierfüßigen Tieren gegeben: _Schaf_ und _Ziege_, _Rind_, _Wolf_, _Fuchs_ und _Hase_, nächstdem _Hirsch_ und _Reh_ (_Rehbein_, _Rehfuß_) -- unter den Vögeln außer dem allgemeinen _Vogel_ nebst seinen Zusammensetzungen (_Brachvogel_, _Schreivogel_) die Raubvögel: _Adler_, _Geier_, _Falk_, außerdem _Gans_ und _Hahn_. Innerhalb des Pflanzenreichs überragt die Königin der Blumen, die _Rose_, die andern auch hier, zumal in mannigfachen Zusammensetzungen (_Rosenblüt_, _Rosenstiel_, _Rosenstock_, _Rosenzweig_).

Jedoch ist wiederholt darauf hinzuweisen, daß wir uns hier auf einem sehr trügerischen Gebiete bewegen, in einer Welt, die großenteils eine Welt des Scheines ist. Wie bei den Gerätschaften und Körperteilen ist auch hier ein gut Teil anderen Ursprungs und trifft nur zufällig, oft infolge von Umdeutung und Entstellung, mit neueren Tier- und Pflanzennamen zusammen. So ist der Name _Strauß_ die regelmäßige Weiterentwickelung vom althochd. _Struz_, der Schmeichelform von _Strudolf_, _Appel_ ist Zusammenziehung und Verkürzung aus _Adalbold_, _Hering_, althochd. _Herinc_, Patronymikum von _Hero_, _Regen_ althochd. _Regino_ (s. Ragan „klug“), _Bock_ meist wohl aus _Bucco_, Kürzung von _Burkhart_. Andere bezeichnen wirklich Tiere, stammen aber meistens schon aus der ersten Periode, wie _Bär_, _Roß_, _Schwan_, oder sie gehen auf Eigenschaften (s. S. 48).

* * * * *

Hiermit schließen wir diese Übersicht. Wie uns die Personennamen unserer germanischen Altvordern das kampfdurchtobte, waffenfreudige Leben und Treiben derselben vor Augen führen, so spiegeln die dem spätern Mittelalter entsprossenen Familiennamen die bunten Erscheinungen mittelalterlichen Lebens wieder. Die Bilder der Raubritter, der „frummen“ Landsknechte, der teils gedrückten, teils übermütigen Bauern, besonders aber der ehrsamen Bürger in Werkstatt und Rat, in Singschule und Trinkstube werden durch diese Namen vor unsere Augen gezaubert.

Wenn die Geduld des freundlichen Lesers uns bis hierher gefolgt ist, so wird derselbe nunmehr wenigstens in den Grundzügen ein Bild der deutschen Familiennamen erhalten haben. Es mag dieses einem buntgewirkten Teppich gleichen, in welchem die ~altdeutschen~ und die ~kirchlichen~ Namen den Aufzug, die ~bürgerlichen~ Bezeichnungen den Einschlag bilden. Damit ist im wesentlichen die Sache abgeschlossen; was später etwa noch hinzukommt, kann den Grundcharakter der deutschen Namengebung nicht ändern, es dient nur dazu, hie und da noch einen neuen Faden in das Gewebe einzufügen, es noch ein wenig bunter zu machen.

14.

Würdigung der deutschen Familiennamen nach Gehalt und Form.

Nach ihrem innern Gehalt ist die deutsche Namengebung alles Lobes würdig.

Die Grundlage bilden die ~altdeutschen Heldennamen~ mit ihrem schönen, idealen Gepräge und in ihrer reichen Fülle, mit einer verhältnismäßig nicht bedeutenden Beimischung fremdsprachig ~kirchlicher~ Namen, von Glaubenshelden entlehnt. An diese schließt sich dann, entsprechend der gesellschaftlichen Entwickelung, in durchaus gesunder Weise eine fast ebenso große Fülle ~bürgerlicher~ Namen, hergenommen von Amt und Handwerk, von Geburts- und Wohnort. Freilich hat sich der Schwung des heroischen Zeitalters ermäßigt, der poetische Blütenstaub ist abgestreift. Dafür tritt zum Ersatz der ~Witz~, die ~scherzende und spottende Laune~ ein, die sich am glänzendsten in den ~Satznamen~ offenbart.

Ein Mangel allerdings gibt sich hier sehr bald kund: die zu häufige Wiederkehr mancher Namen, besonders der vom ~Handwerk~ entlehnten, wogegen anderseits auch ein ~Fernhalten von leerem Prunk~ anzuerkennen ist.[73]

Nicht so günstig kann das Urteil in betreff der Form ausfallen.

Hier ist vor allem zu beklagen, daß die klangvollen Namen der ersten Schicht, wie _Hildebrand_, _Rüdiger_, _Landolf_ durch spätere Verkürzungen und Verkleinerungen doch sehr gelitten haben, so daß eine Menge überkurzer, einsilbiger, klangloser Namen entstanden ist: _Eck_, _Sietz_, _Lemm_, _Thie_, _Deetz_ usw. Hierher gehören auch viele zweisilbige, insbesondere die niederdeutschen auf _ke_: _Gefke_, _Gehrke_, _Reetzke_, _Zielke_, denen die süddeutschen auf _l_ entsprechen: _Dietl_, _Atzl_, _Datzl_, _Hutzl_.

Voller tönende Namen finden sich unter den von Ortsbezeichnungen entlehnten: _Frankenstein_, _Reinthaler_, _Rudinger_ u. a. -- und diese bilden jetzt die Hauptmasse der längeren, mindestens dreisilbigen Familiennamen. Manche, viersilbige, haben sogar zuviel Gewicht und etwas Schleppendes, wie: _Albrechtsberger_, _Koberlechner_.

Außerdem fällt eine ~Härte~ in den konsonantischen Verbindungen, z. B. in _Hitzke_, _Kratzke_, _Nitzschke_, vielfach unangenehm ins Ohr.

15.

Latinisierungen.

Unter den auf S. 62 erwähnten späteren Zutaten treten hervor die Latinisierungen.

Im Ausgange des Mittelalters und besonders nach der sonst so erfreulichen Wiederbelebung der klassischen Studien im 15. und 16. Jahrhundert wurde es Sitte bei den Gelehrten und studierten Fürstendienern, auch ihre Namen in das Antike zu übersetzen. Ein Beispiel haben wir unter anderm an dem Dr. juris Olearius in Goethes Götz in der Tafelszene des ersten Aufzuges:

~Liebetraut~: Ihr seid von Frankfurt? Ich bin da wohlbekannt. -- Euer Name ist Olearius? Ich kenne so niemanden.

~Olearius~: Mein Vater hieß Ölmann. Nur den Mißstand auf dem Titel meiner lateinischen Schriften zu vermeiden, nennt’ ich mich nach dem Beispiel und auf Anraten würdiger Rechtslehrer Olearius.

~Liebetraut~: Ihr tatet wohl, daß ihr euch übersetztet. Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande; es hätt’ euch in eurer Muttersprache auch so gehen können.

~Olearius~: Es war nicht darum.

~Liebetraut~: Alle Dinge haben ein paar Ursachen.

Die Grundursache war eben die leidige Nachahmung oder vielmehr Nachäffung des Fremden. Es sollte das alte Römertum wieder erweckt und alles möglichst auf römischen Fuß gebracht werden. So wurde das heimische Recht durch das römische Corpus juris verdrängt, und auch die deutsche Muttersprache suchte man als eine barbarische, wofür sie den Gelehrten galt, möglichst zu verdrängen und auszurotten, zunächst in den gelehrten Schulen, damit die lateinische ganz an ihre Stelle träte. Man betrachtete es als einen großen Vorzug der römischen Kinder, daß sie von kleinauf Latein sprachen und mit Lateinsprechenden umgingen, und bedauerte die armen deutschen Kinder, die nicht schon von den Ammen und beim Spielen auf den Gassen lauter Latein hörten. Den Lehrern wie den Schülern war darum alles Deutschsprechen untersagt; Spielen ward unter der Bedingung erlaubt, daß auch dabei nur Latein gesprochen würde. So hoffte man die „barbarische“ Muttersprache wenigstens aus den Schulen bald auszutreiben. In diesen traurigen Anschauungen und Bestrebungen kamen der Straßburger Lehrplan des Joh. Sturm, der württembergische des Herzogs Christoph und der der Jesuiten überein. Es war eben allgemeine Zeitrichtung.

Daher darf es nun nicht wundernehmen, wenn im Kreise der Gelehrten die Namen so eifrig verlateint wurden und man sich wenigstens hierin zu Römern zu lügen suchte. Ein Lutz nannte sich _Lucius_, ein Kurz: _Curtius_, ein Köpflin: _Capito_, ein Crachenberger: _Pierius Gracchus_ -- ein Fischer übersetzte sich _Piscator_, ein Habermann: _Avenarius_ -- mit Zuhülfenahme des Griechischen ein Holzmann: _Xylander_, ein Becker: _Artopoeus_, ein Hausschein: _Oecolampadius_.

Während die vergriechten Namen, fast ausnahmslos zusammengesetzt, durch ihre Länge ins Ohr fielen, indem sie mindestens dreisilbig, oft aber vier-, fünf-, ja sechssilbig sind: erschienen die einfachen lateinischen Namen in ihrer Kürze noch zu kahl; mindestens mußte den zweisilbigen wie Sartor, Pistor noch eine Endung gleichsam als Schleppe angehängt werden, um die Würde ihrer pedantischen Träger recht zu bezeichnen, also: _Sartorius_, _Pistorius_.

In jenen Zeiten bestimmte zuweilen der unreife und phantastische Einfall eines unbärtigen Literaten auf Jahrhunderte den Familiennamen seines Geschlechtes. So war, nach Vilmar, ein gewisser Mosmann der Sohn eines Schmiedes zu Gemünden an der Wohra; da ihm aber einige lateinische Verse gelungen waren, so konnte er nicht mehr Mosmann heißen, sondern nahm den lateinischen Namen für das Gewerbe seines Vaters an: Faber. Indes das drückte doch nicht den poetischen Schwung aus, den der angehende Virgil in sich fühlte, und so nannte er sich denn _Fabronius_, welches bedeuten sollte Faber Aonius, d. i. Musenschmied, und diesen Namen behielten seine Nachkommen bei. Seine Landsleute waren _Helius Eobanus Hessus_ und _Euricius Cordus_, von denen bei ihren hochpoetisch klingenden Namen niemand mehr weiß, wie sie recht geheißen haben.

So entstanden die wunderlichsten und abenteuerlichsten Namengebilde, z. B. _Osiander_ aus Hosemann, _Chiomusus_ aus Schneesing, _Eucharius_ aus Eckhard, _Chelopoeus_ aus Kistemaker, Namen, die jetzt schwer zu enträtseln sind oder gar nicht mehr, wie _Chesnecophorus_. Auch übellautende Mißbildungen, wie _Gueinzius_, _Heineccius_, _Cocceji_[74] setzten sich fest.

Diese Latinisierungen wucherten am meisten da, wo eben die vorhin geschilderte, sog. humanistische Richtung besonders blühte, also namentlich in Sachsen, in der Pfalz, in Basel, vor allem aber am Hofe des hessischen Landgrafen Philipps des Großmütigen.

Manche kehrten von den Pistorius, Episcopius, Melissander ihrer Väter zu den Becker, Bischoff, Bienemann ihrer Großväter zurück; andere aber behielten die bunten lateinischen und griechischen Namen bei, wenn sie sich auch nicht auf der wissenschaftlichen Höhe ihrer Vorfahren behaupten konnten, und so finden wir diese Fremdnamen gegenwärtig noch überall in Deutschland.[75]

Jetzt bekommt diese Namenklasse glücklicherweise keinen Zuwachs mehr. Nur einige Stockphilologen haben es in neuerer Zeit noch nicht lassen können, Namen in dieser Weise für ihre Zwecke zu antikisieren: _Öhler_ in Olearius, _Sillig_ in Siligius. Doch gründlicher verfuhr hierin Reisig. Dieser Gelehrte, der jedesmal, wenn er glaubte eine glückliche Konjektur gemacht zu haben, dies der Welt durch Trompetenstoß von dem Boden seiner Wohnung aus verkündete, leistete auch Entsprechendes auf dem Gebiete der Antikisierung, besser gesagt, Entstellung der Namen. So verwandelte er _Wunderlich_ in Vunderilicus, _Poppo_ ganz unnötigerweise in Pomponius, _Mitscherlich_ gar in Midoscherilix, als wäre dieser Horazerklärer des 19. Jahrhunderts einer von den Keltenhäuptlingen des alten Galliens, gleich den Viridovix und Vercingetorix.

16.

Jüdische Namen.

Am spätesten haben die Juden sich dazu verstanden, Familiennamen anzunehmen; meist wurden sie erst durch die Gesetzgebung, in Österreich unter Joseph II., in Preußen durch Hardenbergs Edikt vom 11. März 1812 dazu genötigt. Sie hatten nun die Wahl und wählten, was auch am nächsten lag, zum großen Teil hebräische, alttestamentliche Namen, indem einfach die bis dahin geführten Personennamen zu Familiennamen gestempelt wurden: _Abraham_, _Jakob_, _Moses_, _Simon_; auch patronymische Ableitungen hebräischer Namen: _Jakoby_, _Jakobson_ (entsprechend dem hebräischen _ben_, welches in _Benary_ „Löwensohn“ erscheint).

Doch in der Mehrzahl wurden neuhochdeutsche Namen gewählt, zunächst Bezeichnungen von ~Eigenschaften~, natürlich guten: _Edel_, _Freundlich_, _Treu_ -- sodann ~Tier~benennungen: _Hirsch_, _Wolf_, _Adler_, meist wohl mit Rücksicht auf die Bedeutung, welche denselben im Alten Testamente beigelegt wird[76] -- jedoch mit besonderer Vorliebe ~Orts~bezeichnungen: _Cassel_, _Falkenstein_; häufig mit der Ableitungsendung _er_: _Friedländer_, _Wronker_, _Exiner_, _Meseritzer_. Diese Namen weisen großenteils nach dem Osten, nach Westpreußen und Posen.

Eigentümlich ist hierbei die Vorliebe für schönklingende Namen, Zusammensetzungen nicht nur mit ~Gold~[77] und ~Silber~ -- sondern auch mit ~Löwen~, mit ~Rosen~, ~Lilien~ und ~Veilchen~: _Löwenstamm_ und _Löwenthal_, _Rosendorf_ und _Rosenberg_, _Lilienthal_, _Veilchenfeld_ u. ähnl. Woher diese prächtig klingenden Namen, welche zu den die jüdische Namengebung beherrschenden gehören? Ist es noch ein Nachklang jenes poetischen Sinnes, der sich einst in den Dichtungen des Alten Testamentes kundgegeben, ein Stück von dem Farbenreichtum des Morgenlandes nach dem Abendlande verpflanzt? Oder ist es nur das Bestreben, wie die Ware so auch den Namen möglichst herauszuputzen, durch schönes Etikett Reklame zu machen?[78]

Dabei wird nun nicht gefragt, ob derlei Ortsbezeichnungen auch in Wirklichkeit vorkommen; diese _Lilienthal_, _Veilchenfeld_ usw. sind großenteils rein erdachte Namen, wie auch _Cohnfeld_ und _Cohnheim_, _Aronsbach_, _Lewinthal_ -- denn wo gäbe es in Deutschland Orte dieses Namens? Es gleichen diese scheinbaren Ortsnamen trügerischen Luftspiegelungen, die bei der Annäherung zerrinnen.

Hingegen treten zurück die altdeutschen Namen, die kirchlichen und, was besonders bezeichnend ist, auch die Handwerksnamen.

Im ganzen hat die jüdische Namengebung etwas Gemachtes, Künstliches, was allerdings teilweis mit der Art ihrer Entstehung zusammenhängt.

In Österreich standen zu Ende des 18. Jahrhunderts besonders die Juden Ungarns, Galiziens und der Bukowina auf einer tiefen Stufe, sie kannten das Bedürfnis nach Familiennamen gar nicht und hielten an dem alten orientalischen Brauche fest, nach welchem jeder bloß mit dem eigenen Personennamen (und dem des Vaters) benannt wurde. Rücksichten der Verwaltung, der Steuererhebung und Rechtspflege forderten Beseitigung solcher Zustände. Darum beauftragte Joseph II. seinen Hofkriegsrat, binnen zweier Jahre die nötigen Maßregeln durchzuführen. Zu dem Ende wurden nun Kommissionen von Offizieren ernannt. Ein panischer Schreck fuhr in die Juden, welche besonders vor dem Militärdienste wahre Todesangst empfanden und einen Abscheu vor den „heidnischen“ Namen hatten, die sie neben ihren „heiligen“ hebräischen tragen sollten.

Zunächst konnten die Juden ihre Familiennamen selbst wählen. Da sie sich aber vielfach hartnäckig ablehnend verhielten, so blieb den Kommissionen nichts anderes übrig, als selber ihnen Namen zu erteilen. Dabei war vorgeschrieben, solche Namen zu wählen, die möglichst große Besonderheit hätten; auch sollten die Kommissionen viele Familiengruppen bilden und wiederholte Wahl desselben Namens in ihrem Bezirk vermeiden. Außerdem spielten Soldatenwitz und Schneid, auch wohl der Ärger über mißglückte Erpressungsversuche eine große Rolle. So kamen denn wunderbare Namengebilde zum Vorschein, als da sind: _Wohlgeruch_, _Veilchenduft_, _Schöndufter_; _Armenfreund_, _Wohlthäter_, _Weisheitsborn_; _Geldschrank_, _Smaragd_; _Singmirwas_, _Küssemich_ -- _Ladstockschwinger_, _Pulverbestandtheil_, _Maschinendraht_, _Nußknacker_, _Schulklopfer_, _Reinwascher_; _Temperaturwechsel_, _Maulwurf_, _Nachtkäfer_, _Rebenwurzel_ -- _Notleider_, _Hungerleider_; _Schnapser_; _Eselskopf_, _Ochsenschwanz_, _Drachenblut_; _Stinker_, _Kanalgeruch_; _Galgenvogel_, _Galgenstrick_, _Taschengreifer_, _Hirschtödter_, _Wanzenknicker_, _Saumagen_, _Groberklotz_ u. a. m.[79]

17.

Französierungen, Polonisierungen und andere Metamorphosierungen der Neuzeit.

Die in Kap. 16 geschilderten Latinisierungen fanden eine bemerkenswerte Fortsetzung in der neuesten Zeit. Das infolge der traurigen staatlichen Verhältnisse gesunkene Nationalgefühl der Deutschen hatte schon seit dem Dreißigjährigen Kriege eine bei andern Völkern unerhörte Schwäche hervortreten lassen, die sich in Mißachtung des Heimischen und Überschätzung alles Fremden kundgab.[80] Daher in der Literatur die sklavische Nachahmung fremder Muster, in der Sprache die Überschwemmung mit fremden, namentlich französischen Wörtern. Auf einzelnen Gebieten überwunden trat diese einmal vorhandene Schwäche und Krankheit wieder in andern Symptomen hervor -- neuerdings in der Unsitte, in fremden Landen seinen deutschen Namen zu entdeutschen, zu französieren, polonisieren, madjarisieren, wie es gerade kommt.

So werden denn in Frankreich die Namen verfranzöselt:[81] ein Solger nennt sich _Saulier_, ein Nagler -- _Naguiller_, ein Witzel -- _Ficelle_, ein Kleemann -- _Clément_ und ein Vogler schämt sich seines schönen deutschen Namens, nicht Vogler mehr -- er wohnt ja in Paris -- nein, _Fouclair_! mag auch das Französisch, welches er spricht, noch recht sehr seine Abstammung aus Deutschland, vielleicht speziell aus Thüringen verraten.

Besonders ungerechtfertigt und tadelnswert ist es, wenn dergleichen in Deutschland selbst geschieht, wenn sich z. B. ein Dessauer -- _Dessoir_ nennt, um durch diesen aufgehefteten französischen Lappen seinem Namen ein vornehmeres Aussehen zu geben, oder wenn echt deutsche Namen mit französischen Accenten versehen werden: _Nägelé_, _Schultsé_ (!), _Salingré_, _Ledérer_.

Während diese Französelei sich häufig bei Schauspielern findet, veritalienern sich Sänger und Sängerinnen: der Schwabe Stiegele in _Stighelli_, die Sängerinnen Crüwell in _Cruvelli_, Röder in _Rodani_ (!) -- als ob Deutsche nicht singen könnten und alles, was gut singt, aus Italien herstammen müßte.

Wie im Westen die Namen französiert werden, so werden sie im Osten polonisiert. Ein Feldmann benamset sich klangvoller _Feldmanowski_, ein Krauthofer zunächst Krauthofski, dann aber, damit doch ja nicht eine Faser einer deutschen Kohlrübe an ihm hängen bleibe: _Krótowski_. Wird keine polnische Endung angehängt, so muß wenigstens die Schreibung eine polnische sein: _Szuman_ (Schumann), _Szrajber_ (Schreiber), _Szulc_ (Schulz).[82]

Man sollte dergleichen nicht für möglich halten, da die polnische Nation doch in geringerer Achtung steht (s. „polnische Wirtschaft“, „polnischer Reichstag“) und die deutsche sich stets überlegen gezeigt hat, und doch geschieht es. Hieraus erklärt sich zum Teil das erneute Vordringen des Slawischen in manchen östlichen Bezirken Preußens. Es wäre nicht möglich gewesen, wenn die Deutschen in polnischer Umgebung die Fahne ihrer Nationalität immer hochgehalten hätten, wenn sie nicht in jämmerlicher Schwäche ihr Deutschtum verleugnet, ja zum Teil sich den Polen im Kampfe gegen ihr Vaterland, gegen deutsche Sprache und Nationalität angeschlossen hätten. So weigerte sich ein Gutsbesitzer Arndt (!) bei Gnesen, an einer in deutscher Sprache geführten Gerichtsverhandlung teilzunehmen, weil er -- ein Pole sei. Entartete Deutsche sind vielfach gerade die Vorkämpfer der Polen und Tschechen.

In Österreich schließen sich an die Slawisierungen deutscher Namen in den slawischen Landstrichen ~Madjarisierungen~ in Ungarn. Die öffentlichen Blätter haben in neuerer Zeit häufig lange Listen österreichischer Staatsbürger gebracht, denen auf ihren Antrag Madjarisierung ihres Namens bewilligt worden. Am bekanntesten unter diesen Talmi-Madjaren ist der berühmte Reisende _Vambéry_, dessen Name nichts weiter ist als eine Verdrehung aus Bamberger. Ähnlich hat sich ein Hundsdörfer in _Hunfalvy_, ein Benkert in _Kertbeny_, ein Schedel in _Toldy_ umgewandelt, der dann als Sekretär der ungarischen Akademie der Wissenschaften im ungarischen Unterrichtsrate gegen seine Muttersprache wütete und die nichtmadjarischen Nationalitäten Knall und Fall zu Madjaren zu machen suchte.

In Amerika endlich werden die Namen anglisiert: Schmid in _Smith_, Grünbaum in _Greenbaum_.

Diese Umwandlung ist übrigens verhältnismäßig am unschuldigsten, da es mehr nur Umsetzung aus einer Mundart in die andere, aus der hochdeutschen in die angelsächsische ist. Wenn aber auf diesem Wege ein so schöner Name wie Rosenkrantz in _Rosecrans_ entstellt wird, so tritt auch hier wiederum das Widerwärtige dieser Erscheinung hervor.